Warum uns der Klimawandel an innere Grenzen bringt …

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Fragen zur eigenen Reflexion
• Wie bewusst ist mir die Dynamik des Klimawandels?
• Welche Rolle spielt er in meiner Innenwelt? Welchen Raum nimmt er in meinem äußeren Leben ein?
• Kann ich zwischen Diagnose (aktueller Stand der Klimaerwärmung) und Prognose (Zukunftsszenario einer fortschreitenden Erhitzung) unterscheiden? Kann ich das auch dann noch unterscheiden, wenn ich mit anderen Menschen darüber spreche?
• Welche Gefühle löst die Zukunftsprognose aus?
KAPITEL 2
Die tieferen Ursachen des Klimawandels
Ich dachte immer, dass die Hauptprobleme unserer Umwelt der Verlust der Artenvielfalt, der Kollaps unseres Ökosystems und der Klimawandel seien. Ich dachte, dass wir diese Probleme bewältigen könnten, wenn wir innerhalb von 30 Jahren wissenschaftlich nur weit genug vorankämen. Aber ich habe mich getäuscht.
Unsere größten Umweltprobleme liegen im Egoismus, in der Gier und in unserer Gleichgültigkeit … und um damit umzugehen, brauchen wir einen spirituellen und kulturellen Wandel – und wie wir diesen Wandel anstoßen und vollziehen können, das wissen wir Wissenschaftler nicht.
GUS SPETH3
Wie ist es möglich, dass wir als Menschen trotz unserer hohen Intelligenz unsere Lebensgrundlage, also die Ökosysteme, in die wir eingebettet sind, systematisch schädigen, ja vielleicht sogar vernichten? Ist das nicht alles andere als intelligent?
Offensichtlich scheint uns unser Verstand mit all seiner Intelligenz nicht davor zu bewahren, für kurzfristige Vorteile die Schädigung unserer Lebensgrundlage in Kauf zu nehmen. Im Gegenteil. Man hat fast den Eindruck, dass der Verstand alles, was denkbar ist, erreichen will. Ob Atombombe, genetische Manipulationen oder Expeditionen zum Mars, der Verstand kennt keine Schranke, sondern nur die Logik, dass das, was denkbar ist, auch machbar ist. Und das, was machbar ist, gemacht werden muss.
Wenn wir diese Dynamik betrachten, sehen wir, dass in ihrem Zentrum die »Machbarkeit« und damit eine Zunahme an Macht steht. Das Sanskritwort für Mensch ist »purusha« und bedeutet, »etwas, das Macht hat«. Nicht anders lässt sich die Entwicklung des Menschen bis zum heutigen Tag begreifen. Seine Intelligenz hat ihm eine ungeheure Zunahme an Möglichkeiten auf diesem Planeten beschert. Seine Werkzeuge wurden dabei so mächtig, dass er bereits jetzt das Antlitz dieser Erde unwiederbringlich verändert hat.
Natürlich ist die Dynamik des Verstandes nicht nur schlecht oder gefährlich. Sie hat dem Menschen auch sein Überleben gesichert, unzählige Annehmlichkeiten hervorgebracht und zeitlose Kulturgüter geschaffen. Ohne das Streben des Verstandes gäbe es kein Wasserklosett, kein Radio und keine Sinfonie von Beethoven. Es wäre also völlig falsch zu sagen, der Verstand sei die Wurzel des Problems und gefährde mit seiner expansiven Kraft unser Überleben und das Leben anderer Wesen auf diesem Planeten.
Unsere Intelligenz ist nicht das Problem. Sie ist vielmehr ein ungeheuer machtvolles Werkzeug, das uns Menschen zur Verfügung steht. Sie kann gleichermaßen für konstruktive, also dem Leben dienende Prozesse, als auch für destruktive, also dem Leben schadende Prozesse eingesetzt werden. Wie jedes andere Werkzeug auch, kennt die Kreativität des Verstandes keine Ethik.
