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„Vielleicht noch schlimmer“, bellte Lüder. „Oh wie ich ihn hasse - diese Ratte mit Sporen.“ Er schüttelte den Kopf über die fatale Lage und bekam offenbar selbst feuchte Augen.
„Also ich gehe jetzt zu Birte“, entschied Ulrike und beschloss, das nicht lange aufzuschieben. Die Augen streiften von Wibke zu Timke, wie eine Aufforderung, ihr zu folgen. Die beiden Schwestern nickten einander zu, und sie ließen den Vater allein in seinem Groll. „Wir müssen uns danach sputen und schleunigst zum Hemmelskamper Wald“, gab Wibke der Älteren zu bedenken. „Alle helfen auf der Rodung, fällen Bäume und beladen die Fuhrwerke.“
„Jeden Tag verspätet sich der eine oder andere“, beruhigte Ulrike sie. „Hauptsache wir sitzen mit am gemeinsamen Mittagstisch. Gewöhnlich geht dann der Konrad mit dem Ehlert durch die Bänke und kontrolliert, wer fehlt.“
Auf der hölzernen Huntebrücke erzeugten ihre Schritte ein dumpfes Poltern. Sie hielten einen Augenblick inne. Der heftige Regen hatte die Hunte über Nacht wieder in einen reißenden kleinen Fluss verwandelt, und den Bauch ans Geländer gelehnt, bebte die Brücke spürbar unter der schäumenden Flut. Die überschwemmte Wiese am abgewandten Schilffeld glänzte wie sonst im April; es stank nach dem Regen wie aufgefrischt nach Kuhmist, wenn die verrotteten Felder auch nicht mehr sichtlich dampften. Drei Reiher pirschten verstreut durch das gelb gemusterte Feuchtgebiet mit den Binsen und einer Badebucht. In der Ferne vor dem Birkenwald entdeckte Ulrike auch den Storch, der auf dem Dach der Aumunds wohnte. „Weißt du, was das Unwetter für die Bauern bedeutet?“, fragte sie Timke.
Der fiel spontan auf, „sämtliche Gräben sind voll und die Kornfelder böse zugerichtet. Na und die Apfelbäume drüben, sehen ganz schön gerupft aus.“
Wibke zog die Nase kraus. „Eben. Den meisten ist die Ernte verdorben…“
Erschüttert blickten Timkes Augen ins Leere. Wibke nickte verbissen. „Sonntag ist Erntedank. Alle müssen eine halbe Fuhre Weizen dem Speicher der Lechterburg abgeben. Bei manchen reicht‘s Korn kaum, für Herbst und Winter bei Aumunds Brot backen zu lassen. Etliche dürften bald auf der Straße hocken – ohne eine Bleibe.“
„So wie wir? Och Mensch. Was wird nun aus uns? Wo schlafen wir überhaupt, wenn die uns auf die Straße jagen?“, bemerkte die Kleine ängstlich.
