- -
- 100%
- +
Nutzte mein Bruder Sherlock je die Untergrundbahn? In keinem von Dr. Watsons Berichten hatte ich gelesen, dass der große Detektiv einmal einen Fuß in den Untergrundbahnhof gesetzt hätte, der so praktisch nur einen halben Block von seiner Unterkunft entfernt gelegen war.
»Bitte, Euer Gnaden«, drängte ich meinen aristokratischen Klienten, »erzählt mir genau, was sich zugetragen hat.«
»Lächerlich und unnütz!« Duque Luis Orlando del Campo hob abwehrend beide Hände, die in hellem Ziegenleder steckten. »Ich kann diese Geschichte unmöglich länger wie ein Papagei wieder und abermals wiederholen. Ich verlange, dass Sie Dr. Ragostin rufen!«
Ich will dem geneigten Leser die zahlreichen Schmeicheleien, Beruhigungsversuche, Wassergläser und die Zeitverschwendung ersparen, die es mich kostete, bis ich ihm einen verwirrenden Bericht entlockt hatte. Zusammenfassend soll genügen, dass seine Gattin, Ihro Gnaden, die Duquessa, aus unbekannten Gründen in die Unterwelt des Baker-Street-Untergrundbahnhofs hinabgestiegen war. Eine ihrer Hofdamen hatte den Mut, sie zu begleiten. Die andere wartete oben am Eingang. Schließlich war die erste Hofdame höchst verstört die Treppen wieder hinaufgerannt. Wo war die Duquessa? Anschließend gingen beide hinunter, um sie zu suchen, jedoch ohne Ergebnis. Die hochwohlgeborene Schönheit Blanchefleur del Campo war wie vom Erdboden verschluckt.
Wie überaus faszinierend. »Die Polizei hat die Suche aufgenommen, vermute ich?«
Er hob das wild entschlossene, verzweifelte Gesicht. »Ja, sie haben nach ihr gesucht, aber keine Spur von ihr gefunden.«
»Könnte sie einen anderen Ausgang genommen haben?«
»Man hat mir versichert, dass es keinen zweiten gibt. Es ist lächerlich anzunehmen, sie könnte auf den Gleisen spazieren gegangen sein.«
Lächerlich, in der Tat, würde man nicht nur in den Genuss der Gesellschaft von Ratten kommen, sondern auch das Risiko eingehen, von einem herannahenden Zug überfahren zu werden. »Könnte sie aus irgendeinem Grund in einen der Züge gestiegen sein?«
»Als sie verloren ging, passierte kein einziger Zug den Bahnhof. Was das angeht, schwören es beide Hofdamen hoch und heilig, und der Fahrplan der Untergrundbahn bestätigt es.«
»Dennoch, wäre die Duquessa am Bahnsteig geblieben oder die Treppe heraufgekommen, hätten die beiden sie gesehen.«
»Ganz genau! Es ist ein Ding der Unmöglichkeit! Ich weiß nicht mehr ein noch aus.«
»Haben Sie eine Lösegeldforderung erhalten?«
»Noch nicht. Ich wage zu behaupten, dass dies noch eintreten wird. Nicht nur ich bin gut gestellt, auch ihr Vater, der Earl – sehr reich –, dennoch ist solch eine bizarre Entführung unvorstellbar. Unvorstellbar! Wie hat man sie fortgebracht? Ohne gesehen zu werden? Wo doch niemand sich hätte denken können, dass sie einen solchen Ort überhaupt betreten würde – allein eine fixe Laune kann sie dazu bewogen haben!«
»Was für eine Laune könnte das gewesen sein, Euer Gnaden?«
»Das hat mir bisher niemand zu meiner Zufriedenheit erklären können. Die Hofdamen der Duquessa verfallen in Hysterie, sobald ich sie befrage, und der Polizeiinspektor hat ebenso wenig etwas Vernünftiges aus ihnen herausgebracht. Die ganze Welt ist verrückt geworden. Ich glaube, ich verliere selbst noch den Verstand! Ich habe mich bereits an Mr Sherlock Holmes gewandt …«
Welchen Satz mein Herz tat!
