MEMORIAM - Auch deine Stunde schlägt

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»Ich will einfach nicht, dass mich jemand für übergeschnappt hält und ich will auch nicht nach Barcelona reisen, nur damit ich dann in die Psychiatrie eingeliefert werde.«
»Sophie, jetzt übertreibst du aber.« Ramon musste lachen. »Der Professor hat in seinem Vortrag erwähnt, dass sich Erlebnisse über Generationen vererben können und du bist ja verwandt mit dem Vorfahren, dessen Geschichte du im Traum erlebt hast. Es wäre vielleicht gut für dich zu wissen, dass es eine wissenschaftliche Erklärung für diesen Traum gibt.«
Sophie runzelte die Stirn.
»Und außerdem«, fügte Ramon hinzu, bevor sie wieder einen Einwand bringen konnte, »hat mein afrikanischer Freund Tajo damals gesagt, dass dieser Tee aus der Wurzel, den ich dir gegeben habe, ›manchmal eine Tür in die Vergangenheit öffnen kann‹ und das lässt sich jetzt vielleicht wissenschaftlich erklären.«
Sophie schwieg immer noch.
»Bitte, Sophie,« setzte er hinzu. »Es ist auch für mich wichtig – und für uns beide.«
Sophie sah auf und direkt in seine Augen. Eine Woge von Emotionen erfasste sie, wie jedes Mal, wenn sie ihn ansah. Emotionen, die sie vom ersten Moment an hatte. Und für einen Augenblick sah sie ihn genau so vor sich, wie er damals ausgesehen hatte: mit der Mönchskutte, bleich, die dunklen Augen tief in den Höhlen liegend und mit einer wulstigen roten Narbe, die sich quer durch sein Gesicht gezogen hatte. Man sah jetzt, fünf Jahre nach der plastischen Operation, gar nichts mehr davon, wie entstellt er gewesen war.
Sophie spürte diese tiefe Verbundenheit, die zwischen ihnen schon immer gewesen war und wie ein Film liefen die Bilder aus ihrem Traum damals ab: Die mondhelle Nacht am Saum des Meeres, das Rauschen der Wellen, die am Ufer ausrollten, ein flackerndes Feuer unter dem endlosen Sternenhimmel und zwei Freunde, die zusammen lachten und tranken und deren Freundschaft nichts trennen konnte. Ramon und sie, das war mehr als nur der Augenblick - es war Geschichte.
Sophie lächelte. Vielleicht war es ja wirklich wert, den Professor wenigstens anzuhören. »Also gut. Ich bin einverstanden. Aber ich werde dafür nicht wieder nach Barcelona fliegen. Wenn, dann muss er nach Palma kommen.«
Ramon zwinkerte verschmitzt. »Das war mir von vornherein schon klar.«
Sie legte den Kopf schief und grinste. »Du hast gar nicht damit gerechnet, dass ich ablehne, oder?«
Zärtlich lächelnd nahm er ihre Haarsträhne und kitzelte sie damit an der Nase. »Nein. Natürlich nicht.«
Ihre wenig überzeugende Entrüstung erstickte er mit einem Kuss.
Erst als sie später zerzaust und lachend aus dem Schlafzimmer kamen und bei einer Tasse Eiskaffee den Blick von Ramons Dachterrasse über das sommerliche Barcelona genossen, fiel Sophie auf, dass sie sich gar nicht nach den Details des Genetikvortrags erkundigt hatte.
»Das ist schon eine Hausnummer.« Ramon nahm einen Schluck von seinem Eiskaffee. »Mit dieser sogenannten ›Genschere‹ kann man eigentlich so ziemlich alles am Menschen verändern. Man braucht nur ein wenig Grundwissen in Labortechnik und Genetik.«
»Klingt erschreckend«, Sophie schleckte nachdenklich das Vanilleeis von ihrem Löffel ab, »aber auch irgendwie spannend.«
»Das Problem ist, dass man, wie immer, Wissen nicht aufhalten kann. Wenn eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht ist, dann wird sie genutzt - ob im Guten oder im Schlechten. Und leider gibt es immer genug Menschen, bei denen sich alles nur um Macht und Geld dreht.«
»Hm«, Sophie runzelte die Stirn, »du meinst, es wird tatsächlich im Erbgut herumgepfuscht?«
Der leichte Wind blies ihr eine Haarsträhne ins Gesicht, die sie nachdenklich hinter das Ohr schob. Unter ihnen flimmerte die Stadt in der Julihitze und der Lärm des Großstadtverkehrs drang gedämpft herauf und gab ihnen das Gefühl, am Puls des Lebens teilzuhaben.
