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Ein Gefühl wie Eifersucht schlug bei Ulrike an, doch machte es Birte eher liebenswürdiger, pflegte sie eine freundschaftliche Beziehung zum Gesinde. Allerdings ergab sich keinerlei Unterhaltung mit Geldis, als ob für die andere Dinge zählten. Wie sie waren die meisten Menschen und wendeten scheu das Gesicht ab, begegnete man ihnen in Augenhöhe, oder sie brachen blinzelnd den Blick ab. Birte hingegen lachte die Welt an. In der Kirche hatte sie die Freundin beim Beten beobachtet. Die nahm das wichtig wie sie, und genau wie sie vergaß sie niemals ihr Gebet vor dem Einschlafen, als wären ihre Seelen aus einem Holz. Auch Birte überlegte nie lange, ehe sie antwortete, war offen, so wie Lüder, so wie sie. Kein Wunder, wenn sie sich zu ihr hingezogen fühlte. Sie erwog, Birte anzuvertrauen, wie schäbig sie sich wegen Eike fühlte, aber sie wusste genau, was die ihr dazu sagen würde. So wirkte Ulrike auf alle, als wäre sie einfach nicht zu einer Nacht am Feuer aufgelegt. Ihr ging Dirk nicht aus dem Kopf. Sie hätte sich nicht träumen lassen, ihn wiederzusehen... Während des Tanzes schlug ihr das Herz bis in den Hals, sie verspürte eine eigenartige Erregung in seinen Armen, die ihr noch fremd war. Wie er sehnsüchtig auf den Ausschnitt ihres Kleides äugte, ging ihr durch und durch. Nie fühlte sie sich einem Mann körperlich näher. Es weckte beunruhigende Fantasien. Und sie fragte sich, ob sie ihn bloß mochte oder sich verliebt hatte. Sie seufzte schwermütig, die Einsicht folgte, wie wenig das ihrem stolzen Vater gefiele. Dirk war ein Blaublütiger, und ihr Vater hasste alle Edelleute, Grafen und Ritter. Der hatte sich ja längst darauf versteift, Eike von Bardenfleth solle sein Schwiegersohn werden.
3. Kapitel
Jeden Sonntag läutete die Kirchenglocke, ob sie zur Predigt in Elsfleth rief oder zu Pfarrer Wilke Holms – es war immer so. Wer zu Haus blieb, bekam es daheim mit dem Gefühl zu tun, etwas unaufschiebbar Wichtiges zu versäumen. Fehlte tatsächlich jemand beim Gottesdienst, so gewöhnlich eine Frau, um auf den sonntäglichen Kohltopf aufzupassen.
Die meisten Menschen strömten zu Fuß zum Gottesdienst. Die Familien der großen Höfe brachen am Sonntagmorgen nach dem Erntedankfest mit dem Fuhrwerk auf. So auch die Aumunds, und vorn auf den Kutschbock setzte sich breitbeinig Schorse, der Großknecht. Klaas, der zehnjährige Sohn des Hauses, trieb mit der Peitsche die beiden vorgespannten Ackergäule an. Wie ihre Schwestern und Geldis gab sich auch Ulrike mit einem Platz auf dem hinteren Leiterwagen zufrieden, denn zu laufen wäre mühsamer. Schließlich war sich auch Birte nicht zu gut dafür.
Als die Huntebrücke eben hinter ihnen blieb, kaute Geldis in Gedanken versunken an einer Mohrrübe, da brach das Gefährt seitwärts aus und rammte mit dem Radlager eine einsame Birke. Ulrike wurde mit dem Schwung der jäh unterbrochenen Fahrt zu Birte und Geldis nach vorn geschleudert, und den alten Schorse überraschte der Unfall total. Er wurde vom Sitz katapultiert, überschlug sich in der Luft, und stürzte halsüberkopf auf die Deichsel. Dann erst krachte die Achse einseitig zu Boden und der Wagen kippte, während das Vorderrad in ein Eichgebüsch am Feldweg rollte.
