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Wieder blinkte mein Handy auf. Benny streckte die Hand danach aus und drehte es um, sodass keiner von uns mehr auf das Display schauen konnte.
„Okay?“
„Das ist so der Standardspruch, den jeder sagt.“
„Ach echt? Und von wie vielen Leuten hast du den schon gehört?“
Ich wich seinem Blick aus. „Okay gut, nur von dir. Aber das ist das, was mir jeder raten würde.“
„Wenn es so offensichtlich ist, dann solltest du es vielleicht doch einmal ausprobieren.“ Seine Mundwinkel zuckten.
„Das heißt, du an meiner Stelle, würdest einfach zu ihm hingehen und ihn fragen, was das alles sollte?“
„Ich an deiner Stelle hätte das schon längst getan. Aber im Prinzip ja. Wie willst du sonst Antworten bekommen?“
„Vielleicht hat er mir ja gerade…“ Ich warf einen hoffnungsvollen Blick in Richtung meines Handys.
„Meinst du wirklich? Hätte er sich dann nicht eher schon vor einer ganzen Weile bei dir gemeldet? Zum Beispiel um dir zu sagen, dass er eine Freundin hat? Oder jemanden getroffen hat, den er interessant findet?“ Das Lächeln um Bennys Lippen wirkte traurig.
Das zarte Pflänzchen der Hoffnung sank wieder in sich zusammen. Ich spürte die Wahrheit in seinen Worten. Das zu hören war nicht schön, auf keinen Fall. Aber er war der Erste, der mir genau das sagte. Und Konstantin würde mir nicht schreiben um mir mitzuteilen, dass er wieder Single war.
„Ich will dich nicht demotivieren.“
„Bist du dir sicher? Du kannst das nämlich ziemlich gut.“
„Es ist nur die Wahrheit. Wenn du dich darauf einlässt, wirst du es irgendwann schaffen, daraus deine Kraft zu ziehen.“ Der Blick aus seinen braunen Augen war unergründlich. Eine endlose Tiefe lag in ihnen verborgen. Schnell schaute ich wieder weg. Meine Sinne spielten mir eindeutig Streiche. Mit Sicherheit der Alkohol.
„Wie meinst du das?“
„Das wirst du für dich selbst herausfinden müssen. Es sind Antworten, die du nur bei dir selbst finden kannst.“
Ich blinzelte einige Male. Kam es mir nur so vor oder machte es wirklich keinen Sinn, was er mir da erzählte? Am besten dachte ich nicht allzu viel darüber nach. „Können wir jetzt noch einmal auf deinen Rat zurückkommen?“
Leise lachte er auf. „Also war es doch keine schlechte Idee, dich mit mir auszutauschen, was?“
Ich verdrehte die Augen. „Vielleicht“, gab ich widerwillig zu. „Also. Du meinst, ich soll einfach zu ihm hingehen und ihm sagen, dass ich enttäuscht bin?“
„Das, was du empfindest oder empfunden hast, ja.“
„Und wenn er es nicht hören will? Oder ich vielleicht auch einfach gar nichts empfinde?“
„Dann weißt du, dass er das alles nicht wert ist. Und wenn er dir so egal ist, dann würden wir jetzt dieses Gespräch wahrscheinlich nicht führen. Meinst du nicht auch?“
„Das sagst du so einfach“, brummte ich und schlug meine Beine übereinander. Das Pochen in meinem Schädel nahm wieder zu. Das Gespräch gerade war nicht förderlich für meinen Allgemeinzustand. „Kann es sein, dass du dir das Leben ein bisschen zu einfach vorstellst?“
„Ich weiß, dass das Leben nicht einfach ist. Aber ich muss es mir auch nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist, oder?“
Ich schüttelte langsam den Kopf. Mein Schädel brummte noch mehr als zuvor. Das war wirklich das Letzte, was ich von diesem Nachmittag erwartet hätte und ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
„Geht es dir jetzt ein wenig besser, Joanna?“, fragte Benny einfühlsam.
