Pardona 3 - Herz der tausend Welten

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»Ich habe dich etwas gefragt. Antworte mir oder ich mache meine Drohung wahr.«
Kaschmallarun grunzte vor Schmerz.
Amadena presst seinen Kopf fester gegen die Scheibe, die nun Risse zu zeigen begann. Die Shakagra, die damit beschäftigt waren, die Ausrüstung auf die neue Plattform zu verladen, wichen langsam einige Schritt zurück.
»Nein …« murmelte der Troll schließlich. »Nein, das will ich nicht.«
Amadena lockerte den magischen Griff und Kaschmallarun sank langsam zu Boden. »Es kann ja doch sprechen. Ich dachte, du wärst nicht mehr als ein großer, nutzloser Hund.«
Sie setzte sich auf die neue Plattform, während Kaschmallarun sich schwer atmend erhob. Er blickte noch einmal hinaus in die Schwärze und murmelte etwas, das Acuriën nicht verstand. Es klang wie »Hond«.

Der Vorposten der Shakagra im Norden des myranischen Imperiums war in den letzten Jahrhunderten bereits beträchtlich gewachsen und seine Population übertraf die im Himmelsturm. Von hier aus waren Amadenas Kinder weiter ins Landesinnere und das Ewige Eis gezogen, um mehr Stützpunkte anzulegen. Ähnlich wie in Aventurien hielten sich die Dunkelelfen hier unter der Erde verborgen und wagten nur hin und wieder Überfälle auf vorbeikommende Reisende oder Siedlungen. Amadena wollte, dass sich dies nun änderte. Sie und ihr kleiner Trupp waren nur der Anfang. Mehr Krieger aus Ometheon sollten folgen und weitere Shakagra-Siedlungen auf dem neuen Kontinent anlegen.
Ähnlich wie in Aventurien herrschte in Myranor ein Machtvakuum, das Amadena auszunutzen gedachte. Das Imperium hatte sich in einem großen Erbfolgekrieg unter den verschiedenen Optimatenhäusern gegenseitig zerfleischt. Die magiebegabten Geschlechter schickten Monstren und Chimären in die Schlacht, die in den letzten Jahrhunderten, die der Konflikt jetzt schon tobte, ganze Landstriche verwüstet hatten.
Ausgelöst worden war der Krieg durch den plötzlichen Tod der sogenannten Archäer, den Begründern der verschiedenen Häuser. Sie nannten sich selbst Kinder der Mondgöttin Mada, hielten sich für Geschöpfe der Magie und waren für die Wesen in Myranor so fremdartig gewesen wie die fey in Aventurien. Sie hatte den Menschen einen Pakt angeboten und den Großteil des Kontinents so unter ihrer Herrschaft geeint, sich dabei aber auch mit den Menschen vermischt und ihre magische Macht weitergegeben. Vor einigen Jahren waren die reinblütigen Archäer alle von einer mysteriösen Seuche dahingerafft worden und mit ihnen war auch die Einigkeit der Häuser verloren. Das myranische Imperium lag in Trümmern, versunken in einem endlosen Bürgerkrieg. Es war genau der richtige Zeitpunkt für Amadena, um zuzuschlagen.

Es dauerte tatsächlich nur ein paar Jahre, bis Amadena geheime Stützpunkte im gesamten Norden des Kontinents errichtet hatte, jeder besetzt mit Hunderten von Shakagra und ausgestattet mit Chimärenlabors, um neue Monstrositäten zu erschaffen. In der Feste Serrakhaszmazar weit im Norden richtete sie ihren persönlichen Herrschaftssitz ein. Mit jedem neuen Trupp von Shakagra und anderen Dienern wucherten die Türme empor, wurden von Dämonen und magischer Kraft geformte Treppen und Galerien übereinander gehäuft, bis die Zitadelle wie ein vielleibiges Monstrum an einem schwarzen Berg über Gletschern hing.
