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„Wie war der Mädelsabend am Mittwoch? Hast du die Antworten bekommen, die du wolltest?“ Benny schob mir ein Glas Wasser hin.
Dankbar nahm ich es entgegen. Die Kopfschmerzen wurden nur langsam besser. „Sie hat mir nur das bestätigt, was ich mir von Anfang an gedacht habe.“
„Und zwar?“
„Dass sie unheimlich schüchtern und langweilig ist und ich besser bin als sie.“
„Was macht dich besser als sie?“
Ich zuckte mit den Schultern. Was war das für eine Frage? „Alles.“
„Und warum? Was ist es, das dich zu einem besseren Menschen macht?“ Benny lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.
„Ich bin selbstbewusster und habe mehr Erfahrung und traue mich mehr. Sie ist einfach… Sie ist nur ein nettes Mädchen von nebenan. Mehr nicht.“
„Warum macht dich das besser?“
„Wolltest du nicht Nachhilfe bekommen weil du nächste Woche eine Klausur hast?“, konterte ich. Mit dem Thema kam auch der pochende Schmerz in meinen Schläfen wieder zurück. Nachdenken war anstrengend gerade.
„Ich gebe dir gerne auch etwas zurück.“
„Inwiefern willst du mir dadurch etwas geben?“ Ich runzelte die Stirn und verschränkte ebenfalls meine Arme vor der Brust. Es klang herablassender, als ich es eigentlich beabsichtigt hatte und es tat mir im nächsten Moment schon wieder leid.
Seine Lippen zuckten. „Du wirst es merken, wenn es soweit ist.“
„Wie auch immer.“ Ich winkte ab und lehnte mich nach vorne. Auf dem Tisch lag schon Bennys aufgeschlagenes Buch. „Ist das euer Thema für die Klausur?“
„Unter anderem. Kannst du etwas damit anfangen? Ich nämlich nicht.“ Er rückte mit seinem Stuhl etwas näher zu mir heran. Unbeabsichtigt streifte meine Hand kurz seinen Unterarm, als ich eine Seite nach vorne blätterte.
„Mehr als mit deinen komischen Fragen“, brummte ich und überflog die Zeilen. Es war nicht allzu kompliziert. Englisch war schon immer eines meiner besten Fächer gewesen.
„Ich könnte wetten, dass du irgendwann dankbar bist für meine komischen Fragen, wie du sie nennst“, schmunzelte er.
„Das bezweifle ich.“
„Warum? Nur weil ich ein paar Jahre jünger bin als du? Macht dich das auch besser als mich?“ Abrupt lehnte er sich zurück. Er hatte den Kopf schief gelegt und schaute mich abwartend an. Nicht ein Funken Wut lag in seiner Mimik.
„Nein, aber… Ich habe schon viel mehr erlebt als du. Es macht mich nicht besser. Wie ich schon gesagt habe, habe ich dir einiges an Erfahrung voraus.“
„Erfahrung in manchen Dingen, ja, das lässt sich nicht bestreiten. Aber das ist nicht alles. Es ist vor allem unsere Einstellung zum Leben, die uns voneinander unterscheidet. Das ist nichts, was mich zu einem besseren und dich zu einem schlechteren Menschen macht. Ganz im Gegenteil, wir können uns nicht miteinander vergleichen. Warum sollten wir das auch tun? Wir sind alle unterschiedlich in unserem Aussehen und unserem Denken. Und das ist etwas, was nicht bewertet werden kann, wenn du mich fragst. Ich bin der Überzeugung, dass es ganz egal ist, wie alt man ist oder wie man aussieht. Weil nur das zählt, was in dir ist. Die inneren Werte sind es doch, die zeigen, wer du bist und was für ein Leben du führst.“ Er machte eine Pause. „Ich befürchte, ich bin etwas abgeschweift. Entschuldige, das ist nur meine Meinung dazu. Du musst sie nicht teilen.“
„Schon gut. Es ist… interessant.“ Ich zögerte. „Aber du hast Recht, es ist nicht meine Meinung.“
Er zuckte mit den Schultern. Es lag schon wieder ein Lächeln auf seinen Lippen. „Und das ist vollkommen in Ordnung so. Ich bin dir immer noch sehr dankbar, dass du mir hilfst und deine Zeit dafür opferst. Und ich bilde mir ein, dass ich manchen Menschen sehr gut damit helfen kann, wenn ich ihnen einfach nur etwas zuhöre und ab und an komische Fragen stelle.“ Er blinzelte mir zu.
