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Birte strahlte ihn mit rosa Wangen an. Ulrike gefiel Bolkes klare, tiefe und zugleich sanfte Stimme. „Dein Vater verfügt über eine Gabe, die wenigen eigen ist.“
Sie betrachtete den bartlosen jungen Mann mit dem kinnlangen Pagenschopf und dem sinnlichen Mund genauer. Offensichtlich warf er ein Auge auf Birte Aumund. In Dingen, die jeden angingen, kannte er sich außerordentlich gut aus und führte gern das erste Wort. „Weilt der Graf von Oldenburg in der Lechterburg, so bestimmt nicht grundlos“, stellte er fest. „Der wird auf seinen Vogt einwirken, hart durchzugreifen, der will Erträge aus dem Lehen ziehen. Unser Erzbischof ist krank, erzählen sich die Leute in Bremen… er leidet an andauerndem Geldmangel.“
„Oh“, seufzte Birte und strich sich über die Stirn, unschlüssig, was sie geistreiches erwidern sollte. Für solche Dinge fehlte Ulrikes neuer Freundin jedes Interesse. Oder es ging Birte wie ihr, sie fand schließlich auch keine Worte. „Ich bin übrigens Lüders Tochter“, brachte sie verlegenen lächelnd vor. „Und ich wüsste zu gern, um was er sich mit dem Grafen gestritten hat, heute Morgen.“
„Ah ja“, raunte Bolke und nickte verstehend. „Du hast einen mutigen Vater, Mädchen. „Er machte sich zum Sprachrohr aller und erinnerte den Grafen, durch das Aufwerfen des Deiches an der Olle wären wir nach Holler Recht für 7 Jahre vom Zehnten befreit.“
Ulrike spürte plötzlich ihren Herzschlag, so erschrak sie.
„Nun mach‘ dir mal keine Sorgen“, beruhigte Bolke sie. „Moritz von Oldenburg gehen andere Dinge im Kopf herum. Das hat der längst vergessen. Außerdem stimmt, was Lüder gesagt hat. Dafür kann man ihn schwerlich belangen.“
Sie äugte ihn ungläubig an. So leicht wollte sie sich nicht von ihren Ängsten lösen. Dann blinzelte sie einlenkend. „Man merkt, Bolke, dein Vater ist unser Deichgraf. Du weißt es ganz genau.“
„Nun ja, sagen wir, ich bekomme einiges mit. Damals beschlossen die Gemeinden der Brookseite und der Lechterseite, die drei Mündungsarme der Olle durchzudämmen. An den Mündungen wurden drei dicht beieinanderliegende Siele angelegt. Das machte die alten Deichabschnitte beidseitig der Olle zu Schlafdeichen und bedeutete eine erhebliche Verbesserung des Küstenschutzes, eigentlich genial. Wisst ihr, die Hunte verfügt in Sturmnächten über ungeheure Stoßkraft. Eine Sturmnacht überschwemmte gewöhnlich für Wochen das Hinterland. Früher mussten die Deiche durchstochen werden, sonst wäre das Wasser kaum abgelaufen.“ Er nickte bekräftigend. „Deswegen heißt die neue Ortschaft bei Bettingbühren Dreisielen.“
Ein verwundertes Lächeln spielte um Birte Lippen nach dieser erschöpfenden Auskunft, aber Ulrike reizte die Gelegenheit, sich in einer zuhause oft unter den Tisch gekehrten Angelegenheit schlau zu machen. Leise bemerkte sie: „Alle reden oft und gern vom Holler Recht. Was ist damit eigentlich gemeint? Mein Vater hat versucht, es mir zu erklären, aber ich glaube, der weiß es auch nicht richtig.“
Schmunzelnd erwiderte Bolke, „die erste Welle Einwanderer stammte aus Holland. Der damalige Erzbischof, ich weiß seinen Namen nicht mehr, holte sie wegen ihrer Erfahrung im Deichbau. Ihnen folgten Friesen, Flamen und Westfalen, aber für alle galt die Kolonisationsurkunde von 1106, und die steht für das Holler Recht. “
„Und…“, warf ihm Ulrike in fragendem Tonfall zu. „Stimmt es? Waren die ersten Siedler zeitlebens vom Zehnten befreit? Mein Vater lässt sich nicht beirren, es sei ein verbrieftes Recht. Man sollte darauf bestehen.“
Er strich sich amüsiert die Haare von der Wange und nickte anerkennend. „Na du weißt Fragen zu stellen. Alle Achtung. Aber egal, was unseren Vorvätern früher zugesichert wurde… das betraf sie, nicht ihre Kindeskinder.“
„Sag‘ mal, zu wem hältst du eigentlich?“, mischte sich Eike von Bardenfleth ein. Gegen den älteren Bruder wirkte sein Gesicht grob geschnitten, eine Warze über den buschigen Brauen störte Ulrike nie besonders, und er sorgte für Aufregung und Stühle rücken, weil er über die Sitzbretter und Tische geklettert kam und sich unaufgefordert zu ihnen gesellte. „Das ist alles eine Riesenlüge. Wer seinen Hund hängen will, findet immer einen Strick“, raunte er Bolke zu und spannte selbstbewusst neben Ulrike die Schultern aus.