Ein Hammer zum Beispiel ist ein wunderbares Werkzeug, um Nägel einzuschlagen, und dafür äußerst nützlich. Wir können ihn jedoch auch dazu verwenden, etwas zu zerstören. Dann wird er zu einem destruktiven Instrument. Dem Hammer ist es einerlei, wofür er gebraucht wird, und niemand würde auf die Idee kommen, einen Hammer dafür verantwortlich zu machen, wenn er eine destruktive Wirkung entfaltet. Denn das Problem liegt nicht im Hammer, sondern in der Intention, mit der er eingesetzt wird.
Wofür setzen wir unsere Intelligenz ein?
Wenn wir also erkennen, dass die Intelligenz des Verstandes ein Werkzeug ist, das uns dabei helfen kann, zutiefst humane Dinge zu tun, das aber auch dazu eingesetzt werden kann, Wirtschaftssysteme zu betreiben, die unsere Lebensgrundlage gefährden, oder Kriege zu führen, unter denen ganze Völker leiden, dann müssen wir uns fragen: »Was ist die Intention, die unsere Intelligenz leitet? Wofür setzen wir unseren Verstand ein?«
Wenn wir uns diese Frage stellen, dann erkennen wir an, dass es etwas Grundlegenderes als den Verstand gibt – eine zugrunde liegende Intention, die dem Werkzeug unserer Intelligenz eine Richtung gibt. Im Zentrum steht dann nicht mehr die Machbarkeit und die expansive Kraft des Verstandes, sondern eine Motivation, die darüber entscheidet, wie das Instrument des Verstandes eingesetzt wird.
Doch wo ist diese Grundintention angesiedelt? Gibt es etwas Grundlegenderes, das uns zum Menschen macht, als unseren Verstand? Ja, das gibt es. Menschen sind nämlich nicht nur denkende Wesen, sondern vor allen Dingen auch fühlende Wesen. Menschen haben eine Seele. Das unterscheidet uns ganz grundlegend von Maschinen oder Computern, die zwar höchst effektiv arbeiten und in gewissem Sinne auch denken können, aber nicht fühlen.
Die Fähigkeit zu fühlen gibt uns die Möglichkeit einer hohen Empathie für andere Menschen, aber auch für Tiere und Pflanzen. Sie gibt uns die Möglichkeit, nicht nur zu wissen, dass wir Teil dieses Ökosystems Erde sind, sondern diese Einheit des Lebens unmittelbar zu erfahren. Wie oft wird mir berichtet, dass Menschen eine tiefe Verbundenheit erfahren, wenn sie in der Natur unterwegs sind. Wie viel Zeugnisse gibt es davon, dass Menschen immer wieder von der Schönheit und Erhabenheit des Lebens tief berührt sind und in diesen Momenten dem Geheimnis des Lebens ganz nahekommen.
Die Seele ist das Organ, das lieben kann. Eltern versorgen ihre Kinder nicht, weil es vernünftig ist, dies zu tun, sondern weil sie sie lieben. Diese Liebe ist der Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit den eigenen Kindern. Wenn Eltern diese Verbundenheit motiviert, werden sie dann ihre Kinder schädigen oder sie verletzen? Wohl kaum. Sie werden im Gegenteil alles dafür tun und auch ihre Intelligenz dafür einsetzen, ihre Kinder zu schützen und sie in ihrer Entwicklung zu unterstützen, selbst wenn sie als Eltern dabei auf manches verzichten müssen.
Verbundenheit und Würde
Die fühlende Seele lebt in einer tiefen Verbundenheit mit sich und allen Wesen. Wenn wir diese Verbundenheit in der Tiefe nicht spüren können, leiden wir als Mensch. Dieses Leiden zeigt sich als Einsamkeit, als Unzufriedenheit, als Sinnlosigkeit oder als Sehnsucht. Es ist der Ruf der Seele nach sich selbst. Erst wenn wir diese Verbundenheit in der Tiefe fühlen, kommt etwas in uns zur Ruhe, und wir fühlen die Sinnhaftigkeit unseres Daseins.
Das Gefühl von Sinn entfaltet sich daher nicht durch »sinnvolle« Handlungen oder durch Aufgaben, die wir übernehmen, sondern immer dann, wenn wir uns innerlich verbunden fühlen.
