Türkei - Entdeckungen im Morgenland

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Endlich kommen wir in Gaziantep an, bei etwa 40 Grad im Schatten, wobei man die Hitze gut ertragen konnte, weil die Luftfeuchtigkeit relativ niedrig war. Wir nehmen Kurs auf ein Restaurant – über den Dächern der Stadt. Bei der Auswahl des Menüs dürfen wir in der Küche in jeden Topf hineinschauen und unser Essen nach Augenmaßzusammenstellen. In Deutschland undenkbar!

Gaziantep: altarmenische Kirche im Verborgenen
Der Ausblick birgt eine Überraschung, denn jenes Dachrestaurant lässt einen Blick auf eine verfallene, vermutlich armenische Kirche zu. Verborgen inmitten von Häusern fristet sie ihr Dasein.

Unterwegs: In einem Baumwollfeld
Später machen wir Halt an einem Baumwollfeld. Das musste genauestens begutachtet werden. Dabei versinken wir im Schlamm. Abends wird gleich mit Schuhen geduscht. Auf der Fahrt nach Urfa überqueren wir den Euphrat, einer der Paradiesflüsse, an dessen Ufern überhaupt die ersten Schriften gefunden worden waren. Es gibt 2 Quellflüsse, dieser ist 2700 km lang. An jener Stelle, die wir passierten, breitete sich der Fluss auf 150 m aus. Er ist Lebensgrundlage für die Bevölkerung in den von ihm durchflossenen Gebieten und dient dem Bewässerungsfeldbau sowie mehrerer Staudämme.
Urfa – die orientalischste Stadt in der Türkei
Urfa, das alte Edessa, entstand schon 2000 v. Chr. Wie schon erwähnt, nahm das Christentum von Antiocha aus seinen Ausgang und verbreitete sich weiter im Gebiet von Kleinasien. So vermutet man, dass in Edessa das erste Staatswesen gewesen sein soll, welches zum Christentum übertrat. „Im 2. Jahrhundert ist anscheinend von Edessener Juden das Alte Testament ins Aramäische übertragen worden, wohl in der Auseinandersetzung mit den aramäisch predigenden Christen.“8

Urfa oder auch Şanliurfa: links Eingang zur einer Quelle, soll Geburtsort Abrahams sein – Wallfahrtsort für Christen und Moslems gleichermaßen
Soweit in diesem Kontext zur historischen Entwicklung des Christentums. Es würde den Rahmen sprengen, auf alle Stämme, Traditionen und auch Zwistigkeiten einzugehen, die sich zu dieser Zeit abspielten. Heute ist es eigentlich nicht anders.
Urfa ist eine tief religiöse, man kann sagen, eine konservative Stadt. Die Frauen, falls man sie überhaupt zu Gesicht bekommt, wandeln zum größten Teil in tief verschleierter Kleidung durch die Straßen und Gassen. Während des Rundganges begleitet uns ein Einheimischer, Ali, zufällig und anhänglich. Er wäre Autoschlosser, in den Kneipen gäbe es kein Alkohol, so plaudert er munter im Kauderwelsch von englisch, türkisch und persisch. Er wäre eins von 19 Kindern in der Familie, wenn wir es richtig verstanden hatten. Im Basar von Urfa – natürlich boten nur männliche Verkäufer ihre Ware feil –, versetzen wir uns für kurze Zeit in die Atmosphäre des alten Orients. Herrliche Seidenstoffe, teils mit Pailletten verziert, erinnern an Kostüme exotischer Tänzerinnen aus 1000 und einer Nacht.
„Es will nicht jeder kaufen, der feilscht“9.

Der orientalische Basar von Urfa
Westliche Waren sucht man vergeblich, aber danach steht uns sowieso nicht der Sinn. Wir genießen das Fluidum, das man wahrscheinlich nicht mehr an vielen Plätzen dieser Welt vorfinden wird.
Über den Ibrahim-Teich (Abraham) mit zahlreichen „heiligen“ Karpfen, welche munter im Gewässer herumschwammen, existieren verschiedene Legenden aus biblischer Zeit. Das berühmte Wasserbecken hat eine Größe von 20 x 130 Metern.
Wir betreten eine Moschee. Früher waren es ausschließlich Kirchen, aber durch den Einzug des Islam ab ca. 630 n. Chr. durch den Propheten Mohammed, wandelte man die vorhandenen Bauwerke um – innen wie außen. In Urfa gab es auch noch armenische Kirchen, aber die sind verfallen und teilweise baute man Moscheen darauf. Noch oft werden wir diesbezüglich Gelegenheit haben, Gebäude zu sehen, die man sich je nach religiöser Ausrichtung nutzbar macht.

