SELBST-geführte Psychotherapie

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Ein wichtiger zu erwähnender Sonderfall von Gegenübertragung ist die Projektive Identifikation. Hier identifiziert sich der Behandler unbewusst mit Menschen und deren meist schrecklichen Verhaltensweisen aus der Vergangenheit des Klienten, die diesem schwer geschadet haben, und agiert diese Verhaltensweisen unbewusst am Klienten aus. Häufig zu finden sind solche Beispiele bei Menschen mit Suchterkrankungen oder auch bei Traumatisierten, bei denen die Behandelnden unbewusst den Teil des Gefühlsszenarios aus der Kindheit der Klienten in Ansätzen ausagieren, der durch Gewalt, Erniedrigung, Missbrauch aller Art sowie Gefühlsausbrüche der Täter geprägt ist. Sie »erleben« diese Gefühle dann als Resonanz in teils erschreckenden und für sie nicht üblichen Ausbrüchen und agieren derbe Entwertungen am Klienten aus. Diese Gefahr sollte natürlich so früh wie möglich erkannt und gebannt werden. Ein Ausagieren dieser Gefühle schädigt Klienten in besonders dramatischer Weise, wenn sie zuvor Vertrauen zu den Behandelnden gefasst haben. Es ist für die Begegnung und für die Therapie von großer Wichtigkeit, solche Gefühle in sich zu erkennen und nicht zu verdrängen. Sie offenbaren einen Teil der Geschichte dieses Patienten, und es kann daran gearbeitet werden, aber eben ohne sie auszuagieren.
Atmosphären
Atmosphäre ist physikalisch eine Lufthülle der Erde, im übertragenen Sinne die Luft, die wir atmen, das Fluidum, das Medium, das die Stimmung der Umwelt vermittelt. Atmosphäre umgibt uns ständig und überall, ist von Sinnesempfindungen, Gefühlen und Erleben durchwirkt, von Bewusstem und Unbewusstem. Atmosphäre ist nichts Statisches. Sie ist nicht beobachtbar, nur wahrnehmbar. Sie ist spürbar, nicht greifbar, oft schwer zu beschreiben. Dennoch wirkt sie auf alle Sinneskanäle eines jeden Menschen je nach Prädisposition und Empfänglichkeit und bereitet ein Feld. Atmosphären, Erlebtes, Szenen, Erinnerungen sind kognitiv, sensomotorisch und emotional im Kopf-Gedächtnis und Leib-Gedächtnis repräsentiert.
Jeder Mensch strahlt Atmosphären aus. Das unbewusste Fluidum, das ein Mensch verbreitet, ist atmosphärisch spürbar. Wenn sich zwei oder mehrere Menschen begegnen, treffen sich ihre Atmosphären, ob sie das wollen oder nicht, sie vermischen sich ohne unser Zutun. Wir sprechen davon, dass die Chemie stimmt oder eben nicht. Atmosphäre kann als anthropologische Synergie betrachtet werden, so Hilarion Petzold. Atmosphären sind auch das unbewusste spürbare Feld des intrapsychischen und/oder des interpersonellen Verwoben-Seins.
Eine Schulung der Wahrnehmung bezüglich Atmosphären und der aktive Umgang mit ihnen ist bei der Arbeit mit Menschen ungeheuer nutzbringend und hilfreich bei Diagnostik, Therapie und Professioneller Selbstfürsorge. Zudem ist sie eine enorme Bereicherung der Sinne und des Erlebens. Bei dem Phänomen der Gegenübertragung spielen Atmosphären eine zu beachtende Rolle.
