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Das ist wie beim Autofahren. In der Fahrschule sind wir noch völlig von den Handlungsabläufen – Kuppeln, Schalten, Lenken – vereinnahmt. Wir haben nur wenig Aufmerksamkeit zur Verfügung für die Situation auf der Straße, geschweige denn für anderes. Doch wenn die Handlungsabläufe beim Fahren zur Routine geworden sind, brauchen wir dafür nur noch einen kleinen Teil unserer Aufmerksamkeit. Dadurch können wir viel besser auf die Straße achten und gewinnen einen ganz anderen Überblick beim Fahren oder wir können nebenbei noch ein Gespräch führen. Eine neue Freiheit ist entstanden.
Routine gibt uns die Freiheit, uns mit Wesentlichem zu beschäftigen. Nur noch ein kleiner Teil unserer Aufmerksamkeit wird dann durch das jeweilige Geschehen beansprucht. Unsere Hauptaufmerksamkeit kann in der Präsenz verankert sein. Auf diese Weise kann die Routine unseres Lebens sogar einen Freiraum bieten, mitten im Alltag das SEIN zu kosten.
Experimentiere:
Experimentiere mit alltäglichen Routinehandlungen: Binde dich zuerst an Präsenz an und lass deine Hauptaufmerksamkeit während der ganzen Tätigkeit in der Präsenz verankert.
Das kreative Nichts
Präsenz ist erfüllend und gibt Sinn. Sie ist eine innere Kraftquelle, die immer sprudeln kann, wenn wir ihr Aufmerksamkeit schenken. Sie nährt uns einerseits, sie kann aber auch inspirieren und die Quelle für schöpferische Ideen und kreatives Handeln sein. Viele bedeutende Kunstwerke und Visionen sind aus Momenten von schlichter Präsenz hervorgegangen.
Kreativität ist keine Folge aus erworbenem Wissen oder logischem Nachdenken. Kreativität ist mehr als Logik. Hier wirkt eine andere Intelligenz – die Intelligenz des SEINS. Diese kann sich erst entfalten, wenn wir gewohnte Denkbahnen verlassen und den Raum des Nicht-Wissens aufsuchen. Mit anderen Worten, auf einen Schöpfungsakt können wir uns dadurch am besten vorbereiten, indem wir uns leer machen. Wir verlassen die Perspektive des Denkens und des Wissens und lauschen auf das Nichts. Wir öffnen uns damit für die Weisheit der Präsenz.
Man könnte annehmen, dass, wenn wir dem Nichts lauschen, dann auch nichts weiter geschieht. „Von nichts kommt nichts“, heißt es im Volksmund. Dieser Spruch stimmt für die Alltagswirklichkeit. Zum Beispiel muss ein Handwerker erst sein Handwerk gelernt haben, damit er es ausüben kann. Seine „Kunst“ entsteht aus Wissen und Fertigkeiten. Aber wenn es uns um seelische Inspiration geht oder einen wirklichen kreativen Schöpfungsakt, stimmt diese Volksweisheit nicht. Im Gegenteil. Aus der spirituellen Perspektive müsste der Spruch ganz anders lauten, nämlich „Von nichts kommt alles“. Aus dem unbedingten, ungeformten, nichtsubstanziellen Feld des SEINS geht jegliche Erscheinung hervor. Und nur wenn wir uns öffnen für das SEIN, geschieht ein Schöpfungsakt, eine Inspiration, die über das Gewohnte hinausweist.
Dieser Vorgang findet sich auch sprachlich in dem Wort „Einfall“ wieder. Bei einem Einfall erzeugen nicht wir den Gedanken, sondern er fällt uns zu. Es ist ein Akt des Sich-Öffnens, des Empfangens und kein Akt des Wollens oder des Könnens. Alles, was dazu nötig ist, ist unsere Bereitschaft, eine Haltung des aufmerksamen Offenseins fürs Unbekannte einzunehmen.
