Pardona 3 - Herz der tausend Welten

- -
- 100%
- +
Ein wütendes Heulen drang aus der Bresche in der Schöpfung, doch der Übergang schloss sich weiter. Mit ihren Sinnen, die Strömungen schmeckten und das Raunen der Sphären hörten, sowie mit den Augen des geliehenen Körpers beobachtete Rilmandra, wie die Wunde zu einer Narbe wurde.
»So ist es besser«, sagte sie und sah zu dem Vierbeiner. Ihr Gastkörper lag auf dem Rücken, stellte sie fest, was ihn ziemlich nutzlos machte. »Bei mir seid ihr sicher.«
Der andere jammerte leise und presste sein Gesicht gegen die Schulter ihres Körpers. »Schon gut«, murmelte sie. »Ich verstehe dich aber immer noch nicht.«
Unter Aufbringung von etwas Konzentration rollte sie den Körper herum und schob ihn zusammen, bis sie erst die Knie und dann die Füße unter ihrem Schwerpunkt gebracht hatte und sich aufrichten konnte. Zugleich drehte sie ihren weitaus größeren eigentlichen Körper und fing eine Strömung aus Kraft ein, die ihre Segel füllte.
»Dies sind keine guten Gewässer«, erklärte sie, »und sie sind noch unruhiger als sonst. Große Räuber lauern hier, alte Schatten und vergessene Orte. Ziehen wir weiter.«
Sie machte in paar Schritte zur Reling und legte die schmalen, langen Finger des neuen Körpers darauf. Das fein polierte Holz fühlte sich seidig und warm an, und die Freude über diese neuen Sinne ließ sie lachen und die Glöckchen am Mast klingeln. Der Vierbeinige neigte den Kopf und sah sie an.
»Wir finden einen Weg, uns zu verständigen«, versprach sie ihm. »Wir haben alle Zeit, es zu lernen.«
Sie ließ den neuen Körper die Reling entlanggehen, bis sie ihren Bug erreichte. Sie streckte sich und berührte sacht den goldenen Vogel, der dort wachsam ins Nichts spähte. Dort hatte einst die Hand ihrer Schöpferin geruht und sie genoss den Moment der Erinnerung, der Nähe über Zeit und Welten hinweg.
»Nichts haben wir mehr als Zeit«, wisperte sie. Ungesehen und lautlos folgte sie den Bahnen aus Kraft, erkundete neue Wege und ließ Welten an sich vorbei ziehen. Ihre Besitzerin war fort und so gehörte sie nur sich. Freiheit, so fand sie, musste genutzt werden. Der einzig wache und beseelte ihrer neuen Begleiter widersprach nicht.
Zumindest nicht sofort.

Die Welt lag im Chaos und Amadena wusste es. Sie hatte es in ihren Träumen gesehen und in ihrem gemarterten Leib gespürt. Die eine Sache, die sie vor dem völligen Wahnsinn bewahrt hatte, war das Wissen darum, dass die 3. Sphäre in Flammen stehen würde – durch den Krieg Pyrdacors, durch seinen Fall … und vor allem durch ihre eigene Hand.
Als ihre Zehen zum ersten Mal seit fast eintausend Jahren wieder aventurischen Boden berührten, ging ein Zittern durch ihren Leib. Es war nicht ihr Zittern. Vielleicht war es die Vibration der Sphären nach dem Fall des Gottdrachen Pyrdacor, ihres Vaters, die sie spürte. Vielleicht war es das pulsierende Leben des Waldes oder schlicht ein Vorzeichen der Angst, die die Schöpfung vor ihr hegte.
Sie war an dem Ort wiedererschienen, an dem sie in die Niederhöllen gefahren war. Einst war es eine Lichtung am Rand der Stadt Simyala gewesen. Nun war alles überwuchert und roch nach frischem Leben, aber sie erkannte den Ort dennoch wieder. Sie atmete die laue Nachtluft ein und den leichten Verwesungsgeruch, der darin lag. Amadena hatte nichts bei sich, keine Waffen, kein Gewand. In ihrer Hand hielt sie lediglich die Fibel, die die verlorene kleine Gruppe von Helfern zu Acuriën gebracht hatte, mit einem Hauch seiner Seele darin. Inzwischen enthielt sie seine vollständige Seele, alles, was von ihm übrig war.
