SELBST-geführte Psychotherapie

- -
- 100%
- +
Übung
Bei der Übung des Oszillierens geht es darum, zentriert bei sich im Hier und Jetzt zu sein. Es geht darum, in sich hinein zu spüren und sich zu fragen: Was nehme ich bei mir gerade wahr, während ich mit einer anderen Person im Kontakt bin.
IM HIER UND JETZT:
Was fühle ich?
Was denke ich?
Was empfinde ich?
Welche Körperempfindungen spüre ich?
Was tut mein Körper?
Was tue ich gerade?
Was signalisiere ich?
Was brauche ich?
Dann sinne ich nach:
Woher mag das kommen?
Wohin gehört das?
In welche Szene?
In welche Zeit?
Wenn es in eine alte Szene gehört, frage ich mich weiter:
Was fühle ich von damals?
Was denke ich von damals, wenn ich …
Was empfinde ich dabei?
Wie geht/ging es meinem Körper?
Was signalisiere(t) ich(er) noch?
Was hätte ich/mein Körper gebraucht?
Ich übernehme die Verantwortung für all das, was im Moment bei mir im Inneren los und meiner Wahrnehmung zugänglich ist. Ich mache mir bewusst:
Ich bin ich, mit alledem in mir.
Ich habe Respekt, Wertschätzung und Annahme dafür.
Ich habe meine Grenzen und achte sie.
Und du bist du, mit alledem in dir.
Ich habe Respekt, Wertschätzung und Annahme dafür bei dir.
Und du hast deine Grenzen und ich achte sie.
Wenn ich bei mir bin und gleichzeitig im Kontakt mit einer anderen Person, ist es unabdingbar, meine und ihre Grenzen im Innen und im Außen zu erspüren und zu respektieren Wo fange ich an, wo höre ich auf? Wo fängt der andere an und wo hört er auf? Mein Fokus richtet sich nun mehr auf mein Gegenüber. Was nehme ich beim anderen wahr?
Was sehe ich, was höre ich, was rieche ich, was fühle ich?
Was denke ich über die andere Person?
Was empfinde ich für sie?
Wie erlebe ich sie?
Was tut mein Körper gerade in Bezug auf sie?
Was für Fantasien habe ich über sie?
Was tue ich gerade in Bezug auf sie?
Was signalisiere ich gerade in Bezug auf sie?
Was projiziere ich auf sie?
Und wieder zurück mit dem Fokus zu mir selbst, in dem Wissen, dass alles, was ich wahrgenommen habe, vor dem Hintergrund meines Lebens situativ, subjektiv und selektiv bleibt, aber mir nun bewusster ist, weniger verstrickt mit mir. Diese klaren Grenzen tun gut.
Hildegund Heinl benannte diese Bewegung auf den Beziehungsebenen vom Ich von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück ins Hier und Jetzt zum Du und wieder zu sich selbst als ein »Hoch und Runterklettern der Sprossenleiter des Lebens und der Gefühle«.
Es braucht Übung – und ehrlicherweise ganz schön viel Übung, aber es lohnt sich ungemein, schnell den Fokus wechseln zu können zwischen Ich und Du und wieder Ich, bis das irgendwann parallel läuft – bei sich zu sein und gleichzeitig beim anderen, ohne uns zu vermischen. Auf diese Weise, gleichzeitig abgegrenzt und nahe, spüren wir uns und den anderen intensiv. Wir werden uns und auch unserem Gegenüber gerechter, haben die Möglichkeit, mehr Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, und dem Anderen seine Verantwortung auch zu belassen und sie ihm nicht wegzunehmen. Diese Art von Kontakt und Begegnung ist authentisch, jedes Mal neu und spannend, und berücksichtigt viele Ebenen. Ein tiefes Kennenlernen meiner selbst und meines Gegenübers ist auf diese Weise möglich. Wir hören auf, für andere zu denken, zu fühlen und zu handeln. Unser Gegenüber behält seine Hoheit und seine Würde. Wenn wir mit ihm denken, fühlen, handeln, wenn es dies möchte, kann eine ganz andere Beziehung entstehen, als wenn wir das für es tun. Besonders in therapeutischen Berufen sollte diese Art von Selbstverantwortlichkeit ausführlich geübt werden, da wir uns sonst die Arbeit unnötig schwerer und anstrengender machen. Indem wir scheinbar gut gemeint Verantwortung für jemanden übernehmen, können wir ihm auch etwas Wichtiges wegnehmen. Und übrigens auch im privaten Alltag lebt es sich mit diesen guten Grenzen von Ich und Du vortrefflich.