»… doch er befindet sich derzeit an irgendeinem lächerlichen Ort auf dem Lande und wird erst heute zurückerwartet. Genau genommen …«
Der verstörte Duque Luis Orlando del Campo zog eine prächtige Golduhr aus seiner Weste und warf einen Blick darauf. »Er sollte in diesem Moment bereits auf mich warten. Ich muss los.« Er stand auf. »Wenn Sie Dr. Ragostin bitte ausrichten –«
»Euer Gnaden, ich bin gewiss, der Doktor«, unterbrach ich ihn mit fester Stimme, wenngleich meine Gedanken Purzelbäume schlugen, »wird mit den Hofdamen Eurer Gattin sprechen müssen.«
»Beide stehen vollkommen neben sich.«
»Absolut verständlich. Dennoch muss man sie befragen. Doch wenn sie sich schon nicht Euch oder dem Polizeiinspektor anvertrauten, werden sie erst recht nicht mit einem fremden Mann reden.«
»Wahr. Wie wahr«, murmelte er verzweifelt, während seine wilden Blicke im Zimmer umherschweiften und schließlich an mir hängen blieben, als hätten sie Erleuchtung gefunden. »Vielleicht wäre es besser, wenn Sie, eine Frau, sie befragen würden? Wären Sie damit einverstanden?«
»Selbstverständlich.« Ich unterdrückte es, ihm dazu zu gratulieren, so schlau auf die Lösung gekommen zu sein, auf die ich ihn hatte stoßen wollen. »Eure Adresse, Euer Gnaden?«
Kapitel 3
Als ich Duque Luis Orlando del Campos Residenz in der Oakley Street zum ersten Mal erblickte, blinzelte ich überrascht. Höchst unerwartet handelte es sich dabei um orientalisierende Architektur, und das in dieser exklusiven Nachbarschaft nahe dem Themse-Uferdamm. In nahezu ganz London konnte man neogriechische, georgianische, italienisch anmutende, französische, schweizerische, bayerische Bauten ad infinitum vorfinden – häufig auch bedauerliche Mischungen –, doch kaum trifft man je auf Orientalistik. Das aus gelben Ziegeln erbaute Haus scheute geschmackvollerweise Töne von Ocker, Oliv oder Rostrot und bevorzugte stattdessen zinnoberrote Zierleisten und pfauenblaue Dächer. Rubinrote und smaragdfarbene Buntglasfenster funkelten unter rotweiß gestreiften Spitzbögen. Übergroße Fliesen im Schachbrettmuster bedeckten die Eingänge und die Erkerfenster, Türmchen et cetera wurden nicht nur von gewöhnlichen Schindeln überdacht, sondern von bronzenen Kuppeln, wie etwa aus Tausendundeine Nacht. Während ich mich der Eingangstür näherte und einen Türklopfer in Form eines grinsenden Dschinn betätigte, bereitete ich mich mental auf so ziemlich alles vor. Vielleicht ein Butler mit Turban?
Nein. Ein vollkommen gewöhnliches Zimmermädchen in einem geblümten Kleid öffnete mir die Tür, um mich einzulassen, und hielt mir das obligatorische Silbertablett für Dr. Ragostins Karte hin, die ich handschriftlich um meinen neuen Alias ergänzt hatte: Mrs John Jacobson.
»Ist Mr Sherlock Holmes ebenfalls anwesend?«, fragte ich das Zimmermädchen.
»Noch nicht, Madam. Wir erwarten ihn in Kürze.«
Oh weh. Wenn Sherlock auftauchte, würde ich einen Weg finden müssen, mich rasch in Luft aufzulösen.
