- -
- 100%
- +

Mary Specter
Zukunft?
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
„DIE GOLDENE LIGA“
Im Kristallsaal der „GOLDENEN LIGA“
Es ist November
Zur gleichen Zeit in Chemnitz
Helene ist Profi
In Dresden
Erich Reuter sitzt
Dienstbeginn im Städtischen Krankenhaus in Chemnitz – Frühschicht
Es sind viele bewaffnet mit Knüppeln und Steinen
Sparen, sparen
Die Kommissarin Irina Krupska
Jane wacht auf
Nele Kurfürst
„Verdammte Scheiße!“
Das Findelkind ist schweigsam
19 . Dezember zehn Minuten vor Mitternacht
Auf dem Marktplatz
Es ist mir eine Ehre
„Jetzt mach nicht so ein Geschrei, Konrad!“
Irina Krupska
Verdammt, ich habe
Der kleine Ofen von Willi und Erhardt
Frustrierende Ermittlungen
Resignation
Nele Kurfürst
Willi erzählt
„Stammzellen, Frischzellen …
Am Anfang
Der Winter
Der kommende Tag
„Kein Holz, nichts Brauchbares?“
Das schlechte Gewissen,
Jane hat viel und lange
Hass verändert unser Leben
Helene ist vorsichtig,
„Wir müssen die genetische
Bruno Bär
Ein Schneesturm tobt über Dresdens Altstadt
„Verdammt, wo bleiben die Blutkonserven?“
Allein mit ihr
Willi und Jane haben Glück
„Bitte nicht!“
„Psst, mein Freund, hier haben die Wände Ohren.“
Es ist wahr geworden:
„Um Karriere zu machen
Helene sitzt mit ihrem Mörder auf einem Bündel Stroh
Irina Krupska
Trotz heftiger Kopfschmerzen
Alles was an Einsatzkräften
Blutige Haufen
Willi geht der Anblick
Nele Kurfürst
Wieder erwacht
22. November 2049
Nele Kurfürst
Willi öffnet seine Augen
Nachdem Nele
Nele ist Anfeindungen gewöhnt
Irina Krupska
Man kann es fast eine kleine Revolution
Helene hat keine Ahnung,
Lisa ist die ganze Nacht wach
Helene spürt etwas
Willi ist heiser
Der Heilige Abend ist vorbei
Ein Gewitter braut sich zusammen
Impressum neobooks
Mary Specter
Zukunft?
Wir berauben uns selbst unserer Zukunft. Wir müssen uns bemühen diesen Prozess aufzuhalten. Denn es wird nicht möglich sein ihn rückgängig zu machen.
Danksagung
Mein Dank gilt zuerst meiner Familie.
Wann immer ich in den letzten schweren Jahren das Bedürfnis hatte zu jammern oder zu schimpfen, waren mein Mann und meine Kinder für mich da.
Danke auch an meine allerbesten Freunde, meine Schwester und meine Eltern,
die oft in aussichtslosen Situationen halfen.
Dank auch an alle Leser.
Der Vollmond spiegelt sich über leicht gefrorenen Pfützen des schmalen Weges, der zur Gartenanlage führt, in welcher der alte Konrad seit einem halben Jahr lebt. Er ist stolz darauf, aus eigener Kraft mit dem Trinken aufgehört zu haben.
Seit er dieses winzige Haus am Feldrand gefunden hat, gehört ihm wieder etwas. Das Haus ist von einem Zaun umgeben, den er nach und nach aufgebaut und sogar grün gestrichen hat. Ein verschlissenes Sofa, ein Schrank, ein Fass zum Auffangen des Regenwassers und ein grauweißes Kätzchen, das bei ihm bleibt, wenn die Nacht kommt.
Es ist ein ganz neues Leben, ein besseres Leben. Seit Jahren hat er sich nicht mehr so gut gefühlt. Er pfeift ein Lied und schwenkt den Stoffbeutel mit den Konserven, die er von seinem Freund Willi bekommen hat. Konrad bleibt stehen, er hört etwas rascheln. Er lauscht angestrengt.