Stellen wir uns ein Haus vor. Wenn jemand hereinkommen soll, müssen wir Fenster und Türen offen halten und nicht versuchen, die Besucher als Feinde zu betrachten. Erst dann kann das Neue – das Unbekannte – in uns Raum einnehmen und uns inspirieren. Das bedeutet jedoch auch, dass uns das Neue erweitern und verändern wird. Ein Schöpfungsakt ist eine Begegnung, die uns verändert. Nach einer Begegnung sind wir ein anderer. Wir sind über die alte Form und über das gewohnte Denken hinausgewachsen und gleichzeitig inspiriert durch das Neue.
Dieser Vorgang kann dem Ego jedoch Angst machen. Das Ego identifiziert sich mit dem Bekannten und hält daran fest. Das Neue verspricht Veränderung und daher Unsicherheit. Deswegen verschließen wir zunächst oft die Tür und versuchen in gewohntem und vertrautem Terrain zu bleiben. Selbst wenn wir dadurch nicht zu einer wirklichen Lösung kommen, kreisen unsere Gedanken immer und immer wieder in den gleichen Bahnen. Oft kreisen wir lange vergebens, bis wir endlich aus Einsicht oder Erschöpfung unsere Tür öffnen.
Dazu ist nichts weiter nötig, als aus dem Denken und dem Wollen herauszutreten, und auf das SEIN zu lauschen. Das gelingt nur, wenn wir eine Haltung der Absichtslosigkeit einnehmen, denn Präsenz selbst ist absichtslos. Je tiefer wir uns fürs SEIN öffnen und je stärker Präsenz in uns auftaucht, desto weiter sind unsere Tore geöffnet für einen schöpferischen Einfall, der außerhalb unseres Denkens liegt.
Jetzt braucht es nur noch das Vertrauen und manchmal den Mut, dieser Inspiration zu folgen und ihr Gestalt zu geben. Das kann in Form eines Kunstwerkes, eines Projektes oder eines Lebensweges geschehen. Im Vollzug und der Gestaltwerdung der Eingebung werden wir eine tiefe Befriedigung erfahren, da wir ganz innenzentriert handeln. Wir folgen dann keinem äußeren Anspruch und keiner abhängigen Suche nach Anerkennung. Die Gestaltwerdung durch eine Eingebung ist ein ähnlich natürlicher Vorgang wie das Erblühen einer Blume. Sie ist vollkommen in Einklang mit dem SEIN und nicht gefärbt von unseren begrenzten Vorstellungen.
Experimentiere:
Wenn du nach einer kreativen Lösung eines Problems suchst oder wenn du künstlerisch tätig werden willst, lass alle Ideen darüber los und geh ganz ins Lauschen.
Verweile im Lauschen, bis eine Inspiration erfolgt. Lass sie Gestalt werden…
Die Mächtigkeit des SEINS
Kunstwerke und Projekte, die aus dem Einklang mit dem SEIN entstehen, entfalten eine große Kraft, die wiederum andere Menschen inspirieren kann. Manchmal können einzelne Menschen aus einer tiefen Inspiration heraus eine Bewegung anstoßen, die weit über ihre Person und sogar weit über ihr Leben hinausreicht. Man denke an die großen Religionsgründer.
Entscheidend ist hier sicherlich nicht, wie spektakulär eine Idee ist oder wie viel Werbung für eine Idee gemacht wird, sondern wie tief ein Mensch in seiner Inspiration gegründet ist. Wenn eine Person von einer Vision beseelt ist, handelt sie aus einer inneren Anbindung. Das macht die Person sehr unabhängig von äußeren Meinungen und Widrigkeiten, die auf jedem Weg geschehen.
So entfaltet sich langsam, aber unbeirrbar eine Wirkung, vergleichbar mit dem langsamen, aber kontinuierlichen Wachstum von Bäumen. Auch wenn mancher Sturm über einen Baum hinwegzieht und mancher harte Winter oder trockene Sommer kommt, er wächst unbeirrt weiter. In seinem Wachstum schaut er nicht auf äußere Umstände, sondern nur auf die lebensspendende Kraft, die sich in ihm ausdrücken will. Er ist vollkommen innenzentriert. So wirkt er im Laufe seines Lebens auf vielfältige Weise weit über sein begrenztes Dasein als Baum hinaus. Gelingt es uns, wie ein Baum aus der Tiefe unserer Inspiration zu leben, werden wir auf eine sehr unspektakuläre Weise weit über unseren begrenzten Radius als Person hinauswirken.
