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Bevor ich etwas sagen kann, packt Reed meinen Freund an der Hemdbrust und knallt ihm seine Faust ins Gesicht.
Oder besser gesagt: meinem Ex-Freund.
Ich zucke zusammen, als Tyler grunzt. "Scheiße, Mann! Immer mit der Ruhe! Es war nur ein Blowjob."
Reeds Gesicht verfärbt sich tiefrot vor Wut. Wenn Tyler auch nur einen Funken Verstand besäße, würde er seine Klappe halten. Es ist kaum eine Minute her und schon schwillt sein Auge an. Er wird morgen früh ein höllisches Veilchen haben. Nicht, dass er es nicht verdient hätte, aber ich mag keine Gewalt.
Ty leckt sich die Lippen, als sein Blick von mir zu dem wütenden Reed und dann zu den Leuten, die im Flur stehen, wandert. "Ich wollte nicht, dass das passiert. Es war …"
Bitte sag jetzt nicht, dass es ein Unfall war! So wie, dass dieses Mädchen gestolpert und auf deinen Penis gefallen ist.
Mit ihrem Mund.
"Es war ein Unfall", beendet er lahm.
Jetzt, nachdem der erste Schock abgeklungen ist, explodiere ich: "Das ist Schwachsinn, Ty." Ich deute zu dem halb nackten Mädchen auf dem Bett. O mein Gott, warum zieht sie sich nicht was an? "Das war kein Unfall. Das war Absicht."
Da ich sie in ihrem traurigen Zustand nicht anschauen kann, schnappe ich mir ihr zerknittertes Shirt vom Bett und ziehe es ihr über den Kopf, bevor ich ihr helfe, ihre Arme in die Ärmel zu schieben. Sie hat zwar keinen BH an, aber wenigstens hängen ihre Brüste nicht mehr heraus. Vielleicht sollte es mir egal sein, doch sie ist offensichtlich zu betrunken, um zu begreifen, dass die Leute gaffen, während sie Fotos schießen, die sie am Morgen bereuen wird.
"Wir sind fertig, Ty", murmle ich.
Wie hat sich dieser Abend von einer Nacht voller Möglichkeiten zur totalen Scheiße entwickeln können? Ich reibe mir die Schläfen, um runterzukommen.
"Ach, komm schon, Babe", jammert Tyler. "Es war nur ein Blowjob." Er starrt die Blondine an. "Und kein sehr guter."
"Das ist nicht das, was du vor ein paar Minuten gesagt hast", sagt das Mädchen.
Tyler presst seine Lippen zusammen und ignoriert sie.
Ich schüttle den Kopf. "Tut mir leid, nein."
"Em, bitte …"
"Nein!", schnappe ich, angewidert von ihm, weil er dachte, ich würde ihm so was durchgehen lassen. "Es ist vorbei!"
Er breitet die Arme weit aus, seine Augen verdunkeln sich vor Frust. "Was zum Teufel erwartest du von mir, wenn du mich nicht ranlässt?" Sein Mund verzieht sich zu einem hässlichen, schiefen Strich, als er knurrt: "Ich hätte es besser wissen müssen, als mit einer Jungfrau was anzufangen. Es ist zu viel Arbeit, verdammt!"
Im Raum wird es still.
Vielleicht ist es auch die gesamte Party, die verstummt.
Das einzige Geräusch, das ich wahrnehme, ist das Klopfen meines Herzschlags, der meine Ohren erfüllt. Dann kommt ein würgendes Geräusch tief aus meiner Kehle.
Reed erstarrt, bevor er sich wie in Zeitlupe umdreht und mich ansieht, als wäre mir ein Horn aus dem Kopf gewachsen.
Oder ein Jungfernhäutchen in meiner unteren Region.
Hitze überflutet meine Wangen. Ich bete, dass sich der Boden unter meinen Füßen öffnet und mich einfach verschluckt. Ich kann die Demütigung vor all diesen Leuten nicht ertragen, die mich anstarren, als sei ich ein Freak.
