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So ist es auch mit uns Erwachsenen. Ruhen wir im SEIN, werden wir unsere natürlichen Bedürfnisse erkennen und ihnen Raum geben. Wir sorgen für uns und leben unser Leben von einem „Ort“ der Ruhe und des Erfülltseins aus. Dadurch entfaltet sich eine völlig andere Wirkung auf uns und unser Leben, als wenn wir von Unzufriedenheit und Unruhe getrieben sind. Im einen Fall jagen wir der Erfüllung unserer Bedürfnisse nach und finden selbst dann keine wirkliche Ruhe, wenn sie erfüllt werden. Im anderen Fall sind wir bereits erfüllt von SEIN und unsere Bedürfnisse werden unser Leben zusätzlich bereichern. Wenn sie einmal nicht erfüllt werden, können wir uns sehr leicht dem augenblicklichen Lebensfluss hingeben, da etwas anderes in uns trägt – das SEIN.
Was erfüllt, ist das SEIN. SEIN trägt und nährt uns auf geheimnisvolle Weise. Oft sind wir uns dessen nicht bewusst und glauben, dass die Erfüllung eines Wunsches uns nährt. Aber wenn wir es genauer betrachten, werden wir sehen, dass in einem Moment der Erfüllung eines natürlichen Bedürfnisses ein Loslassen stattfindet, eine Entspannung und damit ein Einsinken – ein mehr SEIN können. Auch hier erfüllt das SEIN, nicht das Stillen eines Bedürfnisses. Wie wäre es sonst erklärbar, dass es viele arme Kulturen auf dieser Erde gibt, deren Menschen oft größere Zufriedenheit ausstrahlen als die Menschen in den reichen westlichen Industrienationen?
Sind wir im SEIN gegründet, werden Bedürfnisse auftreten und Handlungen geschehen wie die Bewegung der Blätter im Wind, aber das, was trägt, ist viel grundlegender und umfassender. Wie bei einem Baum, dessen Saft aus den Wurzeln aufsteigt, um jedes Blatt zu nähren, werden auch wir genährt aus dem SEIN und nicht aus dem Tun oder der Erfüllung unserer Bedürfnisse. Das können wir auch daran sehen, wie wichtig für uns Menschen der Schlaf ist. Er nährt uns auf eine geheimnisvolle Weise. Haben wir gut geschlafen, sind wir entspannt, zufrieden und voller Energie. Schlafen ist unsere natürlichste Meditation als Mensch. Schlafen verbindet uns mit SEIN und lässt uns auftanken.
Insofern ist das grundlegendste aller Bedürfnisse – unser Urbedürfnis – das Bedürfnis nach SEIN, und jeder Moment von Präsenz, in dem wir uns des SEINS bewusst sind, verbindet uns mit unseren Wurzeln und nährt uns. Gelingt es uns, das SEIN in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen, werden wir unabhängig von den äußeren Lebensumständen ein erfülltes und friedliches Leben führen.
Reflektiere:
Erinnere dich an intensive Momente von SEIN?
Was erfüllt dich in einem solchen Moment?
Wie erlebst du in diesen Momenten deine Bedürfnisse?
1.3 Präsenz im Alltag
Je tiefer wir begreifen, wie wesentlich das SEIN für unsere Erfüllung und unseren inneren Frieden ist, desto mehr werden wir unsere Sehnsucht und unsere Aufmerksamkeit auf das SEIN ausrichten. Das gilt nicht nur für die Meditation, sondern ebenso für unseren Alltag, fürs Gemüseschälen, fürs Arbeiten, für das Gespräch mit einem Freund. Das bedeutet nicht, dass wir ständig in stiller Versenkung sind, was im Alltag gar nicht möglich und nicht angemessen wäre, sondern dass wir zuerst darauf achten, zu SEIN, bevor wir handeln oder sprechen. Unser Ausgangs- und Ankerpunkt ist die Präsenz – das bewusste SEIN.