Ulrike seufzte betrübt, mehr nicht, auch wenn sie sich das Selbe fragte. Und doch wehrte sie sich dagegen, den Kopf hängen zu lassen. „Es gilt jetzt, zu tun, was in unserer Macht liegt, damit es gar nicht so weit kommt. Ich weiß was ich tue und hoffe auf Birte. Wenn’s klappt, ist das Problem umschifft. Unsere Mutter sagte gerne, Aufgeben ist Schwäche - nur der Schwache verzagt.“
Pfützen glänzten auf dem Aumundhof. Sie brachen barfuß auf und trugen nicht, wie das Gesinde hier, Trippen aus Holz. Mit nassen Füßen ließen sie den Stall links liegen, wo sich eine stattliche Trauerweide erhob, und Ulrike dachte darüber nach, wie es auf ihre neue Freundin wirkte, wenn sie derartige Sorgen bei ihr ablud. Unversehens öffnete sich knarrend die Stalltür. Birte hatte die Schweine gefüttert, und die Freundinnen schlossen einander in die Arme. „Mein Vater“, begann Ulrike, „hat sich am letzten Sonntag um Kopf und Kragen geredet…“
Nie vorher begegnete die Freundin Ulrike feinfühliger. Birte streichelte ihr die Schultern, schaute sie bewegt an. „Wir haben ausreichend Platz. So viel sage ich dir jetzt schon zu. Unsere Magot, die Küchenmagd, hat als einzige vom Gesinde eine eigene Kammer gehabt, und seit Mariä Namen wohnt und arbeitet sie nun zu aller Überraschung am Almershof, weil sie Nachwuchs gekriegt hat und uns weggeheiratet wurde. Übel, dass sie ausfällt, aber hat ja nun auch etwas Gutes. Die Kammer liegt seitdem verlassen, ungenutzt… Ich rede mit Vater. Er hat ein Herz für Lüder. Der ist so aufrecht, betont er, so oft er auf den denkwürdigen Auftritt vor dem Rathaus zu sprechen kommt, und dann kriegt er sich gar nicht wieder ein und lacht sich scheckig darüber, wie der werte Graf Lüder einen Augenblick angeglotzt hat.“
Das Giebeldreieck des Gutshauses trug ein kleines Dwalm, und es hatte drei Türen, in der Mitte ein großes Doppeltor und zwei kleine, die zum Kuh- und Pferdestall führten. Ulrike folgte Birte durch den großen Eingang auf die festgeklopfte Diele, wo im Winter das Korn gedroschen wurde. Auf einer Seite drängten sich in Pferchen die Kühe, auf der anderen reihten sich die Raufen und Krippen des Pferdestalls. Es raschelte im trockenen Stroh, eine braune Glucke mit Küken flüchtete vor der einfallenden Sonne hinter die Pferdekrippe. Da Ulrike sich aufmerksam umschaute, hielt es Birte für angebracht, sie auf den Bretterboden über der Diele hinzuweisen: „Das ist der Balken. Der Raum dient der Aufbewahrung des frisch vom Feld kommenden Getreides. Unter der Schräge über den Ställen bewahren wir unser Brennholz auf und natürlich Torf und Stroh.“
Die Herdstelle lag im hinteren Teil der Diele, mit der Rauchfangluke darüber, doch Sibo Aumund suchten sie vergebens. Birtes Mutter war darin vertieft, einen Berg von Wurzelgemüse in feine Scheiben zu schneiden. „Zur Hölle soll er fahren, dieser Scheißkerl von Herold“, schimpfte sie und legte ärgerlich das Messer aus der Hand. „Wie der unseren Vater zur Sau gemacht hat, na hättest mal hören sollen. Sibo sei jung genug für den Frondienst, er solle sich nicht erdreisten, seine Knechte vorzuschicken. Ist deinem Vater ganz schön gegen den Strich gegangen. Aber Gott sei Dank, er lässt sich ja was sagen. Herrgott, wenn der… Na grüß ihn schön.“
Dann wandte sie sich wieder dem Zwiebelbrett zu, und sie mussten einen kurzen Spaziergang auf sich nehmen, um mit ihm zu sprechen, und auf der langen Wegstrecke über den Ochtumsdeich dachte Ulrike über ihren Vater nach. Lüder vermochte zu schweigen wie ein Grab, aber den Mund ließ er sich nie verbieten, und sie liebte ihn dafür. Was könnte einem solchen Menschen bitterer schmecken, als hinterher klein beizugeben? Alle, die ihn für seine Unbeugsamkeit bewunderten, würden bald heimlich mit dem Finger auf ihn zeigen.