Nachdenklich betrachtete Bolke ihn und schüttelte den Kopf über seinen zynischen Bruder. „So ist es ja nicht, Eike. Die wollen uns nicht umbringen. Wir sollen für sie den Knecht spielen, das ist der Zweck.“
„So, meinst du? Na, ich kann dir was erzählen. Der Ritter der Lieneburg hat den Werther-Hof heimgesucht. Udo Werther hätte zwei Kühe bis zum Sonnenuntergang bei der Burg abliefern müssen, aber er war nicht zugegen, heute Morgen auf dem Markt. Die Schergen veranstalteten in seiner Diele ein Schlachtfest und stachen ihm die Schweine ab. Ein junger Friese, den du kennen dürfest, sorgte für heftiges Handgemenge. Sie suchen ihn überall.“
Bestürzt nickte Bolke. „Ich wüsste in Berne wenige Leute bei denen ich annehme, sie können lesen. Die schriftliche Proklamation an der Tür vom Rathaus gleicht einer billigen Posse!“
„Der Ocko ist ein Teufelskerl“, flüsterte Eike ihm zu. „Einem der Leute des Vogts brach er den Arm und soll einen anderen mit einem Fleischermesser erstochen haben. Dann verschwand er wie ein Spuk über die Mauer im Stall auf den Dachboden. Du kannst dir vorstellen, dass der Ritter schäumte vor Wut. Der alte Werther und vier seine Knechte hängen dafür jetzt in den Birken am Moorbach. Von wegen, die wollen uns nicht umbringen.“
Bolke nickte und schloss die Augen. „Ein bockiger Esel sollte damit rechnen, geschlachtet zu werden… und stirbt der Bauer, muss seine Witwe selbst dafür eine Abgabe leisten an die Burg. Das beste Stück im Viehbestand fällt dann an den Vogt. Aber das ist ja ebenso fällig, will jemand heiraten. Anderswo war das ewig so. Wir werden uns an diese Schikanen gewöhnen.“
Eike stöhnte. Ulrike holte beunruhigt Atem; der Name Ocko fiel und in ihr flackerten Erinnerungen auf, an die Tage, in denen sie noch ein Kind sein durfte. Sie besann sich auf einen jungen Friesen mit einem verwegenen Zug um den Mund und wachen, hellblauen Augen. Der hieß auch Ocko und führte eine Bande Halbwüchsiger an, die früher die geheimnisvolle Wildnis hinter den Moorweiden unsicher machte. Er duldete keine fremden Kinder auf dem Gut der dortigen Meierei. Später geriet er ins Gerede, da er sich mit jeder einließ, die ihm schöne Augen machte, und fiel in Ungnade bei allen. Dafür rächte er sich in denkwürdiger Art und Weise. Zur Lindenblüte stiegen die Jungfrauen der Gemeinde nach alter Sitte an der Leiter in die Äste hinauf und pflückten ein Körbchen Lindenblüten, und es hieß, ein Handwerksbursche auf Wanderschaft passierte die große Linde, die voller Weibsleute saß und nahm sich in seiner Bettlerfreiheit heraus, die Leiter zu entfernen. Hinterher sprach sich freilich herum, wem der Streich zuzuschreiben war, aber Ocko scherte das wenig, weil für ihn damals die Wanderjahre anbrachen. Ulrike versuchte, sich auf Einzelheiten zu besinnen, doch ehe betretene Stimmung aufkam, fiel Bolke von Bardenfleth in einen Plauderton. „Gestern besuchte mich Elmer der Fuhrmann“, besann er sich. „Der Alte beschwerte sich entrüstet, jemand habe ihm das Pferdegespann gestohlen, während er in der Schänke saß und zechte.“
Begeistert stieß Ulrike die Freundin mit dem Ellbogen an, er hatte ihre Neugierde geweckt. Bolke lächelte sinnig, und Birte, sich neugierig über den Tisch beugend, folgerte: „Klingt nach dem Streich eines Spaßvogels.“
Bolke schickte trocken die Erklärung hinterher. „Sagen wir, er hat kluge Pferde, der Elmer. Er wankte heim und traute seinen Augen kaum, da ihn Fuhrwerk und Gespann bereits erwarteten. Er hat seine Pferde über Gebühr warten lassen, und die Tiere fanden allein den Weg nach Haus.“