Jeder, der mit 21 Jahren noch Jungfrau ist, muss ein Freak sein, oder? Ich meine, es muss etwas Ernstes sein. Ein Zustand oder eine Missbildung, die derjenige versucht, zu verbergen.
Welche andere Erklärung könnte es sonst geben?
"Em?", flüstert Reed heiser, er durchbricht die Stille, die sich über die Menge gesenkt hat.
Ich öffne den Mund, um alles abzustreiten, aber es kommt nichts raus. Es ist, als ob mich etwas von innen erwürgen würde. Anstatt den Kopf hochzuhalten und stolz zu sein, weil ich eine Jungfrau bin, drehe ich mich um und schiebe mich durch die Leute, die sich im Raum und im Flur versammelt haben.
Die Stimmen um mich herum explodieren.
Lachen ertönt.
Selbst nachdem ich die Haustür hinter mir zugeknallt habe, klingelt es noch in meinen Ohren.
5
Reed
Emerson ist keine Jungfrau.
Es ist einfach nicht möglich.
Das Mädchen ist im letzten Jahr auf dem College und sieht absolut umwerfend aus. Seit der Highschool hatte sie mehrere Freunde. Vielleicht hat sie ihre Jungfräulichkeit nicht wie ich mit sechzehn verloren, aber irgendwann in den letzten Jahren garantiert.
Oder nicht?
Em und ich sind seit sieben Jahren beste Freunde. Ich würde es wissen, wenn sie noch Jungfrau wäre. Sie hätte mir so etwas anvertraut. Oder nicht?
Sie hat nie was gesagt.
Es ist ja nicht so, dass wir herumsitzen und Sexgeschichten austauschen. Eigentlich ist Sex das einzige Thema, über das wir nicht sprechen. Das Letzte, was ich hören möchte, ist, wie andere Jungs sie vögeln, und ich will sie ganz sicher nicht mit meinen Sexkapaden unterhalten.
Ich schüttele den Kopf, um die Gedanken an Em daraus zu vertreiben. Dann atme ich tief ein und verpasse Tyler einen weiteren Schlag. Blut spritzt aus seiner Nase und tropft auf sein rosa Polohemd.
Er ist ein verdammter Idiot, wenn er Emerson so blamiert.
Anstatt hierzubleiben und Tyler in den Arsch zu treten, beschließe ich, Em zu finden. Ich will sicher sein, dass sie okay ist. Tyler wird sich bestimmt nicht um sie kümmern. Er ist zu sehr damit beschäftigt, über seine Nase zu jammern. Em ist ihm scheißegal. Wahrscheinlich war sie das schon immer. Er wollte nur das eine von ihr und ich bin froh, dass er das nicht bekommen hat.
Verdammt, ich würde ihn am liebsten wieder schlagen.
Ein letztes Mal, nur für mich.
"Scheiße, Alter", jammert Tyler. Seine Stimme klingt nasal, er hält sich mit beiden Händen die Nase zu. Trotzdem tropft Blut auf den Boden. "Das war total unnötig."
"Stimmt!", knurre ich. "Ich würde gern mehr Schaden anrichten, aber du bist es nicht wert."
Ich schüttle meine Hand aus und blicke die Leute an, die sich in den Raum drängen. Sie machen Fotos mit ihren Handys. Morgen früh werden die Bilder überall auf Instagram und Snapchat zu sehen sein.
Ich bin froh, dass Em abgehauen ist und nicht da ist, um das mitzubekommen.
"Also, was den Blowie betrifft", lallt die betrunkene Blondine, die immer noch auf dem Bett sitzt.
Ich ignoriere sie, mache einen bedrohlichen Schritt auf Tyler zu und steche ihm einen Finger in die Brust. Er versteift sich, aber er weicht nicht zurück.
"Halte dich verdammt noch mal von Emerson fern. Sie will nichts mehr mit dir zu tun haben."