Es stank nach einem Exempel, ganz ohne Daumenschrauben und Peitsche. Seine gereizte Art und die nassen Augen passten nicht zu ihm, das ließ ihr keine Ruhe. Ihr Blick streifte mit klammem Herzen die überschwemmten Ufer der Ochtum, und sie fühlte sich an eine gruselige Geschichte erinnert. Eike erwähnte kürzlich, in Friesland erzählten die Eltern ihren Kindern gern vom Drängler, damit sie rechtzeitig vom Spielen den Heimweg antraten. Ein gespenstisches Wesen mit nassen Armen geisterte plötzlich durch ihre Gedanken. Es lauere an den entlegenen Deichstrecken dem späten Spaziergänger auf, und auch in Stedingen war schon so mancher Wandergeselle auf rätselhafte Weise von heute auf Morgen spurlos von der Bildfläche verschwunden. Zeugen gab es nicht. Wem er begegnete, der endete ja in der Ochtum. Der Drängler zieht und drängt sein Opfer unbarmherzig zum Wasser, und wen es trifft, der fühlt sich entsetzlich beengt, wie mit schweren Ketten umschlungen. Vergebens klammert das Opfer sich an Baum und Strauch, wehrt und sträubt sich. Ein Rangeln auf Leben und Tod wird daraus, ehe die Kraft schwindet und das grässliche Wesen den Erschöpften ersäuft. Was der Graf ihrem Vater antat, lief auf das Selbe hinaus, er brach seinen Lebensmut und trieb ihn in die Verzweiflung.
Nach dem überfälligen Wolkenbruch kam die Sonne wieder durch, da erschienen die vier Mädchen auf der Rodung am Hemmelskamper Wald. Die hübsche Birte Aumund sorgte für Pfiffe und anzügliche Sprüche unter den Männern.
„Das ist die Tochter von Sibo“, tuschelte einer der breitschultrigen Burschen, die sich um Eike von Bardenfleth scharten.
„Heda, Rike“, rief Eike sie an, und Ulrike hob das Kinn. Sie ahnte, was ihm das Herz schwermachte und wandte sich Birte zu, als sei sie anderswo gefordert, da stemmte er enttäuscht die Arme in die Hüften.
Überall lagen Birkenstämme im Heidekraut, und fleißige Hände befreiten sie von den Zweigen. Während Ulrike mit Wibke und Timke darüber hinweg stelzte und Birte Ausschau nach ihrem Vater hielt, klang wieder das Hämmern der Äxte über die Heidefläche an dem immer ansehnlicher werdenden Kahlschlag am Birkenwald. Sibo reckte lächelnd den Kopf und ließ die Axt sinken. Seine Tochter und drei junge Mädchen steuerten ihn an. Der Mann, der einen der zwanzig reichsten Höfe im Stedinger Land besaß, ähnelte oberflächlich Birtes kleinem Bruder Klaas, doch das Leben hatte ihn gezeichnet, sein Haar war schon grau und schütter wie das Seggegras am Weserstrand. Eine kurze Erklärung genügte, ihm Einblick in den Sachverhalt zu vermitteln. Er schlug Ulrike vor: „An deines Vaters Stelle würde ich das Angebot des Grafen annehmen. Auf einer Burg sind ständig Pferde zu beschlagen und Rüstungen auszubessern.“
„Er will das ums Verrecken nicht“, beteuerte Ulrike hastig.
Davon wollte Sibo Aumund nichts hören und redete gelassen weiter. „Bestelle ihm einen gut gemeinten Gruß. Ich bin gewillt, euch und auch Lüder unterzubringen, und ich helfe gern. Aber ihr müsst einsehen, ich kann euch nicht auf Dauer umsonst durchfüttern. Darum werdet ihr euch nützlich machen auf dem Hof. Unser Großknecht wird euch einweisen. Und Lüder soll mir, so oft die Schmiede etwas abwirft, ein paar Silberpfennige abgeben, das ist billig.“
„Ich will es ausrichten“, versprach Ulrike erleichtert, aber sie wusste um den Starrsinn des Vaters.
„Gut Mädchen. Und mach‘ ihm klar: Andernfalls wird Graf Moritz einen fremden Schmied auf die Burg holen, und der wird fett werden im Dienst des Oldenburgers. Er aber wird als zweiter Schmied von Berne leben wie ein Bettelmann. Es ist ein Gebot der Klugheit, solch ein Angebot nicht abzulehnen.“
Erleichtert nickte Ulrike. Nun lag an Lüder wie es weiterging mit ihnen… und ihr selbst mangelte es nicht an der nötigen Einsicht.
