Pardona 3 - Herz der tausend Welten

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Tumbe Barbaren aus dem Norden Aventuriens waren durch Zufall über Ometheons Himmelsturm gestoßen und dort planlos umhergewandert. Amadena und ihr Volk hatten den Turm vernachlässigt und sich in die unterseeischen Städte zurückgezogen. Nur einige Gefangene waren dort untergebracht und warteten auf ihren Einsatz in verschiedenen Experimenten. Als die menschlichen Eindringlinge die Verteidigungsmechanismen des Turms aktivierten, war das ein Weckruf für Amadena. Die Menschen waren in ihrer Expansionswut bis zu ihrer Haustür vorgedrungen. Sie beschloss, sich genauer anzusehen, wer da in ihr Reich eingedrungen und offenbar an den Hinterlassenschaften der Hochelfen interessiert war, deren Untergang nun schon 3.000 Jahre zurücklag. Erneut ließ sie ihre verborgenen Festungen hinter sich und zog durch Aventurien – und ihr wurde klar, dass Veränderung in der Luft lag. Eine neue Weltzeitwende stand bevor. Das Zeitalter näherte sich bereits wieder seinem Ende und wie jedes Mal, wenn ein neues Äon bevorstand, würden Götter und Halbgötter aus ihren Reichen in anderen Sphären über die Schöpfung wandeln.
Amadena begann, ihre Fühler auszustrecken. Die Gestalt, die in Myranor vor gut anderthalbtausend Jahren als Alveraniar des Verbotenen Wissens aufgetreten war, wurde in Liedern besungen, Prophezeiungen sprachen von einer zyklischen Rückkehr. Seine Taten hatten eine Art Sekte begründet, eine fanatische Anhängerschaft aus Magiern und Nicht-Magiern, die in ihm den großen Befreier sahen, den Mann, der die Wände zwischen den Sphären einreißen und Menschen und andere Sterbliche mit Göttern gleichstellen würde. Dies war eine Person, die Amadena nützlich sein könnte. Sie trat in Kontakt mit den Menschen, die dem sogenannten Sphärenschänder nacheiferten und seine Rückkehr herbeisehnten und schmiedete Bündnisse mit einflussreichen Männern und Frauen des Mittelreiches. Ihr gemeinsamer Plan war es, einen Halbgott zu beschwören, wie es die Archäer vermocht hatten.

Rilmandra reiste, denn das war ihre Natur. Sie lernte neue Dinge, weil sie es wollte. Nach vielen geduldigen Versuchen gab sie sich geschlagen und akzeptierte, dass die Kehle ihres Körpers die Laute des Vierbeinigen nicht genau nachahmen konnte und dieser wiederum nicht in der Lage war, die singenden Töne des zweistimmigen Asdharia hervorzubringen. Die Sprache der fenvar, der aus dem Licht hervorgetretenen fey, die Städte und Schönheit in die Welt gebracht hatten, war die Sprache ihrer Schöpferin gewesen und fühlte sich auch auf den Lippen und der Zunge ihres geliehenen Leibs vertraut an. Mehr kannte sie auch nicht, sprachen die Bewohner der fernen Globulen im Nebel doch oft nur in Gedanken, Gesten und Träumen und nicht mit einer hörbaren Stimme.
Lange Zeiten, in denen in der 3. Sphäre die Jahre und Jahrhunderte vergingen, saß Rilmandra neben den in Eis Erstarrten und studierte sie. Eine der Personen hatte rötliches Haar mit einer weißen Strähne und wirkte seltsam grob. Das Gesicht der anderen war zerrissen. Beide waren, bevor das Eis sie umschlossen hatte, schwer verletzt gewesen, und so beschloss Rilmandra, nicht daran zu rühren.
