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„Ich habe bisher nicht weiter gedacht als dich zu fragen“, gestand Benny und fuhr sich grinsend durch die Haare. Eine der wenigen Situationen, in denen er tatsächlich etwas verlegen und unsicher wirkte und in denen ich erahnte, wie viel jünger er war. „Wir können es abkürzen und du gibst mir deine Nummer und ich schreibe dir dann, wo wir uns treffen, sobald die Zeiten draußen sind, zu denen der Film läuft?“
„Ah, du willst also nur an meine Nummer ran“, neckte ich ihn, holte aber ohne zu Zögern mein Handy hervor. „Das hätten wir schon lange machen können, dann wäre das alles ein bisschen einfacher gewesen.“
„Da ist was dran. Aber dann wäre es doch ein wenig langweilig und zu einfach gewesen, findest du nicht?“
„Hast du Hunger?“, fragte Milena ohne Umschweife, kaum hatte sie mir die Tür geöffnet.
„Ein bisschen. Noch kann mein Bauch sich nicht entscheiden, ob er endlich Ruhe gibt oder nicht.“ Ich verzog das Gesicht und presste eine Hand auf meinen Bauch. Einmal im Monat war es immer soweit und ich hasste es, eine Frau zu sein. Wer hatte sich das ausgedacht, dass es so verdammt wehtun musste, wenn man seine Tage bekam? Zum Glück hatte es erst innerhalb der letzten Stunde angefangen und nicht schon die ganze Zeit, während ich bei Benny war.
„Probieren wir es einfach aus und bestellen uns Pizza?“ Ohne auf eine Antwort zu warten ging sie die Treppen nach oben zu ihrem Zimmer. „Rafael und seine Kumpels haben heute Mittag unseren Kühlschrank geplündert und meine Eltern sind essen gegangen. Wahrscheinlich genau deshalb.“
Halbherzig stimmte ich ihr zu und ließ mich auf ihr Bett fallen. Jetzt kamen auch noch Kopfschmerzen dazu. Mein Körper musste mich wirklich hassen. Nicht einmal die frische Luft auf dem Weg zu Milena hatte mir geholfen.
„Also, was willst du? Wie immer? Champignons und extra Käse?“ Milena scrollte schon an ihrem Handy die verschiedenen Lieferdienste durch.
„Ja, passt“, murmelte ich und zog ebenfalls mein Handy hervor und schaute meine alten Chats durch. Die nächsten Minuten würde sie ohnehin nicht ansprechbar sein und ich schaute mir gerne die neuen Profilbilder der Leute an.
Wie automatisch blieben meine Finger an Konstantins Chat hängen. Geschrieben hatten wir nie miteinander. Es gab nur die Nachrichten, die er mir damals geschickt hatte. Bis vor ein paar Wochen hatte ich mir noch jeden Tag sein Profilbild angeschaut. Er sah so gut aus, ich konnte mich einfach nicht an ihm sattsehen. Jetzt hatte er ein neues. Von Amelie und ihm. Wie die beiden sich küssten.
Es fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen. Mir wurde übel und um ein Haar hätte ich mich auf Milenas Bett übergeben. Deutlicher konnte er es nicht machen. Ganz egal was Benny oder irgendjemand sonst sagte, das war nichts, was ich einfach abstellen konnte. Wie sollte ich das auch machen? Mit jedem weiteren Tag der verging, wurde es ein kleines bisschen besser. Und doch hatte Konstantin es irgendwie geschafft, mir komplett den Kopf zu verdrehen. Ich konnte es mir selbst nicht erklären. Dabei waren die letzten beiden Wochen so gut gewesen. Die Zeit mit Benny hatte mich abgelenkt und zum Lachen gebracht. Ich hatte wirklich geglaubt, dass es bald vorbei wäre.
Und jetzt das.
„So, erledigt. Ich hoffe nur, dass sie sich nicht allzu viel Zeit lassen.“ Zufrieden ließ sich Milena neben mich auf ihr Bett plumpsen. „Wie war es bei Nachhilfe-Benny?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Wie immer.“ Doch dann zögerte ich. Seit wann verheimlichte ich meiner besten Freundin etwas? Seit fast zwei Jahren erzählten wir uns alles. Ohne Ausnahmen. Sie kannte jede kleinste Kleinigkeit aus meinem Leben und ich aus ihrem.