Wenn wir uns auf dieser Grundlage dann noch gewahr werden, dass jedes System von Ich und Du aus jeweils einem SELBST und einer Fülle von Persönlichkeitsanteilen bestehen, kann es nur noch spannender werden!
Metaebene
Die introspektive Wahrnehmung übt innere Achtsamkeit. Sie ist in der Lage, die Ebenen zu wechseln. Sie ist Voraussetzung zur Selbstreflexion, den eigenen Resonanzboden zu erkennen, das innere Instrumentarium zu nutzen und Verantwortung für sich und sein Innenleben zu übernehmen. Aus dem Blickwinkel der Metaebene, einer anderen, neuen, weiteren oder engeren Perspektive, verändern sich die Wahrnehmungen, die Beobachtungen und Sichtweisen, aber auch die Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Einstellungen und Verhaltensweisen. Mit der Art dieser Wahrnehmung eröffnet sich ein weites Feld im Kontakt zum eigenen Innenleben, zu anderen und im Kontakt miteinander. Es ist der Unterschied einer subjekt- oder einer objektbezogenen Sichtweise, zwischen assoziativer und dissoziativer Betrachtung, ob ich in mir kreise oder mich mit etwas Abstand wahrnehmen kann. Sich selbst unter verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen zu können, schafft die Voraussetzung, sich in unterschiedliche Seins-Zustände bei sich selbst und bei anderen hineinzuversetzen. Es ist eine Voraussetzung für Empathie mit sich selbst (Selbstmitgefühl) und für andere, und damit auch eine Bedingung für emotionale und psychosoziale Kompetenz.
Ich möchte das folgende Beispiel als Metapher verstanden wissen. Es macht einen Unterschied, ob ich als Schauspieler*in in einer bestimmten Rolle auf der Bühne stehe oder ob ich als Regisseur*in im Zuschauerraum sitze, ob ich mich und die anderen Schauspieler*innen in ihren Rollen beobachten kann, jeden einzelnen, aber auch das gesamte Stück mit seiner Atmosphäre, die es ausstrahlt. Stehe ich in einer bestimmten Rolle auf der Bühne, bin ich mit mir beschäftigt. Ich nehme mich wahr und bin auf meinen Auftritt konzentriert. Als geübter und zentrierter Schauspieler bin ich ganz bei mir und kann gleichzeitig die anderen und auch das Stück wahrnehmen. Ich weiß, dass ich keinen Dauer-Soloauftritt habe und dass der Erfolg des Stückes genauso von jedem Einzelnen wie von unserem guten Zusammenwirken abhängt. Auch ist entscheidend, dass der Regisseur einen guten Draht zu seinen Schauspielern hat und umgekehrt. Wenn ich nun davon ausgehe, dass jeder Mensch alles gleichzeitig ist, also sein eigenes Theater, sein eigener Regisseur, alle seine Schauspieler, in vielen Rollen und mehreren Stücken zu unterschiedlichen Zeiten, seine eigene Bühne und sein Zuschauerraum, in einer bestimmten Atmosphäre und dies in einem bestimmten Zeitgeist, einer gewissen Epoche, dann werden die Wahrnehmungen und Beobachtungen von den unterschiedlichen Standpunkten voraussichtlich sehr vielfältig ausfallen. Mit dem Standpunkt der Metaebene kann sich die Sichtweise beträchtlich verändern. Hat ein Mensch das einmal erlebt, wird es ihm in Zukunft schwerfallen, eindimensional im Leben unterwegs zu sein. Es kann hilfreich sein, sich in jedwede Position hineinversetzen zu können, um wenigstens für einen Moment die Facetten der Rolle des Anderen zu erleben, wie es sich anfühlen könnte, an seinem Platz zu sein. Um schnell wieder zu bemerken, ich bin nicht du, auch wenn ich dich jetzt ein bisschen besser zu begreifen glaube, – und zu dem eigenen Ausgangspunkt zurückzukommen. Aktive Empathie ist definiert als kurzes sich in eine andere Person Hineinversetzen, so als ob man diese Person wäre, und sich schnell wieder aus ihr herauszuversetzen. Dann können wir den Anderen vielleicht ein bisschen besser verstehen, aber uns auch seiner Einzigartigkeit bewusst werden. Spiegelneuronen katapultieren uns nicht selten in die Gefühlswelten eines anderen hinein, ohne dass wir das steuern können. Diese Art des Hineinversetzens geschieht dann eher unbewusst mit uns. Umso wichtiger ist es, gerade in therapeutischen Berufen und auch in Beziehungen, sich seiner Gefühle bewusst zu werden. Sind es meine? Sind es deine? Jedes Individuum hat seine eigene Innenwelt. Wir können Respekt voreinander haben. Ich bin nicht du und du bist nicht ich.
