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Von den in der Sonne verrottenden Feldern her lag dumpfer Heu- und Öhmdgeruch auf dem Land, und Ulrike rieb sich die Nase, eigentlich schien es wichtiger, ihren Vater aufzustöbern, aber sie bezähmte sich und erklärte es ihm geduldig. „In Soest, wo Vater aufwuchs, arbeiteten sie zusammen in der Saline. Salinen sehen aus wie riesige hölzerne Bienenhäuser mit Türmen, hoch wie unser Erntebaum und vollgestopft mit Reisig. Im Reisig sammelt sich Sudsalz, und im Eifer des Gefechts stieß Hinnerk oder Lüder einen vollen Sack um. Auf wessen Kerbholz es tatsächlich ging, darüber haben sie sich nie einigen können. Hinnerk nahm es auf seine Kappe, und das verbindet.“ Sie wollte ihm nicht die Fische verscheuchen und ließ sich nicht länger aufhalten, warf aber ein Auge auf den Melkbottich am Schilf. Drei Rotfedern schwammen darin, die hin und wieder leise plätscherten. Eike deutete mit dem Kinn stumm auf das klare Wasser. Die Weißfische, auch die ältesten und größten lockte die Wärme empor, um sich zu sonnen, und einige umkreisten die in der Strömung wippende Federpose.
„Wie ich Lüder einschätze“, gab Eike ihr auf den Weg, „hockt der in der Schmiede und hadert mit sich und der Welt. Ich will eine Nacht in einem Bett voll Brennnesseln schlafen, sollte ich mich irren. Aber Lüder wirkte nie wie jemand, der sich bei Freunden ausweint.“
Ulrike wunderte, warum ihr das nicht selbst einfiel. „Danke“, warf sie ihm zu, und auf einmal zog es sie unwiderstehlich zur alten Herdstelle. Von dieser Stunde an mochte sie Eike wieder irgendwie; der nüchterne Wink zeugte von gesundem Menschenverstand und bewies, Eike machte sich Gedanken. Durch ihn wieder zuversichtlich gestimmt, wandte sie sich der überschaubaren Dorfstraße zu, und der Himmel über Berne war enzianblau wie Birtes Augen. Die Freundin sah sie zwinkernd an. „Ist doch ein Lieber, der Eike… musst du zugeben. Außerdem könnte ich mir dann leicht Bolke angeln. Einen für dich, einen für mich.“
Die klappernde Mühle und das tosende Wehr blieben hinter ihnen – es zog Ulrike mit beschleunigten Schritten zur alten Schmiede. Dort fanden sie ihren Vater. Lüder rieb sich grüblerisch den Stoppelbart und konnte sich nicht entschließen, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Die Stirn gesenkt, stierte er aus glasigen Augen auf den Pott mit Most, zu dem er sonst eher selten griff. Wie viel von dem scharfen Obst er sich bereits einverleibte, zeigte die rote Nase. Er lallte hörbar, mit ihm zu reden, hätte sie sich sparen können. Er schob sich eine triefende Pflaume in den Rachen und kaute langsam und genießend. Vom Rummel wollte er nichts wissen - bevor Birte die Geduld verlor und empfahl, sie könne vorausgehen.