»Es tut mir leid«, sagte sie zu dem Vierbeinigen. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich etwas für sie tun kann. Ich will länger darüber nachdenken.«
Er gab einen traurigen Laut von sich und sie legte eine Hand zwischen seine Ohren. »Ich ahne, was du fühlst«, sagte sie, »die Musik deiner Stimme ergibt Sinn für mich.«
Er öffnete einen Moment lang weit das Maul in einem seltsam tiefen Atemzug und drehte sich dann auf die Seite. Sie grübelte darüber nach, was das bedeuten mochte, und steuerte fort von einem Licht im Nebel, das Wächter und Ärger versprach, und hielt sich weiter an ihre verborgenen Pfade. Sie blieb lange so sitzen auf ihrem Deck, und der Nebel, der sie durchdrang und den sie im Gegenzug durchquerte, erhielt den neuen Körper ohne Bedürfnisse und Widrigkeiten.
Der Vierbeinige, ebenso von Hunger verschont, litt umso mehr an Langeweile. Bald lief er auf ihren Decks auf und ab, kratzte an ihrem Holz, kaute auf den Seilen und zeigte sich unverständig, wenn sie ihn ermahnte. Sie ließ sich treiben und versuchte zugleich, in ihrem neuen Körper mehr Verständnis für den Vierbeinigen aufzubringen. Sie zeigte auf die Schnitzereien an ihrer Reling und wiederholte immer und immer wieder die Worte, die dafür standen.
»Nachtigall«, sang sie, »Lilie, Wassertropfen, Spiegel, Feder, Hirsch, Eisvogel …«
Eine Weile später, die Sphären hatten sich bewegt und dort, wo Leben herrschte, dieses durch lange Zeiten und Zyklen begleitet, begann der andere darauf zu reagieren. Wenn sie »Efeuranke!« rief, eilte er zur entsprechenden Schnitzerei und lobte sie ihn dafür, freute er sich und sprang jubelnd umher.
Mehr Zeit verging und bald lief Rilmandras Gast in ihrem Spiel von Klängen und Symbolen von Bug bis Heck und teils unter Deck, um all die Dinge zu finden, die sie benannte. Und auch wenn er in ihrer im Limbus schwebenden kleinen Blase von Existenz keinen Hunger oder Durst verspürte, suchte er mit der Nase voran in jedem Winkel vergebens nach Essen.
Sie pflegte sein dichtes Fell sowie das Haar ihres geliehenen Leibs, indem sie geduldig mit den Fingerspitzen wieder und wieder hindurch fuhr und Knoten entwirrte. Sie lag mit dem anderen an Deck und sah zu den schimmernden Bahnen von Kraft, denen sie folgten, den glühenden Spuren vergessener Welten. Sie drückte ihn an sich, als der Nebel erzitterte und ferner Flügelschlag erklang, während sie ihre Segel drehte und floh.
Sie waren einander Anker, während die Welten weiterzogen. Sie durften nicht Halt machen, nicht rasten, während an anderen Orten Schlachten gewonnen und verloren wurden, Wälder erblühten und vergingen und Felder voll Knochen zu blühenden Ebenen wurden. Sie fanden Ruhe in der Stille der im Eis gefangenen Begleiter, in den Rhythmen des Limbus, in ihren Spielen und dem Dämmerschlaf im Nebel.
Die Welten drehten sich, folgten ihren vorbestimmten Abläufen. Zeit lief in Pulsen vom Herz der Schöpfung nach außen, versickerte und verlor schließlich am Rand, wo die Sterne wachten, ihre Bedeutung.

Borbarad hatte den Bund mit Amadena abgelehnt, ohne auch nur lange darüber nachzudenken. Er hatte genau gewusst, was ihn erwartete und was sie ihm vorschlagen wollte. Das war eine wertvolle Erkenntnis für Acuriëns Herrin gewesen. Möglicherweise hatte sie das Wesen des Göttlichen doch unterschätzt. Doch auch davon abgesehen war das Ritual nicht der Fehlschlag gewesen, als der es erscheinen mochte.