Die Ausstrahlung der Behandler*innen und der Klient*innen, die Inhalte und die Art und Weise, wie kommuniziert wird, bestimmen maßgeblich die Atmosphäre, in der ein Gespräch stattfindet. Und sie haben eine Auswirkung auf die Beteiligten. Jeder Mensch reagiert auf diese szenischen, nonverbalen und nur über die Sinne erlebbaren Atmosphären. Man denke nur an den Geruch in einer Zahnarztpraxis oder das aromatische Ambiente in einem Kaffeehaus, wiederum mit meist unbewussten physiologischen und emotionalen Folgen. So können Atmosphären erinnern im angenehmen oder triggern im traumatischen Sinn. Wenn ich zu meinem Gegenüber freundlich und offen eingestellt bin und dies atmosphärisch spürbar wird, kann in ihm eine andere Reaktion erwachsen, als wenn ich ihn abwertend betrachte oder eine negative Meinung über ihn habe.
Ein kleines Beispiel, wie verinnerlichte erlebte Szenen atmosphärisch triggern können: Eine Klientin war verzweifelt darüber, dass sie und ihr Freund sich immer, wenn sie in einem bestimmten Restaurant waren, so existenziell stritten, dass sie ihre Beziehung infrage stellten. Sie saßen immer an ihrem Stammplatz und nahmen auch immer bestimmte Plätze bei Tisch ein. Bei der Bearbeitung dieses Problems stellte sich heraus, dass die Klientin (K) sich in ihrer Herkunftsfamilie zehn Jahre lang jeden Tag beim Essen mit dem Vater aufs Heftigste gestritten hatte. Die Sitzposition am Esstisch war damals dieselbe wie jetzt mit ihrem Partner (P) in dem Restaurant. Die Klientin hatte unbewusst die explosive Tischatmosphäre mit ihrem Vater auf den Freund übertragen. Das Problem mit dem Vater konnte in der Therapie bearbeitet werden. Bei den nächsten Restaurantbesuchen wählten sie eine andere Sitzordnung und der Abend verlief harmonisch. Beide waren sehr erleichtert, dass sie fortan in Ruhe miteinander essen gehen konnten.
Empathie und Zuversicht sind die beiden wirkstärksten Faktoren in der erfolgreichen Behandlung eines Menschen. Sie werden vor allem durch die atmosphärische Haltung und Ausstrahlung, die vorwiegend nonverbal ausgedrückt werden, vermittelt. Ist die verbale Kommunikation mit der nonverbalen in Gestik, Mimik, Haltung, Ausdruck etc. kongruent, werden die Klient*innen und Patient*innen diese Empathie und Zuversicht verstärkt in sich erleben können. (Zur Erinnerung: Von der nonverbalen Kommunikation kommen 50–70 Prozent beim Gegenüber an, von der verbalen Kommunikation 30–50 Prozent.) Sie werden darauf mit einer anderen Haltung und Gestimmtheit reagieren, als wenn sie bewertend oder aus einem Persönlichkeitsanteil der Behandler*innen betrachtet werden.
Zur Atmosphäre und zum Klima in einer Praxis oder einem sonstigen Arbeitsumfeld tragen die dort tätigen Menschen mit ihren Grundstimmungen und momentanen Befindlichkeiten ebenso bei wie ihr Verhältnis untereinander. Auch die Patient*innen und Klient*innen, die an diesem Tag in die Praxis kommen, haben durch ihre Gestimmtheit Einfluss auf die Atmosphäre, zum Beispiel im Wartezimmer. Und auch das äußere Ambiente, die Gestaltung der Räumlichkeiten, die Farben und Formen, die Geräusche und Gerüche, alles wirkt auf die Sinne und prägt die Atmosphäre mit.
Offene, subjektive, geschulte Wahrnehmung
Schon Erich Fromm sah im Menschen die Fähigkeit zur subjektiven Wirklichkeitswahrnehmung, die er außer der Fähigkeit besitzt, die Realität so zu beurteilen, dass sie für ihn lebbar ist. Er betont unterschiedliche Wahrnehmungsresultate durch verschiedene Sichtweisen für ein So-Sein-Müssen oder ein Da-Sein-Dürfen. Schaut er einen Menschen nach bestimmten Kriterien, Stärken, Schwächen, Zielsetzungen oder nach »Gebrauchswert« an (So-Sein), dann entsteht ein funktionalistischer Kontakt. (Im IIFS aus einer Teile-Perspektive). Vermag er den Menschen mit Aufmerksamkeit und Respekt, mit Lust und unter Registrierung seiner Gefühle zu sehen als der, der er ist (Da-Sein), erlaubt »die Fähigkeit zu dieser Art von Wirklichkeitswahrnehmung«, den anderen in seinen tiefsten Wurzeln und in seinem ganzen Wesen zu erkennen. (Diese Beschreibung hört sich im IIFS nach SELBST an). Dazu muss er präsent sein und die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung haben, was eine Voraussetzung für ein sich Einfühlen in den anderen ist.