Endlich machte Lüder sich Luft. „Dieser aufgeblasene Hundsfott wird mich schikanieren“ stellte er brummig in den Raum. „Du kennst mich als Gemütsmensch, Rike, mir fällt es verdammt schwer, dann nicht gereizt zu klingen.“ Er schlug krachend die Faust auf den Tisch, die Augen sprühten vor Zorn. „Ich bin keiner, der katzbuckelt… und das hier aufzugeben, das heißt, einem Hund gleich den Schwanz einzukneifen.“
„Vater, nimm das Gute mit, das dir der Graf anbietet. Arbeite vorläufig am alten Amboss, dann an dem, den er dir hinstellt und komme zu uns, mit auf den Aumundhof, die Kammer ist allemal so groß wie das hier. Obendrein hättest du stets was zu tun. Ich erinnere mich, oft fehlte uns das Geld fürs Brot. Vergiss nicht, wie dir zumute war… hast du in der Schmiede gesessen und die Daumen gedreht.“
Es traf den Punkt, den er in seiner Verzweiflung vergessen hatte. Lüder erhob sich unbedarft, wankte heftig, und grinste als sie ihn stützte. „Du bist so klug wie deine Mutter war, Rike“, lobte er sie mit mühsam gebändigter Zunge. “Was soll aus uns werden… hält Eike auf einmal um dich an?“
Sie schüttelte den Kopf dazu und schmunzelte hintergründig. Er hütete sich, noch ein Wort darüber zu verlieren. Dann hakte sie sich bei ihm ein, und sie kehrten mit ihrem heftig schwankenden Vater auf den freien Platz am Rathaus zurück. Den Einzug der mit Blumengirlanden geschmückten Erntewagen hatten sie verpasst, ebenso das Ritual, in dem ein Junge die letzte Garbe vom Stoppelfeld bringt, und das Sackhüpfen der Kinder. Auf dem Stuhl des Bühnengerüsts saß ein grün und gelb gekleideter Barde. Er griff kraftvoll in die Saiten, und der Klang der Laute fuhr ihr in die Knie. Sie sang gern und genoss den Zauber des ihr fremden Instruments. Es war ein trauriges Lied von einem edelmütigen Ritter, dem die Geliebte schmollte, weil er ihr einen Freund erschlug. Wurde zum Tanz aufgespielt, war üblich, eine Seite der Bankreihen den Männern zuzuordnen, die andere Hälfte, von den Linden bis zum Tor mit der Bernebrücke blieb den Frauen. Scheue Blicke wechselten von hier nach dort, ehe ein mutiger Jüngling sich der weiblichen Gemeinde näherte.
Vor der Bühne tanzten bereits einige, da stieß Birte Ulrike an. Ihr Blick zielte auf Eike von Bardenfleth, der sein Angelzeug bei sich hatte und quer durch die Sitzreihen gezielt auf sie zu steuerte. „Birte… nein“, raunte sie. Bisher gelang ihr, sich vor dem Tanzen zu drücken; sie fürchtete, sich zu blamieren, und seine Absicht war klar.
„Du bleibst“, verlangte Birte. „Zeig‘ Courage, Rike. Der Eike ist ein brauchbarer Kerl. Stoß ihm nicht vor den Kopf. Hörst du?“
Also ließ sie sich auffordern, brachte mit Eike ihren ersten Reigen hinter sich und floh schleunigst wieder an ihren Platz. Erneut beschwor er sie, mit ihm den Heuschober aufzusuchen, ja drängte sie, und die strengen Regeln von Sitte und Anstand geboten, unberührt zu bleiben, bis die Glocke von Berne in den Hafen der Ehe rief. Die Bitte nach einem zweiten Tanz schlug sie barsch ab und blieb auch hart, als er sich verstohlen entschuldigte. Jedenfalls zog Eike traurig ab. Birte weigerte sich, das stumm hinzunehmen. Ihr Gespräch wurde lebhafter. Birte klang vorwurfsvoll, und Ulrike sträubte sich, noch einmal auf Eike zuzugehen. Ja, sie behauptete kühn, sie könne auf Eike verzichten, ebenso auf jeden anderen Kerl. Lüder sorge für genug Aufregung. Sie übertrieb, aber es tat gut, danach über das zu reden, was sie wirklich belastete, und die Zeit verging darüber wie im Flug.
