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»Sicher fragen Sie sich längst, was das alles soll und was ich von Ihnen will?«
Richard griff achselzuckend nach seinem Glas. In erster Linie genoss er es, sich aufzuwärmen und in immer kürzer werdenden Abständen an seinem Bier zu nippen. Dabei nuschelte er:
»Ja und nein. Da, wo ich herkomme …«
»Und wo kommen Sie her?«, unterbrach ihn Brunner.
»Senftenberg«, antwortete er wahrheitsgemäß, »aus der wunderschönen Lausitz.«
»Lausitz, wirklich sehr schön, da stimme ich Ihnen zu …« Und nach einem Räuspern wiederholte der andere seine Ausgangsfrage: »Hat es mit dem Job bei SMF geklappt?«
Richard hielt das Glas mit dem Bier wie ein Schutzschild vor seiner Brust. Woher wusste Brunner, dass er sich für einen Job vorgestellt hatte? Und dass SMF überhaupt welche vergab? Galt der andere als Insider, der aus welchem Grund auch immer Besuchern des Bergwerks auflauerte? Wer war dieser Brunner überhaupt? Der Mann erschien trotz seiner Größe untersetzt, was irgendwie im Widerspruch zu seinem harmonischen Gesicht stand. Zudem wirkte er ein wenig kurzatmig und seine Wangen waren eine Spur zu rot, ganz so, als ob er zu hohen Blutdruck hätte. Das kannte Richard von seinem Schwiegervater.
»Woher wissen Sie, dass ich vorhin ein Bewerbungsgespräch hatte?«
»Ich komme, sagen wir, aus der gleichen Branche. Ihr Anzug lässt vermuten, dass Sie sich vorgestellt haben, ganz die alte Schule. Heutzutage geht man in Alltagskleidung auf Jobsuche. Nun, ich habe Sie angesprochen, weil ich Ihnen ebenfalls ein Angebot machen möchte.«
»Ein Angebot? Was für ein Angebot? Sie wissen doch gar nichts über mich.« Richard war plötzlich auf der Hut und gleichzeitig neugierig.
»Nun, ich suche ebenfalls Mitarbeiter. Fachkräfte mit Bergbauerfahrung.«
In Richards Hirn war die Verblüffung dabei, den Kampf gegen die Bierschwere aufzunehmen. Er wusste nur eins sicher: Seit seiner Geburt fehlte ihm eine gesunde Portion Argwohn. Und dennoch – bot sich hier etwa die Gelegenheit, zwischen zwei Jobs zu wählen und sich am Ende das lukrativere Angebot aussuchen zu können? Manja würde begeistert sein. Zu gern würde er es ihr endlich ermöglichen, sich zu Hause um die Mädchen zu kümmern und nicht arbeiten zu müssen. In ihrer momentanen finanziellen Situation war dies undenkbar. Richard trank sein Bier aus. Vom Alkohol mutig geworden, fragte er:
»Was genau wollen Sie mir denn anbieten?«
»Ich möchte Sie bitten, darüber nachzudenken, nicht für SMF in Pöhla anzufangen, sondern für einen anderen Arbeitgeber in Ehrenfriedersdorf. Die Konditionen sind verhandelbar.«
»Ehren… wo?« Aber als er lange genug darüber nachdachte, fiel ihm ein, dass in der Vergangenheit dort Zinn gefördert worden war.
»Ehrenfriedersdorf bei Annaberg-Buchholz, mitten im schönen Erzgebirge. Dort könnte schon bald Ihr Zuhause sein. Natürlich bekommen Sie jede Unterstützung, die Sie brauchen. Soll ich nach einer Wohnung oder einem Haus für Sie suchen? Sie haben doch Familie, oder?«
Es fiel Richard plötzlich schwer, zuzuhören und gleichzeitig über eine Antwort nachzudenken. Das mochte am Alkohol liegen, oder an der bleiernen Müdigkeit, die zunehmend Besitz von ihm ergriff.
»Familie? Ja, zwei Töchter habe ich.«
»Gratuliere. Dann also ein Haus mit Kinderzimmern?«
Haus? Kinderzimmer? Das ging Richard alles entschieden zu schnell. Oder fühlte es sich genau so an, wenn das Schicksal die Zügel in die Hand nahm? Wie auch immer, ein Haus würden sie sich niemals leisten können, so verlockend der Gedanke auch sein mochte. Er entschied, das Spiel mitzumachen, aber rein gar nichts mehr von sich preiszugeben.
