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„Hier, probieren Sie, zur Feier des Tages. Aber Achtung, der schmeckt ein wenig salzig.“
„Zur Feier des Tages? Haben wir denn etwas zu feiern?“
„Ja, das haben wir. Ich habe mich in Moskau für Sie starkgemacht. Aber zuerst verlangt man natürlich einen Beweis Ihrer Loyalität.“
Damit wusste ich nichts anzufangen. Ich zerkleinerte den Kaviar mit den Zähnen und schluckte ihn hinunter. Er schmeckte tatsächlich salzig. An die russischen Spezialitäten musste ich mich erst noch gewöhnen.
„Loyalität?“, fragte ich. „Wie kann ich die denn unter Beweis stellen?“
„Indem Sie für unsere Sache kämpfen.“
Ich blickte den Oberst ungläubig an. „Wo soll ich denn kämpfen? Der Krieg ist doch längst vorbei.“
„Ja, sicher ist er das, aber mit jeder neuen Nation, die sich aus dem Eis hervorwagt, mit jeder Wiederentdeckung alter Identitäten und Leidenschaften, mit jeder Auflockerung des alten Status Quo bekommen unsere Agenten haufenweise Arbeit. Wenn Sie nur einmal Ihre schönen blauen Augen öffnen, werden Sie erkennen, dass der imperialistische Feind uns stetig einkreist und bedroht. Aber wenn man die Gefahr erkennt, ist sie keine mehr, und das verdanken wir nur den wachsamen Augen unserer Spione. Wir haben in bösen Ländern gute Leute, die ihr Leben für unsere Sache riskieren. Hier, trinken Sie noch einen Schluck Wodka. Auf unsere lautlosen Helden!“
„Ja, hicks, auf die Helden.“
Ich war schon leicht beschwipst. So viel Wodka hatte ich noch niemals zuvor in meinem Leben getrunken. Dafür schien der Oberst umso nüchterner zu sein.
„Katharina, ich darf Sie doch Katharina nennen?“
„A… aber sicher, Genosse Oberst.“
„Also gut, Katharina, was würden Sie sagen, wenn Moskau auch Sie …?“
„Mich?“
„Wie ich bereits anfangs erwähnte, habe ich mich mächtig für Sie ins Zeug gelegt.“
„Aber wieso denn gerade für mich? Ich habe doch keinerlei Erfahrung?“
„Nun, ich habe denen erzählt, wie Sie bei uns aufgetreten sind, und glauben Sie mir, die in Moskau verstehen sich darauf, zu beurteilen, wen sie gebrauchen können und wen nicht. Sehen Sie sich das hier einmal an.“ Er griff in die Seitentasche seines Mantels und holte ein Schriftstück hervor.
Ich nahm es an mich und las.
Hiermit verpflichte ich mich zu vollkommener Loyalität dem sowjetischen Staat gegenüber. Des Weiteren werde ich strengsten Gehorsam leisten, sämtliche Aufträge befolgen, sowie alle Hemmungen und Scham über Bord werfen. Ich bin bereit, notfalls auch meinen Körper sowie mein Leben in den Dienst der Sache zu stellen.
Ich schluckte. Das war verdammt starker Tobak.
Oberst Kurganow reichte mir seinen Kugelschreiber. „Hier, unterschreiben Sie.“
Ich dachte nicht lange nach und unterschrieb. Was sollte ich auch anderes tun? Schließlich hatte ich den Stein ins Rollen gebracht und damit mein Schicksal herausgefordert.
Oberst Kurganow saß in seinem geräumigen Dienstzimmer und dachte über seine neuste Rekrutierung nach. Sie war ein Glücksfall. Hübsch, klug, ehrlich und unverbraucht. Er würde sie nach Belieben formen können. Sie war etwas anderes als diese Stümper, die die Rekrutierungen an Hochschulen normalerweise hervorbrachten. Wenn er nur an die letzte Veranstaltung dachte, die er in Leipzig organisiert hatte. Das sogenannte ‚Konfliktforschungsseminar‘ war ein großer Flop gewesen. Niemand hatte sich wirklich für sein Anliegen interessiert. Und dann stand da so ein Prachtmädchen quasi direkt vor seiner Haustür und fragte an, ob er eine Verwendung für sie hätte. Natürlich hatte er die. Er würde …
Das Telefon klingelte, und das penetrante Geräusch unterbrach seine Gedanken, auch wenn er den Anruf erwartet hatte.