Als ein kunterbunter Gaukler die Bühne betrat und eine lohende Feuerlanze in die Luft spie, hielt Ulrike fasziniert wie alle den Atem an. Es dämmerte allmählich, ein Häscher im Oldenburger Wappenrock entzündete Talglichter und steckte am Rand des Festplatzes einige Fackeln in den festgetretenen Lehm. Ulrike blies ungeduldig über ihre dampfende Schale mit Biersuppe, da erschien jemand in hohen Reitstiefeln vor der Bank, an der Ulrike mit ihren Schwestern und der Freundin saß. „Ist der Platz neben dir frei?“
Ein freudiger Schreck spiegelte sich in ihren Zügen. Sie erkannte das fein geschnittene Gesicht des humorvollen Edelmanns wieder, der ihnen zu nächtlicher Stunde am Brookdeicher Gehölz begegnet war, weil sein Pferd lahmte. Wieder lächelte er sein breites, unbefangenes Lächeln. Auch er hatte nicht vergessen, wer ihn damals zu später Stunde zu einem Schmied brachte. In seinen wachen, dunklen Augen blitzte ehrliche Wiedersehensfreude. Ulrike brauchte einen Moment, ehe ihr unsicher „äh… ja“ heraus rutschtet.
Schon saß er bei ihr, stellte seinen Bierkrug bei ihnen auf den Tisch. „Meine Freunde nennen mich Dirk“, stellte er sich vor. „Weißt du noch…?“
Sie registrierte das Wappenbild, ein goldener Schild mit zwei roten Balken. Im Vordergrund glänzten matt zwei gekreuzte silberne Schlüssel. Ansonsten schimmerte das Hemd in der Bleiche eines Kohlweißlings und ließ sich durch Bänder enger schnüren, bei kühler Witterung. Als sie stumm blieb und vor Verlegenheit rot anlief, fragte er leise: „wie heißt du?“
„Ulrike“, brachte sie tonlos vor.
„Wie geht es deinem Vater?“
Sie musste überlegen, wo sie anfangen sollte… und wollte ihm von den vielen erzählen, die in den letzten Tagen Hab und Gut verloren, da lockten Fiedel und Sackpfeife mit frischer Kraft zum Tanz. Als die Laute einstimmte forderte er sie mit einem feurigen Blick auf, die Hemmungen über Bord zu werfen und sich zu beteiligen. Die Paare fanden sich gerade und Schwung kam auf, sie wirbelten im Kreis, dass die Röcke flogen, und Ulrike genoss es wie in einem Taumel, bis sie völlig außer Atem abbrach. Glücklich wieder am Tisch und völlig aus der Puste, wagte sie endlich, ihn offen anzuschauen. „Seid Ihr ein Ritter, Herr von Keyhusen?“
Er nickte bloß, für ihn schien es nichts, vor dem sie Ehrfurcht haben müsste. „Hör zu, Ulrike, ich bin letztlich ein Mensch wie du“, gab er zu verstehen, und sie griff schweratmend nach ihrer Bierschale und strahlte ihn vergnügt an, gespannt auf seine Geschichte.