Und sie kannte mich schon so gut, dass sie mein Zögern sofort bemerkte. „Aber? Irgendetwas fehlt doch noch. Was ist passiert, Jo? Hat er sich etwa an dich rangemacht?“
„Ach quatsch. Ich hab dir doch schon gesagt, dass es so nicht ist. Er… er hat mich ins Kino eingeladen“, sagte ich nach einem kurzen Zögern. Ich hatte Angst, dass sie es falsch verstehen könnte. Sie kannte ihn nicht und das machte es schwer für sie, die Situation zu verstehen.
„Was? Du hast doch nicht etwa zugesagt, oder?“
„Doch.“
„Dann habt ihr also ein Date? Mit dem kleinen Jungen? Jo, bitte, das ist doch nicht dein Ernst. Nur weil wir dich damit aufgezogen haben heißt das nicht, dass du das auch wirklich machen sollst.“
„Es ist kein Date“, widersprach ich ihr. „Wir verstehen uns ganz gut und ich wollte nicht ablehnen. Das wäre unhöflich gewesen.“
„Es ist sowas von ein Date. Hallo? Warum sonst würde er dich fragen, ob ihr am Valentinstag zusammen ins Kino geht?“
„Mit Sicherheit ein Zufall. Er wusste bestimmt nicht, dass Valentinstag am Freitag ist. Und du weißt, dass ich mir daraus nichts mache. Außerdem steht Benny nicht auf mich. Und ich auch nicht auf ihn“, bekräftigte ich wieder einmal.
„Bist du dir da sicher? Ihr seht euch verdammt oft in letzter Zeit.“
„Jetzt übertreib mal nicht, Milena. Ich gebe ihm Nachhilfe. Daran ist nichts romantisch.“
„Seid ihr immer allein?“
„Ja, aber…“
„Redet ihr immer ununterbrochen über Mathe?“
„Nein, weil…“
„Dann kann es ja fast nicht eindeutiger sein. Aber mal ehrlich, es ist doch nur logisch, dass er auf dich steht. Wer könnte das nicht?“
Ich schüttelte den Kopf. „Du übertreibst schon wieder. Da läuft nichts und da wird auch ganz bestimmt nichts laufen.“
„Du weißt genauso gut wie ich, dass ich nicht übertreibe. Du bist heiß, Jo, und du solltest dich nicht an einen kleinen Jungen wie ihn verschwenden, der keine Ahnung von Mädels hat.“
„Ich will nichts von ihm und stehe auch nicht auf ihn. Genauso wie er nicht auf mich steht“, wiederholte ich ein weiteres Mal. Genervt stieß ich die Luft aus. Ich hatte keine Lust auf eine solche Diskussion. Milena kannte ihn nicht und konnte das alles auch nicht nachvollziehen. Sie hatte kaum männliche Freunde. Jeder Kerl war für sie ein möglicher Partner. „Jetzt hör doch mal auf damit. Da ist nichts und wird auch nichts sein.“
Milena schwieg für einen Moment, den Mund fest zusammengekniffen. „Du machst dich nicht glaubwürdiger, indem du das immer wieder sagst.“
„Was soll ich denn sonst tun?“ Ich verdrehte nur die Augen.
„Lad dir Tinder runter und triff dich mit ein paar Jungs, die heiß und in deinem Alter sind. Das wäre zumindest ein Anfang. Und… du könntest eine Menge Spaß haben.“
„Moment, Milena, willst du mir da etwas erzählen?“ Grinsend setzte ich mich auf. Ich war froh über den Themenwechsel und die Möglichkeit, von mir abzulenken.