Diese Erkenntnis hatte er viele Jahrzehnte, bevor Daniel Siegel die faszinierende Welt der psychotherapeutischen Neurobiologie den interessierten Kolleg*innen näherbrachte und, neurophysiologisch begründet, für eine innere Ausbildung der Kunst der Achtsamkeit, der Präsenz, Offenheit und Selbstwahrnehmung, der Einfühlung in sich selbst und die anderer Menschen warb. Aus u. a. diesen therapeutischen Qualitäten heraus, die sehr den SELBST-Qualitäten im IIFS entsprechen, resultieren Erfolge in Therapien.
Wenn die subjektive Wirklichkeitswahrnehmung selbst bei einem Menschen unter verschiedenen Vorzeichen unterschiedlich ausfallen kann, was geschieht dann, wenn zwei Menschen sich begegnen? Therapeuten/Ärzte und Klienten/Patienten zum Beispiel? Oder Mann und Frau? Oder Eltern und Kinder? Oder? Und wenn wir hier schon die Denkweise der IIFS vorwegnehmend mit einbeziehen: Ist es nicht spannend zu erfahren, welche unserer Persönlichkeitsanteile auf die Persönlichkeitsanteile von anderen Menschen reagieren, und was es zu erleben gibt, wenn der Kontakt, die Begegnung und die Beziehung durch Selbstqualitäten geprägt sind?
Und dann stelle ich mir die Frage: Mit welcher Wahrnehmungsschulung werden Ärzte und Therapeuten in ihrer Ausbildung ausgestattet? Wie oft stellen Ärzte und Therapeuten ihre eigenen Wahrnehmungen über die Patienten und Klienten und sich selbst infrage? In einer Arbeit, die die Kunst der Wahrnehmung in der Gesprächsführung von Ärzten beleuchtet und sie nach ihren Wahrnehmungen gefragt werden, zeigt sich in der Mehrzahl der Fälle ein Dilemma.2 Die wenigsten Behandler konnten subjektive und objektive Wahrnehmung, Interpretation, Meinung und Ansicht, Deutung und Hypothesen im Gespräch sauber voneinander trennen, geschweige denn unterschiedliche Therapieschulen voneinander unterscheiden oder anwenden. Ärzte zeigten sich in Gesprächssituationen oft in einer besserwisserischen Grundhaltung. Michael Balint bezeichnete dies ironischerweise als »Apostolische Funktion« des Arztes. (Im IIFS würden wir von einem missionarischen, besserwisserischen Teil sprechen.) Ärzte und Ärztinnen haben gelernt, dass sie die Experten für Gesundheit sind, Patienten erleben sich ihnen gegenüber oftmals in unterlegener, kindlicher Haltung. Damit sich auch Ärzte und Patienten menschlich auf Augenhöhe begegnen und ein wirkliches Gespräch miteinander führen können, ist eine Schulung der Wahrnehmung bei sich selbst und bei seinem Gegenüber eine wesentliche Voraussetzung. (Siehe auch Teil 4 zu den Ärzt*innenteilen.)
Hier haben die in der Selbsterfahrung geübteren Psychotherapeut*innen den Ärzt*innen gegenüber sicherlich einen großen Vorteil bezüglich des Wissens und Erprobens in Wahrnehmung und Selbstreflexion. Die achtsame Wahrnehmungsschulung mit der Unterscheidung von Ich und Du macht eine dialogische Begegnung und eine professionell partnerschaftliche Therapeuten-Klienten- oder Arzt-Patientenbeziehung erst möglich. Das kann für alle nur gewinnbringend sein. Haltung und Methode der IIFS bringen hier eine weitere Spezifizierung und Vertiefung.