„Was heißt schon besser? Die ganze Situation ist einfach… Und… sag einfach Jo zu mir, ja? Das tut jeder.“
„Okay, Jo“, er betonte den Kosenamen noch einmal extra. „Dann war es ja nicht durchweg schlecht, dass wir geredet haben.“ Er lächelte. Und es war eines dieser Lächeln, die bis zu seinen Augen reichten. War es wieder nur ein Streich meiner Wahrnehmung oder funkelten sie noch ein wenig mehr als zuvor? „Das heißt, wir können jetzt mit Mathe anfangen? Ich würde die Klausur wirklich gerne bestehen.“
„Oh keine Sorge, was Mathe angeht kann ich dir einiges beibringen.“ Ein plötzlicher Motivationsschub überkam mich. „Also, was war nochmal euer Thema?“
Die nächsten Stunden vergingen wie im Flug. Benny lernte schnell und mir machte es mehr Spaß als erwartet. Was aber mehr an Bennys Anwesenheit lag. Er bemühte sich und gab sich wirklich Mühe und war sich nicht zu schade, den einen oder anderen Witz auf seine Kosten zu machen, der uns beide zum Lachen brachte. Meine Kopfschmerzen rückten bald in den Hintergrund und ich nahm sie irgendwann kaum mehr wahr.
Die Sonne war schon untergegangen, als ich das Haus der Winters verließ und langsam meinen kurzen Heimweg antrat. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zugezogen, kehrte die Beklemmung wieder zurück. Wie ein Ring legte sie sich um meine Brust und zog sich immer weiter zu. Ich sollte Konstantin einfach die Wahrheit sagen. Aber wie würde er reagieren? War es das überhaupt wert? Ich war ja nicht verknallt in ihn und was hatte ich mir eigentlich davon erhofft? Mit ihm würde ich vor meinen Freunden und in der Uni gut dastehen. Jeder hätte von unserer Liaison mitbekommen sollen. Mehr nicht. Ich wollte keine Beziehung.
Mit einem Seufzen zog ich mein Handy aus meiner Tasche. In den letzten Stunden hatte ich kein einziges Mal mehr darauf geschaut. Und jetzt kribbelte es in meiner Magengegend, wenn ich nur daran dachte, dass ich noch die ungelesenen Nachrichten von ihm hatte.
Ich scrollte durch die Vorschau der Nachrichten. Es gab viel Neues in der Gruppe mit meinen Kommilitonen. Milena hatte mir darüber hinaus noch ein paar Mal geschrieben, ob alles in Ordnung sei, da ich mich so lange nicht gemeldet hätte.
Und dann waren sie da. Meine Schritte wurden immer langsamer. Ich blieb stehen und starrte auf den Bildschirm zwischen meinen Fingern. Mir wurde kalt. Ich spürte meine Fingerkuppen kaum noch. Es waren zwei Nachrichten, die Konstantin mir geschickt hatte.
Die erste war kurz und nichtssagend. Einfach nur: „Hey.“
Und dann kam die zweite, die alles nur noch schlimmer machte.
Kapitel 5 – Heute
Ich war schon lange nicht mehr hier gewesen. Ob sie wohl noch immer im gleichen Zimmer lag? Würde ich es finden? Ich wollte es nicht ausprobieren.
Meine Hände lagen reglos in meinem Schoß. Mein Blick war starr auf die Wand gerichtet. Das Bild dort hing ein wenig schief. War es noch niemandem vorher aufgefallen? Ich wollte es gerne zurechtrücken, aber mir fehlte die Kraft um aufzustehen.
Julia neben mir schluchzte unablässig. Ich wünschte mir, ich könnte auch solche Emotionen zeigen wie sie. Selbst Marianna zu meiner anderen Seite hatte zu Weinen begonnen. Still und lautlos ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Wir konnten alle nicht mehr stark sein. Wir konnten nur hier sitzen und warten, bis endlich der Arzt zu uns kam und uns sagte, wie es aussah. Selbst Markus, sein Trainer, der sonst immer so streng und kontrolliert war, saß zusammengesunken da und fixierte einen Punkt auf dem Boden, den nur er sehen konnte.