Sie zuckte mit den Schultern, aber das breite Grinsen in ihrem Gesicht sprach Bände. „Ich treffe mich morgen Abend mit jemandem.“
„Was? Und das erzählst du mir erst jetzt? Wie kannst du mich so lange ausquetschen, ohne selbst einen Ton von dir zu geben?“
„Ich musste erst sichergehen, dass zwischen dir und dem Nachhilfe-Jungen nichts ist. Ich will nicht, dass meine beste Freundin ins Gefängnis kommt.“
Ich rollte mit den Augen, verzichtete aber darauf ihr ein weiteres Mal zu sagen, dass sie maßlos übertrieb. Und dass ihre Sorgen komplett unnötig waren. „Na los, jetzt erzähl mir schon, was bei dir los ist. Wer ist es? Wie sieht er aus?“
„Versprichst du mir, dass du dir dann auch Tinder runterlädst und mal ein paar Kerle matchst? Wäre nicht schlecht, dann hast du auch ein bisschen Ablenkung nach allem, was mit Konstantin war.“
„Milena, ich…“
„Du… was? Hängst vielleicht doch an Nachhilfe-Benny?“ Sie zog die Augenbrauen hoch.
Wütend funkelte ich sie an. „Nein, tue ich nicht. Aber es wäre komplett sinnlos, wenn ich mir…“
„Ha! Also doch. Du suchst nur Ausreden, warum du es nicht machen solltest. Weil dir doch irgendetwas an dem Kleinen liegt.“
„Hör auf, ihn als Kleinen zu bezeichnen.“
Milenas Augenbrauen wanderten immer weiter in die Höhe.
Leise seufzte ich. „Du kennst ihn nicht. Er ist wirklich total in Ordnung und ich mag ihn, wir verstehen uns wirklich gut. Was nicht heißt, dass ich auf ihn stehe. Und Tinder will ich nicht, weil ich die Leute lieber so treffe. In Bars oder Clubs, wie bisher auch. Dazu brauche ich keine App.“
Ich sah es in Milenas Augen, dass sie es mir nicht glaubte. Und ich wusste, dass ich sie nicht davon überzeugen konnte, dass das zwischen Benny und mir wirklich nur rein freundschaftlich war. Sie konnte sehr starrsinnig sein und beharrte oft auf ihrer Meinung und ließ sich nicht umstimmen. Wahrscheinlich würde ich sie erst am Tag nach dem Treffen im Kino davon überzeugen können, dass das zwischen Benny und mir nichts war. Was wollte ich auch von einem Jungen, der so viel jünger war als ich? Aber Milena schien das alles nicht zu sehen.
Die Türklingel unterbrach unser Schweigen. „Ich gehe“, sagte Milena sofort und sprang auf. „Warte ruhig hier.“
Die Tür zu ihrem Zimmer fiel hinter ihr ins Schloss. Ich hörte ihre Schritte, wie sie schnell die Stufen hinuntersprang und dann die Tür öffnete. Kurz zog ich mein Handy hervor und checkte meine Nachrichten. Benny hatte mir noch nicht geschrieben.
In den nächsten drei Tagen checkte ich mein Handy übertrieben oft. Ich suchte nach immer mehr Ausreden, um mein Verhalten vor mir selbst zu rechtfertigen. Keine davon war auch nur ansatzweise plausibel. Je mehr Zeit verging, desto mehr ärgerte es mich, dass ich nichts von Benny hörte. Und dann ärgerte ich mich darüber, dass ich mir überhaupt Gedanken darüber machte. Aber warum fragte er mich überhaupt nach einem Treffen, wenn er sich dann so lange nicht meldete? Blöderweise hatten wir unseren nächsten Termin für die Nachhilfe auch erst wieder für Sonntag ausgemacht, ich würde ihn davor also nicht mehr zufällig darauf ansprechen können.
Warum wollte ich ihn vorher überhaupt noch sehen? Und warum machte ich mir solche Gedanken darüber? Das war nicht ich. Das passte nicht zu mir. Überhaupt nicht. Meine Gedanken drehten sich viel zu häufig um Benny. Wie hatte er das nur geschafft?
Am Mittwoch fehlte Milena in der Uni. Schon am Abend zuvor hatte sie mir geschrieben, dass sie nicht kommen würde. Sie hatte ihr Date mit dem Typen von der App und anscheinend lief es so gut, dass sie es am Morgen danach nicht in die Uni schaffen würde. Es freute mich für sie und ich nahm es ihr auch alles andere als übel, dass sie nicht kommen würde. Sie sollte ruhig ihren Spaß haben, den hatte sie sich verdient.