„Meine Burg steht nahe Rastede, bei dem gleichnamigen Kloster, weißt du. Hast du schon vom Zwischenahner Meer gehört?“
Ulrike schüttelte den Kopf. Sein Gesicht gefiel ihr, und seine Wesensart zog sie an wie kein Mann vor ihm. Doch wie sollte sie es ihm zeigen? Ihn offen anzulächeln wäre aufdringlich bei einer ihres Standes. Abweisen wollte sie ihn auch nicht, und sie ahnte, wie verstockt sie auf den angenehmen Junker wirkte. Zum Glück hielt ihn ihre Schüchternheit nicht ab, gesprächig zu werden. „Ich bin mit einem Freund hier in Berne. Ein Waffenbruder aus früheren Tagen lud uns ein auf Burg Lechtenberg, doch geriet ich im Rittersaal mit Graf Moritz von Oldenburg aneinander. Er ist ein Welfe, und ich bin ein Staufer... und gut über Philipp von Schwaben zu reden, genügte einem selbstherrlichen Protz wie ihm, mich nicht länger zu mögen. Graf Moritz ekelte mich von der Burg, könnte man sagen. Ich sah keinen Anlass, mich deshalb dem Erntedankfest fern zu halten. Du brachtest mich ja derzeit im Gasthof Bunter Hahn unter, und die alte Absteige war noch frei.“
Sie seufzte. Endlich wagte sie vorsichtig zu fragen: „Woher kennt Ihr den Grafen von Oldenburg?“
Dirk rieb sich andächtig das Kinn und beschloss ehrlich zu sein. „Dieser Schweinehund ist seit einem halben Jahr mein Lehnsherr. Nach dem Fall Heinrichs des Löwen hielt man es für klug, das Lehen Sachsen zu beschneiden, und Moriz von Oldenburg war zur Stelle, um den Erzbischof zu umgarnen. Heinrich hätte ihm beinahe den Garaus gemacht, aber bei Hartwich scheint er gute Karten zu haben. Jedenfalls überließ ihm sein neuer Landherr aus dem ehemaligen sächsischen Lehen Zwischenahn und Stedingen, und ich habe das hinzunehmen.“ Er blickte ihr tief in die unruhigen Augen.
Sie wich ihm irritiert aus.
„Und… wenn wir uns so unterhalten“, flüsterte er über den Tisch. „Sag‘ bitte Du zu mir. Ich hasse Standesdünkel.“
Ulrike schmunzelte verlegen, wusste nicht mehr, wie sie sich zu verhalten hatte. Sie rang sich zu einem Blinzeln durch, um ihn wenigstens zu ermuntern, es nicht aufzugeben. Warum, fragte sie sich befangen, vertiefte er das Gespräch so? Der Standesunterschied forderte, nach diesem Abend unterschiedliche Wege zu gehen…
Er schien sie ohne Worte zu verstehen. „Ich kenne Konrad von Burg Lechtenberg“, erklärte er. „Wir tranken auf einem Turnier in Lüneburg einige Maß Burgunder zusammen und schlossen Freundschaft. Er lud mich ein nach Berne, und nachdem Graf Moritz überraschend abgereist ist, wohne ich wieder bei ihm, auf Lechtenberg.“
Ulrike nickte zögernd.
„Du bist eine sehr stille, habe ich den Eindruck. “
„Warum?“
„Na, ich erzähle dir aus meinem Leben, und du guckst mich an, als hättest du deine Zunge verschluckt. Wortkarg ist gar kein Ausdruck dafür. Oder ist es, weil ich Graf Moritz von Oldenburg kenne?“
„Möglich“, gestand sie. Dann brach heraus, was sie für sich behalten wollte. „Mein Vater hat dem Grafen von Oldenburg öffentlich widersprochen, und es ist besser, dem nicht aufzufallen.“
„Das kommt nun etwas überraschend für mich“, gestand ihr der junge Ritter.
„Ja“, sagte Ulrike gedämpft. Ihr Vater würde ihr dazu den Spruch auftischen, eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und seine Freundlichkeit wunderte sie. Dirk ließ sich nicht beirren, schaute ihr aus ehrlichen Augen in das Gesicht, das ihn so seltsam anzog. Sie hob vorsorglich die Hand und fing damit seine Hand ab, die ihr zärtlich über die Schläfe streichen wollte, wie einem kleinen Mädchen, um dessen Vertrauen er kämpfte. „Bitte glaube mir, Ulrike, ich mag dich und will das Beste für dich.“
Ulrike presste die Lippen aufeinander wie unter Schmerzen, überlegte – und nickte ihm einverstanden zu. Nicht, weil ihr sein Gesicht gefiel, sondern weil seine Stimme angenehm klang und etwas in ihr bewegte.