Selbstverantwortung
Selbstverantwortung dient als gute Voraussetzung, sich selbst und die anderen besser kennenzulernen, beide gleichwertig in ihrer individuellen Wirklichkeit anzuerkennen und Verantwortung für sich und sein Innenleben zu übernehmen. Ich bin ich und du bist du. In den Gestalttherapieausbildungen wird immer wieder dieser schönen Satz gesagt: »Ich bin ich und du bist du, und an unseren Grenzen erleben wir den Kontakt. Dort kann etwas Neues entstehen, da können wir uns begegnen.« Dazu gehört, dass wir als Menschen uns gegenseitig wertschätzen in unserem Da-Sein und die eigenen Grenzen und die des Anderen respektieren. Im Kontakt mit Klient*innen und Patient*innen kann so eine gemeinsame Arbeit beginnen.
Auf der Subjektstufe eröffnet eine derart geschulte Selbstwahrnehmung, in der ich gleichermaßen das bin, mit dem ich in meinem Inneren in Kontakt trete, neue Dimensionen der Innenräume und legt gleichzeitig die Verantwortung für sich selbst nahe. Ich bin in Kontakt mit meinem Herzen, also bin ich auch mein Herz und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meinem Körper, also bin ich auch mein Körper und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meiner Freude, also bin ich meine Freude und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meinem Gefühl, also bin ich mein Gefühl und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meiner Krankheit, also bin ich meine Krankheit und dafür verantwortlich. Ich bin in Kontakt mit meiner Gesundheit, also bin ich meine Gesundheit und bin auch verantwortlich dafür.
Und ich bin auch noch mehr als das Einzelne, das Herz, die Gesundheit usw., da ich ja wahrnehmen und darüber reflektieren kann. Das Wechselspiel von Sein und Haben der Gefühle, Reflexionen, Positionen und das Erklimmen von Metapositionen verschaffen Flexibilität und Erweiterung des Horizontes.
Diese Art der Selbstwahrnehmung und Selbstverantwortung zu üben, kann den Umgang mit sich selbst und auch mit anderen verändern helfen. Wären wir geschulter darin, würden so manche aktuellen zwischenmenschlichen Konflikte gar nicht erst entstehen. Ein Nährboden für viele Unglückseligkeiten ist Ich und Du zu verwechseln, Eigenes in den anderen hineinzuprojizieren und den anderen für das eigene Wohlergehen verantwortlich zu machen. Das kommt privat wie beruflich vor. Wenn die Zuständigkeiten der Verantwortung wieder bei jedem an ihren Platz rücken, kann jeder für sich, seinen Körper, sein Wohlergehen mehr verantwortlich sein, als er zunächst glauben mag. Gestehen wir diese Selbstverantwortung auch unseren Klienten und Patienten zu, dann stärkt diese Verantwortung ihre inneren Kompetenzen und Ressourcen. Wir schenken ihnen etwas, was wir ihnen sonst stehlen würden, wenn wir ihnen die Verantwortung für sich selbst oder etwas zu ihnen Gehöriges (Herz, Krankheit, s.o.) wegnehmen. In der Psychotherapie machen wir es explizit, dass wir auf die Mitarbeit der Klienten angewiesen sind, ohne die wir schlicht hilflos sind. Niemand kann gegen seinen Willen und ohne seine Mitarbeit therapiert werden. Wir haben (meistens – oder sollten ihn haben) einen expliziten Behandlungsauftrag, auf dessen Grundlage wir die Behandlung durchführen. Die Therapie geschieht auf Augenhöhe. Wir übernehmen (meistens) keine falsche Verantwortung für diejenigen, die bei uns Hilfe suchen, aus einem etwaigen Helferanteil heraus, sondern schauen mit der betreffenden Person zusammen, was sie braucht, aus einer wohlwollenden, freundlichen Haltung.