Wibke entgegnete für sie: „Er braucht doch bloß seinen Männerstolz einmal hintenan zu stellen. Meine Güte, für uns, uns zu Liebe. Das wird er sich von mir zumindest anhören müssen.“
„Von mir auch“, fügte die Kleine bei, und Sibo stimmte es vergnügt. Seine Worte fielen bei den Mädchen auf fruchtbaren Boden, und ihr Vater war alt genug, zu begreifen, er konnte sich bei drei aufgeweckten Töchtern nicht einfach in Schweigen hüllen.
Aber ihr Vater tat sich schwer, eine Entscheidung zu fällen. Wenigstens zeigte er sich so weit einsichtig, Ulrike nahe zu legen, sie sei alt genug, aus dem Haus zu gehen. Den alten Hausstand zu räumen wollte er sich nicht durchringen. Lüder stellte es Wibke und Timke frei, ob sie bis zum letzten Tag in der Schmiede wohnen wollten, oder es vorzogen, sich mit seiner Ältesten bei den Aumunds einzuquartieren.
So ergab es sich, dass Birte die Freundin nach dem gemeinsamen Mittagstisch zu sich winkte und einlud, in ihr kleines Gemach neben der Diele. Ulrike offenbarte sich eine ihr bisher fremd gebliebene Welt. Sie fühlte verunsichert über die Oberkante der fein gedrechselten Kommode. Ein ebenso vorzüglich gearbeiteter, turmartiger Schrank nahm die Ecke an der Tür ein. Sie konnte den Blick gar nicht wieder davon losreißen; hinter kleinen Glastürchen schimmerte feines, blau marmoriertes Geschirr, und obendrauf eine Elfenbeindose mit einer zierlichen Gravur um den Deckel.
„Sag‘ mal Rike“, fragte Birte sie unter vier Augen, „hast du schon eine Vorstellung, was du anziehst, morgen nach dem Kirchgang, wenn der Festplatz geschmückt wird?“
Überrascht blinzelte Ulrike. „Warum fragst du? Na den Kittel hier.“
Die Freundin betrachtete sie kopfschüttelnd und zeigte auf eine runde Eichenholzscheibe, die zum Backen diente und auf der Kommode stand. „Nimm dir. Es ist gewöhnlicher Butterkuchen, aber aus unserem eigenen Backofen, ich bin stolz darauf.“
Das ließ sich Ulrike nicht zweimal sagen. Butterkuchen bot sich sonst bloß auf Hochzeiten oder Beerdigungen. Ungehemmt langte sie zu und merkte, Birte musterte sie von oben bis unten.
„Also so nehme ich dich nicht mit zum Tanz morgen“, gab ihr die schon ein wenig vertraute Freundin fassungslos zu verstehen.
Ulrike verzog trotzig die Stirn. „Was hast du denn?“
„Guck dich doch mal an“, empfahl ihr die Freundin und verschränkte nachdrücklich die Arme. „Du kannst doch nicht mit diesem lumpigen Kittel zu einer Feier gehen, wo auch Burschen sind. Also ich würde mir in so einem Zottel vorkommen wie eine Gänsemagd. Du bist erstaunlich, da fehlen mir ja die Worte.“
Es stimmte Ulrike betroffen. Eben noch mit vollen Backen kauend, stand ihr Mund ernüchtert still. „Du bist gemein. Ich habe‘ doch nur diesen Kittel.“
„Gemein ist, dich so losziehen zu lassen auf ein Fest, zu dem sich jede andere in deinem Alter fesch herausputzt.“
Was Birte meinte, war Ulrike durchaus bewusst. Ihr Kittel wirkte schäbig und fleckig, auch wenn sie das nicht störte. Oft wischte sie beim Kochen die Finger daran ab. Sie nahm sich ein zweites Stück vom Butterkuchen, biss ab und kaute wieder. Aus dem Gefühl, sich wehren zu müssen, brachte sie undeutlich hervor: „Ich weiß gar nicht, was du hast...“
„Zunächst - rede nicht, so lang du noch kaust, Rike, sonst hält dich jeder brauchbare Mann für ein Trampel.“
Ulrike schluckte. „Ja? Weißt du, auf so etwas habe ich nie geachtet“, entfuhr ihr, aber Birte überging es und als sie ihren Kleiderschrank aus hellem Buchenholz aufschlug, war das schon nicht mehr wichtig. Angesichts ihrer Kleidersammlung staunte Ulrike sie überwältigt an. Da hing eine tiefblaue Surkotte, die sie allenfalls in ihrem Zimmer anziehen durfte. So etwas zu tragen, blieb den Hofdamen von Adel vorbehalten; ein wenig erwachte bei Ulrike der Neid. Birte hatte selbst für derart eitle Anwandlungen genügend Geld.
