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Valentina hatte wieder zu schreiben begonnen. „Wollen sie ein bisschen ausquetschen. Willst du nicht wissen, wie ernst das ist mit denen? Wahrscheinlich sagt sie, dass es schon fast wieder vorbei ist.“
Ich zögerte nur kurz, nachdem ich ihre Worte gelesen hatte, bevor ich mir meinen Stift wieder aus ihrer Hand nahm. „Ich beeile mich.“
Zufrieden lächelnd lehnte Valentina sich zurück und zwinkerte Milena vielsagend zu, die nur kurz den Daumen unter dem Tisch reckte.
Mit einem leisen Seufzen ließ ich mich in meinem Stuhl zurücksinken. Das ungute Gefühl in meiner Magengegend wollte nicht verschwinden.
Und das änderte sich auch bis zum Abend nicht. Stattdessen schien der Knoten immer größer zu werden. Mir war fast schlecht, als ich vor der Haustür der Winters stand und darauf wartete, dass mir endlich jemand aufmachte. Es war verdammt kalt hier draußen. Und ich wollte weiter zu Valentinas Mädelsabend. Valentina hatte den Start unserer kleinen Privatparty extra meinetwegen etwas nach hinten verschoben auf zwanzig Uhr. Es war nur eine Stunde später und ich befürchtete, dass ich auch das nicht schaffen würde. Das letzte Mal war ich auch viel länger als gedacht bei den Winters geblieben. Egal, dieses Mal würde ich mich beeilen. Vorausgesetzt natürlich, irgendjemand würde mir endlich aufmachen. Ungeduldig stieß ich die Luft aus.
„Oh hi“, begrüßte ich lächelnd die zierliche Blondine, die mir die Tür öffnete. Sie war das Mädchen vom Neujahrsmorgen, das auf Benny gewartet hatte. Sie war süß und entsprach genau dem Bild, wie ich mir Bennys Freundin vorgestellt hatte. Zierlich, brav und zum Anbeißen süß.
„Hey. Du bist Jo, richtig? Komm rein.“
„Ja, genau. Hi, freut mich.“ Ich streckte ihr kurz die Hand hin, die sie sogleich ergriff.
„Ariane. Benny ist noch oben. Ich schicke ihn zu dir runter.“
„Das wäre super“, murmelte ich, während sie schon die Treppe hinaufging. Wie beim letzten Mal hängte ich meine Jacke über einen Bügel und stellte meine Schuhe ordentlich zu allen anderen dazu. Von oben hörte ich Benny und Ariane kurz reden.
„Benny, Jo ist da.“
Eine Türe öffnete sich. Dann Bennys Stimme: „Danke, du hast was gut bei mir.“
Und keine Minute später stand Benny vor mir. Die Wangen leicht gerötet, die Haare wie auch schon das letzte Mal ein wenig zerzaust und, wie immer, mit einem Funkeln in den Augen. „Hey Jo.“ Etwas unschlüssig stand er da. Ich ebenfalls. Es war etwas merkwürdig. Gerade eben hatte ich seine Freundin kennengelernt. Sollte ich ihn darauf ansprechen?
„Hi.“ Ich entschied mich dazu, einfach zu lächeln und meine Handtasche wieder zu schultern. „Also, wollen wir?“
„Wow, auf einmal so voller Tatendrang?“, neckte er mich und zwinkerte mir zu. „Das ist überraschend. Komm, lass uns wieder ins Wohnzimmer gehen. Mum kommt erst spät nach Hause, da haben wir dann unsere Ruhe.“
„Ist es für deine Freundin überhaupt in Ordnung, wenn ich dich ihr ausspanne?“, fragte ich nicht ohne Hintergedanken. Womöglich würde ich es dann doch noch pünktlich auf den Mädelsabend schaffen, wenn er lieber bei ihr sein wollte. Würde ich an seiner Stelle zumindest so machen.
„Welche Freundin meinst du?“
„Die hübsche Blonde, die mir gerade die Tür aufgemacht hat. Ariane. Sie hat doch auch an Neujahr auf dich gewartet.“ Gelassen zog ich meine eigenen Bücher aus meiner Handtasche heraus und legte sie auf den Tisch.