Mit den Jahren fand auch Kaschmallarun so etwas wie einen Lebenswillen. Die Lethargie, die seine Verwandlung ausgelöst hatte, fiel nach und nach, je länger er Amadenas Gefangener war, von ihm ab. Stattdessen entwickelte er eine stets leise kochende Wut, eine misstrauische Wachsamkeit und Appetit für das Leid anderer. Vielleicht hatte der Einfluss des dhaza aber auch einfach länger gebraucht, den Troll zu korrumpieren, als Amadena dies vorausgesehen hatte. Sie setzte ihn zunächst als Anführer kleiner Überfalltrupps ein und schickte ihn gegen die Barbarenstämme des Nordens.
Sieben Jahre nach der Rückkehr Amadenas aus den Niederhöllen tobten die Kriege unter den myranischen Häusern noch immer – und ihre neue Armee war bereit. Immer tiefer drangen ihre Truppen in das Gebiet des zersplitterten Imperiums vor, sorgten für Chaos in den Grenzsiedlungen, terrorisierten die Garnisonen und zermürbten die bereits stark dezimierten Truppen der streitenden Häuser. Gleichzeitig suchte Amadena die Anführer der imperialen Fraktionen in vielerlei Gestalten auf. Meist trat sie als Gesandte eines der anderen Häuser auf, bot einen Pakt oder überbrachte eine Provokation. So hielt sie nicht nur den als Chimärenkrieg in die Geschichte eingegangenen Konflikt am Laufen, sie lenkte auch von ihren eigenen Vorstößen ab. Die streitenden Reiche der Menschen wurden täglich schwächer, während sich ihre Armeen und Magier gegenseitig zerfleischten und immer neue Terrormaschinen aufeinanderhetzten, deren Geheimnisse die mysteriöse Albin ihnen verraten hatte.
So gelang es Amadena und ihren Truppen nach nur wenigen Jahren, als Sieger aus einem vorher schier endlos wirkenden Konflikt hervorzugehen. Sie eroberte den Berg Baan-Bashur, den einstigen Sitz des Imperiums und seines Herrschers, des Thearchen. Dieser Thron war es, um den die Häuser seit Jahrzehnten stritten und in ihrem Hass und ihrem Eifer hatten sie zunächst nicht bemerkt, dass sich Amadena auf ihm niedergelassen hatte.
In nur sieben Jahren war die Tochter Pyrdacors wieder zur Herrscherin eines Reiches geworden. Zwar erkannte sie niemand als neue Thearchin an und es gab auch kein geeintes Imperium, über das sie hätte regieren können, doch ihre Schwarzalben hielten im nördlichen Teils des Kontinents weite Landstriche besetzt und hatten einen Keil bis in sein Zentrum getrieben. Die Herzen der Menschen waren leicht zu kaufen gewesen und eine Vielzahl entbehrlicher Söldner hatte sich Amadenas Feldzug angeschlossen, um die wenigen tausend Shakagra zu unterstützen. Wer sich ihr nicht anschloss, lernte schon bald die volle Grausamkeit der Schwarzalben kennen, deren dunkle Rüstungen schnell überall im ehemaligen Imperium zu einem Synonym für Tod und Zerstörung wurden. Ihre fahlen, toten Gesichter mit den schwarzen Augen und spitzen Ohren zu erblicken, kam dem Urteil eines langsamen Todes gleich.
Söldnertrupps, immer angeführt von Shakagra, marodierten in den Randgebieten von Amadenas Reich und beschäftigen den Widerstand der Optimatenhäuser lange genug, damit ihre Herrscherin selbst den Anführern neue Lügen in die Ohren flüstern konnte – und sie davon überzeugen, dass nicht die fremde Macht aus dem Norden die eigentliche Gefahr war, sondern dies nach wie vor eine Finte der konkurrierenden Häuser sei. Mehr als eines der Häuser Myranors war den Verlockungen des Goldenen Gottes bereits ohne ihr Zutun verfallen und somit fielen auch Amadenas Worte auf fruchtbareren Boden, als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie hatte wenig Mühe, den extremeren Anhängern ihres Gottes immer höhere Posten in der Hierarchie des mächtigen und arroganten Hauses Chrysotheos zu verschaffen und letztlich half sie auch, eine unheilige Allianz zu besiegeln. Weit im Westen des Kontinents lag ein Land, so sehr dem Blut und dem Leid verschrieben, dass selbst die lasterhaften Imperialen es mieden. Das Land der Draydal, die die dunklen Kräfte des dhaza anbeteten und als Werkzeuge benutzten, um Armeen von Untoten zu erschaffen. Sie wurden zu Verbündeten der gewissenlosen Herrscherhäuser des Imperiums – und damit war eine neue Front entstanden, die Amadenas Aufstieg diente.