In der Medizin sind die Behandlungsaufträge leider häufiger nicht so explizit, sondern eher implizit, und die Verantwortlichkeiten nicht so gut geklärt. Der darin nicht geschulte Arzt übernimmt diesen impliziten Behandlungsauftrag und arbeitet für den Patienten, nicht mit ihm. Und an dieser Stelle überarbeitet er sich oft. Dann kommen Helfer- oder Retter-Anteile der Ärzte zum Tragen, die ihnen das Leben schwer machen und für die Patienten auf lange Sicht noch nicht einmal unbedingt hilfreich sind. Hier besteht ein großer Bedarf an der Klärung der Zuständigkeiten, wofür ist der Arzt verantwortlich und wofür der Patient. Eine Selbstverantwortung des Patienten enthebt die Therapeuten und Ärzte selbstverständlich nicht ihrer beruflichen Sorgfaltspflicht. Eine Therapie im gegenseitigen Einvernehmen und das Finden gemeinsamer Entscheidungen stärkt das Ärzt*innen-Patient*innen-Verhältnis.
Ich und Du, Grenzen und Kontakt, Beziehung und Bindung
Ich und Du auseinanderzuhalten ist nicht die einfachste Sache auf der Welt. Überall, wo Menschen zusammenkommen, bestehen Möglichkeiten und Gefahren, sich miteinander unabsichtlich zu verwickeln. Gefühle, Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse bei sich abzuspalten und in andere Menschen hineinzuprojizieren, sie wie auf anderen Kontinenten unterzubringen, bezeichnet der Paartherapeut Michael Lukas Moeller als »Kolonialisierung der Gefühle«. So etwas endet bekanntlich in Kollusionen, Enttäuschungen, Verstrickungen, aus denen sich nur mühsam befreit werden kann. Auch was wir selber in uns ablehnen, als fremd oder unheimlich bezeichnen, projizieren wir »gerne« in andere hinein. Arno Gruen schreibt in seinem Buch »Der Fremde in uns« beeindruckend über diesen Mechanismus. Schon Donald Winnicott machte auf das tiefe Verwobensein von Intrapsychischem und Interpersonalem aufmerksam. Die Transaktionsanalyse beschreibt die unterschiedlichen Beziehungskonstellationen in abgegrenzten und in symbiotischen Beziehungen. Es erfordert eine gute Selbstwahrnehmung und Kenntnis seines eigenen kleinen inneren Kosmos’ und seiner Grenzen. Eine nicht-narzistische Selbstliebe ist die Voraussetzung zu einer Beziehungs- und Bindungsfähigkeit. Das Wissen darum, dass es noch fast acht Milliarden andere Menschen mit jeweils ihrer eigenen Innenwelt und ihren Grenzen gibt, hilft, zwischen sich und anderen zu differenzieren, sich und seinen Mitmenschen respektvoll zu begegnen, und eigene und fremde Grenzen zu wahren. Dann können wir als Menschen zu erwachsenen Kontakten finden, in denen jeder die Verantwortung für sein eigenes Innenleben trägt und nicht den anderen für sein Wohlergehen oder seine Misere verantwortlich macht. Nicht selten suchen Menschen in aktuellen Beziehungen nach dem, was sie in der Kindheit und Jugend dringlichst gebraucht hätten, vermisst haben oder nach der einen großen wesentlichen Sehnsucht, die nicht erfüllt wurde. Damals waren andere für ihr Leben verantwortlich, heute nicht mehr. Wenn das nicht bewusst wird, sind häufig ihre »Inneren Kinder« an der dysfunktionalen Wahl von und der Auseinandersetzung mit Partner*innen, Freund*innen und sozialem Umfeld mit beteiligt. Heute die Bedürfnisse von gestern zu erfüllen, führt jedoch meist nicht zu glücklichen Beziehungen, da die Partner*innen sich gegenseitig funktionalisieren und sich nicht wirklich sehen. Dann erleben sie mit den neuen Partner*innen genau wieder das, was sie eigentlich so gar nicht mehr hätten