Und ich gab ihm mein Versprechen

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»Vielleicht weiß er nicht, wie er sich entscheiden soll.«
»Und du denkst, dass du ihm die Entscheidung vorsagen kannst? Diese Entscheidung ist einzig und allein vom Vater zu treffen. Will er sich auf dem Weg dahin mit uns unterhalten, dann wird er das aus eigenen Stücken tun. Für dich ist es nicht einfach. Du möchtest nicht loslassen. Aber hier hast du keine andere Wahl.«
»Ich mache mir doch auch meine Gedanken. Es ist zum verrückt werden. Ich hätte nie gedacht, dass die Worte vom Professor D. mich so schnell einholen. Weißt du noch, nach dem ersten Gespräch sagte er doch zu mir, ich wünsche ihnen alles Gute und viel Kraft für die anstehende Zeit.«
»Ich weiß. Und genau dass hat er damit auch gemeint.«
Mit unserem Blick auf meinen Vater und ohne jedes weitere Wort vergingen die nächsten Minuten.
Ich stand auf, nahm einen Vanillejoghurt aus der Kühlbox und ging zu ihm.
»Magst du einen Joghurt? Vitamine kommen bei Kopfarbeit immer ganz gut.«
Mein Vater schaute mich an und grinste. Ein leichter Ausdruck erwischt worden zu sein, legte sich in seinen Blick.
»So du denkst also, ich arbeite mit dem Kopf.«
»Ja, anderes Werkzeug sehe ich im Moment nicht.«
Eine Welle schlug an den Felsen.
»So wie diese Welle auf den Felsen schlug, schlug der Krebs in mein Leben.«
Bei diesen Worten starrte mein Vater auf das Meer hinaus. Über uns zogen fünf Seemöwen. Beide schauten wir nach oben.
»Doch die Gewissheit, dass du Krebs hast, schlug wesentlich heftiger in unser Leben als die Welle an den Felsen. Das Aufbrausen des Meeres ist vergänglich. Was es mit sich bringt, regelt sich von selbst. Gegen den Krebs und seine Beschwerlichkeiten, die er mit sich bringt, muss etwas getan werden. Was getan werden kann, wissen wir. Du siehst die fünf Vögel am Himmel. Sie sind auf der Reise und ziehen weiter. Auch dein Leben ist noch in Bewegung. Wo deine Reise hingehen soll, kannst du entscheiden.«
Meine Hand lag auf seiner Schulter und drückte ihn leicht. Ich gab ihm das Joghurt und ging zu meiner Mutter zurück. Sie schaute mich fragend an. Ich nickte ihr zuversichtlich zu.
An diesem Abend gingen wir in das Roadhouse. Meinen Eltern gefiel es dort sehr gut. Ein ganz typisch amerikanisches Restaurant. Dielenboden, ein großer Holztresen in der Mitte des Raumes, Country Musik und Off Road Bilder an der Wand. Freundliches und serviceorientiertes Personal. Bei den meisten Bedienungen hatte man sofort ein vertrauensvolles Gefühl. Man wusste, das ist Mary Ellen. Eine, die aus vielen Geschichten, die man ihr bereits erzählt hat, das eigene Leben fast besser kennt, als man selbst. Mit einem offenen »Hallo, wie geht’s?« nimmt sie die Speisekarten und die Bestecke in die Hand und bittet einen, ihr zu folgen. Wie immer saßen wir an einem Fensterplatz. Draußen zog ein Gewitter auf. Untypisch für diese Jahreszeit. Doch die Hitze des Tages hatte nichts anderes versprochen.
»Haben wir im Haus alle Fenster zu? Haben wir alles ausgemacht? Sind die Antennenstecker gezogen?«
Meine Mutter stellt immer die gleichen Fragen bei einem aufziehenden Gewitter. Woher diese panische Angst stammt, konnte sie noch nie erklären. Schätzungsweise war ihr das selbst nie bewusst.
»Mache dir mal keine Gedanken. Hier ist alles flach. Durch die Wände des Hauses leitet sich nichts weiter. Und anstatt Antennen sind hier alle verkabelt. Außerdem glaube ich nicht, dass das Gewitter es sich zum Ziel gesetzt hat, uns im Freien übernachten zu lassen.«
»Ich habe halt immer Angst, wenn ein Gewitter aufkommt.«
Mein Vater lächelte.
