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„Das genügt“, bemerkte Wilhad von Brügge. „Dem werde ich Beine machen.“
„Spare dir die Mühe die Treppe hinab“, riet ihm Konrad. „Ein Armbrustbolzen erfüllt denselben Zweck.“
„Oh nein, ich lasse mich nicht derart beleidigen von einem Bauerntölpel.“
Fünf Minuten später senkte sich die Zugbrücke, und der Ritter mit dem Narbengesicht betrat den Außensteg der Burg. Die Eisenschuppen auf seinen Handschuhen blinkten in der Mittagssonne, er hielt ein langes Schlachtschwert in der Faust.
Lüder biss die Zähne zusammen und schritt kraftvoll auf ihn zu, bewaffnet mit einem Schmiedehammer. Der Ritter lachte ihn aus, fegte mit einem Hieb seinen schweren Hammer aus dem Weg. Der klatschte in die Hunte, und der Fläme schlug ihm die Klinge von oben herab in die Schulter. Lüder kippte tödlich erwischt ins hohe Gras und brachte nicht einmal mehr einen Schrei über die Lippen. Der Ritter trat dem Erschlagenen in die Hüfte, um sich zu vergewissern, ob der wirklich tot sei, und zwei Reisige übernahmen es, die Leiche hundert Meter vor der Flussschleife in die Hunte zu werfen.
So sinnlos, wie Lüder in der letzten Sekunde glaubte, war sein Tod doch nicht. Es hielt die Knechte des Vogtes davon ab, auch Wibke zu schänden. Die Mädchen blieben ungefähr eine halbe Stunde unter sich. Geldis bebte vor Angst, sie wäre an der Reihe gewesen. Sie betrachtete Birte mitleidig, die am Kamin hockte und sich ununterbrochen in die Arme weinte - sah auch Ulrike, die sich wie gerädert fühlte und gleichgültig auf dem Himmelbett ausgestreckt hatte. Wibke lief vor dem Gobelin auf und ab und rüttelte verzweifelnd am schmiedeeisernen Gitterornament, welches das Fenster sicherte, weil sich zwar ein Ausblick auf die Huntewiesen bot, der jedoch vergittert war.
„Wir müssen hier verschwinden“, jammerte Wibke. „Die kommen zurück, und dann…“
„Sicher“, stöhnte Geldis. „Aber wir befinden uns auf einer Burg. Hier sind nun einmal alle Fenster vergittert.“
Nur für einen Augenblick lag Ulrike auf dem Bett. Auch sie ertrug das sinnlose Warten nicht länger, sprang auf und warf ebenfalls einen Blick auf das Umland der Burg. Hätte ihr das Torhaus mit der Zugbrücke nicht die Sicht versperrt, sie wäre Zeuge geworden, wie der flämische Ritter ihren Vater erschlug. Das sich dahinter im roten Licht der Abendsonne erstreckende Ipweger Moor wirkte trostlos und irgendwie unheimlich. Trübe, halbdurchsichtige Schwaden wallten träge über den Wasserlöchern, und ihr wurde von dem Anblick klamm ums Herz. Aber dann gab sie sich einen Ruck, das Problem anzupacken. „Kommt, wir versuchen, ob wir das Gitter gemeinsam herausbrechen können.“
Von Birte hörte sie bloß ein atemloses Schluchzen, und der Schürhaken, den Ulrike einmal gegen die Edelmänner zu ihrer Waffe machte, fehlte seit kurzem. So waren Geldis und sie allein nicht stark genug und hätten es sowieso bald aufgegeben, als die Tür aufschlug und die beiden Edelleute mit drei Waffenknechten den Rittersaal betraten.
„Da sind wir wieder“, sagte Konrad gut gelaunt. Johann, der graubärtige Hauptmann und Stellvertreter der Ritter, blickte bedeutungsvoll auf Geldis, die bei Ulrike am Fenster lehnte und eine betretene Miene zog. „Überlasst ihr sie mir, ohne zu würfeln?“
„Ungern… na ja in Ordnung, weil du es bist, Johann.“
Ulrikes Augen sprühten vor Zorn, da er forsch auf Geldis zu schritt und sie am Handgelenk ergriff. „Lass sie los“, fauchte sie, „oder ich zerkratze dir das Gesicht, dass du glaubst, du hättest mit einer Katze gerungen.“
Er bedachte sie mit einem spöttischen Blick, wollte Geldis zum Bett ziehen. Die suchte entsetzt Halt am Gitter, worauf Ulrike handelte. Ihr Knie schnellte mitten in seinen Schritt. Johann stierte sie aus großen Augen an, dann sackte er zusammen und krümmte sich am Boden.
