Martin André Steinert – der lange Weg zu mir selbst

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Mein Studium der Agrarbiologie konnte gar nicht anders verlaufen, als dass es zu einer regelrechten „wahnsinnigen“ Irrfahrt wurde. Ich studierte, um mir weiteres Wissen anzueignen, das ich dann in hervorragenden Prüfungen von mir warf, ohne genau zu wissen, für was und welche berufliche Zukunft ich studierte. Ich fühlte mich wie ein Hamster im Laufrad, der lief und lief, ohne das Ziel zu kennen, aber auch nicht einfach aussteigen konnte, weil er sonst hart auf die Nase fallen würde.
Das Studieren wurde zu einem täglichen Ritual, parallel zu meiner Sucht. Allerdings verliefen die ersten drei Jahre meines Grundstudiums bis ins Jahr 2000 noch relativ gut. Vor allem weil ich Gott sei Dank noch nicht erahnen konnte, was in späteren Jahren auf mich zukommen sollte! Die Fächer bis ins Hauptstudium entsprachen meinen Vorlieben und ähnelten denen der Ernährungswissenschaften sehr. So studierte ich relativ leicht und mit etwas mehr Freude als erwartet. Und durch diese „Sicherheit“ sorgte ich unbewusst dafür, dass ich mich trotz meines „Suchtdrucks“ in mir körperlich leistungsfähig hielt und phasenweise sogar erstaunlich stabilisierte. Vor allem nahm ich nicht weiter ab. Aber ich wollte auch kein Risiko eingehen. Die täglichen Fahrten nach Hohenheim und wieder zurück, das abendliche Laufen und Lernen forderten mich sehr. Und ich merkte, dass ich wenigstens morgens und abends etwas essen musste, um den Tag durchzuhalten. Dabei wurde mein Körper immer genügsamer, mit einem Minimum an Energie auszukommen und seine Folter anzunehmen. Und ich war zufrieden, wenn er als mein Instrument funktionierte, meine unglaubliche Stärke, Beständigkeit und Kraft meiner Umwelt zu beweisen. Ich wollte unbewusst allen zeigen, dass mein äußeres Erscheinungsbild nicht mit meinem eisernen Willen, meiner „wahren“ Identität übereinstimmte. Die wenigste Energie benötigte ich damals für mich selbst, mehr dafür, nach außen Signale zu senden, dass in meiner Hülle ein anderer starker Mensch steckte, den ich noch verleugnen musste, um ihn vor der Meinung meiner Umwelt zu schützen. Und zu zeigen, dass mich meine Umgebung weder einzuschätzen wusste noch richtig kannte.
Aber dadurch konnte ich in meiner Sucht überleben und immer größere Herausforderungen annehmen. Denn sterben wollte ich (noch) nicht!
Der beste Beweis für meinen Versuch, während meiner Anorexie immer wieder aus meinen Ritualen auszubrechen und dabei neue Grenzen zu überschreiten, waren meine geführten Wanderreisen, die ich mir ohne meine Eltern in zahlreichen Semesterferien zutraute. Sie führten immer in den Süden, hauptsächlich in die Schweiz und nach Italien, so z. B. in die Walliser Bergwelt, die Dolomiten, nach Zermatt und in die „Julier-Alpen“.
Die Bergwelt zog mich magisch an. Tiefe Täler hinter sich zu lassen, indem große Gipfel erklommen wurden, bedeutete für mich Freiheit und die Chance, wenigstens in der Ferne lähmende Rituale durchbrechen zu können. Ich wollte den Himmel sehen und dabei über alle Spitzen hinwegblicken, frei und unbefangen atmen, die Klarheit der Natur in großer Höhe auf mich wirken lassen.
Diese Erlebnisse waren die einzigen, die ich etwas bewusster aufnehmen konnte.
Ich sog aus ihnen viel Energie, hauptsächlich für meine Psyche. Mein Körper dagegen musste mit einem Minimum zurechtkommen. Und ich trieb ihn an, immer noch ein paar Kilometer mehr zu wandern als die Gruppe, indem ich vielfach den Weg vor und zurück lief. Dabei waren mir die „erstaunten“, häufig ungläubigen Blicke der Gruppenmitglieder ziemlich egal. Ich wollte und musste nach außen Stärke zeigen, damit mein zerbrechliches Erscheinungsbild in den Hintergrund trat.