Die unterschiedlichen Therapiearten bedienen sich beim Erkunden des Innenlebens dieser Metaebene und haben, je nach Therapieverfahren, den Inneren Beobachter, den Inneren Zeugen, den Inneren Regisseur u.v.a.m. eingeführt. Er kann Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Verhaltensweisen der unterschiedlichen Teammitglieder registrieren, ohne sie gleich voll ausleben zu müssen. Daher kann er verantwortlich für sein eigenes Theater handeln. Mit anderen Theatern kann er im Wissen um deren ähnliches oder anderes Innenleben achtsam und respektvoll in Kontakt treten, ohne seine Zentriertheit zu verlassen. Diese ist nämlich eine Garantin für den guten Kontakt mit anderen Theatern und ihren Teams – also von Ich zum Du.
Die assoziative und dissoziative Wahrnehmung
Bei der assoziativen Wahrnehmung spüre ich meine eigenen Gefühle, stecke in meiner Person, in meiner Welt drin, erlebe die Gefühle intensiv, bin diese Gefühle und Erlebnisse. In der dissoziativen Wahrnehmung trete ich etwas aus mir heraus auf eine Metaebene und kann mein Innenleben von außen wahrnehmen. In dieser Position kann ich Gefühle, Körperempfindungen, Geschehnisse, Gedanken und Erinnerungen und eben auch Persönlichkeitsanteile mit Abstand registrieren, vielleicht in etwas abgeschwächter Form, und sehe auf meinen inneren Kosmos oder auf die Außenwelt durch das Auge eines Beobachters. Automatisch schwanken alle Menschen unbewusst zwischen der assoziativen und der dissoziativen Wahrnehmung bei der Bewältigung schmerzhafter Gefühle und Traumata. Einige Formen und Techniken der Traumatherapie (PITT von Luise Reddemann, EMDR, Beobachter- und Bildschirmtechnik) machen sich dies zu eigen und begreifen das bewusste Pendeln zwischen Assoziation und Dissoziation als Ressource. Auch in der Schmerztherapie wird diese Technik angewandt.