Für Konrad genügte das, sich in die Balgerei einzumischen. „Das sollst du bereuen“, herrschte der Burgherr Ulrike an. Und sie bot ihm aus zusammengekniffenen Augen die Stirn, während sich sein Hauptmann aufrappelte und vor ihr in die Schultern legte, sodass sich knirschend das Kettenhemd spannte. Geldis zählte nicht mehr, sie zogen Ulrike mit sich, jeder an einem Arm und warfen sie ein zweites Mal auf das Himmelbett. Ein zweites Mal stieg ein Mann über sie hinweg, diesmal Johann. Sein Haar war grau und über der Stirn längst verschwunden. Als sie ihm voll Abscheu ins Gesicht spuckte, setzte es Ohrfeigen rechts und links und säuerlich bitterer Altmänneratem brandete ihr entgegen, bis man ihr Kleid hochwarf und ihr Gesicht zudeckte.
In ihrem Vorsatz, einfach die Realität auszublenden, machte sie sich schwer wie ein nasser Sack und versuchte, sich an das Erntedankfest zu erinnern, denn das war bislang der schönste Tag in ihrem Leben. Aber dafür fehlte Ulrike die nötige Einbildungskraft. Der Mann verschlang sie wie eine Hure, die er nicht zu bezahlen brauchte, und kaum hatte er sich erleichtert, sodass sie erlöst Atem holte, packte er ihr blitzschnell in den Nacken und drehte sich den Zopf ums Handgelenk. Es ziepte und zwang sie, ihn anzusehen. Fassungslos starrte sie auf seine rabiaten Finger, und als sie instinktiv hinter sich langte, kappte er den Zopf. Ulrike langte ins Leere und schluckte ernüchtert.
Wie ein Andenken stopfte Johann das lange Ende in seine Gürteltasche und scherte sich nicht darum, ob Ulrike hinter ihm die Hände übers Gesicht schlug. Danach war ihr Stolz gebrochen. Sie fühlte sich benutzt und zog angeekelt das hochgebauschte Kleid über ihre Schenkel, dann ließ sie den Tränen freien Lauf und weinte leise schluchzend vor sich hin. Für einen Augenblick stellte sie sich Dirks Gesicht vor, das sie dann ganz seltsam und doch vorwurfsvoll betrachtete. Wer konnte schon ermessen, was ihr dieser Zopf bedeutete? Als könne sie es noch immer nicht glauben, tastete sie wieder über die Haarstoppeln am Ohr, und gab sich dem öden Gefühl hin, wohl nie wieder lachen zu können, da schien ihr, sie würde in ihrer Seele die Stimme der Mutter wahrnehmen, die ihr in solchen Momenten, die sie kein Licht mehr sehen konnte, riet, verzage nicht. Nur die Schwachen verzagen. Ulrike gehörte zu den Starken, daraus keimte frischer Lebensmut. Immerhin würde Johann für heute Geldis in Frieden lassen, und der Burgvogt war jetzt selbst scharf auf Geldis, dachte sie plötzlich schadenfroh. Dem jedoch schlug die Rangelei auf den Magen, und da er sie seinen Leuten nicht gönnte, räumten die Männer überraschend das Feld. Dadurch blieben die Mädchen geraume Zeit unter sich, die sie zu Ulrikes Ärger unter Jammern vertändelten, ehe gegen Abend wieder die Burgmannschaft in den Rittersaal einkehrte. Die traurig und demoralisiert vor dem Kamin kauernden Weibsbilder fanden kaum noch Beachtung. Konrad saß am Kopf der Tafel und Wilhad von Brügge am Ende. Auf den anderen Stühlen nahmen die gewappneten Knechte ihre Stammplätze ein.
„Die hübsche Blonde ist eine Vornehme“, stellte der Vogt klar. Der Blick richtete sich auf Birte. „Wie heißt du mit vollem Namen?“
„Birte Aumund“, flüsterte sie und fing erneut an zu weinen, weil sie eine Heidenangst bekam.