Mitternacht ist längst vorbei, und auf dem ganzen Weg hat er nicht eine Menschenseele getroffen. Da! Wieder! Etwas raschelt!
In der Dunkelheit etwas zu erkennen, ist recht schwierig. Vor ihm windet sich der schmale Weg, begrenzt von wildwachsenden Sträuchern, die mit dürren, schmalen Fingern nach ihm greifen.
Am Ende des Weges, dort wo das Feld beginnt, erkennt er zunächst als Silhouette, etwas Großes, Schwarzes. Ein Tier bewegt sich langsam in seine Richtung. Das Gebilde wird deutlicher. Im fahlen Mondlicht glänzt das Fell. Den Kopf gesenkt, mit geschmeidigen Bewegungen kommt es näher. Wie gebannt starrt Konrad auf den Wolf.
Schon einmal ist er ihm begegnet.
Mit fletschenden Zähnen hat er ihn verfolgt. Damals ist er nur davon gekommen, weil Willi ihn in das alte Kaufhaus gestoßen und die Tür verriegelt hat. Nun ist er also hier! Hier, in seinem schönen Zuhause!
Konrad lässt seinen Beutel mit dem Proviant fallen und rennt so schnell er kann.
Nur wenige Meter vor dem Gartentor trifft ihn die Wucht des Wolfskörpers und reißt ihn zu Boden.
„Oh Gott! Nein! Nicht!“
Er spürt den heißen Atem des Tieres in seinem Nacken, glaubt sich schon verloren, als der Schwarze von ihm ablässt.
Er bleibt noch eine Weile mit geschlossenen Augen liegen. Als er aufzustehen wagt, weiß er nicht wie viel Zeit vergangen ist.
„Kitti, Kitti“, lockt er, immer noch am ganzen Leib zitternd.
Schnurrend kommt das Kätzchen unter dem Sofa hervor.
Konrad nimmt das zarte Tier und setzt sich. Er streichelt es und Tränen rinnen über seine runzligen Wangen.
„Ich habe unser Essen verloren!“, mein Schatz.
Überall prangt dieser Schriftzug in protzigen Großbuchstaben. Es ist Samstag zehn Uhr morgens. Immer um diese Zeit liefern sich trainierte Senioren einen Wettstreit an Laufbändern und Kraftgeräten. Einige sitzen an der exklusiven Bar und trinken Eiweißshakes.
Ein etwa Siebzigjähriger mit vollem grauen Haar und ebensolchen Augen wischt sich den Schweiß von der Stirn. Unter seinem teuren Dress zeichnet sich seine drahtige Figur ab. Er setzt sich an den Tisch und bestellt einen Grapefruit-Saft.
Drei Damen stecken die Köpfe zusammen und kichern wie Teenager. „He, Erich!“
Ein Schlag auf die Schulter reißt den Grauhaarigen aus seinen Gedanken. Er dreht sich um und lächelt gequält.
„Hallo Armin, schon fertig mit deinem Programm?“
Schnaufend setzt sich Armin auf den Barhocker neben Erich. Er schnippt mit den Fingern.
Augenblicklich kommt ein Angestellter und fragt nach seinen Wünschen.
„Einen O-Saft bitte!“
Der Barkeeper gießt das Glas halbvoll. Armin leert es in großen Zügen.
„Hast du von der Sache am Todesstreifen gehört?“
Erich zieht die Augenbrauen zusammen.
„In den letzten zwei Jahren haben wir acht Frauen auf diese Weise verloren. Es ist eine Katastrophe!“
Er dreht das Glas zwischen den Fingern und starrt gedankenverloren in die milchig-gelbe Flüssigkeit.
„Schon wieder eine, die abhauen wollte und es nicht geschafft hat.