Ramon hatte das Geld, das er von seinen Eltern geerbt hatte, in eine Penthauswohnung direkt an der Avinguda Diagonal gesteckt. Es war ein altes, klassizistisches Gebäude aus großen Sandsteinblöcken mit einem runden Turm, dessen hohe, schmale Fenster rundum Sicht auf die Stadt boten und in dem sich nichts weiter befand, als ein großes Loungebett im arabischen Stil mit bunten Kissen und einer weißen Sommerdecke.
Vom kleinen Pool der Dachterrasse konnte man direkt auf die Sagrada Familia schauen, deren filigrane Gaudi-Türme anmutig in den blauen Himmel wuchsen.
Am meisten liebte Sophie die dunkelbraunen Loungemöbel mit den weißen Kissen im Schatten der Palmen, die in riesigen Töpfen aus Terrakotta und bunten antiken Fliesen erfrischenden Schatten spendeten und leise im Sommerwind raschelten.
Nicht zu vergessen die Außenküche, in der sie fast immer irgendetwas zauberte, wenn sie Ramon besuchte.
Ramon nickte. »Das große Problem an der Sache ist, dass es noch keine rechtlichen Grundlagen gibt, weil die Forschung schneller fortschreitet, als die Rechtsprechung Gesetze verabschieden kann. Außerdem ist es eine weltweite Forschung und jeder Staat hat andere Vorstellungen von Ethik und Grenzen der Genetik. In China forscht man zum Beispiel ohne Skrupel sogar an genmanipulierten Embryonen, während in Deutschland bereits genveränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden müssen. Wie soll man da auf einen Nenner kommen?«
Sophies Blick schweifte nachdenklich in die Ferne. Aus dem Radio ertönten die letzten Klänge von Enrique Iglesias, bevor der Nachrichtensprecher die Sommerstimmung mit den neuesten Meldungen zerriss. »... Beim Einbruch in das Institut March wurde nach derzeitigem Stand nichts entwendet. Wie die Polizei berichtet, wurde der Einbrecher gestört und drang nur in den Eingangsbereich vor. ›Wir versprechen unseren Klienten, dass wir für größtmögliche Sicherheit gesorgt haben und keiner unserer mehrfach geschützten Laborbereiche in irgendeiner Weise von Unbefugten betreten werden kann‹, so der Klinikleiter in einem Interview.
Der Eingang des Institut March wird vorläufig von der Polizei überwacht.
Madrid. Die Hauptstadt ...«
»Institut March? Ist das nicht diese Kinderwunschklinik hier ein ganzes Stück die Straße runter?«, sinnierte Sophie.
»Beim Thema Kinderwunschkliniken bin ich überfragt.« Ramon lachte. »Aber was könnte man dort denn bei einem Einbruch mitnehmen?«
»Keine Ahnung.« Sophie zuckte mit den Schultern und schlürfte an ihrem Kaffee. »Vielleicht war es gar kein Mann, sondern eine Frau, die eine Samenspende klauen wollte, weil ihr Freund durchgebrannt ist«, kicherte sie.
»Als Profilerin wärst du eine Katastrophe«, konstatierte Ramon trocken.
Sophie lehnte sich entspannt in ihrem Sessel zurück und schloss die Augen. »Wäre mir auch viel zu stressig.«
Ramons Handy piepste.
»Neuigkeiten?«, erkundigte sich Sophie und sah ihn an.
»Nein, nichts Wichtiges.«
Aber Sophie meinte, einen gestressten Unterton in seiner Stimme gehört zu haben.