Im Jahr 1999 trat auch der Sport wieder mehr in den Vordergrund. Ich suchte verzweifelt nach weiteren Möglichkeiten, um meinen Bewegungsdrang zu stillen und meinen eingefahrenen, eintönigen Studienalltag zu überwinden. An manchen Tagen wurde mir sogar meine Sucht zu viel. Ich musste dem riesigen Druck entfliehen, immer noch weniger essen zu dürfen. Deshalb war meine Strategie, länger durchzuhalten, die, mich lieber etwas intensiver mit ein paar Bissen mehr zu bewegen, als ohne Essen gar nichts mehr tun zu können.
Ich entschied mich zum Laufen, mit gezieltem Rennrad-Training zu beginnen und ins Fitnessstudio zu gehen. Alles für meinen Wunsch, irgendwann an einem Duathlon-Wettkampf teilzunehmen. Und ich hatte damit wenigstens ein sportliches Ziel vor Augen, das meine Psyche und vor allem mein Durchhaltevermögen stärkte. Dass es zu einer absoluten Flucht am Limit werden würde, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen.
Allerdings musste ich erneut gegen die weitläufige Meinung meiner Umwelt ankämpfen, dass dieser Sport mich nur noch weiter kaputt machen würde.
Ich dagegen konnte in meinen Gedanken MICH nicht weiter zerstören, lediglich meinen Körper quälen, um psychisch zu überleben!
Am meisten litten meine Eltern an meiner mittlerweile chronischen Erkrankung. Sie hatten alles versucht, um meine Anorexie zu „heilen“. Aber sie merkten auch, dass ich mich vor ihnen weitgehend verschloss, ihnen ständig auswich oder aber eine Besserung versprach. Sie konnten mir nicht weiterhelfen, weil ich es selbst verhinderte. Und letztendlich waren sie auch gegen weitere Therapieversuche, weil sie mit ansehen mussten, dass ich dadurch noch kränker wurde und noch mehr Gewicht verlor.
Aus meiner heutigen Sicht möchte ich an dieser Stelle sehr betonen, dass meine Eltern absolut keine Schuld hatten, weder am Ausbruch meiner Anorexie noch an ihrem chronischen Krankheitsverlauf. Eine Sucht ist von außen kaum zu beeinflussen, wenn der Süchtige nicht selbst den Entschluss fassen kann, aus seiner Krankheit auszusteigen, absolut alle Kräfte dafür zu mobilisieren, die Sucht zu besiegen. Und ich selbst konnte damals noch nicht ausbrechen, weil der eigentliche Grund meiner Anorexie noch ganz tief als vernichtender Stachel in mir steckte. Ich war noch längst nicht so weit und bereit, mich meinen Eltern gegenüber zu öffnen. Aus zweierlei Gründen:
Das Verhältnis zu meiner Mutter wurde schon zu Beginn meines Studiums im Jahr 1997 immer herzlicher und intensiver. Ich fühlte mich von ihr in meinem Leid verstanden, weil sie alles versuchte, hinter meine harte Hülle in mein Herz zu blicken. Obwohl sie mit dem Verstand meine Krankheit nicht nachvollziehen konnte, waren ihr Mitgefühl und ihre Fürsorge die größte Stütze für mich, immer wieder aufzustehen und einen nächsten Schritt für eine Besserung zu wagen. Denn ich spürte, ich war nicht allein, und sie glaubte an mich und eine bessere Zukunft. Sie wusste damals genauso wenig wie ich den Weg zum Ziel. Aber sie sah ein Ziel, das Ziel der Gesundheit, das für mich noch lange im Dunkel lag. Und ging es zwischendurch bergauf, dann deshalb, weil ich mich für sie und zum Dank für ihre Liebe bemühte. Auch wenn es für mich selbst nicht weit nach oben gehen durfte, war sie der Grund, warum ich nicht aufgeben konnte und weiterkämpfte. Allerdings mit meiner Sucht und noch lange nicht gegen sie!