Resonanz
Die Fähigkeit zum Mitschwingen von Systemen wird als Resonanz (lat. Widerhall) bezeichnet. Resonanzen werden wie auf dem Musikinstrument des eigenen Leibes auf körperlicher und auf der Gefühlsebene wahrgenommen. Therapeut*innen und Ärzt*innen stellen für ihre Klient*innen und Patient*innen unbewusst immer auch eine Art Resonanzboden dar. Auf diesem werden die Schwingungen der Klient*innen zunächst unbewusst reflektiert. Dieser Resonanzboden kann natürlicherweise nicht spiegelblank geputzt für jeden Klienten sein, da die Behandelnden ja kein weißes Blatt sind. Die eigenen Schwingungen und Spuren im Leben der Therapeut*innen spannen dieses Instrument vor. Mit viel Selbsterfahrung und guter Kenntnis der eigenen Lebensgeschichte mit ihren psychischen und physischen Auswirkungen auf diesen Resonanzboden kann unterschieden werden, was den Therapeut*innen eigen ist und welche Schwingungen die Klient*innen bei ihnen ausgelöst haben. Ohne Schulung der Wahrnehmung besteht die Gefahr, dass die Resonanzen durcheinandergeraten und unklare Misstöne entstehen. Können die Therapeut*innen dieses Instrumentarium nutzen, haben sie die Möglichkeit, diese Resonanzen zu verdeutlichen, zu verstärken, zu spiegeln, in Worte zu fassen etc. Sie haben dadurch ein breiter aufgestelltes Instrumentarium für die Diagnostik und die Therapie. Sie können sich ihrer eigenen Schwingungen bewusst sein, die sie ihrerseits aussenden. Denn auch umgekehrt erleben die Klient*innen und Patient*innen Resonanzen im Kontakt mit den Behandlern. Das selbstverantwortliche, offene und präsente Mitschwingen seitens der Therapeuten führt zur einer verbesserten, weil abgegrenzten Wahrnehmung. Klienten fühlen sich so wirklich wahr- und ernstgenommen in ihrer eigenen Welt. Das führt zu einer tiefen Ein-Sicht in ihre eigene innere Landschaft und zu einem echten Dialog, einem Verbundensein mit der eigenen Welt, aber auch einer Verbindung zu dem Behandler. Durch diese Art des Kontaktes wird der Therapeut auch vor Konfluenz geschützt, da er seine eigenen Schwingungen kennt und in eine echte professionelle Beziehung treten kann.
Die Selbstwahrnehmung hilft, den Resonanzboden des Behandlers, der natürlich nie frei von eigenen Inhalten sein kann, zu erkunden. Sei es, den eigenen Gefühlsstatus zu erkennen, den Körper als kompetenten, nahezu allwissenden »Partner« immer besser kennen und schätzen zu lernen, die eigenen »blinden Flecken« zu sehen und eine eingeengte Wahrnehmung zu korrigieren. Sie hilft dabei herauszufinden, in welche Rollen der Therapeut sich »gerne« bringen lässt, um somit nicht mit dem Patienten Konflikte auszutragen, die in seiner eigenen Biografie anzusiedeln sind. (Siehe Therapeuten-Teile in Kapitel 16.)
In Beziehungskonstellationen und auf der Beziehungsebene kann der Behandler auf dem Boden der Wertschätzung seiner eigenen Emotionen und der der Klient*innen die Muster und Konflikte, die er mit den Klient*innen unbewusst eingegangen ist, besser erkennen, analysieren, danach handeln und sie ggf. auflösen. Er wird in die Lage versetzt sein, die Klient*innen als eigenständige Menschen besser zu sehen, wenn er sie nicht in Verwicklung mit sich selber erlebt. Für den Fall – und der Fall passiert immer wieder –, dass eine Verwicklung geschehen ist, kann er erst mal wahrnehmen, was geschehen ist, ein Verständnis dafür entwickeln, dafür Verantwortung übernehmen und sich dann wieder daraus lösen. In einer positiven Abgrenzung den Klient*innen gegenüber wird er ihnen und sich gerechter, wenn er seine eigenen Konflikte professionell löst, statt dass er unbewusst eigene emotionale Inhalte oder Konflikte im Land der Klient*innen »kolonialisiert« und sich mit ihnen in seinem eigenen Konfliktgebäude verheddert.
Das Gewahrwerden des eigenen Körpers (besser: Leibes) eröffnet ihm eine eigene Quelle, sei es von Freude und Wohlbefinden, manchmal aber auch von eigenem Schmerz und Leid. Dies ist jedoch die Möglichkeit zur Wandlung. Es schützt den Behandler davor, abends die Geschichten der Klient*innen und das in der Gegenübertragung erlebte Gefühl und Körpergefühl seiner Klient*innen mit nach Hause zu nehmen. Kann er sein eigenes Körpergefühl identifizieren, wird er für Möglichkeiten einer wohltuenden Psychohygiene und einer gesunden Abgrenzung nicht nur offener sein, er wird das Bedürfnis danach verspüren! Und wissen, wie er sich im Sinne der Selbstfürsorge Gutes tun kann.