Die Sonne war längst am Horizont untergegangen und die Dämmerung begann in die Nacht überzugehen.
Mateo schaltete das Licht im Labor an.
Lorena war ein paar Tage zu ihrer Mutter gefahren und das war wieder einmal eine Gelegenheit, die chemischen Experimente für sein Projekt weit in die Nacht auszudehnen. Im Gebäude wurde es stiller und nach und nach erloschen in allen Büros die Lichter. Mateo verriegelte die Türe seines Labors von innen und schaltete auf Nachtlicht um. Es war inzwischen schon fast Mitternacht und er wusste, dass er nun bestimmt alleine im Gebäude war, nur mit dem Nachtwächter Mauro, der seine Vorliebe für nächtliche Arbeit kannte und sich nicht groß um ihn kümmerte.
Die neue Putzfrau hatte vor einer Stunde schon sein Labor verlassen und ihm eine gute Nacht gewünscht. Mateo war irgendwann aufgefallen, dass sie eine Schwäche für ihn hatte, denn sie verbrachte mehr Zeit als nötig damit, den Raum zu säubern, und lächelte ihn immer wieder an. Und er bemühte sich, ihr keine Hoffnungen zu machen, ohne deshalb abweisend zu wirken. Öfter mal fand er ein kleines Schokoladentäfelchen auf seinem Tisch und vermutete, dass es von ihr war. Und jedes Mal legte er ein Post-it-Zettelchen an die Stelle, auf das er einfach »Danke« schrieb.
Früher wäre er niemals darauf gekommen, so etwas zu tun, aber als er vor einigen Jahren bei einer Entführung beinahe umgebracht worden wäre, da hatte er manches in seinem Leben überdacht und geändert. Seitdem war er ein zufriedenerer Mensch geworden und, so wie er es empfand, auch ein besserer.
Ein Lächeln glitt über sein Gesicht, denn er musste unwillkürlich an Lorena denken. Seit zwei Jahren waren sie jetzt ein Paar und erst, seit er sie kannte, war sein Leben wieder voller unbeschwerter und glücklicher Momente. Sie war eines Tages beim Petanca, dem spanischen Boule, aufgetaucht und ihre Lebensfreude hatte ihn sofort eingefangen. Er liebte sie und sobald seine Forschung abgeschlossen war, wollte er ihr einen Heiratsantrag machen.
Mateo warf kurz einen Blick über die Schulter auf das Fenster hinter sich, dessen heruntergelassener Rollo den Blick aus dem Flur in sein Büro hinein versperrte. Obwohl er wusste, dass es unnötig war, kontrollierte er das stets. Er ließ das Rollo jedes Mal am Abend herunter. Und trotzdem sicherte er sich immer ab. Immer.
Er zog seine Halskette aus dem Hemd und ein schmaler rechteckiger Anhänger, auf dem der Name Lorena mit einem Herzen darunter eingraviert war, kam zum Vorschein. Mateo nahm eine Stecknadel und stach in die Herzspitze. Der Anhänger schnappte auf und Mateo holte einen kleinen Schlüssel heraus, der darin lag. Dann verstaute er den Anhänger wieder unter seinem Hemd und ging hinüber zum Bücherregal. Er entnahm den Anatomieatlas, strich mit der flachen Hand über die Rückseite des Regales, löste mit den Fingern eine winzige Abdeckung und steckte den Schlüssel in das kaum sichtbare Schloss, das dahinter zum Vorschein kam. Auch hier sprang ein Deckel auf und Mateo griff nach links hinter die Wand und zog den dort verborgenen Ordner heraus.
Lächelnd legte er ihn vor sich auf den Schreibtisch. »Memoriam Prodere« stand in großen Buchstaben auf dem Deckel. »Erinnerung weitergeben«.