»Und Vater? Du warst heute so ruhig am Strand. Hast du ein bisschen nachgedacht?«
Meine Mutter schaute erst zu mir und dann zu meinem Vater. Ihre Angst vor dem aufziehenden Gewitter schien der vor den Worten meines Vaters zu weichen. Dachte sie, das Jüngste Gericht würde sprechen? Mein Vater sagte einen kurzen Moment gar nichts. Er räusperte sich.
»Lasst uns erst einmal essen.«
Eine unzufriedene Stille trat ein. Es blitzte hell. Ein lautes Grollen folgte.
»Wie du möchtest«, gab ich ihm zurück.
Meine Mutter zog ihre Augenbraue hoch. Immer ein Zeichen dafür, dass sie mit etwas anderem gerechnet hat.
»Naja, es sind so viele Gedanken in meinem Kopf. Professor D. hat uns so viele Informationen gegeben. All die Therapien, die er vorgeschlagen hat. Was wird die richtige Entscheidung sein?«
»Zum einen besteht die Möglichkeit der Totaloperation. Das heißt in deinem Fall muss ein künstlicher Ausgang gelegt werden. Zum anderen eine Injektion in das Karzinom. Dadurch wird der abgeschlossene Mantel des Gebildes durchstoßen. Oder eine kombinierte Radio-Chemo-Therapie. Das heißt es können alle damit einhergehenden Nebenwirkungen auftreten. Diese Nebenwirkungen sind temporär zu sehen. Die vergleichbar größten Heilungserfolge sind mit der Totaloperation zu erzielen. Die meisten Erfahrungen konnten bisher in einer kombinierten Radio-Chemo-Therapie gewonnen werden. Auf Kenntnisse der Behandlung durch Injektion kann aktuell nicht zurückgegriffen werden. In jedem Fall aber haben alle Methoden einen schulmedizinischen Hintergrund.«
»Also, eine Totaloperation möchte ich nicht. Ich habe keine Lust den Rest meines Lebens mit einem Beutel herum zu laufen. Soll ich denn jedem meine Krankheit offen vor Augen führen? Nein, dieser Gedanke ist mir der Unliebsamste. Die Behandlung durch Injektion kann ich nicht genau nachvollziehen. Keine Ahnung, was da in das Karzinom gespritzt werden soll. Die Chemo-Therapie ist ja eine bekannte Sache. Man hat da schon so viel gehört. Die Haare fallen einem aus. Man ist ständig müde und nimmt so viel ab.«
»Dann bleibt ja gar nichts mehr übrig«, unterbrach meine Mutter ihn.
»Mutter, er hat doch erst mal nur aufgezählt, über was er nachgedacht hat. Das sich der Krebs nicht einfach so auflöst, ist ihm auch klar.«
»Vielleicht muss er auch gar nichts machen. Bei so vielen Männern wurde schon die Prostata operiert. Bisher habe ich bei noch keinem mitbekommen, dass sie dort Krebs gefunden haben. Es kann ja sein, dass dein Vater auch keinen Krebs hat.«
Schönreden. Wieso beginnt sie die Sache schönzureden? Ein Thema, mit dem man sich bisher nicht befassen musste. Ein Befund, der für einen selbst unvorstellbar war. Wir fliehen lieber als dass wir uns damit auseinandersetzen. Ungeachtet der Tatsache, dass die Realität so ist, wie sie ist. Wir rennen einfach weg. Wie sicher ist aber doch, dass sie uns einholen wird. Wie gerne übergibt man dem Wunsch die Regentschaft über die Gedanken. Wie gerne manipuliert man sich doch selbst. Wie einfach lassen sich Probleme damit lösen. Der Weg des geringsten Widerstandes ist so einfach zu bestreiten. Allerdings können wir auf diesem nicht der Wahrheit einer Sache entkommen. Real existierenden Dingen können wir nur real gegenüber treten. Doch die Hoffnung stirbt zum Schluss. Meine Mutter ist ein Mensch, der nicht die Konfrontation scheut. Hier stößt sie an ihre Grenzen. Das ist ihr bewusst. Sie ist hilflos.