Unterschiedliche Sinneskanäle
Wahrnehmung durch die Sinne findet laut Richard Bandler und John Grinder, die Begründer des NLP, auf mehreren Sinneskanälen statt, von denen die meisten Menschen unbewusst einen bevorzugen und die anderen nachgeordnet benutzen. Die Sinneskanäle beziehen sich auf visualisieren (sehen), auditiv wahrnehmen (hören) und kinästhetisch wahrnehmen (fühlen). Die Autoren wiesen nach, dass Menschen mit unterschiedlich favorisierten Primärkanälen sich nicht gut verständigen können, zum Beispiel wenn ein Kommunikationspartner eine lebhafte Bildsprache benutzt, während sein Gegenüber in der Welt der Klänge oder der Gefühle aufgeht. Es besteht jedoch die Möglichkeit, den Hauptkanal bei sich und beim Klienten zu erkennen und bewusst die Wort- und Beispielfindung auf die bevorzugten Sinneskanäle des Patienten abzustimmen und somit Brücken zu bauen. Auch steht die Möglichkeit offen, die Sinneskanäle des Klienten zu vernetzen und sie ihm besser zugänglich zu machen, damit er den vollen Zugang zu all seinen Kanälen erfahren kann. Was fühlen Sie, während Sie sehen? Was hören Sie, während Sie sehen? Was sehen Sie, während Sie fühlen etc.
Selbstreflexion im Gespräch
Ein paar wichtige Fragen könnte sich die Behandlerin immer wieder stellen: Hat das, was ich da erlebe, etwas mit mir zu tun? Erlebe ich es oft, dass ich eben diese Gefühle und Handlungsimpulse an mir wahrnehme? Welchen Teil in mir spricht das an? Lösen Klient*innen oft dieselben Gefühle in mir aus (dann hat das vermutlich seinen Ursprung in meiner eigenen Geschichte) oder kann ich mich relativ frei auf die Klient*innen einschwingen und auch wieder zu mir zurückoszillieren?
Die Selbstbeobachtung verhilft zu einer differenzierteren Wahrnehmung unserer selbst, unserer Gefühle, unseres Körpers, unserer Probleme, unserer Grenzen, unserer Stärken und unserer Schwächen. Sie hilft, unsere blinden Flecken zu erkennen, eine eingeengte Wahrnehmung zu korrigieren und ist der erste Schritt, mit uns selbst und dem anderen besser in Kontakt und Beziehung zu treten. Sie ist nicht immer einfach, aber eröffnet uns den Weg zu dem eigenen inneren menschlichen Reichtum.
Falls bis zu diesem Punkte noch Zweifel an der Notwendigkeit zur Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge für Therapeut*innen und Ärzt*innen bestehen sollten, hier noch ein Gedicht von Erich Fried:
Der Warner
Wenn Leute dir sagen: »Kümmere dich nicht so viel um dich selbst«, dann sieh dir die Leute an, die dir das sagen. An ihnen kannst du erkennen, wie das ist, wenn einer sich nicht genug um sich selbst gekümmert hat.
Übertragung und Gegenübertragung
Diese Begriffe wurden erstmals in der Psychoanalyse beschrieben.
Den Mechanismen von Übertragung und Gegenübertragung begegnen wir jedoch überall und sie sind nicht nur in therapeutischen Beziehungen von Bedeutung. Besonders häufig beschäftigen sie uns allerdings im psychotherapeutischen und ärztlichen Alltag.
Der Begriff der Übertragung wird verwendet, wenn der Klient etwas auf den Behandler überträgt. Dabei richtet der Klient oder Patient seine Gefühle, Wünsche (auch an die Beziehung), Bedürfnisse, Erfahrungen aus früheren lebensgeschichtlich wichtigen Kontexten auf die heutigen Behandler*innen. Auch die Wünsche, die eigentlich andere Menschen hätten erfüllen sollen. Er lebt in der unbewussten Überzeugung, dass die Bedürfnisse, die ihm damals versagt wurden, nun diese Behandler erfüllen müssten, beziehungsweise er lebt die ganze schwierige Palette der Gefühle der schon in der Kindheit frustrierten Bedürfnisse nun noch einmal mit seinem Behandler durch. In der Psychotherapie sind Übertragungen ein wichtiges, zu bearbeitendes Feld. Wenn der Klient introspektiv ist und Interesse an seinen Übertragungen zeigt, liefern sie wichtige Informationen zu den früheren Szenarien, in denen der Klient gelebt hat. Das gelingt umso leichter, je weniger die Therapie mit regressiven therapeutischen Instrumenten arbeitet und umso mehr die Therapie in erwachsener Selbstverantwortung Anwendung findet.