Benny fing laut an zu lachen. Seine Augen sprühten geradezu vor Lebensfreude. „Ariane“, begann er noch immer breit grinsend, „ist meine Schwester.“
„Oh, echt? Du hast eine Schwester?“ Verdutzt hielt ich inne. Damit hatte ich nicht gerechnet. Es war viel zu offensichtlich gewesen. Und es machte mir einen dicken Strich durch die Rechnung. Verdammt. Ich wollte doch Amelie ein bisschen ausspionieren und ausquetschen und nicht erst dazukommen, wenn die ganzen interessanten Themen schon durch waren.
„Ja, das soll vorkommen.“ Seine Lippen zuckten noch immer amüsiert. „Gott, bitte nicht. Meine Schwester als meine Freundin…“ Er schüttelte sich und musste schon wieder anfangen zu lachen.
Ich rollte mit den Augen. „Ist schon gut. Können wir bitte vergessen, dass ich das gesagt habe und einfach anfangen?“
„Tut mir leid, das war nicht so gemeint“, ruderte er zurück. Der Blick aus seinen großen, braunen Augen war so unschuldig, dass ich ihm einfach nicht böse sein konnte.
„Schon gut. Können wir anfangen?“, wiederholte ich ungeduldig. Mein Blick wanderte zu der Uhr über dem Esstisch. Schon zehn nach sieben. Verdammt, so würde das nichts mehr werden heute. „Wie lief deine Klausur?“
„Soweit ganz in Ordnung, denke ich. Also ich habe bestanden, das ist das Wichtigste. Aber das ist durchaus noch ausbaufähig.“ Er verzog etwas das Gesicht. „Die Aufgaben waren wirklich gemein.“
„Ach, daran arbeiten wir noch. Wann ist die nächste?“
„Zum Glück dauert das noch eine Weile. Mathe dürfte erst wieder Anfang des nächsten Halbjahres im März dran sein. Wie war dein Gespräch mit dem Kerl?“
„Mein… was?“ Ich stockte. Das kam unerwartet. Und es war kein Thema, über das ich sprechen wollte. Er wusste genug. Mehr als genug und ich hatte nicht das Bedürfnis, noch mehr darüber zu reden.
„Der Typ, von dem du das letzte Mal erzählt hast. Du wolltest doch mit ihm reden. Und mach dir keine Sorgen wegen Ariane, die würde uns nie belauschen. Sie ist froh, wenn sie ihre Ruhe hat. Also? Wie ist es gelaufen?“
„Ich dachte ich bin hier, damit ich dir etwas über Mathe erzähle?“
„Hast du doch das letzte Mal auch nicht die ganze Zeit, was auch nicht schlimm war. Ich rede gerne mit dir. Außerdem will ich doch wissen, ob meine Tipps hilfreich waren. Anfangs warst du ja ziemlich skeptisch.“ Er blinzelte mir vielsagend zu. „Oder hast du etwa nicht mit ihm gesprochen?“
„Lass uns doch lieber mit Mathe anfangen“, versuchte ich wenig elegant das Thema zu wechseln. Meine Finger zitterten auf einmal und mein Herz pochte eine Spur zu schnell. Nein, ich wollte definitiv nicht darüber reden.
„Warum hast du es nicht getan?“
„Ich habe nicht unendlich viel Zeit.“ Wütend funkelte ich ihn an. Konnte er nicht verstehen, dass ich darüber nicht sprechen wollte? Warum interessierte es ihn überhaupt? Es ging ihn nichts an. „Ich bin nicht hier, damit wir über mein Leben reden, sondern damit ich deinen Hintern rette, oder?“
„Das stimmt. Und trotzdem darfst du mir immer gerne davon erzählen.“
„Hatten wir das nicht schon? Dass ich auch noch andere Freunde habe, mit denen ich darüber reden kann?“ Eine gewisse Gereiztheit schwang in meiner Stimme mit. Mein Blick wanderte wieder zu der Uhr an der Wand. Die Uhr tickte wortwörtlich. Ich wollte weiter.
„Ich habe nie gesagt, dass du keine Freunde hast. Ob sie dir zuhören weiß ich natürlich nicht.“ Seine Stimme blieb ruhig.