„Die Aumunds“, wiederholte Konrad und schnippte mit den Fingern. „Das ist doch dieses riesige Gut an der unteren Huntebrücke. Für die gibt es Lösegeld.“
„Somit sind die anderen bloß Mägde, schade“, folgerte vom anderen Ende der Tafel Wilhad.
„Dafür ist die Tochter vom Aumundhof allemal 30 Mark wert, und die werden wir auch für sie fordern. Sönke – das übernimmst du. Hol‘ dir den Rappen aus dem Pferdestall und mache dich auf den Weg, damit du zum Abendessen zurück bist.“
„Was soll ich sagen?“
„Was du immer sagst. Sie sind aufmüpfig gewesen und in Gewahrsam genommen. Ein Auge zudrücken ist möglich. Sie sollen dir das Geld in einem Ledersäckchen aushändigen, dann lassen wir die Frauen morgen bei Sonnenaufgang frei.“
Ohne mehr zu fragen verließ der junge Mann im Wappenrock den Kaminsaal. Konrad schlug die flache Hand auf den Tisch. „Ich habe drei Punkte, die ich mit euch besprechen möchte“, eröffnete er ihre Unterredung. „Zunächst geht es darum, dem Sägewerk weitere Arbeitskräfte zuzuführen. Ich schlage vor, wir heben in Elsfleth zwanzig Leute aus und zehn in Dreisielen.“
Alle nickten es ab, es geschah ohnedies, was der Burgvogt im Namen des Grafen beschloss. „Graf Moritz möchte zu Weihnachten seine Burg in Berne beziehen“, erklärte Konrad der Burgmannschaft. „Um das zu bewerkstelligen, müssen wir für mehr brauchbares Holz sorgen. Es gibt zwar Wälder, aber die bestehen größtenteils aus Birken, Erlen und Weiden… kein Baumaterial also. Deshalb haben wir den Auftrag, uns anderweitig mit Holz einzudecken. Die Sägerei an der Olle verfügt über die nötigen Verbindungen. Große Mengen sind erforderlich. Das müssen wir in die Wege leiten. Es bietet sich an, die Fleete als Schifffahrtswege zu nutzen, um das Holz zur Baustelle zu befördern.“
„Was für Verbindungen sollen das sein?“, fragte Johann, der Hauptmann der Reisigen, der gern alles genau wusste.
„Ich war im Auftrag des Grafen bei der Sägerei und kann dazu verraten: Man bezieht seit Jahrzehnten regelmäßig Bauholz über einen Holzkaufmann aus Arhus.“
„Arhus? Sind das nicht Wikinger?“
„Sagen wir, Dänen. Heute steht dort ein Dom. Außerdem… wen stört es?“
Er warf einen Blick auf die Frauen in der Kaminecke und musterte die kratzbürstige Ulrike, als würde er ihr am liebsten den Hals umdrehen. Dann räusperte er sich. „Lärche oder Eiche bietet sich an. Ich bin für Eiche…“
„Alles neu für mich“, warf einer der Reisigen ein.
