Pardona 3 - Herz der tausend Welten

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Dann setzte der Dämon sie auf festem Untergrund ab. Ihr gesamter Körper zitterte. Sie zwang sich dazu, langsam aufzusehen und die Welt wahrzunehmen, so sehr ihre Instinkte dem widersprachen.
Sie war an Deck eines Schiffes. Über ihr hingen graue Ballons, die miteinander in komplexen Mustern vertäut waren. Es war ein Luftschiff.
Sie wusste, dass das Militär einige davon besaß und es sie auch an anderen Orten geben sollte. Dieses hier führte allerdings keine Hoheitszeichen, die ihr auch nur annähernd bekannt waren. Nur ein Wimpel mit einem silbernen Drachen auf dunklem Grund wehte von den Seilen, die die Ballons hielten.
Mehrere Menschen mit langem, dunklem Haar verneigten sich vor Amadena, die neben Tharseïs über das Deck schritt, und reichten ihr ein weißes Gewand. Die Albin warf sich den Stoff um und schickte die Diener mit einem Wink fort. Dann sah sie zu den Priestern herab, die wie umgeworfene Spielfiguren um sie herum lagen.
»Auf«, sagte sie.
Tharseïs mühte sich auf die Beine und ihr Blickfeld erweiterte sich. Unter ihnen lagen verschneite Berge, hinter ihnen weites, ockerfarbenes Grasland. Wie weit waren sie gereist?
»Es gibt Kammern unter Deck«, wies Amadena an. »Haltet euch von der Besatzung fern.«
Damit ließ sie sie allein.
Die anderen starrten. Tharseïs wandte sich von ihnen ab und orientierte sich. Eine Treppe führte nach unten und da niemand sie aufhielt, ging sie hinab. Reihen von schmalen Türen standen offen. Sie wählte die erste kleine Kammer und schloss sich darin ein. Dort, zwischen einer schmalen Bank und der Wand, ließ sie sich auf die Knie nieder und betete leise.
Ihre Sicherheit begann zurückzukehren.
Die folgenden Tage waren gleichförmig. Das Schiff glitt über den Himmel und unter ihnen zogen Flüsse, Städte und Berge entlang. Tharseïs wusste wenig darüber, wie die Länder jenseits Draydalâns aussahen und so wusste sie nicht, wo sie sich befanden, sondern nur, dass es stets nach Norden ging und sie die größeren Städte mieden, die nur als dunkle Flecken von Geschäftigkeit und Rauch am Horizont verblieben.
Irgendwann blieben diese Städte, die auf Stelzen durch das Land gezogenen Straßen und selbst kleinere Orte zurück und wurden von Bergen ersetzt, zwischen denen tiefe dunkle Täler lagen.
Schließlich sank das Schiff tiefer und eine Festung kam in Sicht. Türme, ummauerte Plätze und massive Stufen waren übereinander gestapelt und hingen an einer Bergflanke wie ein Parasit, der sich festklammerte. Ein lautes Signal ertönte und jemand pochte in schneller Folge an alle Türen im Gang.
Tharseïs ging hinaus an Deck und fror, aber sie hielt sich aufrecht und sah der hochgelegenen Terrasse entgegen, wo zwei Reihen von gerüsteten Wachen auf sie und die anderen warteten. Nur einer von diesen Wächtern hatte den Helm abgenommen – die Gesichter der anderen waren hinter dunklen Metallmasken und Linsen aus gefärbtem Kristall verborgen – und sein Gesicht schien wie eine überzeichnete, kränklich bleiche Parodie auf Amadena gestaltet zu sein. Feine Ohrspitzen hielten schlohweißes Haar zurück und die Augen waren ausdruckslos und schwarz.