Urfa: Das Wasserbecken mit den „heiligen“ Karpfen
Harran – ein Ort in der Wüste
Nachdem wir in Urfa viel Interessantes kennenlernten, sollte es gegen Abend noch 50 km weiter in südliche Richtung zur nächsten Touristenattraktion gehen – nach Harran. Dieser Ort soll zeitweiliger Aufenthaltsort von „Urahn Abraham“ gewesen sein, den Legenden nach zumindest. Es ist windig, staubig und heiß. Höhepunkt der Dorfanlage sind die Trulli-Hütten, die letzten ihrer Zunft in der Türkei. Diese nach oben spitz verlaufenden Häuser sind aus Lehm gebaut, da dieser die Hitze in den Innenräumen einigermaßen erträglich macht. Auch die Tiere finden darin Unterschlupf.
Unser Reiseleiter erklärt uns, dass schon seit römisch/byzantinischer Zeit antike Stätten als Steinbrüche genutzt wurden und auch hier sollen noch aus jener Zeit antike Steine vorhanden sein. Wenn ein Haus kaputt ist, genehmigt es die türkische Regierung nicht, dass die Häuser in diesem Stil wieder hergestellt werden, obwohl es noch Meister ihres Faches gäbe. Nun sind Flachdach-Häuser vorgeschrieben. In Harran existiert noch das einzige Dorf dieser Art in der Türkei. In Syrien soll es noch mehrere geben, zumindest im Jahr 1990. Wie es heute damit beschaffen ist, nach Krieg und Zerstörung, kann ich nicht beurteilen. Wünschenswert wäre eine Erhaltung dieser sinnvoll gebauten, aber einfachen Häuser. In der Hauptsache leben in Harran Araber und Kurden. Auffällig sind die zahlreichen bettelnden Kinder, die zuweilen anhänglich bis aufdringlich auftreten, unser Reiseführer bemerkt, dass sie nur arabisch sprechen, kein türkisch.
Früher war Harran eine bedeutende Stadt, was man aber nicht vermuten könnte, denn die Dorfbevölkerung lebt in einfachen Verhältnissen. Das Wasser wird noch aus dem Brunnen hochgezogen – der einzigen Wasserstelle im Dorf. Von den eigentlich sechs Wasserstellen existiert nur die eben erwähnte. Auch gibt es nur eine einzige öffentliche Toilette, doch wie ein Reiseteilnehmer bemerkt: „Aber! Abraham ist hier vorbei gezogen“.

Harran: Dorfplatz mit Brunnen am Abend
„Geschichtsstatistische Akribie legt den Aufenthalt Abrahams und seiner Frau Sarah in Harran chronologisch auf etwa 1850 v. Chr. fest. Die Erinnerung an Stammvater Abraham aber ist bis heute wach und gegenwärtig.“10
Unser Pfarrer predigt: Abraham ist der Vater aller drei großen Buch-Religionen und soll uns den Weg weisen. Er betet mit uns, „Abraham soll uns Kompass sein“ und anschließend wird ein Lied, dem Text nach aus dem Kindergottesdienst, gesungen, welches etwa folgende Zeilen enthält: „…1000 Meilen muss er eilen, 1000 Meilen zog er fort und sein Kompass hat Gottes Wort.“
Ein Teilnehmer macht auch dazu seine Bemerkung: „ein Kinderlied, welches sich bestenfalls noch für's Kanapee eignet“.

Bunt gekleidete Kinder in Harran

Trulli-Hütten aus Lehm Harran am Abend
Der irdische Kompass sieht so aus: Armut ist absolut und anstrengend, die ärmlich gekleideten, bettelnden Kinder bleiben hoffentlich im Gedächtnis und nicht nur für's Fotoalbum. Sie waren dankbar, auch wenn wir keine Geschenke mitgebracht hatten. Eine Teilnehmerin fragt unseren Reiseleiter Tunçay, welcher Volksgruppe die Leute angehören. Er meint: Es seien arabische Syrer. Vorwiegend würden sie von der Landwirtschaft leben.
Ein paar Schritte weiter fällt der Blick auf die Zitadelle aus dem 12. Jahrhundert, welche noch erhalten ist. Inzwischen – es ist fast dunkel geworden –, erscheint die Silhouette des mittelalterlichen Überbleibels im Mondenschein besonders beeindruckend. Auch ein Sternwartenturm der Medrese, das ist die Koranschule, und ein Tempel sind als Rudimente der einst bedeutenden Stadt zu besichtigen.
Nach dem Wasser als Wegweiser und „Abraham als Wegweiser“, wie es der Pfarrer uns eben predigte, gibt es aber noch weitere Wegweiser – nämlich die Klöster und Kirchen. Davon soll im nächsten Kapitel berichtet werden.
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Klöster
10. September:
Vor Abfahrt des Busses kaufen einige Leute bei fliegenden Händlern Tücher – als Kopfschutz gedacht. Teils vor der Hitze und teils als Kopftuch genutzt als unbedingtes Muss beim Betreten einer Moschee.