„Warum hast du solche Angst vor dem Grafen von Oldenburg?“ Der Ton, in dem er fragte, klang vertraut, und sie erzählte ihm endlich, was ihr das Blut in Wallung brachte. „Ich frage mich, was muss das für ein Mensch sein, der so mit seinem Volk umspringt. Da beobachten die Bauern mit Argwohn das Wetter, um im richtigen Augenblick die Ernte in die Scheune zu holen, und ist es so weit, erklärt der Vogt, es gäbe wichtigeres und käme nun auf jeden Arm an, ganz schnell würden Unmengen an Holz benötigt. In meinen Augen ist das hundsgemein und schäbig, da beißt die Maus keinen Faden ab. Für ein Herrenhaus in Berne, heißt es…“
Dirk räusperte sich. „Hmmn“, brummte er. „Dazu kann ich dir was erzählen, das die Sache für dich verständlicher macht. Worum es dem Mann geht, ist nämlich für mich kein Geheimnis. Da ist zum einen ein Handelsweg… der verbindet Bremen mit Friesland und verläuft genau durch Berne. Die Bernebrücke ist der Knotenpunkt, an dem sich leicht ein ergiebiger Zoll erheben lässt. Begreifst du, Ulrike?“
Sie hob die Brauen. „Na und ob.“
Dirk lächelte, und er ahnte, wie heftig ihr das Herz schlug. „Zum anderen“, fuhr er fort, „besteht über die Olle eine Verbindung mit der Weser, und ein Herrenhaus, oder besser, eine Burg aus massivem Stein, wie es Graf Moritz vorschwebt, dient einem Zweck. Steht die, kontrolliert sie die Weser und wird von jeder Kogge, die nach Bremen will, Zoll verlangen. Der Witz ist, ein Teil davon fließt in die Kasse des Erzstifts, und er nimmt es den Bremer Kaufleuten ab.“
Ulrike stutzte. „Sagt ihr das jetzt, weil ihr das tätet?“
„Nein“, entgegnete er entschieden. „Ich musste mir nur anhören, er möchte zu Weihnachten seinen neuen Sitz in Berne beziehen… und Unmengen Geld aus diesem Land herausholen. Mir ist das zuwider. Jeder, der Zoll erhebt, treibt die Preise in die Höhe. Das trifft immer die Ärmsten.“
Ulrike fragte sich, ob er ernsthaft so denken könnte. Bolke von Bardenfleth wollte eigentlich Birte zum Tanz auffordern und ließ sich neugierig an ihrem Tisch nieder. „Und das erzählt Ihr hier ganz unverhohlen, Herr Ritter?“
Dirk hob lächelnd das Kinn. „Ich weiß nicht, wie Euch das geht, werter Herr. Ich rede über das, was mich empört, und es tut wenig zur Sache, ob ich ein Edelmann bin.“ Seine Gelassenheit sagte Bolke von Bardenfleth zu. „Ich auch“, raunte der. „Und doch werdet ihr nie und nimmer verstehen, was ein armer Bauer fühlt, wird der Nachbar über Nacht von seinem Hof vertrieben.“
Dirk nickte, ohne es als Angriff zu werten. „Und doch bin ich auf eurer Seite“, erwiderte er leise. „Ob Ihr mir das nun glauben wollt oder nicht.“
„Habt Ihr eine Burg, Herr Ritter?“
„Ja, warum sollte ich das bestreiten. Aber bei uns in Zwischenahn und Elmendorf leben nicht annähernd so viele Menschen wie hier. Das Ammerland besteht aus Moor, Erlenbruch und Birkenwald. Große Weiden und Höfe wie hier gibt’s da nicht. Aber mein Vater handhabt das mit den Steuern äußerst ungezwungen. Der Graf von Oldenburg lebt in dem Glauben, wir hätten 54 Untertanen und 37 Hunde.“
Dirk grinste. Er strich sich andächtig über das Kinn und fühlte sich als Hahn im Korb, da ihm inzwischen alle am Tisch atemlos zuhörten. „Wird es euch hier allzu ungemütlich, wandert doch aus. Wir haben einen Aufruf in Groningen und Utrecht aushängen, dass wir Siedler suchen. Auf ein paar mehr kommt es nicht an. Zehn Jahre totale Steuerfreiheit und dann… na ja, jeder das, was er erübrigen kann. Ist ein Unwetter Schuld an der Misere, geht es auch mal ohne Abgabe. Der gute Wille zählt mit… Mein Vater zeigte sich nie versessen auf Geld. Ich werde es so beibehalten… versprochen. So kriegt der Graf von Oldenburg wohl nicht ganz, was ihm zustünde, aber fragt unsere Leute, die sind zufrieden.“
Plötzlich erhob sich Dirk. „Komm“, sagte er sanft zu Ulrike, „es ist angenehm lau. Lass uns über den Rummel gehen, mal sehen, was die Buden so anbieten.“
Sie blickte misstrauisch hoch, und es war ihr nach Lachen zumute. In seinen Augen lauerte ein Glanz, der ihr galt; und sie hob die Nase - der Abendwind trug Düfte von den Garküchen am Palisadenzaun herüber.