Doch das SEIN wirkt nicht nur in Visionen und Projekten, die aus Momenten von Präsenz entstehen. SEIN hat eine unmittelbare Mächtigkeit, die gespürt wird. Da betritt ein spirituelle Lehrerin die Bühne zu einem Vortrag und es entfaltet sich eine Präsenz im Raum, bevor die Person noch ein Wort gesagt hat. Viele der Zuhörerinnen tauchen in eine Stille ein und empfinden eine Intensität, ohne dass noch etwas geschehen ist oder gesagt wurde.
Hier spüren wir die Mächtigkeit von Präsenz. Tatsächlich wirkt häufig die Präsenz der Vortragenden stärker als der Inhalt, um den es geht. Ich habe schon oft in Vorträgen Menschen beobachtet, wie sie berührt und mit glänzenden Augen zuhören, ohne dass etwas Wesentliches oder Neues gesagt wurde. Sie waren gefesselt von der Präsenz der Vortragenden und nährten sich daran. Der Inhalt des Vortrags war nebensächlich.
Diese Erfahrung machen wir auch beim Hören eines Konzertes. Während manches schwierige und vielleicht sogar virtuos gespielte Solo uns nicht berührt, kann umgekehrt ein einfaches Lied, wenn es nur mit großer Präsenz gespielt oder gesungen wird, uns in seinen Bann ziehen. Was uns berührt und eintauchen lässt, ist nur bedingt die Musik selbst oder ihre technische Schwierigkeit. Ergriffen werden wir von der besonderen Präsenz, mit der ein Musiker diese Musik beseelt.
Besonders deutlich können wir dieses Phänomen bei Ritualen erkennen. Ein Ritual hat eine klare Form, die allen bekannt ist. Trotzdem kann sich auch hier in der gemeinsamen Konzentration auf den Vorgang eine Präsenz entfalten, die intensiv und nährend sein kann. Aber nicht der Inhalt des Rituals wirkt, der ist immer gleich, sondern eine lebendige Präsenz, die sich durch das Ritual entfalten kann.
Es gibt Ereignisse und rituelle Räume, die das Eintauchen in eine gemeinsam erfahrene Präsenz fördern. Große Events zum Beispiel entfalten oft diese Wirkung. Aus diesem Grund lieben es viele Menschen, in die Intensität von Großereignissen einzutauchen. Oft werden sogar Menschen, die an der Sache selbst nicht interessiert sind, in deren Bann gezogen und sind danach begeistert. Während der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland hat sich in den Straßen eine friedliche Präsenz entfaltet, die viele Nicht-Fußballfans dazu gebracht hat, sich für Fußball zu interessieren.
In all diesen Fällen spüren wir die Mächtigkeit der Präsenz. Doch häufig sind wir uns dieses Vorgangs nicht bewusst. Wir denken, der Vortrag, die Musik, das Ritual oder das Fußballturnier hat uns erfüllt und merken nicht, dass all diese vordergründigen Geschehnisse Beiwerk für eine größere hintergründige Wirkkraft waren – für das SEIN selbst.
Spirituelle Lehrerinnen sind sich dieser Wirkkraft bewusst und lehren ihre Schülerinnen immer vom Ort der Präsenz aus, manchmal ohne Worte, nur durch „ihr“ SEIN. Dabei kann sich bei einer gewissen Reife der Schülerinnen die Präsenz der Lehrerin auf die Schülerinnen übertragen und sie taucht selbst in eine tiefe klare Erfahrung von Präsenz ein. Es wird ein dichtes nichtstoffliches Feld von SEIN erfahren, das jenseits aller Dinge existiert und doch alle Dinge umfasst. Dieser Vorgang wird als „direkte Übertragung“ zwischen Lehrerin und Schülerin bezeichnet und findet jenseits von Worten statt. Was hier wirkt, ist einzig und allein die Mächtigkeit des SEINS und die Fähigkeit der Lehrerin, sich an diese Macht anzubinden.