Es war ansteckend. Ich zögerte und ließ im Bruchteil einer Sekunde die letzten Wochen Revue passieren. Nur einen kurzen Moment lang zweifelte ich an meiner Freundschaft zu Milena, Valentina und allen anderen. Nur eine Sekunde und doch war es eine Sekunde zu lange. Er hatte nicht das Recht dazu, so etwas zu sagen.
„Du musst natürlich nicht mit mir darüber sprechen, wenn du nicht möchtest. Ich biete es dir an, mehr nicht. Manche meinen, dass ich sogar ganz gut zuhören kann.“
„Warum tust du das?“ Meine Wut verpuffte mit einem Schlag. Ich konnte nicht einmal sagen ob es an seinen Worten oder an seiner ruhigen Ausstrahlung lag. Was es auch war, es war ansteckend.
„Was genau meinst du?“
„Na das alles. Du willst dich mit mir über mein Leben unterhalten, obwohl wir uns kaum kennen und willst mir bei meinen Problemen weiterhelfen. Das tut sonst niemand.“ Ich biss mir auf die Lippe. Ich hatte ihm nicht Recht geben wollen in seiner Vermutung.
Ein sanftes Lächeln lag auf seinen Lippen. „Es sollte selbstverständlich sein, findest du nicht auch? Ich finde es so wichtig, mir Zeit für die Menschen um mich herum zu nehmen. Wir rennen doch geradezu durch unser Leben.“
„Findest du echt, dass das niemand mehr macht?“
„Wenn es so wäre, würden wir dann hier sitzen und diese Unterhaltung führen? Oder was glaubst du?“ Er zuckte mit den Schultern und rückte ein Stück an den Tisch heran. „Naja, dann lass uns anfangen. Ich habe das Gefühl, dass du schnell weiter willst und dich nicht unnötig lange mit mir unterhalten möchtest. Keine Sorge, ich nehme dir das nicht übel. Ich muss nur gestehen, dass ich ein wenig neugierig war. Sag einfach Bescheid, wenn dir meine Fragen zu anstrengend sind. Ich kann es auch bleiben lassen.“
„Nein, es ist einfach nur…“ Ich zögerte. Die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich. Es fiel mir schwer, sie irgendwie zu ordnen. „Ich habe nicht mit ihm gesprochen, okay? Ich habe mich nicht getraut. Und heute Abend macht eine Freundin von mir einen Mädelsabend und seine Freundin ist auch da.“
„Ah und du willst sie ein bisschen unter die Lupe nehmen. Da kann ich natürlich nicht mithalten.“ Er grinste, er schien es mir kein bisschen übel zu nehmen, sondern tat so, als sei alles ganz normal.
„So attraktiv ist Nachhilfe geben nun mal nicht“, gestand ich und fuhr mir durch meine langen blonden Haare.
„Autsch, das hat gesessen.“ Lachend griff er sich ans Herz, seiner guten Laune tat es keinen Abbruch.
„Oje, das war gemeiner, als es sein sollte.“ Ich musste ebenfalls lachen. „Nein, es war… also vor Weihnachten, es war tatsächlich nicht ganz so übel, sich mit dir zu unterhalten“, gestand ich. „So offen war sonst noch niemand zu mir. Aber hebe deshalb jetzt bitte nicht ab.“
„Tue ich nicht, keine Sorge. Es ist auch nichts Tolles, auf das ich mir etwas einbilden würde. Immerhin hat es dich verletzt.“
Ich zuckte mit den Schultern und wich seinem Blick aus. „Daran kann man jetzt auch nichts mehr ändern“, murmelte ich. Für eine Sekunde blickte ich an ihm vorbei ins Leere.
„Also, fangen wir an?“, fragte Benny sanft. „Dann kannst du weiter zu deinem Mädelsabend und ein bisschen spionieren.“
„Was? Du hast keine klugen Sprüche für mich?“ Leiser Spott schwang in meiner Stimme mit.