Birte, Geldis und Wibke hatten instinktiv Halt am Leiterrahmen gefunden und Wibke mit der freien Hand nach der kleinen Schwester gefasst, sonst wäre die in hohem Bogen auf die Binsenwiese am Fluss geworfen worden. Soweit kamen die Mädchen mit einem Schreck davon, aber Klaas, nach dem Tod des Knechts der einzige Mann in der Schar, sprang behände vom Sitz, da wurde er den verrenkt von der Deichsel hängenden Knecht gewahr. Die abgestürzte Achse hatte ein Stück weit die Grassoden umgepflügt, und sein langes Haar berührte soeben das Erdreich. Mit einem Schreckenslaut schauderte der Junge vor dem Verunglückten zurück, wurde blass und senkte erschüttert die Stirn. Ulrike vermied es, dem Mann ins Gesicht zu sehen und begutachtete mit Herzklopfen den Schaden.
„Heute wird Wilke Holms auf uns vergeblich warten“, bemerkte sie halbwegs gefasst, als sie die Tragweite des Unfalls überschaute.
Birte, die im ersten Schreck die Hand in den Ausschnitt des Kleides krallte, wirkte wie gelähmt und brachte so schnell kein Wort über die Lippen. Lediglich Ulrike bewahrte einen kühlen Kopf. „Niemand stiehlt eine Kutsche, der das Vorderrad fehlt, und für Schorse kommt eh jede Hilfe zu spät. Wir sollten langsam zu Fuß aufbrechen nach Berne. Irgendwer hilft uns schon weiter“, schlug sie vor.
„Ja“, raunte Birte tonlos. Also schirrten sie die Gäule ab und machten sich mit denen im Geleit zu Fuß auf den Weg zur Kirche, in der Hoffnung, im Ort einen hilfreichen Mann zu treffen.
Gewöhnlich verfügte Birte über ein lebhaftes Wesen, das Ulrike guttat, und es lag eine Leichtigkeit in ihren Schritten, als würde sie auf Wolken wandeln. Nach dem Unfall zog sie eine grantige Miene. „Tut mir leid, das hat Schorse verbockt“, rechtfertigte sie sich kleinlaut und bedachte den kaum noch zurechnungsfähigen kleinen Bruder mit einem stechenden Blick. Ulrike wunderte sich, verzichtete jedoch darauf, ihr auf die Nase zu binden, für wie überflüssig sie Schuldzuweisungen hielt, ist ohnehin nichts mehr zu retten.
Durchhaltevermögen war der Freundin nicht in die Wiege gelegt, und sie ließ sich das ungehemmt anmerken, aber Ulrike sah es ihr nach, wenn sie der Umstand launisch machte. Birte gehörte zu denen, die ihre Gefühle auskosteten bis zur Neige, nicht nur die guten. Ein geringer Rückschlag genügte, sie in ein Stimmungstief zu stürzen, schnell und überraschend wie zuweilen das Wetter umschlägt. Ulrike mochte sie dennoch, ihres flatterhaften, lebensfrohen Gemüts wegen, das dem der blauen Schmetterlinge glich, die in Wolken aufstiegen, sobald man in den reifen Roggen eindrang und in die Hände klatschte, wo rot der Klatschmohn unter den Halmen blühte. An diesem Sonntag zeugte von dem wogenden Kornfeld, das vor einer Woche noch von der Anhöhe am Brookdeicher Holz überschaubar war, bloß noch ein abgeräumtes Stoppelfeld, und die Stämme der Birken schimmerten weiß im grellen Licht der Vormittagssonne. Als sich die fünf jungen Mädchen und ein zehnjähriger Knabe über den zerfurchten Feldweg näherten, marschierte Ulrike mit Birte voran und hielt plötzlich inne wie vom Donner gerührt. „Hört ihr das Getrappel?“ hielt sie die anderen mit erhobener Hand an. „Aus dem Wald kommen Pferde.“
Birte hob das Kinn, die Hand hinter das Ohr gelegt. „Na du hast gute Ohren.“
„So klingt es, nahen Reiter“, bekräftigte Ulrike beunruhigt.
Auch Birte begann heftig das Herz zu klopfen. Der Gedanke an die hohen Herren, die zur Lechterburg gehörten, blitzte in ihr auf und weckte Ängste. Seit langem war davon die Rede, es sei von Seiten der Burgbesatzungen zu Übergriffen auf Frauen gekommen, und sie blickte ratlos in die Runde. Ulrike nickte alarmiert. „Los wir verschwinden ins Gehölz.“
„So weit kommt es noch“, widersprach Birte, weil es dafür eigentlich zu spät war. „Ich bin die Tochter von Sibo Aumund. Das wollen wir mal sehen.“
Ernüchtert fasste sich Ulrike an den Kopf. „Wie alt bist du, Birte?“ Sie erschrak selbst über den ungeduldigen Ton, den sie gegenüber der Freundin anschlug.