»Wieso geben Sie mir nicht einfach Ihre Visitenkarte und unterbreiten mir einen konkreten Vorschlag? Ich rufe Sie an, wenn ich ein Angebot von SMF habe. Dann werden wir sehen, wer das Rennen macht. Und jetzt: Wie komme ich am schnellsten zum Bahnhof nach Schwarzenberg?«
»Trinken Sie in Ruhe noch eins, ich bringe Sie hin.«
*
In einen dicken Mantel gehüllt, schlenderte Manja Hähnlein am Ufer des Senftenberger Sees entlang. Wie immer half ihr die Ruhe über dem Wasser, sich zu erden. Hier konnte sie ihre Akkus laden. Manja hatte gesund glänzendes, rötlich schimmerndes Haar, das ihr in Wellen über den Rücken bis zum Po fiel. Die ungezähmte Mähne hatte ihr schon oft neidische Blicke eingebracht. Ihre grünen Augen suchten einen imaginären Punkt am Horizont, während sie loszulassen versuchte. Was würde die Zukunft bringen? Die Geister riefen sie an einen anderen Ort. Und wenn sie den Geistern nicht folgte, würde das nur Ärger bringen. Sie schaute gedankenverloren über das große glitzernde Wasser, zog den Kragen höher und begann recht bald zu frösteln.
Einen See, so hatte Richard ihr versichert, als er aus Sachsen zurückkam, würde es auch in der neuen Heimat geben. Neue Heimat, welch seltsame Paarung widersprüchlicher Worte. Tausche Senftenberger See gegen Greifenbachstauweiher, dachte sie. So jedenfalls wurde das Gewässer bei Ehrenfriedersdorf in einem Touristenführer über das Erzgebirge beschrieben – bald würde sie erfahren, dass die Einheimischen es schlicht Geyrischer Teich nannten.
Richard hatte einen von zwei angebotenen Arbeitsverträgen in Sachsen unterschrieben. Ehrenfriedersdorf hatte das Rennen vor Pöhla gemacht, was eindeutig an den Konditionen lag. Für den Anfang hatte ihr Mann erwogen, während der Woche in ein Pensionszimmer zu ziehen und an den Wochenenden zurück in die Lausitz zu pendeln. Aber war wäre das für ein Familienleben? Von den Geistern, die sie riefen, ganz zu schweigen, davon würde Manja ihm gar nicht erst erzählen. Als der neue Arbeitgeber ein bezahlbares Haus vermittelte, war der gemeinsame Umzug ins Erzgebirge dann endgültig beschlossene Sache. Die Geister … sie konnte mit kaum jemandem darüber reden, ohne für verrückt erklärt oder wenigstens belächelt zu werden. Daran hatte sie sich längst gewöhnt. Und bei genauerem Nachdenken hinterließ sie in Senftenberg nur wenig, was sie wirklich vermissen würde. Der See war eigentlich das Einzige.
Später am Nachmittag, es begann bereits zu dunkeln, kehrte Manja mit den Bus nach Hause zurück zu Mann und Kindern. Der sensiblen jungen Frau war klar, dass sie ihre Gespenster nicht loswerden würde, auch nicht, wenn sie mit ihrer Familie nach Sachsen zog. Aber das war in Ordnung, mit den Jahren war sie stark genug geworden, um sich ihnen zu stellen. Es hatte zwar ein paar Psychosen lang gedauert, bis sie die Ahnungen als das akzeptieren konnte, was sie waren: eine Gabe. Eine Gabe, mit der sie Gutes bewirken konnte, wenn sie sich nicht dagegen wehrte. Sie hatte sich lange gesträubt, aber nicht ernsthaft genug, wie der Psychologe meinte. Aber den Typen würde sie ebenso hinter sich lassen wie Senftenberg.
Richard stammte ursprünglich aus dem Ruhrgebiet. Er hatte dort in einer Kohlenzeche gearbeitet, als sie sich während eines Urlaubes im Harz kennen- und lieben lernten. Daraufhin war er ohne große Umstände ins Lausitzer Revier gewechselt und hatte Manja schon bald einen Ring an den Finger gesteckt, dann kamen die Kinder. Etwas komplizierter wurde ihr gemeinsames Leben erst, als Richard seinen Job verlor. Kohleausstieg … sie konnte das Wort nicht mehr hören.