„Boris?“
„Dobryy vecher, Juri. Hat alles geklappt?“
„Ja, sie hat unterschrieben.“
„Und jetzt?“
„Na, ich werde sie perfekt ausbilden lassen. Du weißt schon: Treffs, Mikrofone, Geheimschrift, Funk, Code, Fototechnik, das volle Programm. Die Kleine ist sehr begabt. An der werden wir viel Freude haben.“
„Und ideologisch?“
„Ich habe sie auf Herz und Nieren geprüft. Das Mädchen ist klasse. Sie hat Charakter, falls du verstehst, was ich meine.“
„Du meinst, sie hat Format?“
„Ja, und gute Umgangsformen. Sie ist wirklich ganz außergewöhnlich.“
„Wie alt ist sie eigentlich?“
„Gerade achtzehn geworden.“
„Was, noch so jung? Na, in dem Alter stellt man sich unsere Tätigkeit noch als großes Abenteuer vor.“
„Na und? Ist es das etwa nicht?“
„Schon, aber nicht so, wie sie sich unsere Arbeit vorstellen wird. Glaub mir, sie träumt wahrscheinlich noch davon, sich im Kleiderschrank des Bundeskanzlers zu verstecken oder das Hauptquartier der amerikanischen Armee in die Luft zu sprengen.“
„Ach was. So naiv kann sie nicht sein. Wir sind doch hier nicht bei der RAF.“
„Das sagst du was. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe sitzen schon längst in Stammheim, und Ulrike Meinhof weilt schon nicht mehr unter uns.“
„Das ist mir bekannt. Sie hat sich am 9. Mai in ihrer Zelle erhängt. Somit ist die gesamte Führungsmannschaft der RAF ausgeschaltet.“
„Und dafür haben sie sich 1970 extra in Jordanien ausbilden lassen. Aber es gibt doch sicher eine Nachfolgeorganisation?“
„Sicher, die gibt es. Nennen sich ‚Die zweite Generation‘. Da hatten sogar unsere Jungs die Finger mit im Spiel. Wusstest du, dass sie aus dem 1970 gegründeten Sozialistischen Patientenkollektiv entstanden ist?“
„Mein Gott, Juri, was für ein Wort. Ne, das wusste ich allerdings nicht. Wer ist denn dabei?“
„Zwei Typen namens Haag und Mayer sollen die Anführer sein.“
„Ist mit denen etwas anzufangen?“
„Keine Ahnung. Unsere Leute versuchen gerade, einen Kontakt herzustellen, was sich allerdings als sehr schwierig erweist. Die beiden sind äußerst misstrauisch.“
„Verstehe. Also was ist nun mit der Kleinen? Ist sie naiv oder nicht?“
„Ich denke schon. Immerhin hat sie einen unserer Wachsoldaten nach dem KGB gefragt.“
„Ich würde sie mir ja gern selbst ansehen, aber leider schaffe ich es nicht, von hier wegzukommen. Du weißt schon, das Z. K. bereitet gerade die große Militärparade vor. Da brauchen sie jeden Mann.“
„Kann ich mir vorstellen.“
„Also, du willst sie ausbilden und dann als Kundschafterin nach Westdeutschland schicken?“
„Als einfache Kundschafterin? Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass sie davon sehr begeistert sein wird.“
„Nicht? An was hast du dann gedacht?“
„Daran, dass sie einmal einen prima Führungsoffizier abgeben würde.“
„Was, du willst sie Führungsaufgaben übernehmen lassen?“
„Später einmal wird sie bestimmt so weit sein.“
„Das verstehe ich nicht. Solch einen Posten muss man sich doch erst erarbeiten. Führungsoffiziere werden nur unsere besten Leute. Sie hat noch nichts für uns geleistet! Warum setzen wir sie nicht erst einmal als Lockvogel ein? Auf dem Foto, das du mir mitgebracht hast, sieht sie ja ganz passabel aus. Typ Unschuld vom Lande, na, du weißt schon, auf so etwas fliegen die Männer.“