Er hatte kaum ein Wort zu uns gesagt. Nur, dass es gut sei, dass wir da wären. Ob er so etwas schon einmal erlebt hatte? Oder war es für ihn auch das erste Mal? So wie es für uns alle das erste Mal sein sollte.
Marianna und Julia hatten nichts von Markus wissen wollen. Vielleicht wussten sie schon mehr als ich. Ich kam mir vor wie eine Außenseiterin. Ein Eindringling in diese Familie. Ich wollte auch Bescheid wissen. Ich wollte wissen, was passiert war. Aber ich brachte kein Wort heraus. Ich konnte nur hier sitzen und abwarten. Mein ganzer Körper fühlte sich taub an. Ich fragte mich, ob er überhaupt zu mir gehörte. War das überhaupt noch ich?
„Frau Winter?“
Marianna neben mir schreckte auf. Ich reagierte langsamer, fast träge. Mein Körper fühlte sich schwer und unendlich müde an. Eine junge Frau kam auf uns zu. Sie sah so aus, wie ich mich fühlte. Müde und erschöpft. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Sie trug einen weißen Arztkittel, darunter blaue Krankenhauskleidung. Auf einem kleinen Schild stand etwas geschrieben. Ich konnte es nicht lesen.
„Ja?“ Mariannas Stimme war erstickt und leise. Sie war kaum zu hören.
„Ich bin Dr. Bauer, ich gehöre zu dem Team, das für Ihren Sohn verantwortlich ist.“ Sie reichte Marianna die Hand. Ich sah nicht, ob Marianna sie auch ergriff. War es überhaupt noch wichtig? „Würden Sie bitte mitkommen? Ich möchte mit Ihnen über Ihren Sohn sprechen.“
„Was ist mit ihm? Was ist mit meinem Benny? Bitte, sagen Sie mir, was mit ihm passiert ist.“
Julias Schluchzen neben mir wurde für den Moment leiser. Selbst Markus fixierte jetzt mit leerem Blick die junge Ärztin.
„Das kann ich Ihnen hier nicht sagen. Die Vorschriften besagen, dass…“
„Die Vorschriften sind mir egal!“, schrie Marianna. „Wir wollen alle wissen, wie es ihm geht und nicht, was die Vorschriften in Ihrem Krankenhaus sind. Wir alle lieben ihn und wollen nur wissen, was passiert ist und wann wir ihn sehen können.“
„Was passiert ist, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Es war ein Reitunfall, mehr wissen wir nicht. Er ist mit schwersten Verletzungen bei uns eingeliefert worden. Er wird noch immer notoperiert und im Moment können wir keine Prognose abgeben.“
„Oh Gott.“ Marianna schlug sich die Hand vor den Mund. Ein lautes Schluchzen entfuhr ihr. Ihr ganzer Körper zitterte. Die Worte konnten nicht zu mir durchdringen. Ich hörte die Stimmen wie durch eine dicke Watteschicht. Dumpf. Sie konnten mich nicht berühren. Als würden sie mich nichts angehen. Es war, als würde ich nicht dazugehören.
„Was… was heißt das jetzt genau?“, fragte Marianna zitternd und mit bebender Stimme.
„Er hat von dem Sturz einige Knochenbrüche erlitten, die wir alle problemlos versorgen konnten.“ Ein leises Ausatmen entfuhr Marianna. „Aber uns machen die inneren Verletzungen sowie die Kopfverletzung viel mehr Sorgen. Derzeit ist unser Neurochirurg dabei, Ihren Sohn zu operieren und die Hirnblutung zu stoppen und zu versorgen. Allem Anschein nach muss er großes Glück gehabt haben, dass das Pferd ihm den Brustkorb nicht zerquetscht hat.“
„Was… Was hat er denn alles? Was ist meinem Jungen alles passiert?“
„Sein rechter Unterarm ist gebrochen, eine Prellung der rechten Hüfte und einen Trümmerbruch der linken Kniescheibe und des linken Wadenbeins. Dazu dann noch die Kopfverletzungen. Der Helm hat ihn vor noch schlimmeren Verletzungen bewahrt.“ Die Ärztin zählte die Fakten ganz sachlich auf. Nicht der Hauch einer Emotion schwang in ihrer Stimme mit. Für sie war es wahrscheinlich etwas Alltägliches. Wie konnte so etwas nur normal werden?