Er lächelte immer noch, als er den Ordner aufschlug. Seine Arbeit an dem Projekt war fast fertig. Und es würde einschlagen wie eine Bombe, wenn er es veröffentlichte. Er würde in einem Atemzug mit großen Wissenschaftlern wie Pierre und Marie Curie genannt werden und er würde von da an der Stephen Hawking der Genforschung sein. Er brauchte nur noch das Treffen mit der Freundin von Ramon Carroz. Den Flug nach Palma, am 1. August, hatte er schon gebucht. Und er hoffte, gleich nach dem Gespräch auch die Untersuchung von Sophie anschließen zu können. Dann würde seiner Karriere nichts mehr im Weg stehen.
Freitag, 27. Juli 2018
Barcelona
Die untergehende Sonne zog einen gelborangen Streifen zwischen das azurblaue Meer und den Horizont. Ein paar Wolken, die sich an den Abendhimmel verirrt hatten, waren wie zartorange Schleier in den hellblauen Himmel gewebt, zwischen denen anmutig ein paar Möwen kreisten. Sogar die Brandung rauschte leiser und vermischte sich mit den Stimmen der letzten Besucher, die mit ihren Badesachen den Strand verließen. Der Peix d’Or, der goldene Fisch, funkelte im Licht der letzten Sonnenstrahlen und die Hitze des Tages wandelte sich nach und nach in eine milde Wärme.
Sophie stand am Strand. Der sanfte Wind spielte mit dem Chiffonrock ihres türkisfarbenen Kleides und fuhr durch ihre Haare. Ramon dachte, dass sie noch nie so bezaubernd ausgesehen hatte wie heute.
Er fasste ihre Hand und zog sie lachend bis an den Saum des Meeres, an dem die Wellen langsam und orange glitzernd ausrollten. Es roch nach Salz und Sonne, nach Freiheit und nach Sehnsucht.
Sie standen sich einen Moment gegenüber, ihre Augen versanken ineinander und Sophie fühlte, wie eine Gänsehaut über ihren Körper lief. Wie immer, wenn ihr Blick in seinen tauchte, spürte sie eine tiefe Verbundenheit, deren Flut an Emotionen sie nicht beschreiben konnte. Es war, als würden sie beide schwebend treiben in einer anderen Welt.
Ramon kniete sich vor sie hin. »Sophie, du bist das Beste, das ich auf dieser Welt jemals getroffen habe. Ich bin nie so glücklich wie in deiner Gegenwart. Möchtest du meine Frau werden?«
Sophie war, als würde sich die Welt vor ihr drehen. Tränen schossen in ihre Augen und ihre Stimme klang rau. »Ja, Ramon, das möchte ich. Ich liebe dich.«
Ramon stand auf, zog eine verschlossene Jakobsmuschel aus der Tasche und öffnete sie. Sie war mit Sand gefüllt und in der Mitte glitzerte ein goldener Ring mit einem Saphir.
Als Ramon Sophie den Ring an den Finger steckte und sie zärtlich küsste, versank die Sonne orangerot im Meer.
Montag, 30. Juli 2018
Kairo
Der kleine Friseurladen im hintersten Winkel der Millionenstadt Kairo wäre im Vorbeigehen niemandem aufgefallen. Vermutlich wäre angesichts der windschiefen Holztür mit dem verblichenen Lamellenrollo auch niemand auf die Idee gekommen, dass sich dahinter ein Friseurladen befinden würde. Außer man hätte genauer hingeschaut und die dralle, dunkelhäutige Besitzerin beim Haareschneiden gesehen. Aber es kamen selten Fremde in den abgelegenen Winkel der Stadt und so waren die Kunden von Mama Neilah fast ausschließlich ihre Nachbarn und die anderen Leute aus dem Viertel. Jeder dort kannte Mama Neilah und jeder mochte sie, weil sie diese warme Mütterlichkeit ausstrahlte, die man so selten fand und weil sie immer ein offenes Ohr für alle hatte. Mama Neilah sah so aus, wie ihr Name vermuten ließ: klein und rund mit kaffeebrauner Haut und einem stets freundlichen Lächeln in ihren großen dunklen Augen. Die krausen Haare waren zu einem Dutt gesteckt, der unter ihrem Haartuch verschwand, welches genauso fröhlich bunt gemustert war, wie ihre Kittelschürze, ohne die man sie nie sah.