Sie öffnete die Hand und schaute auf das kleine Schmuckstück hinab, simpel und aus schlichtem Silber gefertigt. »Ich werde mich daran erinnern. Ich werde mich immer daran erinnern, wie nützlich du mir am Ende doch warst«, wisperte sie ihm zu. »Und auch du wirst es nie vergessen, denn du wirst mein Begleiter sein, wohin ich auch gehe.«
Sie steckte sich die Fibel ins Haar und sah sich um. Einige Schritt neben und hinter ihr, wie ein folgsamer Diener, stand der Troll – Kaschmallarun. Er schwankte noch immer und Blut lief ihm aus den Augenwinkeln und aus dem halb offenstehenden Mund. Er schien förmlich zu dampfen, seine Kleidung war zerrissen und versengt und er blutete aus zahlreichen Wunden. Dicke, purpurne Adern zeichneten sich unter seiner Haut ab. Als Amadena ihn musterte, senkte er den Kopf, ging langsam auf die Knie und gab einen langen, jammernden Laut von sich.
Sie ging langsam auf ihn zu, genoss dabei jeden Schritt ihrer nackten Füße auf dem Waldboden: echter, stofflicher Boden, Humus und Steine und Texturen, die für ihre Sinne erschlossen werden konnten. Sie betrachtete den Troll aus der Nähe, zog seine Lippen auseinander, um seine leeren, blutigen Kiefer zu betrachten, wo ihm alle Zähne ausgefallen waren.
»Du hast viel von der Macht des Güldenen gekostet«, sagte sie sanft zu ihm, strich ihm über die graue, aufgerissene Haut in seinem Gesicht, »zu viel. In ein paar Stunden wirst du tot sein, Schrat, und du wirst völlig umsonst gestorben sein.«
Er hob den Kopf und starrte ihr in die Augen. Sie kannte den bernsteinfarbenen Blick der Trolle, aus dem Weisheit von Äonen sprach. Er hatte sie noch nie beeindruckt. In diesem Blick hier sah sie vor allem den zum Scheitern verurteilten Kampf gegen die Macht des dhaza. Sie hatte diesen Troll innerlich aufgefressen, wie es sonst keine Macht auf der Welt vermochte, seine Lebenskraft aufgezehrt und seinen Atem und seine Knochen vergiftet. Das war das Glorreiche und das Gnadenlose an ihrem wahren Schöpfer: Man musste sich ihm nicht willentlich unterwerfen, um von ihm aufgezehrt zu werden. Seine Macht war unsichtbar, schleichend und tödlich.
»Natürlich könnten wir das noch ändern«, sagte sie ruhig, bot ihm nur die Möglichkeiten an. »Stell dir vor: Du verschreibst dich dem Goldenen Gott und seine Macht wird dich nicht mehr weiter verzehren. Dann hast du vielleicht eines Tages die Gelegenheit, dich und deine toten Freunde zu rächen. Vielleicht wirst du mich sogar erschlagen. Du wirst natürlich den Willen dazu verlieren und in meinem Namen weitere Gräueltaten vollbringen, aber wer weiß das schon genau … Vielleicht wirst du einen Weg finden. Und bis dieser Tag kommt, dienst du mir.«
Kaschmallarun war auf alle viere gesunken und hatte begonnen, Blut zu erbrechen. Er versuchte, von Amadena weg zu kriechen. Sie ging unbeeindruckt hinter ihm her und berührte ihn sanft mit der Hand an der Stirn, löschte gnädig für eine Weile seinen wachen Geist aus. Der Troll sank augenblicklich zusammen wie ein gewaltiger Sack und blieb regungslos auf dem Waldboden liegen. Sie selbst ließ sich nieder, um zu denken, zu meditieren. Sie sang zu ihrem eigenen Körper und der Welt und schützte sich vor Unbill und Wetter. Ihre Knochen erinnerten sich, den Dämon Maruk-Methai in sich getragen zu haben, dessen immense Macht sie hierhin zurück gebracht hatte. Er war gewichen, kaum dass sie die 3. Sphäre betreten hatte, aber sie schmeckte seinen Namen auf ihrer Zunge und wusste, wenn sie rief, würde er eilen.