Der Wortwechsel dauerte zu lange. Im gleichen Augenblick sprengten acht Reiter aus der Weglaube. Ein Ritter führte sie an, über seinen Knieplatten glänzten goldene Spangen, und sein Ross trug eine scharlachrote Schabracke mit dem rotgelben Burgwappen von Oldenburg. Er riss am Zügel und wäre fast abgeworfen worden, so steil stieg das Tier auf die Hinterbeine. Der gelbrote Helmbusch auf seinem Silberhelm wippte mit, und kaum berührten die Vorderhufe wieder den Feldweg und das Pferd schüttelte wiehernd die Mähne, betrachtete der Ritter des Zuges prüfend die Mädchenschar und den Jungen.
Der neuere Schreck saß tief – auch bei Ulrike. Plötzlich umringten sie acht Gewappnete und zwei Ritter. Konrad von der Lechterburg fasste Birte in die Augen und fragte mit kehliger Stimme: „Na Täubchen, wollt ihr zur Kirche?“
Der andere Ritter hob sich durch einen blau und gelb schimmernden Seidenrock farblich von den übrigen ab, der schwarze Löwe auf gelbem Grund wies ihn als flämischen Edelmann aus, und Häme lachte in seinem Narbengesicht. „Ich hätte einen Gegenvorschlag“, fügte er in einem unheilvollen Unterton hinzu. „Wie wäre es mit einem Abstecher nach Burg Lechtenberg?“
Ulrike merkte, auf was es die Reiter anlegten und stemmte aufbegehrend die Fäuste in die Hüften. Durch das Leinenkleid, das sie Birte verdankte, wirkte sie vornehmer als sie war; das steigerte ihr Selbstbewusstsein vor den Männern, und sie versuchte, sich entsprechend zu verkaufen. „Werte Herren“, drückte sie sich aus. „Könntet ihr uns behilflich sein? Wir erlitten einen Achsenbruch und verloren ein Rad… unweit von hier, nahe der Hunte.“
„Von so etwas verstehe ich nichts“, erwiderte der Ritter mit dem flämischen Löwen auf der Brust und kraulte sich verunsichert den blonden Kinnbart.
„Meinst du, ich?“, erwiderte Konrad lachend, ritt kurzentschlossen zu Ulrike hin und hob sie mit einem Griff unter ihre Achseln zu sich auf das Ross, mochte sie auch quietschen und nach ihm schlagen. Er setzte sie vor sich, langte ihr um den Bauch und wickelte sich geschickt den Lederzügel ums Handgelenk, während die Hand Ulrike eisern festhielt. Der flämische Ritter folgte seinem Beispiel und setzte Birte vor sich auf den Sattel. Zwei der Reisigen übernahmen Wibke und Geldis. An Timke und Klaas zeigten sie so wenig Interesse wie an den Ackergäulen, ließen sie einfach zurück, wo sie die Mädchen aufgegabelt hatten und ritten mit den Jungfrauen zu dem neuen Deich, der an Dreisielen und Bettingbühren vorbeiführte, um über eine Holzbrücke die Olle zu überqueren, die Ulrike noch nie überschritten hatte.
In einer Schleife der Hunte, die nach dem Bau des neuen Deiches eins wurde mit dem Flussbett der Olle, erhob sich die Zwingburg der Lechterseite: Burg Lechtenberg. Ein fünf Schritt breiter Brettersteg umgab kreisrund wie ein Kragen die Fachwerkfestung mit dem eckigen Aussichtsturm in der Mitte, von dem aus sie das Land beherrschte. Eine scharlachrote Flagge mit dem Oldenburger Wappen flatterte über den Zinnen, die den höchsten Punkt des Gebäudekomplexes krönten.