Erst dann spüren wir in der Tiefe den Platz, den wir im Verbund des Lebens einnehmen, und wir spüren die Würde, die in uns und in allen fühlenden Wesen wirkt.
Auch Würde ist ein zentraler Aspekt der Seele, genauso wie die Liebe, die aus tiefer Verbundenheit erwächst. Wir können über Würde diskutieren, wir können sie im Grundgesetz verankern, aber wir müssen sie fühlen, um sie wirklich zu begreifen. Nur dann kann sie ihre Wirkung entfalten und wird für uns zu einer lebensbejahenden Basis, die in allem Lebendigen spürbar wird.
Würde kann uns niemand geben. Wertschätzung kann uns entgegengebracht werden, aber Würde nicht. Würde ist der seinshafte Wert, der allem Lebendigen immanent ist. Sie ist in allen lebendigen Wesen bereits vorhanden, und wenn wir uns seelisch mit einer Pflanze oder einem Tier verbinden und die Einzigartigkeit, die Kostbarkeit und Zerbrechlichkeit dieses fühlenden Wesens spüren, erfahren wir auch seine Würde.
Diese Würde besteht unabhängig davon, ob uns ein Wesen oberflächlich betrachtet gefällt oder nicht. Sie ist auch nicht davon abhängig, ob uns ein Wesen nutzt oder nicht. Eine sogenannte Nutzpflanze hat die gleiche Würde wie ein sogenanntes Unkraut. Ein Mensch, der eine hohe Stellung in der Gesellschaft genießt, hat die gleiche Würde wie eine einfache Hausfrau. All diese Kategorien von wertvoll und nicht wertvoll bestehen in unserem Verstand. Wenn wir uns aber fühlend mit Menschen, Tieren und Pflanzen verbinden und sie liebend in ihrer Einzigartigkeit betrachten, werden wir in allen Wesen die gleiche, unantastbare Würde entdecken.
Spätestens hier müssen wir anerkennen, dass nicht nur Menschen fühlende Wesen sind und damit eine Seele und eine Würde besitzen, sondern auch Bäume und Gräser, Kühe und Insekten. Von hier aus sieht die Welt anders aus. Hier gibt es nicht den intelligenten Menschen und ihm gegenüber eine unbeseelte Natur, die uns zur Verfügung steht, um uns zu ernähren und zu erfreuen, sondern es gibt nur das Eingebundensein in eine Welt von ungeheuer vielfältigen, lebendigen und beseelten Wesen, die alle die gleiche Lebensberechtigung und Würde haben wie wir selbst.
Aus dieser Perspektive ist der zentrale Satz in unserem Grundgesetz »Die Würde des Menschen ist unantastbar« ungenügend. Vielmehr müsste er heißen: »Die Würde aller Lebewesen ist unantastbar.« 4
Wie Seele und Verstand zusammenwirken können
Wenn wir in einer wirklichen Verbindung mit unserer Seele sind, nutzen wir das machtvolle Instrument unseres Verstandes anders. Es geht dann nicht mehr um die Frage, wie wir andere Wesen zu unserem Vorteil benutzen können. Denn wenn wir liebend verbunden sind und die Würde des Lebens in allem spüren, werden wir nicht mehr unser Wohl über das Wohl von anderen stellen können. Wir würden ja auch nicht unsere Kinder für unseren Vorteil ausbeuten oder schädigen.
Nein, wenn die Seele mit ihrer Verbundenheit und Würde im Zentrum unseres Menschseins steht, geht es nur noch um die Frage, wie wir das Miteinander in Vielfalt, was Leben zuinnerst ausmacht, mit unserem Dasein und unserer Intelligenz als Mensch unterstützen können. Unser Verstand agiert dabei nicht abgekoppelt von unserer Seele, sondern als machtvolles Werkzeug, das seine Kreativität für aufbauende, konstruktive Prozesse einsetzt. Erst wenn der Verstand sich der Seele unterordnet, nimmt er wieder seinen angestammten Platz ein und wird zu einem kreativen Instrument des Friedens, der Demut und der Liebe.