Alle Frauen waren gerade in einem fruchtbaren Stadium.
Etwas haben wir übersehen, aber was!?“
Erich Reuter, der Chef der Forschungsabteilung, ist ein ruhiger, ausgeglichener Mensch.
Armin, sein Mitarbeiter dagegen ein unruhiger Zeitgenosse. Sein kleiner dicklicher Körper scheint fortwährend zu zucken.
„Mein Freund, wir sind bereits in Bedrängnis, was den Zeitrahmen betrifft.“
Armins Gesicht wird bei dieser Bemerkung noch röter und dicker. Erich blickt ernst auf seinen Kollegen herab: „Wir können die Nebenwirkungen doch nicht einfach ignorieren!“
Armin zwinkert nervös. „Fragen wir die Chefin, was wir tun sollen, und ...!“
Eine Lautsprecher-Ansage unterbricht seinen Satz. „Alle Mitglieder der LIGA, welche über siebzig Jahre alt sind, bitte im Kristallsaal melden!“
Außerhalb des abgeschirmten Geländes ist die Situation in Dresden erbärmlich.
Müll und Dreck wohin man sieht. Ratten haben Straßen und Plätze in Besitz genommen.
„Verdammtes Vieh!“ Eine kleine magere Frau verjagt eines der Tiere von ihrem Platz.
Ihre Schlafstätte besteht aus einer zerfetzten Matratze, einer durchlöcherten Decke und zwei Kartons, in denen sie ihre Habseligkeiten verstaut. Lisa ist erst einundsechzig Jahre alt, aber Armut und Hunger haben ihre Spuren hinterlassen. Sie sieht mindestens fünfzehn Jahre älter aus.
„He, Lisa, schon wieder am Schimpfen?“
Der Mann, der seinen Stoffbeutel absetzt, heißt Willi. Um seine wachen gletscherblauen Augen bilden sich beim Lachen kleine Fältchen.
Sein immer noch markantes Gesicht strahlt Stärke und Gutmütigkeit aus.
„Ach Mensch Willi, du hast gut lachen. Immerhin hast du wenigstens ein Dach über dem Kopf!“
Willi zieht die Augenbrauen zusammen und setzt sich neben Lisa auf die Matratze. Er zieht ihr schmunzelnd die verrutschte selbst gestrickte Mütze zurecht: „Du hast Recht! Der Erhardt und ich, wir haben das Maximum aus der alten Ruine rausgeholt. Aber 60 Euro Miete sind kein Pappenstiel! Ich werde wohl auch bald hier sitzen. Wie du weißt, werde ich im nächsten Jahr fünfundsiebzig und dann ist Schluss mit dem Zuschuss.“
Nachdenklich faltet Willi seine Hände im Schoß. Seine schönen Augen blicken traurig. „Ich habe darüber nachgedacht, dem ganzen vielleicht doch ein Ende zu bereiten.“
Lisa springt auf: „Bist du verrückt, was sollen wir denn ohne dich machen?! Du und Erhardt, ihr seid doch die Einzigen, auf die man sich noch verlassen kann, vor allem auf die man hört. Die Stadt würde völlig im Chaos versinken ohne euch!“
Ihr Tonfall wird weinerlich. Sie holt tief Luft und setzt sich wieder. „Der sanfte Tod wäre reiner Egoismus mein Lieber!“
„Bist du fertig mit deiner Standpauke?“ Lisa schiebt die Unterlippe vor.
„Für den Moment bin ich fertig!“
Beim Lachen entblößt sie ein wahres Verhau an Zähnen. „Was hast du denn Schönes mitgebracht, mein Guter?“
Willi kramt in dem gelben Stoffbeutel herum.