„Und, was sind eure Pläne für Freitag?“, fragte Valentina in der Mittagspause in die Runde. Wir saßen an unserem Stammplatz in der Kantine. Langsam leerte es sich wieder, sodass ich wieder die Worte von den Leuten um mich herum verstehen konnte. „Ich meine, es ist Valentinstag. Da plant doch jeder etwas Besonderes, nicht wahr?“ Sie wackelte mit den Augenbrauen.
„Hat Kris sich etwas Schönes für dich ausgedacht?“, fragte ich sie und schob meinen Teller von mir weg.
„Oh ja, das hat er.“ Sie grinste breit. Die beiden waren schon ewig zusammen, aber immer noch verliebt wie am ersten Tag. Einfach nur süß. Ich konnte mir kein schöneres Paar als die beiden vorstellen. „Er will es mir nur noch nicht verraten“, seufzte sie.
„Letztes Jahr habt ihr doch diesen Kurztrip nach Wien gemacht, oder?“, erinnerte sich Selina.
„Oh ja, das war so romantisch“, seufzte Valentina und lächelte selig. Kurz schloss sie die Augen. Sie hatte diesen Ausdruck, den nur frisch Verliebte hatten. Irgendwie beneidete ich sie darum, obwohl ich weit davon entfernt war, selbst eine Beziehung zu wollen. Vor allem nach der Sache mit Konstantin. Der Schmerz saß noch immer tief in meiner Brust und ich wollte das definitiv nicht noch einmal erleben. „Vielleicht fahren wir ja nach Paris? Hm, mal abwarten.“
„Hat er irgendwelche Andeutungen gemacht?“
„Noch nicht wirklich. Nur, dass es eben außergewöhnlich schön wird. Aber das ist es immer mit ihm. Daher könnte es wirklich alles sein.“ Sie lächelte. „Und bei euch? Xenia?“
„Nichts Neues. Ich bin Single.“ Sie zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht gehen wir auf eine Singleparty“, warf Selina ein.
„Tut das nicht. Macht euch lieber selbst einen netten Abend mit Filmen, Pizza und Schokolade“, meinte ich. „Auf solchen Singlepartys am Valentinstag triffst du wirklich nur verzweifelte Kerle und die willst du wirklich nicht haben.“
„Du sprichst aus Erfahrung?“ Neugierig schaute Selina mich an.
Ich zuckte mit den Schultern. „Einmal, als ich gerade achtzehn geworden bin, war ich auf so einer Party. Danach nie wieder. Und das hat auch seinen Grund.“
Selina und Xenia diskutierten noch ein wenig weiter, was sie tun sollten. Mein vibrierendes Handy in meiner Hosentasche lenkte mich ab. Mein Herz schlug etwas schneller, als ich Bennys Name auf dem Display sah. Ich öffnete die Nachricht, sperrte den Bildschirm aber gleich wieder, als sich jemand neben mich setzte. Das ging niemanden etwas an.
„Hey Mädels, na, was geht?“ Mike zog seinen Stuhl etwas näher an den Tisch heran. Er hing nur ab und an mit uns ab. Außerdem war Mike einer der besten Freunde von Konstantin. Bisher hatte ich mich immer gefreut, wenn er sich zu uns gesellt hatte, denn das bedeutete, dass Konstantin bei ihm war. Und eben dieser setzte sich einen Platz weiter auf die gleiche Seite. Unwillkürlich rückte ich etwas näher an Valentina heran, die rechts von mir saß.
„Wir erörtern gerade unsere Pläne für den Valentinstag“, plapperte Xenia einfach drauflos, als wäre nie etwas geschehen. Sie hatte wirklich ein Spatzenhirn. „Was habt ihr vor? Gehst du romantisch mit Amelie aus, Konstantin?“
„Wir… machen etwas Lockeres. Ein schöner gemeinsamer Abend“, erwiderte er etwas zurückhaltend aber mit einem leisen Lächeln auf den Lippen. Er schaute kein einziges Mal zu mir herüber. Ich wandte meinen Blick schnell wieder ab. Ich wollte ihn nicht sehen und ich wollte nichts wissen über seine romantischen Aktionen für Amelie.