Birte prustete ein helles Lachen heraus. Ulrike belächelte es. Sie ärgerte sich, offenbar hielt selbst ein Mann wie Bolke es für unangebracht, sie und Birte an einem Männergespräch teilhaben zu lassen. Seit sie sich als eine Erwachsene begriff, stieß es ihr übel auf, kam dieser ungeliebte Wesenszug an den Tag. Ulrike war kein Kind mehr und spürte genau wie die Männer, der Graf von Oldenburg streckte vor dem Rathaus zu Berne eindeutig die Hand nach Stedingen aus; unruhige Jahre bahnten sich an. Sie hob aufbegehrend das Kinn, da empfahlen sich die Bardenflether schon. Eike nickte Ulrike zu, niemand sollte von ihm sagen, er habe sie wie Luft behandelt. Die beiden tauchten in der Menge unter, da flüsterte Birte: „Der Bolke ist nach meinem Geschmack.“
„Er scheint verliebt“, fiel ihr ein. „In dich, Birte. Hast du das nicht gemerkt?“
Birtes Züge erstarrten. „Ach was, du hörst das Gras wachsen.“
Einen Moment überraschte Ulrike ihr ungläubiges Gesicht, dann zuckte es um ihren Mundwinkel, als bereite ihr Birtes Verlegenheit Vergnügen. Sie zwinkerte schelmisch. „Meinst du, es ist Zufall, wenn der höchste Deichgraf sich so eurer Sache annimmt? Hat dir noch nie ein Mann so richtig von Herzen nachgestellt und dir so wie er eben, in immer länger werdenden Reden zu verstehen gegeben, wie du ihm gefällst?“
Es überraschte Birte, dass sie verdattert die Lippen kräuselte. „Hat er das?“
„Ja, er sah meistens dich an. In sechs Tagen feiern wir Erntedank in Berne. Lass uns hingehen. Ich kann dir flüstern, wer dich zum Tanz auffordern wird.“
„Na, wir werden sehen.“ Birte freute sich, und in Ulrikes Zügen setzte sich ein breites Schmunzeln durch. „Während der Rede des Deichgrafen betrachtete dich sein Sohn mit einem verträumten Ausdruck… richtig lange… verstehst du, Birte? Und dieser Mann, das darfst du mir glauben, der weiß, was er will.“
In dem Augenblick näherte sich vom Feldweg, der zur Huntebrücke führte, trommelnder Hufschlag, eine Handvoll Reiter steuerten den Hof an. „Wir bekommen Besuch“, bemerkte Birte leise.
Ulrike nickte ihr zu. „Sie suchen Ocko. Ob es nun der ist, an den ich bei diesem Namen denke, weiß ich nicht, aber dem ist einiges zuzutrauen. Womöglich feiert er flott hier mit, während die Schergen des Vogtes Ställe, Scheunen und Wäldchen durchkämmen nach ihm. Der mit der Kettenhaube ist Graf Moritz. Ich sah ihn vormittags in Berne, als sie die Bulle verlasen und das Blatt an die Rathaustür genagelt haben.“
Der Graf wäre fast in die feiernde Gesellschaft hinein galoppiert und riss bei der Trauerweide heftig die Zügel an, sein Ross bäumte sich vor den Tischen auf. „Was ist denn hier los?“, rief er gehässig. „Ich schätze, ihr feiert zu früh.“
Zum zweiten Mal an diesem Abend fiel Ulrike der junge Bardenflether auf. Der war nämlich abseits der gedeckten Tafel noch in ein Gespräch gezogen worden und lachte dem ungeladenen Besuch beherzt ins Gesicht. „Auch, wenn Ihr unser Lehnsherr seid… Ihr stört, werter Herr Graf! Für Euren Stand wirft es schlechtes Licht auf Euer Ansehen im Land, in der Art in eine Feier hinein zu poltern!“
„Schweig, stehst du vor deinem Lehnsherren, befahl ihm Graf Moritz. „Ich habe euch Wichtiges zu sagen, womit sich die Feier erübrigen dürfte.“
„Lasst hören, werter Herr Graf“, gab Bolke von Bardenfleth frech zurück. Ein Klappern lief durch die Sitzreihen der Festtafel. Alle, die bis eben unbeschwert an ihrem Bier nippten, stellten den Krug auf den Tisch und hielten den Atem an.