Er versuchte, sie an der Hand mitzuziehen, und Ulrike musste sich beherrschen, nicht zuzugreifen. Doch sah es besser aus, ohne seine Hand zu halten, an den Ständen entlang zu bummeln, die sich am Palisadenzaun der Warft reihten. Über einen Tisch bot ein orientalisch gekleideter Händler mit verwittertem Gesicht und blankem Hinterkopf Öllampen feil, und bei einem hellblauen Zelt in Form eines Hausdaches handelte es sich um eine Garküche. Es gab gebrannte Mandeln und kandierte Früchte vom Rost. Dirk kaufte für zwei Kupferpfennige zwei Bratwürste. Ulrike machte einen Knicks, als er ihr eine abgab und biss im Weitergehen vorsichtig ab, bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie heiß der Bissen im Mund brannte. Sie hatte den Eindruck, er wollte ihr etwas kaufen, da er bei einem Händler aus Flandern auf ein blütenweißes Leinenkleid mit fantasievoller blauer Stickerei auf den Borten aufmerksam machte. Nie hätte sie sich dazu überreden lassen, aber die Bratwurst aß sie mit sichtlichem Appetit und schlang, ausgerechnet, als er sie ansah, das letzte Stück herunter. Dadurch verschluckte sie sich. Dirk klopfte ihr sachte die Schulter, führte sie zu einem sechseckigen Zelt, das wirkte wie ein Pavillon aus weißem Leinen, wo ein Paar junger Leute Lederarbeiten ausstellte: Taschen, Schnürmanschetten, Lederbeutel, Gürtel in hellem Rindleder oder auch in dunkel eingefärbtem, und dazu Eisenschnallen. Ulrike fragte sich, um was es ihm hier ging, und er eröffnete ihr: „Ich werde morgen früh auf Burg Keyhusen erwartet – zu einer Saujagd. Und es ist ein Mordsritt zur Burg. Ich muss mich dringend auf den Weg machen.“
Sie schmeckte die Rostbratwurst noch auf der Zunge und glaubte, aus allen Wolken zu fallen. „Oh“, rutschte ihr betrübt heraus.