Borbarads Rückkehr stürzte den gesamten Kontinent Aventurien in den darauffolgenden Jahren ins Chaos und brachte die Sphären zum Erbeben, wie es seit dem Fall Pyrdacors nicht mehr geschehen war. Risse in die Niederhöllen taten sich auf, Helden – menschliche wie elfische – fielen. Das Weltbild der Menschen begann sich zu verändern. Hatte vielerorts blindes Vertrauen in ihre Götter in Alveran geherrscht, wandten sich jetzt immer mehr Menschen der Magie und den Erzdämonen zu – begannen sogar darüber nachzudenken, dass Göttlichkeit nicht Allmacht bedeutete und dass es nichts war, was die Schöpfung als Privileg für den Rest der Ewigkeit vergab, sondern etwas, das ein Sterblicher selbst erlangen konnte.
Dies war eine Gedankensaat, der Amadena gern beim Sprießen zusah. Borbarads Rückkehr mochte vordergründig Tausende und Abertausende von Leben gekostet haben und die Ordnung gestört haben – eine hervorragende Grundlage für das Wirken des Namenlosen. Doch die Auswirkungen in den Köpfen der Menschen würden noch in Jahrhunderten zu spüren sein und die Zahl der für die Götter verlorenen Seelen war nicht zu erfassen.
Dass Borbarad sich ihr verweigert hatte, war nicht zu ändern. Ein Teil von ihr, der immerzu Wahrscheinlichkeiten und Geschicke betrachtete und verschiedene Wege auslotete, hatte diese Möglichkeit in Erwägung gezogen. Acuriën war das einzige Geschöpf, das wahrgenommen hatte, wie sie selbst das Ritual korrumpiert hatte. Sie hatte dafür die Kräfte aller Dämonen der Niederhöllen angerufen – und natürlich die ihres Herren, des dhaza, des Gottes ohne Namen. Ihnen allen sollte Borbarads Rückkehr dienen. Doch was sie tat, als alle abgelenkt waren, das diente einzig und allein ihr selbst.
Acuriën wagte nie, seine Herrin darauf anzusprechen, aber er wusste, dass sie wusste, dass er es gesehen hatte. Ein winziger Dämon war Teil von Borbarads Leib geworden, eine Art Egel. Eine Kreatur, die von Amadena erschaffen worden war und einzig und allein ihr diente.
Als Borbarad Jahre später bezwungen und vernichtet wurde, wie es prophezeit gewesen war, blieb nichts von seinem Leib übrig. Er wurde in andere Sphären entrückt. Große Teile Aventuriens lagen zu diesem Zeitpunkt in Trümmern. Amadena hatte im Verborgenen gewartet und den Verlauf der Dinge beobachtet. Nun schickte sie ihre Handlanger aus, um Überreste von Borbarads Körper zu finden, doch diese Suche blieb erfolglos.
Mit wissenschaftlicher Akribie schrieb Amadena alles nieder, was sie über Borbarad und Halbgötter gelernt hatte, fügte dieses Wissen den langen Schriften und Abhandlungen der Archäer hinzu, die sie geplündert hatte.
Und das Erbe Borbarads, das Chaos, seine Reichtümer und die Dämonenzitadelle an der Spitze des Dämonenbaums, nahm sie mit stiller Selbstverständlichkeit an sich.

Amadena ließ sich in den Schnee fallen und wechselte die Gestalt. Flügel schmolzen zu langem, blassem Haar und Schuppen wurden zu bleicher Haut. Zwölf Berge umringten sie, himmelhoch und weißglühend vor Eispanzern, die sich an ihren Spitzen festkrallten. In respektvollem Abstand kreisten Drachen, die sie aus der Ferne beobachteten.
Der Ort schien verlassen, doch sie spürte den Blick unsichtbarer Wächter auf sich ruhen, die jenseits der greifbaren Welt ruhelos kreisten. Kaum jemand schaffte es bis hierher, noch weniger wurden dann geduldet.
Die Kälte, brutal wie der Winter am Himmelsturm, griff nach ihr und sie verwehrte sich. Sie sang, nur ein Summen, knochentief, und weder Frost noch die dünne Luft wagten sich näher heran. Um ihre bloßen Füße schimmerte die Luft an der Grenze ihrer Körperwärme zur lebensfeindlichen Umgebung.