Doch dieses herzliche, tiefe Verhältnis zu meiner Mutter war auch der Grund, warum ich ihr nicht die Wahrheit sagen und mich ihr mit meinen tiefen Identitätsproblemen nicht öffnen konnte. Ich hatte zu große Angst, sie zu verletzen und ihr wehzutun, weil sie sich so sehnlichst ein Mädchen wünschte. Doch ihre großartige Hilfe, das unbeschreibliche Leid, das sie mit mir durchgemacht hat und ertragen musste, ohne daran selbst zu zerbrechen, sollte in ferner Zukunft noch belohnt werden!
Das Verhältnis zu meinem Vater dagegen wurde mit meiner Anorexie sehr viel schwieriger. Er konnte meine Erkrankung noch viel weniger verstehen als meine Mutter. Vor allem fühlte ich mich von ihm nicht verstanden. Seine Fürsorge bestand hauptsächlich darin, mich mit materiellen Dingen überaus gut zu versorgen. Doch das war mir damals viel weniger wichtig. Was ich mir von ihm sehnlichst wünschte, konnte er mir kaum geben. Es fiel ihm sehr schwer, Gefühle zu zeigen, und er konnte sie vor allem nicht in Worte fassen! Teilweise fühlte ich mich ihm gegenüber schuldig, wenn er wieder einmal absolut nicht mit meiner Erkrankung zurechtkam und mir mein „Handeln“ vorhielt. Seine Sorge war vielfach seine Härte, die ich spürte und die mir wehtat. Zwischen uns prallten Gefühlswelten aufeinander, die zu Missverständnissen und einem sehr angespannten, schwierigen Verhältnis führten. Ging es mir allerdings an manchen Tagen sehr schlecht, dann wurde er weich, und er konnte seine Fürsorge zeigen, mit Gefühl, wie ich es mir viel öfter gewünscht hätte. Doch durch seine Art, die er genauso wenig ablegen konnte wie ich meine Magersucht, hätte ich mit ihm niemals über meine Probleme reden können.
Aber meine Eltern haben alles gegeben, was sie in ihrem großen Leid und ihrer Verzweiflung, mich vielleicht doch zu verlieren, geben konnten. Viele Tränen und Kräfte steckten in der jahrzehntelangen Begleitung ihres Kindes. Auch wenn es weiter schwieg und ein Ende seiner furchtbaren Erkrankung nicht zu erkennen war.
Aber ohne sie und ihre unbeschreibliche Unterstützung wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt sein darf.
Doch die allergrößte Herausforderung stand erst noch vor ihnen und vor mir.
Ein Kampf meiner „Extreme“, die mich in eine weitere unumgängliche Abhängigkeit von meinen Eltern führte, anstatt mich von ihnen langsam, aber sicher zu lösen.
Meine Jugend hatte ich mir selbst geraubt, und erwachsen konnte ich nicht werden …
Im Jahr 2000 folgte ein Ereignis, das mich mit einem Schlag für weitere 16 Jahre in die Finsternis katapultierte, in deren Dunkelheit sich die meisten Zeitabschnitte für immer aus meinem Gedächtnis verloren.
Meine „ausgelöschten“ Jahre – Die Zeit zwischen 2000 und 2015
In meiner stabilsten „Phase“ wurde ich im Jahr 2000 vergewaltigt.
Nüchterne, trockene Worte für ein Ereignis, dessen Folgen ich bis heute nur schwer in Worte fassen kann. An dieser Stelle soll das Geschehen von mir auch nicht weiter beschrieben werden. Es wird im Kapitel „2016 – Das Jahr der Kontaktaufnahme“ von mir zweimal intensiv aufgegriffen, weil ich es solange tief in den Trümmern meiner Seele geheim hielt. Ich möchte daher bewusst in diesem Kapitel darüber „schweigen“ und auf meine Briefe weiter hinten verweisen.