„Darum erzähle ich es euch… aber das nur nebenbei. Eure Aufgabe besteht darin, bei der Rodung Hemmelskamp minderwertiges Holz auszusortieren, damit es wie die aus dem Boden gepuhlten Wurzelstümpfe als Brennholz auf der Burg landet. Hat noch jemand eine Frage?“
„Sicher, die hätte allerdings nichts mit der Holzversorgung zu tun“, meldete sich der mitdenkende Hauptmann. „Wer regiert eigentlich zurzeit das Deutsche Reich? Frederico, der Enkel Barbarossas?“
„Der ist kaum zehn Jahre alt.“ Konrad wischte sich nervös über die juckende Nase und überdachte seine letzten Informationen dazu. „Viele würden Otto, den Sohn Heinrich des Löwen, ihren König nennen. Doch seine Mutter stammt aus Burgund, er mag tausendmal ein Welfe sein, er bleibt dennoch ein halber Engländer. Philipp der Schwabe hingegen ist ein Meister politischer Schlichen, und ich werde ihm das nicht absprechen, egal ob ich welfisch eingestellt bin. Um ein Gegengewicht zum welfisch-englischen Bund zu schaffen, erneuerte er das staufische Bündnis mit den Franzosen, und bekanntlich unterlag England den Franzosen. Dadurch gewann Philipp die Oberhand, und niemand wird ihn daran hindern können, auch noch Kaiser zu werden.“
Der Flame begehrte auf. „Eher friert die Hölle zu. Nicht, solange Innocenz Papst ist. Man hört, er ist nicht in Aachen gekrönt worden und auch nicht vom richtigen Prälaten, sondern lediglich durch den Bischof von Tarenteise. Der Heilige Vater in Rom bevorzugt darum Otto.“
„Sicherlich“, gab Konrad in so weit nach. „Aber sogar der machtgierige und wetterwendische Erzbischof von Köln, der am meisten für die Wahl Ottos getan hat, bekannte, im Ernstfall sei der Sohn des Löwen bloß ein zu Rotz und Tränen aufgeweichtes Bürschchen und gäbe eine erbärmliche Figur als Regent ab. Philipp im Vergleich machte sich in den Jahren, die er Stellvertreter des Kaisers war, einen Namen und sichert sich die Krone im Grunde für den unmündigen Frederico, damit sie seiner Familie nicht verlustig geht. Das nötigt mir Respekt ab.“
Die beiden Ritter rieben sich und verfielen, ohne es zu merken, in einen lauteren Ton. Der Flame lachte trocken. „Ach, jeder weiß, der Heilige Vater schürt die antistaufische Unruhe wo er kann. Auch Ottos Krönung verlief nicht ordnungsgemäß, seine Einmischung in den Thronstreit ist schlichtweg eine staatsrechtliche Frechheit!“
Ulrike hockte in eingeknickter Haltung am toten Kamin und kam sich verloren vor in ihrem lichtarmen Winkel am Fuße des schweren Eichentisches. Sonst redete Birte über alles, was sie bewegte, jetzt zeichnete sich ab, wie wenig sie tatsächlich gemeinsam hatten. Die Freundin blies Trübsal und bedauerte sich selbst. Mit anderen Worten, sie flennte vor sich hin und saß das Problem aus, und das ging Ulrike total gegen den Strich. Die Stille, die sich unentrinnbar und leise einschlich, drückte auf ihr Gemüt; das Männergespräch über Politik ließ sie lauschen und rührte empfindlich an ihrem Selbstvertrauen. Es bewirkte, dass sie sich wie eine dumme Gans fühlte, denn sie musste sich eingestehen, sie wäre in nicht geringe Verlegenheit geraten, hätte man sie nach dem Namen ihres Königs gefragt, den Reisigen erging es ja ähnlich. Wenige begriffen die Hintergründe des Machtkampfes, der die Obrigkeit in Atem hielt. Seltsam, überlegte Ulrike, wenn sie Konrad so betrachtete, fiel ihr ein südländischer Einschlag auf, der Frauen ansprach, und doch verdiente er nicht, von irgendeinem Weib geliebt zu werden.
Der Ritter schmunzelte sinnig und drückte sich bestechend genau aus. „Eigentlich geht es um die Frage, wer ist mächtiger, Papst oder König. Im Jahr 1202 protestierten 30 staufische Reichsfürsten gegen die Einmischung der Kirche. Wir beide, Wilhard, kannten uns derzeit noch nicht, aber ich befand mich unter den Zuschauern - und nun scheint Phillip von Schwaben den unseligen Machtkampf ums Königtum zu gewinnen … leider.“
Ulrike wurde klar, wie rechthaberisch der Burgherr sein konnte. Er sonnte sich geradezu selbstverliebt in seiner bräsig hochgespielten Überlegenheit, und unter den Männern war keiner in der Lage, seinem Monolog ein Ende zu bereiten.
„Also sind die Staufer am Ruder?“, fragte Johann verwirrt.