Es gab kein höheres Gebirge auf dieser Welt; es schien, als verließe es beinahe die Sphäre. Alles wirkte zugleich verschwommen und zu scharf umrissen, immens in seinen Ausdehnungen, aber in der klaren Luft so deutlich in der Ferne, dass selbst die massiven Felswände und Gletscher Spielzeug sein mochten.
Vor ihr lag etwas, das sich vor ihrer Sicht zu verbergen versuchte, oder eher versuchte ihr Blick, darum herumzugleiten. Allein die Ahnung seiner Form bohrte sich als vager Schmerz hinter ihren Augen in ihren Schädel. Zwischen Herz und unteren Rippen regte sich etwas in ihrem Leib, ein Hauch von Unwohlsein und ein Flattern wie ein Banner im Atem eines Riesen.
Sie konzentrierte sich, richtete ihren Blick fest auf den Turm.
»Ich habe Schlimmeres gesehen«, verkündete sie sich und der Welt. Mühlsteine aus Leid und Schmerzensschreien, hungrige Mäuler, die Welten verschlingen konnten, Boshaftigkeit, die weder Ablenkung noch Langeweile kannte und immer, unablässig um sich griff, sich wand und jeden klaren Gedanken zerstören wollte.
Das hier war nur die Saat der Siebten Sphäre, nur ein Echo.
Aus dem Talgrund zwischen den zwölf Bergspitzen erwuchs etwas, das zugleich Baum, Turm, Tempel und Gerippe war. Schwarz flirrten seine Umrisse, ölige Regenbogenfarben liefen über Beulen und Bögen wie halb verfaulte Leichenteile. Zinnen wuchsen wie Zähne, Meilen über dem Boden. Das Gebäude lebte, und auch wenn keine klar erkennbaren Augen Teil der vielfältigen Oberflächen waren, beobachtete es sie ebenso wie sie es zu beobachten versuchte. Der Schmerz wurde intensiver, aber sie hieß ihn willkommen. Sie konnte dieses Ding erfassen in all seinen sichtbaren und unsichtbaren Dimensionen. Sie spürte, wie weit die Wurzeln reichten; sie berührten Bereiche der Schöpfung, die unzugänglich sein sollten.
Mit einem weiteren, gesungenen Ton sah sie noch mehr: Linien aus Purpur, die wie Ströme von Blut flossen, ein Gewebe aus zwölf solcher Bahnen, die sich im Herzen des Turms miteinander verbanden und wie Adern in Bögen und Kränzen aus einem Herz erwuchsen. Wer auf diesem immensen Instrument spielen konnte, dessen Saiten über Kontinente reichten, dessen Melodien würden die Welt umspannen. Der Turm selbst hatte dies nicht hervorgebracht, aber er wuchs daran und darum herum wie ein bösartiger Tumor, der das Gewebe seines Wirts in sein eigenes wandelte und wucherte, immerzu wucherte.
So viele Krankheiten, angeschwollene Drüsen, schwarzviolett schimmernde bösartige Klumpen aus verdorbenem Fleisch hatte sie schon in den Händen gehalten, hatte sie aus den Körpern ihrer Kinder und Experimente geschnitten oder eingepflanzt, gehegt und bewundert. Nichts davon konnte sich hiermit messen, doch sie würde auch dies nehmen, formen und beherrschen.
Sie ging auf das Gebilde zu, das zu zittern begann. Das Land im Schatten des unmöglichen Turms begann sich zu regen und zu fließen wie Öl, verlor seinen Zusammenhang in Zeit und Raum, als die Zitadelle ihren Ort wechseln wollte.
»Bleib«, befahl sie und sie war nicht allein. Der purpurne Stern, das Auge in der Leere, sprach durch sie. Ihr ganzes Leben, jahrtausendeschwer, stemmte sich gegen den Sog des dämonischen Baumes und er erstarrte.
»Gut«, murmelte sie ihm zu und näherte sich weiter, »und nun öffne dich.«
Bebend zogen sich einzelne, gigantische Fasern auseinander und gaben eine Öffnung frei, die von bleichen Knochen oder Stoßzähnen gesäumt wurde. Dahinter führte der Weg tiefer hinein und aufwärts, pulsierend und lebendig. Oben, unter dem Kranz von Elfenbeinzinnen und umringt von pochenden Adern voller Macht, wo Zweige bedeckt von schimmerndem Pelz und Insektenflügeln im Wind peitschten, wuchs ein Thron aus dem Boden, der sie erwartete.