Ich schaute sie an.
»Wäre dem nur so. Nichts hätte ich im Moment lieber an Wissen als das. Wir können den Befund in Frage stellen. Das Karzinom wurde rein zufällig entdeckt. Ein sogenannter Nebenbefund. Selbst wenn es bei der Operation nicht um das Auffinden dessen ging, wurde es festgestellt. Professor D. praktiziert schon sehr lange. Seine Erfahrung möchte ich nicht anzweifeln.«
»Das sage ich ja nicht. Aber es könnte doch sein.«
»Verschließe nicht die Augen vor der Wahrheit. Vater, was meinst du denn dazu?«
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Die Ärzte haben etwas gefunden. Sie konnten es identifizieren. Es ist ein Karzinom. Worin sollen sie sich irren? Natürlich wäre mir ein Irrtum das Liebste.«
»Möchtest du eine zweite Untersuchung vornehmen lassen? Professor D. sagte, dass dem nichts im Wege stehen würde.«
»Ich weiß nicht. Diese ganze Operation noch einmal. Das will ich nicht. Es ist eine nicht gerade angenehme Sache. Wer weiß, was sie dann noch alles finden.«
»Eine komplette Operation wird es nicht wieder geben. Es wird eine Untersuchung durchgeführt. Danach bekommst du eine Bestätigung des letzten Befundes. Wie diese Untersuchung abläuft, können wir mit Christiane B. besprechen. Allerdings solltest du dir im Vorfeld nicht zu viel Hoffnung machen. Entschuldige bitte, ich denke halt, dass sich nichts anderes ergeben wird, als bereits feststeht.«
»Ich vertraue Professor D. Vielleicht denkt er, dass ich ihn für inkompetent halte. Wenn ich heute sage, dass ich eine weitere Untersuchung haben möchte, wird er beleidigt sein. Wie stehe ich dann da?«
»Das wird er nicht. Wieso sollte er dies denken oder beleidigt sein? Immerhin hat er dir doch zugesprochen. Wenn du eine weitere Sicherheit brauchst, dann ist ihm dies recht. Mache dir darüber keine Gedanken. Hier geht es um dich und sonst niemand anderen.«
»Du meinst also, ich könnte noch eine Untersuchung wünschen? Wo würde die denn gemacht werden? Wie lange müsste ich dazu im Krankenhaus sein?«
»Keine Ahnung. Schätzungsweise kann Christiane B. uns darüber informieren. Du wirst wohl zu einem Urologen müssen. Dieser wird die Notwendigkeit der Untersuchung feststellen. Er schreibt eine Einweisung und schlägt dir Krankenhäuser vor.«
Unser Essen kam. Bereichert um die neue Idee hatte jeder von uns genug zum Denken. Ein weiteres Wort wurde an diesem Abend nicht mehr über dieses Thema gesprochen. Mein Vater schien zufrieden, meine Mutter auch.
Die nächsten Tage vergingen. Mein Vater dachte viel nach. Hatte er sich mit der neuen Untersuchung bereits abgefunden? Erhoffte er sich durch sie einen Befund der alles widerlegt? Für mich unvorstellbar. Erhoffte er sich damit allem zu entgehen? Sollte der neue Befund gleich dem des ersten sein, was dann? Würde er ihn als Bestätigung sehen? Träfe er ihn erneut unvorbereitet? Ein Schlag zurück? Klar, die Möglichkeit besteht, dass der Befund anders ausfällt. Zum ersten Mal erkannte ich sie an. War es doch das, was auch ich mir in meinem Innersten für ihn wünschte. Vergessen darf man dabei aber nicht, dass die Untersuchung mehr eine Bestätigung des bisherigen Befundes sein wird. Am Ende der dritten Woche sprach ich meinen Vater erneut an. Nicht nur ich, auch meine Mutter wollte wissen, was in ihm vorgeht. Die Tage zuvor hatten wir das eine oder andere besprochen. Um seine getroffene Entscheidung ging es dabei nicht. Ich fühlte mich nicht sonderlich wohl mit dem Gedanken ihn ansprechen zu müssen. Doch früher oder später musste es sein.