Die Kunst dabei ist, dass die Lehrerin mehr auf das SEIN schaut und lauscht, und nur sekundär sich auf das Tun des Lehrens oder auf die Schülerinnen konzentriert. Eine reife Lehrerin ist zuallererst da – vollständig. Sie lässt die Aufmerksamkeit weit werden und dehnt die Präsenz, ihr Dasein, ganz aus. In diesem Zustand nimmt die Person ihren Platz mit ihrer Aufmerksamkeit vollständig ein, nicht nur ein bisschen, vorsichtig oder zaghaft, sondern ganz.
Das bewirkt eine Ruhe und Selbstsicherheit, die nicht in ihrer Kompetenz, ihrem Tun oder in alten Überzeugungen („Ich kann oder weiß das“) wurzelt, sondern in der Kraft des SEINS. Sie ist zuallererst da, ganz da. Sie spürt das Feld des SEINS und fühlt sich dadurch getragen. Daher entfaltet sich ein Selbstvertrauen, das unabhängig ist von ihrem Tun und äußeren Reaktionen darauf. Dieses Selbstvertrauen ist unbeirrbar und unerschütterlich. Das hat Macht, die auch andere Menschen spüren und die entsprechend anzieht.
Wenn es uns gelingt, wie eine spirituelle Lehrerin unseren Fokus tief im SEIN verankert zu lassen und nicht immer wieder auf unser Tun oder auf unsere Wirkung auf andere zu schauen, fühlen wir die Kraft des SEINS als Macht, die uns trägt und daher eine unerschütterliche Sicherheit und ein Selbstvertrauen verleiht, von dem unser Ego sonst nur träumen kann. Dieses Selbstvertrauen ist bei genauerem Betrachten nicht persönlich. Es entsteht nicht aus dem Wissen um persönliche Fähigkeiten oder Eigenschaften, also „weil wir so gut, so klug oder so schön sind“. Wir sind wie immer, in aller Unvollkommenheit, und doch haben wir in diesen Momenten Zugang zu einem SEIN jenseits all dieser Fähigkeiten und Eigenschaften.
Dieses Selbstvertrauen kommt daher nicht aus uns, sondern aus dem SEIN selbst. Wir dürfen nur nicht den Fehler machen, diese Kraft als persönliche Fähigkeit oder als unser Verdienst zu betrachten, sonst führt dies zu einer persönlichen Überhöhung. Das kann schnell dazu führen, dass wir diese Kraft für unsere narzisstische Sehnsucht nach Bestätigung missbrauchen. Über kurz oder lang wird uns jede Egoaktivität, wie zum Beispiel das Sich-Erhöhen über andere, von Präsenz trennen.
Aus diesem Grund gilt im Buddhismus Stolz als eines der klassischen Hindernisse in der Meditation. Stolz ist nichts anderes als eine illusionäre Selbstüberschätzung. Meist ist mit Stolz viel Gedankenaktivität verbunden, in der wir um uns selbst und unseren Wert kreisen. An diesen Gedankenvorgängen können wir erkennen, wenn wir mit Stolz identifiziert sind. Denn das Selbstvertrauen, das aus dem SEIN kommt, kennt kein Gedankenkreisen um sich selbst. Im Gegenteil, wir sind eher im Nicht-Denken, in der Präsenz, zentriert.
Experimentiere:
Achte bei Konzerten oder Vorträgen, die dich sehr ergreifen, bewusst auf die Präsenz der Musiker oder Vortragenden und versuche diese von innen her zu spüren.
Nimm dir die Zeit, dich bei eigenen öffentlichen Aktivitäten tiefer an Präsenz anzubinden, bis du ganz „da“ bist. Fokussiere auf das SEIN und lass die Aktivität entstehen.
1.5 Präsenz in Beziehungen
Präsenz ist eine Kraft. Das können wir nirgends besser beobachten als in Beziehungen. Dort erleben wir die unmittelbare Wirkung dieser Kraft. In der Liebesbegegnung oder in der Fußballarena suchen wir unbewusst die Kraft der Präsenz und nähren uns daran.