Außer ein paar Einzelnen, die zufällig von Mama Neilah's Perückenkunst gehört hatten, verirrte sich normalerweise niemand in das schäbige Viertel am Rande der Stadt und in ihren kleinen Laden. Daher hatte sie sich auch gewundert, dass dieser Mann mit der Glatze damals zu ihr gefunden hatte. Er kam eines Tages wie aus dem Nichts und brachte ihr ein Büschel Haare.
»Ich habe gehört, Sie machen die besten Perücken.«
Es war so. Mama Neilah machte tatsächlich die besten Perücken in der ganzen Stadt. Aber das wussten nicht viele.
Sie hatte nur genickt. Der Mann war freundlich, aber er flößte ihr auf irgendeine Art Angst ein.
»Sie sollen kaum von echten Haaren zu unterscheiden sein.«
Mama Neilah hatte wieder genickt. Als sie das Geschäft eröffnet hatte, hatte sie jahrelang getüftelt und schließlich aus einer Kautschukmischung und einem Geflecht von Baumwollfäden eine Basis geschaffen, die so elastisch und dünn war, dass sich ihre Perücken von echtem Haarwuchs tatsächlich kaum unterscheiden ließen. Das Haar knüpfte sie dann Strähne für Strähne ganz eng auf. Zum Schluss verpasste sie dem Haar noch den letzten Schliff mit einem pfiffigen Schnitt.
»Ich möchte davon eine Kurzhaar-Perücke mit Mittelscheitel.«
Er hatte auf eines der verblichenen Zeitungsbilder mit einem männlichen Frisurmodel gedeutet, die Mama Neilah als Haarschnitt-Ideen mit Reißzwecken an die Wand gepinnt hatte. »Ziemlich genau so. Und ich zahle gut, wenn ich zufrieden bin.«
Er hatte gut gezahlt. Mehr als gut.
Und er war immer wieder gekommen.
Mama Neilah hatte nie gefragt, woher er die Haare hatte. Es waren immer lange Frauenhaare. Weich, kräftig, glänzend und von schöner Farbe. Und sie hatte auch nie gefragt, wofür er die vielen Perücken brauchte. Inzwischen mussten es an die zwanzig sein. Anfangs hatte er sich immer Männerperücken machen lassen. Sie hatte gedacht, er sei sehr krank gewesen und habe deshalb die Glatze. Aber er machte einen stabilen und gesunden Eindruck all die Jahre, in denen er immer und immer wieder und in immer kürzeren Abständen zu ihr kam. Und irgendwann wollte er dann nur noch Frauenperücken haben.
Es war schon dämmrig, als Mama Neilah ruhig und bedächtig die restlichen Haare auf dem fleckigen Linoleumboden zusammenkehrte. Sie hob kurz den Kopf und sah mit liebevollem Blick zu dem Jungen hinüber, der konzentriert dabei war, die Einnahmen des Tages zusammenzurechnen. Er hatte sich gut rausgemacht, seit sie ihn damals von der Straße geholt hatte.
Eigentlich hatte sie keine Kinder mehr haben wollen. Sie war noch jung gewesen, als sie schwanger wurde. Erst empfand sie es als großes Glück, dass der Kindsvater sie heiratete, denn sie kannten sich erst wenige Wochen. Aber nach den ersten Schlägen von ihm änderte sie ihre Ansicht von Glück.
Nachdem er sie zum dritten Mal geschwängert hatte, war er dann bei Nacht und Nebel verschwunden.
Sie hatte ihn nicht als vermisst gemeldet, denn sie vermisste ihn nicht. Und sie hatte auch nie das Bedürfnis verspürt nachzuforschen, wo er geblieben war.
Es war Knochenarbeit gewesen, drei Kinder alleine großzuziehen, jeden Tag drei hungrige Mäuler zu stopfen, immer in der Angst sie würden eines Tages alle vier auf der Straße landen. Aber sie hatte hart gearbeitet und auch Glück gehabt und sie hatte es geschafft: Ihre drei Kinder hatten jetzt alle einen Beruf und Familien und glücklicherweise nicht viele Gene von ihrem Vater.