Jetzt war Richard seit knapp anderthalb Jahren ohne Anstellung. Kurzerhand hatte er die Elternzeit für die jüngste Tochter Josefine in Anspruch genommen und Manja war stattdessen weiter zur Arbeit gegangen, eine Kompromisslösung, mit der beide nicht eben glücklich waren. Manja vermisste das Muttersein und Richard seine Versorgerrolle. Mit der Zeit hatte sich zudem die finanzielle Lage zugespitzt. Richard hatte ihr wiederholt ans Herz gelegt, offen zu sein, was die Zukunft betraf. Dunkle Ahnungen konnte sie diesbezüglich jedenfalls nicht erspüren. Außerdem hatte Sachsen in Manjas Familiengeschichte bereits einmal eine Rolle gespielt, ihre Mutter stammte aus dem Erzgebirge, was Manja kurzerhand als gutes Omen wertete. Sie war erst kurz nach der politischen Wende mit Manja in die Lausitz gezogen. Rückblickend eines Mannes wegen, der es nicht wert gewesen war, die Heimat aufzugeben, hatte die Mutter erklärt und sich wehmütig die Tränen verkniffen. So gesehen, war der nun geplante Umzug der vier Hähnleins nicht unbedingt ein Auszug in die Ferne, sondern vielleicht sogar ein Nachhausekommen – es war wieder einmal alles eine Frage des richtigen Standpunktes, befand Manja.
3
»Das Timing für meinen ersten Alleingang ist, nun ja, nicht gerade günstig!«
Hauptkommissar Ralf Lorenz von der Kripo Chemnitz wunderte sich über die Worte seiner sonst so selbstsicheren Kollegin, Kommissaranwärterin Annalena Krest. Der jungen Frau stand ein leicht gehetzter Ausdruck ins Gesicht geschrieben, der so gar nicht zu ihr passen wollte. War sie es nicht, die sonst immer an seinen veralteten Ermittlungsmethoden herumkritisierte und neuen Wind von der Polizeischule in den Dienstalltag bringen wollte? Jetzt hätte sie drei Wochen ungestört die Chance dazu und das schien ihr auch wieder nicht recht zu sein.
Lorenz runzelte die Stirn und war versucht, voller Unverständnis den Kopf zu schütteln, verkniff sich diese Geste aber, denn Annalena konnte sehr impulsiv sein, wenn sie sich unverstanden oder ungerecht behandelt fühlte. Als ihr Vorgesetzter wagte er die Vermutung, dass es hausgemachter Stress war, der seine Mitarbeiterin ein wenig aus ihrer eigenen Mitte zu bringen drohte. Er war ohnehin sicher, dass die Jugend von heute deutlich weniger belastbar und schneller reizbar war als zur Zeit seiner eigenen wilden Jahre, aber Annalena hatte er bisher anders eingeschätzt.
Lorenz schmunzelte beim Gedanken an seine eigene Sturm- und Drangzeit, die schon eine gefühlte Ewigkeit der Vergangenheit angehörte, die er aber sehr, sehr genossen hatte. Nicht minder genoss er seit einiger Zeit seinen zweiten Frühling, eine Tatsache, die zu großen Teilen der attraktiven Rechtsmedizinerin Roswitha Grimm zu verdanken war. Der früh verwitwete Beamte führte eine entspannte Beziehung mit dieser Frau. Anfangs hatten sich ihre Wege nur beruflich gekreuzt, und es war wohl Roswithas Beharrlichkeit und Feinfühligkeit zu verdanken, dass sich mehr daraus entwickelt hatte. Das Wunderbare daran war, dass sie die Zeiten ihres Beisammenseins zwanglos gestalteten und jedem Abschied eine gewisse Unverbindlichkeit anhaftete, die es selbst Lorenz unmöglich machte, sich beengt zu fühlen. Ganz im Gegenteil, je lockerer Roswitha die Zügel ließ, desto mehr fühlte er sich zu ihr hingezogen. Manchmal war sie beste Freundin, manchmal Kollegin, manchmal tröstete sie ihn über eine sentimentale Nacht und manchmal war sie seine Geliebte.