Das ist freilich nicht ganz einfach und bleibt eine immerwährende Aufgabe. Denn die innere Verbindung herzustellen, ist kein einmaliger Vorgang. Sie muss immer wieder neu gefühlt und aktualisiert werden. Wir brauchen dazu im eigenen Leben
Besinnungsräume, wie die Meditation oder die Natur, in denen wir uns immer wieder in der Tiefe mit unserer Seele verbinden können. Und wir sollten auch in unserer Gesellschaft der Seele und der Herzensbildung viel mehr Wert beimessen. Das könnte bei den Kindern in der Schule beginnen. Denn wie wollen wir der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe gerecht werden, dass der Verstand wieder mehr der Seele dient, wenn wir bereits bei unseren Kindern hauptsächlich kognitive Leistungen fördern?
Wann ist es geschehen, dass sich der Verstand von der Seele abgekoppelt und immer mehr zu einer expansiven Kraft entwickelt hat, die die Würde des Lebens missachtet und aus Profitgier verletzt? Wahrscheinlich gab es diese Tendenz schon immer. Sie mag seit der Aufklärung noch einmal zugenommen haben, da dem Verstand seit dieser Zeit eine besonders hohe gesellschaftliche Wertigkeit beigemessen wird. Doch wie gesagt, vermutlich ist die Gefahr, dass sich der Verstand von der fühlenden Seele und damit vom grundlegenden Wissen um das Eingebundensein abkoppelt, im Menschen angelegt.
Eine besondere Tragweite erhält dieser Vorgang dadurch, dass wir als Menschen seit der Industrialisierung derart machtvolle Maschinen zur Verfügung haben. Eine abgekoppelte Intelligenz, die nur das »Weiter, Schneller und die Expansion« im Sinn hat, schädigt inzwischen die Ökosysteme so massiv, dass sie sogar die Menschheit und das Leben auf der Erde in seiner Ganzheit bedroht. Wenn wir jetzt keine grundlegende Korrektur vornehmen und wieder der Seele mit ihrer Liebe und Würde den ersten Platz geben, werden »technische Korrekturen«, wie die Umstellung auf erneuerbare Energien, uns nicht wirklich retten können: Sie greifen zu kurz und lassen die tiefere Ursache außer Acht.
Fragen zur eigenen Reflexion
• Wie sehe ich die Beziehung zwischen Mensch und Natur? (Male ein Bild dazu oder visualisiere diese Beziehung.)
• Kann ich empfinden, dass Pflanzen und Tiere »fühlende Wesen« sind?
• Wie begegne ich Pflanzen oder Tieren, wenn sie fühlende Wesen sind und eine Würde haben?
• Was steht üblicherweise im Zentrum meines Lebens: der Verstand oder die Seele? Visualisiere die Beziehung zwischen Seele und Verstand fantasievoll.
• In welcher Situation habe ich mich tief verbunden gefühlt? Welchen Stellenwert hat der Verstand in diesen Momenten?
• Was unterstützt mich dabei, mich tiefer mit meiner Seele zu verbinden?
KAPITEL 3
Wir sind keine Opfer
Habt ihr erst einmal erkannt, dass ihr selbst der Urheber eurer Probleme seid, werdet ihr den Schuldigen nicht mehr außerhalb von euch suchen.
GENDÜN RINPOCHE5
Kürzlich war ich auf einer Demonstration von »Fridays for Future«. Es war bewegend, wie die jungen Menschen vorneweg zogen und mit jugendlichem Enthusiasmus ihren Wahlspruch schmetterten: »Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.« Dieser Spruch war gut gewählt. Ich schaute mich um und sah Kinder und Jugendliche in jedem Alter vertreten. Sogar Babys wurden von ihren Eltern mitgetragen. Ich war zu Tränen gerührt. Ja, es stimmte. Diese unschuldigen Wesen sind jetzt da. Sie sind voller Hoffnung und Lebensmut auf dieser Welt angekommen und fordern nun lautstark und in aller Unschuld ihr Recht auf eine lebenswerte Zukunft ein.