„Du wohl auch, was?“
„Aber natürlich. Jedenfalls weiß ich, wovon ich spreche.“
„Alter Schlawiner … obwohl, darüber habe ich auch bereits nachgedacht, nur eigentlich bräuchten wir dringenden Ersatz für Werner Metzger. Du weißt schon, unser Agent, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Die Sache hat ziemlich viel Staub aufgewirbelt. Besonders, als die im Westen das mit der doppelten Identität geschnallt haben. Dabei war seine Identität hervorragend. Nun ja, sei’s drum. Wir müssen nach vorn blicken, müssen unsere alten Träume in den Köpfen junger Leute entfachen und uns am Feuer ihrer Jugend wärmen.“
„Das hast du aber schön gesagt, Juri. Bist du unter die Poeten gegangen?“
„Nein, ich bin mit Leib und Seele Geheimdienstler, das weißt du doch.“
„Na gut. Den Agentenjob können auch andere erledigen, denn wenn die Kleine ihre Sache gut macht, dann werden wir alle davon profitieren.“
„Du meinst also, Anika soll sie mal unter ihre Fittiche nehmen?“
„Kann jedenfalls nichts schaden. Die bringt ihr die richtigen Kniffe bei, und ich übernehme alles Weitere. So bekommen wir eine neue ‚Schwalbe‘, die bereit sein wird, ihren Körper als Waffe einzusetzen. Na, was meinst du?“
„Klingt gut. Wir schicken sie nach Westdeutschland. Dort kann sie sich erst einmal bewähren und sich die ersten Sporen verdienen. Ich möchte jedenfalls nicht, dass sie ein anderer Verein bekommt.“
„Denkst du dabei an das Ministerium für Staatssicherheit?“
„Unter anderem.“
„Ach was, das kommt überhaupt nicht in Frage. Nur was, wenn sie überläuft und auspackt?“
„Nie im Leben! Wenn ich mit ihr fertig bin, kenne ich sie besser als sie sich selbst. Glaub mir, sie ist die Beste, die ich jemals bekommen habe. Wir müssen ihr nur das Gefühl geben, dass wir sie anerkennen und dass sie eine von uns ist. Eine Soldatin, die sich für das Wohl ihres Vaterlandes einsetzt. Dann können wir alles von ihr haben.“
„Bist du sicher? Sollen wir sie nicht erst einmal tote Briefkästen leeren lassen?“
„Aber Boris!“
„Ist ja schon gut, Juri. Ich kann das sowieso nicht allein entscheiden. Die Entscheidung, ob jemand an der umfangreichen Ausbildung teilnehmen darf, trifft einzig und allein das Präsidium.“
„Von dem du ein wichtiger Teil bist. Du könntest zumindest ein gutes Wort für sie einlegen.
„Also gut, ich werde sehen, was ich tun kann. Das MFS bekommt sie jedenfalls nicht!“
„Do svidaniya.“
Kapitel 2
April 1977
Als im April 1977 in Karlsruhe der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und der Leiter der Fahrbereitschaft der Bundesanwaltschaft Georg Wurster von einem Motorrad aus in ihrem Auto erschossen wurden, hatte ich es geschafft, eine waschechte Spionin zu werden. Wir waren die heimlichen Helden, hatten alles, was wir brauchten: einen bösen Feind, nachsichtige Verbündete, eine brodelnde Welt. Es ging darum, die Menschheit vor ihren eigenen Exzessen zu schützen. Wir hatten einen sehr gefährlichen Planeten geerbt.