gebrauchen können. Gegenseitig nehmen sie sich den Entwicklungsspielraum. In privaten wie in professionellen Beziehungen tendieren Menschen dazu, anderen das zu geben, was sie selbst gebraucht hätten, sich selbst wünschten – meist nicht mit dem erhofften Ausgang. Hier wäre es sinnvoller, eigene Beweggründe, Wünsche und Bedürfnisse bei sich zu kennen, verantwortungsvoll dafür zu sorgen, sie zu erfüllen oder zu erkennen, dass es sich um alte Bedürfnisse handelt, statt sie auf das Gegenüber zu übertragen und enttäuscht zu sein. Erfüllendere und gegenseitig inspirierende Kontakte und Dialoge entstehen häufig an der Grenze, an der sich Ich und Du wirklich begegnen, jeder in Verantwortung für sich und offen für eigene und fremde Impulse. So können tiefe Begegnungen und Beziehungen wachsen, in denen das jeweilige Gegenüber immer wieder neu entdeckt werden kann. In der Folge führt das zu verlässlichen erwachsenen Bindungen. Eine Schulung der Wahrnehmung im oben angeführten Sinn kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten.
1 Petzold, Hilarion (1990). Integrative Therapie, Modelle, Theorien und Methoden für eine Schulen übergreifende Psychotherapie, Band. I und II. Paderborn, Junfermann
2 Sonneborn, Uta (2005). Emotionale und Psychosoziale Kompetenz für Medizinstudenten und Ärzte, Inauguraldissertation, Medizinische Fakultät Ruprecht-Karl-Universität Heidelberg
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Körperpsychotherapien
Der beseelte Körper beinhaltet all unser Bewusstes und Unbewusstes. Wir müssen und können nicht alles zu Tage fördern. Das macht keinen Sinn und würde uns daran hindern, heute zu leben. Aber wenn blockierte Gefühle oder alte Narben uns tatsächlich daran hindern, ein freieres, gesünderes, selbstbestimmteres Leben zu führen, ist es notwendig, im Hier und Jetzt an der Vergangenheit zu arbeiten. Dabei können Körperpsychotherapien wirkmächtige Instrumente sein. Alles, was uns Menschen ausmacht, seien es unsere Gedanken, Gefühle, unser Verhalten und unsere Haltung, alles geht mit körperlichen Reaktionen und einem Ausdruck einher. Denken wir etwas Wohlwollendes oder etwas Kritisches, fühlen wir Freude oder Angst, tun etwas, das sich stimmig anfühlt oder etwas, das uns widerstrebt, haben wir eine innere Haltung oder verhalten wir uns – unser Körper reagiert immer mit, bis in jede Zelle. In Gestik, Mimik, in den Augen, um den Mund, in der Stimme und ihrer Lage, ihrer Betonung und ihrem Ausdruck, im Muskeltonus, in der Haltung und in der Bewegung findet der Körper dafür eine entsprechende Reaktion. Der körperliche Ausdruck ist auch geprägt von denen, die uns großgezogen haben, deren Präsenz und Ausstrahlung, durch Imitation, durch übernommene Erfahrungsmuster, durch Epigenetik, durch Bindung, durch die Summe unserer Erfahrungen und den jetzigen Augenblick auf unserem persönlichen Hintergrund. Frühkindliche und kindliche Erfahrungen sind dem Bewusstsein oft nicht zugänglich und können noch nicht versprachlicht werden. Die Bearbeitung ist daher verbal und kognitiv allein durch an Sprache gebunde Psychotherapie schwierig bis nicht möglich. Bei früh verstörten Klienten ist das Gehirn so manches Mal nicht in der Lage, Körperempfindungen mit Gefühlen in Zusammenhang zu bringen (Alexithymie). Ihnen fällt es dadurch schwer, Vertrauen in ihren Körper zu haben. Der Zugang zu vorsprachlichen Erinnerungen und das notwendige Erlernen von Selbstwahrnehmung und Vertrauen kann durch