Das Schiff legte an, breite Planken wurden zwischen dem Deck und dem eisverkrusteten Stein der Festung ausgelegt und ohne weitere Worte half die Besatzung den Priestern hinüber. Tharseïs konnte ihre Fußsohlen bereits nicht mehr spüren und hielt den Blick bewusst geradeaus gerichtet, als sie über die improvisierte Brücke schritt, und nicht auf den tiefen Abgrund unter ihr.
Aus der Festung trat eine Gestalt ohne Rüstung, nur in ein weißes und purpurnes Gewand gehüllt. Silbriges Haar wehte im Wind wie eine weiße Flamme. War Amadena nicht mehr an Bord gewesen? Sie musste voraus gereist sein, hatte ihre geliehenen Geweihten schlicht auf dem Schiff zurückgelassen.
Jetzt fixierte sie die Gruppe, schien sie zu zählen, und lächelte dann schmal.
»Sehr gut«, sagte sie. »Noch ist keiner von euch tot.«
Damit drehte sie sich um und ließ sie einfach stehen.
Tharseïs blieb zurück, als die anderen unter stummer Anweisung der gerüsteten Alben auf das Tor ins Innere zuhielten, und versuchte, die Ausmaße der Festung abzuschätzen, indem sie auf tauben Füßen vorsichtig näher an die Kante ging und ihren Blick in alle Richtungen wandern ließ.
War das ihr Ziel? Diese verschachtelte Menge dunkler Mauern und schmaler Fenster am Rand der Welt?
Eine Hand legte sich schwer auf ihre Schulter und sie schrak vom Abgrund zurück. Der Alb ohne Helm sah sie ausdruckslos an und sagte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie schüttelte die Hand ab, strafte ihn mit einem kühlen Blick und ging dann ohne weitere Anweisung ebenfalls zum Tor, raus aus dem schneidenden Wind.
Das Zwielicht unter den schweren Schneewolken schluckte alle Schatten, auch die der anderen. Doch für den Moment war es Tharseïs recht, nicht aufzufallen und wie eine weitere unter Gleichen zu wirken mit den anderen identischen Roben und den geschorenen Köpfen. Wer nicht auffiel, konnte selbst leichter beobachten, und diese verborgene Festung musste zahlreiche Geheimnisse bergen.

Rilmandra wusste von der Festung der Diener Menacors. Es war die Aufgabe des sechsgeflügelten Drachen, über die Nebel zwischen den Welten zu wachen, den Limbus, in dem Rilmandra zu Hause war. Doch das hieß nicht, dass er alles selbst überwachte. In all der langen Zeit, die Rilmandra mit Orima oder allein in der Leere verbracht hatte, war sein Flügelschlag nicht mehr als ein seltener, ferner Sturm gewesen. Doch beginnend mit Drachenartigen und schließlich folgenden Spezies waren mächtige Magier aller Zeiten in seine Dienste getreten, um für ihn die weniger großen Aufgaben anzugehen. So viel wusste Rilmandra.
Sie konnte sie manchmal spüren, wie sie durch den Nebel reisten und sich in vorsichtigen Schritten entlang der Fäden der Kraft bewegten, wie sie beobachteten und zuweilen jene entfernten, die ahnungslos oder mit zerstörerischen Absichten in den Limbus vorgedrungen waren.
Doch Rilmandra wusste nicht um die Position der Festung dieser Wächter oder wer genau dort lebte und agierte. Also suchte sie und lauschte, während sie die nötigsten Reparaturen durchführte. Sie saß dabei neben den gefrorenen Gestalten auf ihrem Deck und knotete und flocht vorsichtig, um den schmalen Fingern ihres Leihkörpers nicht zu viele Blasen in der Haut zuzufügen.
Hond wanderte umher, kommentierte durch die Symbole ihrer Schnitzereien, starrte die Gefrorenen an oder legte seufzend seinen schweren Kopf in ihren Schoß.