Sie versenkte sich in langsame, planvolle Gedanken, ordnete das, was sie in Agonie und ohne eine Möglichkeit, es festzuhalten, in ihren Geist eingeschrieben hatte: Geheimnisse und Namen, Chaos und die darin verborgenen, erzwungenen Regeln.
Ihre Zeit in den Niederhöllen hatte sie nicht wie Acuriën in einer Zwischenwelt verbracht, an einem Un-Ort, an dem der fenvar als Fremdkörper in der 7. Sphäre gefangen war und die Grauen und den Wahnsinn zwar erleben musste, aber immer wieder vergessen und übersehen werden konnte. Nein, sie war direkt mit den stärksten Kräften der Niederhöllen in Kontakt geraten. Die Dämonen der Niederhöllen verzehrten sich nach ihrer Seele. Sie hatte die Elemente verdorben, die Schöpfung nach ihrem Willen verändert, Liebe und Zuneigung geheuchelt und die anderer ausgenutzt, Rache geübt und das Blut Ahnungsloser und Unschuldiger vergossen, verbotenes Wissen gesammelt und ihren Hort an Macht gemehrt – sie hatte in den Augen der Schöpfung jede Sünde begangen und die Wesenheiten der Niederhöllen, die Inbegriffe von Sünde, besaßen alle einen Anspruch, ein Verlangen, nach ihrer Seele.
Im Laufe der Zeit lernte Amadena die verschiedenen Domänen kennen. Während andere Wesen schon nach Augenblicken am Wahnsinn zerbrochen wären, hielt Amadena stand und entwickelte ein kühles, distanziertes Interesse an den Foltermethoden und den Myriaden Ungeschaffener, deren Blick auf sie fiel. In den Erinnerungen, die Acuriën von Amadena erhielt, waren es am Ende sogar die Dämonen, die sich vor ihr fürchteten und die sie immer weiter zum nächsten Erzdämon reichten, in der Hoffnung, dieser könnte sie endlich brechen oder – noch besser – sie würde diesen stürzen und somit die Gelegenheit für eine Ausweitung der eigenen Macht schaffen.
Nach all diesen Jahren war Amadena zu einer Expertin für das Chaos der Niederhöllen geworden, sofern dies einem fleischlichen Wesen überhaupt möglich war. Nicht nur hatte sie in ihrem Geist eine Bibliothek aller ihr bekannter Dämonen, ihrer Stärken, Vorlieben und Schwächen hinterlegt, sie hatte auch Wissen von diesen Dämonen erlangt, das diese seit Äonen über die Schöpfung gesammelt hatten, Wissen über die Natur der Sphären, die Wunden, die ihnen von den Dämonen beigebracht worden waren und über das unerreichbare Herz all dieser Welten. Ihre Zeit in den Niederhöllen hatte sie nicht nur stärker gemacht, sondern auch gefährlicher und mitleidloser.
All diese Erinnerungen teilte sie mit Acuriën. Ob sie echt waren oder eine Wahnvorstellung, das konnte er nicht sagen. Ihre neue Perspektive war Amadena jedoch dienlich bei dem, was sie nun vorhatte.
In ihrer langen Meditation stimmte sie sich auf die 3. Sphäre ein, die sie nun in ihrer Gesamtheit erfasste. Es gab gewaltige Reiche jenseits Aventuriens, aber sie hatte sich bisher ganz im Sinne ihres Gottes auf diesen Kontinent konzentriert – mit dem Ziel, die fey zu verderben und zu verführen, nach deren Vorbild sie erschaffen worden war. Nun rückten die anderen Länder in ihren Blick. Myranor im fernen Westen, das Land der Riesen im Osten, das vor Leben strotzende Uthuria im Süden und mehr. Über all diese Orte hatte sie unermessliches Wissen erlangt. Bis zum letzten Augenblick in den Niederhöllen hatte sie die ankommenden Seelen der Verdammten beobachtet und erfahren, woher sie gekommen und an was sie zugrunde gegangen waren. Nun griff sie mit ihrem Geist hinaus in die Welt, um die Lücken in ihrem Bild zu vervollständigen. Ihre Seele schwebte über den Wolken, zwischen den Wogen und unter den Wurzeln, um alte Werkzeuge, Verbündete und Schöpfungen aufzusuchen und zu erfahren, was seit ihrem bedauernswerten Verschwinden geschehen war – und sie war zufrieden.