Erst mal sein
Stellen wir uns vor, wir besuchen einen Freund und freuen uns darauf. Wir kommen in seiner Wohnung an und sofort reden wir aufgeregt aufeinander ein und teilen uns unsere Erlebnisse mit. Doch sind wir schon seelisch an diesem neuen Platz angekommen? Nehmen wir uns die Zeit, auch in der vertrauten Beziehung wieder neu anzukommen? Sind wir schon wirklich da? Wie anders würden doch der Kontakt und das Gespräch verlaufen, wenn wir uns die Zeit ließen, erst anzukommen.
Dabei sollten wir uns bewusst machen, dass unser Leben immer aus Übergängen besteht. Nicht das Gleichbleibende ist das Natürliche, sondern der ewige Wandel der Situationen, auch wenn wir manchmal denken und hoffen, dass es andersherum ist. So wie die Jahreszeiten kommen und gehen, besteht auch unser Leben aus ständigen Übergängen. Nicht nur große Lebensabschnittsübergänge wie der Übertritt ins Berufsleben, Mutter oder Vater zu werden oder der Verlust einer Beziehung fordern von uns eine seelische Verdauungs- und Reifungsphase. Auch die vielen kleinen Übergänge des Tages, vom Frühstück in die Arbeitssituation und wieder zurück, vom Alleinsein zum In-Beziehung-Sein und zurück, erfordern ein ständiges seelisches Ankommen und sich neu Einstellen.
Reflektiere:
Betrachte einen einzigen Tagesablauf. Wie viele kleine und große Übergänge finden darin statt?
Wie viel Zeit zum Ankommen nimmst du dir bei den Übergängen?
Ankommen bedeutet, als Erstes zu spüren, wie wir uns gerade seelisch in einer neuen Situation fühlen und dieses innere Erleben bewusst zuzulassen. Wenn wir uns erlauben zu fühlen, dass wir zum Beispiel noch nicht da sind oder uns fremd fühlen, und diese Empfindungen ganz zulassen, werden wir mehr und mehr ankommen. Wir können dann mit dem, wie es ist, sein und darin ankommen. In dem Moment, in dem es uns möglich ist, wirklich da zu sein, können wir auch die Aufmerksamkeit auf das SEIN selbst richten und Präsenz erfahren.
Ist Präsenz erlebbar, sind wir da. Wir sind innerlich im Kontakt und ruhig. Ein inneres Erfülltsein breitet sich aus. Von diesem „Ort“ aus gestaltet sich die Beziehung zu einem Freund anders, entspannter und offener. Von hier aus haben wir die Freiheit, jenseits von Gewohnheiten und Vorstellungen zu schauen, welche Art von Kontakt zwischen uns und unserem Freund tatsächlich gerade wirkt und können dem augenblicklichen Beziehungspotenzial Ausdruck verleihen.
Das gilt für alle Beziehungen und alle Situationen. Können wir zuerst SEIN, entfaltet sich die jeweilige Situation natürlich. Eine besondere Art von Freiheit macht sich bemerkbar. Die Freiheit, dass sich die Situation oder die Beziehung auf ihre augenblickliche, natürliche Weise entfalten kann. SEIN ist unbedingt und frei von Vorstellungen und Vorlieben. Frei von Vergangenheit und Zukunft. Frei von allem. Kein Wunder, dass wir aus der Präsenz heraus uns anders beziehen können als aus unserem alltäglichen Verstand, der unbewusst durch Gewohnheiten, Vorstellungen und Vorlieben bestimmt ist.
Wenn ich Menschen einzeln begleite oder wenn ich Gruppen leite, nehme ich mir zuerst immer einen Moment des SEINS. Präsenz ist die Basis meiner Arbeit mit Menschen und macht sie leicht und wirkungsvoll. Als ich anfing als Therapeut zu arbeiten, hatte ich noch viele Vorstellungen darüber, wie eine Gruppe ablaufen muss, damit Heilung geschieht. In dieser Zeit war mein Beruf manchmal für mich und die Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer anstrengend. Doch heute sehe ich deutlich, dass der Grund für die Anstrengung meine therapeutische Vorstellung war, nichts weiter. Seit ich mich am SEIN orientiere und damit mich und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer sein lasse, ist meine Arbeit anstrengungslos und intensiv gleichzeitig.
Experimentiere:
Nimm dir bewusst Zeit, bei Übergängen in eine neue Situation erst seelisch anzukommen.