„Sollte einer unter euch einen heimlichen Gast auf dem Heuboden beherbergen, empfehle ich, das zu melden. Wer Ocko Unterschlupf gewährt, wird gehängt… wie der Gesuchte selbst. Ist das klar? Niemand kann sich hinterher herausreden“, drohte der Graf ausdrücklich und erinnerte sie mit gesenkter Stimme: „Noch etwas: Ich schickte eure Knechte zum Hemmelskamper Wald um Eichen zu schlagen für ein Herrenhaus. Ich will, dass es vorangeht auf der Baustelle, und ich erwarte von jedem, den ich hier sitzen sehe, morgen ab dem Sonnenaufgang bei der Rodung zu helfen. Wer fehlt, den lasse ich in Ketten nach Burg Lechtenberg schleifen.“
Sein Herold mochte sich überflüssig fühlen, doch der Graf formulierte es kurz und bündig selbst und preschte mit seinen Reisigen davon, ehe der junge Bardenflether mehr erwidern konnte. Entsetzen ergriff die Feiernden, und Bolke von Bardenfleth räusperte sich. „Ihr habt es gehört. Nicht einmal der Deichgraf kann von euch verlangen, euch dieser Anordnung zu widersetzen. Es wäre einfach unklug; tut mir leid um die, die der Schuh drückt, wo er Sibo Aumund drückte. Wir hätten euch ebenso geholfen, aber das wird schwierig. Man stellt uns ein Bein.“
Schräg gegenüber saß Renke van Hartjen, ein graubärtiger Mann mit geröteten Wangen, die Augen glasig vom vielen Bier. Es betraf ihn. Er hob aufhorchend den Kopf und zog gefasst die Unterlippe hoch. „Herrjemine“, stieß er verdrossen hervor, „das schmeckt nach einem abgekarteten Spiel. Der Graf weiß, das Korn ist reif und muss schleunigst in die Scheune. Wie kann er von mir verlangen, auf der Rodung zu helfen? Ich bin nicht der Heiland, vermag nicht, an zwei Stellen zugleich zu sein und weigere mich, meinen Sohn bei der Ernte im Stich zu lassen?“
„Sie wollen billiges Ackerland einsammeln“, erklärte Bolke ernst. „Diese Menschenschinder. Mir sind wie jedem der hier Anwesenden die Hände gebunden. Ich rate euch: Geht nach Warfleth. Fragt nach Detmar tom Dieke. Es gibt noch mehr, die sich nicht einschüchtern lassen. “
„Was wollen sie mit den brachliegenden Äckern?“, flüsterte Birte der Freundin zu. „Die werden doch nicht ihre Schergen vor den Pflug spannen.“
Ulrike fuhr sich nervös um den Hals. „Dein Vater besitzt ein Gut. Das gefällt ihnen nicht. Die wollen Leibeigene, die sich nicht mucken.“
Sie hob wie unterbrochen das Kinn - am anderen Ende der Bank sprang Eike von Bardenfleth auf, die Hände in den Nachthimmel gestreckt. „Heda Freunde… auf ein Wort. Wartet noch!“ Er nickte allen zu, als hätte sein besonnener großer Bruder etwas Wichtiges außer Acht gelassen. „Renkes Roggenfeld gehört zum Gemeinschaftsacker Altenesch. Wer sich beim Besuch des Grafen unauffällig verhielt, sollte über den Mumm verfügen, sich wie ich morgen zum Sonnenaufgang am südlichen Feldrain einzufinden… im Schatten der größten Eiche! Ich hörte soeben, Sibo Aumunds Knechte sind nicht länger für Hemmelskamp eingeteilt. Sie brennen darauf, mitzuhelfen! Je mehr erscheinen, desto besser…! Dem Grafen wird die Spucke wegbleiben. Der hütet sich, einen Aufstand zu entfesseln und wird anders sein Gesicht wahren. Nach Holler Recht sind wir und unsere Kindeskinder unmissverständlich von jeder Fron befreit, darauf können wir pochen.“