Doch Birte ging es um sie. Die zeigte ihr ein friesisches Trachtenkleid, mit zierlicher Stickerei längs des Ärmels und der Säume. „Das ist von meiner Muhme. So laufen sie im Wangerland herum. Aber hat doch was, oder?“
Obendrein boten sich in Birtes Sammlung einige dezent bestickte Röcke und Kleider in hellblau, weiß und violett, jedes Stück aus weichem Linnen. Alles war gefällig und erweckte einen gepflegteren Eindruck als das, was sie am Leib trug, und Birte schob alles beiseite und empfahl ihr ein blütenweißes Sommerkleid. „Wir sind etwa gleich groß. Probiere es einfach an.“
Sie riss sich ihr abgetragenes Kleid über den Kopf, warf es auf Birtes Bett und zog sich das Sommerkleid über, strich es um sich glatt. Nie trug sie etwas Vergleichbares. Weich und sehr leicht und luftig fühlte es sich an, war nicht aus kratziger Wolle gewebt, sondern bestand aus feinstem Linnen. Auch einen passenden Gürtel in hellem Blau reichte ihr Birte, der die Taille unter ihren Busen verlagerte und sie gertenschlang machte, als sie den mit einer Schleife zuband.
„Na schau mal an“, lobte Birte und nickte zufrieden. „So kannst du dich sehen lassen, Rike.“
Sie waren unter sich in Birtes Kammer. Also stopfte sich Ulrike ungeniert den letzten Bissen ihres Butterkuchens in den Mund, und nachsichtig lächelnd deutete die Freundin auf den Standspiegel neben der Zimmertür. Ulrike hob entzückt das Kinn und strich beeindruckt das Kleid um sich glatt. „Du hast ja Recht, Birte. Ich kenne mich selbst nicht mehr. Nur… wie stehe ich vor dir da, wenn ich das annehme?“
„Meinst du, ich werde gerade das Kleid vermissen? Willst du es nicht geschenkt, leihe ich es dir.“
Auf ihr Augenzwinkern wandte sich Ulrike der Tür zu, um sich den wartenden Schwestern zu präsentieren. Sie streckte kaum die Hand aus nach der Tür, da blickte sie Birte erneut beschwörend an. „Du wirkst noch immer wie eine Fünfzehnjährige.“
Langsam wurde es Ulrike zu bunt, beständig von der Freundin belehrt zu werden. Sie drehte sich hochfahrend um und betrachtete sich gekränkt noch einmal ganz kritisch in dem großen Wandspiegel, ehe die Freundin hinter sie trat und sich herausnahm, ihr den Zopf zu öffnen. „So muss mich jeder Mann für eine Walküre halten“, scherzte sie, und es klang verletzt.
„So sollst du ja auch nicht zum Tanz gehen.“ Birte wandte sich mit kreativ gespitzten Sinnen der Eichenkommode zu und überflog den Inhalt der kleinen, bunt bemalten Steinschale, die neben dem Butterkuchen ihren Platz hatte. Ein Kamm fand sich darin, scheinbar aus Silber, sowie eine Haarspange aus dunklem Horn und eine Perlenkette. Birte kämmte energisch ihr Haar durch, egal wie grausig das ziepte, bis es geschmeidig glänzte, dann entnahm sie die Perlenkette und wies die Ulrike. „Halte dir mal die Haare hoch. Nur um zu sehen, wie das aussieht.“
Ulrike raffte das Haar im Nacken zusammen, und Birte verschlang es ihr zu einem kunstvollen Knoten, dem sie mit dem Perlenband Halt verlieh. Ihre ungewöhnlich geschickten Finger wirkten gepflegt wie die einer Burgdame, und hinterher war der Haarbausch zierlich mit silberweißen Perlen umbunden und konnte durchaus einen Windstoß überstehen.