Verweile, bis du SEIN kannst und die Präsenz spürst und handle erst dann.
Reflektiere anschließend, wie sich daraus die neue Situation oder der Kontakt entwickelt hat.
Etwas sein lassen
Präsenz ist der Ankerpunkt für ein spirituelles Leben. Wenn wir unser Leben aus dem SEIN heraus gestalten wollen, kommen wir nicht umhin, uns immer und immer wieder zu fragen, ob wir gerade aus der Präsenz heraus leben oder aus unserem Ego. Das Ego lebt aus vergangener Erfahrung, aus Gewohnheit und Vorstellung. Können wir in einer neuen Situation, in einer neuen Begegnung erst einmal sein und das SEIN spüren, bevor wir agieren? Können wir erst SEIN, bevor wir mit der Arbeit beginnen? Nehmen wir uns einen Moment von Präsenz, bevor wir ein schwieriges Beziehungsgespräch führen?
Es macht einen großen Unterschied, ob wir mit einer Situation sein können und das SEIN spüren und dann handeln, oder ob wir handeln, weil wir nicht damit sein können. Im einen Fall sind wir innerlich verankert und frei für das Potenzial des Augenblicks. Im anderen Fall sind wir lediglich Spielball der Situation und unserer unbewussten Abwehrreaktion darauf. Echte Entfaltung und kreatives Sich-Beziehen ist hier nicht möglich.
Die Herausforderung eines spirituellen Lebens besteht darin, immer wieder erst mal zu SEIN. In jeder neuen Situation, in jedem Kontakt sich zu erinnern, erst mal zu SEIN. Erst dann wird das SEIN zur Grundlage unseres Wirkens und nicht dadurch, dass wir einmal am Tag meditieren. Meditation ist hilfreich, uns an das SEIN zu erinnern und uns darin anzubinden, aber es darf zu keiner isolierten Praxis werden, sonst verliert es die wahre Bedeutung. So zeigt sich ein spirituelles Leben nicht daran, wie lange oder wie oft wir meditieren, sondern daran, wie sehr wir unser Leben aus dem SEIN heraus gestalten.
Experimentiere:
Versuche dich so oft wie möglich an das SEIN zu erinnern.
Schaff dir kleine Pausen zwischen zwei Tätigkeiten, um dich ans SEIN zu erinnern.
Schaff dir Erinnerungshilfen im Alltag: kleine Rituale, Ruhepunkte, Symbole fürs SEIN.
Das SEIN zu spüren und daraus zu leben ist nur möglich, wenn wir mit einer Situation sein können, sie also auch sein lassen können. Sind wir dagegen mit unserem Wollen und unseren Plänen und Wünschen verhaftet, wird Präsenz für uns nicht zugänglich sein. Das Festhalten an Plänen, Wünschen und Vorstellungen wirkt wie ein Panzer, der uns hart macht und abschottet nach außen und nach innen. Wir sind nicht mehr durchlässig. Nach außen wehren wir uns gegen die Welt, so wie sie ist, und wollen das Leben nach unseren Vorstellungen manipulieren. Unser Leben wird dadurch von Kontrolle und Anstrengung bestimmt anstatt von Vertrauen und Hingabe. Nach innen schneiden wir uns vom SEIN ab und haben damit keinen Zugang mehr zu der nährenden und inspirierenden Kraft, die aus dieser Quelle kommt.
Um diesen Panzer aufzulösen, ist vielleicht der wichtigste Schritt das Zulassen. Zu lernen, Situationen und auch uns selbst erst mal sein lassen zu können. Dann können wir entspannen und loslassen. Die Situation kann so sein, wie sie ist, und wir können so sein, wie wir gerade sind. Es braucht keine Anstrengung und keine Kontrolle mehr, überhaupt kein Tun. In diesem Moment des Sich- Überlassens sind wir frei. Unsere Aufmerksamkeit ist nicht mehr gebunden und wir können uns wieder dem Lauschen hingeben, dem ungerichteten, absichtslosen Aufmerksamsein als Tor zur Präsenz.