Die Folgen für mich waren immens. Ich war zutiefst geschockt, gelähmt und körperlich sowie psychisch schwer gezeichnet. Meine Gefühle waren wie zementiert, und alles in mir schien zerstört, zerfetzt in tausend Stücke. Ich war keine Person mehr, sondern ein „Nichts“. Die letzte leise Stimme meines „gefangenen Ichs“ wurde vollends erdrückt und verhallte in mir. Meine Gedanken verliefen sich in dunklem Nebel, der mich immer weiter in die Tiefe zu drücken schien. Alles unterhalb meiner Gürtellinie war wie taub, und ich befand mich in einem gefühlten „Vakuum“, das mich immer weiter zusammenzog. Meine Umwelt verschwand hinter dem grausamen Film vor meinen Augen, der keinen realen Blick mehr erlaubte. Und ich hatte riesige Angst. Eine Panik, die mich nicht nur zu absolutem Schweigen zwang, sondern mich in die Flucht trieb. Ein Lauf von mir weg ohne Ziel, angetrieben von unbeschreiblichem Selbsthass und einer neu entfachten Selbstzerstörungswut.
Meine einzige Beruhigung fand ich in einem starken Schmerzmittel, einem Betäubungsmittel „Valoron“, das mir der Frauenarzt in der Not verschrieb, weil er mich nicht einmal richtig untersuchen konnte.

Bericht 1 – Mitteilungsblatt vom 16.11.2000
Fortan rannte ich von mir weg, und das Mittel dazu war mein Sport. Das Training wurde zu einem mörderischen Plan gegen meinen Körper. Doch nicht um mich dabei umzubringen, sondern erneut um mir von außen Anerkennung zu erkämpfen.
Aus meiner heutigen Sicht rettete mir der Ausdauersport zu diesem Zeitpunkt mein Leben. So provokativ diese Aussage auch klingen mag. Aber ohne meine sportlichen Wettkämpfe hätte ich mir wahrscheinlich sogar aus Verzweiflung das Leben genommen.
Ich lernte durch den Sport mich immer mehr auf einem Grat zu bewegen, den ich noch so breit „ausbaute“, um dabei nicht ganz abzustürzen. Vor allem wollte ich unbedingt meine letzten Kraftreserven möglichst lang für meine Leistung und den Erfolg aufrechterhalten.
Dass sich mein Körper dann zu einem viel späteren Zeitpunkt, ab dem Jahr 2005, rächen würde, konnte ich, 2001, Gott sei Dank noch nicht erahnen!
So tragisch meine sportliche Karriere begann und so sehr die Erfolge auch im Schatten meiner Flucht sowie Anorexie standen: Ich wurde immer besser und mutete mir im Jahr 2000 und 2001 einen Wettkampf nach dem anderen zu, deren Resultate für sich sprachen. Wenn auch nur auf Kreis- und Landesebene.
An dieser Stelle möchte ich einen kleinen chronologischen Abriss der Höhepunkte meiner „kurzen“ sportlichen Laufbahn einfügen, weil sie für mich unbeschreiblich wertvoll waren. Sie schenkten mir ein letztes Gefühl von „Leben“, wenigstens für einen kurzen Moment zwischen meiner „Trainingsqual“ und meiner Flucht am Limit:

Baden-Marathon Karlsruhe (Halbmarathon), 17.09.2000, Zeit: 1:23:40 Std., WHK, Rang 1

Bericht 2 – Stuttgart-Halbmarathon vom 01.06.2001

Stuttgart-Halbmarathon vom 01.06.2001
Meine ersten Wettkämpfe absolvierte ich schon im Jahr 1999. Im Juni dieses Jahres lief ich meinen ersten Halbmarathon beim „Stuttgart-Lauf“ und belegte als guten Einstieg Rang 4 in der Klasse „Frauen W20“ in einer Zeit von 1:32:20 Std. über die Distanz von 21,1 km.