Mardin mit Zitadelle aus römischer Zeit
Weiterfahrt nach Mardin, welches ein Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen (Jakobiten) ist. Auf dem Burgberg steht eine Zitadelle aus römischer Zeit, heute als Radarstation genutzt. Die Häuser wurden aus weißen Sandstein terrassenförmig gebaut.
Beide Aufnahmen werden während der Fahrt fotografiert, weil wir Mardin nur vom Bus aus gesehen haben. Bei diesem straffen Programm konnte nicht jede Sehenswürdigkeit ausführlich besichtigt werden. Auch die Simeonskirche auf der Ansicht rechts konnte nur im Vorüberfahren im Bild festgehalten werden.

Blick in die nordmesopotamische Ebene
Nur 7 km von Mardin entfernt befindet sich das Kloster Deyrusaferhan, gegründet 500 n. Chr. Innerhalb des Klosterkomplexes der Jakobiten gibt es eine syrisch-orthodoxe Kirche von 1208, und wir nutzen die Gelegenheit wieder einmal zu Gebet und Gesang. Der Kirchenraum, groß genug, nimmt die singende Gruppe auf, die die Lobpreisung Gottes an diesem abgelegenen Ort, fast schon in der Wüste, angemessen bekräftigt. In dieser Gegend gab es ursprünglich 80 Klöster, wovon nur noch wenige aktiv sind. Im besagten Kloster leben einige Mönche und es untersteht der Patriarchatskirche.
Ein weiteres, noch älteres Kloster11, besuchen wir im Anschluss:

Kloster MAR GABRIEL – gegründet 394 n. Chr.
Hier wird den jungen Mönchen aramäisch gelehrt, die Hochsprache der Hebräer, auch die von JESUS und der Apostel, welche in dieser Sprache gepredigt haben sollen. Das Kloster befindet sich weit ab von der Zivilisation, denn ringsum gibt es nur Berge und karge Landschaft. Das Kloster erhält sich durch Spenden. Innerhalb des Klosterkomplexes existieren zwei Kirchen, wiederum syrisch-orthodoxe. Wie schon erwähnt, gehörte dieser Teil der Türkei einst zu Syrien. In diesem Kloster leben 30 Personen, auch Kinder. In Berlin, Holland und Indien gibt es noch weitere syrisch-orthodoxe Kirchen. Beeindruckt von der Anlage fahren wir weiter in Richtung Quartier, einem Hotel auf einem großen Gut auf dem Lande nahe der syrischen Grenze. Heute wahrscheinlich militärisches Sperrgebiet, denn wir befinden uns mittlerweile im Grenzgebiet von Irak, Syrien und der Türkei. Der ereignisreiche Tag klingt mit einem schönen Abendessen und einem Bad im Pool aus. Welche Eindrücke werden uns wohl morgen erwarten, denn wir nähern uns kurdischen Regionen?
So friedlich die Klöster seit jeher ihr Dasein bestreiten, so wechselvoll ist doch die Geschichte dieser Gegend der Türkei. Im 12. Jahrhundert zogen Tausende im Namen des Kreuzes hierdurch, auch Kreuzzüge genannt. Um ins ferne Jerusalem zu gelangen, ward der Weg übers Land durch Kleinasien genommen. Bekannte Teilnehmer der Politik und Kirchenprominenz wie beispielsweise Bischof Otto von Freising, späterer Abt des Klosters Morimond in Burgund oder Markgraf Dietrich der Bedrängte, aus dem Herrschergeschlecht der Wettiner, machten sich auf den Weg ins Heilige Land. Sogar Friedrich I. persönlich, besser bekannt als Kaiser Barbarossa, zog es während des dritten Kreuzzuges in Richtung Jerusalem. Der Letztgenannte sollte nie mehr in seine Heimat zurückkehren. Im Jahre 1190 ist er gestorben und wenn man den Quellen Glauben schenken kann, sei er in der Fremde südlich der Stadt Silifke in der Provinz Mersin in einem Fluss ertrunken. In dieser eher dünn besiedelten Gegend zwischen Konya und Adana fristen noch einige riesige Kreuzritterburgen aus der Zeit der Kreuzzüge ihr Dasein.
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