„Im Moment wäre es nicht besonders angebracht, denke ich. Außer… Naja, wenn du ein offenes Ohr brauchst, kann ich dir nur weiter anbieten, dass ich für dich da bin. Vergiss das nicht, okay?“
„Warum? Du kennst mich doch eigentlich gar nicht. Warum tust du das dann?“
„Das hat damit nichts zu tun. Ich kenne dich jetzt nicht, aber warum sollte ich dir deshalb nicht den gleichen Respekt und die gleiche Aufmerksamkeit entgegenbringen wie meinen Freunden? Ich möchte den Menschen um mich herum ein gutes Gefühl geben, wenn ich sie sehe und mich mit ihnen unterhalte. Ganz egal, ob ich sie kenne oder nicht. Ich glaube daran, dass ich das zurückbekomme, was ich anderen gebe.“
Ich nickte und wandte mich dem Mathebuch zu. Mein Kopf brummte etwas von seinen Worten. Ich wollte es ihm wirklich glauben, aber ich war weiter skeptisch. Wer tat denn schon noch etwas ohne Eigennutzen? Jeder erwartete doch eine Gegenleistung. Jeder. Auch Benny. Er wollte es wohl nur nicht zugeben.
„Endlich! Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr“, murmelte Milena mir zu, als ich eine ganze Weile später bei Valentina auftauchte. Die anderen hatten es sich schon in Valentinas großem Zimmer gemütlich gemacht. Amelie saß etwas zusammengekauert in dem gemütlichen Sessel am Fenster. Valentina streckte sich auf ihrem Bett aus. „Wir hatten schon Angst, dass du dich verlaufen hast.“
„Wir haben extra mit dem Essen auf dich gewartet“, meinte Selina, eine weitere Kommilitonin, die sich mit dem Rücken an Valentinas Bett angelehnt hatte.
Zusammen mit Milena machte ich es mir ihr gegenüber auf dem flauschigen Teppich bequem. Auf dem Boden stand ein Teller mit verschiedenstem Fingerfood. Auf einem weiteren stapelten sich Muffins und Macarons, die mit Sicherheit die Haushälterin der Motinas gebacken hatte.
„Ätzend, dass du so lange Nachhilfe geben musstest“, bemerkte auch Xenia und griff nach einem der Muffins.
„Es ging.“ Ich zuckte mit den Schultern und bediente mich ebenfalls an dem Fingerfood. Mein Magen hatte den ganzen Weg über hierher geknurrt. Kein Wunder, ich war schon wieder knapp zwei Stunden lang bei Benny gewesen. Erst als seine Mutter wieder nach Hause gekommen war, war mir aufgefallen, wie spät es schon war und dass ich eigentlich noch weiter wollte.
„Ist er süß? Dein Nachhilfeschüler?“, fragte Valentina und drehte sich auf den Bauch. Sie stützte sich halb auf und nahm mit einer Hand einen Macaron von Selina entgegen. Ihr Spitzentop war etwas nach oben gerutscht.
„Er ist sechzehn.“ Ich rollte mit den Augen.
„Ja und? Er kann ja trotzdem süß sein“, bekräftigte Selina.
„Ich bin auch drei Jahre jünger als Konstantin“, bemerkte Amelie schüchtern und sofort lagen alle Augen auf ihr. Sofort wurden ihre Wangen puterrot und sie schien noch ein bisschen mehr in dem riesigen Sessel zu versinken. „Ich meine, es funktioniert auch.“
„Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt? Erzähl es uns ganz genau, wie du es geschafft hast, Konstantin Morakies an dich zu binden.“ Neugierig lehnte Selina sich etwas nach vorne. „Wir kennen Konstantin schon eine ganze Weile und wenn eines nicht zu ihm passt, dann ist es eine feste Beziehung.“ Sie übertrieb maßlos. Wir kannten Konstantin nur vom Sehen und die Geschichten über ihn nur vom Hörensagen. Aber da war ich ganz Selinas Meinung, das musste Amelie nicht wissen.
Verlegen wandte sie den Blick ab. „Keine Ahnung. Das hat sich irgendwie so entwickelt.“
„Seid ihr zusammen in der Kiste gelandet? Und dann wollte er dich nicht mehr gehen lassen?“ Valentina blinzelte ihr vielsagend zu, woraufhin die Kleine noch röter wurde. Süß.
„Nein, wir… wir haben noch gar nicht“, murmelte sie verlegen und schien nahezu in den Sessel hineinzukriechen.