So wurde Amadena unter einem weiteren ihrer vielen Namen zur Imperatorin über ein in Flammen stehendes Reich, doch darum ging es ihr in diesem Fall nicht einmal. Es waren die Geheimnisse des Berges Baan-Bashur, wegen derer sie diesen Feldzug unternommen hatte. Als sie ihren Thron vom eisigen Norden ins Zentrum des Imperiums verlagerte, machte sie Kaschmallarun zu ihrem Statthalter in Serrakhaszmazar. Zunächst lehnte er ab.
»Herrin, Ihr könnt nicht von Euren Truppen verlangen, dass sie mir folgen, wie sie Euch folgen. Ich bin nur euer einfacher Leibwächter.« Der Troll hatte jetzt zwar seit Jahren verbissen auf Seiten der Shakagra gekämpft, die Verantwortung schien er aber zu scheuen. Zu Amadenas Unbill.
»Du hast die äußeren Sphären bereist, dem direkten Kontakt mit dem Nichts des dhaza getrotzt und die Niederhöllen gesehen. Du weißt mehr über die Schöpfung als jeder hier und meine Kinder wissen, dass es nichts mehr gibt, was dich einschüchtern kann. Sie werden dir folgen, so als würde dir der Thron im Eis gehören.«
Er trat das Amt an, denn er hatte keine andere Wahl.

Die Archäer hatten sich die Kinder Madas genannt. Sie waren von der Göttin der Magie berührt gewesen, ein Volk von Freizauberern mit einem dritten Auge auf der Stirn, das in der Lage war, die Welt des Arkanen zu sehen. Ihr Ziel war es gewesen, ganz im Sinne ihrer verlorenen Göttin, den Völkern Deres die Magie zu bringen. Sie waren Wesen von fast göttlicher Macht gewesen. Unter ihnen sollen sogar wahre Halbgötter gewesen sein, Diener der Kräfte, die in Alveran über die Welt herrschten. Baan-Bashur galt manchen als Zentrum der derischen Schöpfung.
All das war in Myranor allgemein bekannt, für Acuriën war es jedoch völlig neu. Amadena teilte ihr erlangtes Wissen mit ihm, als wollte sie seinen Horizont erweitern, jedoch immer mit Lücken, immer ohne den letzten Schlüssel für das Verständnis ihres Vorgehens, ihrer Pläne. Sie ließ es in seinen Geist sickern und lächelte still und bitter, wenn sein Geist zu rasen begann und er die Fragen hin und her wälzte, warum sie etwas tat, warum sie ihm dieses Wissen gab, warum sie nach dem Erbe einer verlorenen Spezies suchte, warum sie sich in diesem Kontinent festsetzte wie eine giftige Wurzel, die in alle Winkel kroch.
Während der Krieg um Baan-Bashur weiter tobte, nutzte Amadena die Zeit, die immensen Tunnelsysteme unter ihrem Palast zu erforschen und nach den Geheimnissen der Archäer zu suchen, von denen sie sich so viel versprach. Anfangs nahm sie Shakagra und menschliche Söldner mit auf diese Expeditionen. Doch nach einigen Monaten ging sie dazu über, Acuriëns Geist von der Fibel in ein Metallkonstrukt zu übertragen und dieses als Leibwache mitzunehmen. Das Konstrukt stakste auf sechs Beinen durch die Korridore und folgte dabei Amadenas Willen. Sechs Arme endeten in Schwertlanzen und Schilden. Auf all das war ein metallener Kopf geschraubt, der über eine Reihe von dünnen Metallplatten Geräusche erzeugen konnte. Darüber war es Acuriën möglich, sich zu verständigen, wenn auch mit einer scheppernden, seelenlosen Stimme.