Ihr Vater, der Gottdrache Pyrdacor, war gefallen. Er war das wichtigste Werkzeug des Namenlosen in dieser Welt gewesen, doch seine Hybris hatte ihn irgendwann nutzlos gemacht. Die Götter in Alveran hatten ihren Kettenhund losgeschickt, um Pyrdacors Herrschaft zu beenden. Der Gott ohne Namen brauchte einen neuen Legaten, ein Werkzeug, das in der Lage war, subtiler vorzugehen, das treuer war, intelligenter, ausdauernder, verführerischer. Amadena war all das und mehr.
Ihr altes Werk war tatsächlich vollbracht. Die Kultur der fenvar, jener fey, die Städte bauten und die Welt erforschten, war untergegangen. Zwei ihrer sechs elementaren Städte hatte sie damals eigenhändig zerstört, andere waren von ihren Bewohnern aus Feigheit von dieser Welt entrückt worden. In ihrer Abwesenheit waren zuerst Isiriel und schließlich Tie’Shianna, der Sitz des Hochkönigs Fenvarien, den Horden des Namenlosen zum Opfer gefallen, dem sich Pyrdacor am Ende seines Lebens offen verschrieben hatte. Doch dann war auch er gefallen und hatte viele seiner Drachen mit in den Tod gerissen. Sein Reich war von Aventurien entrückt worden, die Narbe war noch frisch. Dieses epochale Ereignis hatte ein Sphärenbeben ausgelöst, das die Schöpfung für immer durcheinandergewirbelt hatte, das sie selbst in ihrem Gefängnis am Rand der Welt gespürt hatte und das letztlich ihren Befreiern den Weg zu ihr bahnte. Der Strom der Zeit floss hier in der 3. Sphäre anders als in den Welten, die dort draußen durch den Limbus taumelten. Für Amadena und Acuriën war all das nur Tage her. In Aventurien waren seit dem Fall der Hochelfen und der Drachen über achtzig Jahre vergangen. Doch für Wesen wie sie war das keine lange Zeit.
Ein Machtvakuum war entstanden, und eine neue Art Kreatur machte sich bereits daran, es zu füllen. Die Menschen, jene plumpen, hässlichen Gestalten, mit denen sie immer wieder experimentiert hatte, wähnten sich bereits die neuen Herren Aventuriens. Sie nannten sich Tulamiden und wagten Vorstöße gegen die Echsen, die in den Ruinen von Pyrdacors Reich zu überleben versuchten. Nur weit im Norden waren die Erben der fey noch mächtig und hielten die Traditionen Ometheons aufrecht.
Doch dort war Amadenas Macht nach wie vor am stärksten. Ihre Kinder, die Shakagra, beantworteten ihren geistigen Ruf mit Feuereifer. Seit Langem warteten sie auf die verheißene Rückkehr ihrer Schöpferin, wagten kleine Vorstöße gegen die fey, aber waren niemals geeint genug gewesen, um einen neuen Feldzug zu starten. Sie lebten noch immer im Schatten des Himmelsturms und in den Anlagen tief darunter, die Amadenas Weisung zufolge errichtet worden waren, um ihre mit dämonischer Essenz verbundenen Armeen vor dem brennenden Licht des Sonnengottes zu schützen. Mit den Shakagra würde ihr neuer Feldzug beginnen. Zuerst würde sie Rache an den überlebenden fey nehmen, und danach sollte der Rest der 3. Sphäre die Macht Amadenas kennenlernen.