„Leider“, wiederholte Konrad dumpf und fügte versöhnlich bei: „Allerdings sind wir abhängig vom Erzbisstift Bremen, und Hartwich ist ein Welfenfreund. Aber vor ihm war Waldemar von Schleswig unser Erzbischof, der seit über zehn Jahren in dänischer Gefangenschaft schmort. Innocenz verlangt, er solle sich vor einem päpstlichen Gericht verantworten und hat den dänischen König und seine Freunde aufgefordert, ihn nach Rom zu senden. Das bedeutet, Waldemar könnte demnächst seinen Bischofstitel zurückerhalten.“
„Was soll das denn?“, stöhnte der Hauptmann kopfschüttelnd. „Die können doch nicht einfach Hartwich in die Wüste schicken.“
Konrad nickte beipflichtend. „Genau das wird geschehen, und Philipp wird sich die Hände reiben.“
All das rauschte an Birtes Ohr vorbei. So oft Ulrike in ihre rot geschwollenen Augen sah, seufzte sie. Birte fiel am tiefsten durch die überzogene Lösegeldforderung und schien nicht mehr, wer sie war. Ebenso Geldis und ihre Schwester. Beide sonst nicht mundfaul, starrten blicklos und mit tränenverschmierten Gesichtern in das Kaminfeuer.
Ulrike war aus anderem Holz. Auf der Suche nach einem Ausweg hielt sie sich vor Augen, wie sehr Sibo Aumund an seiner einzigen Tochter hing, und zu wissen, der war kein Knauser, beruhigte sie. Ihr schien auferlegt, allein mit allem fertig zu werden, und im Herzen haderte sie mit ihrem Schicksal, weil sie nicht wusste, womit sie diese Schande verdient hatte. Warum, in Gottes Namen, musste der Leiterwagen eine Birke rammen, fragte sie sich. Aber ihr Glaube an einen guten Herrgott, der ein Auge auf sie hatte, war wie etwas, das verschüttet wurde und sie in der Not einfach wieder ausgrub. Das tägliche Abendgebet erfüllte sie wie eine Heimkehr, und sie verfluchte die dummen Knechte des Vogtes, die ihr das wenige nicht gönnten, dass sie für Männer zu einer begehrenswerten Mauerblume machte. Sie hing an ihren Haaren wie an ihrem Leben, Birte hatte sie darum beneidet, und sie machte sich nichts vor. Dirk deutete einmal an, für einen Edelmann war es eine anrüchige Sache, eine aus dem Dorf zur Frau zu nehmen. Er schob schleunigst ein, es sei ihm einerlei, doch das zerstreute nicht die Zweifel, ob er sie überhaupt noch anziehend finden würde? Männer waren da ja anders eingestellt als Frauen. Nun, sie hoffte dennoch. Dirk vermittelte ihr das Gefühl, sie sei vom Wesen her ein besonderer Mensch für ihn, daraus erwuchs die Kraft, andere aufzurichten, und gegen alle Vernunft klammerte sie sich an diesen Strohhalm und döste darüber ein.
„Wacht auf, Mädchen“, weckte sie am Morgen der Hauptmann der Burgmannschaft. Ein Waffenknecht betrat mit ihm das Kaminzimmer, und der Burgvogt warf voll Vorfreude einen Blick auf die zierliche Geldis, die es spürte und betreten hochschaute.
„Es wird euch freuen, zu hören, der Unterhändler vom Aumundshof ist eingetroffen. Die 30 Mark für eure Auslösung sind bezahlt.“
Birte atmete vernehmlich aus, Ulrike seufzte erlöst. „Wir sind frei?“, fragte Wibke ungläubig. Geldis spürte, es war für sie zu früh, sich zu freuen. Johann, der Hauptmann der Burgmannschaft sah sie unverfroren höhnisch an.
„Aber…“, protestierte Ulrike und richtete sich auf wie eine Königin. „Ihr wolltet Geld für unsere Freilassung, und das habt ihr erhalten. Habt ihr nicht den Anstand, zu eurer Abmachung mit Sibo Aumund zu stehen?“
Der dünne, strenge Mund des ergrauten Hauptmanns zuckte unterschwellig, die Augen hefteten sich auf Geldis. „Sie meint, uns zum Narren halten zu können.“
Als der Vogt auf Geldis zu hielt, schluckte Ulrike trocken herunter.