Das Mädchen brachte meine Karte zu den Hofdamen. Keine Zofen, wohl gemerkt, oder gar Gesellschafterinnen, sondern Hofdamen, nicht weniger. Hmm. Das könnte interessant werden, überlegte ich, während ich in einer faszinierend bogenförmigen Eingangshalle wartete, die erfüllt war von geschnitztem Rankenwerk und durchlocht von Nischen. Hier gab es nicht das übliche Meissner Porzellan zu sehen, sondern eine Sammlung seltsamer Gefäße aus Ton und Bronze, die wie alle möglichen Tiere geformt waren: Elefanten, Löwen, Störche, kämpfende Hähne, Delfine, Krokodile, Katzen – nein, erkannte ich einigermaßen erschrocken, die Katzen waren echt. Schlanke, schmucke, orientalisch anmutende Hauskatzen fläzten sich inmitten der Kuriositäten und liefen mit unbekümmerter Balance über die schwungvollen Zierden des geschnitzten Holzes. Alles in allem ergab dies eine solch exotische Atmosphäre, dass ich halb erwartete, in einen Harem geführt zu werden, als das Zimmermädchen erneut erschien, um mich nach oben zu bringen.
Das Boudoir enttäuschte mich nicht. Die Wände waren oberhalb ihrer elfenbeinfarbenen Vertäfelungen vollständig bedeckt von herrlich bunten, sternförmigen Fliesen, die man geschickt zusammengesetzt hatte. Entlang der niedrigen Deckenwölbungen verlief eine Borte aus dicken, stilisierten gescheckten Pferden. An einem Teil der Wand hingen persische Miniaturen in Elfenbeinrahmen. Am Boden lag ein überaus weicher türkischer Teppich mit einem prächtigen Muster. Insgesamt war der Effekt erfreulich fremdländisch.
Die beiden Damen jedoch, die mich empfingen, entstammten unverkennbar sittenstrengem, schmallippigem, blassäugigem britischem Adel, höchstwahrscheinlich die jüngeren Töchter eines Vizekönigs oder Barons. Eine der jungen Ladys wurde mir als Mary Hambleton vorgestellt, die andere als Mary Thoroughcrumb. Die erste trug türkisfarbenen hochfeinen Satin, durchzogen von kupfergoldenen Fäden, und die zweite pfirsichfarbenen, bestickten Seidentaft, besetzt mit rosa Mousselin – beide Gewänder zwar geschmackvoll, aber derart luxuriös, dass ich in meinem Prinzesskleid aus gerippter Seide regelrecht schlicht wirkte. Die Frage drängte sich auf: Wenn sich die Hofdamen der Duquessa so zu Hause anzogen, wie, in aller Reichtum Namen, mochte Blanchefleur selbst sich kleiden, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zeigte?
Jedoch hob ich mir diese Frage für später auf, da die beiden Marys sich setzten und mir gleichmütig einen dritten Stuhl zuwiesen. Trotz ihres reichen Aufzugs schienen sie recht armseliger Stimmung, waren ihre Augen doch rot und geschwollen.
»Wir sind schrecklich niedergeschlagen«, sagte die Mary-in-Satin, sobald man uns mit Tee versorgt hatte. Mir hatte das Hausmädchen zuletzt eingeschenkt, zudem gaben mir beide Hofdamen durch ihre übertrieben aufrechte Körperhaltung unmissverständlich zu verstehen, wie über die Maßen glücklich ich mich schätzen durfte, überhaupt von ihnen empfangen zu werden.