Die Ausbildung dauerte sechs Monate. Gleich in der ersten Woche bekam ich einen Decknamen und einen Lehrplan. Alles war neu und verwirrend. Abends in einem Bistro probierte ich meine neue Identität aus, den neuen Namen, und verquatschte mich prompt nach ein paar Minuten. An den Namen ‚Larissa Orloff‘ musste ich mich erst noch gewöhnen, aber Fehler konnte man nicht verhindern. Die Frage war halt, wie man damit umging – indem man improvisierte. Wenn man darüber nachdachte, was man gelernt hatte, dann hatte man schon verloren. Und man durfte keine Angst haben. Ängstliche Menschen lernten nie etwas, hatte ich mal irgendwo gelesen. Die neue Identität musste so nah wie möglich an der Wirklichkeit sein. Ansonsten verstrickte man sich viel zu schnell in Widersprüche. Agenten waren eben keine Schauspieler!
Vier Wochen lang wurde ich alias Larissa Orloff in die Organisation und in die einzelnen Abteilungen des KGB eingewiesen. Fünf Monate lang brachte man mir bei, wie man konspirativ fotografierte, tote Briefkästen und Verstecke für geheime Nachrichten anlegte, wie man Kontaktberichte verfasste und bei den Chefs Geld für verdeckte Operationen beantragte. Außerdem bekam ich Unterricht in Staatsrecht, internationaler Politik und Psychologie.
Wie erkannte man, wenn jemand lügt? Das war eine der Fragen, um die es ging. Und eine, auf die es offenbar trotz aller Forschung keine eindeutige Antwort gab. Nebenbei lernte ich Sprachen. Russisch war Pflicht, Englisch fand ich spannend. Die Schule, auf die man mich zeitweise schickte, hatte etwas von einem alten Schullandheim der Sechzigerjahre. Es gab eine Kegelbahn, einen Aufenthaltsraum, Schlafräume und einen Hörsaal. Alles lag dicht beieinander. Morgens, wenn ich ins Bad ging, schlurfte mein Professor oder einer der Dozenten im Bademantel über den Gang. Man musste sich mit den anderen unterhalten, ob man wollte oder nicht. Ich war von Menschen umgeben, die sehr akribisch waren, und das entsprach genau dem, was mir gefiel und was ich mir aneignete.
„Larissas Präzision ist eine Waffe“, hatte einmal ein Kollege gesagt, und ein anderer hatte bestätigt: „Ja, sie ist beeindruckend. Aber mit der darfst du nicht verheiratet sein, da hast du nichts mehr zu melden.“
Dem KGB war das egal. Den hohen Genossen interessierte es nicht, ob jemand mit ihren Agenten verheiratet sein wollte. Sie wollten nur die besten Leute in ihren Diensten sehen. Ansonsten entsprach der erste Teil der Ausbildung genau meinen Vorstellungen. Er ähnelte den Handlungen aus den Agentenfilmen im Fernsehen, die sich die Leute immer ansahen. Nervtötend war allerdings die bürokratische Trägheit des Verwaltungsapparates. Es dauerte ewig, bis ein Bericht freigegeben wurde. Hierarchie hoch, Hierarchie runter, erneut Überarbeiten. Dann alles wieder von vorn tippen. Ich war erst zufrieden, wenn ich nach einer Recherche ein gutes Lagebild anbieten konnte. Ich schrieb Berichte, die durch viele Hände gingen. Jeden Tag arbeiteten Dutzende Agenten an solchen Berichten. Sie schrieben Tagesberichte, Wochenberichte, Monatsberichte, Meldungen, Warnungen, verbrauchten eine Unmenge an Papier, je nachdem, wie vertraulich das Material war. Von dem, was sie schrieben, kam ein Bruchteil dort an, wo es tatsächlich hingehörte – in die Politik. Das war manchmal frustrierend, aber man musste mit dem Abenteuer und mit der Bürokratie klar kommen. Es war nicht immer einfach, zu verstehen, wie beides zusammengehörte, aber mit der Zeit würde ich es lernen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen festen Freund. Hätte ich einen gehabt, ich hätte ihm niemals erzählen dürfen, wer mein Arbeitgeber war. Eine Legende, ein erfundenes Leben war für mich ein Schutz, aber halt auch eine Lüge, und den Menschen zu belügen, den man liebte, das ging nicht. Sobald jemand in mein Leben trat, würde ich es melden müssen. Der KGB würde entsprechende Untersuchungen anstellen. Das bedeutete, ich durfte nichts mehr zu Hause auf dem Schreibtisch liegen lassen. Nichts Persönliches, nichts Berufliches, keine Kontaktliste, keinen Kalender, in dem stand, wo ich wann war und wen ich getroffen hatte. Ich versuchte, vorsichtig zu sein, aber nicht übervorsichtig. Ich wurde schnell misstrauisch, wenn Typen zu viel fragten. Ein Mann, der zu viel redete, war nichts für mich. Kollegen, die zu viel redeten, waren auch nicht mein Ding. Das Zauberwort hieß Verschwiegenheit. Darum allein drehte sich beim Geheimdienst alles. Am Ende meines Einführungslehrgangs war ich bereit, die Welt zu retten, und wenn ich sie von einem Ende zum anderen hätte ausspionieren müssen. Überall drohte die imperialistische Gefahr, und ich war bereit, es mit ihr aufzunehmen.