»War doch eine gute Idee hierher zu kommen. Jeden Tag hatten wir Sonne und angenehme Temperaturen. Genug Strand, Meer und Essen hatten wir außerdem. In den letzten drei Wochen hast du richtig Ruhe finden können. Nur drei Mal haben wir mit zu Hause telefoniert. Man sollte viel öfter eine Auszeit nehmen.«
»Mit den anderen Urlauben lässt sich dieser doch gar nicht vergleichen. Sonne und alles andere hatten wir in jedem Fall. Ruhe hatten wir genug. Doch musste ich bisher in noch keinem Urlaub eine solche Entscheidung treffen. Eine Entscheidung, die so schwer und doch so wichtig ist. Wie gerne hätte ich darauf verzichtet. Sonst habe ich mich nach ein paar Wochen hier immer auf zu Hause gefreut. Dieses Mal liegen die Dinge einfach etwas anders. Was wird sein, wenn wir zurück in Deutschland sind? Alles wird wieder auf mich einstürzen.«
»Das ist richtig. Nur bist du dir nach der Zeit hier in einigem sicherer und siehst manche Dinge klarer. Ich denke, sobald du entschieden hast, was du möchtest, bist du sicherer. Du weißt, was vor dir liegt. Du hast ein Ziel. Kein einfaches Ziel, das ist klar. Hast du dich denn schon mit einem Gedanken anfreunden können?«
»Ich möchte erst einmal eine weitere Untersuchung vornehmen lassen. Dann sehen wir mehr. Was danach kommt, werden wir sehen. Eine totale Operation möchte ich nicht haben. Von der Sache mit den Spritzen weiß ich nicht, was ich halten soll. Eine Radio-Chemo-Therapie erscheint mir am angenehmsten. Meinst du das ist richtig entschieden?«
»Die Entscheidung nach dem Ausschlussverfahren ist wohl richtig. Wenn du die totale Operation ablehnst und dir bei den Spritzen nicht sicher bist, dann bleibt nur die Radio-Chemo-Therapie. Was damit alles zusammenhängt, wissen wir theoretisch. Wie sie bei dir umzusetzen ist, wird in dem Erstgespräch erläutert. Nebenwirkungen gibt es immer. Allerdings wissen wir nicht, ob sie bei dir auftreten werden. Kommen keine, dann ist das bestens. Treten wenige, einige oder viele auf, verlässt du dich auf die Ärzte. Nebenwirkungen können behandelt werden. Wieso sollten bei dir ganz neue auftreten? Wenn du mit deiner Entscheidung zufrieden bist, dann ist sie richtig.«
»Und was meinst du wegen der weiteren Untersuchung? Soll ich sie vornehmen lassen? Wird die Krankenkasse mitspielen?«
»Warum sollte die Krankenkasse nicht mitspielen? Alleine schon aus dem Kostenvergleich ergibt sich ein klares »Ja« dazu. Eine zweite Voruntersuchung ist kostengünstiger als eine Radio-Chemo-Therapie. Wenn sich mit ihr ergeben sollte, dass du keinen Krebs hast, dann hat sie sich gelohnt. Sollte der Befund gleich dem ersten sein, sind die weiteren Investitionen sinnvoll. Allerdings geht es bei der Untersuchung um dich und nicht um die Vorteile der Krankenkasse. Du möchtest eine weitere und neutrale Bestätigung dessen, was Professor D. befunden hat. Warum nicht, damit stellst du dein Vertrauen zu ihm nicht in Frage.«
»Nein, in keinem Fall. Ich will mir hinterher nur sicher sein, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.«
Einen Moment sagte er nichts.