Für Gegenübertragung gibt es zwei Definitionen.
1 Die erste meint die Übertragung von Gefühlen, Bedürfnissen, Erfahrungen und auch Wünschen an die Beziehung zum Klienten vonseiten des Behandlers, die aus dessen eigener Lebensgeschichte und seinen unerfüllten Bedürfnissen stammen. Hier verbergen sich nicht selten Wünsche nach Wertschätzung und Anerkennung für seine außergewöhnlichen, aufopfernden Leistungen. Die Klienten sind jedoch nicht dazu da, dem Behandler etwas geben zu sollen, was er in seiner Vergangenheit hat entbehren müssen. Nicht selten leider werden jedoch Klienten in der Therapie emotional oder gar auch sexuell missbraucht. Hier sind Selbsterfahrung und Selbstreflexion unabdingbar notwendig und hilfreich, um nicht unbewusst in diesen Gegenübertragungsmodus zu verfallen und um für klare Grenzen in der Therapeuten-Klienten-Beziehung zu sorgen. Auch die unbewussten Reaktionsmuster und Resonanzen des Behandlers auf den Klienten zählen in die Kategorie der Gegenübertragung. Gegenübertragungsgefühle sollte der Behandler jedoch niemals am Klienten ausagieren, sondern sie sorgfältig wahrnehmen und an ihnen arbeiten. Es ist unerlässlich, dass er sich selbst für so wichtig nimmt, dass er ihn belastende Gefühle überhaupt als solche wahrnimmt, sie nicht einfach aushält, sondern nachverfolgt, auf welchem Hintergrund sie entstanden sind. Sind es eher ihn persönlich betreffende Gefühle oder doch Gefühle des Klienten, mit denen er sie verwechselt? Um das zu klären, ist die Supervision ein guter Ort, der dann aufzusuchen ist. Das gehört auch zur Professionellen Selbstfürsorge. Siehe auch Teil 4.
2 Die zweite Definition entspricht eher dem Gegenübertragungsbegriff bei Sándor Ferenci, der die Gegenübertragung zum Nutzen des Klienten instrumentalisiert sehen wollte, um so den Klienten über das im Therapeuten empfundene Gefühl besser verstehen zu können. Wir nehmen manchmal Gefühle wahr, die Gefühle unseres Gegenübers spiegeln und zu denen noch kein emotionaler und/oder bewusster Zugang besteht. Diese Gegenübertragungsgefühle therapeutisch nutzen zu können, setzt voraus, dass der Behandler auch Gefühle auf seinem Resonanzboden bewusst wahrnehmen kann, die nicht seine eigenen sind. Sie werden dadurch ausgelöst, dass der Klient gerade diese Gefühle bei sich unbewusst ausklammert oder abspaltet. Es ist eine hohe Herausforderung und braucht intensive Selbstkenntnis sowie eine gute Schulung der Gefühlswahrnehmung, um diese Unterscheidung treffen zu können. Was ist die Resonanz meines eigenen Inneren und was löst jemand anders in mir an Gefühlen, Empfindungen, Reaktionen etc. aus, das eigentlich nicht zu mir gehört?
Für therapeutische Begegnungen ist es ein riesengroßer Gewinn, den eigenen Resonanzboden und seine Gefühle gut zu kennen und die Gegenübertragungsgefühle von diesen unterscheiden zu können und sie nicht unbewusst auszuagieren. Dann können diese Gegenübertragungsgefühle als Diagnostikum und als Therapeutikum nutzvolle Anwendung finden. (Siehe auch Oszillieren, Metaebene, Resonanz.)
Ein mir sehr eindrückliches Beispiel möchte ich gerne hier schildern.