Kaschmallarun und Acuriën folgten Amadena in den Norden. Beide hatten keine Wahl. Der Weg begann langsam, der Troll trug die Fibel mit Acuriëns Seele und Amadena flog in Gestalt eines kleinen Vogels, eines Neuntöters, voraus. Schließlich gelang es ihr nach einem kurzem Kampf, den Geist eines alten Purpurdrachen zu unterwerfen, der fortan beide Körper und die Fibel trug. Der Drache war nach dem Ende des Krieges aus dem Süden in den Forst in der Mitte des Kontinents geflohen. Von ihm konnte Amadena noch mehr über den Untergangs Pyrdacors lernen. Je weiter sie sich dem eisigen Norden näherten, desto schweigsamer wurde ihre Reitkreatur, wagte es aber nicht, sich aufzulehnen. Als das Feuer im Inneren des Drachen aus den Südlanden ob der Kälte und der Folter durch seine neue Herrin verlosch, brachte Amadena den Leichnam dazu, im Tode noch zu Boden zu gleiten, nur wenige Hundert Schritt vom Eingang des Himmelsturms entfernt.
Sie hatte keine Intention, den Turm zu betreten. Ihre Diener warteten bereits zu dessen Füßen. Gut einhundert Schwarzalben in dunklen Rüstungen standen in Reih und Glied, und als Amadena absaß, fielen sie alle gleichzeitig mit militärischer Präzision auf die Knie. Niemand wagte, den Blick zu heben, als sie durch ihre Reihen schritt und auf eine Öffnung im Eis hinter den Truppen zuging. Erst als sie die Eishöhle betreten hatte, erhoben sich die Krieger der Shakagra Reihe für Reihe, folgten ihr in den Untergrund und hinter den letzten schlossen sich Eis und Fels.
Kaschmallarun hatte während der gesamten Reise kein Wort gesagt, sondern nur in die Ferne gestarrt und gelegentlich ein tiefes, brummendes Wimmern von sich gegeben. Nun wurde er von zehn Shakagra in einen Seitentunnel eskortiert und nahm auch dieses Schicksal schweigend an. Es drohte ihm keine Gefahr, Amadena hatte ihren Kindern lediglich stumm befohlen, ihn zu reinigen und auszurüsten.
Amadena selbst schritt einen anderen Korridor entlang. Sie kannte dieses Höhlensystem, immerhin hatte sie es in einem anderen Leben selbst angelegt. Ihre Schritte fanden einen Raum, den sie als Rückzugsort für sich selbst geschaffen hatte, und ihre Diener hatten dort bereits alles für ihre Bedürfnisse vorbereitet. Es erwarteten sie ein heißes Bad, ein Mahl aus Fisch, Algen und dem roten Fleisch der Eisrobben sowie ein seidenbedecktes Nachtlager. Die Einrichtung war aus ihren Gemächern im Himmelsturm hierher geschafft worden. Es war die erste Mahlzeit und die erste Nacht in einem Bett seit Langem.
Sie ließ sich auf das Bett nieder, nahm die Fibel aus ihrem Haar und drehte sie zwischen den Fingern hin und her. »Tausend Jahre lang musste ich auf all dies verzichten«, sagte sie zu der Seele darin, »deinetwegen. Aber ich bin nicht kleinlich. Immerhin warst du auch mein Portal, mein Ausweg und meine Rettung.« Sie strich sanft über das einfach bearbeitete Metall.
»Du wirst tausend Jahre und mehr abgelten, was du noch schuldest«, versprach sie.
Sie trat noch am selben Tag vor die versammelten Shakagra in der großen Halle ihrer unterirdischen Stadt, um zu ihnen zu sprechen und ihnen ihre Aufgaben zuzuweisen.
»Eure Göttin ist zurückgekehrt!«, hallten ihre Worte von den Wänden der lichtlosen Kaverne wider, »und sie wird euch in dieses neue Zeitalter führen! Die Zeit der fey ist vorbei! Sie haben sich verloren in ihrer Dekadenz und ihrem Hochmut. Die Zeit der Echsen ist vorbei! Sie waren nicht in der Lage, sich an die neue Welt anzupassen! Diese neue Welt sind wir! Die Shakagra und ihre Verbündeten! Mit der Macht des dhaza wird uns die Welt gehören!«
Die Krieger vor ihr jubelten nicht, aber jeder und jede einzelne murmelte leise »Für die Göttin und das dhaza.« Es war für Acuriën beängstigender als die Kriegsschreie tausender Barbaren.