Eine Seite vom geräumigen Innenhof der Festung nahm ein Pferdestall ein, zum gepflasterten Platz hin bis auf vier Stützen offen, der in der Ecke an einen mächtigen Fachwerkbau mit Schieferdach und Regenrinne stieß. Das war der Palas, in dem die Vornehmen wohnten, gegenüber erhob sich der kleinere Bau mit dem Schlafsaal der Reisigen und Knechte. Hier ließ man die verschleppten Mädchen vom Ross gleiten. Ulrike fühlte sich gefangen inmitten der sie umschließenden Mauern und hohen Gebäude und drehte sich beängstigt im Kreis. Bis vor einer Stunde leitete sie der Glaube, ein gerechter Gott sei heimlich mit ihr, aber es sah eher nach einer Prüfung aus, und sie sagte sich, der liebe Gott würde das Ungeheuerliche nicht zulassen, falls sie das ihre tat. Sie fasste unwillkürlich nach der Hand ihrer Schwester. Auch Geldis und Birte versuchten auf die Weise einander Halt zu geben, während Knechte die Pferde zum Stall führten und die Tiere mit Stroh trockenrieben. Die um sie versammelten Männer tuschelten und lachten über ihre unschuldigen Gesichter. Birte glaubte, ihr müsse das Herz zerspringen. Mit vor Angst flatternden Wangen richteten sich die Hoffnungen auf den einzigen Ritter im Burghof. „Was habt ihr mit uns vor?“
„Na, was meinst du?“, antwortete für den einer der Gewappneten. Konrad, der Herr der Burg, griente sie an, ohne einen Versuch zu unternehmen, sie zu beruhigen. Ein Gewappneter zeigte auf die Tür zum Haupthaus, und als Wibke und Geldis nicht reagierten, sondern stattdessen die Arme verschränkten, knuffte und schubste man sie unsanft nach dort. Ulrike als Mutigste hob tapfer ein wenig den Saum ihres Kleides und stieg voran, die Treppe ins Obergeschoss hinauf, in den Rittersaal der Burg, der über einen in die Ecke eingemauerten, schwarzgeräucherten Kamin verfügte. An einem eisernen Dreifuß hingen ein schwarzer Schürhaken, eine Feuerzange und ein Blasebalg, und ein Korb voll mit kleingehacktem Brennholz fehlte auch nicht.
Den oberen Bereich füllte so ziemlich ein langer, eckiger Eichentisch aus, darunter geschoben zwölf Stühle mit gedrechselten Beinen. Ein Gemälde in verlockenden Farben, schmückte die Wand, zum Teil vergoldet: Vor einem Kruzifix kniende Ritter. Unterhalb des Bildes hob sich eine Truhe mit kunstvoll geschnitztem Deckel von der Wand ab, und das breite Bett in der tiefer gelegenen Hälfte des kleinen Saals gab Ulrike Rätsel auf. Es handelte sich um eine Augenweide von Baldachin, mit einem hellblauen Himmel und Kissen in einem tieferen Blau hinter den zarten Schleiern. Punktum stellte diese Räumlichkeit offensichtlich den Rittersaal der Burg dar, und das Himmelbett passte irgendwie nicht hinein.
Sie fand es beunruhigend, und auch Birte und Geldis nestelten sich ahnungsvoll mit den Fingern am Kleid, während sie sich ihre Gedanken machte zu dem herrschaftlichen Tisch mit an sich blanker Eichenplatte, die strotzte von den Spuren auftrumpfender Becher. Eine Zinnkanne und darum gruppierte Zinkpokale zeugten von einem geselligen Umtrunk vor nicht allzu langer Zeit, mit ein paar Tropfen Wein auf dem Grund. Ulrike zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor, um sich zu setzen, da verlangte der blondbärtige Fläme: „Wenn ihr sitzen wollt, setzt euch beim Kamin auf den Teppich. Der Tisch ist nicht für euch da.“
Man schien sie nicht als Gäste zu betrachten. Geldis, Birte und ihre Schwester nahmen gehorsam mit dem Teppich vorlieb, und Ulrike atmete tief durch, bevor sie sich fügte. Schon flog die Tür auf, und Konrad, der Vogt des Grafen erschien, mit ihm die meisten der Burgmannschaft. Diese rekrutierte sich größtenteils aus Habenichtsen, zu faul, auf dem Gehöft des ältesten Bruders als Knechte ihr Leben zu fristen. Andere, wie der beleibte Bruno, hatten sich in der Gemeinde als Schlitzohren entpuppt. Zu den Schlimmsten dieser Sorte zählte Knut, den sie Knolle nannten, und das aus gutem Grund: Eine Faust hinterließ ein zertrümmertes Nasenbein, und das sah scheußlich aus. Windige Charaktere waren sie einer wie der andere, aber unter den kalten Augen des Flämen überkam sie ein inneres Frieren, denn eine wulstige Narbe verunstaltete seine Züge, und seine harsche Stimme jagte Ulrike jedesmal Angst ein.