„Ist schon okay. Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen. Jeder hat seine eigene Meinung und das respektiere ich auch. Aber vergiss nicht, dass deine Mutter mich dafür bezahlt, dass ich hier bin. Und eigentlich auch dafür, dass ich dir ein bisschen was beibringe.“
„Und das tut sie hoffentlich gut“, warf Benny lachend ein.
„Klar. Ich kann mich nicht beklagen. Also gut, wollen wir anfangen? Ist auch gar nicht so schlimm wie Mathe.“
„Na hoffentlich.“ Lachend rückte Benny wieder zu mir heran. Gemeinsam machten wir uns an die Arbeit und die kurze Anspannung, die zwischen uns herrschte, verflog schnell wieder.
Und sie kam auch in der ganzen Zeit, in der ich bei Benny war, nicht wieder. Erst, als ich knapp zwei Stunden später wieder auf dem Heimweg war, holten mich meine Gedanken wieder ein. Die Fragen, die er mir gestellt hatte, schwirrten in meinem Kopf herum und doch hatte ich keine Antwort darauf.
Was machte mich besser als Amelie?
Gab es überhaupt etwas, das mich besser machen konnte als sie?
Und wie kam es, dass ich schon wieder so viel Zeit bei dem Jungen verbracht hatte? Die Zeit war wieder einfach so verflogen und es hatte mir sogar Spaß gemacht, mit ihm über und auf Englisch zu diskutieren. Was lief nur falsch bei mir?
Kapitel 7 – Heute
Irgendwann hatte ich es nicht mehr ausgehalten.
Ich wollte weg.
Ich wollte rennen.
Ich wollte schreien.
Ich wollte schneller rennen.
Ich wollte nicht mehr hier sein.
Ich wollte ausbrechen aus diesem Albtraum.
Ich wollte meine Wut an irgendjemandem auslassen.
An demjenigen, der dafür verantwortlich war, dass Benny jetzt operiert wurde und um sein Leben kämpfte. Wie konnte er ihn mir nur wegnehmen? Wie konnte überhaupt nur irgendjemand so egoistisch sein und ihn von uns nehmen? Es war nicht fair. Warum musste es ausgerechnet ihn treffen? Hätte es nicht irgendjemand anderes sein können?. Hauptsache nicht Benny.
Meine Gedanken hatten mich in den letzten Stunden eingeholt. Und jetzt hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte wieder zurück in den Zustand, in dem ich vorher gefangen war. In Watte gepackt und abgeschottet von allem und jedem, ohne irgendetwas zu fühlen. Es war so viel angenehmer gewesen als all das, was jetzt in mir vorging. Hatte ich mir zuvor noch gewünscht, weinen zu können, so wünschte ich mir jetzt, wieder nichts zu fühlen.
Ich wollte nicht weinen.
Ich wollte das alles nicht.
Ich wollte nicht länger fühlen.
Ich wollte nur noch weg.
Ich wollte nicht länger hier sein.
Jetzt war ich wieder auf dem Weg zurück zu ihnen. Marianna, Markus und Julia hatten den Wartebereich nicht verlassen. Im Licht der aufgehenden Sonne war ich zu der Bäckerei nebenan gegangen. Vielleicht war es die frische Luft gewesen, die mich aufgeweckt hatte, mich zurück in meinen Körper geholt hatte oder die Bewegung, durch die ich mich wieder halbwegs lebendig fühlte.
In meinen zitternden Händen hielt ich zwei Becher mit Kaffee. Ich wusste, wie sehr Marianna frischen Cappuccino liebte. Jetzt schafften wir beide es nicht einmal, uns anzulächeln, als ich ihr den Becher reichte. Immerhin schaute sie kurz auf, bevor sie an dem Getränk nippte.