Das Jahr 2000 verlief für mich dann noch weitaus erfolgreicher. Ein Bericht aus dem Wochenjournal meines Heimatortes zum Ende dieses Jahres beschreibt am besten eine kurze Zusammenfassung meiner Wettkämpfe:
Mit einem besonderen Höhepunkt in diesem Jahr:
Dann allerdings folgte das Wettkampfjahr 2001 mit einem ganz anderen Hintergrund. Mein Kalender war vollgespickt von Wettkämpfen, ich gönnte mir keine Pausen mehr und versuchte wie in „Trance“ alles Leid hinter mir zu lassen:
Baden-Württembergische Crossmeisterschaften, Bad Liebenzell, 3.02.2001, Frauen, Mannschaft, 4 km, MEISTER (Tina Walter, Susanne Niemeyer, Martina Steinert), im Trikot der DJK Schwäbisch Gmünd
Baden-Württembergische Straßenlaufmeisterschaften, St. Leon-Rot, 11.03.2001, Frauen, Mannschaft, 10 km, MEISTER (Tina Walter, Susanne Niemeyer, Martina Steinert), Gesamtzeit: 1:50:21 Std.
Bezirks-Waldlaufmeisterschaften, Heroldstatt, 07.04.2001, 4650 m, Zeit: 00:18:43, Rang 2
Göppinger Berglauf, 29.04.2001, 8 km, Zeit: 00:36:55 Std., W20, Rang 1
Oberschwaben DUATHLON (7-km-Lauf/31 km, Rad/4-km-Lauf), Blitzenreute, 05.05.2001, Gesamtzeit: 1:42:05 Std., TW21, Rang 2
BW-DUATHLON-Meisterschaft (6 km/36 km/3 km), Aidlingen, 20.05.2001, Gesamtzeit: 1:54:16 Std., AK21, Rang 8
Trossinger Summertime-DUATHLON (12 km/50 km/5,5 km), 16.06.2001, Gesamtzeit: 2:51:52 Std., Frauen, Rang 3
Adelberger Klosterlauf, 22.06.2001, Zeit: 00:41:49 Std., Frauen, Rang 1
8. Stuttgart-Lauf (Halbmarathon), 01.07.2001, Zeit: 1:23:12 Std., W20, Rang 1, Frauen Gesamt, Rang 2, mein Höhepunkt:
Dieser größte Erfolg sollte zugleich auch mein letzter sein. Denn einen weiteren durfte ich nicht mehr feiern.
Meine sportliche Karriere endete, bevor sie eigentlich richtig beginnen durfte.
Mein Lauf fing im Sturm an und endete in einem Orkan, dem ich mich nicht mehr widersetzen konnte!
Im Hochsommer 2001 brach ich nach einem Lauf eines Teamwettkampfes zusammen und musste für kurze Zeit ins Krankenhaus.
Das Ende aller Wettkämpfe und einer Zeit, in der ich mich von meinem geliebten Sport endgültig trennen musste. Ein schwerer Schritt, der zwar notwendig war, aber die Dunkelheit und meine Verzweiflung noch verstärkte. Ein Abschied, der mich auch nicht heilen konnte. Lediglich die Momente blieben …
Denn meine sportlichen Ereignisse waren auch die einzigen, an die ich mich noch richtig erinnern konnte. Wahrscheinlich weil ich für diese Augenblicke des Erfolgs noch lebte, meinen Körper, zumindest meine Beine noch spüren konnte.
Sie verhalfen mir zu einem äußeren Lächeln, obwohl meine Seele in mir ungehört weinte. Doch ich musste mich nach außen so gut wie möglich verstellen, damit man nicht hinter meine schmale Maske sehen konnte …
Der Inhalt der anderen Erlebnisse meines Lebens zwischen dem Jahr 2001 und 2015 ist in meinem Kopf ausgelöscht. Ich kann mich an sie nur erinnern, wenn ich davon Fotos sehe, Berichte lese oder mir meine Eltern erzählen, was in welchem Jahr war. Aber mein eigenes Handeln, meine Gefühle in diesen Jahren sind für immer verloren. Ich weiß heute, dass der Grund dieser für mich bis heute schlimmen Erkenntnis meine posttraumatische Belastungsstörung war. Ein typisches Symptom, das nach einem Trauma, meiner Vergewaltigung, als Folge auftreten kann und einen psychologischen Schutzmechanismus darstellt, wobei das eigentliche „Erlebnis“ häufig wie eingebrannt erhalten bleibt.