»Kein schöner Anblick«, meinte Amadena zu dem Konstrukt, nachdem sie seine Seele das erste Mal hineingefüllt hatte und er verloren und ohne klares Verständnis des neuen Körpers umhertastete. »Ein Jammer. Im Himmelsturm warst du immer einer meiner Lieblinge. Doch dein Leib verrottet in den Niederhöllen bei deinen Freunden. Immerhin bist du dennoch hier und kannst als der letzte der fenvar Momente wie diese mit mir teilen.«
Kein Wort davon verriet aufrechtes oder auch nur glaubhaft geheucheltes Mitleid. Amadena hätte sicher auch ein eleganteres Konstrukt für Acuriën entwerfen können. Dieser Metallkörper war rostig und quietschte bei jedem Schritt. Für Acuriën, der keinen Schmerz mehr spürte, war es aber einerlei, ob er in einer Fibel oder einem Metallskelett eingesperrt war. Zunächst wagte er es, die neue Freiheit der Bewegung zu genießen. Er begann zu verstehen, warum Amadena ihn bei sich behielt. Alle anderen Wesen, mit denen sie sich umgab, waren ihre Diener oder gar Geschöpfe. Unterwürfige Kreaturen, seelenlose Dunkelalben, geldgierige Menschen, deren Lebensspanne lächerlich kurz war. Es gab wenig sinnvolle Worte, die man mit ihnen hätte wechseln können. Amadenas altes Leben war von der Zeit hinfort gespült worden und nachdem sie beide die tausend Jahre in den Höllen geteilt hatten, waren sie für den jeweils anderen das Einzige, was davon noch geblieben war. Sie wollte jemanden auf Augenhöhe, oder wenigstens jemanden, der nicht völlig unter ihrer Würde war, bei sich wissen.
So durchschritten sie zu zweit die Katakomben unter Baan-Bashur, natürlich nach wie vor mit einer Bedeckung aus Shakagra, die vorausging, um die offensichtlichsten Gefahren auszumerzen und mit all den magischen Annehmlichkeiten, die Amadena für solche Expeditionen vorbereitet hatte. Mindere Dämonen lösten uralte Fallen aus. Schutzzauber lagen auf den beiden fenvar. Ein stetes Licht ging von einer glosenden Kugel über Acuriëns Metallkopf aus.
»Gewöhn dich nicht zu sehr an deinen neuen Körper«, meinte Amadena beiläufig, nachdem Acuriëns Klingen eine Chimäre zerschnitten hatten, die sich aus einer Öffnung in der Decke auf sie gestürzt hatte. »Heute Nacht wirst du wieder zurück in der Fibel sein. Aber falls du dich als nützlich erweist … dies ist die 16. Ebene, die wir bisher durchsucht haben. Angeblich warten noch hundertmal mehr unter uns. Du könntest sie alle mit mir erforschen. Es ist eine Arbeit, die Jahre dauern wird. Unter uns liegen nicht nur Tunnel wie dieser, Baan-Bashur war einst viel mehr als nur ein Berg mit einem Palast darauf.«
Acuriën hatte bereits gelernt, dass er nicht antworten sollte, wenn er nicht direkt gefragt worden war und dass seine Metallstimme Amadena nicht behagte. Also hörte er weiter zu.
»Hier haben die Himmlischen vor Äonen einige wenige Kreaturen jeder Art vor dem Zorn anderer Gottheiten gerettet. Wäre es nach diesen gegangen, hätten sie alles, was lebte, ausgerottet, um neues Leben zu schaffen. Es war ihre Antwort auf das Wirken des dhaza, dem damals fast alle Kreaturen Deres verfallen waren. Verstehst du, was ich sage? Die Götter waren bereit, alles und jeden umzubringen, nur weil sich die Wesen damals den Lehren des Namenlosen zugewandt hatten. Klingt das für dich, als stünden sie auf der richtigen Seite?«
»Nein, tut es nicht«, antwortete Acuriën pflichtbewusst. Er hätte es auch ironisch meinen können, die Metallstimme ließ keine Nuancen erkennen.