»Ja, ich möchte eine weitere Untersuchung. Vielleicht habe ich Glück und alles war ein Irrtum. Wenn nicht, dann weiß ich, was ich machen werde. Wie sagtest du? Dann habe ich ein Ziel.«
Ein erster Schritt war getan. Mein Vater hoffte im Innersten zwar, dass sich alles als ein Irrtum auflöst. Doch hatte er entschieden, wie es weitergehen soll, wenn dem nicht so sein würde. Er hat den Gedanken akzeptiert, dass etwas getan werden muss. Mit was er sich am besten einigen konnte, war die Radio-Chemo-Therapie. Nicht die Entscheidung selbst ist die Schwierigkeit. Wir erliegen mehr auf dem Weg dorthin den erdrückenden Erkenntnissen, die wir ziehen. Mit einem Befund werden wir konfrontiert. Wir erkennen, wir haben eine Krankheit. Wir setzen uns mit dem Thema Krebs auseinander. Wir erkennen, gegen ihn sind wir relativ machtlos. Wir nehmen die Hilfe der Ärzte in Anspruch. Wir erkennen, dass wir alleine nicht viel ausrichten können. Wir befassen uns mit den verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten. Wir erkennen, dass wir wenig darüber wissen. Wir akzeptieren die Therapie und übergeben uns in die Hände von Menschen, die uns bis dahin fremd gewesen sind. Mit all diesen Erkenntnissen ist es nicht leicht umzugehen. Zu der physischen Schwäche unseres Körpers kommt die psychische hinzu. Wir überlassen der Unwissenheit und der Angst die Macht über unsere Gedanken. Damit will ich nicht sagen, dass wir alles andere einfach vergessen sollen. Oder uns mit den gegebenen Empfindungen nicht auseinandersetzen dürfen. Mehr appelliere ich hier an das Erkennen der Teilerfolge die wir mit jeder Erkenntnis haben. Ungeachtet der Aussage eines Befundes macht er uns wissend. Wir wissen, wie bei meinem Vater, wir haben eine Krankheit. Wie alles andere auch auf dieser Welt hat sie einen Namen. Bei meinem Vater heißt die Krankheit Krebs. Nun wissen wir, mit wem wir es zu tun haben. Um uns diesem Thema gleichwertiger zu stellen, vertrauen wir uns Ärzten an. Warum auch nicht? Haben wir einen Schaden oder eine anstehende Reparatur am Haus, suchen wir den Rat bei einem Handwerker. Unser Wunsch etwas zu tun und das Wissen anderer Menschen vereinigen sich. Wir werden sicherer und stärker. Gemeinsam nehmen wir die anstehende Aufgabe in Angriff. Menschen, die sich bis dahin fremd waren, sind nun ein Team. Erst dann, wenn wir die Zufriedenheit, welche uns in die Lage versetzt, Entscheidungen zu treffen, erkennen, dann können wir das. Heißt es dann wirklich, der Unwissenheit und der Angst die Macht zu überlassen? Nein, ratsamer ist es, Vertrauen, Mut und Zuversicht walten zu lassen. Kein einfacher Akt, zweifelsohne. Doch damit kommt Licht ins Dunkle und lässt uns sehen.
»Ja, das sagte ich. Ich freue mich, dass du dies ebenso siehst. Lasse uns dies jetzt mal der Mutter mitteilen. Sie muss schon wissen, was du entschieden hast. Außerdem wollten wir nach deiner Entscheidung gleich wieder nach Deutschland fliegen.«
»Gebe mir noch ein bisschen Zeit. Die Wochen hier haben mir sehr viel gegeben. Mit meiner Entscheidung möchte ich mich jetzt noch etwas vertraut machen. Deiner Mutter werde ich es erst dann sagen, wenn ich einen festen Boden unter den Füssen habe. Ihr gegenüber möchte ich gefestigt auftreten. Wenn es dir nichts ausmacht, überlasse mir die Entscheidung, wann ich es ihr sage.«
»Kein Thema. Doch vergesse bitte nicht, sie hat ein Recht darauf deine Entscheidung zu wissen. Nehme dir die Zeit, die du brauchst. Darum sind wir doch hier. Gebe mir einfach Bescheid, wenn du zurück willst und ich organisiere alles Nötige. Ich freue mich für dich und denke, wir schaffen das.«
»Deine Zuversicht ist enorm. Woher hast du die nur?«
Noch am selben Abend sprach mein Vater mit meiner Mutter. Wie er es schon prophezeite, wollte sie sofort zurück nach Deutschland. Mein Vater bat sie um ein paar Tage mehr. Er erklärte ihr warum und wofür. Dies hatte sie dann eingesehen und verstanden. Sie einigten sich darauf eine weitere Woche in Florida zu bleiben.