Insbesondere wenn keine spezielle Psychotherapie auf den Vorfall folgt. Weil ich über alles schwieg und niemandem davon erzählen konnte, war eine Therapie natürlich auch nicht möglich. Im Gegenteil: Das schreckliche Erlebnis wurde von mir ganz tief in einen „unzugänglichen“ Raum eingesperrt. Doch seine Gewalt war so groß, dass es auch noch meine Seele, meine wahre Identität, vollends unter sich erdrückte.
Aus diesem Grund verstärkte sich meine Anorexie stark. Ein mittlerweile doppelter Hilfeschrei meiner Seele, den ich durch den Auftrag meiner körperlichen Selbstzerstörung als einzige Lösung zum Schweigen bringen wollte.
Mein einzig verbleibendes Gefühl für mich. Die Kontrolle über meinen Körper, dessen Identität ich nicht (mehr) kannte.
Ich bewegte mich wie in „Trance“ durch diese Jahre. Aus meinem Leben wurde ein „Dasein“. Ein Versuch, mich permanent an einem Limit zu halten. Meine neue Aufgabe, eine Gratwanderung zu beginnen, weil ich doch zunehmend die Kontrolle verlor und nach neuen Wegen suchen musste. Denn ab dem Jahr 2005 war es mein Körper, der zurückschlug, der sich rächte und nun das Kommando übernahm.
Mein Studium fiel mir zu diesem Zeitpunkt immer schwerer. Denn die Fächer des Hauptstudiums entsprachen immer weniger meinen Interessen. Ich versuchte zwar nach dem Grundstudium doch noch zu den Ernährungswissenschaften überzuwechseln. Aber es war unmöglich, weil ich wegen zahlreicher fehlender Praktika ins erste Semester zurückgestuft worden wäre. Dazu hätte ich keine Nerven mehr gehabt, vor allem aber schwanden zunehmend meine körperlichen Kräfte. Denn ab dem Jahr 2005 bekam ich Schmerzen im ganzen Körper, insbesondere jedoch immer stärkere Magen- und Darmbeschwerden. Mir wurde häufig nach nur einem Bissen übel, und die Anzahl an Durchfällen stieg von Woche zu Woche an. Es waren zunächst nur schleichende Anzeichen, doch ich konnte sie immer weniger ausblenden. Das Hunger- und Durstgefühl war mir schon länger abhandengekommen, was mich nicht sonderlich störte, da ich nur dann etwas trank und aß, wenn es unbedingt notwendig war.
Aber meine zahlreichen „Schwächeattacken“ und das Gefühl, immer weniger verdauen zu können, beunruhigten mich sehr. Ich bekam eine neue Angst dazu, die ich seither noch nicht kannte, und ich spürte, dass ich von Tag zu Tag immer mehr das Regiment über meinen Körper verlor und er zurückschlug, indem er begann, jetzt mich zu quälen. Ich musste nach einer Lösung suchen, wie ich meinen verzweifeltes „Dasein“ weiter erhalten konnte, ohne aber leiden zu müssen. Meine einzige Rettung sah ich darin, zu versuchen, meine schwere Erkrankung mit ihren spürbaren Folgen selbst zu analysieren.
Wie konnte ich mir noch weiterhelfen? Ich begann mich mit Fragen der Humanmedizin, Sportmedizin, vor allem aber der Ernährungsmedizin intensiv in einer Art Eigenstudium zu befassen. Während ich immer mehr Vorlesungen meines eigenen Studiengangs ausließ, besuchte ich zahlreiche der Ernährungswissenschaften. Aus diesem Grund zog sich mein Studium der Agrarbiologie bis ins Jahr 2005, in dem ich es trotz der Qualen mit der Note 1,6 erfolgreich abschließen konnte.
Doch so sehr ich mich auch bemühte, meinen weiteren Krankheitsverlauf in den Griff zu bekommen – der weitere organische „Zerfall“ in Form einer immer geringeren Funktionsfähigkeit meiner inneren Organe war nicht mehr aufzuhalten. Volle 16 Jahre hatten sie bislang meine Anorexie schon „schweigend“ ertragen. Jetzt sollte Schluss sein.