„Danach könnt ihr gehen“ gab Konrad ihnen zu verstehen. „Warum so widerspenstig, Täubchen? Du kannst stolz darauf sein, wenn ich der Erste bin. Schluss mit dem Getue…Ich will meinen Spaß haben.“
„Nein“, schrie Geldis entsetzt. Sie hatte erlebt, was diese Kerle unter Spaß verstanden und dachte nicht daran, ihm diesen Dienst zu erweisen. Sie starrte ihn mit bebenden Lippen an. „Wer mich anfasst wird wenig Freude an mir haben. Ich kann beißen wie ein Schwein…“
„Du gefällst mir zu sehr“, raunte der Burgherr, „um mir das Vergnügen zu verkneifen.“ Er griff nach ihrem Handgelenk und zog sie an sich. Allein Geldis hörte, was er ihr flüsterte, aber als man sie anhielt, sie könnten gehen, blieb die Freundin noch. Außerhalb der Zugbrücke, wo eine Hecke blauer Schlehen Schutz versprach, warteten sie geduldig auf Geldis.
„Hätte ich mich gesträubt“, erklärte sie anschließend mit heißen Wangen und rot verheulten Augen, „sie hätten am Aumundhof erzählt, wir wären erhängt in unserer Kammer aufgefunden worden. Tod durch eigene Hand hätte es geheißen, zu bestatten am Rande der Friedhofsmauer.“
Jedenfalls stieß Geldis nach einer Stunde wieder zu ihnen. Ihr zitterten noch die Knie, aber sie brachen hastig auf und gönnten sich keine Rast, ehe sie nicht die Huntebrücke hinter sich wussten und die Turmwachen sie aus den Augen verloren.
4. Kapitel
Gegen Mittag kehrten die vermissten Mädchen müde und verzweifelt zum Aumundhof zurück. Ulrike quälte der Gedanke an Timke, die sie am Unfallort der Obhut Klaas überlassen mussten. Antje, die Herrin vom Aumundhof, nahm sich ihrer rührend an, ja bemutterte sie förmlich, und brachte sie vorübergehend in der Kammer von Schorse unter. Was aber nach anfänglicher Wiedersehensfreude aus Timke hervorsprudelte, ließ Ulrike erstarren.
„Er schnaufte… verdrehte die Augen, war außer sich und hat sich nach dem Hammer gebückt, als wolle er gleich wem den Kopf einschlagen“, berichtete Timke.
Ulrike fühlte das Bedürfnis, sich bei ihrem Vater auf den Schoß zu setzen, sich anzulehnen und bei ihm Trost zu holen. Nun begriff sie, von Lüder fehlte jede Spur. Sie sah in die hilflosen Augen ihrer kleinen Schwester, die auf den Versuch, mehr aus ihr herauszuschütteln, erst einmal schlucken musste. Timke fügte mit belegter Stimme hinzu, „nicht einmal die Schürze nahm er ab… und sagte nicht wohin er wollte…“
„Zur Burg doch sicher“ folgerte Ulrike.
Timke nickte. „Ja, glaube ich auch…“
Ulrike drängte es, in der alten Schmiede nach ihm zu sehen. Im Schritt brannte es wie eine unsaubere Wunde, aber versäumte sie das, würde sie es sich hinterher ewig vorwerfen. Noch blieb ein Funken Hoffnung, obwohl ihr der gesunde Menschenverstand flüstertet: Ihr Vater war ein vernünftiger Mann, und ein vernünftiger Mann hätte sich zuerst vergewissert, ob es Timke gut ging, nachdem man ihn an der Burg vermutlich abgewiesen hatte. Allerdings wäre genauso denkbar, er bezog Prügel, und die Burgbesatzung warf ihn hinterher achtlos vor die Schmiede. Die Unordnung um Amboss und Arbeitsplatz sprach dagegen. Ulrike hockte anschließend mit ihren zerschlagenen Hoffnungen trübsinnig an dem kleinen Tisch an der alten Herdstelle - bis es schummrig wurde und sie den Herd anzünden musste, wollte sie nicht im Dunkeln sitzen. Sie konnte sich nicht aufraffen, mit dieser Enttäuschung gleich wieder zum Aumundhof zu gehen, die Ängste um ihren Vater lähmten sie. Mit aufgestütztem Kinn versuchte sie, sich vorzustellen, wohin ihr Vater sonst gegangen sein könnte, falls nicht zur Burg… aber ihr Vater schäumte vor Wut und nahm den Hammer mit… Und erneut meldete sich ein unangenehmes Ziehen im Unterleib. Egal, wie sie sich hinsetzte, diesmal hielt das an, und