»Lass uns Verbündete sein«, wisperte sie dem nahezu geistlosen Ding zu. »So ein wunderbares Werkzeug …«
Von hier aus ließen sich die Kraftlinien dieses Kontinents spielen wie ein Instrument mit unermesslich langen Saiten. Für so viele Dinge würde ihre körperliche Anwesenheit unwichtig werden. All die Melodien, die sie spielen würde!
Sie berührte die Wand des Ganges, die leicht nachgab wie die Haut eines Hais, rau in eine Richtung, glatt in die andere. »Ich habe noch so viel mehr mit dir vor und dem, was du bist«, wisperte sie. Dann ging sie weiter hinein in die Wucherung, die die Sphären durchbrach, in den Dämonenbaum, das Schwert, das die Welten zerteilen konnte – und ihre Zitadelle.

Rilmandra wiegte ihren Rumpf in unsichtbaren Winden und segelte durch eine weite, leere See aus Nebel. Leise erzählte sie dem Vierbeinigen in langen, langen Stunden ungestörter Fahrt, was die Symbole der Schnitzereien an ihrem Leib bedeuteten. »Die Nachtigall ist Sehnsucht«, murmelte sie ihm zu und sang ein Lied darüber, in das der andere einstimmte. »Die Lilie bedeutet Kampf und Gewandtheit, tödliche Schönheit!«
Sie sprang auf fremden Beinen über das Deck und ahmte die raschen, tänzerischen Bewegungen der Krieger nach, die sie vor langer Zeit gesehen hatte.
»Der Eisvogel ist Entschlossenheit«, verriet sie ihm und er gab ein vorsichtiges Knurren von sich. »Genau«, bestätigte sie, »Entschlossenheit, sein Ziel kennen, nicht abweichen. Deswegen ziert er auch meinen Bug.«
Ein Tor schien hell durch den Nebel, für all ihre Sinne ein Lockruf und eine Warnung. Wie immer hielt sie sich von diesem Leuchtfeuer fern, navigierte an ihm vorbei und umkreiste wehmütig goldene Welten, die sie nicht zu betreten wagte.
»Die Taube«, sagte sie und strich mit Fingerspitzen über den schlichten Vogel, im Flügelschlag festgehalten. »Die Taube, kehrt immer heim.«
Der andere presste sein Gesicht an ihr Knie und sie vergrub die Finger in seinem Fell, ließ sich neben ihm nieder. Sie sah auf die beiden Gestalten im Eis und drückte den Vierbeinigen fest an sich. »Sie weiß immer, wo sie ist, damit sie heimkehren kann«, führte sie weiter aus. Dann schwiegen sie beide.
Wenig später – oder viel später, die Jahre in der 3. Sphäre häuften sich zu immer höheren Zahlen, aber was bedeutete das ihr? – begann der andere auch ohne ihr Spiel die Schnitzereien abzusuchen und mit einem kehligen Laut und Stupsen der Nase auf sie hinzuweisen. Haselmaus und Betende Schrecke, Morgenblume und Krakenmutter und schließlich silberne Winde.
Sie folgte ihm bei diesem Tanz, den er mehrfach wiederholte, und begegnete dann seinem fragenden Blick.
»Geborgenheit und lauernde Gefahr«, sagte sie. »Hoffnung und Schutz. Dankbarkeit.«
Er gab ein bestätigendes Geräusch von sich und setzte sich hin.
Ihr Gesicht lächelte von allein und sie befühlte es nachdenklich. Die vielen, vielen kleinen Muskeln bewegten sich ihren Gefühlen nach und sie konnte selbst daran ablesen, wie sie die Bedeutung der Symbole verstand und die Freude noch größer wurde.