Auch viele Erwachsene jeden Alters waren zugegen und zogen, meist schweigend, hinter dem lärmenden Kopf des Demonstrationszuges her. Wieso schwiegen die Erwachsenen? Wieso wagten sie es nicht, das Motto der Jugendlichen in den Mund zu nehmen, geschweige denn laut zu verkünden? Ich glaube, es lag nicht nur daran, dass Erwachsene nicht mehr so enthusiastisch sein können wie Kinder, sondern vor allen Dingen daran, dass jedem Erwachsenen, der einigermaßen reflektiert ist, dieser Satz im Hals stecken bleibt. Denn an wen richtet sich dieses Motto? Wer ist »ihr«?
An die Politiker, die eine Verantwortung für die kollektiven Strukturen und den notwendigen gesellschaftlichen Wandel tragen? An die Erwachsenen, die seit Generationen in den westlichen Industrienationen über ihre Verhältnisse leben, die dadurch die Ökosysteme schädigen und den zukünftigen Generationen eine ungeheure Last aufbürden?
Auch ich hätte es nicht gewagt, das Motto der Jugendlichen zu übernehmen. Beschämt muss ich mir nämlich eingestehen, dass auch ich mit meiner Art zu leben, eindeutig über dem Maß liege, und damit die natürlichen Ressourcen und das Klima belaste. Natürlich hat die Politik hier eine besondere Verantwortung und die Macht darüber, entscheidende systemverändernde Weichenstellungen vorzunehmen. Und es ist wichtig, die Politik hier in die Pflicht zu nehmen. Aber wir können die Verantwortung für den Klimawandel nicht auf die Politik oder die Wirtschaft abwälzen. Schließlich sind wir die Generation, die seit den 1960er-Jahren 66 % aller CO2-Emissionen Deutschlands durch unseren historisch unvergleichlichen Lebenswandel verursacht hat.
Jeder einzelne Mensch trägt mit seinem Leben und seinem Verhalten seinen Anteil dazu bei, ob die Klimaerwärmung weiter zunimmt oder nicht. Das ist eine bittere Erkenntnis, birgt aber auch eine große Chance. Denn wenn jeder einzelne Mensch mit seiner Art zu leben ursächlich für die Klimakrise mitverantwortlich ist, dann hat auch jeder einzelne Mensch die Möglichkeit, seinen Lebensstil zu verändern und damit einen unmittelbaren Beitrag zur Lösung des Problems zu liefern.
Anders gesagt: Wir sind keine Opfer des Klimawandels. Wir sind die Täter. Dieses Eingeständnis ist der erste Schritt, um eine Veränderung einzuleiten. Von den Anonymen Alkoholikern wissen wir, dass ohne das Eingeständnis, Alkoholiker zu sein, kein Gesundungsprozess stattfinden kann. Wie wollen wir Verantwortung für unsere expansive und die Natur und das Klima belastende Art zu leben übernehmen, wie wollen wir uns ändern, wenn wir uns nicht eingestehen, dass wir selbst es sind, die unseren Kindern durch unser Verhalten die Lebensgrundlage entziehen?
Jeder einzelne Mensch trägt Verantwortung
Ein entscheidender Moment, der mich persönlich aufgerüttelt hat und mir meine Verantwortung für mein Verhalten bewusst gemacht hat, war, als mir plötzlich der Gedanke kam: »Was sage ich meinen Kindern, wenn sie mich eines Tages fragen, was ich getan habe, um die Klimakrise abzuwenden.« Wahrscheinlich werden sie irgendwann sagen: »Du hast es doch gewusst. Warum hast du dein Leben nicht geändert und warum hast du dich nicht dafür eingesetzt, dass sich grundlegende Strukturen verändern?«
Dieser Gedanke trifft mich tief. Schließlich bin ich in einer Generation aufgewachsen, die ihre Eltern gefragt hat, was sie gegen das menschenverachtende Regime des Nationalsozialismus getan haben. Auf diese Frage hatten unsere Eltern eine gute Ausrede. Sie konnten sagen, dass es gefährlich gewesen wäre, gegen das Regime aufzustehen. Diese Ausrede haben wir Erwachsene heute nicht. Wir haben nichts zu befürchten, wenn wir die eigenen Lebensgewohnheiten umstellen und uns politisch für einen ökologischen Wandel einsetzen. Das Einzige, was wir dabei riskieren, ist unsere Bequemlichkeit und einen kleinen Teil unseres materiellen Wohlstandes.