Konrad warf gleich ein Auge auf Birte, nebenbei ließ er klackernd zwei Würfel über die Eichenplatte kullern. Mit einem Zwinkern auf seine Männer kündete er vollmundig an: „Erstmal um die Blonde, die ist heute die Sahne.“
Alle außer den Mädchen mussten wohl eingeweiht sein, in das Spiel, das damit begann. Der Vogt setzte sich an den Kopf der Tafel, die Waffenbrüder folgten seinem Beispiel und nahmen ihre Plätze ein. Einer nach dem anderen machte hohle Hände und warf, die zwei Würfel wanderten durch die Tafelrunde. „Sie gehört dir, Wendel“, entschied der Burgherr.
Ein pickeliger Bursche im Oldenburger Rock zog mit einem unverschämten Lächeln durch die Nase hoch und reichte Birte die Hand. „Kommst du?“
Birte hob kess das Kinn und schüttelte störrisch den Kopf, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Und er packte sie grob am Handgelenk, riss sie hoch und zerrte sie zum Himmelbett. „So. Nun heb‘ mal das Kleid“, befahl Wendel. „Aber schön hoch.“
Natürlich dachte Birte nicht daran. „Oh nein“, erwiderte sie, in einem Ton, als würde sie bei der ersten Annäherung beißen und kratzen. Ein Blick an die an der Tafel sitzenden Gefährten genügte, der dicke Bruno rückte wie gerufen mit dem Stuhl vom Tisch ab, um ihm zu helfen. Birte ahnte nicht, wie abgebrüht solche Kerle mit Frauen umsprangen. Bruno bückte sich zuvorkommend nach ihrem eben die Knöchel streifenden Kleid und riss es hoch über ihre Brust und höher. Es schien, er wollte sie an die Decke hängen, und die Zuschauer am langen Eichentisch johlten bei diesem Anblick. Wendel hatte einen Strick zur Hand und band Birte das Kleid mitsamt ihrer hochgefegten Arme über dem Kopf zusammen. Ihre schon reifen Brüste kamen zum Vorschein, darunter das enge Mieder aus Ziegenleder. Es wirkte routiniert, wie der Mann einen zierlichen Dolch zückte und die kalte Klinge flach zwischen Rücken und Schnürung schob. Sie schrie spitz auf, ein Ruck, und das Mieder fiel Birte vor die Füße. Womit sie bis an die Brüste splitternackt war und gefangen im eigenen Kleid, als hätte man ihr einen Leinenbeutel übergestülpt.
Eine quakende Stimme, die nicht zu einem der jüngeren Knechte gehörte, bemerkte kaltschnäuzig, „bleich wie ein Mondkalb. Entblättert sehen die sich ähnlich wie ein Ei dem anderen. Aber sie hat schöne gerade Schultern für eine Eva aus Berne, die ist gut gewachsen.“
Der, den sie Knolle neckten, raunte: „Jo. Reizende Hüften und pralles Sitzfleisch, keine von den mageren Dorfkühen.“
Das Gehabe, wenn in Männern viehische Gelüste erwachen, konnte Ulrike kaum schocken, doch es befremdete. Knolle grabschte Birte in den Speck, dass sie vom Gesäß bis an die Füße zusammenzuckte, und Wendel platzte ein wieherndes Lachen heraus. Alle außer den Mädchen lachten mit, und Wendel schubste Birte auf das Bett, packte nach ihren Füßen. Sie fing an, sich in seinem Griff zu winden wie ein Aal und hatte in ihrem muffigen Verschluss keine Chance. Als sie endlich stilllag und ihr Atem zur Ruhe kam, hatte sich Wendel derweil von seiner streng müffelnden Bruche befreit und rückte ihr zu Leibe, dass Birte losschrie wie ein Iltis, und das Geschrei schlug um in ein leise quengelndes Wimmern.