Begegnen wir einer Person, die eine starke Präsenz ausstrahlt, fühlen wir uns hingezogen und suchen ihre Nähe. Das ist nur natürlich, da auch unsere Präsenz – das Empfinden für unser Dasein, für Intensität und Wesentlichsein – im Feld der Präsenz einer anderen Person zunimmt. Wenn wir dagegen über längere Zeit nur Kontakte ohne Frische und Präsenz haben, fühlen wir uns nicht genährt und verlieren das Empfinden für unser grundlegendes Dasein. Wir erleben uns selbst gleichsam als Schatten, grau und ungreifbar.
Das Grundbedürfnis nach Bestätigung
Wo wir diesen Vorgang besonders deutlich beobachten können, ist bei Kindern. Kinder brauchen die Präsenz der Eltern für ihr seelisches Wachstum. Präsenz ist die grundlegendste seelische Nahrung für Menschen. Ohne diese verkümmert das Empfinden für das eigene Dasein und für den eigenen Wert.
Stellen wir uns vor, eine Mutter begegnet ihrem Kind aus der Präsenz heraus. Was geschieht bei diesem Vorgang genau? Die Mutter bindet sich ans SEIN an, vielleicht indem sie tiefer ins Lauschen geht. Sie ist. Sie spürt ihr eigenes Dasein. In diesem Zustand ist sie ohne Wollen und ohne Vorstellung, einfach offen. Daher kann sie auch dem Kind ohne Wollen und ohne Vorstellung begegnen. In einem solchen Moment sieht sie das Wesen ihres Kindes. Sie schaut darauf, wie es ist, und nicht darauf, wie sie es gerne hätte.
Die Folge ist, dass sich das Kind gesehen und geliebt fühlt. Wenn uns jemand ohne Vorstellungen sieht und nimmt, fühlen wir uns geliebt und frei, zu sein, wer wir natürlicherweise sind. Wir können unser Wesen entfalten, ohne die üblichen Anpassungs- oder Schutzmechanismen unseres Egos. Wir haben das Gefühl, dass unser natürliches Sein von Interesse und damit wertvoll ist. So gewinnen wir ein gesundes Selbstvertrauen und werden unser Leben aus unserer inneren Wahrheit heraus gestalten können.
Umgekehrt, wenn Eltern ihren Kindern nur sehr wenig „seinshafte“ Beachtung schenken können, fühlt sich das Kind weder gesehen noch geliebt. Es entwickelt die Überzeugung, dass das eigene Wesen nicht von Interesse ist, mit anderen Worten ohne Wert. Kinder brauchen aber trotzdem die Bestätigung der Eltern und suchen deren Aufmerksamkeit. Wenn sie diese nicht durch ihr natürliches Sein gewinnen können, beginnen sie sich an die Wertvorstellungen der Eltern anzupassen, um dadurch mehr Zuwendung zu bekommen.
Zum Beispiel könnte ein Kind merken, dass es in seiner Familie dann mehr Aufmerksamkeit bekommt, wenn es besondere Leistungen in einem bestimmten Bereich erbringt. Wenn dies im Bereich des Möglichen liegt, wird es sich wahrscheinlich in diese Richtung entwickeln, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen und in seinem Wert bestätigt zu werden. Allerdings entfernt es sich dabei vom natürlichen Wert, der in der Entfaltung des natürlichen Wesens liegt. Wir jagen einem Scheinwert hinterher, manchmal ein Leben lang.
Doch nicht immer versuchen Kinder sich den Vorstellungen der Eltern anzupassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Manche Kinder gehen in den Widerstand und verweigern sich. Auch Widerstand zieht viel Aufmerksamkeit auf sich, wenn auch keine positive. Aber besser eine negative Aufmerksamkeit als gar keine. So können wir eine „Widerstandsidentität“ bekommen, die unser weiteres Leben unbewusst bestimmen kann. Jedes Mal wenn wir eine neue Beziehung gestalten (besonders in hierarchischen Beziehungen), gehen wir in den Gegenpol oder in die Verweigerung und „ernten“ unbewusst viel Aufmerksamkeit.