Als der Jüngste aus dem Haus gewesen war, hatte sie gedacht, sie würde jetzt ihre neue Freiheit genießen, aber sie hatte festgestellt, dass sie verlernt hatte, etwas damit anzufangen. Als dann eines Tages der kleine, abgemagerte Junge vor ihrem Laden saß und bettelte, nahm sie ihn mit zu sich. Er hatte keine Eltern mehr, war aus dem Heim abgehauen und hatte sich auf der Straße durchgeschlagen. Er war klug. Das erkannte sie sofort. Und sie verstanden sich auf Anhieb. So blieb er bei ihr.
Mama Neilah hatte ihre drei Kinder sehr geliebt, aber es war jeden Tag ein Kampf ums Überleben gewesen. Die Zeit jetzt mit Mo war eine Zeit zum Genießen. Und sie genoss jeden Tag. Sie war sechzig und Mo war elf. Es konnte noch eine Weile so gehen.
»Mo, mach Schluss für heute. Ich denke, wir haben genug gearbeitet.«
Der Junge hob den Kopf, legte den Stift zur Seite und rutschte vom Stuhl. »Okay, Mama Neilah.«
»Was hältst du davon, wenn du schon mal nach Hause gehst und uns was zu Essen herrichtest? Ich räume noch hier auf.«
Mo grinste. »Ich weiß schon, was ich uns koche.« Er drückte ihr einen schnellen Kuss auf die Wange und war schon aus der Türe gerannt. Sie sah ihm lächelnd nach, wie er die Straße hinaufsprang.
Es war dann doch eine Stunde vergangen, bis Mama Neilah endlich die Lichter ausschaltete. Das Knirschen des alten Schlüssels, wenn sie allabendlich die Türe hinter sich zuschloss, war so vertraut für sie, wie das Klappern ihrer Ledersandalen auf dem Pflaster, während sie gedankenverloren unter dem sternenvollen Himmel nach Hause lief.
Zu spät hörte sie die Schritte hinter sich, spürte nur einen scharfen Stich und dann eine Explosion in ihrem Kopf, bevor sie wie ein Brett nach vorne fiel und auf dem Gesicht liegen blieb.
So fand Mo sie. Leblos auf dem Bauch liegend in einer Lache von Blut.
Mama Neilah war tot – und für Mo ging eine Welt unter.
Kairo
Das Hotelzimmer war ganz nach seinem Geschmack. Nachdem Samuel lange in für ihn ärmlichsten Verhältnissen gehaust hatte, genoss er jetzt die luxuriöse Suite im Heliopolis Towers.
Seine letzte Aufgabe in der Millionenstadt Kairo war erledigt und er hatte nicht die Absicht, jemals wieder in diesen Teil der Welt zurückzukehren. Morgen früh um neun ging sein Flug nach Algier, der Hauptstadt von Algerien, und dann würde eine neue Ära in seinem Leben beginnen. Entspannt lehnte er sich in dem weichen Sessel zurück und schwenkte das Cognacglas. Das leise Klimpern der Eiswürfel ließ ihm einen wohligen Schauer über den Rücken laufen und seine Gedanken wanderten zu ihr. Sie war seine Prinzessin, sein Ziel, sein alles. Sie war das, worauf er die letzten Jahre gewartet hatte. Und er würde es genießen mit ihr. Das wusste er sicher.
»Doktor Smith?«
Er war so konzentriert gewesen, dass er das Klopfen an der Türe überhört hatte.
»Zimmerservice«, klang eine helle Stimme etwas abgedämpft aus dem Flur.
Er stand auf und öffnete. Die junge Kellnerin schob einen Servierwagen ins Zimmer. »Ihr Abendessen, Doktor Smith. Ich wünsche guten Appetit.«
In dem Moment, als er das Mädchen sah, wusste er, dass es Ärger geben würde. Er spürte sofort, dass Torian sich bemerkbar machte. Während sein Puls immer höher schlug, griff er scheinbar lässig in seine Hosentasche, drückte dem jungen Ding schon im Abwenden einen Schein in die Hand und wandte sich dem Serviertisch zu.