Trotz des Bluts, das ihm vom Gesicht tropft, sagt er spöttisch: "Das ist genau das, was du wolltest, oder, Philips? Wie lange hast du darauf gewartet, an ihr Höschen zu kommen? Ich schätze, jetzt hast du deine Chance, nicht wahr?"
Ich schubse ihn einen Schritt zurück. "Verpiss dich!"
"Wie auch immer."
Ich gebe ihm einen letzten Stoß, bevor ich den Raum verlasse und mich durch den engen Gang und die Treppe hinunter schiebe. Die Nachricht, dass eine Schlägerei ausgebrochen ist, hat sich auf der Party wie ein Lauffeuer verbreitet. Alle streben wie eine Rinderherde in den ersten Stock, um einen Blick auf das Geschehen zu erhaschen.
Sobald ich den Treppenabsatz erreicht habe, bleibe ich stehen und suche die Menge nach Emersons dunklem Schopf ab. Panik erfüllt mich, als ich sie nicht finde. Ich hätte ihr sofort hinterherlaufen sollen, anstatt Tyler eine zu verpassen.
"Verdammt noch mal!" Ich fahre mir mit einer Hand durch die Haare und schaue zur Haustür. Wie ich Em kenne – und das tue ich – wird sie so viel Abstand wie möglich zwischen sich und diese Party bringen wollen. Das kann ich ihr nicht mal verübeln. Ich wünschte nur, sie wäre nicht ohne mich gegangen. Sie sollte an einem Freitagabend um elf Uhr nicht allein herumlaufen. Die Southern ist ein ziemlich sicherer Campus, aber trotzdem passiert hin und wieder was.
Sobald ich auf den Bürgersteig trete, scanne ich die Straße und atme tief durch, als ich ihre vertraute Gestalt in Richtung ihres Wohnheims gehen sehe.
Gott sei Dank!
Ich brauche weniger als eine Minute, um sie einzuholen. Sogar in der Dunkelheit sehe ich, dass ihr Gesicht erhitzt ist und ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammengezogen sind. Es sind keine Tränen in Sicht, was eine Erleichterung ist. Wenn ich eines nicht ausstehen kann, dann sind es Tränen. Sie geben mir das Gefühl, so hilflos wie ein neugeborenes Baby zu sein. Total nutzlos und unsicher, wie ich die Situation verbessern kann.
Ihre schwarzen High Heels baumeln von einer Hand, sie ignoriert mich, während ich neben ihr gehe und mein Tempo verlangsame. Jetzt, wo ich sie gefunden habe, herrscht in meinem Kopf vollkommene Leere. Was zum Teufel soll ich sagen?
Ein unbehagliches Schweigen breitet sich zwischen uns aus, ich räuspere mich, um es zu beenden. "Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du nachts nicht allein herumlaufen sollst?" Ich mache eine Pause, bevor ich hinzufüge: "Das ist gefährlich."
Emerson schnaubt, bleibt aber nicht stehen. Wenn überhaupt, dann beschleunigt sie ihr Tempo, als wolle sie mich abschütteln, was nicht passieren wird. Em ist fast einen Fuß kleiner als ich und hat nicht annähernd so eine große Schrittlänge. Ich könnte sie noch im Schlaf überholen.
Der Klang ihres Atems erfüllt meine Ohren, bis ich nichts anderes mehr wahrnehme.
Ich zerbreche mir den Kopf, wie ich in das ganze Jungfrauengespräch einsteigen kann, aber mir fällt nichts ein. Wir sind beste Freunde. Em und ich können über fast alles reden. Also dürfte es nicht schwierig sein, über dieses Thema zu sprechen. Und doch zögere ich.
Es geht mich vielleicht nichts an, aber ich muss es wissen.
"Ist es wahr?" Ich halte inne, ihr Atem stockt. Es ist nur ein kleines Geräusch, aber in der Stille, die um uns herum herrscht, fühlt es sich ohrenbetäubend laut an. "Ist es wahr, was Tyler gesagt hat?"