„Wir haben bei Strobels etwas Mehl und Margarine ergattern können und wie du weißt, halten wir fünf Hühner. Glaub mir, altes Mädchen, das ist der beste Kuchen, den du in den letzten zwanzig Jahren gegessen hast!“ Er holt einen kleinen, wie einen Laib Brot aussehenden Kuchen hervor und reicht ihn der Frau. Lisa beißt hinein und schließt genüsslich schmatzend die Augen. „Oh, wie gut der ist! Noch eine Tasse Kaffee dazu der Himmel wäre das!“
Willi nickt und gießt aus einer verbeulten Thermoskanne heißen Kamillenblütentee in einen Becher.
Lisa lacht mit vollem Mund und klopft Willi auf die Schulter: „Danke mein Freund, dann eben fast wie im Himmel!“
„Ich muss weiter, noch ein paar Mäuler stopfen. Außerdem habe ich für Klara einen Schal aufgetrieben. Sie hat Halsschmerzen seit ein paar Tagen.“
Willi steht auf und geht zügig die Straße hinab.
Lisa beißt ein Stück vom Kuchen ab und schaut ihm kopfschüttelnd hinterher.
Im Kristallsaal der „GOLDENEN LIGA“
Im Kristallsaal der "Goldenen Liga" haben sich ungefähr achtzig Menschen versammelt. Der Name des Saales ist durchaus berechtigt. Man kommt sich vor wie in einer Tropfsteinhöhle. Gedrehte gläserne Säulen in der Form eines DNA-Stranges ragen als Eckpfeiler bis zur verspiegelten Decke. Der Boden scheint aus glattgewalzten Eiszapfen zu bestehen. Zur Krönung sind alle Möbel, auch die bis zum Boden reichenden Gardinen, schneeweiß.
Das Raunen im Saal verstummt augenblicklich, als hinter dem Rednerpult eine schlanke dunkelhaarige Frau im hellgrauen Kostüm auftaucht. Nele Kurfürst, Mitte Fünfzig, gutaussehend. Das halblange schwarze Haar glänzt wie ihre dunklen Augen.
„Ich bitte um Ruhe, meine Damen und Herren! Wie Sie alle wissen, steht der Kontencheck nächste Woche ins Haus. Wer also ausreichend solvent ist, das betrifft in erster Linie die Damen, kann sich nach Weihnachten für die erste Versuchsreihe melden.“
Die schöne Frau streicht eine vorwitzige Locke aus ihrem Gesicht. „Der Vorstand und ich sind der Meinung: Wir können das Experiment wagen!“
Ein kurzer Jubel erfüllt den Saal.
Nele Kurfürst strafft ihre Gestalt, ihr Blick wird ernst. „Jedem sollte klar sein, egal wie das Ergebnis ausfällt, dass die LIGA keinerlei Haftung übernimmt.“
Sie räuspert sich. „Leider gibt es eine nicht ganz so erfreuliche Nachricht: Es wird notwendig sein, einige von Ihnen in das neugebaute Lager außerhalb des Zwinger-Geländes umzusiedeln.“
Sofort werden die ersten empörten Stimmen laut. Nele hebt beschwichtigend die Hände: „Wir haben es geschafft, eine durchaus adäquate Bleibe für alle Betroffenen zu finden. Sicher haben sich schon einige gewundert, was für ein Neubau angrenzend entsteht. Dieser Block beinhaltet alle Annehmlichkeiten, die Sie von hier gewohnt sind: Hübsche Zweiraumwohnungen mit Balkon, ein Schwimmbad auf dem Dach und ein gemeinschaftlicher großer Wintergarten.“
Ein hagerer Mann mit Glatze steht auf: „Das ist eine Zumutung! Wir sollen unsere Appartements aufgeben und in kleinere ziehen!? Was wird mit unseren Sachen? Wie sieht es mit der Miete und den anderen Vergünstigungen aus? Was wird zum Beispiel mit der an die LIGA gebundenen medizinischen Betreuung?“
Nele nickt kurz. „Studio und Kino können Sie natürlich weiter kostenlos nutzen.