»Wir haben bereits mit der Polizei gesprochen«, ergänzte Mary-in-Taft verstimmt. »Was ist es denn, was Ihr, äh, Dr. Ragostin noch wissen möchte?«
Gemäß meiner Rolle öffnete ich einen kleinen Handkoffer, den ich mitgebracht hatte, zog mir die Sommerhandschuhe aus Nankingbaumwolle von den Fingern und warf sie hinein, bevor ich einen Schreibblock hervorholte und mich mit gezücktem Stift bereitsetzte. »Zunächst einmal fragt er sich, welches Unterfangen Euch und Eure geschätzte Herrin nach Marylebone führte?«
»Unterfangen trifft es kaum«, keifte Türkissatin. »Unsere liebe Blanchefleur benötigt keinen Grund, um dorthin zu gehen, wohin es ihr beliebt.«
Unsere liebe Blanchefleur? Nicht unsere liebe Lady oder unsere liebe Herrin? Allem Anschein nach stand die Duquessa ihren Hofdamen außergewöhnlich nah.
»Ihro Gnaden war … ich meine, sie ist …« Die Hofdame geriet ins Stammeln und schien kaum in der Lage fortzufahren. »… ein rastloser Geist …«
»Jung«, warf die andere Mary ein, obwohl sie selbst kaum älter als zwanzig sein konnte, »und auf harmlose Art abenteuerlustig. Ihr behütetes Leben kommt ihr häufig schrecklich öde vor, wenn also eine spontane Laune verspricht, sie glücklich zu machen …«
Tränen traten in ihre auffallend eng stehenden Augen. Sie scheinen ihre Herrin wahrhaft zu mögen, machte ich mir einigermaßen überrascht eine geistige Notiz.
»Eine Laune?«, hakte ich nach.
»Ja. Sie wollte die ganze Stadt erkunden, abgesehen von den Orten, die besonders abschreckend sind. Irgendwo hatte sie gehört, man könne die Bezirke anhand der verschiedenen Straßenlaternen voneinander unterscheiden …«
Vollkommen richtig – auch ich fand es einigermaßen faszinierend, mir die Zeit damit zu vertreiben, einen lächerlich dekorierten Laternenpfahl vom anderen zu unterscheiden. Allmählich verspürte ich für die junge Gattin des Duque Luis Orlando del Campo eine gewisse Zuneigung.
»… jedenfalls hat sie sie gern begutachtet, daher haben wir an den meisten Tagen die Kutsche hierhin oder dorthin genommen, um spazieren zu gehen.«
»Ein durchaus normaler und interessanter Zeitvertreib«, versicherte ich ihnen. »Und der gestrige Ausflug führte Euch in die Baker Street? Zum Untergrundbahnhof?«
»Ja, aber natürlich würde keine von uns jemals dort hinuntersteigen.« Der Himmel bewahre! Nicht dorthin, wo einem ein Wölkchen Zigarrenrauch, Bier oder gesalzener Heringe ins feine Näschen steigen könnte. »Wir wollten lediglich daran vorbeilaufen, doch am Eingang lungerte eine jämmerliche alte Gestalt …«
»Schniefte und wimmerte, sie wäre lahm und hätte Wassersucht, würde es allein nicht die Treppe hinunter schaffen und sicher ihren Zug versäumen. Inzwischen bin ich sicher, dass all dies nur vorgetäuscht und Teil eines schmählichen Plans war«, warf die lebhaftere türkise Mary ein. »Doch zu diesem Zeitpunkt dachten wir uns selbstredend nichts Schlimmes dabei, als die liebste Blanchefleur …«
Augenblicklich richteten beide den Blick an mir vorbei auf die gegenüberliegende Wand, so abrupt, dass ich mich ebenfalls in diese Richtung umdrehte und dort ein lebensgroßes Porträt einer wirklich liebreizenden jungen Frau entdeckte. Ihr blonder, zerbrechlich wirkender Kopf, vor allem ihre sensiblen, mitfühlenden Augen standen in krassem Gegensatz zu der reichen und schweren roten Samtrobe , die übertrieben mit Perlen aus Gold besetzt war.
»Ist sie das?«, rief ich unwillkürlich, denn nachdem ich den Duque kennengelernt hatte, hatte ich mir irgendwie vorgestellt, seine Gattin wäre ebenso exotisch und temperamentvoll wie er, obwohl ich ja wusste, dass sie die Tochter eines britischen Earl und dessen französischer Frau war.