Die letzte Woche gestaltete sich freier als die anderen zuvor. Es war förmlich zu spüren, dass mein Vater mit seiner Entscheidung vertrauter wurde. Meine Mutter knüpfte an das Vertrauen meines Vaters an. Beide waren zufrieden. Ein Teilerfolg war errungen. Der Tag der Abreise stand an. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Unser Flug ging über New York. Beim Einstieg in die Maschine tätigte mein Vater eine zukunftsweisende Aussage. Noch heute denke ich darüber nach, ob ihm damals schon bewusst war, dass sie genau so eintreten würde. Mit recht traurigen Worten sagte er, dass er noch nie in New York gewesen sei und diese Stadt wohl niemals mehr sehen wird.
Wieder zu Hause vereinbarten wir sogleich einen Termin bei Christiane B., seiner Hausärztin. Sehr entschlossen und ohne viele Worte teilte mein Vater ihr mit, was er möchte. Dass mein Vater eine Entscheidung getroffen hatte und seine Zuversicht freuten sie. Eine klare Zustimmung fand die Entscheidung gegen eine totale Operation. Eine solche kann ohne weiteres bis zu sechs Stunden in Anspruch nehmen. Während dieser steht der Patient unter Vollnarkose. Aufgrund des Allgemeinzustandes meines Vaters könnte diese Belastung seinen Körper überfordern. Zu der gewünschten Untersuchung gab sie uns weitere Informationen. Unter drei Krankenhäusern konnte mein Vater wählen. Alle entsprechend gut im Fachbereich Urologie. Mein Vater entschied sich für das Krankenhaus am Ort. Mit dieser Wahl stieß er bei meiner Mutter auf absolute Abneigung. War es doch das Krankenhaus, welches sie bisher immer in Trauer verlassen musste. Als Letztes wurde ihr dort der Tod meines Bruders mitgeteilt. Nachts, mit meinem Vater an ihrer Seite, standen sie einsam und allein am Anfang eines langen Ganges. Die Tür der Notaufnahme öffnete sich. Zwei Ärzte kamen auf sie zu. Der Klang der nähernden Schritte löschte sich nie wieder aus ihren Erinnerungen. Geprägt durch diese Erfahrung konnte dieses Krankenhaus ihre Zustimmung nicht mehr finden.
Seinen rationellen Argumenten für dieses Krankenhaus musste meine Mutter letztendlich zustimmen. Weniger als zwanzig Minuten brauchte man selbst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht. Einer der Ärzte der Urologie war ein Bekannter meines Vaters. Dies und meine Befürwortung ließen keine andere Entscheidung zu. Nach kurzer Rücksprache mit dem Krankenhaus wurde für drei Tage später ein Termin vereinbart. Ich kann nicht sagen, dass meinem Vater die Kurzfristigkeit dieses Termins unangenehm gewesen wäre. Wollte auch er einen schnellen Befund als Grundlage für alles Weitere. Schon am Tag der Aufnahme wurden sämtliche vorbereitenden Untersuchungen vorgenommen. Nach Rücksprache mit dem Anästhesisten ergab sich die Übereinstimmung zur Aussage von Christiane B. Die Auswertungen seiner Untersuchungen zeigten, dass die gesundheitliche Verfassung meines Vaters eine Vollnarkose von sechs Stunden nicht zugelassen hätte. Somit stände die Überlebenschance auf Messers Schneide. Eine Bestätigung mehr für die Entscheidung meines Vaters von der Totaloperation abzusehen. Schon am späten Nachmittag des auf die Operation folgenden Tages fand das Gespräch mit dem Oberarzt statt.
Um eine präzise Diagnose des Karzinoms stellen zu können, war eine erneute Schälung der Prostata erforderlich. Bei dem festgestellten Knoten handelte es sich definitiv um das in der Histologie befundene Karzinom. Im Vergleich zum vorherigen Entlassungsbericht wurde eine Verdoppelung der Größe gemessen. Darin bestätigten sich die Aggressivität und das Schnellwachstum dieser Krebsart. Eine kurzfristige Therapie muss eingeleitet werden. Dazu empfiehlt sich als erste Wahl eine radikale Cystoprostektomie, Totaloperation. Auch der Oberarzt bestätigte noch einmal, dass diese aufgrund der unumgänglichen Vollnarkotisierung über den Zeitraum von ca. sechs Stunden nicht zu empfehlen sei. Alternativ der operativen Therapie besteht eine kombinierte Radio-Chemo-Therapie.