6
Emerson
Emerson
Ich verziehe das Gesicht und zucke mit den Schultern.
Die einzige Person, die nicht herausfinden sollte, dass ich noch Jungfrau bin, kennt nun – dank Tylers großer Klappe – mein Geheimnis. Töte mich jetzt und erlöse mich von meinem Elend, bevor es noch schlimmer wird. Lieber reiße ich mir die Fingernägel aus, als dieses Gespräch mit Reed zu führen.
Wenn ich mich weigere, zu antworten, versteht er vielleicht den Wink und lässt das Thema fallen.
Reeds Stimme wird leiser, und obwohl ich geradeaus starre, fühlt es sich an, als würde mich sein Blick verbrennen. "Warum hast du mir das nie gesagt?"
Im Ernst?
Was hätte ich sagen sollen? Hey, du wirst es nicht glauben, aber … Oder … Weißt du, wie es ist, wenn der P. in die V. kommt? Nun …
Mach mal halblang.
Ich bleibe stehen und drehe mich zu ihm um. Meine Hände eng an meinen Seiten zu Fäusten geballt. Es gibt eigentlich keinen Grund, auf Reed wütend zu sein, aber ich bin trotzdem sauer auf ihn.
Ist es zu viel verlangt, dass er mich allein lässt, damit ich meine Wunden lecken kann?
Habe ich nicht schon genug Demütigungen für eine Nacht erlitten, ohne auch noch Erklärungen abgeben zu müssen?
Und das vor Reed, der wahrscheinlich die Hälfte der Mädchen an der Southern flachgelegt hat.
Das ist im Moment einfach ein bisschen zu viel für mich.
Ich darf gar nicht daran denken, dass ich zu Hause bleiben und mir bei Netflix etwas hätte ansehen können. Stattdessen ließ ich mich von Brinley überreden, zu einer der größten Partys des Jahres zu gehen.
Reed wippt auf seinen Fußballen vor und zurück, während ich ihn anstarre. Wir sind weit genug von der Greek Street entfernt, auf der sich die Häuser der Bruderschaften und der Studentenverbindungen befinden, sodass die Geräusche der Partys kaum noch zu hören sind. Selbst in der Dunkelheit durchdringt sein Blick meinen, auf der Suche nach Antworten, die ich nicht geben möchte.
"Was soll ich sagen?", murmele ich.
"Die Wahrheit."
Ich stöhne und schaue weg. "Warum ist das wichtig?"
Der Zustand meiner Jungfräulichkeit hat nichts mit Reed zu tun. Es geht ihn nichts an. Genauso wie sein Sexualleben mich nichts angeht.
Glaubt er wirklich, dass ich den Klatsch, der über ihn verbreitet wird, nicht mitbekomme?
Natürlich bekomme ich das alles mit.
Aber renne ich gleich zu ihm und stelle unbequeme Fragen?
Zum Teufel, nein. Es wäre großartig, wenn er sich ebenfalls zurückhalten würde.
Anstatt sich zurückzuziehen, ergreift Reed meine Hand. Seine ist so viel größer, dass sie meine förmlich verschluckt. "Das ist es nun mal."
Auch wenn das keine Antwort ist, sage ich die Wahrheit. "Ja. Okay? Ich habe noch nie Sex gehabt." Hitze versengt meine Wangen.
Jetzt ist meine Demütigung komplett. Jemand sollte mir den Weg zum nächsten Loch zeigen, damit ich hineinkriechen und sterben kann.
"Ich bin eine einundzwanzigjährige Jungfrau!", füge ich streitlustig hinzu, und atme tief ein. "Bist du jetzt glücklich?"
Er drückt meine Finger, bis mein Blick zu seinem zurückkehrt. "Es gibt keinen Grund, sich zu schämen."
"Ha!" Ich bin sicher, dass alle Idioten, die das im Alpha-Delta-Phi-Haus miterlebt haben, anderer Meinung sind. Wenn ich mich an das Lachen erinnere, das mich die Treppen hinab verfolgte, bekomme ich eine Gänsehaut.