»Ja, das ist unsere liebe Herrin, wobei es sie nicht annähernd trifft«, sagte Taft-Lady in gänzlich neuem Tonfall, zart, beinahe anhimmelnd. »Sie hat das Gesicht eines Engels und das Herz eines lieben, traurigen Kindes. Eine freundlichere, sanftere Seele …«
»… hat es nie gegeben«, unterbrach Satin. »Ein geduldigeres, heiligeres Lamm …« Und sehr zu meinem Unbehagen begann diese arrogante junge Frau zu weinen.
»Aber, aber, ist ja gut«, sagte die andere zu ihr. »Woher hätten wir das ahnen sollen? Und wie hätten wir es verhindern können?«
An mich gewandt erklärte sie: »Wir machen uns Vorwürfe, dennoch geschah alles so schnell und so selbstverständlich …«
»Diese zahnlose Hexe mit den Borsten am Kinn!«, würgte Satin schluchzend hervor.
»Sie rief unserer Herrin zu«, Tafta gab sich Mühe, einen Cockneyakzent nachzuahmen: »Oh, gesegnet süße Madonna, die zur Erden runtergestiegen is, Se werd’n ner alten lahmen Frau doch helf’n, nich? Die steil’n Stuf’n – würd ich die runterfall’n, wär’s mein Ende, aber wenn ich in Ihre Engelsaug’n schau …«
»Es reicht«, befahl die andere gepresst.
»An mehr kann ich mich ohnehin nicht erinnern«, erwiderte Mary-in-Taft, »denn da war die liebe, impulsive Blanchefleur schon dabei, der alten Bettlerin die Treppe hinunterzuhelfen, und wir haben sie nicht mehr gesehen.«
Obwohl die Hofdamen es nicht aussprachen, bin ich sicher, sie standen wie vom Blitz getroffen auf dem Gehsteig. Um ihnen auf die Sprünge zu helfen, fragte ich: »Wie sah diese alte Frau aus?«
»Wie eine Kröte unter einer abgrundtief hässlichen, alten Strohhaube«, antwortete Satin barsch, als sie sich von ihren Tränen erholt hatte. »Ich sagte zu Mary: Ihr geht Blanchefleur nach und ich bleibe hier, um auf sie zu warten, solltet ihr aneinander vorübergehen.«
Gewiss hatte es über diesen Punkt einigen Zank gegeben, worauf wir jedoch nicht eingingen. Einige Augenblicke mochten verstrichen sein, bevor eine der Hofdamen sich die Treppe hinuntergetraut hatte, während die andere oben wartete.
»Ich habe gesucht und gesucht, inmitten des schändlichsten und heruntergekommensten Gesindels, das man sich vorstellen kann! Die Gleise auf und ab, den gesamten Bahnsteig entlang, doch sie war nicht da! Selbst in einer Besenkammer hinter den Metallstufen sah ich nach …«
»Die Blanchefleur nicht wieder heraufkam, was ich für meinen Teil beschwören kann«, keifte die andere, »also müsst Ihr sie übersehen haben!«
»Aber ich habe überall gesucht!«
»Und die alte Frau?«, fragte ich, bevor sie einen Streit vom Zaun brechen konnten.
»Verschwunden, als hätte es sie nie gegeben! Wie vom Erdboden verschluckt! Genau wie unsere liebe Blanchefleur.«
Kapitel 4
Angesichts ihrer Trauer erschien es mir herzlos, sie noch länger zu strapazieren. Also packte ich meine Notizen ein und war gerade aufgestanden, um zu gehen, als von unten der Klang einer Stimme an meine Ohren drang, die zunehmend zornig und laut wurde.