»Geduld«, mahnte sie. »So einfach ist es nicht.«
Kraftlinien zitterten, kaum merklich. Sie lauschte und glich das schwache Echo mit anderen ab, die sie in letzter Zeit hatte wahrnehmen können. Es war nicht das jähe, angsteinflößende Beben, das Dämonen erzeugten, sondern ein sehr geordnetes und fast harmonisches Schwirren.
»Eine Spur!«, verkündete sie und ihre Segel kamen in Bewegung.
All die Blasen von Wirklichkeit, die kleinen und großen Welten jenseits der massiven Schwere der eigentlichen, größten Schöpfung erzeugten Spannungen und Schwingungen im Nicht-Medium des Limbus und Rilmandra konnte die meisten von ihnen an dieser Signatur erkennen. Das leise Sirren, dem sie seit dem Überfall folgte, wanderte gegen die Regeln aller Strömungen des Nebels, gut verborgen, aber nicht für ihre feinen Sinne, und weit stärker als es zunächst scheinen mochte.
Rilmandra schob Hond vorsichtig von ihrem Knie. Er maulte und streckte die Pfoten von sich, doch sie vergrub ihre Finger hinter seinen Ohren und kratzte ihn dort, was ihn erwartungsgemäß besänftigte.
»Nicht jammern«, ermahnte sie. »Es könnte endlich so weit sein!«
Seine Ohren richteten sich auf und sie stand auf, um die geliehenen Gliedmaßen zu strecken. Mit gemessener Geschwindigkeit glitt sie die Kraftlinie entlang, die verräterisch gezittert hatte. Das leichte Beben kam erneut und sie stieß einen freudigen, langgezogenen Ruf aus.
»Wir sind da!«
Hond sprang um sie herum und sie drehte sich in einer Pirouette, um ihm zu folgen.
»Sie werden dich willkommen heißen!«, rief sie. »Ist es nicht gut, heimkehren zu können?«
Die Farbe des Nebels änderte sich und Rilmandra starrte fasziniert hinaus. Der Nebel des Limbus war farblos, dies war eine der ewig gleichen Grundlagen der Leere zwischen den Welten, doch vor ihr schillerten goldene und rote Schleier und selbst ihre Augen nahmen wahr, dass etwas auf sie zukam. Oder sie sich auf etwas zubewegte oder beide zu einem gemeinsamen Punkt gezogen wurden.
Hohe, dunkle Mauern erschienen aus einem Regenbogenschimmer und das erste Mal seit … langer Zeit verschmolz Rilmandras Weltenblase mit einer anderen. Sie war kurz desorientiert, hielt sich an ihrer Reling fest und atmete dann warme Luft ein, die nach Gewitter und heißem Fels roch.
»Wir kommen in Frieden!«, rief sie, in der Hoffnung, dass jemand unter den Menacoriten die Sprache der fenvar beherrschte. Zusätzlich breitete sie die Arme aus, waffenlos, und raffte ihre Segel. Der Verlust des Wimpels mit Orimas Symbolen schmerzte sie nun besonders, hatte dieser doch früher immer verkündet, in wessen Namen sie reiste.
Aber die Zinnen der Festung waren leer, das trockene Gras unberührt. Der rote Himmel, immer wieder von blassen Blitzen durchzogen, sah unberührt auf sie herab.
Sie senkte die Arme und sah sich um.
Riesige steinerne Drachen stützten die Türme. Ein Tor in Form eines Drachenauges prangte nah am Boden wie die Galionsfigur an einem Schiff aus massigen Basaltklötzen – ein verlassenes Schiff.
»Es ist niemand da«, stellte sie fest. Hond schob seine Nase durch die Reling und schnaufte traurig. Rilmandra ließ sich langsam sinken und kraulte den Vierbeiner, während sie sich weiter umsah. Diese Welt war nicht viel größer als die Festung an sich und so gab es kaum etwas anderes auszumachen als die dunklen, hohen Türme und nahezu fensterlosen Hallen.