Amadena verlor keine Zeit mit weiteren großen Reden. Vielleicht war die Drohung zu Beginn ihrer Ansprachen sogar nur an Acuriën und Kaschmallarun gerichtet gewesen. Der Troll stand, bewacht von vier weiteren Kriegern, am anderen Ende der Halle und starrte weiter ins Nichts. Er hatte immer noch kein Wort gesagt. Acuriën wusste nicht, als die Scharen der Shakagra ihre Hingabe zeigten und ihre Treue erneuerten, in welchem Verhältnis er zu Israni und Kilgan gestanden hatte und warum er seine Seele riskiert und verloren hatte, nur um ihn zu retten. Amadena ließ ihn darüber bewusst im Dunkeln, verbarg alle Gedanken und alles Wissen dazu vor ihm.
Doch ihre Pläne konnte er klar und deutlich vernehmen. Sie waren weltumspannend, blickten Jahrhunderte in die Zukunft. Offenbarten ein Wissen über die Schöpfung und die Politik der Reiche dieser Welt, das sonst niemand besitzen konnte. Amadena hatte gegenwärtig keine großen Pläne für Aventurien, wo Menschen aus dem Süden und Einwanderer aus Myranor sich bald gegenseitig zerfleischen würden.
Der Norden jedoch wurde noch von zahlreichen Nachkommen der Hochelfen Ometheons besiedelt. Diese galt es auszurotten. Kein fey sollte künftig mehr auf Dere wandeln, der nicht vom dhaza berührt war. Sie gab ihren Truppen konkrete Anweisungen, wie sie einen Feldzug gegen die letzten fey des Nordens anlegen sollte, um ihren Feind trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit auszulöschen.
Dann wandte sie sich den anderen Reichen der Welt zu. Das Land der Riesen war dem Namenlosen bereits zu großen Teilen verfallen. Myranor im Westen stand unter der Kontrolle mächtiger Zaubererfamilien, die den verschiedensten Mächten anhingen. Manche huldigten Dämonen, andere vielleicht dem dhaza, doch einige auch göttlichen Kräften. Ihnen allen war gemein, dass sie über Artefakte verfügten, die halb Aventurien in Schutt und Asche legen konnten, denn ihre Zauberei war fremdartig und durch große Weisheit und langfristige Studien perfektioniert. Myranor sollte also das Hauptaugenmerk gelten. Dort wollte Amadena ihren neuen Stützpunkt errichten.
Schon vor über tausend Jahren hatte Amadena den Shakagra befohlen, Tunnel zum Westkontinent anzulegen. Eine Vorhut war damals auf Wolkenschiffen nach Myranor gereist, um dort eine Kolonie zu gründen. Anschließend sollte der Bau der unterseeischen Anlage von beiden Seiten vonstattengehen. Acuriën konnte sich ein solches Bauwerk nicht vorstellen. Es müsste gewaltige Entfernungen überspannen und wäre unglaublichen Kräften ausgesetzt. Müsste man nicht undenkbar tief graben, bis man sicher unter den Wassermassen des Meeres war, und würde man dort nicht auf die Glut aus den Tiefen Deres stoßen?
Erst, als Amadena mit der Fibel im Haar den Tunnel betrat, um ihn zu begutachten, und ihre Gedanken an ihren Gefangenen sandte, konnte Acuriën es erfassen. Es war eine Röhre aus dickem Glas, die von der westlichsten Kaverne zunächst steil hinab zum Grund des Meeres führte. Amadenas Augen konnten die Schwärze des Ozeans nicht weit durchdringen, aber zuweilen huschten blasse Wesen nahe genug heran, um im Licht der Lampen, die die Shakagra bei sich trugen, zu schillern. Ihre Körper waren weiß oder durchsichtig, formlos und ohne Augen. Dumpf tasteten sie den gläsernen Tunnel ab, aber selbst die größten unter ihnen, Kalmare mit Armen von vielen Schritt Länge, konnten dem Glas keinen Schaden zufügen.