Obwohl unser Widerstand unser natürliches Wesen schützen will und Anpassung verweigert, haben wir jedoch auch hier, solange wir mit dem Widerstandsmuster identifiziert sind, kaum eine Chance, uns in unserer Natürlichkeit zu entfalten. Wir sind nicht frei, wir selbst zu sein, sondern müssen aus einem inneren Zwang heraus dagegen sein. Im Innersten fühlen wir genauso ein Wertloch wie diejenigen, die sich an einen Scheinwert anpassen.
In beiden Fällen kennen wir unseren wahren Wert nicht, der in unserem SEIN liegt. Wir fühlen uns irgendwie verloren und können den natürlichen Impulsen unseres Wesens nicht vertrauen. „Was will ich wirklich? Wer bin ich eigentlich? Was gibt meinem Leben Sinn?“ sind die typischen Fragen, die wir uns stellen. Wie ein Schiff ohne Steuerruder treiben wir übers offene Meer und werden mal hierhin und mal dorthin gespült. So fühlt es sich an, wenn wir nicht aus unserer Wesenswahrheit heraus leben und dadurch keine innere Orientierung in den Wechselfällen des Lebens haben.
Reflektiere:
Kennst du Momente, in denen deine Eltern oder andere Menschen dich in deinem Wesen gesehen und angenommen haben?
Erforsche, wie du dich in diesen Momenten gefühlt hast: Wie war dein körperliches, seelische Erleben dabei? Wie erfährst du in diesen Augenblicken deinen Wert?
Wie könntest du dein Leben gestalten, wenn das immer dein Grundgefühl wäre?
Der Leidenskreislauf der Persönlichkeit
Aus diesem Grund besteht die große Herausforderung des Elternseins nicht darin, unsere Kinder zu erziehen (also sie an gesellschaftliche Konventionen anzupassen), sondern ihnen mit Präsenz zu begegnen. Das ist im Alltagsgetriebe nicht immer leicht, da wir unter Stress unsere Präsenz verlieren und meistens mit gewohnten Mustern reagieren.
Außerdem haben wir alle viele Vorstellungen davon, wie ein „gutes“ Kind sein soll. Diese sind bereits aus unseren Herkunftsfamilien übernommen und prägen den Kontakt zu unseren Kindern daher meist vollkommen unbewusst. Viele dieser Vorstellungen sind bei Licht betrachtet nichts weiter als gesellschaftliche Konditionierungen und dienen nicht dem Wesen des Kindes, sondern nur der Entwicklung von Anpassungsstrategien. Manche dieser Vorstellungen sind vielleicht auch sinnvoll, aber alle noch so guten Erziehungsmaßnahmen beinhalten im Kern eine subtile Vorstellung davon, wie das Kind sein muss, damit es „in Ordnung“ ist und wie nicht.
Subtil vermittelt also jede Erziehung, auch die sanfteste, dem Kind die Grundbotschaft: „Du bist nur unter bestimmten Dingen in Ordnung und damit geliebt.“ Es entsteht mehr oder weniger stark im Kind das Gefühl, in seinem ganzen Sein nicht angenommen und geliebt zu sein. Dieses Grundgefühl „nicht angenommen zu sein“ ist die Basis unseres Egos und aller Anpassungsstrategien der Persönlichkeit. Denn wenn wir das Gefühl haben, nicht in Ordnung und damit wertlos zu sein, werden wir uns anstrengen dafür, wertvoll zu werden.
Diese Anstrengungen entfernen uns allerdings gleichzeitig von unserem natürlichen Sosein. Der Leidenskreislauf der Persönlichkeit beginnt: Ich fühle mich nicht angenommen… ich strenge mich an dafür, angenommen zu werden… ich entferne mich von meinem Wesen und fühle mich entfremdet… und selbst wenn ich für meine Anstrengung von anderen Anerkennung bekomme, wird dadurch nur bestätigt, dass man sich anstrengen muss, um angenommen zu sein… in meinem Wesen – in dem, was ich ohne Anstrengung bin – fühle ich mich weiterhin nicht angenommen… also werde ich mich noch mehr anstrengen dafür, angenommen zu werden…
Reflektiere:
Welche grundlegenden (vielleicht unausgesprochenen)
Vorstellungen hatten deine Mutter und dein Vater davon, wie ein „gutes“ Kind (oder guter Mensch) sein soll?