„Siehst du, wie recht ich habe? Oder möchtest du dich wieder umziehen und lieber zum Tanz gehen wie ein kleines Mädchen?“
Je mehr Ulrike Gefallen an ihrem verwandelten Äußeren fand, desto mehr taute sie auf in Birtes Gesellschaft und fing an, sich mit ungeübten Händen die ungewohnte Frisur mit dem Perlenband zurechtzurücken. „Du bist meine erste richtige Freundin“, gestand sie Birte.
Die zwinkerte ihr vergnügt zu. „Und du meine Beste.“
Für einen guten Bürger hatte es Tradition, den Sonntag des Erntedankes mit einem Kirchenbesuch zu beginnen. Für Lüder und seine Töchter lag die Kirche von Berne mit ihrem großen freien Platz, auf dem zwei alte Linden standen, auf der gleichen Warft, eigentlich um die Hausecke. Die Glocke rief auch an diesem Sonntag zum Gottesdienst wie zu einer Pflicht, der jeder gern nachkam, und sie klang weithin über das Land. Jeder in Berne lebende Stedinger war stolz auf die zum Großteil aus Stein bestehende Kirche. Durch das bunte Mosaikfenster im Hintergrund der Eichenholzkanzel, flutete gedämpftes Sonnenlicht in das Kirchenschiff. Bestieg Pfarrer Wilke Holms die hohe Kanzel und überschaute mit einem feierlichen Ausdruck im hageren Gesicht die Köpfe seiner Schäflein, erhob sich die über zwanzig Bankreihen verteilte Gemeinde zum Singen. Ulrike hielt heimlich Umschau, wer fehlte. Eigentlich widerte sie die sonntägliche Heuchelei an. Freilich, jeder ging in die Kirche, allerdings zur Unterhaltung, weniger wegen des Gottesdienstes. Wilke Holms war ein begnadeter Redner, ein Talent, das fesseln konnte. Seine Predigten sorgten für Gesprächsstoff und Abwechslung nach all der Plackerei und Mühsal, die den Alltag füllte - mehr nicht. Wer außer ihr hörte schon richtig hin?
Heute schmückten alle Nischen bunte Blumengebinde. Zu Füßen der Kanzel bildeten Astern, Levkojen, Studentenblumen, Sommerrittersporn und Löwenmäulchen eine farbenprächtige Augenweide. Auf dem Altar war eine Auswahl aus 16 geweihten Heilkräutern angeordnet, und zwar so, dass in dessen Mitte eine majestätische Königskerze mit einer leuchtend gelben Blütensäule thronte, um welche man die anderen Pflanzen büschelweise gruppiert hatte, vornean Johanniskraut, Schafgarbe, Kamille, Wermut, Beifuß, Baldrian und Arnika.
Ulrike richtete es ein, dass sie bei Birte Aumund sitzen konnten, rechts von ihr die Schwestern und der Vater, links von Birte deren Brüder Klaas und Herse sowie Sibo Aumund, das Familienoberhaupt. Dann erfüllte frommer Gesang die Kirche, und in die einkehrende Stille hinein sprach Wilke Holms über Weisheit und darüber, alles habe seine Zeit. „Es gibt den Herbst, um zu pflügen, den März, um zu säen und den späten Sommer, um zu ernten. So wie es eine Zeit gibt, zu trösten und die Momente, in denen wir Trost brauchen. Wir geben, damit andere uns geben, sind wir in Not“, beschloss es der Pfarrer und segnete die Gemeinde.