körpertherapeutische Prozesse erreicht werden. Im Gehirn ergeben sich so neue synaptische Verbindungen in den Gefühlszentren. Die körperlich gespeicherten emotionalen Erlebnisinhalte können dann gefühlt und verbalisiert werden und der Bearbeitung besser zugänglich sein. Die integrative Gestaltpsychotherapie spricht vom Leib, gemeint ist der »beseelte« Körper, in dem alles, was der Mensch jemals erlebt hat, als Erfahrung gespeichert ist. Ganze verleiblichte Szenarien, Haltungsmuster, epigenetische »Erfahrungen« u.v.a.m. sind in jedem Menschen »abgelegt«. Das Bewusstsein kann sie oftmals nicht und schon gar nicht in ihrer vollen Komplexität erinnern. Eine den Körper miteinbeziehende Psychotherapie erweitert den Zugang zum Erinnerungsvermögen beträchtlich. Ein Mensch, der an Selbsterfahrung interessiert ist und/oder dessen Leben in eine Schieflage gerät, entwickelt vielleicht psychische oder körperliche Symptome und Erkrankungen, was Anlass zu einer Psychotherapie sein kann. Grundlage jeder Körperpsychotherapie ist eine achtsame Körper- und Gefühlswahrnehmung. Alleine durch die Lenkung der Aufmerksamkeit entstehen neuronale Entladungen und es können neue neuronale Verbindungen wachsen. (Daniel Siegel) Dann kann mithilfe der Körperpsychotherapie nicht nur herausgefunden werden, in welchem alten Szenario oder Haltungsmuster die Klientin feststeckt, sondern auch unter Nutzung von Körperempfindungen und -ausdruck, Gefühlen, Intuition und Verstand nach Befreiung von alten Mustern, Lösungen und Veränderungen gesucht werden. Korrigierende Erfahrungen im Hier und Jetzt können geschehen. Nach Bessel van der Kolk ist die körperliche Selbstaufmerksamkeit der erste Schritt zum Loslassen der Tyrannei der Vergangenheit. Von allen Wesen ist der Mensch das einzige, das eine Bewusstheit über sein Körpergeschehen haben kann, und damit zu einer Selbstwahrnehmung in der Lage ist. Dieses ganze Potenzial nicht zu nutzen wäre – nun ja, eigentlich unverständlich. Antonio Damasio hat 2001 bewiesen, dass jedem bewusst wahrgenommenem Gedanken, jeder Emotion und jedem Affekt eine halbe Sekunde zuvor eine Körperreaktion vorausgegangen ist. Das bedeutet, unser Körper ist immer schneller als unser Bewusstsein. Jeder innere oder äußere Reiz löst im Körper erlebbare, mess- und sichtbare Reaktionen aus. »Diese werden als somatische Marker bezeichnet und sind das Endergebnis komplexer hormoneller Regelkreise«.3 Nun besteht die Verführung zu sagen, ja, wir Psychotherapeut*innen, die von einer Zusammengehörigkeit von Körper, Seele und Geist ausgehen und unterschiedlichste körperpsychotherapeutische Ausbildungen integriert haben, haben das schon immer intuitiv erfasst. Ja – und es ist toll, dass die Grundlagen und die Hypothesen der Körperpsychotherapien nun endlich einen wissenschaftlichen Boden gefunden haben. Es besteht die Hoffnung, dass in kommender Zeit auch keine Psychotherapieausbildung mehr ohne Körperpsychotherapien gelehrt und diese den Einzug in die Richtlinienpsychotherapie finden werden. Wenn wir lernen, unseren Körper mit in unsere Wahrnehmung einzubeziehen und eine Bewusstheit dafür zu entwickeln, was unsere Körperreaktionen und Empfindungen auszudrücken vermögen, ist dies bei der Erkundung unserer Innenwelt (ob als Mensch, als Therapeut, als Klient) extrem hilfreich. In der IIFS machen wir uns diese Tatsache bei der Differenzierung zunutze, wenn wir uns und unsere Klient*innen SELBST und in den Persönlichkeitsanteilen erleben.