Der zweite Teil meiner Ausbildung umfasste einen Punkt, der in meinem Vertrag als Kleingedrucktes aufgeführt war und den ich bereitwillig unterschrieben hatte: Alle Hemmungen und Scham sind über Bord zu werfen, und auch der eigene Körper soll in den Dienst der Sache gestellt werden. Das betraf die ganze Skala weiblicher Persönlichkeit, von der geistig-kulturell hochstehenden wissenschaftlich gebildeten Frau über die elegante-charmante Gesellschafterin, die geachtete Kollegin bis zur vermeintlichen Partnerin, die mit ihrem bezaubernden Liebreiz lockte und intime Abenteuer versprach. Entsprechend lasen sich die Protokolle über Anwerbungsgespräche und Leistungsbeurteilungen von KGB-Schwalben, die für die gezielte Vorbereitung ausgewertet wurden. Dabei ergaben sich folgende Frauentypen:
Typ 1 – Die Chefsekretärin: steht auf finanzkräftige Männer, sehr gute äußere Erscheinung, macht auf unnahbar, luxuriös und exquisit. Sie ist dezent-berechnend, hochwertig gekleidet, feiert Partys, gibt sich tolerant und weltoffen.
Typ 2 – Die unabhängige Frau: 50 Jahre, alleinstehend; intime Verhältnisse zu diversen Kollegen, raucht, trinkt, lesbische Veranlagung.
Typ 3 – Die Blondine, gesellig, offenherzig, selbstbewusst, 35 Jahre, häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, charmant, witzig, leicht ironisch, sie weiß, dass sie mit ihrer Art bei den Männern ankommt.
Typ 4 – Die Studentin: 20 Jahre, ledig; macht auf Männer einen starken sexuellen Eindruck. Sie ist gut aussehend, charmant, flirtet gern.
Typ 5 – Die Schülerin: jugendlich, 17 Jahre, festes Verhältnis zu einem geschiedenen Mann. Sie nimmt an Sexpartys teil, lässt sich von mehreren Jungen am Abend vernaschen, raucht, trinkt, liebt es, öffentlich unsittlich berührt zu werden.
Damit konnte ich noch einigermaßen umgehen, doch dann zeigte mir Anika, was weibliche Intuition und sexuelle Erfahrung zu bewerkstelligen vermochten. Anika war eine alternde Blondine mit einem unförmigen Po, schweren Brüsten und langem Haarzopf. Sie hatte den Zenit ihrer Jugend schon lange überschritten, dafür war sie sexuell erfahren und mit allen Wassern gewaschen. Sie führte mir eine ausgewählte Serie an Pornofilmen vor, die zeigten, wie professionelle Frauen jeglichen Wunsch ihrer männlichen Kunden erfüllten. Ich war gewiss nicht prüde, aber die Filme schockten mich. Zum ersten Mal begann ich zu begreifen, auf was ich mich eingelassen hatte. Ich erfuhr von sexuellen Praktiken, deren Existenz ich mir vorher nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte vorstellen können. Anika gab mir eine Tonbandaufnahme, in der sie mir Instruktionen gab, wie ich mit den Männern umzugehen hatte. Diese Instruktionen klangen wie Grundregeln für die weibliche Kunst des Verführens oder wie Pflichten, die eine devote Frau zu erfüllen hatte.