»Nur einige wenige Götter, darunter Mada, die Herrin der Magie, rebellierten gegen diese Entscheidung. Sie versteckten eine Handvoll Sterblicher jeder Spezies hier und schufen ihnen ein Heim, in dem sie die Katastrophe überdauern konnten, die alles andere auslöschte. Der Berg wurde damit später zum Ursprung fast allen intelligenten Lebens in dieser Sphäre … Mit Ausnahme der fey und somit der fenvar, die von außerhalb gekommen waren, und den Wesen, deren Ursprung das dhaza war. Mit besonderer Ausnahme also von uns beiden. Wir sind nicht wie gesuchte Strauchdiebe verborgen worden, um dann aus dem Schlamm zu kriechen. Aber jede andere Kultur hat ihre Wurzeln genau hier. Was wir nicht wissen, ist, welche Rolle die Archäer dabei genau gespielt haben. Waren sie wirklich die Kinder Madas, die den Sterblichen angeblich so wohlgesonnen war, dann mögen sie auch die Verwalter dieser Brutstätte des Lebens gewesen sein.«
Acuriën wurde klar, dass es die Archäer selbst waren, für die Amadena eine besondere Faszination empfand. Man sagte, sie seien wohlmeinend gegenüber der Schöpfung gewesen, aber rebellisch gegenüber den Göttern. Sah sich Amadena selbst in diesem Bild? Hielt sie sich für eine Wohltäterin an den Sterblichen?
»Die Archäer sollen das Geheimnis der Theurgie gekannt haben«, fuhr sie fort, »die Fähigkeit, Götter zu beschwören und sie ihrem Willen zu unterwerfen.«
Es klang absurd und Acuriën stockte kurz in seinen Bewegungen. Die Götter waren so gut wie allmächtig und nur andere Götter oder Erzdämonen, vielleicht noch Giganten, konnten ihnen etwas anhaben. Jemand, der einem Gott gebietet, wäre der nicht selbst ein Gott?
Amadena wusste, dass es kein Ding der Unmöglichkeit war, und teilte noch mehr Wissen mit ihrem alten Weggefährten, während sie in den folgenden Jahren die unteren Ebenen erkundeten. Sie hatte diese Geschichten von einem der Archäer direkt gehört, als seine Seele in ihre Einzelteile zerlegt worden war. Das Wesen hatte behauptet, dass es unter seinem Volk solche gab, die selbst die Essenz der Göttlichkeit in sich trugen, auch wenn sie wie Sterbliche über Dere wandelten.
Bisher war Amadena nur das Werkzeug eines gefesselten Gottes gewesen. Doch damit würde sie sich künftig nicht mehr begnügen. Sie kannte den Platz, der ihr zustand, und sie hatte eine klare Vision, wie sie ihn erreichen könnte. Die uralten Artefakte, die sie in Baan-Bashur bergen wollte, waren die ersten Schritte auf diesem Weg.
In der untersten Ebene des Berges fand sie schließlich das, was sie am dringlichsten gesucht hatte. Acuriën war bei ihr an diesem Tag, sein metallener Körper war korrodiert und fast aufgelöst vom Blut und der Säure, die durch die Adern seiner Feinde geflossen waren. Mit jeder weiteren Ebene unter dem Berg waren die Gänge größer geworden, bis sie titanische Ausmaße erreicht hatten. Treppenstufen reichten Amadena bis zum Scheitel, die Höhlendecke war oft nur noch zu erahnen und in den fernen Schatten schrien Kreaturen aus vergessenen Zeitaltern. Im Zentrum der letzten Ebene schwebten die beiden ungleichen Gefährten schließlich über einen See aus flüssigem Gold, um eine Insel mit einer Festung darauf zu erreichen, deren Türme irgendwo in der lichtlosen Höhlenwelt mit der Decke verschmolzen und die Wurzeln des Reiches bildeten, über das sie herrschte. In dieser Festung standen ihnen ihre bisher härtesten Kämpfe bevor und Amadenas Zauberkraft hätte beinahe nicht ausgereicht, um die Wesen zu vertreiben, die hier über den größten Schatz der Archäer wachten: Gefäße der Schöpfung, in der Lage, selbst einem Gott einen Leib zu schaffen.