Ich verschluckte mich an meiner Minipizza. „Tut mir leid, aber das passt so gar nicht zu dem Konstantin, den ich kenne.“
„Dann kennst du ihn wohl nicht besonders gut.“ Ein zaghaftes Lächeln schlich sich auf Amelies Lippen. „Er… er ist so viel mehr als nur diese Fassade. Unheimlich zärtlich und tiefgründig. Ich… ich könnte mir wirklich keinen besseren Freund vorstellen als ihn. Er ist wirklich… Ich bin so glücklich mit ihm.“
„Hattest du vor ihm schon einmal einen Freund?“, fragte Milena nahezu beiläufig nach und nahm sich ebenfalls eine von den Minipizzen.
„Nein. Er… ist mein erster.“
„Keine Knutscherei? Kein gar nichts?“ Xenia zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe.
„Nein.“ Schüchtern schüttelte sie den Kopf. „Ich… ich komme vom Dorf. Da gibt es so etwas nicht.“
„Was meinst du mit so etwas?“, entfuhr es mir.
„Naja, Konstantin hat mir einiges erzählt. Aus seiner Vergangenheit und allem. Er fand es wichtig, dass ich es weiß. Und so… einmalige Sachen und alles, das kenne ich so nicht. Und das… das gab es auch nie.“ Ihre Wangen glichen mittlerweile überreifen Tomaten. „Bei uns im Dorf wäre man dann mindestens einen Monat lang das Gesprächsthema Nummer eins.“
„Bestimmt gab es das. Du hast es nur nie mitbekommen“, bemerkte Valentina und wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger.
„Nein, wirklich nicht. Der Ort hatte vielleicht hundert Einwohner, da kennt jeder jeden. Da war eine Scheidung schon etwas Außergewöhnliches. Solche… einmalige Sachen und so, das hätte da schnell die Runde gemacht.“
„Einmalige Sachen, bist du süß. Sag doch einfach, was es ist. Ein One Night Stand. Oder eine Freundschaft Plus“, meinte Selina.
„Was ist eine Freundschaft Plus?“ Amelie biss sich auf die Lippe, als wäre ihr das alles unheimlich unangenehm.
Ich wechselte einen vielsagenden Blick mit Milena. Sie war also doch das Mauerblümchen, das keine Ahnung von irgendetwas hatte. Ich gab ihnen noch zwei Monate. Höchstens. „Du bist miteinander befreundet und vögelst nebenher“, erklärte ich kurz und trocken.
Amelie sah mittlerweile aus, als würde sie am liebsten im Boden versinken. Ach Gott wie süß. Es blieb mir nur weiterhin ein Rätsel, was Konstantin von ihr wollte. Das war doch absolut langweilig.
„Ach, jetzt lasst sie doch in Ruhe“, bemerkte Valentina, die wohl doch Mitleid mit Amelie bekam. „Jo, willst du uns nicht etwas erzählen?“
„Ich? Was wollt ihr denn wissen?“ Betont gelassen lehnte ich mich zurück auf meine Ellenbogen. Alle hier wusste von meiner Schwärmerei für Amelies Freund. Ich glaubte kaum, dass mich hier und jetzt eine von den Mädels darauf ansprechen würde. Keine von ihnen würde mich überhaupt darauf ansprechen. Bennys Worte kamen mir wieder in den Kopf. Er hatte doch Recht gehabt.
„Ich muss dich das einfach nochmal fragen. Ich würde ja auch sagen, dass mir das leid tut, aber ich bin zu neugierig, um nicht zu fragen.“ Leise kicherte sie. „Dein Nachhilfeschüler. Benjamin, richtig?“ Valentina legte den Kopf schief. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen.
„Ja?“ Ich legte den Kopf schief.
Selina und Xenia stießen sich kichernd an und wechselten eindeutige Blicke. Ich hatte eindeutig etwas verpasst.
„Vögelt ihr?“
„Was?“ Ich lachte laut auf. „Habt ihr irgendetwas genommen, bevor ich gekommen bin? Warum habt ihr damit nicht auf mich gewartet? Ich hätte gerne das Doppelte davon.“
„Du warst jetzt schon das zweite Mal für eine halbe Ewigkeit bei ihm. Komm schon, ihr habt doch nicht etwa die ganze Zeit Mathe gemacht. Oder habt ihr es einmal praktisch ausprobiert?“ Selina wackelte vielsagend mit den Augenbrauen.