Tatsächlich haben wir alle Freiheiten und alles Wissen dazu, unser Leben so zu organisieren, dass wir in Zukunft deutlich weniger CO2 ausstoßen. Und selbst wenn wir manches nur schwer ändern oder vermeiden können, da wir mit unserem Leben auch in gesellschaftliche Systeme eingebettet sind, haben viele Menschen die finanziellen Möglichkeiten, so viele Bäume aufzuforsten, dass sie ab heute klimaneutral leben können. Es liegt einzig und allein an uns, ob wir uns unseren Lebensstil eingestehen und dafür Verantwortung übernehmen oder nicht.
Doch genügt es, wenn wir unser individuelles Leben ändern und ab morgen CO2-neutral leben? Ist das nicht naiv, zu glauben, wir könnten an der Dynamik der Klimawandels dadurch etwas ändern, dass wir unseren Minibeitrag dazu leisten? Ist das nicht, als ob wir versuchen, einen mächtigen Waldbrand zu löschen, indem wir dagegen anpusten?
Diese Argumentation höre ich immer wieder. Was hat mein kleiner Verzicht, keine Urlaube mehr mit dem Flugzeug zu machen, für eine Bedeutung gegen den wachsenden Flugverkehr? Was macht es für einen Sinn, das eigene Leben umzustellen und weniger CO2 auszustoßen, wenn Milliarden von Menschen in China und Indien immer mehr Wohlstand anstreben und entsprechend deren CO2-Ausstoß zunehmen wird? Bin ich nicht einfach nur dumm, wenn ich mein Leben umbaue und einschränke, obwohl es global betrachtet so gut wie keine Wirkung hat, ob ich Verantwortung für mein Leben übernehme oder nicht?
Es ist heutzutage ein seltsames Phänomen, dass Menschen, die über ihr eigenes Wohlbefinden hinausdenken und sich konsequent für ein menschenwürdiges und ökologisches Leben einsetzen, als »Gutmenschen« verunglimpft werden. Sie gelten schnell als naiv, als Alternative, als Spinner. Ist das nicht eine wunderbare Ausrede, um selbst nicht in den Spiegel zu schauen und keine unbequemen Konsequenzen ziehen zu müssen?
Betrachten wir diese Argumente genauer. Ja, es genügt nicht, das eigene Leben umzustellen und selbst klimaneutral zu leben. Um die Klimakatastrophe abzuwenden, müssen sich auch globale Strukturen verändern. Das ist ein politischer Prozess und es macht Sinn, an diesem Strukturwandel mitzuwirken, ihn einzufordern und sich öffentlich und politisch dafür einzusetzen.
Aber wie können wir uns glaubhaft für einen Strukturwandel auf einer gesellschaftlichen Ebene einsetzen, wenn wir selbst mit unserer Lebensweise nach wie vor über unsere Verhältnisse leben und die Würde des Lebens verletzen? Wie können wir fordern, dass große Systeme, die den globalen Brand ständig weiter anheizen, verändert werden müssen, wenn wir selbst weiterhin im Kleinen ständig Feuer legen?
Was kann ich schon ausrichten?
Die Erkenntnis, dass wir selbst mit unserer persönlichen Lebensweise zu der ökologischen Krise des Klimawandels beigetragen haben, ist bitter, sie kann aber auch befreiend wirken. Denn wenn wir uns bewusst werden, dass es durchaus einen Unterschied macht, wie wir persönlich leben, dann spüren wir wieder unsere Selbstwirksamkeit. Erst dort, wo wir Verantwortung übernehmen, fühlen wir uns nicht einem übermächtigen Geschehen ausgeliefert, sondern gewinnen unsere Macht zurück.