»Warum findest du das Timing ungünstig?«, erkundigte sich der Hauptkommissar höflich, auch wenn er sich die Antwort denken konnte.
»Das Timing Ihrer Kur. Ich verstehe, dass Sie endlich mal was für Ihren Rücken tun müssen, aber dass das ausgerechnet jetzt sein muss, wo ich doch umziehen will. Dass jetzt meine Bewährung in den nächsten Ermittlungen und der Stress des Umzuges zusammenfallen … Ich meine, ich muss Sie doch vertreten, wenn Sie nicht da sind – und nebenbei muss ich den Wohnungswechsel hinbekommen.«
Annalena wirkte seltsam blass, es schien ganz so, als fürchtete sie, dem anstehenden Pensum nicht gewachsen zu sein. Wie konnte er ihr aus dieser Gedankenfalle heraushelfen?
»Ich verstehe, dass dich das stresst«, räumte Lorenz ein. »Aber an meinem Termin für die Kur ist leider nicht zu rütteln. Die Maßnahme steht fest, und wenn ich das nicht durchziehe, bekomme ich ernsthaft Probleme mit Roswitha.«
Dabei hatte er alles andere als Lust auf den geplanten Kuraufenthalt. Aber sein Rücken rebellierte inzwischen ununterbrochen und das Maß seines Schmerzmittelkonsums war nicht länger zumutbar, wie Roswitha ihm versichert hatte. Dass er tatsächlich schon Magenschmerzen von dem Dauereinsatz des Zeugs verspürte, verschwieg er ihr deshalb vorsichtshalber und hatte ihrem Drängen klugerweise nachgegeben und sich um einen Hausarzt bemüht, den er bis dahin noch gar nicht gehabt hatte. Seit seine Frau Clara jung gestorben war, wollten seine Vorbehalte gegen Mediziner nicht weniger werden, wenn man Roswitha als Ausnahme von der Regel betrachten wollte. So hatte er aber schließlich den Kurantrag auf den Weg gebracht und auch genehmigt bekommen. Drei Wochen lang erwarteten ihn nun Heilbäder und Massagen, das konnte sicher nicht schaden. Und um mit Roswitha noch ein paar Jährchen mitzuhalten, musste er letztlich auch leidlich fit bleiben.
»Mein Umzug geht aber auch beim besten Willen nicht mehr zu schieben, meine Wohnung ist zum Ende dieses Monats gekündigt.« Annalena hatte beide Ellenbogen auf ihren Schreibtisch gestützt und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Sie sah tatsächlich ein wenig verzweifelt aus.
Lag das nur an dem vermeintlichen Stress, der ihr bevorstand, oder steckte etwas anderes dahinter, fragte sich Lorenz und murmelte:
»Ich kann verstehen, dass du dem Zeitgeschmack folgen und von der Stadt aufs Land willst. Ich halte es ihn Chemnitz auch nur aus, weil ich weiß, dass ich nach Dienstende wieder nach Hause fahren kann. Annaberg ist wunderschön, aber zum Glück nicht der Nabel der Welt, abends hat man seine Ruhe. Mal ehrlich: Niemand zwingt dich, nach Ehrenfriedersdorf zu ziehen.« Er lächelte mit einem Augenzwinkern und dem Plan, die Sache mit ein wenig Humor zu behandeln. Gerade bei Stress wirkte die richtige Einstellung Wunder, das wusste er aus eigener Erfahrung – und es war eine von Roswithas Lebensweisheiten.
Aber Annalena war dafür in ihrer momentanen Verfassung wenig empfänglich.
»Ich mach das ja auch nur für Lukas«, knurrte sie recht unglücklich.
Lukas, rief Lorenz sich in Erinnerung, war Annalenas offizielle erste große Liebe. Sie hatte den Kollegen auf einer Weiterbildung kennengelernt. Immer, wenn sie von ihm sprach, erröteten ihre Wangen und sie blickte verlegen zu Boden. Und Verlegenheit war zweifellos auch etwas, was ganz und gar nicht zu seiner taffen jungen Kollegin passte. Umso deutlicher verstärkte ihr Verhalten den Eindruck, dass sie sich heftig verliebt zu haben schien. Lorenz gönnte es ihr von Herzen. Niemand konnte immer nur arbeiten, das hatte er auch mal gedacht. Aber die Liebe gehört zum Leben, das begriff er mehr und mehr nach jedem Wochenende, das Roswitha bei ihm in Annaberg verbrachte.