Mein „Dasein“ wurde zu einem täglichen Kampf am Abgrund. Ein jeder Schritt musste gezielt gesetzt werden, denn mein Grat, auf dem ich mich bewegte, wurde immer schmaler. Ich stürzte aber nur deshalb nicht ganz ab, weil mir meine eigene Sucht ab dem Jahr 2010 zu viel wurde. Der Kampf mit meinem Körper kostete mich zu viel Kräfte, die ich immer weniger aufbringen konnte. Also versuchte ich verzweifelt „auszusteigen“, indem ich meine Ernährung so anpasste, dass mein Magen-Darm-Trakt das Notwendigste verdauen konnte und immer etwas Energie für mich übrigblieb. Mein „Dasein“ ähnelte zu diesem Zeitpunkt dem eines Kolibris. Nach jedem kurzen Flug musste er wieder nachtanken, um zu überleben. Hätte er nur einmal nicht genug Nahrung aufgenommen, wäre er vor dem Erreichen seiner nächsten Energiequelle unweigerlich abgestürzt.
Doch aus meiner heutigen Sicht ist mir klar, dass der Versuch, von meiner Sucht loszukommen, damals noch nicht funktionieren konnte. Denn wenn ich es tatsächlich geschafft hätte, auch nur ein paar Kilo weiter zuzunehmen, hätte ich sofort wieder selbst die Notbremse gezogen, weil ich mich unter keinen Umständen weiter zu einer Frau entwickeln konnte. Das ungelöste Grundproblem war die eingebrannte, unüberwindbare Blockade!
Ich suche bis heute verzweifelt in meiner Erinnerung nach den Bildern, wie ich meinen Leidensweg, die schlimmen chronischen Folgen meiner Anorexie jeden Tag aufs Neue durchgehalten habe. Aber ich sehe nur Dunkel. Ich muss mich wie blind, schwankend auf meinem steinernen Pfad entlangbewegt haben. Vor allem haltlos ohne Ziel und Zukunft. Jeden Tag zu überstehen war schon viel.
Denn meine Talfahrt schritt ab dem Jahr 2010 unaufhörlich voran. Selbst die Ärzte hatten mich eigentlich schon aufgegeben, ich war im Grunde genommen austherapiert. Ende 2016 wog ich gerade noch 30 kg, und mein Körper glich einem einzigen organischen „Trümmerfeld“. Meine Psyche verlor sich in einer schwersten Depression. Die Kombination meiner Anorexie und posttraumatischen Belastungsstörung stellte die Grundlage für meine weitere Folgeerkrankung dar, die in kein medizinisches Muster mehr passte.
Erst im Jahr 2016 wagte ich einen neuen Versuch, meine Erkrankung in vielen Details zu erklären. Ich möchte daher an dieser Stelle auf meine „Erfahrungsberichte“ im Kapitel „2016 – Das Jahr meiner Kontaktaufnahme“ verweisen.
Mein beruflicher Werdegang wurde infolge meiner Erkrankung zu einem beruflichen „Suchgang“. Denn alle Versuche gingen nur so lange gut, wie es mein Körper und meine Psyche zuließen und meine Kräfte durchhielten.
Meine längste berufliche Phase war dabei meine halbe Stelle als chemisch-physikalische Laborantin der Qualitätssicherung bei einer Firma für Naturfarben in der Zeit zwischen 2007 und 2010.
Ein weiterer Versuch, meinem Wunschberuf näher zu kommen, bildete mein Fernstudium zur staatlich anerkannten „Lehrerin für Fitness“ ab dem Jahr 2010, das ich Ende 2011 sehr erfolgreich abschloss.
Aber mein Wunsch, meine Ausbildung in eine berufliche Karriere als qualifizierte „Personal Trainerin“ übergehen zu lassen, blieb ein unerfüllter Traum.
Zu groß war mein eigener Identitätskampf, der zudem komplett in den sichtbaren und unsichtbaren Folgen meiner schweren Erkrankung unterging.
Mein Körper und meine Psyche waren nicht mehr bereit, den Anforderungen meiner Außenwelt zu entsprechen.
Und meine „Welt“ war mittlerweile eine ganz andere. Eine unbeschreibliche, unfassbare, die mich immer weiter zu erdrücken schien. Nicht mehr nur meine Gedanken, die im Dunkel umherirrten …