Ich nahm ebenfalls einen Schluck aus meinem Becher. Mit einem Sitz Abstand setzte ich mich neben Julia. Der heiße Kaffee verbrannte meine Zunge. Ich zuckte zusammen. Und dann war ich dankbar dafür. Es lenkte mich ab von den anderen Schmerzen, die ich hatte.
Das Stechen in meinem Herzen. Die Enge in meiner Brust. Das Gefühl, gleich ersticken zu müssen. Alles um mich herum raubte mir den Atem. Die Wände kamen immer näher. Sie lachten uns geradezu aus, während sie uns zerquetschten. Nur mein Herz schlug unbeirrt weiter. Als wolle es mir nur noch deutlicher machen, dass ich am Leben war.
Ich wollte es mir herausreißen, darauf herumtrampeln und dann gehen. Alles einfach hinter mir lassen. Einfach vergessen, was passiert war und was noch passieren würde.
Ich wollte nicht mehr fühlen. Es war viel zu grausam. Ich würde es nicht aushalten, alles wieder von vorne durchzumachen. Wie sollte ich jemals wieder zurückfinden?
„Mama!“ Arianes Ruf ließ uns alle zusammenzucken. Mariannas Becher fiel auf den Boden. Der Kaffee verteilte sich auf dem ganzen Boden.
„Ariane.“ Mariannas Stimme war kraftlos und ihre Bewegungen träge und müde, als sie ihre Tochter in die Arme schloss.
Ich hatte nicht mehr an die kleine Schwester gedacht. Und damit war ich nicht die Einzige.
„Du solltest nicht hier sein.“ Arianes blonde Locken dämpften Mariannas Stimme.
„Natürlich sollte ich hier sein. Er ist mein Bruder. Und ich lasse meinen Bruder nicht im Stich. Das habe ich ihm versprochen und meine Versprechen werde ich halten. Ich lasse ihn nicht allein. Wir sind eine Familie. Wir halten zueinander.“ Sie weinte ebenfalls. Stumm liefen ihr die Tränen über die Wangen. Sie war die Jüngste. Und jetzt gerade schien sie die Stärkste zu sein.
„Woher weißt du davon?“
„Von Julia. Sie hat es mir direkt geschrieben.“ Mutter und Tochter drehten sich zu ihr um.
Natürlich. Julia war die Gute. Wie sollte es auch anders sein?
„Wie bist du hergekommen?“
„Mit einem Taxi.“ Ariane straffte die Schultern ein wenig mehr. „Ich wusste nur, dass ich herkommen muss. Mama, wir gehören zusammen. Benny, du und ich. Wir sind eine Familie. Das hast du uns so oft gesagt. Und ich habe es nie vergessen. Wir müssen jetzt zusammenhalten.“
Schluchzend presste Marianna ihre Tochter wieder an sich.
Ich wandte den Blick ab. Es war mir unangenehm, diese Art der Familienzusammenführung mit anzusehen. Es hatte etwas Intimes, Privates. Ich gehörte nicht dazu. Aber ich hätte es, flüsterte eine leise Stimme in meinem Kopf. Du hattest die Chance dazu, Jo, aber du hast sie nicht genutzt. Du bist weggelaufen, weil es einfacher war.
„Hast du überhaupt etwas gefrühstückt, Ariane? Sonst wirst du noch dünner.“ Liebevoll legte Marianna ihrer Tochter eine Hand an die Wange. „Du bist doch so schön.“
„Mir geht es gut, Mama.“ Sie drückte ihre Hand.
„Komm, wir gehen kurz rüber und holen uns etwas“, sagte Julia und stand auf.
„Danke, Julia. Danke, dass du ihr Bescheid gegeben hast. Danke für alles.“ Marianna griff nach Julias Händen und drückte sie fest. Tränen glitzerten in ihren Augen. „Was würde ich nur ohne dich tun?“
„Das war doch selbstverständlich.“ Ohne große Worte schloss Marianna auch Julia in die Arme, als wäre sie ebenfalls ihr Kind.