Das gilt für alle Situationen, die uns überfordern oder verletzen. Immer fühlen wir uns zunächst als Opfer der Umstände und entsprechend hilflos. Was kann ich schon tun, wenn meine Chefin beschließt, dass ich Überstunden machen muss? Wie kann ich mich schützen davor, dass mich eine Nachbarin entwertet? Wie soll ich mich stark fühlen, wenn ich durch eine schwere Krankheit mit einer großen Schwäche konfrontiert bin? Was kann ich schon tun gegen das Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten? Konfrontieren uns nicht all diese Situationen mit unserer Schwäche, unserer Kleinheit und Verletzlichkeit?
Solange wir uns nicht diese Gefühle der Hilflosigkeit als zutiefst menschlich und natürlich zugestehen, kämpfen wir dagegen an und fühlen uns als Opfer. Wenn wir jedoch den Schritt machen, unsere Überforderung und damit unsere Kleinheit anzuerkennen, kann sich eine innere Wandlung vollziehen: Wir finden unsere Selbstachtung wieder und spüren darin sehr deutlich, was unserer Seele kostbar ist. Plötzlich wird uns klar, was unsere innere Wahrheit in dieser herausfordernden Situation ist, und unabhängig davon, ob wir die äußere Situation, die Chefin, die Nachbarin, die Krankheit oder die globale Situation ändern können oder nicht, erfahren wir uns innerlich aufgerichtet und nicht mehr ausgeliefert.
Wir wissen jetzt in der Tiefe, was für uns in dieser Situation wesentlich ist und fühlen die Kraft in uns, das auch nach außen hin zu bezeugen und dafür einzutreten. Da wir in diesem Augenblick unsere Selbstachtung wiedergefunden haben, fühlen wir in uns eine starke Basis, die uns niemand nehmen kann. Daher können Menschen, die in Verbindung mit ihrer Würde und ihrer inneren Wahrheit sind, mit großer Klarheit und Kraft eine Position öffentlich vertreten, ohne dabei verletzend zu sein oder andere ins Unrecht zu setzen.
Innere Kongruenz und ihre Strahlkraft
Solange wir uns als Opfer der Umstände fühlen, haben wir das Gefühl, uns verteidigen zu müssen und treten entsprechend emotional auf. Wir sind wütend, vorwurfsvoll, haben kein Verständnis für andere Positionen und entwerten diese. Je tiefer wir jedoch in Verbindung sind mit unserer Würde und unserer inneren
Wahrheit, desto weniger emotional reagieren wir, da wir uns nicht mehr bedroht fühlen. Das gibt uns die Möglichkeit, einerseits offen zu sein und zuzuhören und andererseits das, was uns wesentlich ist – unsere innere Wahrheit –, zu vertreten.
Es entsteht eine innere Kongruenz mit uns selbst, die uns eine große Selbstsicherheit verleiht und nach außen ausstrahlt.
Daher haben Menschen, die in Verbindung mit ihrer Seele und ihrer Würde sind, oft eine enorme Strahlkraft. Diese Strahlkraft beschränkt sich nicht nur auf die Worte dieser Menschen, sie betrifft auch ihre Handlungen. Denn diese vermitteln die gleiche Klarheit und Kongruenz und damit Schönheit wie ihre Worte.
Wenn es uns ein Anliegen ist, einen wirkungsvollen Beitrag zur Heilung unserer Erde zu leisten, dann dürfen wir nicht im Opfergefühl und in der Hilflosigkeit erstarren oder wütend Regierungen oder die Wirtschaft anklagen. Das hat keine Kraft, nicht für uns selbst und nicht für unser Anliegen. Wir müssen über unser Opfergefühl hinausgehen und unsere Würde und unsere seelische Wahrheit wiederentdecken. Nur von dort aus kann eine Erneuerung stattfinden. Nur von dort aus finden wir die Kraft und die nötige Klarheit, das eigene Leben in Übereinstimmung mit unserer seelischen Wahrheit zu verändern und gleichzeitig aus dieser inneren Integrität heraus in die Gesellschaft hineinzuwirken.