"Ich hasse es, dass Tyler dir wehgetan hat", murmelt er.
Die Sanftheit, die seine Stimme erfüllt, ist mein Verderben, und ich muss die Tränen wegblinzeln, die in meinen Augen aufsteigen wollen.
Reed zieht mich zu sich, bis er seine Arme um meinen Körper legen kann. Ich lasse mich in seine Umarmung sinken, schmiege meine Wange an seine kräftige, breite Brust. Er legt sein Kinn auf meinen Kopf. Vom Größenunterschied her passen wir perfekt zusammen. Das stetige Klopfen seines Herzens besänftigt die chaotischen Emotionen, die in mir brodeln.
Wir haben schon hunderte Male so gestanden, seine schiere Kraft beruhigt mich immer wieder, ich fühle mich bei ihm sicher und geborgen, verliere jedes Zeitgefühl, während wir uns mitten auf dem Bürgersteig umarmen.
Irgendwann bricht Reed das Schweigen und räuspert sich. "Also … du bist noch Jungfrau, hm?"
Die Spannung, die mich erfüllt hatte, schwindet, als ich ein Lachen ausstoße, dann reiße ich mich widerwillig von ihm los und trete einen Schritt zurück. Es gibt Zeiten, in denen sich Reed zu gut anfühlt. Manchmal, wenn er seine Arme um mich legt, fühlt es sich zu richtig an. Dies ist so ein Moment.
"So sieht es aus", murmle ich und schiebe eine verirrte Haarsträhne hinter mein Ohr.
Er neigt leicht den Kopf, ein neckisches Lächeln umspielt seine Lippen. "Darf ich dich Virgin nennen?"
"Nicht, wenn du mit mir befreundet bleiben willst", schieße ich zurück.
Das humorvolle Funkeln verblasst in seinen Augen so schnell, wie es zum Leben erwacht ist. "Komm her."
Ich stolpere, als er mich wieder an sich zieht und seine Lippen auf meinen Scheitel drückt. Die vertraute Geste wirkt wie Balsam auf meine schmerzhaft aufgewühlten Emotionen.
"Wir werden immer Freunde sein." Er zieht sich zurück, bis er meinem Blick begegnen kann. "Das weißt du doch, oder?"
Ich zucke mit den Achseln. Nach dem, was gerade passiert ist, bin ich nicht sicher, was ich weiß. Habe ich jemals vermutet, dass Tyler mich so verletzen würde, wie er es getan hat?
Nein.
"Hey." Er hebt seine Hand, legt sie an meine Wange. "Ich meine es ernst, Em. Du und ich, wir bleiben ein Leben lang zusammen. Egal, was passiert." Unsere Augen sind geschlossen, als er seine Stirn an meine drückt. "Falls es dir hilft, ich habe Tyler eine blutige Nase verpasst."
Ein zittriger Seufzer kommt über meine Lippen. Ich wünschte, es wäre so einfach. Leider ändert eine blutige Nase nichts daran, dass Ty mich verletzt hat. Und es ändert sicher nichts an den Folgen der Bombe, die er hat platzen lassen.
"Warum hat er das getan?", flüstere ich und presse meine Augen zu, als könne ich so der Realität entgehen.
"Weil er ein Schwachkopf ist, der dich nie verdient hat." Reed schafft genug Platz zwischen uns, damit er seine Finger unter mein Kinn schieben und es nach oben heben kann, bis ich keine andere Wahl habe, als ihm in die Augen zu sehen. "Ich bin froh, dass dein erstes Mal nicht mit ihm war."
Ich stöhne und wende meinen Blick ab, als eine neue Welle der Scham über mich hereinbricht.
"Tu das nicht", knurrt er.
Überrascht von dem rauen Tonfall huscht mein Blick zu ihm zurück.
"Du brauchst dich nicht zu schämen", fährt er fort. "Hast du mich verstanden?"