Allerdings müssen die Kosten für Medizin und ärztliche Behandlung ausschließlich von Ihnen selbst getragen werden.“
Immer mehr aufgebrachte Menschen schreien nun durcheinander. Nele ist gezwungen ebenfalls zu schreien: „Die Gesundheit sollte jedem von uns mehr wert sein, als Schönheit und Luxus!“
„Das sagt genau die Richtige!“, kommt es wütend zurück.
Die Menge ist inzwischen so aufgewühlt, dass zwei stämmige Leibwächter, die neben Nele stehen, diese jetzt hinter die Bühne zum Ausgang bringen müssen.
Die Sorge der gutbetuchten Bewohner der „GOLDENEN LIGA“ sind nur Bagatellen gegenüber den Problemen, mit denen sich die Bevölkerung außerhalb des Sperrgebietes herumschlagen muss.
Es ist November
Es ist November und die Nächte sind bereits grimmig kalt.
Überall in den Straßen brennen kleine Feuer. Was den Flammen nicht zum Opfer fällt, wird genutzt, um sich vor der Kälte zu schützen. Gardinen hängen wie Zeugen besserer Zeiten an blinden Fensterscheiben.
Zerknülltes Papier in Schuhe und Jacken gestopft, hält warm. Willi und Erhardt haben sich mit Lebensmitteln eingedeckt, die Matratzen mit ordentlich geflickten Bettlaken überzogen. Es gibt Decken und einen kleinen Ofen, der dem Raum wohlige Wärme spendet. Willi stellt einen Topf auf den Campingkocher. Er öffnet eine Dose mit dicken Bohnen. Während er mit einem langen Löffel die Bohnen umrührt, schweift sein Blick zum Fenster. Es stürmt und regnet in Strömen. Ein grauer Novembertag.
Erhardt beobachtet den Freund: „Was grübelst du schon wieder, alter Junge?“ Willi blickt seinen Kumpel an: „Ich habe jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn es Winter wird, weißt du! Wir haben es warm und wir haben genug zu essen. Aber sieh raus! Wie viele müssen in dieser Kälte ausharren, ohne Hoffnung, dass es jemals besser wird!“
Die Männer schweigen und sehen hinaus in den Regen.
Die Bohnen sind fertig und Erhardt holt zwei tiefe Teller aus dem selbst gezimmerten Schrank. Sie essen schweigend aus dampfenden Schüsseln.
Ein zaghaftes Klopfen reißt Willi aus seinen Gedanken. Er erhebt sich und geht zur Tür. Vor der Tür steht Lisa, in Begleitung eines erstaunlich schönen, jungen Mannes. Das mittelblonde Haar ist akkurat geschnitten. Stahlblaue Augen blicken aus einem markanten Gesicht prüfend auf die alten Männer. Er scheint zu frieren.
„Bitte, kommt herein!“
Willi tritt zur Seite, um Lisa und den Fremden vorbeizulassen.
„Mensch, gut, dass ihr da seid! Eine Schweinekälte ist das da draußen!“ Sie schnieft und aus ihrer Nase läuft eine gelbliche Flüssigkeit.
„Was ist passiert?“ Erhardt ist ebenfalls aufgestanden.
„Entschuldigung, mein Name ist Bernd Richter. Ich bin gezwungen mich zu verstecken, und diese Dame, er zeigt dabei auf Lisa, hat mich quasi gerettet.“
Lisa macht große Augen und für einen Moment ist ihr zerfurchtes Gesicht geglättet. „Was für gute Manieren Sie haben, mein Junge!“
Willi bittet die beiden zu Tisch und holt noch zwei tiefe Teller. Dann setzt er sich zu ihnen.
Lisa isst hastig, während der junge Mann lustlos in dem dicken Brei herumstochert.
Erhardt, der bis jetzt stumm neben dem Freund sitzt, ergreift das Wort: „Wie alt sind Sie eigentlich und wer ist hinter Ihnen her?“ Er stellt die Frage mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.