»… Schlagzeilen in sämtlichen Zeitungen: ‚Schönheit der feinen Gesellschaft entführt‘, ‚Schockierendes Verschwinden von Earl-Tochter‘, ‚Gattin eines katalanischen Adligen verschleppt‘ …«
Unverkennbar, diese Stimme …
Mein Bruder Sherlock!
»… und doch behauptet Ihr, Ihr hättet mit der Morgenpost nichts erhalten?«
Die Antwort war zwar nicht hörbar, aber offensichtlich negativ.
»Ich befürchte, das ganze Tamtam in der Presse könnte sie verschreckt haben.« Sherlock klang deutlich verärgert. »Und solange wir keine Lösegeldforderung vorliegen haben, gibt es reichlich wenig, was wir unternehmen können.«
Ihn das sagen zu hören überraschte mich, denn mir waren allerdings verschiedene Dinge eingefallen, die ich tun wollte – doch solange er im Haus war, musste ich mich im Ankleidezimmer versteckt halten. »Äh, mmh«, wandte ich mich an die beiden Marydamen, »könntet Ihr mir wohl beschreiben, was Ihro Gnaden zu jenem schicksalsschweren Ausflug anhatte, als Ihr sie zuletzt gesehen habt?«
Erfreut beantworteten sie mir meine Frage in allen Details. »Oh, sie trug ihre neue Flanierrobe von Redfern mit Ärmeln nach der allerneuesten Pariser Mode!«
»Bauschig, wissen Sie«, erklärte die andere Mary herablassend, als hätte ich keine Ahnung: Während die Hinterteile weiblicher Garderoben an Volumen einbüßten, schwollen Schultern und Oberärmel auf groteske Ausmaß an. Ohne Puff-irgendwas ging es scheinbar nicht.
»Aus Moiréseide, schillernd in allen Farben einer Taubenbrust, mit Kellerfalten vorn und einer breiten Gürtelapplikation aus weißen Perlen in einem wirklich hinreißenden Design nach der Art Nouveau …«
Art Nouveau? Möglich, dass ich ratlos wirkte, denn schon rief sie: »Einen Augenblick, ich glaube, wir haben eine Fotografie!«
Ich sah zu, während beide Marys Schubladen voll von prächtiger Unterwäsche durchsuchten. Ein Stapel makellos gebügelter Taschentücher fiel zu Boden. Ich hob sie auf und bewunderte die luxuriösen Randverzierungen aus venezianischer Spitze und die dicht gestickten scharlachroten Monogramme, eingefasst mit Gold: DdC.
»Duquessa del Campo?«, riet ich, als ich die Taschentücher der Taft-Mary reichte.
»Ganz recht. Wo steckt nur dieses Foto?«, jammerte Satin.
Da ich glücklicherweise bereits auf den Beinen war, während sie suchten, nahm ich mir die Freiheit heraus, im Gemach umherzuspazieren und den reichhaltigen Luxus zu bestaunen: ein prächtiger Farngarten, gut bestückte Bücherregale mit Glastür, enorme exotische Vasen, in denen Pfauenfedern steckten, als wären es Blumen, ein absolut herrlicher Schreibtisch mit Intarsien aus Rosenholz …
Auf dem Schreibtisch lag ein halb fertiggestellter Brief, geschrieben mit blauer Tinte auf einem Papier herausragender Güte mit dem DdC-Monogramm darauf. Dieser Brief interessierte mich über alle Maßen, obwohl ich darauf achtgab, den Anschein zu erwecken, als würde ich rein zufällig in seine Richtung schlendern. Anhand der Handschrift einer Person kann ich allerlei über sie ableiten, und Blanchefleurs Schrift erschien außergewöhnlich viel Bescheidenheit auszustrahlen: keinerlei Schnörkel, jeder Buchstabe schlicht und behutsam geformt. In der Tat unterschied sie sich allein durch die Größe von der eines Kindes.