Ein etwa 55-jähriger Mann, klein und drahtig mit Halbglatze, überfreundlich und beflissen, mir all seine Beschwerden minutiös darlegend, kam aufgrund von Knieschmerzen zur Akupunktur in meine Sprechstunde als Ärztin. Bei der Schilderung seiner Beschwerden fügte er nach fast jedem Satz hinzu: »Wissen Sie, Frau Doktor?« Dies geschah in einem immer drängenderen Automatismus, dass er diesen Satz mindestens zwanzigmal und gefühlt jedes Mal lauter sagte. War ich zunächst freundlich zugewandt, merkte ich bald nach jedem Mal: »Wissen Sie, Frau Doktor?!,« dass ich diesen Satz so erlebte, als würde er mir im Stakkato um die Ohren gehauen und spürte ich in mir eine mir so nicht bekannte heftigste Aggression aufsteigen. Mich durchfuhr der Gedanke: »Wenn du jetzt diesen Satz jetzt noch einmal sagst, dann dreh ich dir den Hals um.« Wow, so was war mir noch nie passiert. Ich sagte zu dem Klienten: »Kleinen Moment, ich habe draußen etwas vergessen.« Ich musste einfach hinausgehen, um mich erst mal zu sortieren und herunterzuregulieren, atmete einmal tief durch und sagte zu meiner Mitarbeiterin, schon mit etwas Abstand: »Du, so was hab ich noch nie erlebt. Ich bring gleich jemanden um.« Sie entgegnete locker: »Das machst du doch aber sonst nicht«, und wir mussten beide lachen. Ich wusste, dass dieser heftige Impuls nicht meinem persönlichen Resonanzboden entsprang, ich mir dieses Gefühl aber gut merken musste, um den Patienten bei Gelegenheit beiläufig nach Gefühlen von heftiger Wut oder Ärger zu befragen.
Ich ging wieder in das Behandlungszimmer, war von meinen reaktiven Emotionen wieder heruntergekommen und fuhr mit der ganzheitlichen Anamnese fort, die den Patienten auch nach seinen Gefühlen befragt. Auf die Frage, wie er es denn so mit Gefühlen von Ärger und Wut habe, schrie er mir fast entgegen: »Ha, ich habe 21 Prozesse am Laufen.« Ich bekam einen kurzen Schreck, konterte dann aber cool, mit Herzklopfen, und fragte, was ich tun müsse, um der 22. zu sein. Darauf ging er beschwichtigend ein. Ich war wieder in meiner Mitte angelangt und konnte ihn ehrlich, mitfühlend und interessiert fragen, wie es denn gekommen sei, dass er so viel Kraft in diesen Prozessen für seine Gerechtigkeit aufwende. Er erzählte mir seine Geschichte von der Flucht von einem Gutsherrenhof und den Ländereien seines Vaters in der ehemaligen DDR, früheren und jetzigen Entbehrungen und empfundenen Ungerechtigkeiten und der Hoffnung, dass er dieses Land nach der Wende zurückbekäme. Ich erahnte, dass er stellvertretend in den ganzen Prozessen wie ein Rächer für »sein« verlorenes Land kämpfte. Er hatte in den letzten zehn Jahren seine ganze Arbeitskraft in diese Prozesse hineingesteckt, war darüber arbeitslos und noch ärmer geworden. Dennoch kämpfte er weiter gegen die Mühlen der Bürokratien und das ihm vermeintlich zugefügte Unrecht mit einer Mordswut – diesem Gefühl, das ich so hautnah an mir erlebt hatte. Ich wusste nun, woher es kam. Es gehörte zu der Geschichte des Klienten und ich konnte es mit Mitgefühl und in Respekt für sein erlebtes Leid bei ihm lassen. Das hat gereicht, um in der weiteren Behandlung bei seinem immer wieder mal einfließenden »Wissen Sie, Frau Doktor« keine aggressiven Affekte mehr zu haben. Ich konnte nun meine eigene Resonanz spüren und ihm ohne Worte ein verständnisvolles »Ja, jetzt weiß ich etwas von Ihrer Geschichte« in den Raum zustellen. Die weitere Behandlung gestaltete sich ohne Gefühlsstürme meinerseits und ohne Verwicklungen und Komplikationen.