Wie strengst du dich an, um diese in deinem Leben zu erfüllen?
Was unsere Kinder also brauchen, ist nicht in erster Linie Lob und Anerkennung, um ein natürliches Selbstwertgefühl zu entwickeln, sondern unsere Präsenz als Eltern. Nur Präsenz bestätigt Kinder in ihrem natürlichen Sosein. Präsenz sieht, ohne zu wollen und zu werten. Präsenz schenkt Aufmerksamkeit und Interesse und vermittelt Kindern, dass sie sein dürfen und in ihrem Sein angenommen sind. Auf dieser Basis entwickelt sich im Kind ein Grundgefühl, in Ordnung und geliebt zu sein.
Natürlich muss ein Kind trotzdem noch manche kulturelle Anpassung vollziehen, um sich in soziale Gegebenheiten einfügen zu können. Aber wenn das Grundlegende an der Elternbeziehung die Erfahrung des Angenommenseins ist, wird sich dieses Grundgefühl immer mehr verankern, und notwendige Anpassungsleistungen werden vom Kind meist natürlich und leicht vollzogen. Kinder, die sich grundlegend angenommen fühlen, sind verankert in ihrem Wert und leben innenzentriert. Trotzdem fügen sie sich in einer natürlichen Weise ein, wenn es notwendig ist, ohne sich dabei zu verlieren.
Mit Kindern sein
Doch was bedeutet es konkret, Kindern mit Präsenz zu begegnen? Wenn unser Kind am Frühstückstisch sitzt und von seinen Träumen erzählt, sollen wir dann in die Stille lauschen und nicht zuhören? Natürlich ist diese Form der unbedingten Präsenz, wie sie in der Übung „Schauen ins Nichts“ beschrieben wird, in der Begegnung mit Menschen meist nicht geeignet.
Aber wenn uns Präsenz als grundlegende Erfahrung vertraut und leicht zugänglich ist, können wir uns in jeder Situation mehr oder weniger stark an Präsenz anbinden und von dort aus handeln. Dazu ist lediglich notwendig, dass wir uns an die Präsenz erinnern und innerlich den Fokus unserer Aufmerksamkeit öffnen und mehr ins Lauschen gehen.
Jetzt zum Beispiel beim Lesen dieser Zeilen. Lies weiter, aber sei nicht vollkommen hypnotisiert durch den Text, sondern lass deine Aufmerksamkeit weiter werden. Geh ins Lauschen und lies weiter. Präsenz und lesen… Lesen in Präsenz…
Wenn unsere Aufmerksamkeit sehr fokussiert ist – das kann durch einen Text sein, durch ein Gespräch, eine innere Vorstellung oder eine Tätigkeit –, dann vergessen wir die Weite des SEINS – die Präsenz. Das geschieht natürlich auch in Begegnungen. Wenn unser Kind von seinen Träumen erzählt, hören wir zu und achten vielleicht nur noch auf den Inhalt der Erzählung. Oder wir denken daran, dass es sich fertig machen muss für die Schule. Wir sind vielleicht damit beschäftigt, das Pausenbrot zu machen oder wir ärgern uns darüber, dass unser Kind beim Essen schmatzt. In all diesen Fällen verhalten wir uns als fürsorgliche Eltern, aber unser Kind bekommt von uns keine Aufmerksamkeit für sein Wesen.
So können viele Mahlzeiten vergehen, ohne dass das Wesen des Kindes gesehen oder bestätigt wird. Wir lieben unsere Kinder und meinen es gut mit ihnen und geben ihnen doch oft die grundlegende Nahrung der Präsenz nicht.
Doch wie leicht wäre es, sich an Präsenz zu erinnern und den Fokus weiter zu machen? Uns nicht von der Geschichte, der augenblicklichen Tätigkeit oder unseren Vorstellungen hypnotisieren zu lassen und in der jetzt entstandenen Weite unser Kind zu sehen? Wir könnten dann das Sein des Kindes sehen und erst einmal damit sein, bevor wir reden, handeln, versorgen, loben oder maßregeln.