Dann öffnete sich eine Tür zu einer Terrasse, auf der die trockenen, halb abgebrochenen Reste eines toten Baumes standen, und eine Person in einer grauen Robe kam heraus geeilt. Sie richtete einen Stab auf Rilmandra und begann Worte zu intonieren und sie spürte, wie Kraft Form annahm.
»Wir sind in Frieden hier!«, rief sie, dann bückte sie sich und hob Hond hoch, damit er leichter über die Reling zu sehen war. »Und ich habe einen der euren zurückgebracht!«
Weitere Personen kamen heraus, unterschiedlich groß und lang und mal stämmig oder mal dürr, die meisten mit vier Gliedmaßen und alle aufrecht. Und sie alle trugen graue Roben mit Kapuzen, die sie nahezu unkenntlich machten.
Es gab eine kurze Diskussion unter ihnen in einer Sprache, die Rilmandra nicht vertraut war, dann trat eine Person vor.
»Das ist ein Hund«, sagte die Person mit einem ungewöhnlichen Akzent.
»Hond«, verbesserte Rilmandra und setzte ihn wieder ab. »Und er gehört zu euch, hat er gesagt.«
Dies führte zu mehr Diskussion. Am Ende trat eine Person vor, die langsam ihre Kapuze zurückschob und ein Gesicht freigab, das nicht fey war, sondern Rilmandras Einschätzung nach menschlich. Dunkles Haar saß in einer sauber geschnittenen Form im Gesicht und hing schulterlang vom Kopf herab.
»Ich denke nicht, dass wir jemals einen Hund als Mitglied dieses Ordens hatten«, sagte die Person. »Und Ihr seid …?«
Rilmandra verneigte sich leicht, wie manche Höflinge es früher in Anwesenheit Orimas getan hatten, um Respekt zu zeigen.
»Rilmandra«, sagte sie, »die Reisende, der Flügelschlag der Blinden Seherin und Gefährtin ihrer tausend Fahrten. Und ich suche Zuflucht.«
Jetzt schwiegen alle.
»Jemand jagt mich«, gab sie zu. Offenbar benötigten die Menacoriten mehr Information zu ihrer Lage, um ihr Hilfe anzubieten. »Ich weiß nicht, ob wegen mir, Hond oder den zwei gefrorenen Gästen, die wir haben. Hond weiß es auch nicht und die im Eis können es mir nicht sagen, weil ich sie nicht wecken oder heilen kann, aber vielleicht ist Euch das möglich?«
»Ihr seid ein Schiff!«, entfuhr es jetzt dem ersten Sprecher. »Ihr seid eine hochelfische Schiffseele!«
Sie verarbeitete die Worte langsam, die sie in dieser Zusammenstellung nicht kannte. »Ich bin fenvar«, bestätigte sie. »Oder besser fenvar-geschaffen. Und ich habe eine Seele und meine Form ist die eines Schiffes. Also, ja – ändert dies etwas an meinem Gesuch?«
»Nein!«, warf jemand anders schnell ein. »Ihr seid sehr willkommen. Nur …«
Sie traten alle langsam vor und jemand streckte sich in ihre Richtung. Sie ließ sich weiter sinken und vorwärts gleiten, sodass sie in Reichweite war, und die Person strich andächtig über den halb zerschlagenen Vogel an ihrem Bug.
»Wir haben sehr, sehr viele Fragen.«

Sie hat nun tausend Namen
in der Welt gesät
von denen keine Silbe
mehr als Trug verrät
Und tausende, sie neigen
sich vor ihr, taub und blind
und welchen Namen sie auch sprechen
sie ehren treu das Drachenkind.
In Gold und süße Hoffnung
taucht sie die Lügen ein
und wer Verrat erhofft
erliegt Verrat und Schein
Sie geben ihr in Freude
und harren ihrem Lohn
Doch niemals kommt, was nie versprochen
Der Preis der Treue schwarzer Hohn.

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