Sein Auftritt sorgte für Beifall und erhitzte Gemüter. Manchen reizte es auf einmal, das Ganze morgen früh mit Eike von Bardenfleth auf die Spitze zu treiben. Es wurde stockdunkel, ehe Ulrike den Heimweg antrat. Von der Festtafel aus nahm sie wahr, in Sichtweite blühte Wiesenschaumkraut, und sie widerstand nicht, einen üppigen Strauß für die Vase zu pflücken. Danach überlegte sie ernüchtert, ob es im Sinn ihrer Mutter wäre, morgen den Männern bei der Ernte zu helfen. Bei der Rodung zu fehlen bedeutete ein Wagnis einzugehen, und die Vorstellung, Udo Werther am Moorbach erhängt, ließ sie erschauern und machte ihr Angst. Die Nachbarhilfe am Altenescher Feld könnte ähnlich enden, und die Tatsache, die Verantwortung für die Schwestern zu tragen, nagte an ihrem Gewissen. Timke war noch keine sechs Jahre alt und die würde mithelfen wollen…
Müde von der Arbeit auf dem Stoppelfeld kamen die drei Schwestern zur Mitternachtsstunde zu einer finsteren Laube, die Berne mit Elsfleth verband und sich einen Steinwurf entfernt im Waldesdunkel verlor, da näherte sich von hinten humpelnder Hufschlag.
„Nanu“, bemerkte Wibke. Für die Tochter eines Schmieds stand sofort fest: „Das klingt nach einem lahmenden Gaul.“
„Stimmt“, bestätigte Ulrike, um sich neugierig umzudrehen und mit den Augen die nächtliche Dorfstraße nach einem kommenden Reiter abzusuchen. In der Tat zeichnete sich schattenhaft ein Pferd im Dunkel ab, und die Gestalt, die es am Zügel führte, war ihr nicht geheuer. Sie warteten, und es handelte sich um einen Edlen, wie an seinem Barett im näher kommen zu sehen war. Im Licht des Mondes wirkte sein langes Gesicht gutmütig und seine Augen ausdrucksvoll. Solch einen Mund verleiht einem Gott, wenn man gern und viel lacht, sagte sich Ulrike. Sie knickste höflich vor ihm, und er erfasste, ihren groben Leinengewändern nach zu urteilen waren sie nicht seines Standes. Um diese Stunde und mit ihnen unter sich, verbeugte er sich trotzdem wie unter Ebenbürtigen und zog sich zum Gruß höfisch das Barett mit der Straußenfeder ab. „Gott sei gelobt, dass ihr mir über den Weg lauft“, sagte er. „Ich habe einen scharfen Ritt hinter mir, und mein Rappe hat irgendwo in einem Vorort einen Huf verloren.“
Ulrike schmunzelte. „Wie sich das trifft, Herr von und zu…“
„Keyhusen“, ergänzte der Junker. „Dirk von Keyhusen. Ich werde auf Burg Lechtenberg erwartet. Ich habe allerdings keine Ahnung, wohin nun…“ Er lächelte breit und rieb sich das Kinn. „Ich kehrte mit einem Freund in einem Gasthaus vor Oldenburg ein, und mein Freund machte bei der Gelegenheit der Tochter eines bei Tisch schlafenden Tuchhändlers den Hof, um das Mädchen dreist auf unsere Kammer zu entführen. Ich verdrückte mich, ritt allein weiter. Selber schuld, könnte man sagen: Wer meint, seinen besten Freund erziehen zu müssen und nur an den eigenen Bauch denkt, den bestraft Gott auf seine Art.“
Ulrike streichelte dem Ross, das durch die Nüstern unwillig schnaubte, das harte Stirnfeld. Die Pferdeschnauze schnüffelte an ihr, und sie hielt den Strauß aus Wiesenschaumkraut nicht gleich weg. Das Tier verleibte sich mit schneller Zunge alle Blüten ein. „Was hast du ihm gegeben?“
Ulrike starrte mit halboffenem Mund auf den Rest Wildkraut in der Hand. Sie lachte hell auf. „Meinen Blumenstrauß.“
Er schloss schuldbewusst die Augen. „Das wollte ich nicht. Ich hätte dich warnen müssen. Adalbert frisst alles, was ihm vors Maul kommt.“
Ulrike nahm es leicht. „Macht ja nichts“, sagte sie, um ihm das schlechte Gewissen zu nehmen. „Na ja, so konnte ich wenigstens das für Euch tun. Denn heute noch zur Lechterburg? Entschuldigt bitte, hoher Herr, Euch dahin zu bringen, ist es wohl zu spät. Ich wüsste höchstens eine Herberge in Berne, bei der meist eine Kammer leer steht.“
„Na das nehme ich doch gerne an.“ Sein Lächeln wirkte flüchtig, aber nur, weil er über ein Problem nachsann. „Wisst ihr einen tüchtigen Schmied in Berne?“