»Gern geschehen«, sagte sie. »Ich würde dich jederzeit wieder aus lauernder Gefahr retten. Mein Schutz ist immer dein.«
Er schnaufte zufrieden und grinste. Dann stand er wieder auf und trabte zu den beiden im Eis, stieß sie an. Er warf ihr einen Blick zu, als wolle er sichergehen, dass sie aufpasste, und lief zur Reling. Grauer Mohn war sein erstes Ziel, dann Goldginster.
»Du bist traurig und ich soll helfen?«, fragte sie. Er machte wieder das bestätigende, entschlossene Geräusch und sie seufzte. »Ich weiß nicht wie«, gab sie zu. »Ich reise und ich nehme andere dabei mit, aber für einen anderen Zweck wurde ich nicht gebaut und so habe ich auch keine Kenntnis davon. Ich bin keine Heilerin, keine Gelehrte.«
Er sah sie an und legte dann eine Pfote gegen die Schnitzerei des grauen Mohns.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Es tut mir wirklich leid. Ich werde darüber nachdenken müssen.«
Und das tat sie. Während sie sich im Nebel treiben ließ, verfolgte sie die Erinnerungsfäden von alten Befehlen und Wünschen, suchte nach einer Lösung. Als die Schöpferin sie verlassen hatte, war ihr Auftrag gewesen, ein letztes Mal als Zeichen an ihre Gefolgsleute nach Hause zurückzukehren und dann verschollen zu gehen. Die Seherin hatte ihr nicht den Tod befohlen, denn sie war nicht grausam, aber dass sie den großen Geheimnissen, den tiefen Pfaden und den festen Welten fern blieb.
Sie dachte darüber nach und während sie das tat, spielte sie weitere Spiele mit dem Vierbeinigen. Die Zeit verging und sie blieben allein.

Amadena saß im Herzen der Zitadelle, ihre Finger ruhten auf schwarzen Adern und durch sie spürte sie den Herzschlag eines anderen, der weit entfernt auf den Morast herabblickte, den ihre Schöpfung hinterlassen hatte. Sie lauschte zugleich den scheinbar geheimen Gesprächen von maskierten Würdenträgern auf dem Kontinent im Westen, den dankbaren Gesängen ihrer Kinder im Norden, dem Wispern und Scharren minderer Magie von zahllosen, umherwuselnden Menschen in ihren Städten.
Nach Bedarf ließ sie ihre Kraft an ihnen entlangströmen, stärkte eine Spielfigur hier, die einem Fürsten etwas zuflüsterte, wirkte einen Zauber durch den Körper eines ihr lange ergebenen Kämpfers, erschien als Illusion, rief Schwärme von Ratten zusammen, um strauchelnde Helden in Stücke reißen zu lassen.
Viele dieser Spielfiguren würden fallen und neue würden ihren Platz einnehmen. Sie lenkte, sie suchte, sie ließ Befehle erteilen und ihre Diener nach den Spuren von Wesen suchen, deren Kräfte ihr helfen würden, die die Herzen von Gläubigen bewegten, Überzeugung aufbauten und sich von Hingabe nährten.
Währenddessen ertastete sie die Wurzeln des Baumes, in dessen Kronen sie ruhte, schob ihren Willen und ihren Geist geduldig durch das wimmelnde Chaos der Substanz, aus dem diese Zitadelle als Spitze einer Waffe gewachsen war, die die Schöpfung spalten sollte. Es war nicht ihr Plan, nicht ihre Absicht – die Welt sollte erhalten bleiben, auch wenn ihre Form zu wünschen übrig ließ – aber diese Waffe war denkbar nützlich; nur nicht hier, nicht so.
Wie mit einer feinen Nadel im Nerv eines Zahns erfühlte sie den Wuchs und die Un-Natur dieses riesigen Geschwüres. Während sie zugleich Figuren umstieß, verschob und neue auf das Spielfeld setzte, gewann ein Teil ihrer Zukunft an Form.
Zu ihren Füßen klickte und klackte ein Spielzeug, eine kleine mechanische Kreatur. Die darin ruhende Seele schlief, blieb vor der Umgebung des Dämonenbaumes geschützt. Sie erlebte bloß eine weitere lange Zeit ohne Erinnerung, ohne Bewusstsein, ein weiteres Bisschen Unsicherheit und Hilflosigkeit.