Das »Vielen Dank« des jungen Mädchens wurde überlagert von Samuels Gedanken, sie möge schnell verschwinden.
Erleichtert atmete er auf, als sich die Zimmertüre schloss.
»So eine Hübsche.« Torians gespieltes Schmeicheln in der Stimme war eine unüberhörbare Provokation. Samuel holte tief Luft. »Torian, du reißt dich jetzt zusammen. Wir dürfen hier nicht auffallen. Du hast dich austoben können und jetzt ist Pause, sonst gefährdest du unsere gemeinsamen Pläne.«
Torian schwieg und Samuel wusste, dass es nichts Gutes bedeutete. Torian hatte in den letzten Jahren mehr und mehr die Kontrolle über ihn gewonnen, obwohl es nach ihrer Flucht so ausgesehen hatte, als wäre Samuel der Stärkere geworden. Natürlich brauchte Torian Samuel immer noch. Samuel war nun mal derjenige, der Menschen besser überzeugen konnte, um nicht zu sagen, manipulieren. Aber während ihrer Zeit in Afrika hatte er Torian weitestgehend die Zügel in die Hand gegeben und das bereute er jetzt.
»Wir sind doch bis morgen früh im Hotel, oder? Unser Flug nach Algier geht erst Viertel vor neun?« Torians Stimme klang herausfordernd.
»Du lässt sie in Ruhe!« Samuel zischte es wütend. »Wir dürfen auf gar keinen Fall Aufmerksamkeit erregen. Denk dran, wir haben extra heute Morgen schon hier im Hotel eingecheckt, damit wir auf keinen Fall mit irgendwas in Verbindung gebracht werden.«
Torian schwieg, aber an seinem Puls spürte Samuel, dass Torian erregt war und irgendetwas plante. Und das bereitete ihm Sorgen. Es war jetzt schon ein paar Mal passiert, dass er von Torians Aktivitäten nichts mitbekommen hatte. Das war neu und machte ihm Angst, weil es zeigte, wie weit Torian die Macht schon übernommen hatte.
Ihre gemeinsamen Pläne durften auf gar keinen Fall scheitern. Zu lange hatte er auf dieses neue Leben hingearbeitet. Er musste Torian wieder in den Griff bekommen.
Dienstag, 31. Juli 2018
Kairo
Auf der Polizeistation ging es zu wie auf einem überfüllten Flughafenterminal.
Eigentlich hätte Kommissar Kamal-ad-din längst Feierabend gehabt, aber es war ihm wichtig, vor Ort zu sein, wenn viel los war. Er war schließlich der Chef und er hatte es ungern, wenn er nicht über sämtliche Geschehnisse informiert war. An Tagen wie heute war es dringend vonnöten, sich ständig einen Überblick über die Ereignisse zu verschaffen.
Heute herrschte ein Höllenlärm, der Raum war überfüllt mit Prostituierten, Betrunkenen und Männern in zerlumpten Kleidern und es roch nach Schweiß, Urin und Alkohol. In einer Ecke saß ein dunkelhäutiger Junge mit großen braunen Augen und Stupsnase, die dunklen Haare wirr zerzaust. Ein Polizist schleifte einen Betrunkenen herein, der sich im Eingang übergab.
»Wenn ihr meine Mädchen verhaftet, dann gebt es wenigstens zu. Es sind alles Legale«, tobte ein bulliger Typ, der mit dem weißen offenen Hemd und den Goldketten die perfekte Karikatur eines Zuhälters war.
»Sie sind nicht hier, deine Nutten. Wie oft soll ich es dir denn noch sagen. Geh auf ein anderes Revier und frag dort.« Yasin ad-Tawil schien kurz vor dem Ausrasten. Kommissar Kamal-ad-din war mit ein paar Schritten bei ihm, packte den Zuhälter an der Schulter und sagte drohend: »Lass uns jetzt in Ruhe mit deinen Nutten. Sie werden die Nase voll gehabt haben von dir ...«