„Sicher, unseren Vater“, entgegnete Ulrike freudig. „Der repariert Deichseln, stellt Scharniere her und vermag obendrein ein Schwert zu schmieden. Wenn wir Euch nicht zu geringen Standes sind, begleitet uns nach Berne.“
So brauchten sie den weiten Weg durch die finstere Waldschneise nicht allein zu gehen, und obwohl außer ihnen um diese Stunde keine Seele mehr unterwegs war, außer einem Marder, der vom Wald her seine nächtliche Runde begann, fand Dirk von Keyhusen noch zu einem Schmied, der seinem Pferd ein frisches Hufeisen unternageln konnte. Ulrike ahnte nicht, wie sehr dieser Akt christlicher Nächstenliebe sich auszahlen sollte.
2. Kapitel
Bis zum Erntedankfest wären noch zwei Tage gewesen, und schon gegen Morgen blies von der Weser her ein heftiger Wind, der die bei den Van Hartjens erwachten Hoffnungen verwehte. Graue Wolken zogen über Osterstade auf, wie am Vortag, und diesmal blieb Stedingen nicht verschont. Eike von Bardenfleth und seine Helfer fingen an, mit Sensen gerüstet das reife Feld abzuernten, doch nach knapp einer Stunde empfahl es sich, schleunigst zu einem Unterstand zu fliehen. Bei Hemmelskamp fielen vereinzelt erste große Tropfen auf den trockenen Sandweg. Dann entlud sich die Schwüle in einem Unwetter; über Stunden stürmte es, Regen peitschte über die reifen Felder. Der Wolkenbruch knickte die Ähren um und drückte alles in den Matsch. Und es regnete einen vollen Tag weiter. Wen die Umstände hinderten, die Ernte einzufahren, für den bedeutete die leer gebliebene Scheune den Ruin. Hinterher hob sich ein Regenbogen ab von dem diesigen Himmel über dem Huntedeich, und das war der Hohn. Aber die Sonne kehrte zurück, und der Spätsommer begann. Vor allen Türen hingen Ährenkränze oder Kränze mit Herbstblumensträußen.
Ulrike versuchte, ein wenig die Stimmung der Jahreszeit einzufangen. Sie stellte eine Bastschale auf den Tisch in der Essecke am Herd, die überquoll von saftigen Früchten, polierte die Äpfel, bis sie appetitlich glänzten, legte goldgelbe Birnen dazu, Quitten und blaue Zwetschgen. Ein darüber rankender Hagebutten-Zweig rundete das Bild ab. Mit dem Eindruck, es könnte Gefallen finden, betrachtete sie ihr Werk. Plötzlich betrat ihr Vater den Raum, das Gesicht verbissen, und Ulrike erschrak. „Was ist Vater? Hat einer mit Haller Pfennigen bezahlt?“
Lüder zog einen festen Mund, und das kündigte stures Schweigen an. Er rieb sich die Nase, dann warf er ihr einen wilden Blick zu, um seinem Ärger doch Luft zu machen. „Du weißt, in Berne soll eine Burg… oder sagen wir ein Herrenhaus für den Oldenburger Grafen erbaut werden.“
Ulrike hantierte noch mit den Händen an den Birnen und nahm die Finger von der Schale. Sie nickte ihm zu. „Ja, ich weiß.“
Lüder stieß einen dumpfen Seufzer aus. „Dann will ich mal ganz offen sein, du lässt ja doch nicht locker“, erwiderte er. „Gestern, als du kurz zum Knochenhauer warst, haben sie bekannt gegeben, dass wir neuerdings zum Lehen der Grafschaft Oldenburg gehören. Und wie dieser Puderarsch den Inhalt der Bulle heruntergeleiert hat, hat mich zur Weißglut gebracht. Vielleicht hast‘ den Rest ja noch mitgekriegt. Jedenfalls habe ich das Maul aufgerissen und bin davon angefangen, dass wir sieben Jahre von jeder Steuer befreit sind, nämlich durch die Verlängerung des Alten Deiches an der Olle.“
Ein Zucken um ihren Mund verriet, wie heftig sie genau das beunruhigte. „Du bist und bleibst ein Hitzkopf. Das war unklug, Vater. Und du weißt das.“
„Das muss ich mir von meiner Tochter sagen lassen“, seufzte er, setzte sich vor die hübsch hergerichtete Obstschale an den Küchentisch und vergrub den Kopf in die schwieligen Hände.