»Bald werden wir uns voneinander verabschieden«, wisperte sie. »Es fehlt nicht mehr viel, und wir finden es bald. Die Sucher riechen die Spur von Orimas Wirken im Nebel und dann werden wir handeln, du und ich.«

»Rilmandra«, erklärte sie ihren Namen und sang ihn. Er lief aufgeregt zwischen Symbolen hin und her und sie sprach sie laut aus, fügte Laute zusammen und wenn er frustriert umhersprang, zog sie sie wieder auseinander. Ein Hauchen, ein tiefer Laut, ein sanftes Ende.
»Hond«, sagte sie und er drehte sich begeistert im Kreis, jaulte glücklich. »Du bist Hond!«, wiederholte sie und Hond sprang zu ihr, um ihr die Hände abzulecken. Nach viel, viel Verwirrung wusste sie nun, dass das Zuneigung bedeutete – Rosenzweige und Mandelblüten, Lavendel und Zaunkönig.
Sie lernte auch die Namen der beiden im Eis. Israni und Kilgan: Schwertlilie und Falke für sie und einsame Bergblüten und Siebenschläfer für ihn. Sie erfuhr, dass es andere gegeben hatte, dass sie fort waren und es Hond so tief schmerzte, dass sein Herz ihm zerreißen wollte, und dass ihr neuer Körper eine Seele gehabt hatte, eine Seele von Jasmin und Nachtigall.
»Ich will ja helfen«, versprach Rilmandra. »Ich will es ja!«
Hond seufzte und trabte die Reling entlang, auf der Suche nach anderen Symbolen für seine Botschaft, aber dann hielt er inne. Beide lauschten sie mit ihren sehr verschiedenen Sinnen. Etwas bewegte sich im Nebel, verdrängte ihn auf eine Art und Weise, die sich unangenehm anfühlte.
»Warte«, sagte sie und drehte ihre Segel.
Etwas kam aus dem formlosen Limbus geschossen, wimmelnde Tentakel anstelle eines Arms und zerfetzte graue Flügel auf den Schultern eines vor Schleim schimmernden Körpers. Das Ding griff mit Krallen und Greifarmen nach ihrer Takelage, zerrte an den seidengeflochtenen Leinen und schrie schrill und pfeifend.
Hond gab wütende, abgehackte Rufe von sich und sprang hin und her, während ihr geliehener Körper in einem Echo des Unbehagens und Schmerzes zusammensank, die ihren Geist erfassten. Der Dämon hatte ihre Schutzbarrieren durchbrochen, sie konnte das Loch wie einen Riss im Segel spüren, und sein Schrei drang auf vielen Wegen hinaus in die graue Weite. Der Klang wurde sofort verschluckt, aber das darin verborgene Signal wurde weitergetragen. Irgendwo, noch weit entfernt, ertönte eine Antwort.
»Er muss weg!«, schrie sie. »Er ruft mehr!«
Hond lief hilflos auf und ab und sie warf sich herum, schleuderte das seelenlose Ding an ihrem Mast hin und her, aber es kreischte höhnisch und wiederholte seinen Ruf in die Leere. Entmutigt sah sie mit den Augen ihres kleineren Körpers nach oben, schwankte mit ihren eigenen Bewegungen und Manövern mit und stützte sich an der Reling ab. Hond hielt inne und presste dann auffordernd seine Schulter gegen sie.
Sie sah hinab, dann wieder hoch, und verstand.
Die lange Zeit der Eingewöhnung und Übung hatte ihr eine sichere Kontrolle über den neuen Körper gewährt und mit erleichternder Mühelosigkeit zog sie sich die Griffe und Tritte am Mast hoch. Der Dämon sah ihr entgegen, öffnete ein den halben Kopf spaltendes Maul und zischte sie an. Speichel sprühte herab und brannte auf ihrer Haut ebenso wie auf ihrem Holz.