„Milena! Du hast es ihnen erzählt?“ Empört schaute ich meine beste Freundin an, die nur mit den Schultern zuckte.
„Mir hast du auch keine Details erzählt.“
„Der Junge ist sechzehn“, wiederholte ich ein weiteres Mal.
„Ist er süß?“, fragte Xenia. Schon wieder. Als würde sich meine Meinung auf einmal ändern.
Ich rollte mit den Augen. „Er ist ein Kind für mich.“
„Und trotzdem verbringt ihr viel Zeit miteinander. Also? Habt ihr was miteinander?“, bohrte Selina weiter nach. „Komm schon, uns kannst du es sagen. Wir kennen dich doch.“
„Ihr habt einen Knall.“ Ich schüttelte nur den Kopf. „Zwischen Benny und mir läuft nichts. Weniger als nichts. Er ist für mich so interessant wie… wie… keine Ahnung, ein Wochenende ohne eine gute Party.“
„Und was macht ihr dann die ganze Zeit?“
„Mathe.“ Und wir reden. Ein bischen mehr, als es eigentlich angebracht wäre. Aber das würden sie nicht verstehen und ich wollte es ihnen nicht erzählen.
„Was denkst du über ihn? Komm, erzähl uns ein bisschen etwas. Wir haben uns schon die ganze Zeit gefragt, was ihr wohl macht und was er hat, dass du so lange bei ihm bleibst“, drängte Xenia.
Ich zögerte. Was dachte ich über ihn? Anfangs, dass er ein verwöhnter, kleiner Junge war. Und jetzt, nachdem wir zum zweiten Mal etwas Zeit miteinander verbracht hatten, war es ganz anders. Er war klug und unheimlich empathisch. Er war für andere da. Selbst für mich, obwohl wir uns kaum kannten. Er hatte mir in den paar Stunden so viel gegeben, dass ich es nicht einmal in Worte fassen konnte. Den anderen gegenüber wollte ich nicht zugeben, dass er mich mit seinen ganzen Fragen zum Nachdenken brachte.
„Lasst sie doch. Sie möchte nicht darüber reden“, mischte sich Amelie schüchtern ein und warf mir ein kleines Lächeln zu. Als wären wir Verbündete.
Und das gab mir den Anreiz, genau das nicht zu tun. „Ich habe nichts zu verheimlichen. Er ist nett und braucht dringend Hilfe bei Mathe. Aber ich will definitiv nichts von ihm.“
„Ist er denn süß? Jetzt sag schon. Du sagst nur, dass du nicht mit ihm ins Bett willst. Aber die wichtigen Details verschweigst du uns“, wiederholte Xenia ihre Frage erneut.
„Er sieht nicht schlecht aus“, räumte ich ein. „Wenn du auf Sechzehnjährige stehst.“
„Das hast du mir bisher verschwiegen“, beschwerte Milena sich.
„Ich wusste gar nicht, dass Minderjährige neuerdings dein Typ sind“, bemerkte ich trocken.
„Beschreib ihn mal ein bisschen“, drängte Xenia.
„Bist du so verzweifelt, dass du unbedingt alle Details von meinem Nachhilfeschüler wissen willst?“ Skeptisch schaute ich zu ihr. „Denk dran, er ist viel jünger als du.“
Sie seufzte. „Seit meine Beziehung mit Mario vorbei ist, läuft nichts mehr und ich lerne kaum neue Leute kennen. Das ist echt frustrierend.“
Ich verkniff mir die Bemerkung, dass sie dafür viel zu unscheinbar war. Etwas schüchtern und unauffällig was ihren Kleidungsstil betraf. So würde sie mit Sicherheit niemanden aufreißen, aber ich behielt es für mich. Wir waren immerhin Freundinnen. „Er ist groß, breite Schultern, kantiges Gesicht, braune Augen und Haare. Also voll dein Typ, Xenia. Und ich glaube er ist Single, soll ich dich wirklich vermitteln?“
Nun wurde Xenia rot. Sie murmelte nur etwas von wegen, dass sie mir meinen Nachhilfeschüler nicht ausspannen wollte.