Experimentiere:
Versuche in Situationen, in denen etwas für dich schwierig ist, nicht sofort zu handeln, sondern erst mal damit zu sein.
Sich mit dem Ego versöhnen
Je öfter wir aus den Vorstellungen des Egos aussteigen und die Dinge sein lassen und uns immer wieder ins SEIN hinein entspannen, desto mehr verliert der Panzer unseres Egos seine Starre und seine Macht über unser Leben. Präsenz transzendiert das Ego. Um sich dem SEIN zu öffnen, müssen wir alle Egoaktivität für einen Augenblick loslassen, und je häufiger das geschieht, desto mehr verschiebt sich das Zentrum unseres Lebens vom Tun zum SEIN, von der Kontrolle zum Vertrauen, von der Anstrengung zur Entspannung, von den Selbstbildern zur Natürlichkeit, von den Zielen zur Hingabe, von den Vorstellungen zur absichtslosen Offenheit.
Natürlich ist diese Transformation ins SEIN ein langer, oft lebenslanger Vorgang. Unsere Gewohnheit, uns mit Vorstellungen, Selbstbildern und Zielen zu identifizieren, ist tief verankert und wieder und wieder, oft unbewusst, werden diese Egomuster das Kommando übernehmen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die fortwährend die Vorstellungen des Egos unterstützt und bestätigt. Selbstwert wird zum Beispiel in unserer Kultur mit Prestigeobjekten und angesehenen Berufen verknüpft, also mit Haben und Darstellen, und nicht mit Natürlichkeit. Dadurch bekommt das Ego ständig neue Nahrung.
Das kann uns manchmal entmutigen. Doch auch wenn wir immer wieder in alte Gewohnheiten von Kontrolle und Vorstellungen zurückfallen, gewinnen wir doch zunehmend die Freiheit, diese Mechanismen zu erkennen und daraus auszusteigen, wenn sie aktiv sind. Wir entwickeln ein Bewusstsein davon, dass es ein Leben gibt jenseits unserer Alltagsidentifizierungen und dass wir unsere Wirklichkeitsperspektive wechseln können.
Manche Menschen betrachten diesen Vorgang, das Ego zu transformieren, als Kampf. Sie wollen das Ego besiegen. Sie denken vielleicht sogar, dass sie es schaffen können, in einer einzigen großen Schlacht das Ego auszurotten. Vielleicht durch einen langen Meditationskurs. Doch auch dieser Wunsch, das Ego mit seinen Mechanismen auszurotten, ist eine Kontrollvorstellung und kommt aus dem Ego. Dies führt zu Kampf und letztlich zu Frustration. Es ist das alte Missverständnis, dass wir das Übel ausrotten wollen, statt es zu integrieren und zu transformieren. Wir versuchen die Terroristen zu vernichten und geben ihnen dadurch Macht und säen den Boden für neuen Terrorismus. Wir bekämpfen Krieg mit Krieg und erzeugen noch mehr Leid und immer neue Konfliktfelder. Und genauso kämpfen wir gegen unsere Gewohnheitsmuster an und erzeugen doch nur neue Konflikte und Verdrängungsmuster damit.
Das Ego können wir nicht ausrotten, aber wir können immer wieder zu einer anderen Wirklichkeit erwachen. Zu einer Wirklichkeit des SEINS. Diese Wirklichkeit kann das Ego und unser In-der-Welt-Sein mehr und mehr durchwirken. Aus dieser Perspektive ist das Ego kein Feind, sondern eine sehr menschliche Lebensperspektive, in der wir versuchen, mithilfe von Vorstellungen und Kontrolle unser Leben zu meistern. Das ist eine natürliche, menschliche Eigenschaft und verdient Respekt, selbst wenn diese Lebenseinstellung uns und andere oft leiden lässt.