„Ich möchte dich wiedersehen“, beruhigte er sie galant. „In einem Monat ungefähr könnte ich wieder nach Berne. Ich klopfe einfach an und bringe dann ein wenig mehr Zeit mit.“
„In der Schmiede würdest niemanden mehr antreffen. Wir sind umgezogen zum Aumundhof. Der rückt in Sicht, sobald man die große Huntebrücke überquert.“
„Führst du mich hin, zeigst mir das Haus der Aumunds? Ich weiß nicht, ob ich es andernfalls finde, verstehst du?“
Ulrike fühlte sich in ein wahr gewordenes Märchen versetzt. Es war dunkel geworden. Hinter dem letzten der Stände am Palisadenzaun brannte ein heftig räucherndes Lagerfeuer. Zahllose Fackeln und Talglichter erleuchteten die von Blumengirlanden überhangene Festtafel, während die beiden sich über die Holzbrücke entfernten in Richtung Deich. Dort wollte er sie in den Arm nehmen, und sie entwand sich ihm. So ziemlich jeder Edelmann wäre eingeschnappt gewesen, nicht so Dirk von Keyhusen. „Ich stamme aus dem Ammerland“, ging Dirk im Plauderton darüber hinweg. „Bei uns gibt es einen See, der ist einfach riesig, deshalb nennen wir ihn das Zwischenahner Meer. Sehe ich im Sommer zum Abendrot aus dem Kaminzimmer, schaue ich auf eine Bucht, die ist blau, zugewuchert von blauen Lilien. Du wärest entzückt. Aber was rede ich. Nächstmal nehme ich dich einfach mit, du wirst schon sehen, was ich meine.“
„Du willst mich mitnehmen nach Rastede?“
„Nach Burg Keyhusen“, berichtigte er sie. „Ja, das nächste Mal möchte ich dich meinen Freunden Godeke und Ekhard vorstellen und dir die Burg zeigen… eine Burg aus Stein, mit einem Bergfried, zwischen zwei Auen. Das Dorf Zwischenahn vor unserer Haustür hieß früher einmal Zwischenauen.“
Lange verweilten sie auf der Huntebrücke, hörten den Fluss unter sich rauschen. Über allem blinkten die Sterne, und bei den Feuchtwiesen des anderen Ufers wurde es merklich finsterer. Ulrike konnte kaum noch die eigene Hand erkennen und wies ihm das im blauen Mondlicht liegende Gehöft der Aumunds.
Er hielt Wort und brachte sie zum Festplatz am Rathaus zurück. Wenn er nun seinen Rappen bestiegen hätte, wäre ihm einiges an Ärger erspart geblieben. Doch beschlich ihn das Gefühl, sie damit im Stich zu lassen. „Ulrike“, sagte er leise und wartete geduldig, bis sie den Mut aufbrachte, ihm noch einmal in das Gesicht zu schauen. „Gerne lasse ich dich nicht allein, ohne zu wissen, wie es mit deinem Vater weitergeht. Unser Heiland hat einmal gesagt, wer Zeuge wird bei einem Unrecht und einfach wegsieht, ist ebenso verantwortlich wie die, die es begehen. Wer das begreift, hat nie mehr das Recht, einfach wegzusehen. Und das behaupte ich nicht, um zu gefallen. Ich habe durchaus meine Fehler und Schwächen, aber, wenn ich meinen Schutz anbiete, stehe ich dazu, egal welche Kreise das zieht. Ich muss zwar jetzt zur Burg, aber wir sehen uns wieder - bin ein Edelmann mit Grundsätzen, das halte ich mir zugute.“
Er zog sich einen Goldring mit einer filigran umrankten Blüte aus Granatsplittern vom Finger. „Gib mal deine Hand“, forderte er.
Ulrike schüttelte abwehrend den Kopf, immerhin warf sie ein Auge darauf. „Bitte, kein Geschenk“, sagte sie mit Nachdruck.
„Kein Geschenk?“, wiederholte er enttäuscht. „Gut, bewahre ihn für mich auf. Und sende ihn mir, falls du einmal Hilfe brauchst.“
Sie rang mit sich, lächelte ihn darauf an. „Also gut, aber ich stecke ihn erst auf den Ringfinger, wenn wir uns wiedersehen“, stellte sie zur Bedingung. Keine Frage, dieser Junker meinte es gut mit Ulrike, und er machte sie traurig, weil er es plötzlich eilig hatte. Wenigstens versprach er: „Ich werde in etwa einem Monat auf dem Hof der Aumunds erscheinen. Versprochen. Leb‘ wohl.“ Zum Abschied gab er ihr aus dem Sattel einen Handkuss und sprengte über die Bernebrücke davon, denn das Ross des Freundes, mit dem er in Berne weilte, fehlte mittlerweile und ihn trieb ein ungutes Gefühl nach Burg Keyhusen. Ulrike schluckte trocken, als sie ihn nicht mehr sah. Dann fuhr sie sich verwirrt über die Stirn und fragte sich, ob sie die Stunden mit ihm geträumt hatte.