Erneut galt es, sich von der harten Bank zu erheben und nach weiterem Lobgesang auf den Herren breitete sich Unruhe im Hauptschiff aus. Während Birte in der Beichtkammer verschwand und die Leute lautstark schwatzend aus der Kirche schwärmten, hob Ulrike den Blick zu der Madonna, die in Kerzenschein gehüllt milde zu ihr herab lächelte, und sie vertiefte sich in ein stilles Gebet. Ein Luftzug von der Kirchenpforte ließ die Kerzenflamme am Marienaltar zittern, und Ulrike dachte an die schwere Entscheidung, die der Graf von ihrem Vater forderte. Sie fühlte sich dem lieben Gott an diesem Ort nahe. Glaube kann Berge versetzen, klang es zuweilen von der Kanzel. Sie wusste das zu deuten, so sehr, niemals einzuschlafen, ohne ihr Nachtgebet. Da der liebe Gott bekanntlich alles sah, bemühte sie sich von Herzen, ein guter Mensch zu sein, aber ähnlich erging es wohl den meisten. Nur heimlich, ohne es jemals vor Timke oder Wibke zuzugeben, glaubte sie daran, für Gott eine gewisse Rolle zu spielen, und sie fügte mit feierlichem Nachdruck das „Amen“ hinzu. Hinter den Pfeilern, am Rand der Sitzreihen, steckten die Frauen mit Haube leise tratschend die Köpfe zusammen. Die schwer über den Steinboden schlurfenden Schritte eines Handwerksmeisters nahmen sich wie ein Poltern aus im Gemurmel. Nach der Andacht fühlte sie sich wundersam befreit und mit sich im Reinen, ganz so, als sei ein heimliches Abkommen aufgefrischt, welches ihr von klein auf viel bedeutete. Die meisten verließen die Kirche hingegen, ohne ihr schweres Herz erleichtert zu haben. Die Masse strebte schiebend, in winzigen Schritten dem Ausgang zu, um sich draußen auf die festgetretene, freie Lehmfläche und die Wege mit Buden und Ständen zu verteilen, wo nur zum Rand hin noch Gras gedieh.
Draußen flötete eine Amsel in der Linde, und sie musste an Eike denken. Wie früher ärgerte sie seine ungestüme Art, die Dinge anzupacken. Die Freundin stieß eben wieder zu ihr, und Ulrike bemerkte leise: „Eike regt mich auf. Bolke stellt klar, es sei gefährlich, Renke van Hartjen zu helfen, und der lässt es glatt darauf ankommen, will beweisen, was er für ein Kerl ist. Das war dumm, ich frage mich, was geschehen wäre, hätte das Unwetter nicht alles umgeworfen.“ Sie ahnte, Birte würde es nur missverstehen; eigentlich fand sie es anfangs ja auch tapfer, wie Eike seinem Vater nacheiferte. Und Birte blinzelte überrascht. „Durch dich steige ich nicht durch. Uns hast du begeistert geholfen, bei Renke van Hartjen nennst du es dumm. Weshalb?“
Ulrike lachte trocken. „Das Gerangel auf dem Wertherhof hätte sich Ocko besser verkniffen. Der Werther könnte noch leben, und es hat den Vogt verärgert. Sowas tönt man doch nicht heraus wie Eike und treibt es noch toller.“
„Na gut, Eike handelt mitunter unüberlegt. Aber das trifft auf die meisten Kerle zu.“
Ulrike schnitt ein leidgeprüftes Gesicht und seufzte, als sei es ihr zu unwichtig, sich deswegen zu streiten. „Schon, aber sicher ist, der Bessere der beiden will dich.“