Amadena und ihre Alben konnten den Berg Baan-Bashur und die besetzten Gebiete fast 200 Jahre lang halten. Als die zerstrittenen Häuser Amadena endlich als die größte Bedrohung erkannten, schlossen sie sich zum Zweiten Imperium zusammen und vertrieben die Feinde zurück in den Norden, aus dem sie gekommen waren.
Amadena hätte dies niemals geschehen lassen, hätte sie zu diesem Zeitpunkt nicht längst alles gehabt, wofür sie gekommen war. Die Herrschaft über das Imperium bedeutete ihr nichts, sie hatte Größeres im Sinn. Tatsächlich hatte sie mit ihrem offenen Krieg viel mehr Aufmerksamkeit erzeugt, als es ihre Absicht gewesen war. Sie hatte die Menschen und ihren Willen, in Notsituationen zusammenzuarbeiten, unterschätzt. Diesen Fehler würde sie in Aventurien nicht wiederholen.
In den folgenden Jahrhunderten perfektionierte sie das Werk, das sie vor ihrem Sturz begonnen hatte, ihren Beitrag zur derischen Schöpfung: die Chimären. Die Wesen, die später als Gletscherwürmer bekannt werden sollten, machten erstmals tausend Jahre nach Amadenas Rückkehr aus den Niederhöllen den Norden Myranors und Aventuriens unsicher. Es waren Weiterentwicklungen der eisigen Würmer, mit denen sie bereits im Himmelsturm experimentiert hatte. Ein Herz einer solchen Kreatur hatte sie mit dem des Menschen Kilgan verschmolzen und diesen damit unempfindlich gegen Kälte gemacht. Die Gletscherwürmer waren zwar nicht die größten oder mächtigsten unter den Drachen, aber sie waren eine ausgezeichnete Ergänzung für die Truppen der Shakagra in den Nordgebieten. Sie konnten jahrzehntelang so gut wie regungslos verharren oder vom Himmel aus die Horizonte im Blick behalten. Sie waren die perfekten Wachen für Amadenas eisiges Reich.
Dass einige der fenvar sich mitsamt ihren Städten ins Verborgene zurückgezogen hatten, ließ ihr jedoch keine Ruhe. Je öfter sie sich wieder in Aventurien aufhielt, umso mehr steigerte sie sich in die Idee hinein, dass die überlebenden fey sich wieder zusammenrotten und geeint gegen sie vorgehen könnten, so wie es die Menschen in Myranor getan hatten. Sie erschuf eigens verschiedenste Kreaturen als Spione und Jäger, nur um ihre verhassten Artgenossen aufzuspüren und zu vernichten.
Nicht allen fey setzte sie mit Monstermacht zu. Viele wurden der Kriege Aventuriens überdrüssig und schworen, freiwillig ins Licht zurückzukehren. Doch das war Amadena nicht genug. Sie nutzte jede Gelegenheit, um selbst diese »Feiglinge« für ihre Zwecke einzusetzen. Statt sie ins Licht gehen zu lassen, lockte sie immer mehr von ihnen ins mahlende Nichts des dhaza. Sie sorgte dafür, dass Acuriën die Schreie ihrer gepeinigten Seelen vernahm.
»Ohne dich wären sie jetzt alle im Licht und für meinen Herren verloren. Ich danke dir.«
An jenem Tag, als dies geschah, belohnte sie Acuriën für seine tausend Jahre Dienst und verschmolz seinen Geist für einige Stunden wieder mit dem eines sterblichen Wesens, sodass er Nahrung kosten konnte. Sie hatte dafür eigens eine amphibische Art der Neunaugenfische geschaffen und setze dem erbärmlichen, egelartigen Wesen einen Trog mit Blut vor. Elfenblut, da war sich Acuriën sicher. Er trank es trotzdem.