Die Freundinnen, zum Zusehen verurteilt, rangen um Atem. Ulrike wurde vom Zuschauen übel, und was sie der Freundin antaten, drohte ihr selbst. Die heimlich gehegte Zuversicht, die Tür müsse gleich auffliegen und Dirk von Keyhusen erscheinen, war abgebrannt wie ein Strohfeuer, und sie schaute gebannt zum Tisch. Wieder klackerten die Würfel über die Eichenplatte. „Würfel richtig Knolle“, befahl Konrad.
„Tu ich doch.“
„Nein, du schummelst. Du musst die Würfel werfen, nicht fallen lassen“, wies ihn sein Nebenmann zurecht. Konrad fasste ihn tadelnd in die Augen. „Nun aber anständig, Knut. Hier wird es auch anderen langsam eng in der Bruche.“
Er warf erneut, und Ulrike wurde angst und bange. Diesmal gewann Bruno, und der Fettwanst unter den Gewappneten rückte stürmisch den Stuhl zurück, um sich Ulrike zu holen. Ihr Vorsatz, die Flucht nach vorn anzutreten und sich freiwillig auf das Bett zu werfen, um es schnell hinter sich zu bringen, wurde von einem Sturm des Widerwillens hinweggefegt. Nein, lieber wollte sie sterben!
„Wie ihr Mund zuckt“, hörte sie Knolle raunen. „Muss die eine Angst haben…“
Alle am Tisch verfielen in grölendes Gelächter über ihre entgeistert herabfallende Miene. Bruno packte Ulrike derb am Handgelenk und schleuderte sie in Richtung Bett, wo sie an dem Pfosten Halt fand, der das schleierartige Dach trug. Schwankend wie ein Halm im Wind weigerte sie sich, den Pfosten loszulassen und spürte die Bettkante an den Kniekehlen. Der Dicke schubste sie mit dem Bauch auf das zerwühlte Lager. Sie riss die Knie an sich und schlang die Arme darum.
„Soll ich dir auch das Kleid bündeln?“, drohte er.
Sie zog eine Flappe, als wollte sie sagen, kommt doch…
„Setz dich mal vernünftig hin“, forderte Konrad.
Ulrike hatte das unbestimmte Gefühl, es könnte besser sein, ihm zu gehorchen und ließ die Beine vom Bett baumeln, sodass ihre Pantinen leicht den Holzboden schabten, als sie sich aufsetzte und trotzig den Kopf hob. Wie ein armer Sünder sah sie Konrad in die Augen. „Helft mir doch. Ihr seid doch ein Mann von Ehre, Herr Vogt.“
Konrad schüttelte stur das Haupt. „Pech gehabt Mädchen. Sei tapfer“, riet er ihr.
„Los, raff dein Kleid, mein Täubchen“, verlangte Bruno.
Als sie trotzig die Unterlippe hochzog, schubste er sie um. Natürlich strampelte sie nach Kräften, aber viele Hände streckten sie lang auf das Bett. Unbarmherzig schlug Bruno ihr Kleid hoch. Sie glühte vor Scham, weil sie einen Anblick bot, der die Herzen der im Rittersaal versammelten Männer höher schlagen ließ. Schlimmer als die Scham vor all den Gaffern war seine tölpelhafte Grobheit. Mit seiner ganzen Masse warf er sich auf sie und quetschte ihr die Brust, dass sie fürchtete, ihre würden die Rippen brechen. Und das war noch erträglich, gegen das Gefühl, gewaltsam geöffnet zu werden. Ein weißglühender Schmerz durchpflügte ihren Leib und sie versteifte sich, riss atemlos den Mund auf. Doch der Laut erstickte in Kehle und Rachen. Wie besessen rührte sie mit dem Kopf auf den Kissen, während ihr Peiniger unablässig in der brennenden Wunde herumfuhrwerkte, so weh tat es. Speichel triefte auf ihren Hals, und schlotternd vor Ekel wünschte sie ihm den Teufel an den Hals. Etwas in ihrem Herz zerbrach in einer Wolke aus Qual und Enttäuschung.
Sich von der Notzucht zu erholen, blieb wenig Zeit. Ulrike rang um Atem, fühlte sich hundeelend und beschmutzt. Durch die verfliegenden Schleier des Schmerzes klang erneut das Klappern von über Holz rollenden Würfeln an ihr Ohr. Die quakende Stimme von Knolle meldete sich wieder. „Jetzt um die Kleine?“
„Um die Kleine“, bestätigte Konrad vom Kopf der Tafel.