sie konnte nicht normal gehen, so weh tat es. Jeder Atemzug erinnerte sie an den Mann, dem sie es verdankte, ein atemberaubend ekeliger Geruch umfing sie wie eine Wolke und haftete an ihr, dass ihr schlecht darüber wurde. Beim Aumundhof floh sie auf ihre Kammer und wusch sich sorgfältig, und kaum streckte sie befreit die Füße übers Bett und faltete die Hände zum Nachtgebet, grübelte sie erneut über der Frage, wo ihr Vater steckte. Vielleicht hatten sie ihn verprügelt oder gefoltert, und er kroch gerade übel zugerichtet irgendwo an einem Deich aus den Büschen und brauchte Hilfe. Sie wollte ihn suchen… beschloss sie, doch es war drei Tage her seit Lüder sich zornig auf den Weg machte! Ulrike witterte, es musste einiges geschehen sein. Was könnte sie tun, schmachtete ihr Vater wirklich im Turm der Lechterburg? Sie zog das ernsthaft in Erwägung, da setzten Krämpfe im Unterleib ein, die alles Erlebte in den Schatten stellten. Ihr Blick fiel auf eine hellrote Spur an ihrem Bein, die darauf schließen ließ, ihr Schoß war nicht nur wund, es blutete sogar - und sie bekam Angst. Ähnlich war es, als mit viel Unwohlsein und Beschwerden die Regelblutungen über sie hereinbrachen. Wie vermisste sie damals die Mutter. Aber das jetzt musste eine andere Ursache haben, das war ein Krampf.
Es ging auf elf zu, da hatte Ulrike eine halbwegs schmerzfreie Haltung herausgefunden, saß mit auf die Knie gestütztem Kinn auf dem Bett und wünschte mit jeder Faser ihres Körpers, sie wäre als Junge auf die Welt gekommen.
Endlich schien der Schmerz sich zu verflüchtigen, sie untersuchte sich mit stockendem Atem genauer. Unten wirkte alles bedrohlich geschwollen und entzündet, und sie fühlte sich mit dieser peinlichen Geschichte überfordert, allein und hilflos… Bei dem bloßen Gedanken an die Notzucht durchlief sie ein Schaudern, bei dem sie mit den Zähnen klapperte und aufheulte. Es überkam sie wie ein Anfall und hinterließ heiße Wangen, so regte sie sich auf. Der nächste Krampf überraschte sie kaum noch, dauerte dafür umso länger, und das Brennen beim Wasserlassen brachte sie schier um den Verstand. Sie ahnte langsam, sie durfte es nicht auf die leichte Schulter nehmen, aber in Betracht zu ziehen, die Freundin deshalb aufzusuchen, verursachte rasendes Herzklopfen. Der Mond leuchtete schon durchs Fenster, und Birte wäre imstande, ihr scharfe Worte an den Kopf zu werfen – um diese fast schon frühe Stunde. Während ihr das im Kopf herumging, schlich sie im spärlichen Licht der Mondsichel über den nächtlichen Hof, und in der Heimlichkeit mit dem kleinen Herzfenster hustete jemand. Ihr zitterten die Finger, mit blind vorgestreckten Händen ertastete sie im Halbdunkel der Diele die Tür, hinter der sich Birtes Kammer befand. Ehe ihr der Mut schwand, klopfte sie an.
Es dauerte, bevor Birte öffnete. Sie rieb sich müde die Augen. „Was ist denn geschehen?“
Ein Blick in Ulrikes angestrengte Miene weihte sie augenblicklich ein, und sie holte schwer Luft, weil sie aus dem gleichen Grund noch wach war. „Hast du auch solche Unterleibschmerzen?“
Ulrike fasste bedrückt nach ihrem Schoß. Das nasse Glitzern in ihren Augen verriet, wie nahe sie daran war, jede Selbstbeherrschung zu verlieren. „Bei mir ist alles wund. Das halte ich nicht aus. Ich kann nicht mehr richtig laufen, so glüht das. Jede Haarspitze tut mir weh. Was ist das?“
„Ob Geldis schon schläft?“, überlegte Birte. Sie stand im Nachthemd vor Ulrike und strich es fahrig herab auf die Knie. „Die Tür zur Schlafstube vom Gesinde ist die letzte auf dem Flur. Also... kein Laut, verstanden? Nicht, dass auf einmal das ganze Haus auf den Beinen ist. Oh Gott, ich mag nicht daran denken. Sei bloß ruhig.“