„Ich danke dir trotzdem, Julia. Du bist so eine tolle, junge Frau.“ Wieder schluchzte sie und sank zurück in ihren Stuhl. Markus strich ihr wieder beruhigend über den Rücken und nickte leicht in Julias und Arianes Richtung. Ein stummes Versprechen.
„Ich komme mit euch mit“, sagte ich leise und folgte den beiden Mädchen, meinen eigenen Becher fest umklammert. Die Wärme, die der Becher ausstrahlte, wollte nicht bis zu meinen tauben und kalten Fingern gelangen.
Weder Julia noch Ariane erwiderten etwas. Stumm folgte ich ihnen, während sie sich an den Händen hielten und sich stützten. Ich war allein. Und das trieb mir wieder die Tränen in die Augen. Sie hatten immerhin sich gegenseitig. Ich hatte niemanden. Mein Jemand war im OP-Saal und kämpfte um sein Leben. Ich konnte nur hoffen, dass ich es nicht komplett vermasselt hatte. Wieder spürte ich das Brennen in meinen Augen. Aber bisher hatte ich es geschafft, nicht zu weinen und das wollte ich auch weiterhin nicht. Ich wollte nicht und ich würde auch nicht. Ich wollte wieder zurück in den Zustand kommen, in dem ich vorher war. Abgeschottet von allem. Ich hatte mich damit abgefunden, die Emotionslose zu sein. So war es einfacher. Das konnte ich gut.
„Weißt du, er hat mir so etwas Komisches gesagt, bevor er gefahren ist“, sagte Ariane leise zu Julia. Sie schienen mich beide einfach vergessen zu haben. Was war mit der Ariane passiert, die mich so gern hatte? Die sich gefreut hatte, mich zu sehen? Wann hatte sich das geändert?
„Was denn?“
„Ich hatte schon ein komisches Gefühl, als er gefahren ist, aber ich habe mir nichts dabei gedacht. Es ist immer alles gut gegangen, aber dieses Mal ist es tatsächlich passiert. Er ist so gut, ich hätte nie geglaubt, dass so etwas jemals passieren könnte.“ Arianes Stimme wurde immer leiser. Sie atmete tief durch, als wir nach draußen an die frische Luft traten. „Er meinte, dass er keine Angst vor dem hätte, was noch kommt.“
„Du meinst, dass er damit…?“
„Er hat es mir gesagt. Er hat keine Angst vor dem Tod oder was auch immer nach dem Leben kommt. Es sei der natürliche Kreislauf des Lebens. Daran wäre nichts Schlimmes. Und ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Ich werde für immer seine kleine Schwester sein und er wird mich immer lieben, egal, was auch passieren wird.“ Ihre Stimme brach ab.
„Vielleicht ist das, was nach dem Leben kommt, auch einfach so schön, dass deshalb nie jemand zurückkommt. Oder wir tun es immer wieder, nur durchlaufen wir einen Prozess des Vergessens, wodurch wir immer wieder von vorne anfangen. Wir wissen es nicht. Und wir werden es erst wissen, wenn es so weit ist.“
Julia und Ariane stoppten und drehten sich zu mir um. Auf ihren Gesichtern lagen große Fragezeichen.
„Das hat er einmal zu mir gesagt“, flüsterte ich leise. „Und ich würde es ihm gerne glauben.“
„Es gibt uns Hoffnung“, stimmte Ariane leise zu. Eine Träne rollte ihr über die Wange.
Ja, das tat es.
Kapitel 8 – Februar 2019
„Guten Abend, Jo.“
„Es ist Mittag“, bemerkte ich trocken. Ohne aufzuschauen spülte ich meine Pfanne ab.
„Für mich ist es Abend. Ich hatte einen langen Mittag.“ Mein Vater ließ sich mit einem Seufzen auf einen Stuhl am Esstisch fallen.
„Aha.“
„Ich mache viele Überstunden im Moment.“
„Mh.“ Gewissenhaft waschte ich den Schaum ab.