„Ärgere dich doch nicht…Vater. Das Gewitter mag so manchen teuer zu stehen kommen, trotzdem ist es nun einmal geschehen… und es trifft uns ja nicht selbst."
Ulrike blickte ihm forschend in die traurigen Augen - runzelte die Stirn, und er schnitt ein wütendes Gesicht, die Brauen erhoben, den Atem angehalten. Dann atmete er schnaufend durch. „So? meinst du? Ja, wenn das schon alles wäre, was mir im Magen liegt“, entfuhr ihm. „Hier, in dem Haus, in dem ihr geboren wurdet, dürfen wir nicht bleiben. Alles ist hin, das tut so weh. Seit zwanzig Jahren verbringe ich in der Schmiede meine Tage, beschlage den Leuten die Pferde und bessere ihnen die Pflüge aus, und das war es nun.“
Entgeistert starrte Ulrike ihn an. „Was?“
„Ja“, raunte er. „Eben war Ehlert da, des Grafen rechte Hand. Du kennst ihn, den Mann mit dem goldbestickten Barett, der am letzten Sonntag die Bulle anschlug und die Erneuerung des Zehnten bekannt gab. Er stellte mich vor die Wahl: Entweder ich bin bereit, der Burgschmied des Oldenburger Grafen zu werden, oder wir verlieren Heim und Herdstelle. Sie benötigen den Platz für den Bau des Herrenhauses, das Haus wird abgerissen.“
Ulrike unterdrückte einen Aufschrei. „So bringt der Graf die zum Schweigen, die sich herausnehmen, ihm die Meinung zu sagen. Gott, ist das mies. Ja, ja, die Burgen bringen nichts Gutes, das sagtest du oft.“ Dann dachte sie nach. „Und was willst du tun, Vater? Wollen wir uns eine andere Bleibe suchen? Ich bin befreundet mit Birte, der Tochter der Aumunds, und der Deichgraf bewirkte bei den Aumunds ein Wunder. Allen in Berne und Elsfleth führte er vor, was es ausmacht, helfen wir uns gegenseitig und unterstützen einander. Vielleicht hilft Birtes Vater uns.“
„Ich weiß nicht, ob ich das möchte“, erwiderte Lüder. Die große Erleichterung verschaffte es ihm nicht. Es klang eher knurrig und unzufrieden, ohne wirklich Hoffnung zu schöpfen.
Dann öffnete sich die Küchentür, Wibke erschien, die kleine Timke an der Hand. „Was zieht ihr für Gesichter?“
„Wir werden von hier vertrieben“, erklärte Ulrike.
Lüder verbesserte sie. „Entweder ich füge mich, künftig für den Grafen zu arbeiten, oder sie zerren uns mit Gewalt aus dem Haus und wir schauen ohnmächtig zu, während sie vor unseren Augen die Schmiede abreißen.“
Auch Wibke schluckte heftig auf die böse Neuigkeit. Timkes Hand verkrampfte sich in die der Schwester, ihre Augen nahmen einen nassen Schimmer an. Sie barg das Gesicht an der Schürze von Ulrike und schluchzte. Ulrike strich ihr über das Haar und versuchte, sie zu trösten. „Vater malt schnell den Teufel an die Wand. Ob es uns so schlimm trifft, wie es sich in seinem Brass anhört, wollen wir mal sehen.“