„Mit Kerzen? Und ein wenig Wein?“ Xenia wackelte mit den Augenbrauen.
„Das, meine Liebe, geht dich nichts an.“
„Dann frag ich einfach Amelie am Wochenende danach.“ Sie blinzelte ihm zu.
Ich nahm wieder mein Handy in die Hand und rief die neue Nachricht auf. Es war schwer, mein Telefon so zu halten, dass mir weder Mike von links noch Valentina von rechts auf das Display schauen konnte.
„Und was machst du, Jo? Du hast noch gar nichts gesagt“, wandte Selina sich an mich. „Oder machst du einen Filmeabend mit Milena?“
„Oh, nein. Ich bin verabredet“, erwiderte ich locker. Es tat gut, das so vor Konstantin zu sagen. Er sollte nicht glauben, dass er mein Leben in irgendeiner Weise beeinflusste. Sollte er ruhig sehen, was er verpasste. Tatsächlich glaubte ich, dass sein Blick kurz einmal zu mir herüber flackerte. Schnell und unauffällig. Kaum zu bemerken.
„Mit wem denn? Erzähl mal, ich wusste gar nicht, dass du dich mit neuen Kerlen triffst“, bohrte Valentina sofort nach.
„Nur ein Freund. Nichts Besonderes.“
„Ist es Benny? Der von der Nachhilfe?“ Xenias Augen blitzten auf.
Ich öffnete den Mund, doch bevor ich etwas sagen konnte, leuchtete das Display meines Handys erneut auf und Bennys Name war darauf groß und deutlich zu lesen. Verräter.
„Oh, was schreibt er dir denn?“ Neugierig lehnte Valentina sich zu mir herüber.
„Nur wegen Freitag. Wir gehen ins Kino zusammen. Mehr nicht.“ Ich ärgerte mich über die Blicke, die sich Xenia und Selina sogleich zuwarfen. Warum glaubten eigentlich alle, dass ich auf Benny stehen würde oder er auf mich? Konnte es nicht einfach Freundschaften zwischen Männern und Frauen geben? Die beiden waren doch nur neidisch, weil sie selbst kein Liebesleben hatten.
„Zeigst du mir sein Profilbild? Ich hätte gerne mal ein Bild von ihm“, fragte Valentina.
Ich rollte mit den Augen, ich hatte es mir ja selbst nicht angeschaut, gab aber doch nach und rief den Chat auf. Bewusst schnell tippte ich die Nachrichten weg. Unsere Planung für Freitag ging sie ja nichts an. Und ich wollte auch vor den beiden Jungs nicht weiter darüber sprechen. Es war cool gewesen, solange ich geheimnisvoll tun konnte und Benny als irgendeinen mysteriösen Unbekannten dastehen lassen konnte.
„Oh wow, er sieht wirklich gut aus. Man sieht ihm nicht an, dass er jünger ist“, bemerkte Valentina.
Ich war Valentina dankbar, dass sie das sagte. Konstantin war eben nicht das einzige gutaussehende männliche Wesen auf dem Planeten. Insgeheim musste ich Valentina zustimmen. Das Bild ließ Benny in einem extrem guten Licht dastehen. Seine kantigen Gesichtszüge kamen gut zur Geltung und er wirkte deutlich älter. Er sah überhaupt nicht aus wie sechzehn. Er hätte locker in unserem Alter und auf der Uni sein können.
„Okay, dann gehen wir mal weiter, wenn ihr nur über so Mädelszeug quatscht“, seufzte Konstantin und stand auf. „Wir sehen uns dann in den Vorlesungen.“
Widerwillig folgte Mike ihm und die beiden verschwanden so schnell wieder, wie sie gekommen waren. Zu gerne hätte ich mich selbst noch einmal umgedreht, um den beiden Jungs, vor allen Dingen aber Konstantin, hinterherzuschauen. Um zu wissen, ob er sich ebenfalls noch einmal nach mir umdrehte. Aber ich tat es nicht und ersparte mir damit selbst den Schmerz der Ablehnung.