Auch der Inhalt des Briefs war bemerkenswert. Vielleicht sollte ich erklären, dass ich eine Seite mit nur einem Blick vollständig lesen und begreifen kann, womöglich weil ich es als Kind auf mich genommen hatte, die gesamte Encyclopaedia Britannica zu lesen, wodurch ich sehr geübt und schnell wurde. Auch wenn ich es vermutlich nicht Wort für Wort exakt im Gedächtnis abspeicherte, stand im Brief der Lady sinngemäß Folgendes:
Liebste Mama,
ich hoffe, Euch und meinem liebsten Papa geht es gut. Ich vertraue darauf, dass er im warmen Sommerwetter weniger mit seinem Rheuma zu kämpfen hat. Danke, dass Ihr mir Euer Rezept zur Zubereitung von Aal in Minzsoße mit Kürbisgemüse geschickt habt. Ich habe es der Köchin in allen Einzelheiten beschrieben und gewiss werden wir es bald kosten dürfen. Meine größten, und tatsächlich auch einzigen, Neuigkeiten sind mein neues Kleid von Redfern, das mir mein lieber Gatte auf Drängen von Mary T. und Mary H. bestellt hat. Natürlich ist es hinreißend und schon in ein oder zwei Seiten werdet Ihr ausführlich darüber lesen können, versprochen – doch Mama, als Nächstes wollen sie mich nach Paris bringen, um mich von Worth einkleiden zu lassen, und gerade Ihr wisst, wie schrecklich ich mich bei so viel Extravaganz fühle. Was habe ich in meinem Leben je Gutes oder Nützliches getan, um so viel Reichtum zu verdienen? Ich weiß, Papa hat mir immer erzählt, dass wir so gut gestellt sind, weil Gott es so vorgesehen hat, und dass die Armen aus demselben Grund oder aber weil sie faul sind, eben arm sind. Aber damit kann ich mich nicht zufriedengeben. Ich sehe die Armen auf der Straße – hier in London kann man keinen Schritt vor die Tür tun, ohne auf sie zu treffen, die blinden Bettler, verkrüppelten Soldaten, kraushaarigen Frauen, die kleine Blumensträußchen verkaufen, die Kinder in ihren Lumpen – und sie tun mir so schrecklich leid. Ich schenke ihnen Pennys und meine Hofdamen schelten mich dafür, obwohl sie natürlich so gut sind, meinem Gatten nichts davon zu berichten – der liebe Luis. Ihr wisst, wie leidenschaftlich er auf jede Kleinigkeit reagiert, entweder brüllt er wie ein Drache oder bedeckt mich mit so lauten Küssen, dass es mir peinlich ist. Ich hatte angenommen, sein Überschwang würde im Laufe der Jahre abnehmen, da ich mich so unwürdig fühle, seine Frau zu sein, habe ich ihm doch noch immer keine Kinder schenken können, aber nein. Selbstverständlich darf man weder verzagen noch undankbar sein, doch wie ein Kleid von Redfern die Dinge in Ordnung bringen soll, ist mir ein Rätsel. Vergebt mir, sollte ich undankbar erscheinen. Ich weiß kaum, wie ich den Aufruhr meiner Gefühle in Worte fassen soll.
Offenbar entsprach das der Wahrheit, denn an dieser Stelle brach der Brief ab. Tatsächlich ging es mir ganz ähnlich, auch ich wusste meine Gefühle nicht recht einzuordnen. Ich hatte erwartet, Blanchefleur würde sich als verwöhnte und verachtenswerte Aristokratin erweisen, doch sie zeigte offenkundig Gewissen und Bewusstsein, wodurch ich mich fragte, ob ich sie vielleicht sogar mögen würde, sollte ich sie je persönlich kennenlernen.
»Ah! Da ist es ja!«, rief Mary Satin.
Ich eilte zu ihr und sie zeigte mir eine große Fotografie im Klapprahmen, den ich öffnete.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.