An all das hatte ich mich gewöhnt. Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, wie es vorher gewesen war oder wann es angefangen hatte. Wenn ich darüber nachdachte, wollte ich es eigentlich auch gar nicht mehr anders. Mit der Situation wie sie jetzt war kam ich gut zurecht. Sehr gut sogar. Für mich war alles bestens, vor allem, wenn ich allein in unserem Haus war. Und wenn er da war, ging ich ihm aus dem Weg. Entweder verzog ich mich in die obere Etage oder ganz weg. Es war das Beste. Für uns beide. „Ist sonst noch etwas? Ich muss jetzt los.“ Mit fest aufeinander gepressten Lippen drehte ich mich um und trocknete meine Hände an einem Geschirrtuch ab.
„Ist es nicht etwas früh, um mit deinen Freunden trinken zu gehen?“
„Wie kommst du darauf, dass ich trinken gehe?“
„Ich bin zwar nicht oft da, aber ich merke es, wenn du weg bist und ich höre es, wenn du da bist.“ Er sah müde aus. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, die Wangen waren eingefallen. Ein weiterer Punkt, der für mich nur Normalität darstellte Es war nichts Neues. Und seit drei Jahren sah er täglich ein klein wenig schlechter aus. Ein schleichender Prozess, der nicht aufzuhalten war. Wir wussten es beide. So wie wir auch beide wussten, dass es nie wieder besser werden würde.
„Falls es dich interessiert, ich gehe nur zu Benny. Wie du dich vielleicht erinnerst, hast du es arrangiert, dass ich ihm Nachhilfe gebe“, entgegnete ich spitz.
„Oh. Wie läuft es?“ Sofort veränderte sich der Ausdruck in seinem Gesicht. Sein Blick wurde etwas weicher und beinahe verständnisvoll.
„Gut. Er macht Fortschritte“, entgegnete ich knapp und griff nach meiner Handtasche, die ich wieder vorbildlich gepackt hatte. Ich wurde echt noch zu einer Streberin.
„Und ihr… versteht ihr euch?“
„Ja. Ich bin zwei oder drei Mal in der Woche bei ihnen.“
„Das ist gut. Sehr gut. Er ist ein sehr netter Junge.“
„Ja, das ist er“, stimmte ich ihm mit einem leisen Seufzen zu und checkte mein Handy ein weiteres Mal. „War es das?“
„Jo, falls du mal jemanden mitbringen und mir vorstellen möchtest…“
„Keine Chance, Papa. Ich stehe nicht auf Benny“, unterbrach ich ihn und hob den Blick nur kurz von dem Display meines Handys. Milena hatte mir geschrieben, ob ich später nicht noch vorbeikommen wollte. Nichts lieber als das.
„Ich meine nur, falls… Ich würde mich freuen. Egal wen. Dann musst du die Herren nicht heimlich rausbringen.“
„Das habe ich noch nie getan und werde ich auch nicht tun“, erwiderte ich knapp und schulterte meine Tasche. „Du warst nur nie da und ich hatte keinen Grund, um dir irgendjemanden vorzustellen. Also, ich muss jetzt los. Wir sehen uns dann vielleicht morgen.“
Leise erwiderte er meine Verabschiedung. Ich hörte ihn kaum noch.
Unser Verhältnis war alles andere als gut. Und doch war das seit drei Jahren die einzige Art, wie wir beide miteinander auskommen konnten.
Es war fast schon eine Art Ritual, das ablief, wenn ich zu Benny ging. Marianna und Ariane, Bennys Mutter und Schwester, waren oft unterwegs und sein Vater war anscheinend nie da. Niemand erklärte mir, warum er immer unterwegs war und ich fragte auch nicht nach.
Benny drückte mich kurz zur Begrüßung und dann gingen wir gemeinsam ins Wohnzimmer. So auch heute. Benny war eigentlich immer gut aufgelegt, ich hatte ihn noch nie schlecht gelaunt oder aufgebracht gesehen. Er schaffte es, mich selbst an schlechten Tagen etwas aufzumuntern und mich zumindest zum Schmunzeln zu bringen.