Lüder trug zur Feier des Tages ein Hemd mit dem Ansatz eines Kragens, darüber einen langen braunen Leinenmantel mit Ledermanschetten; man hätte ihn für einen Zunftmeister halten können. Ulrike war stolz auf ihren Vater. Ihre Augen streiften hinüber, zu dem Bühnengerüst mit Stiege, an dem zwei Zimmerleute ihre letzten Handgriffe ausführten und noch gehämmert wurde. Davor reihten sich Sitzbänke und acht Fuß lange Schanktische. Nahe dem Halbschatten der Linde errichteten kräftige Burschen einen Erntebaum, fast so hoch wie das Rathaus. Ein aus Ähren gebundener Kranz schmückte die Spitze, umweht von bunten Bändern. Die Umstehenden jubelten und beklatschten heftig die aufgepflanzte Erntekrone aus Rogge, Gerste und Hafer, die einen Vergleich mit der von Elsfleth nicht zu scheuen brauchte. Für Ulrike war es diesmal mehr als nur der übliche Rummel, der alle Jahre wiederkehrte, fand sich unter der Erntekrone die Jugend zusammen. Schausteller und ein dressierter Bär waren angekündigt, ein Barde sollte zum Tanz aufspielen. Vor allem aber hatte sie heute ein wunderschönes Kleid an. Diesmal würde sie nicht allein hingehen und freute sich, eine Freundin gefunden zu haben. Plötzlich bemerkte sie, ihr Vater fehlte, und das ließ ihr keine Ruhe. Timke wollte unbedingt am Sackhüpfen teilnehmen, überlegte sie und sah sich beunruhigt nach dem Vater um. Wibke machte sie im Gedränge des Standes aus, der heiße Pfannkuchen mit Marmelade anbot, und sie zog Birte mit sich, um nach Lüder zu suchen. In Gedanken überflog sie den Kreis der Freunde, zu denen es ihn verschlagen haben könnte. Der Kreis begrenzte sich auf einen eigenbrötlerischen Köhler, den sie aber nicht antrafen, und einen Freund, den er schon vor der Auswanderung aus Westfalen kannte. Der machte kürzlich von sich reden, durch den Bau einer Gerberhalle, die allen anderen Gerbern das Wasser abgrub. Sie mussten durch das wenig vornehme Westviertel, wo Fischer, Gerber und Färber ihrem anrüchigen Handwerk nachgingen. Auf ihrem Weg scheuchten sie in einem engen Durchgang ein entlaufenes Schwein auf, das im Schweinsgalopp vor ihnen her zuckelte und sich, als sie schneller ausschritten, durch ein Hundeloch unter einem Bretterzaun verdrückte. Früher oder später würde es in einem Vorgarten beim Räubern im Rübenbeet erwischt werden und doch noch auf dem Tisch landen. Ulrike seufzte - so war es nun einmal in der Welt. Ein Feldweg, von dem aus man die Hunte hörte, führte zu Fordolts Mühle, von der die Aumunds ihr Korn mahlen ließen. Die Grillen zirpten, und wo sich klappernd das Wasserrad der Mühle drehte und es immerzu plätscherte, tollten einige Kinder auf der Badewiese umher. Das Brausen vom Wehr wurde lauter und schwoll an, während sie sich langsam Eikes Angelstelle näherten. Sie entdeckte Eike schon von weitem. Keinen Steinwurf entfernt saß er am Ufer, und Ulrike rief die vorausgepreschte Freundin vom Wehrgang zurück, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln und ihn nicht völlig zu übergehen. Eike von Bardenfleth lehnte an seinem Stammplatz an der Weide und beschäftigte sich gerade mit der Angel. „Nein, dein Vater ist hier nicht vorbei gekommen“, klärte er sie auf, wickelte Schnur ab, tat ein kleines Schrotkorn daran und ließ forschend die Augen über das sie umgebende hohe Hafergras schweifen, auf der Suche nach einem Köder. Flink fasste er zu und erwischte eine grüne Heuschrecke, die er dann konzentriert auf den kleinen Haken spießte. Erst dann widmete er sich den Mädchen. „Setzt euch zu mir“, forderte er, und als Ulrike sich zu ihm hockte, lachten seine Augen anzüglich. „Ich finde Lüder großartig. Der traut sich was“, gab er zu. „Aber was hat jemand wie er mit diesem Gnatterpott von Gerber zu schaffen? Das wüsst‘ ich gern.“