Keiner wusste so recht, was er darauf erwidern sollte. Was konnte man schon sagen bei einer solchen Horrornachricht?
Ich schluckte. Ich wollte irgendetwas tun oder sagen, dass den anderen helfen würde. Aber im Moment konnte ich mir nicht einmal selbst helfen.
„Cookie ist ihm auf das Bein gestiegen“, sagte Markus leise. „Nach dem Sturz. Benny war unten. Cookie hat sich gefangen und ist dann durchgedreht. Er ist einfach…“
„Wie ist es passiert?“, fragte Marianna tonlos. Sie schaute Markus nicht einmal direkt an. „Was hat dieses dumme Vieh angestellt, dass es meinem Sohn jetzt so schlecht geht?“
„Cookie trifft keine Schuld. Er hat…“
„Wäre er nie auf dieses verdammte Pferd gestiegen, wäre alles noch in Ordnung. Ich hätte es meinem Sohn nie erlauben dürfen. Er wusste, wie gefährlich das alles ist. Und trotzdem ist er jeden Tag dorthin gefahren. Mein Mann hatte jeden Tag recht, wenn er sagte, dass wir es ihm verbieten sollten. Ich habe mich immer für ihn eingesetzt, weil er es doch so liebte, sich um die Tiere zu kümmern. Und wo hat ihn das jetzt hingebracht? Hätte mir das vorher nicht irgendjemand sagen können?“, schrie Marianna und sprang auf. Ihr ganzer Körper bebte und zitterte. Es war die pure Verzweiflung, die aus ihr sprach. „Also Markus, sag uns jetzt endlich, wie dieses Vieh es geschafft hat, dass mein Sohn halb tot ist.“
„Er ist noch am Leben, Frau Winter. Er ist tapfer und kämpft.“ Dr. Bauer war ebenfalls aufgestanden. Beruhigend legte sie Marianna die Hand auf die Schulter.
„Noch. Aber sie können mir nicht sagen, wie lange noch oder ob er überhaupt wieder so sein wird wie früher. Oder können Sie das etwa? Hm, können Sie mir das versprechen?“
„Ich würde es sehr gerne, Frau Winter, glauben Sie mir. Aber es gibt Dinge, auf die wir keinen Einfluss mehr haben. Wir tun unser Bestes, damit…“
„Das sollten Sie auch! Gehen Sie gefälligst und schauen Sie, dass mein Kind bald wieder auf die Beine kommt. Er ist doch noch so jung. Er hat doch noch alles vor sich. Mein Kind. Mein armes Kind“, schluchzte Marianna und ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken, das Gesicht in den Händen vergraben.
Julia und Markus gingen schnell zu ihr, strichen ihr beruhigend mit den Händen über den Rücken und redeten auf sie ein. Ihre Stimmen verschwammen zu einem monotonen Hintergrundgeräusch, das mein Bewusstsein ausblendete.
Ich wäre auch gerne für sie da gewesen. Aber ich konnte nicht. Ich konnte nichts fühlen. Ich konnte mich nicht bewegen. Mein Körper war nur eine leere Hülle. Er saß da und bekam alles mit, was um ihn herum passierte. Er hörte die Worte der anderen und nahm wahr, was geschah, während meine Gedanken, mein Geist, unendlich weit entfernt waren. Mit jeder Sekunde, mit jedem Atemzug, der verging, hatte ich das Gefühl, dass ich selbst immer schwächer wurde. Es war die ganze Umgebung hier, das Krankenhaus, das mir meine Energie raubte. Schon wieder war ich hier. Und ein weiteres Mal wusste ich nicht, wie es weitergehen würde.
Was würde mir dieses Mal noch bleiben, für das es sich zu leben lohnte?
Hatte ich jetzt überhaupt noch einen Grund, hier zu sein?
Kapitel 6 – Januar 2019
Mein Geburtstag.
Weihnachten.
Silvester.
Und jetzt Neujahr.