Im Stillen bewunderte ich ihn für seine positive und ausgeglichene Art. Ich kannte meine eigenen Launen und konnte mir kaum vorstellen, jeden Tag mit einem breiten Grinsen durch die Gegend zu laufen. Aber ich hatte auch keine Ahnung, was in seinem Leben bisher alles passiert war. Oder ob er so behütet aufgewachsen war, dass er schlichtweg keine Sorgen kannte.
„Ich habe zwei Fragen an dich, Jo“, begann er, noch während wir auf dem Weg zu unserem angestammten Lernplatz waren. Eine Karaffe mit Wasser stand schon bereit.
„Zwei gleich? Eine für Mathe und eine für Englisch?“, neckte ich ihn und packte meine Bücher aus.
Benny rollte mit den Augen. „Nein, gar nichts von beidem. Okay, einmal brauche ich eher deinen Rat.“
„Du? Ist das sonst nicht immer andersrum? Vertraust du jetzt etwa doch auf meine Lebenserfahrung?“
Leise lachte er auf. „So würde ich es nicht ausdrücken. Ich glaube aber, dass du dich mit solchen Sachen besser auskennst.“
Ich zog eine Augenbraue hoch. „Mit solchen Sachen?“
„Es geht um ein Mädchen“, sagte er nach kurzem Zögern.
Meine Mundwinkel zuckten. Das hatte ich nicht unbedingt erwartet, aber es amüsierte mich. So wie es mir gleichzeitig einen Stich versetzte. Vielleicht aufgrund der Erinnerung an Konstantin, auch wenn die mit jedem Tag etwas blasser wurde und der Schmerz in meiner Brust mit jeder Woche ein bisschen weniger schlimm. „Na dann schieß mal los. Wer ist denn die Glückliche?“
Er verzog das Gesicht ein wenig. „Ich weiß nicht, ob du das so sagen kannsst. Sie ist eine Freundin von mir, wir kennen uns schon lange“, begann er. Seine Worte wählte er mit Bedacht aus. Ich hatte ihn noch nie so nachdenklich gesehen. Noch nicht einmal beim Rechnen. „Und ich glaube, dass sie auf mich stehen könnte, aber ich bin mir nicht sicher.“
„Wie kommst du darauf?“
„Ich weiß nicht, ein Kumpel von mir meinte, dass es so wäre. Was ich für Unsinn halte, weil wir uns schon so lange kennen und so gut befreundet sind. Aber er meinte dann eben, dass sie sich in meiner Gegenwart nicht mehr so normal verhalten soll.“
„Was macht sie denn, was so anders sein soll?“
„Naja, sie hängt die ganze Zeit an mir und lacht über einfach alles, was ich sage. Sogar über jeden noch so dummen Spruch, glaub mir, ich hab das extra ausprobiert, nachdem Mo mir das gesagt hat. Und vor ein paar Tagen hat sie mich dann gefragt, ob ich nicht Lust hätte auf einen Filmeabend mit ihr. Ach, ich weiß nicht. Das ist wahrscheinlich total übertrieben und Mo interpretiert da einfach nur viel zu viel hinein.“
„Du kannst dumme Sprüche von dir geben?“
„Ab und zu gehen mir diie klugen Dinge aus, dann muss ich auf andere Sachen zurückgreifen“, bemerkte Benny trocken. „Also, du bist doch auch eine Frau. Ist das normal? Oder machst du das, wenn du auf jemanden stehst?“
„Keine Ahnung, ich bin nicht so anhänglich. Und ich glaube auch nicht, dass ich das so gut beurteilen kann. Vor allem, weil ich sie nicht kenne und nicht weiß, wie sie sich dir gegenüber verhält. Vielleicht möchte sie auch einfach nur Zeit mit dir verbringen, das könnte ja auch sein. Keine Ahnung, ich hatte noch nie eine Beziehung oder mich darum bemüht, eine zu bekommen.“ Ich zuckte nur mit den Schultern. Im nächsten Moment biss ich mir auf die Lippe. So viel hatte ich jetzt nicht unbedingt von mir erzählen wollen. Wir verstanden uns gut, das stand außer Frage, und er wusste auch viel über die Sache mit Konstantin, aber in meinem Kopf bestand noch immer eine gewisse Grenze. Vielleicht lag es daran, dass er so viel jünger war als ich. Und er hatte auch noch nie irgendetwas über sich selbst erzählt. Ich wusste eigentlich nichts von ihm abgesehen von seinem Alter, seinen Schwächen in der Schule und dass er gut zuhören konnte. Wenn ich so zurückdachte, hatten wir eigentlich immer nur über mich gesprochen.