Der Fremde schaut auf. „Ich bin 38 Jahre alt und wurde geschickt, ein aus der geschützten Zone entlaufenes Mädchen zurückzuholen. Wenn die Schergen der Drachenlady es vor mir erwischen, ist es so gut wie tot.“
Lisa vergisst vor Staunen den Löffel abzulegen. Dicke Bohnen planschen auf die Tischdecke.
„Ein Mädchen? Wie alt?“
„Nun ich würde sagen: Mitte zwanzig.“
Jetzt sehen sie den Fremden an, als wäre er total verrückt geworden. Seit Ewigkeiten haben sie keine so junge Frau mehr zu Gesicht bekommen. Willi schüttelt den Kopf. „Wie ist das möglich? Züchtet ihr da drin etwa junge Leute?“
Erhardt lacht: „Künstliche Menschen! – würde mich nicht mal wundern!“
Bernd macht ein ernstes Gesicht. „Ich kenne keine Details, aber etwas sehr merkwürdiges geschieht in diesen Laboratorien und es ist nichts Natürliches. Wir müssen das Mädchen finden!“
Zur gleichen Zeit in Chemnitz
Graue Nebelschwaden legen sich wie Leichentücher über die geschundene Stadt. In einer Siedlung aus alten Wohnwagen, ausrangierten Bussen und Wellblechhütten bewegt sich die schwarze Gestalt im Schutz der Dunkelheit.
Aus einem kleinen weißen Wohnwagen dringt leise Musik. Der Anstrich kann den Rost nicht verbergen, der sich durch die Karosserie frisst.
„PROST auf mich!“ Mit einem Lächeln steht Helene vor dem einzigen Spiegel in der spärlichen Behausung. Sie ist heute 46! Noch jung und doch allein! Ihre ältere Schwester hat sich vor elf Jahren das Leben genommen.
Die Bank kündigt den Kredit und der Versicherungsvertreter erledigt den Rest. Falsche Beratung führt zum Ruin des kleinen Geschäftes.
Die Ehe musste an den Sorgen und Streitereien zerbrechen. Nur ein halbes Jahr später stirbt die Mutter. Wie es heißt: an gebrochenem Herzen. Durch die Revolten überall im Land verliert Helene ihren Vater aus den Augen. Er ist der warmherzigste Mensch, den sie kennt.
Helene hält sich also allein über Wasser. Im einzigen noch gebliebenen Städtischen Krankenhaus ist sie das Mädchen für alles. Von Putzen bis Sterbehilfe tut sie alles für einen Hungerlohn. Sie beschwert sich nie. Das Elend, welches sie täglich erlebt, macht ihr bewusst, wie gut sie es dennoch hat: Dach über dem Kopf, Essen, noch relativ jung – es ist viel, was sie in dieser schrecklichen Zeit noch besitzt.
Im Radio beginnen die Nachrichten.
Draußen nähert sich die schwarze Gestalt dem Wohnwagen. Die Stimmen und das Licht lassen sie vermuten, dass sich mehrere Personen im Wagen aufhalten. So nimmt sie die Wellblechhütte einige Meter weiter ins Visier. Die Tür ist mit einem Strick am Haken notdürftig verschlossen. Die Gestalt lächelt und löst den Strick mit wenigen Handgriffen.
Helene ist Profi
Helene ist Profi. Sie übersieht die Hektik auf der Stadion 4 des Städtischen Krankenhauses.
Sie geht ins Dienstzimmer und erkundigt sich bei der Oberschwester nach den bevorstehenden Aufgaben.
„Setz dich erst mal, Mädchen!“
Schwester Karin schiebt Helene zu einem der Stühle und macht sich dann an der altersschwachen Kaffeemaschine zu schaffen.
Helene setzt sich seufzend. Sie ist erstaunt über die Freundlichkeit der Vorgesetzten.