Das Besondere an dem Haus, in dem er seit Jahren günstig zur Miete wohnte, waren die unlösbaren Probleme mit der Heizung und Warmwasserversorgung. Mehrere alteingesessene und renommierte Sanitärfirmen waren an dem scheinbar einfachen Auftrag gescheitert, für regelbare Temperaturen im Haus zu sorgen. Ein entnervter Klempner hatte sogar einen Fluch vermutet, weil sich das Problem einfach nicht aus der Welt schaffen ließ. Lorenz selbst hatte sich daran gewöhnt, dass es seit ewigen Zeiten kein warmes Wasser zum Duschen gab, und wenn doch, dann war es so heiß, dass Verbrühungen drohten. Mehrere neue Mischarmaturen hatten das nicht ändern können. Das Bemerkenswerte an der Rechtsmedizinerin seines Herzens war, Roswitha akzeptierte sogar das: kaltes Duschwasser. Und welche Frau war zu einer solchen Entbehrung schon regelmäßig bereit?
»Na, siehst du. Freu dich doch darauf, der Zukunft etwas Positives abzugewinnen. Ein gemeinsames Leben eröffnet einen völlig neuen Abschnitt im Leben. Das mag abgedroschen und altmodisch klingen, aber es ist so. Jeder sollte einmal die Chance geboten bekommen, sich wegen einer nicht richtig verschraubten Tube Zahnpasta in die Haare zu kriegen. Ich hab mir sagen lassen, getrennte Badezimmer wären auf Dauer ebenso gut für die Haltbarkeit einer Beziehung wie getrennte Schlafzimmer wegen Schnarchens.«
»Sie sind ja ein richtiger Experte, was Zweisamkeit angeht«, frotzelte Annalena. Immerhin schien sich ihre innere Anspannung etwas gelöst zu haben. Ihr Lächeln erreichte sogar die Augen. »Sicher haben Sie recht und ich sollte mich von dem Umzug nicht stressen lassen. Lukas hilft mir ja auch dabei. Außerdem lassen wir ein Umzugsunternehmen für uns schleppen. Ach, letztlich ist das Problem nur in meinem Kopf. So perfektionistisch, wie ich arbeite, bin ich auch privat, und in einem Leben zu zweit kann man nicht mehr alles zu hundert Prozent planen, sondern nur noch zu fünfzig.«
Und mit Kindern gar nicht mehr, wollte Lorenz gerade erwidern, verkniff sich den Einwurf aber im letzten Moment. Annalenas Selbsteinschätzung bedurfte keines Kommentars. Außerdem ging ihn ihr Privatleben nichts an, er respektierte sie als zuverlässige, intelligente und akribische Kollegin. Aber wenn man zu perfektionistisch war, stand man sich damit gelegentlich selbst im Weg. Auch diese Einsicht stammte aus Roswitha Grimms Weisheitensammlung und Lorenz wusste sie vor allem auf sich selbst anzuwenden.
»Du schaffst das schon alles«, ermutigte er sie. »Und wenn ich ehrlich bin, habe ich auch mehr Lust auf meine Arbeit als auf die Kur. Aber mit meinem Rücken kann es einfach nicht so weitergehen.« Er glaubte selbst nicht, dass er das sagte, seine ursprüngliche Meinung hatte anders ausgesehen. »Und ich hätte diesem Theater auch nicht zugestimmt, wenn ich für die Kur durchs halbe Land hätte reisen müssen. Aber wie du weißt, bin ich gar nicht weit weg, nur in Wiesenbad.«
Der Kurort Thermalbad Wiesenbad war, wie der Name erahnen ließ, für seine Therme bekannt. Die Kurklinik dort erschien Lorenz perfekt, weil sie nur sieben Kilometer von seinem Wohnort Annaberg-Buchholz entfernt war. Somit konnte kein Heimweh aufkommen. Der dazugehörige Kurpark war ihm von gelegentlichen Spaziergängen mit Roswitha bereits vertraut, das Kneippbecken und die Klanginsel würden ihn an schöne Stunden mit ihr erinnern. Es hätte sogar die Möglichkeit gegeben, Abend für Abend nach Hause zu fahren, aber Roswitha hatte ihm des ungestörten Erholungseffektes wegen davon abgeraten. Sie war der Meinung, dass der Hauptkommissar sich nur dann wirklich entspannen könnte, wenn Diensttelefon und Dienstplan zu hundert Prozent außer Reichweite waren. Sie mochte recht haben.