„Du hattest noch nie eine richtige Beziehung?“
„Vergiss das wieder, das ist mir nur so rausgerutscht. Was ich damit sagen will ist, dass ich da die falsche Ansprechpartnerin bin. Ich hab sowas noch nie versucht. Von daher hab ich keine Ahnung. Kannst du da nicht mit deiner Schwester drüber reden?“
„Meine Schwester ist dreizehn.“
„Früh übt sich.“ Ich hob die Schultern.
Benny verzog nur das Gesicht. „Bitte nicht.“
Ich stimmte in sein Lachen mit ein. „Magst du sie? Also diese Freundin?“
„Natürlich mag ich sie. Wir kennen uns schon ewig.“
„Worauf wartest du dann noch? Probiere es aus und finde raus, ob es mehr ist als nur eine Freundschaft.“
Er wich meinem Blick aus und runzelte die Stirn. „Nein, ich glaube nicht, dass es so tief geht. Sie war einfach schon immer da. Wir waren schon in der Grundschule befreundet und auch im Gymnasium waren wir immer zusammen. Sie ist mehr eine zweite Schwester für mich. Vielleicht sieht sie nur Gespenster oder interpretiert zu viel hinein.“
„Das ist auch möglich.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Mehr kann ich dir leider auch nicht sagen. Vielleicht kann ich dir ja bei deiner zweiten Frage eine bessere Antwort geben“, wechselte ich schnell das Thema. Je länger wir darüber redeten, desto mehr störte mich die Vorstellung, dass irgendjemand anderes ihn interessant finden könnte.
„Nimm es mir nicht übel, aber du solltest besser bei der Nachhilfe bleiben. Deine Ratschläge sind nicht allzu hilfreich.“ Grinsend schüttelte Benny den Kopf.
Ich rollte mit den Augen. „Dafür sind meine Aussagen immerhin verständlich und nicht kryptisch verschlüsselt.“
„Das könntest du aber auch mal versuchen. Vielleicht liegt dir das ja ganz gut.“
Erneut verdrehte ich die Augen. „Also, was war deine zweite Frage?“
„Da kannst du mir auf alle Fälle eine Antwort geben, da brauche ich zum Glück keinen Ratschlag von dir.“ Er lächelte, aber nicht dieses typische Benny-Lächeln, das sein ganzes Gesicht strahlen ließ und bis zu seinen Augen reichte. „Hast du schon den neuen Film mit Elyas M’Barek gesehen?“
„Ähm, nein“, erwiderte ich etwas überfordert. Eine so simple und oberflächliche Frage war ich von Benny nicht gewohnt. Es irritierte mich, dass er überhaupt Filme anschaute.
„Hast du dann Lust, nächste Woche Freitag mit mir ins Kino zu gehen? Ich lade dich ein.“
„Du musst mich nicht…“
Er winkte ab. „Du opferst hier verdammt viel Zeit, um einem hoffnungslosen Fall wie mir etwas von Zahlen und anderen Sprachen zu erzählen. Du könntest genauso gut Spanisch mit mir sprechen und ich würde den Unterschied nicht merken. Also glaub nicht, dass du das ablehnen kannst.“
„Erstens bist du gar nicht so hoffnungslos wie du dich darstellst und zweitens hab ich dir doch schon gesagt, dass deine Mutter mich nicht allzu schlecht dafür bezahlt.“
„Ich weiß. Aber das, was meine Mutter tut, hat nichts mit mir zu tun. Und ich würde das sehr gerne tun. Also, bist du dabei?“
„Okay. Klar. Warum nicht? Wann und wo hast du dir denn gedacht?“, stimmte ich zu ohne groß nachzudenken.