Vielleicht können wir eine liebevolle Beziehung auch zu dieser Seite unseres Lebens aufbauen, ähnlich dem liebevollen Gefühl, das entsteht, wenn wir ein kleines Kind beobachten, das im Spiel versucht, den Mond zu greifen. Ein liebevolles Lächeln kommt nicht aus Besserwisserei oder Überheblichkeit, sondern aus Verstehen, Respekt und Liebe. Wenn wir so unsere Egoseite betrachten, wie wir immer wieder von Vorstellungen und Kontrolle bestimmt sind, können wir uns auch mit dieser Seite versöhnen. Wir werden dann nicht darum kämpfen, das Ego zu überwinden, sondern es warmherzig beobachten. Leben ist dann ein fortwährendes Spiel, immer wieder die Perspektive zu wechseln, von der Lebensperspektive des Egos zum SEIN und wieder zurück.
Diese versöhnte Einstellung bringt Entspannung und Annahme mit sich. Wir müssen nichts ausgrenzen und nicht anders oder besser werden, und doch entwickelt sich eine zunehmende Bewusstheit, die innere Freiheit bringt. Das ist die Perspektive des SEINS, das nichts ausgrenzt und alles annimmt. Daher bringt die Versöhnung mit dem Ego eine innere Haltung mit sich, die in Übereinstimmung mit der Haltung des SEINS ist. Dies wird allmählich eine Umwandlung unserer Egostrukturen bewirken, und die Grundhaltungen des SEINS werden mehr und mehr unser Leben durchwirken.
Reflektiere:
Visualisiere dein Ego fantasievoll als innere Gestalt.
Welche Beziehung hast du zu dieser Person?
Was würde sich ändern, wenn du eine liebevolle, verständnisvolle Beziehung wie eine gute Mutter dazu aufbauen könntest?
1.4 Präsenz und ihre Wirkung
Präsenz ist eine Kraft. Die Kraft des SEINS. Obwohl diese Kraft nicht materiell ist und wir sie nicht anfassen oder sehen können, können wir sie doch unmittelbar erfahren. Sie kann eine große Wirkung in unserem Leben entfalten und auf andere Menschen spürbar einwirken.
Sind wir mit Präsenz in Kontakt, fühlen wir uns belebt und ganz wach. Wir sind auf eine natürliche und entspannte Weise aufmerksam und gegenwärtig. Doch Präsenz ist mehr als Gegenwärtigsein. Wir können vollkommen gegenwärtig einem Vogelgesang lauschen, ohne Präsenz zu erfahren. Plötzlich kann es jedoch geschehen, dass sich beim Lauschen auf den Vogel der Moment verdichtet und eine besondere Intensität des Augenblicks entsteht. Wir spüren das SEIN, unsere Existenz.
Die Intensität des SEINS
Präsenz ist verdichtetes SEIN. Die Erfahrung unserer Existenz. Sie ist eine Kraft, die intensiv und erfüllend gleichzeitig ist. Der Moment kann sich auf eine Weise verdichten, dass wir eine immaterielle Substanz spüren, die in uns oder um uns herum spürbar wird. Diese Substanz kann sich realer anfühlen als unser materieller Körper und doch ist sie keine Materie, sondern verdichtetes formloses SEIN.
Die meisten Menschen kennen diese Art von Erfahrung und lieben ihre Intensität, ohne sich allerdings dessen bewusst zu sein, was die Ursache dieser Kraft ist. Denn trotz ihrer Intensität und Dichte ist sie immateriell und subtil. Präsenz ist kein greifbares Objekt wie andere Erfahrungen und so bleibt sie oft unerkannt im Hintergrund unseres Erlebens.
Es gibt viele Beispiele dafür, wie Menschen Präsenz erfahren und diese Intensität immer wieder aufsuchen, ohne sich dessen bewusst zu sein, welche Kraft sie in diesen Momenten erfüllt. Ich denke zum Beispiel an Sportler. Durch die große körperliche Anstrengung kann man im Sport aus dem Denken aussteigen und es kann sich dadurch ein erfüllender Moment des SEINS ereignen. Hier eröffnet sich uns die Kraft der Präsenz. Meist denken wir aber, dass der Grund für diese Erfüllung der Sport ist. Sport ist hier aber nur das Gefährt, das Hilfsmittel, um mit Präsenz in Kontakt zu kommen. Die eigentliche Erfüllung ist die Intensität der Präsenz, die in diesen Momenten erfahren wird.