„Trainiert er?“ Valentina deutete auf das Bild, das noch immer auf meinem Handy zu sehen war.
„Keine Ahnung. Wir haben uns bisher hauptsächlich über die Schuke unterhalten.“ Ich zuckte mit den Schultern und steckte mein Handy schnell wieder ein. Mit ihnen hatte ich genug über Benny gesprochen. Mehr brauchten sie nicht zu wissen.
„Finde es raus. Und dann mach dir einen schönen Abend.“ Valentina zwinkerte mir zu.
„Sieht er so gut aus?“, hakte Selina nach, die wohl selbst darauf spekulierte, das Bild zu sehen.
„Oh ja“, bestätigte Valentina.
„Zeig mal her.“
„Wir müssen langsam weiter, wenn wir noch gute Plätze im Hörsaal bekomen wollen“, wich ich aus. „Später dann.“ Und damit stand ich auf und brachte mein Tablett weg. Natürlich würden sie später kein Bild zu sehen bekommen. Warum auch? Damit sie wieder darauf herumreiten konnten, dass ich auf ihn stehen würde? Darauf konnte ich verzichten.
Innerlich seufzte ich auf. Wo war Milena eigentlich, wenn ich sie einmal brauchte? Wobei, vielleicht war es besser, dass sie heute nicht da war. Ich vermisste sie in den Vorlesungen, das auf jeden Fall. Aber sie hätte auch mit Sicherheit wieder damit angefangen, dass Benny ja so auf mich stehen würde. Und ich war tatsächlich froh darüber, es einen Tag lang nicht hören zu müssen.
Ungeduldig schaute ich auf meine Uhr. Zwei Minuten nach acht. Er war zu spät. allein stand ich vor dem Kino in der Innenstadt und wartete darauf, dass er endlich auftauchte. Die Blicke der vorbeigehenden Passanten nervten mich. Ihre Gedanken waren ihnen geradezu ins Gesicht geschrieben. Die Arme, sie wird am Valentinstag versetzt.
Ich warf meine Haare zurück. Ich war niemand, der versetzt wurde. Drei Minuten hatte er noch und dann…
Noch bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte hielt ein Auto nur wenige Meter von mir entfernt an und Benny sprang heraus.
„Hey Jo, danke, dass du gewartet hast. Der Verkehr war die Hölle“, begrüßte Benny mich und drückte mich wie immer kurz zur Umarmung.
„Kein Problem.“ Ich lächelte. Ein vorbeilaufendes Pärchen schaute schnell zur Seite. „Wie geht es dir? Hattest du Stress?“
Er winkte ab und hielt mir die Tür zum Kino auf. „Nicht der Rede wert. Ariane hat mich etwas aufgehalten und dann durften wir an wirklich jeder Ampel halten. Glaub mir, es war einfach schrecklich.“ Er lachte. „Ich hatte wirklich Glück, dass du nicht einfach weggelaufen bist.“
„Ich war kurz davor“, erwiderte ich, halb im Scherz.
„Na dann hab ich ja wirklich Glück gehabt“, grinste er und zwinkerte mir zu.
„Möchtest du etwas zu essen? Oder trinken?“, fragte ich und deutete auf die Snackbar. „Dann kümmere ich mich darum, während du die Karten holst.“
„Karten hab ich schon online gekauft. Und ich hab gesagt, dass ich dich einlade, da kannst du nicht…“
„Keine Widerrede. Du hast nur etwas von Karten gesagt, Snacks waren nicht mit inbegriffen. Außerdem habe ich sonst ein schlechtes Gewissen. Sag mir einfach, was du willst“, erwiderte ich energisch. Es sollte sich weniger nach einem Date anfühlen und mehr nach einer lockeren Verabredung, was es auch war.
„Aber ich habe dich eingeladen.“
„Ja und? Also, was möchtest du?“
„Ganz klassisch Popcorn. Aber lass uns wenigstens gemeinsam anstehen.“
„Okay.“ Ich fühlte mich etwas unwohl. Vor uns stand ein Pärchen. Er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt und sie schien beinahe in ihn hineinkriechen zu wollen. Immer wieder schauten sich die beiden tief in die Augen und kicherten zusammen. Ich brauchte nicht hinter mich zu schauen um zu wissen, dass es da genauso aussehen würde.