»Es beruhigt mich zu wissen, wo ich Sie finden könnte«, gab Annalena Krest zu. »Natürlich würde ich Sie niemals stören, nicht mal im Notfall, aber der Gedanke beruhigt mich eben.«
Auch dieses Geständnis erstaunte Lorenz sehr. Bisher hatte sich die junge Frau in ihrem gemeinsamen Dienstalltag bissig und selbständig dargestellt.
»Es wird aber keinen Notfall geben«, versicherte er ihr. »Und selbst wenn, du bekommst das hin. Immerhin konntest du jetzt schon ein Weilchen von mir lernen«, er zwinkerte ihr zu.
Sie lächelte ergeben und meinte dann:
»Es sind ja auch nur drei Wochen. Und wetten wir, dass ich bald mehr über Ehrenfriedersdorf wissen werde als Sie?« Sie spielte damit auf Lorenz’ Leidenschaft für Heimatkundliches an.
»Das werden wir ja sehen. Interessant ist Ehrenfriedersdorf allemal, das kann ich dir jetzt schon versprechen. Und da meine ich nicht nur die Geschichte von der längsten Schicht im Saubergstollen, die ohnehin jeder kennt!«
Glaubte man dieser Sage, so war am 25. November 1508 ein junger Bergmann verschüttet worden, dessen Leiche man beinahe auf den Tag genau sechzig Jahre später barg, angeblich ganz ohne Verwesungsspuren. Eine mystische Heimatgeschichte ganz nach Lorenz’ Geschmack. Was das Erzgebirge und seine Geschichten und Bräuche anging, war er höchst informiert und interessiert, was nicht zuletzt seiner Tätigkeit für den Heimatverein geschuldet war, die ihn über die schwere Zeit nach Claras Tod hinweggetragen hatte.
»Du wirst deinen Umzug schon nicht bereuen. Ländlich lebt es sich einfach ein bisschen entspannter als in der Stadt – so sehe ich das. Und für mich funktioniert der Job auch nur so, ich muss am Abend genügend Abstand zwischen mich und das Revier bringen können«, gab Lorenz zu.
»Und das sagt mir jemand, der seine ungelösten Fälle am liebsten übers Wochenende mit nach Hause nehmen würde«, prustete Annalena mit gespielter Empörung.
»Was sich gelegentlich auch gelohnt hat«, erwiderte der Hauptkommissar im Brustton der Überzeugung. »Immerhin konnte ich so die Akte Karina Baumann endlich schließen – nach sechzehn Jahren, wie du weißt.«
Die Kommissaranwärterin nickte. Sie erinnerte sich an Lorenz’ Bemühungen im Fall einer Dreizehnjährigen, die nahe dem Thalheimer Christelgrund verschwunden war. Die Sache hatte ihm keine Ruhe gelassen, bis es ihm endlich, nach so vielen Jahren, gelungen war, dazu beizutragen, dass ihre Gebeine doch noch die letzte Ruhe auf dem Stollberger Friedhof fanden.