Wo wir diesen Vorgang der Verwechslung noch beobachten können, ist bei Kriegsveteranen. Wie oft erzählen alte Männer häufig mit leuchtenden Augen vom Krieg. Warum tun sie das? Weil diese Erfahrung so schön war? Bestimmt nicht. Krieg ist immer schrecklich und konfrontiert alle Menschen mit Angst und Schmerz. Gleichzeitig werden Menschen aber in Kriegszeiten aus der gewohnten Welt herausgerissen und erfahren eine Intensität, die sie danach in der Routine des Alltags oft vermissen. Diese Intensität entspringt der Kraft der Präsenz. Männer, die im Krieg waren, haben diese Intensität im Krieg erfahren, also sprechen sie gerne vom Krieg. Es waren die dichtesten Momente ihres Lebens.
Alle Lebenskrisen haben das Potenzial, uns aus unserer Gewohnheit und unseren Gedankenmustern herauszureißen und uns in Kontakt mit Präsenz zu bringen. Obwohl wir diese Krisen oft als schmerzhaft erleben, erfahren wir doch eine Lebensintensität dabei, an die wir uns gerne immer wieder erinnern. Denn an was erinnern wir uns, wenn wir zurückschauen? An Momente der Intensität, sei es durch eine Liebesbegegnung, durch einen Verlust oder eine eindrückliche Reise. Wenn wir uns erinnern, schauen wir jedoch immer nur auf die Begleitumstände dieser Momente. Die Situation und die Umstände sind uns bewusst, aber nicht die Präsenz selbst.
Das führt oft dazu, dass wir versuchen, die Umstände zu wiederholen, um diese nährende Präsenz wieder zu erfahren. Wir planen wieder eine Reise ans Meer oder machen regelmäßig intensiv Sport. Im Extremfall entwickeln wir sogar eine Art Sucht nach der Situation, die uns Präsenz vermittelt hat und suchen sie immer und immer wieder auf. Wie wir wissen, ist dies keine Garantie dafür, dass wir Präsenz erneut erfahren, da letztlich nicht die Situation die Intensität erzeugt, sondern unser Geisteszustand in dieser Situation. Wir verwechseln Ursache und Wirkung.
Würden wir jedoch klar erkennen, dass die Intensität eine Frucht unseres Aufmerksamseins ist, hätten wir die Freiheit, in jedem Augenblick unseres Lebens größere Präsenz zu erfahren, indem wir uns auf das SEIN selbst ausrichten. Ob im Büro, in der Hängematte oder beim Sport, wir könnten uns an das SEIN erinnern und davon kosten, indem wir in ein ungerichtetes Lauschen eintauchen. Die Intensität von Präsenz, dieses intensive Lebendigsein, das wir so sehr lieben und das wir oft in der Alltagsroutine vermissen, könnte uns dann unabhängig von den aktuellen Lebensumständen von innen her nähren.
Reflektiere:
Welches waren Momente oder Phasen deines Lebens, in denen du am meisten Intensität erfahren hast?
Auf welche Weise suchst du nach Intensität in deinem Leben?
Welche äußeren Mittler (z. B. Sport, Reisen,…) zu Präsenz kennst du?
Erinnere dich an eine Situation von dichter Präsenz und erforsche die Präsenz selbst.
Sinn und Routine
Immer wieder beginnt die Lebensroutine die Kraft der Präsenz zu überdecken. Wir werden gleichsam eingelullt durch die Funktionalität des Alltags und das ewig kreisende Gedankenkarussell in unserem Kopf. Nichts kann uns die Frische und das Lebendigsein von Präsenz mehr verstellen als die alltäglichen Gewohnheiten unseres Lebens.
Dabei sind unsere Gewohnheiten nicht nur wichtig und hilfreich fürs Überleben, wir mögen sie auch. Sie vermitteln uns Halt und Sicherheit. Allerdings verleitet jede Gewohnheit dazu, weniger aufmerksam zu sein. Je automatischer wir agieren, desto reibungsloser läuft das Muster ab und wir benötigen nur noch wenig Aufmerksamkeit dafür. Das führt dazu, dass wir die Dinge, die uns ständig umgeben, kaum mehr wahrnehmen.