Ich lag auf die Seite gedreht da und starrte gegen die weiße Wand. Ich hatte nicht einmal einen Kater von der letzten Nacht. Nicht einmal das kleinste Anzeichen von Kopfschmerzen oder Übelkeit. Es war beinahe enttäuschend. Da war nur weiterhin dieses dumpfe Gefühl in meiner Brust und meiner Magengegend, das ich versuchte zu unterdrücken.
Ich konnte die Tage an einer Hand abzählen an denen ich in den vergangenen zwei Wochen nüchtern geblieben war. Der Alkohol half mir dabei, weniger nachzudenken. Die Gegenwart wurde immer verschwommener und dadurch erträglich. Wie es sich für eine beste Freundin gehörte, stand Milena mir bei. Sie ließ mich nicht allein und sorgte für Ablenkung. Sie war selbst traurig, wenn auch aus einem anderen Grund als ich. Die Modelagentur hatte sie abgelehnt, wodurch sie abwechselnd traurig und frustriert war, nur, um danach wieder traurig zu werden.
Ich verstand sie. Ablehnung war einfach beschissen. Ein weiterer Punkt, der uns näher zusammenbrachte. Seither hatten wir jeden Abend gemeinsam verbracht. Keine von uns beiden hätte es ertragen allein zu sein. Wir wollten uns nicht mit dem Gefühl der Ablehnung beschäftigen oder damit, was das zu bedeuten hatte.
Vielleicht hatte ich auch deshalb nicht auf Konstantins Nachricht geantwortet. Mein Ego wollte nichts mehr von ihm wissen. Und er hatte mir auch nicht wieder geschrieben. Das Kapitel schien damit abgeschlossen zu sein.
Der Typ neben mir im Bett bewegte sich und gab einen lauten Seufzer von sich. Ich blieb einfach so liegen, wie ich war und regte mich nicht. Milena und ich hatten uns gestern Abend zwei Kerle gesucht, die wir um Mitternacht küssen konnten. Wir waren jung und schön, es wäre eine Verschwendung gewesen, allein zu bleiben. Im Anschluss waren wir noch mit ihnen nach Hause gegangen, was so eigentlich nicht geplant war. Und er war auch nicht schlecht gewesen, das auf keinen Fall. Ich würde es jederzeit wieder tun, aber ich wusste auch, dass es eine einmalige Sache gewesen war. Ich hatte nicht die Absicht, ihn je wieder zu sehen. Er war nur eine Ablenkung für mich. Mehr nicht.
Leise schlug ich die Decke zurück und stand auf. Mit einem kurzen Blick zurück vergewisserte ich mich, dass er mich nicht gehört hatte. Er war mir nicht weiter wichtig. Niemand war das.
Außer Konstantin. Aber von dem hatte ich nichts mehr gehört. Er war auch nicht auf unserer Party gewesen gestern. Vielleicht besser so. Das würde es leichter machen, ihn zu vergessen. Oder zu verdrängen, dass er mich nicht wollte.
Der Stoff meines schwarzen Kleides, das über und über mit funkelnden und glitzernden Steinen besetzt war, raschelte leise, als ich es über meinen Kopf zog. Meinen BH steckte ich in meine Tasche. Später hatte ich noch genug Zeit um mich richtig anzuziehen. Jetzt wollte ich nur noch weg und nicht riskieren, dass der Typ noch aufwachte.
Einen kurzen, letzten Blick warf ich noch über die Schulter zurück zu dem rotblonden Kerl, der wieder leise schnarchte, und schloss dann die Tür hinter mir. Keine zwei Minuten später war ich auch schon ganz aus der Wohnung draußen und stand auf der Straße. Trotz der strahlenden Sonne waren die Temperaturen eisig kalt an diesem Neujahrsmorgen. Ich schlang meinen Mantel etwas fester um mich und ging die Straße entlang.
Am Straßenrand konnte ich die Überreste des Feuerwerks und der Feiern sehen. Umgestoßene Flaschen. Leere Plastikverkleidungen. Stöcke, die einmal zu Raketen gehört hatten. Ich versuchte mich an das Feuerwerk zu erinnern, doch es waren nur noch ein paar lose Fetzen von Lichtern und Wunderkerzen in meinem Gedächtnis. Viel war auf jeden Fall nicht mehr übrig. Der Kerl und ich hatten doch ziemlich heftig rumgknutscht. Jetzt war ich nur eine weitere Kerbe in seinem Bettpfosten. Und er in meinem.