„Ist irgendetwas passiert?“
Die mit beträchtlicher Leibesfülle bedachte 68jährige Oberschwester setzt sich schwerfällig zu Helene: „Du hast es also noch nicht gehört!“
„Was?“, fragt Helene.
Karin macht große Augen: „Eine Tote ist gefunden worden, unmittelbar neben deiner Behausung und wie sie zugerichtet worden ist …!
Sie macht eine Pause. „Vergewaltigt und dann regelrecht ausgeweidet!“
Sie schüttelt sich und flüstert: „Es hätte dich treffen können!“
Helene wird blass: „Direkt neben mir, da wohnt Angela!“
Die Oberschwester nickt: „Wohnte. Sie war 53 Jahre alt und sah noch ziemlich gut aus. Ich kannte sie auch!“
Helene faltet die Hände und drückt dabei so fest zu, dass die Knöchel weiß hervortreten.
„Oh Gott, wäre sie doch zu mir gekommen, ich hatte sie eingeladen auf ein Bier, gestern Abend. Aber sie meinte, sie müsste noch die Einnahmen der letzten Woche abrechnen.“
Helene lächelt gequält. Angelas kleiner Trödel-Laden wirft so gut wie nichts mehr ab.
Die Oberschwester rückt ein Stück näher an sie heran. So riecht bei Helene den nach Zwiebel stinkenden Atem der alten Frau. Sie weicht ein Stück zurück.
„Es heißt, sie sei fachmännisch ausgeweidet worden.“ Die Oberschwester nickt vielsagend.
„Organhandel!? Aber weswegen dann die Vergewaltigung?“ Helene schüttelt den Kopf.
Karin erhebt sich schnaufend.
„Sieh dich doch um … lauter alte Weiber. Wenn man dann noch jünger ist und auch noch gut aussieht, erübrigt sich die Frage!“
Sie dreht sich um, um zu gehen. Doch dann bleibt sie stehen, dreht den Kopf, als wollte sie etwas sagen und sieht Helene besorgt an: „Sieh dich vor, Mädchen!“
In Dresden
In Dresden sieht es nach den heftigen Schneefällen und den immer wieder tobenden Stürmen aus wie nach einem Krieg. Ruinen wohin man sieht.
Ein toter Stadtteil soll man meinen! Aber das ist nicht so! Im Schatten der Ruinen leben nicht nur Ratten, verwilderte Hunde. Ganz oben an der Nahrungskette ein Rudel Wölfe. Die Hunde sind zu klug, um sich irgendwo einzeln blicken zu lassen, die Ratten nicht nach dem Geschmack der Wölfe. Doch der Hunger treibt sie immer wieder in die Altstadt. Im Randgebiet, wo die Ärmsten der Armen hausen, merkt kaum jemand, wenn einer der verwahrlosten Einzelgänger fehlt. Unter Leitung der Alpha-Wölfin geht das zwölfköpfige Rudel durchaus strategisch vor. Die weiße Wölfin ist ausgesprochen klug.
Nur ein großes schwarzes Männchen kann ihr Paroli bieten.
Es bricht ebenfalls in das ungeschützte Armenviertel ein. Jedoch beschränkt es sich auf Hühner und andere Kleintiere. Aus irgendeinem Grund mag es die Menschen. Der Schwarze hat sich mit den Menschen arrangiert, während die weiße Jägerin mit ihrem Rudel üppige Beute in ihr Lager schleppt.
Wütend wirft Nele Kurfürst ihre Handtasche in einen der weißen Ledersessel. Während ihr Leibwächter mit gekreuzten Armen vor der Brust stehenbleibt, geht Nele zur gläsernen Theke am Anfang des in völligem Weiß gehaltenen Raumes. Sie gießt aus einer Karaffe Cognac in ein feingeschliffenes Glas. Während sie die goldene Flüssigkeit langsam schwenkt, zeigen sich tiefe Falten auf der sonst glatten Stirn.
„Was fällt den alten Säcken ein, mich vor allen Leuten so runterzuputzen!“