Gewohnheit frisst Aufmerksamkeit. Und so kann eine Phase unseres Lebens, in der alles glattläuft und unser Leben wie ein geruhsamer Fluss dahinfließt, sich zwar sehr angenehm und sicher anfühlen, aber mit der Zeit vermissen wir Lebensintensität und Sinn. Eine gähnende Öde und Sinnlosigkeit kann sich ausbreiten. Langeweile, Interesselosigkeit, Unzufriedenheit, Energielosigkeit, Wertlosigkeit und Schwermut sind typische Folgen eines längeren Mangels an Präsenz. Das alles sind Symptome einer unterschwelligen Sinnlosigkeit. Diese kann uns beschleichen, obwohl auf der Oberfläche unseres Lebens alles in Ordnung ist und wir vielleicht sogar äußerlich erfolgreich sind.
Der Grund dafür ist, dass das Gefühl von Sinn nicht davon abhängt, ob wir etwas Sinnvolles tun, sondern ob wir mit Lebensintensität – mit Präsenz – in Kontakt sind oder nicht. Fühlen wir dieses frische unmittelbare Lebendigsein, fragen wir uns nicht mehr nach dem Sinn des Lebens. Wir fühlen ihn, unmittelbar.
Doch wenn wir die Ursache unseres Mangels und unserer Sinnlosigkeit sowie den Zugang zu Präsenz nicht kennen, gehen wir im Außen auf die Suche nach der verlorengegangenen Intensität. Viele Menschen suchen dann zum Beispiel Abwechslung und Aufregung in Funparks oder Freizeitaktionen. Wir versuchen durch spektakuläre Aktionen unsere innere Langeweile zu überdecken. Vielleicht ist es symptomatisch für die funktionale westliche Welt, in der das Empfinden für wahren Sinn immer mehr verloren geht, dass im gleichen Maße unsere Unterhaltungsindustrie zu immer drastischeren Mitteln greifen muss, um uns immer wieder für kurze Zeit eine Lebensintensität zu vermitteln. Unsere Rummelplätze werden immer spektakulärer und unsere Filme und Videospiele immer dramatischer und brutaler. Es ist der Versuch, für Augenblicke eine künstlich hervorgerufene Intensität zu erzeugen, die uns über die gähnende Leere der Alltagsroutine hinwegtröstet.
Tatsächlich wird in diesen Momenten ein kurzes Aufbrechen unserer Routine erzeugt und wir spüren wieder Intensität, ohne uns aber der Präsenz bewusst zu sein. Wir sind viel zu sehr mit den spektakulären Erfahrungen, dem gewaltvollen Film oder dem Karussell beschäftigt, die diese Intensität vermitteln. So werden wir weiterhin auf die falsche Fährte gelockt. Wir suchen nach Intensität und Präsenz in der Dramatik von äußeren Erfahrungen und können die eigentliche Quelle für Sinn, die im schlichten Aufmerksamsein liegt, nicht entdecken.
Wie viel schlichter und doch lebendiger könnte doch unser Leben verlaufen, wenn wir Zugang zu Präsenz hätten. Menschen, die diese Intensität als innere Quelle kennen, fühlen sich nicht mehr so angezogen von spektakulären Ereignissen. Oft meiden sie diese sogar. Wer die Schlichtheit und Intensität von Präsenz kennt, fühlt sich eher abgelenkt und belastet durch laute äußere Sinnesreize.
Für diese Menschen sind die Routine und Gewohnheit des Lebens, welche sie von der Intensität trennt, kein wirkliches Problem. Im Gegenteil. Wer den direkten Zugang zu Präsenz kennt, kann die Dynamik der Gewohnheit sogar nutzen. Je stärker ein Handlungsablauf zur Gewohnheit geworden ist, desto weniger ist unser Aufmerksamsein durch das äußere Geschehen gebunden. Es ist damit frei, sich auf anderes zu richten. Das führt bei den meisten Menschen dazu, dass ihre Aufmerksamkeit ermüdet und sie gedankenverloren und gelangweilt sind. Wir könnten jedoch genauso diese Momente der Freiheit dazu nutzen, um tiefer ins Lauschen einzutauchen und uns in der Präsenz zu verankern.