Hatte ich je mehr gewollt als das?
Wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann war die Antwort eindeutig. Ja. Und zwar von Konstantin. Der Schmerz, der meine Brust durchfuhr, ließ mich zusammenzucken. Ich hatte es mir lange selbst nicht eingestanden. Es war einfacher für mich wenn ich mir einredete, dass ich ihn nur haben wollte, weil er so unglaublich heiß und sexy war.
Die Erkenntnis war kurz nach dem Gespräch mit Benny gekommen. Ich hatte mehr gewollt. Ich war ein wenig in ihn verknallt gewesen. Keiner wusste davon. Nicht einmal Milena hatte ich es gesagt. Zum Glück war sie nicht aufmerksam genug, um es zu erkennen.
Der Schmerz in meiner Brust raubte mir für einige Sekunden den Atem. Alles fühlte sich eng an. Mein ganzer Körper krampfte sich zusammen. Ich bekam keine Luft mehr. Das Gewicht auf meiner Brust schien mich zu ersticken. Meine Finger gruben sich tief in meine Handflächen.
Es dauerte länger als nur ein paar Sekunden, bis sich meine Atmung wieder einigermaßen beruhigte und ich wieder weitergehen konnte. Diese Art von Attacken hatte ich lange genug durchgemacht. Das war nicht das erste Mal heute. Ich hätte nur nicht zulassen dürfen, dass Konstantin mir in irgendeiner Weise so nahe ging. Warum hatte ich es nicht besser gewusst?
Ein erleichtertes Seufzen entfuhr mir, als ich einige Minuten später in eine der Parallelstraßen einbog. Gleich war ich Zuhause. Mir war kalt und ich wurde langsam hungrig. Wir hatten gestern deutlich mehr Zeit mit Trinken als mit Essen verbracht und ich gehörte nicht zu den Frauen, denen ein Salat am Tag reichte.
„Jo!“, rief jemand hinter mir.
Überrascht drehte ich mich um. „Benny? Wo kommst du denn her?“
„Von dort drin. Ich wohne da. Du warst vor zwei Wochen sogar mal da.“ Lachend blieb er stehen und stemmte die Hände in die Hüften. Seine Wangen waren gerötet und seine Augen strahlten. „Ein frohes neues Jahr.“
„Danke. Das wünsche ich dir auch.“ Etwas verwirrt lächelte ich. Sollte ich ihn jetzt umarmen? Oder die Hand geben? Oder sonst irgendetwas? Es war zu früh für solche Begegnungen. „Habt ihr schön gefeiert?“
„Ja. Gemütlich zuhause eben. Mein Vater war mal da, das war ganz schön. Und du? Gut siehst du auf jeden Fall aus.“ Mir entging nicht, dass sein Blick kurz über mein Kleid glitt.
„Äh, danke“, erwiderte ich und zog meinen Mantel wieder vor mir zusammen. Ich hatte keine Ahnung, ob er durch das Kleid sehen konnte, wie kalt mir war und ich wollte es defintiv nicht darauf anlegen. „Und ja, wir haben bei einer Freundin von mir hier in der Nähe gefeiert.“
„Oh schön. Das ist schön, ja.“ Etwas unbeholfen schob er die Hände in die Taschen seiner dicken Jacke.
„Ja, es hat wirklich… Spaß gemacht.“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Die Situation war komisch. Er wusste mehr aus meinem Leben als gut für ihn war. Und wir hatten uns seit dieser einen Nachhilfestunde nicht mehr gesehen. Vor Weihnachten hatte es sich dann nicht mehr ergeben. „Also, Freitag steht dann noch? 15 Uhr?“
„Ah genau, deshalb wollte ich dich abfangen.“ Verlegen grinsend fuhr er sich durch die Haare. „Ich muss an dem Wochenende weg. Ich hab eine… Veranstaltung. Könntest du auch schon am Mittwoch?“
„Nur abends. Ich bin recht lange Uni.“
„19 Uhr?“
Ich zögerte kurz. Es war mir nicht besonders recht, meinen freien Abend woanders zu verbringen als bei Milena oder meinen anderen Freundinnen. Andererseits war es das letzte Mal mit ihm ja auch nicht allzu übel gewesen. Und mein Vater hatte sich deutlich beruhigt seit der ersten Nachhilfestunde und war mir nicht mehr allzu sehr aauf die Nerven gegangen.