Berühre ihn mit den Händen, gleite unter sein Hemd, unter seinen Gürtel, fahre mit den Fingernägeln über seinen Brustkorb, seinen Bauch, seine Schenkel. Öffne seine Hose. Streife leicht über die Gegend seiner Geschlechtsteile. Zieh deinen Slip aus und hebe den Rock. Lass den Rocksaum über verschiedene Gegenstände gleiten, seine Arme, seine Beine. Zeig es ihm, wie du es dir machst. Fahre mit deinen Händen über deinen Körper, knie nieder, spreize die Beine. Stöhne und erkläre ihm, dass du es ganz allein für ihn machst. Beschreibe deinen Orgasmus. Frage ihn, was er gern mag. Ruf ihn an und sag ihm, dass du nackt auf der Couch liegst, ein Kissen zwischen die Beine geklemmt hast und mit dir selbst spielst. Bitte ihn, dich nicht so lange allein zu lassen.
Das KGB beauftragte seine Sex-Agentinnen, private Beziehungen mit ausgewählten Männern einzugehen. Zum Aufgabenbereich dieser Damen gehörten Sex, gemeinsame Aufenthalte im kapitalistischen Ausland oder in Städten der Nato-Staaten. Auf diese Weise gewann der sowjetische Geheimdienst Erkenntnisse über westliche Diplomaten, Journalisten und Wirtschaftsvertreter, die er als ‚operativ-interessante Ausländer‘ bezeichnete.
Aber noch war die Theorie eben nur Theorie, und ich hoffte inständig, gewisse sexuelle Praktiken niemals in der Praxis anwenden zu müssen.
Oktober 2002
Oktober 2002
Auf der anderen Seite des Fuchsbaus lagen die Waschräume und die Toiletten. Ich verließ den Ort, der mir die schlimmsten Qualen meines Lebens beschert hatte. Die Räume mit den sanitären Anlagen sahen genauso trostlos aus wie alles andere in dem ehemaligen Erziehungsheim. Die Metallteile waren stark verschmutzt, oxidiert oder lagen herausgerissen auf dem staubbedeckten Boden. Ich blickte auf die alten blassblauen Fliesen. Wie hässlich sie waren. Genauso hässlich wie das, was hier mit mir geschehen war. Genau an dieser Stelle war ich von einem der männlichen Erzieher unsittlich berührt und vergewaltigt worden. Noch nicht einmal in den Waschräumen hatten sie mir eine gewisse Intimsphäre zugestanden. Ich fühlte eine innere Leere in mir. Da war kein Gefühl mehr, einfach nur ein leeres Nichts. Ich hatte mich damals beinahe daran gewöhnt, missbraucht zu werden. Jetzt bedeutete es mir nichts mehr. Ich hegte keine Hassgefühle gegen meine Peiniger. Viel wichtiger war das, was danach kam – mein neues Leben im Westen.