„Wie geht es dir? Hattest du viel zu tun in der Uni?“, fragte Benny. Es war das erste Mal, dass zwischen uns so etwas wie unangenehme Stille herrschte.
Ich zuckte mit den Schultern. „Nicht mehr als sonst auch. Meine beste Freundin war die letzten zwei Tage krank, daher war es ein wenig langweilig.“
„Geht es ihr wieder besser?“
„Ich glaube, dass das eher daran liegt, dass ihr Typ sie direkt nach dem ersten Date wieder sitzen gelassen hat. Das macht ihr wahrscheinlich etwas zu schaffen.“
„Autsch. Das ist nicht sonderlich schön.“
„Auf keinen Fall.“ Ich seufzte. „Die Arme. Dabei war sie so begeistert von dem Typen.“
„Wie haben sie sich kennengelernt?“
In der Schlange ging es nur langsam vorwärts. Das Pärchen vor uns schien sich beinahe auffressen zu wollen. Ich drehte meinen Geldbeutel zwischen meinen Fingern hin und her um sie nicht ansehen zu müssen. „Über eine App. Sie haben auch nur geschrieben und sich einmal getroffen, aber dafür dann ziemlich lange und anscheinend war er von ihr wohl genauso angetan wie sie von ihm. Hat sie zumindest erzählt. Und dann kam danach irgendwann die Nachricht, dass das nichts wird und wohl nur eine einmalige Sache war.“
Benny seufzte. „Er hätte es ihr wenigstens gleich sagen können.“
„Ja, eigentlich schon. Sie sucht sich aber auch immer die falschen Typen aus. Manche Leute haben einfach das Talent, sich immer die falschen Kerle rauszusuchen.“
„Redest du von dir selbst?“
Ich spürte seinen Blick auf mir, schaute aber stur weiter geradeaus. Er spielte auf Konstantin an und das wollte ich nicht hören. Am besten nie wieder. Ich wollte nicht daran denken, was er gerade Romantisches mit seiner Freundin machte. Allein bei dem Gedanken drehte sich mir der Magen um und mir wurde übel. Vielleicht hatten sie ja auch gerade ihr erstes Mal. Der Griff um meinen Geldbeutel wurde immer fester. Das Pärchen vor uns hatte nun endlich aufgehört zu knutschen und bestellte stattdessen. Endlich. Ich wollte ihnen nicht länger zusehen.
„Jo?“
„Nein, ich rede nicht von mir. Das war nur ein einziges Mal“, erwiderte ich steif und ging dann einen Schritt weiter nach vorne an den Tresen.
Benny erwiderte nichts darauf. Vorübergehend. Er würde die Antwort mit Sicherheit nicht einfach so stehen lassen.
„Und du? Hast du dir bisher die falschen Mädchen ausgesucht?“, fragte ich ihn einige Minuten später, als wir mit unseren Popcorntüten in Richtung Kinosaal schlenderten. So hatte er zumindest keine Chance mich noch weiter auszufragen.
„Nein“, erwiderte er schlicht und zeigte kurz das elektronische Ticket vor.
„Was? Keine weiteren Ausführungen?“ Er ging vor mir die Stufen hinauf, sodass er nicht sehen konnte, dass ich spöttisch eine Augenbraue hochgezogen hatte. Dafür war ich auf Augenhöhe mit seinem Hintern und musste sofort an Valentinas Frage nach Sport denken. Schnell schob ich den Gedanken beiseite. Das hier war kein Date.
Benny lachte auf und drückte sich an einigen Pärchen in der Reihe vorbei. Im ganzen Kino schien sich kein einziger Single aufzuhalten. Benny und mich einmal ausgenommen. Vorsichtig balancierte ich meine Tüte an den anderen vorbei. Unsere Plätze waren ganz am Rand des Saals. Neben Benny war nur noch die Wand.
„Soll ich das denn weiter ausführen?“ Er schmunzelte und drehte sich zu mir herüber.
„Es wäre untypisch für dich, wenn du es nicht tun würdest“, entgegnete ich trocken. „Also?“