„Du musst nicht“, ruderte er sofort zurück. „Wenn es dir nicht passt können wir auch…“
„Nein, schon in Ordnung, Mittwoch 19 Uhr passt“, erwiderte ich schnell. Noch im gleichen Moment ärgerte ich mich darüber. Ich hätte nicht zusagen sollen.
„Benny! Kommst du? Wir wollen los!“, rief ein junges Mädchen ihm von ein paar Metern weiter hinten zu. Sie stand an einer offenen Autotür und hatte die Arme vor der Brust verschränkt.
„Also, ich muss dann…“ Er deutete in ihre Richtung.
„Ja, klar. Kein Stress. Wir sehen uns dann am Mittwoch.“ Ich lächelte. Bennys Grinsen wurde breiter. Er schien wirklich immer gut drauf zu sein.
„Super. Ich freu mich drauf. Bis dann.“ Und mit einem letzten Blick in meine Richtung drehte er sich um. Wahrscheinlich noch immer breit grinsend.
Mein Lächeln verging in der Sekunde, als er mir den Rücken zudrehte. Warum musste alle Welt in einer glücklichen Beziehung und total verknallt sein? Warum konnte das bei mir und Konstantin nicht einfach genauso sein? War das wirklich so schwierig? Alle anderen schienen das doch auch hinzubekommen.
Gott, das Leben konnte wirklich unfair sein.
Langsam drehte ich mich wieder um. Ich hörte noch das Auto starten und in die andere Richtung davonfahren. Ich war allein auf meinem Weg nach Hause.
Wo mich niemand erwarten würde.
Kein Konstantin.
Nur eine gähnende Leere.
„Heute Abend bei mir. Meine Eltern sind nicht da. Mädelsabend. Seid ihr dabei?“, flüsterte Valentina Milena und mir zu.
„Klar doch. Was sollen wir mitbringen?“ Milena war vor Euphorie etwas zu laut gewesen, was ihr einen tadelnden Blick des Dozenten einbrachte. Es war eine der kleineren Vorlesungen mit nur knapp dreißig Studenten. Hier fiel jedes Wort auf, das zu viel gesprochen wurde.
„Ich kann nicht“, kritzelte ich daher auf den Rand meines Blockes.
„Was?“, entfuhr es Milena laut.
„Frau Groß, ich bitte Sie“, ermahnte der Dozent sie vorwurfsvoll.
„Verzeihung“, nuschelte sie und sank in ihrem Stuhl zurück. Der verständnislose Blick in meine Richtung blieb aber.
„Nachhilfe“, schrieb ich schnell auf eine andere Ecke.
Ohne groß zu warten schnappte sich Valentina den Bleistift aus meiner Hand und schrieb zwei Worte: „Verschieb es.“
Ich schüttelte nur den Kopf.
Sie hob ansatzweise die Arme in die Luft, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Sie brauchte es nicht auszusprechen oder aufzuschreiben. Ich kannte ihre Gedanken. Was soll das? Ist das dein Ernst? Du hast sonst noch nie eine Verabredung ausgelassen!
„Amelie kommt auch“, schrieb Valentina in ihrer sauberen, schnörkellosen Schrift weiter. Vielsagend hob sie eine Augenbraue. Natürlich wusste sie, dass ich auf Konstantin stand. Es wusste einfach jeder.
Ich runzelte die Stirn. Jetzt war ich an der Reihe mich zu fragen, was das sollte. Ein fester Knoten bildete sich in meiner Magengegend. Sie gehörte nicht dazu. Und wenn es nach mir ging würde sie das auch nie. Ich wollte nicht daran erinnert werden, was ich nicht hatte.