Eben noch wünschte Ulrike, der Boden möchte sie gnädig verschlingen, da ging das Temperament mit ihr durch. In blinder Raserei sprang sie vom Bett, griff nach dem rußgeschwärzten Schürhaken und stellte sich vor die Schwester, am ganzen Leib bebend. „Meine Schwester ist keine zwölf!“, schrie sie den Burgvogt an. „Wage es nicht… du wirst es büßen! Mein Freund ist dein Freund, und ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, dass er erfährt, was sich hier abgespielt hat. Dirk wird dich richten, du Dreckskerl von einem Kükenschänder… das schwöre ich dir bei der Jungfrau Maria, dem heiligen Valentin und dem heiligen Georg!“
„Dirk?“ Der bartlose Junker mit den adretten, kurzen, schwarzen Locken und dem schmalen aber schönen Gesicht blickte sie aufhorchend an.
„Dirk von Keyhusen…“, bekräftigte sie. „Er wird Euch auf den Topf setzen, darauf könnt Ihr Gift nehmen!“
„Ach“, sagte der Junker und winkte verächtlich ab. „Eine Frau ist kein Stück Seife, ihr nutzt euch nicht ab.“ Sein Gesicht wirkte wie versteinert, ehe Unmut über Ulrikes Fluch erwachte, und er herrschte seine Leute an. „Fürchtet ihr, die kleine Hexe könnte euch beißen, die ist ja noch eine halbe Göre.“
Vielleicht wollte er herauskehren, er habe vor Dirk von Keyhusen keinen Respekt. Jedenfalls packte ein vierschrötiger Waffenknecht Ulrike grob am Handgelenk und kugelte ihr fast den Arm aus. Brutal in die Ecke gestoßen, stürzte sie quer über Geldis und Birte hinweg und schrammte sich am Kamin die Schulter. Der bittere Kelch wanderte dennoch an der jüngeren Schwester vorüber, allerdings aus einem anderen Grund. Alle starrten Atem holend zur Tür: Die wurde von außen aufgerissen, und mit hochrotem Kopf stolperte ein Waffenknecht herein. „Kommt zum Burgtor!“ forderte er, und von einem Augenblick zum anderen ließ man die Mädchen allein.
Auf dem Bergfried der Lechterburg hielten zwei graubärtige Gewappnete müde die Stellung, als ein kräftig gebauter Mann mit Stirnglatze übermütig durch das nasse Wiesenland am Schilf der Hunte stapfte und sich der Flussschleife näherte. Seine jüngste Tochter und ein zehnjähriger Knabe mussten an der Laube des Brookdeicher Waldes nicht lange warten, ehe ein Planwagen mit Ochsen den Feldweg hochzuckelte und sie mitnahm nach Berne. So war Lüder bald im Bilde, was sich ereignete. Auch eine Woche nachdem seine Töchter ihn verließen, umgezogen zum Hof der Aumunds, übernachtete er noch in der alten Heimstätte und brach unverzüglich auf, um Ulrike und Wibke aus den Fängen des Vogtes zu befreien. Ohne zu wissen, wie er das anstellen wollte, erschien er vor der eingeholten Zugbrücke. Seine Augen flogen hinauf zu den Zinnen, und er schnaubte vor Wut. „Lasst meine Töchter frei!“ schrie er und schüttelte den Reisigen die Faust.
Eine halbe Minute später erstieg Konrad die Leiter zur Aussichtsplattform, in seiner Gesellschaft ein Ritter in einem knielangen Kettenhemd, mit dem flämischen Löwen auf blaugelbem Waffenrock - Wilhad von Brügge, der aus Flandern fliehen musste. Auf Burg Lechtenberg fand er Zuflucht und lebte gut im Land seines Waffenbruders und Freundes aus Turniertagen.
„Geh‘ Heim“, rief Konrad von oben. „Wir schicken dir deine Töchter, sobald wir mit ihnen fertig sind!“
Es traf Lüder an der empfindlichsten Stelle. Er schlug die Augen nieder und wurde fuchsteufelswild. „Seid ihr Männer… oder feige Ratten mit Sporen?“