Sexuelle Spannung liegt in der Luft, und mein Bauch fühlt sich hohl an, genau wie heute Abend. So sehr ich auch versuche, die Anziehungskraft zu unterdrücken und so zu tun, als ob sie nicht diese Macht über mich hätte, ich schaffe es nicht.
Ich nicke, während meine Zunge herausschnellt, um meine Lippen zu befeuchten. Sein Blick sinkt, folgt der Bewegung und ich schlucke, als Hitze in seinen Augen aufflackert.
Reed stöhnt. Der tiefe Ton vibriert in seiner Brust, als ob er vom Meeresgrund hochgeholt worden wäre. Er senkt sein Gesicht, bis es ganz dicht an meinem ist. Meine Augen schließen sich, als seine Lippen sanft über meine streichen. Alles logische und rationale Denken schaltet sich ab. Der Griff meiner Finger lockert sich und meine High Heels fallen zu Boden. Sie schlagen klappernd auf dem Zement auf, während ich meine Arme um seinen Hals lege.
Allzu leicht verliere ich mich in dem Gefühl seiner Lippen. Er bewegt sich langsam, entzündet mit seinen Küssen ein Feuer in meinem Bauch. Irgendwie hat Reed es geschafft, das Unmögliche zu erreichen. Tyler und der Shitstorm, den er vor weniger als zwanzig Minuten losgetreten hat, sind vergessen.
Reeds Arme spannen sich um mich und ziehen mich näher an sich heran, bis ich eng an seinen Körper gepresst bin. Alle seine harten Linien an meinen weichen Kurven.
Er bewegt sich, neigt den Kopf, teilt seine Lippen, ich tue das Gleiche. Seine Zunge gleitet in meinen Mund und streicht über meine. Ich stöhne leise, als eine Welle der Empfindungen über mich schwappt und mein Körper vor Verlangen kribbelt.
Hat Reed eine Ahnung, wie wehrlos mich dieser Kuss macht?
Gerade als ich denke, dass er ihn vertiefen will, zieht er sich zurück. Mein Verstand schlägt Purzelbäume, als die Neuronen in meinem Gehirn wieder anfangen zu arbeiten.
Ist das wirklich passiert?
Oder war es ein Hirngespinst meiner Fantasie?
Ich ziehe einen zittrigen Atemzug ein. Dann noch einen. Ich öffne die Augen, mein Blick trifft auf Reed, der mich aufmerksam beobachtet. Die Hitze, die in seinen Augen brodelt, lässt etwas in mir explodieren.
Er drückt seine Stirn gegen meine, sein warmer Atem streicht über meine Lippen.
Ich zerbreche mir den Kopf, was ich sagen kann, aber mein Kopf bleibt leer, mir fällt nichts ein.
"Wir sollten gehen", murmelt er und bricht das Schweigen, als ob er meine Welt nicht mit einem einzigen Kuss erschüttert hätte.
Eine Million Fragen rasen an die Oberfläche, aber ich gebe keiner von ihnen eine Stimme. Stattdessen nicke ich und ziehe mich zurück. Die Nachtluft strömt über all die Stellen, an denen Reed mich eben noch mit seinem Körper gewärmt hat. Das Gefühl des Verlustes ist verheerend. Ich hebe meine Finger und streiche über meine Lippen. Ich kann mir nicht erklären, was gerade passiert ist.
Ich bücke mich und nehme die High Heels. Mein Wohnhaus ist nur ein paar Blocks entfernt. Ich möchte fragen, warum er mich geküsst hat, aber ich schweige. Es war wahrscheinlich nichts. Eine Art Trostpflaster. Reed hat schon immer körperliche Nähe als normal betrachtet. So ist er nun einmal. Das Letzte, was ich tun will, ist, daraus jetzt eine große Sache zu machen. Ich will nicht wie eine dumme Jungfrau aussehen, es war schließlich nur ein Kuss zwischen Freunden, eine symbolische Geste der Freundlichkeit.
"Kann ich eine blöde Frage stellen", sagt er und unterbricht das chaotische Gewirbel meiner Gedanken.