Die Röhre war breit genug, damit fünf Shakagra nebeneinander gehen konnten, und das Glas auf die gleiche Weise geformt wie die Behälter im Himmelsturm. Es musste Jahrhunderte gedauert haben, all dies zu erschaffen, aber Amadenas Kinder hatten ja auch genug Zeit gehabt.
»Sie sind alle geschult im Umgang mit Dämonen und dem Formen von Erzen mit dämonischer Macht«, wisperte Amadena Acuriën zu. »Sie haben diesen Tunnel viel schneller gebaut, als du es dir ausmalst. Und noch viele weitere, ein wahres Netzwerk unter den Meeren, Tore zu verlorenen Orten voll vergessener Macht. Wir werden sie bald bereisen. Schon morgen brechen wir auf.«
Amadena hatte erneut nicht gelogen. Bereits am Folgetag wurden sie und Kaschmallarun von einem kleinen Trupp Shakagra in den Tunnel eskortiert. Der Troll ging schleppend, vier der Dunkelelfen trugen Amadena in einer Sänfte. Die Dunkelheit des tiefen Meeres zog an ihnen vorbei, durchbrochen nur vom Tanzen weißer Quallen und einzelnen siedenden Quellen, die kochendes Wasser und Asche ausstießen, die noch finsterer waren als das lichtlose Wasser. An ihnen hafteten Gärten von abstrusen Wesen, die mit fiedrigen Armen um sich griffen und grelle, prächtige Farben zeigten, die nur für wenige Augenblicke im Lampenschein sichtbar wurden, bevor sie wieder für lange, lange Zeiten in der Dunkelheit versanken.
Natürlich legten sie so nicht die Tausenden von Meilen bis zur Küste Myranors, des Kontinents im Westen, zurück. Nach einigen Wegstunden erreichten sie eine gewaltige Glaskuppel, die am Meeresboden verankert war. Von ihr zweigten weitere Röhren nach Süden, Westen und Südwesten ab. Hier war ein weiteres Dutzend Shakagra mit Vorräten und Ausrüstung stationiert und sie alle fielen wortlos vor Amadena auf die Knie. Der Tunnel, der von hier aus nach Westen führte, war etwas schmaler als der bisherige und beherbergte eine Plattform aus einem fremdartigen Metall, auf der Amadena und ihre Begleiter jetzt Platz nahmen. Amadena legte eine Hand auf die Plattform und Runen begannen zu leuchten. Mit einem disharmonischen Summen setzte sich der Schlitten in Bewegung und wurde dabei immer schneller und schneller. Amadena sandte weitere Gedankenbilder an Acuriën und beschrieb ihm die Konstruktion, auf der sie saßen. Ein Transport-Dämon war in die Plattform gebunden und trieb sie voran, während er gleichzeitig ein Kissen aus Luft um ihre Basis erzeugte. Diese Art der Forschung, die Amadena schon vor zweitausend Jahren im Himmelsturm vorangetrieben hatte, machte sich die Kräfte der äußersten Sphäre dienstbar und war von den Ältesten abgelehnt worden. Nun diente sie dazu, sie in wenigen Tagen an die Küste Myranors zu tragen.
Sie passierten noch weitere Knotenpunkte auf ihrem Weg, tauschten die Bedeckung aus und erneuerten ihre Vorräte. Kaschmallarun starrte die gesamte Fahrt über teilnahmslos in die Schwärze der tiefen See. Er aß nichts und trank nichts. Amadena schien das zunächst völlig gleichgültig zu sein, aber nach einigen Tagen, die sie stumm nebeneinander gesessen hatten, sprach sie ihn beim Umladen auf eine neue Plattform in einer der Glaskuppeln doch wieder an: »Ich weiß, deine Art ist zäh. Aber wenn du nichts trinkst, wirst du verdorren und sterben. Dann muss ich deine Knochen am Ende noch als untoten Troll wiedererheben lassen, damit ich dich nicht völlig umsonst mitgeschleppt habe. Ist es das, was du willst?«
Der Troll wandte bloß seinen Blick ab. Da traf ihn eine unsichtbare Faust mit einer solchen Wucht, dass er gegen die Wand der Kuppel geschleudert wurde, und drückte sein Gesicht mit einem knirschenden Geräusch gegen das Glas.