Ein kurzes und klares Gespräch. Der Befund des Oberarztes glich dem von Professor D., jedoch mit dem dringenden Hinweis, dass Eile geboten sei. Dies war also die Bestätigung die meinem Vater fehlte. Nach diesem Befund stellte er seine Krankheit nicht mehr in Frage. Meine Mutter resignierte in der Hoffnung, dass sich alles als ein Irrtum herausstellen könnte. Mein Befinden in diesem Moment war eher neutral, hatte ich doch genau dieses Ergebnis erwartet. Nachdem der Oberarzt den Raum verlassen hatte, trat Stille ein. Meine Mutter blickte nach unten, schüttelte den Kopf und fing an zu weinen. Mein Vater nahm ihre Hand.
»Jetzt wissen wir es definitiv. Ich habe Krebs.«
Da war sie nun, die Gewissheit. Mein Vater sprach zum ersten Mal aus, was er bis dahin als unausgesprochen dem Unwirklichen gleichsetzte. Mit diesen Worten erkannte mein Vater den Krebs an. Endlich bezog er Position zu diesem Thema. Es war zu erkennen, in ihm erwachte der Wunsch dem Feind nicht nur die Stirn zu bieten, sondern gegen ihn zu kämpfen. Obgleich ihm bewusst war, dass er nicht als Sieger aus diesem Kampf hervor gehen kann. Doch die Möglichkeit der Verlängerung seines Lebens trieb ihn an. Diese Chance wollte er nicht ungenutzt an sich vorüber ziehen lassen.
»Warum du? Was hast du getan? Es trifft immer die Menschen, die es nicht verdient haben. Was sollen wir denn noch alles ertragen? Warum?«
»Mutter, es ist so. Die Frage nach dem Warum wirst du nicht beantwortet bekommen. Wer sollte sie dir beantworten? Fakt ist, der Vater hat Krebs. Wollen wir jetzt den Fragen nach dem Wieso, Weshalb oder Warum nachgehen, verschwenden wir Zeit. Wichtige Zeit, die wir besser in das investieren, was vor uns liegt.«
»Das sagst du so einfach. Dein Vater hat noch nie etwas Schlimmes gemacht. Zu keinem anderen Menschen war er jemals böse. Er war immer ein guter Mensch. Als Dank dafür, wird er nun mit so etwas bestraft. Die haben sich bestimmt wieder geirrt. Hätte es nicht einen anderen treffen können?«
»Zum einen sage ich das nicht einfach so. Zum anderen bist du momentan unfair. Wieso hätte es einen anderen treffen können? Auch ein anderer ist ein Mensch. Die Frage nach einem eventuellen Irrtum der Diagnose haben wir beantwortet. Wie oft soll dein Mann denn noch die Bestätigung bekommen, dass er Krebs hat? Meinst du damit können wir die Tatsache ungeschehen machen?«
Vorwurfsvoll traf mich der Blick meiner Mutter.
Der Mensch. Wie oft befinden wir uns in dem Moment der Hilflosigkeit. Wir werden mit einer für uns unschönen Tatsache konfrontiert. Zack, sie tritt in unser Leben. Völlig unvorbereitet stehen wir ihr gegenüber. Der Mensch zieht Bilanz. Wie leicht ist darin Ungerechtigkeit das Maß aller Dinge. Wir verbuchen nach verdient und unverdient. Unser Blick für die Realität verschleiert sich. Alles, womit wir nichts anfangen können und wollen, verteilen wir. Wir wollen sicher sein, dass es nicht wieder zurückkommen wird. Wir geben dem Ziel keinen eigenen Namen, doch personifizieren wir es. Damit trennen wir die Zuständigkeit von uns ab. Mit allem, womit wir nichts zu tun haben, betrifft uns nicht. Wie einfach können wir uns von dem Ungewollten trennen.