"Es gibt keine blöden Fragen", antworte ich und plappere Frau Jones, eine meiner Lieblingslehrerinnen aus der Grundschule, nach. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das Motto am Ende des Schuljahres bereut hat. Es gab zu viele idiotische Jungs in dieser dritten Klasse. Und sie stellten eine Menge Fragen.
"Wieso bist du noch Jungfrau?"
"Ich korrigiere mich", sage ich. "Es gibt dumme Fragen."
"Was?" Er schaut mich schief an. "Es ist ja nicht so, dass du keine Freunde gehabt hättest. Daher ist das eine legitime Frage."
Er hat recht, ich war schon mit einigen Jungs aus. Aber ich ließ keinen von ihnen nah genug an mich heran, um eine intime Beziehung aufzubauen.
In der Highschool konzentrierte ich mich auf meine Noten und auf die Vorbereitungskurse für das College, die auf meinem Zeugnis gut aussehen würden. Ich wusste, dass ich nicht wie Reed ein Stipendium bekommen würde. Also habe ich als Babysitter gearbeitet, um Geld zu verdienen, und erhielt schließlich ein Teilstipendium sowie eine dringend benötigte finanzielle Unterstützung.
Bedauere ich es, mein soziales Leben auf Eis zu legen, damit ich meine akademischen Ziele verfolgen kann?
Nicht wirklich. Ich wäre nicht an der Southern, wenn ich mir nicht in der Highschool den Arsch aufgerissen hätte.
Das haben Reed und ich gemeinsam. Während ich mich auf meine Noten konzentrierte, war er damit beschäftigt, sich voll und ganz dem Eishockey zu widmen. Nicht, dass er ein Faulpelz wäre, wenn es um die Schule geht. Er hat diese schwer zu fassende Kombination aus Hirn und Muskeln. Während ich mir Stipendien sichern musste, um den Weg für meine Zukunft zu ebnen, wurde Reed zu einem Eishockey-Phänomen, um seine Träume zu verwirklichen.
In dieser Hinsicht haben wir beide unsere Ziele erreicht.
"Em?"
Ich merke erst, dass ich mich in meinen Gedanken verloren habe, als er meinen Namen sagt.
Ich zucke mit den Schultern. "Ich denke, es gab schon immer wichtigere Dinge, auf die man sich konzentrieren kann."
Hätte ich jemals gedacht, dass es so weit kommen würde und ich in meinem letzten Collegejahr noch Jungfrau sein würde?
Natürlich nicht. Ich ging davon aus, dass ich irgendwann einen Mann treffen würde, der mir etwas bedeutet, und dass es auf natürliche Weise geschehen würde. Aber das ist nicht der Fall gewesen.
Von all den Jungs, mit denen ich mich verabredet habe, habe ich mit keinem auch nur annähernd die Art von Beziehung geführt, die ich mit Reed habe. Er ist mein bester Freund. Derjenige, an den ich mich wende, wenn ich ein Problem habe oder Neuigkeiten, die ich jemandem mitteilen möchte. Ich kann ihm alles sagen. Fast alles. Solange ich nicht jemanden finde, der ihm ähnlich ist, bin ich nicht sicher, ob ich jemals meine Unschuld verliere. Ohne es zu merken, habe ich Reed als Maßstab für alle Jungs, mit denen ich zusammen war, benutzt. Und sie haben ihm nicht das Wasser reichen können.
Tyler eingeschlossen. Was er heute Abend getan hat, war schmerzhaft, aber ich bin nicht untröstlich über den Verlust.
"Es ist nur …" Er hält kurz inne, "überraschend." Sein Blick fällt auf meinen.
"Ja, ich verstehe. Dein Verstand ist völlig überfordert."
Wenn wir über ein anderes Thema diskutieren würden, wäre seine schockierte Reaktion urkomisch. Aber ich kann nicht darüber lachen oder es beiseiteschieben. Es fühlt sich zu persönlich an.