Juli 1977
Juli 1977
Die ersten Gehversuche fielen mir schwer. Ich war eine gerade flügge gewordene Spionin, und Westdeutschland war halt doch ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Sicher, ich hatte durch Oberst Kurganow eine vorzügliche Ausbildung genossen, und danach hatte mir Anika gezeigt, wie ich auf die sexuellen Fantasien der Männer reagieren musste, doch die Realität sah zunächst ganz anders aus. Ich reiste über den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in den Westsektor Berlins ein. Natürlich mit neuen Papieren, die erstklassig waren. Die Sowjets machten keine halben Sachen. Eine neue Identität besaß ich auch, und einen neuen Namen: Larissa Orloff. Dafür war ich extra mit meinem Betreuungsoffizier nach Kaliningrad gefahren, hatte mir jedes Dorf, jeden Hof und jede landschaftsspezifische Eigenschaft eingeprägt. Gemäß meinen neuen Dokumenten stammte ich aus Akulowo. Dort hatte es sogar mal eine Larissa Orlow gegeben, aber die war längst tot. Ich hatte ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof gefunden. Alles Weitere hatte der örtliche Bürgermeister für mich arrangiert – unter anderem, meinen neuen Namen in sämtliche Register eintragen lassen. So war quasi aus dem Nichts eine neue Larissa Orlow alias Orloff als Tochter einer deutschen Landarbeiterin auferstanden. Mein Pass war so echt, wie er nur echt sein konnte. Das hatte ich wiederum einem von Oberst Kurganow im Polizeirevier Lichtenberg eingeschleusten Kontaktmann zu verdanken.
Von Westberlin aus fuhr ich mit dem Reisebus zu meinem ersten Einsatzort – nach München. Meine Aufgabe war schlicht und einfach. Ich sollte Westbürgerin werden und mich in die westdeutsche Gesellschaft integrieren. Neben meinem Pass bekam ich eine Geburtsurkunde, einen Taufschein, die Sterbeurkunde meiner Mutter, eine Arbeitserlaubnis und ein wenig Startgeld. Das war alles. Von nun an war ich auf mich allein gestellt. Das heißt, nicht ganz. Es gab noch den Betreuungsoffizier Ogoneck und die zweimal wöchentliche Kontaktaufnahme seitens der Russen mittels verschlüsseltem Funkspruch über Kurzwelle.
Ich kam in München an, als die zweite Generation der RAF den Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, ermordete. Dies geschah am 30. Juli 1977. Das RAF-Mitglied Susanne Albrecht war mit dem Bankier persönlich bekannt, sodass dieser sie in seinem Privathaus in der Oberhöchstadter Straße in Oberursel empfing. Susanne Albrecht, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erschienen in Pontos Villa, um ihn zu entführen. Als sich Ponto zur Wehr setzte, schossen Klar und Mohnhaupt fünf Mal auf ihn, woraufhin er im Krankenhaus verstarb.
Die Zeiten waren unruhiger geworden. Etwas Unheimliches ging in Westdeutschland vor sich.
Ich saß ich in einem Café an der Pestalozzistraße und trank einen Kaffee. Draußen war es ungewöhnlich warm, oder kam mir das nur so vor, weil ich jetzt weit im Süden war?
Alles, was ich besaß, war meine neue Identität und einen alten Lederkoffer mit ein paar Habseligkeiten. Das war nicht gerade viel. Was ich jetzt am dringendsten benötigte, war eine Unterkunft und eine legale Arbeit.
„Am besten, Sie suchen sich etwas Öffentliches, wo Sie persönlichen Kontakt zu den Menschen bekommen, Katharina“, hatte mir Oberst Kurganow eingebläut.
Nun, der Oberst war weit weg, und ich hieß auch nicht mehr Katharina, sondern Larissa. Dafür musste ich mich ab sofort irgendwie allein durchbeißen. Und genau das tat ich, indem ich die Tageszeitung studierte. Am meisten interessierten mich die Kleinanzeigen. Bei den Arbeitsangeboten handelte es sich meistens um Vertretertätigkeiten beziehungsweise um Putzjobs. Das war nicht unbedingt das, was ich suchte. Ich blätterte gedankenversunken in der Zeitung, nippte an meinem Kaffee. Irgendetwas musste mir einfallen, und zwar schnell. Später war meine Tasse leer, ich stand auf und bezahlte das Getränk an der Kasse. Dann schlenderte ich zur Garderobe, nahm meine Strickjacke vom Haken und ging weiter in Richtung Ausgang. Da sah ich das Schild. Es hing im Schaufenster neben der Tür. Serviererin gesucht, stand da beidseitig in großen Lettern geschrieben. Ich machte auf dem Absatz kehrt und ging zurück zur Kasse. Die ältere Dame, bei der ich vorhin den Kaffee bezahlt hatte, lächelte freundlich.