Nachdem Amadena sich die Vorherrschaft über die Polarregionen gesichert und die Reste der fenvar in ihre Schranken verwiesen hatte, begann sie sich wieder mehr für das südliche Aventurien zu interessieren. Dort waren inzwischen neue Völker angekommen, Siedler aus Myranor, die am Meer der Sieben Winde die Stadt Bosparan gegründet hatten und schnell mit dem Volk der Tulamiden in Krieg gerieten. Acuriën konnte nie herausfinden, ob Amadena den Güldenländern, wie sie sich später nannten, die Idee der Besiedlung des neuen Kontinents in den Geist gepflanzt hatte oder ob es deren natürlicher Expansionsdrang gewesen war. Was Acuriën aber sicher wusste, war, dass Amadena und ihre Spione die neuen bosparanischen Kaiser, die Horanthes, nicht aus den Augen ließen, denn diese Herrscher waren in der Tradition ihrer güldenländischen Herkunft oft Zauberwirker und hielten sich für Halbgötter. Und an Göttern, die unter Sterblichen wandeln, ob nun wahre oder eingebildete, hatte Amadena seit ihrer Zeit in Baan-Bashur ein besonderes Interesse entwickelt.
So war es denn auch Baan-Bashur, wo – einige Jahrhunderte vor dem Fall Bosparans in Aventurien – ebensolche leibhaftig auftauchten. Die Oberhäupter der Häuser Melarythor und Ennandu waren fleischgewordene Prinzipien von magischer Macht und Weisheit und löschten sich gegenseitig in einem Jahrzehnte währenden Krieg aus. Der Oberste des Hauses Melarythor wurde als Alveraniar des Verbotenen Wissens verehrt, als Himmlischer Gesandter, der die Sterblichen in bester Tradition der Archäer mit dem Geschenk der Magie betraute, nebst all den Risiken, die dies barg.
Amadena hatte diesen Konflikt zu spät bemerkt – sie war zu sehr in ihre Experimente vertieft gewesen. Erst als die Sphären ob des Kampfes der beiden Himmlischen zu beben begannen, richtete sie ihren Blick auf sie. Melarythor hatte die Kraft, Kontinente einzuebnen und Sterbliche verfielen ihm, wenn er sie nur ansah. Er trug auf seinem Haupt die Dreizehnstrahlige Dämonenkrone, das Symbol für den Bund und das Werkzeug zur Herrschaft über die Niederhöllen. Einst hatte der Namenlose selbst diese Krone getragen, ja vielleicht sogar selbst geschmiedet. Dass sie nun im Besitz dieses Halbgottes war, musste ein Zeichen sein. Entweder ein Zeichen, dass ein Pakt zwischen ihm und Amadena vorherbestimmt war – oder dass sie sie ihm gemeinsam mit seiner göttlichen Macht entreißen musste.
Doch dazu kam es nicht. Amadena hatte die Heftigkeit des Konfliktes in Myranor unterschätzt. Sie konnte nur noch Zeugin der rauchenden Trümmer der letzten Schlacht werden.
Ihr Werk in Aventurien war da viel einfacher. Sie musste nicht viel tun, um den Kreislauf des Todes im Gang zu halten, wenn es um die Horaskaiser in Bosparan ging. Eine geschenkte Zauberformel hier, ein wahrer Name eines Dämonen da, die Erinnerung an eine schöne tulamidische Prinzessin oder an zu leere Staatskassen und zu reiche Bauern in den nördlichen Provinzen. Krieg folgte auf Krieg, Dekadenz auf Niedergang und andersherum. Aventuriens Boden wurde mit dem Blut der jungen Menschenvölker getränkt, Bosparan versank wieder in Trümmern – keiner seiner Herrscher war in Amadenas Augen ein genaueres Studium Wert gewesen.
Mit dem Niedergang dieses dekadenten Reiches betrachtete Amadena ihre Arbeit fürs Erste als getan. Erneut zog sie sich in den Himmelsturm zurück. Sie brauchte neue Kreaturen, neue Späher und subtilere Handlanger, wenn sie in der neuen Zeit bestehen wollte. Mit neuem Eifer wandte sie sich ihren Chimärenlabors zu – und es sollte viele Jahre dauern, bis sie dort von Entdeckern aus den Menschenreichen in ihrer Konzentration gestört wurde.