Die Körperpsychotherapien setzen diese Körper-Seele-Geist-Zusammengehörigkeit voraus und haben damit die Erfahrung von in der Tiefe wirksamen und nachhaltigen Therapieergebnissen gemacht. Sie verfügen über vielfältige Techniken, sowohl für den Zugang zur Innenwelt durch Körpererleben, als auch dafür, das psychische Erleben durch achtsame Wahrnehmung und Körperausdruck bewusst zu machen. Ihr Instrumentarium verfügt über einen großen Gestaltungsspielraum. Dazu gehören eine geschulte, achtsame, feine (Körper-)Wahrnehmung und ein Experimentieren mit Ausdruck und Bewegung, die die dem Menschen innewohnenden Gefühle, Gedanken, Erlebnisse, Szenen, Erinnerungen ins Gewahrsein zu bringen vermögen. Körperpsychotherapien praktizieren mittels Visualisierung, Fokussierens, Verstärkung oder Abschwächung und Bewusstwerdung des jeweiligen Ausdrucks und der Haltung. Atemarbeit, Stimmarbeit, szenische, emotionale und körperliche Ausdrucksarbeit gehören genauso dazu wie Aufstellungs- und Skulpturenarbeit. Auch Techniken zur Erdung, zum Loslassen, zum Zentrieren bahnen neue Erfahrungen. Es wird mit Haltungen, Bewegungen, Einlassen und Abgrenzen experimentiert. Die Gestaltpsychotherapie verfügt mit der »Stuhltechnik« über eine Möglichkeit, Persönlichkeitsanteile oder Symptome zu externalisieren, ihnen eine Gestalt zu geben, sich in sie hineinzuversetzen, sie zu erleben und so zu vermehrtem Erkenntnisgewinn zu gelangen. Kreative Medien aus Tanz-, Musik-, Kunst-, Theater-, Schreibtherapie u.v.a.m. werden zum Externalisieren genutzt, um durch das Erleben und Erfahren einen Ausdruck für das im Inneren Gefühlte zu finden oder durch ein unbewusstes Gestalten von innerem Material ein Gegenüber im Außen zu kreieren und dadurch Ein-Sicht und mehr Erkenntnis zu bekommen (siehe Kapitel zum Externalisieren). Eine weitere Interventionsmöglichkeit bietet die körperorientierte Psychotherapie mit szenischen oder psychodramatischen Rollenspielen, die alte Konflikte wieder erfahrbar machen, sie bearbeiten und zu einer korrigierenden Erfahrung bringen können. Die achtsame, auf den Prozess des Klienten zentrierte, systematische Berührung durch die Therapeutinnen wird ebenso sorgsam wie respektvoll eingesetzt, um bestimmte Pfade in seiner Vergangenheit zu begleiten. Hierdurch können Klienten wieder mit verdrängten oder abgespaltenen Anteilen und Szenen in Kontakt kommen, dieses Mal als Erwachsener und in Begleitung der Therapeutin. Zusätzlich kann ein haltgebendes aktives Containment durch die Therapeutin einen nachnährenden Effekt im Sinne einer korrigierenden Erfahrung haben. Auch die heute weitverbreiteten Externalisierungstechniken sind seit Langem Teil der Körperpsychotherapie, ebenso wie die Arbeit mit einer Metaposition durch einen neutralen Inneren Beobachter, wie des Inneren Zeugen, des Inneren Regisseurs etc. Die Instanz des SELBST im IIFS ist mehr als ein neutraler Beobachter. Es ist körperlich und mental erlebbar und erfahrbar und äußert sich in einer im Innen und Außen übereinstimmenden SELBST-Haltung. Persönlichkeitsanteile sind ebenso auf allen Ebenen erlebbar und erfahrbar, und auch sie äußern sich in ihnen entsprechenden Haltungen.