Der volle Mond war unterdessen ein gutes Stück gewandert, leuchtete in seinem unheimlichen Glanz zwischen dem Kirchturm und dem Rathaus. Ulrike fühlte sich auf einmal allein wie ewig nicht. Sie musste sich eingestehen, sie hatte ihre Schwestern, den Vater und die neue Freundin über diesen jungen Mann vergessen - an den zu denken ihren Puls schneller schlagen ließ. Timke wenigstens nach dem Ausgang des Sackhüpfens zu fragen, wäre das Mindeste gewesen. Niemals zuvor geriet ihre Fürsorge für die jüngeren Geschwister so gründlich in Vergessenheit, und sie beschleunigte beschämt ihren Schritt. So kam sie mit beunruhigt umherstreifenden Blicken am Lagerfeuer vor dem Palisadentor vorbei, wo die Holzbrücke über den kleinen Wasserlauf führte, der hieß wie die Ortschaft Berne. Hier, wo viel junges Volk ihres Alters in die Flammen stierte und Männlein und Weiblein zu fortgeschrittener Stunde noch miteinander scherzten und lachten, traf sie Birte wieder. Die saß bei Eike von Bardenfleth in einer bunten Runde, aus der Ulrike sonst niemand kannte, und freute sich, die Freundin in den Feuerschein treten zu sehen. „Dein Vater ist mit Wibke und Timke zu unserem Hof aufgebrochen“, beruhigte Birte sie, und für den Rest des Festes blieb Ulrike bei Eike und der Freundin. Ein hochbetagter Knecht, der einmal ein Auge verlor, weil eine Kuh gedeckt werden sollte und der Bulle wild wurde, brachte unversehens Neuigkeiten vom Nachbarhof. „Gestern besuchten Renke van Hartjen Waffenknechte. Sie haben ihn vom Gut gescheucht wie einen Bettler und drohten dem Gesinde, jeden in den Turm der Lechterburg zu sperren, den es zurückzieht.“
Eike ballte eine Faust, so erschütterte es ihn. „Renke van Hartjen verlor vor zwei Monaten seine Frau. Und jetzt das… Das hat er nicht verdient“, raunte er. „Ach, was rede ich… Insgesamt 17 Bauern brachte es um Haus und Hof, was unser Graf da in Stedingen veranstaltet hat. Das ist eine Sauerei.“
Ulrike bekreuzigte sich bei der Vorstellung, wie rasch man alles verlieren konnte. Sie widerstand nicht lange, der Freundin von ihrem ritterlichen Verehrer und einer fernen Burg bei Rastede zu berichten und flüsterte nicht leise genug. Offenbar hatte Eike sie beobachtet. Er biss sich auf die Lippe und sprang unvermittelt auf. Ein Blick aus anklagenden Augen, dann hob er hochmütig das Kinn, als habe er Besseres vor. In ihrem inneren Konflikt schaute Ulrike ihm nach und begegnete den heiteren Augen einer zierlichen Frau, ihr gegenüber am hochschlagenden Feuer, die sie für gleichaltrig einschätzte. Sie verbarg sich unter einer Decke aus Katzenfellen, die sie fröstelnd über Kopf und Schulter zog. Ein Gesicht mit Lachgrübchen, herzförmigen Lippen und hellen, forschenden Augen schaute unter der Felldecke vor, während das Mädchen knackend von einer Möhre abbiss und gedankenvoll kaute. Birte stellte sie vor. „Das ist Geldis, meine Freundin im Kreis unserer Mägde.“