»Ja, das stimmt natürlich. Sicherlich werden Sie genauso beharrlich dafür sorgen, dass mir nichts, was ich über meine neue Wahlheimat wissen muss, entgeht.«
Kurz resümierte Lorenz in Gedanken, was er über Ehrenfriedersdorf erzählen könnte, wenn man ihn vorn in einen Reisebus setzen und ihm ein Mikro in die Hand drücken würde. Eine ganze Menge. Dann legte er gegenüber seiner Mitarbeiterin los: Für Spaziergänge und Wanderungen standen der Saubergwald und der Wald bei den Greifensteinen zur Verfügung. Natürlich war auch der Bergbau prägend für den Ort gewesen, schon um 1240 soll im Seifenthal Zinn aus den Steinen gewaschen worden sein, das kleine Bächlein plätscherte bis heute. Dort, wo heute die Hormersdorfer Jugendherberge steht, befand sich früher ein Arsenikwerk, im Volksmund »Gifthütte« genannt. Während des Zweiten Weltkriegs mussten Zwangsarbeiter nicht nur dort, sondern auch bei der Dammerhöhung des Greifenbachstauweihers schuften. Seit 1968 war der Geyrische Teich ein beliebtes Naherholungsgebiet, seinen Ursprung hatte er als einer der ältesten Stauseen im Erzgebirge bereits vor sechshundert Jahren, als er als Wasserspeicher für den Bergbau angelegt worden war. Er speiste den Greifenbach, der dann in den Röhrengraben abgeleitet wurde, und den der in landesherrlichen Diensten stehende Hieronymus Lotter laut einer legendären Erzählung nach Geyer umleiten ließ, so dass die Ehrenfriedersdorfer, die sich selbst oft kurz »Ehrendorfer« nannten, kein Wasser für den Bergbau mehr hatten, wodurch bis in die Gegenwart eine gewisse Diskrepanz zwischen beiden Orten zu herrschen schien. Der Röhrengraben führt direkt zum Sauberg, an seinem Verlauf finden sich bis heute alte Stollen und bergmännische Ruinen. Auf halbem Weg kommt man beim »Jahn Kasper« vorbei, der selbst Bergmann im Sauberg war und den Spitznamen von seinen Kollegen erhielt – jetzt konnte man sich bei ihm einen Imbiss gönnen. Wer in der Vergangenheit genug kriminelle Energie in sich getragen hatte, um darüber nachzudenken, wen er gern hätte verschwinden lassen, dem dürfte die Ehrendorfer Binge in die Hände gespielt haben, ein »großes Loch« unterhalb der Greifensteine, circa fünfundzwanzig Meter tief und teilweise mit Wasser gefüllt, das bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nur unzureichend oder gar nicht abgesperrt gewesen war. Natürlich hat es seine Opfer gefordert … Die Greifensteine selbst waren eine Felsformation im Geyerschen Wald zwischen den Orten Thum, Jahnsbach, Geyer und Ehrenfriedersdorf und beherbergten eine aus einem Granitsteinbruch entstandene Naturbühne für Theateraufführungen, Kinovorstellungen und Konzerte. Von Ehrenfriedersdorf aus konnte man sie über den Albin-Langer-Weg, den Triftweg oder de Ruschelbaa erreichen, mitten durch den Wald sollte man besser nicht gehen, wenn man sich nicht auskannte, und das war nicht nur Lorenz’ Meinung in seiner Eigenschaft als Ermittler. Für Waldspaziergänge eignete sich eher der Waldgeisterweg, ein Rundwanderweg, der vor allem für Kinder ein Abenteuer ist und für den Schnitzer aus der Umgebung jährlich einen neuen Waldgeist aus Baumstämmen erschufen. Lorenz erinnerte sich, dass dort unlängst Kollegen wegen Vandalismus ermitteln mussten, weil nicht einmal Waldgeister vor mutwilliger Zerstörung sicher waren.
»Du solltest auf jeden Fall die fünfundzwanzig Stationen des Bergbaulehrpfades ›Silberstraße‹ absolvieren«, schloss er seine Ausführungen, »wenn du in deinem neuen Wohnort mitreden willst, und auch wissen, was die Stülpnerhöhle ist.«
Annalena verdrehte die Augen.
»Jetzt klingen Sie schon wie Lukas. Der ist gebürtiger Ehrenfriedersdorfer und wirbt auch ständig damit, dass ich vom Greifensteiner Aussichtsfelsen bei gutem Wetter bis zum Schloss Augustusburg und dem Fichtelberg sehen könnte. Und dass es eine Menge Sagen über die Burg Greifenstein gibt, brauchen Sie gar nicht erst erwähnen.«
Lorenz schmunzelte. Die Leidenschaft für alte Sagen hatte er ihr ans Herz gelegt und dieses Anliegen war auf fruchtbaren Boden gefallen. Annalena kannte sich mit Erzgebirgssagen längst bestens aus. Und dass es die Burg Greifenstein einst tatsächlich gegeben hatte, stand inzwischen außer Zweifel. Mitarbeiter des Bezirksfachausschusses für Ur- und Frühgeschichte hatten bei Ausgrabungen am Fuß des Hauptfelsens zahlreiche Tonscherben gefunden, unglasierte Keramik, wie sie im 13. und 14. Jahrhundert verwendet worden war.