„Du kannst ihn gerne haben. Ich habe kein Interesse an ihm.“
„Besser so. Was willst du auch mit einem kleinen Jungen?“, bemerkte Milena und nahm sich einen Macaron. Sie schien die Einzige zu sein, die so mehr oder weniger auf meiner Seite stand.
„Danke.“
„Wir wollen dich ja auch nicht verkuppeln, nur ein paar Details“, meinte Selina. „Außer Xenia, die will sich selbst verkuppeln.“
„Das hätte bestimmt was“, überlegte Xenia laut. „Ich meine, stellt euch das einmal vor…“
„Nein!“, sagten wir anderen alle gleichzeitig. Sogar Amelie stimmte zu meiner Überraschung mit ein. Auch wenn sie die Einzige war, deren Wangen schon wieder leicht rot geworden waren.
„Vielleicht steht er aber auf dich. Die Möglichkeit gibt es ja auch noch“, sagte Milena leise zu mir, während die anderen sich schon wieder einem anderen Thema zuwandten. Es ging um Xenias nicht vorhandenes Liebesleben.
„Bestimmt nicht.“
„Ich glaube schon. Man verbringt nicht einfach so mehrere Stunden mit seiner Nachhilfelehrerin.“
Ich zuckte mit den Schultern. Was Benny anging war ich mir da längst nicht mehr sicher. Sonst konnte ich die Menschen um mich herum ganz gut einschätzen, aber bei ihm fiel es mir schwer. Er war so anders als die Männer, die ich sonst kannte. Wobei… Mein Blick fiel auf Amelie, die verlegen über irgendeinen zweideutigen Witz von Selina lachte.
Bei Konstantin war ich mir auch sicher gewesen. Mein Gefühl hatte mir gesagt, dass daraus etwas werden könnte, was auch immer es hätte sein sollen. Und wo hatte es mich hingebracht? Ich saß hier mit meinen Freundinnen und der Freundin des Typen, auf den ich stand. Und das nur, damit ich mich besser fühlen konnte als sie. Nicht, dass ich daran zweifelte. Sie war nur ein kleines, schüchternes Mauerblümchen ohne jegliche Erfahrungen. Sie war hübsch, ja, aber das allein war nicht alles. Konstantin würde das auch noch merken. Früher oder später. Aber hoffentlich früher. Viel früher. Ich wollte nicht noch mehr Zeit mit Amelie verbringen als unbedingt nötig.
„Hey, danke, dass du schon wieder Zeit für mich hast.“ Benny begrüßte mich mit einem verlegenen Lächeln.
„Kein Problem. Es ist Sonntag und ich hatte sowieso nichts anderes vor“, erwiderte ich mit einem Schulterzucken. Mein Schädel pochte noch immer unangenehm. Eine Nachwirkung von der Party gestern Abend. Immerhin war sie gut gewesen. Ich hatte schon lange nicht mehr so gut und viel gefeiert wie gestern Abend. Der Knoten, den Konstantin in meiner Brust hinterlassen hatte, begann sich langsam wieder zu lösen. Schritt für Schritt. Aber es wurde ein kleines bisschen besser.
„Trotzdem, danke, dass du herkommen konntest. Es war ja doch ziemlich spontan.“
„Vor allem hast du mich aufgeweckt.“ Etwas langsamer folgte ich ihm in das Wohnzimmer der Winters.
„Es war zwei Uhr nachmittags.“
„Und ich habe erst um acht heute Morgen geschlafen“, bemerkte ich trocken und setzte mich an den Esstisch. Vor ein oder zwei Stunden war die Sonne schon wieder untergegangen.
„Dann warst du noch feiern gestern?“, fragte Benny.
„Geburtstag von einer Studienkollegin.“ Ich gähnte hinter hervorgehaltener Hand.
„Du bist viel unterwegs.“
„Was soll ich sagen? Ich lebe mein Leben. Warum sollte ich meine Zeit damit verschwenden, immer nur Zuhause rumzusitzen? Ich bin jung und will etwas erleben.“ Grinsend streckte ich mich. Nein, ich wollte mein Leben definitiv nicht gegen ein anderes tauschen.




