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"Ich hätte nie gedacht …", murmelt er, mehr zu sich selbst als zu mir.
Die Vorstellung, in meinem Alter noch Jungfrau zu sein, ist für ihn sicher unfassbar. Reed hatte seit dem zweiten Jahr an der Highschool Sex. Und er war nicht mal derjenige, der mir diese monumentale Neuigkeit mitgeteilt hat. Es war Cari Smith, das Mädchen, mit dem er geschlafen hat.
Unfähig, sich zu beherrschen, suchte Cari mich am nächsten Morgen vor der ersten Stunde auf, damit sie mir alle schmutzigen Details mitteilen konnte. Bevor Reed ins Spiel kam, waren Cari und ich cool miteinander. Wir waren nicht besten Freundinnen oder so etwas, aber wir waren auch keine Feinde. Das änderte sich, sobald Reed begann, sie zu beachten. Plötzlich war ich eine Konkurrentin, die ausgeschaltet werden musste.
Ich bin sicher, dass sie dachte, ihre neu gewonnene Intimität mit Reed würde ihre Beziehung zu ihm festigen.
Aber das war nicht der Fall. Er hat sie einen Monat später abserviert, weil sie zu viel seiner Zeit beanspruchte. Wie ich war auch Reed zu sehr auf seine Zukunft konzentriert, um zuzulassen, dass ihm etwas in die Quere kam.
Ich war nicht traurig, als sie ging.
Tschüss, Schlampe.
Seitdem gab es viele Frauen in seinem Leben und seinem Schlafzimmer. Aber keine blieb lange. Ein paar Tage. Ein paar Wochen. Vielleicht einen Monat. Sobald sie besitzergreifend wurden und anfingen, sich eine gemeinsame Zukunft vorzustellen, hat Reed sie an die Luft gesetzt.
Wenn es um Sex geht, sind Reed und ich meilenweit voneinander entfernt. Die Erkenntnis bewirkt, dass ich mich dumm und naiv fühle. Ich möchte nicht, dass diese neu gewonnenen Informationen Reeds Meinung von mir verändern. Die ganze Situation ist schon peinlich genug, ohne dass er mich anders behandelt.
"Das ist keine große Sache", murmele ich. "Ich will nicht darüber reden."
"Em, ich …"
"Kein Wort mehr!", schnappe ich. Sieht er nicht, dass ich mich total gedemütigt fühle? Ich atme tief ein, bevor ich die Luft es langsam wieder rauslasse. "Ich möchte einfach alles vergessen, was heute Abend passiert ist."
Reed steckt seine Hände in die Taschen seiner Shorts, während wir weitergehen. "Alles?"
"Alles." Die heutige Nacht war ein Albtraum. Einer, aus dem ich nicht mehr zu erwachen scheine.
"Okay." Er zuckt mit den Schultern. "Betrachte es als vergessen."
Erleichterung durchströmt mich, als das fünfstöckige Wohnhaus, in dem ich lebe, in Sichtweite kommt. Unsere Schritte verlangsamen sich, als wir den Weg erreichen, der zum Haupteingang führt.
Reed wendet sich mir zu. "Soll ich noch mit hochkommen?"
Gott, nein.
Unter normalen Umständen wäre das keine Frage. Es ist noch relativ früh. In Nächten wie dieser gehen wir in meine Wohnung, bestellen eine Pizza oder was vom Chinesen und suchen uns einen Film aus, den wir anschauen. In manchen Nächten, wenn es spät wurde, schlief Reed auf der Couch.
Aber heute will ich nur allein sein.
Er schaut mich suchend an, als ob er in all meinen innersten Gedanken und Gefühlen, die unter der Oberfläche lauern, herumstochert. Wenn jemand dazu in der Lage ist, dann er.
"Bist du sicher?" Sein Ton wird weicher, während er den Kopf neigt. "Ich weiß, dass du immer noch verärgert bist."
Ich bin verärgert, aber aus irgendeinem Grund macht seine Anwesenheit die Sache nur noch schlimmer. Normalerweise ist Reed die einzige Person, die alles besser macht.
"Ja." Ich zwinge ein schwaches Lächeln auf meine Lippen. "Ich bin müde. Ich glaube, ich werde mich hinlegen." Wenn ich Glück habe, wache ich morgen auf, und es war alles nur ein böser Traum.
Ein unsicherer Ausdruck huscht über sein Gesicht und ich bereite mich innerlich auf eine Auseinandersetzung vor. Es überrascht mich, als er nachgibt. "In Ordnung, ich gehe."
Bevor ich mich umdrehe, streckt er seine Hand aus, legt sie um mein Handgelenk und zieht mich in seine Arme. Vorfreude erfüllt mich, als ich auf das warte, was er als Nächstes tun wird. Wir haben nicht über den Kuss gesprochen oder auch nur zugegeben, dass es passiert ist, trotzdem ist das alles, woran ich denken kann.
Als seine Lippen über meine Stirn streichen, durchströmt mich ein seltsamer Cocktail aus Enttäuschung und Erleichterung. Mein Herz schlägt langsamer und meine Muskeln entspannen sich. Trotz der Verwirrung, die durch mich pulsiert, sinke ich gegen ihn.
Wie ist es möglich, dass, wenn ich mich so an Reed lehne, es sich anfühlt, als ob alles in Ordnung wäre?
"Ich rufe dich morgen an", flüstert er in mein Ohr.
Ich nicke, ziehe einen tiefen Atemzug ein, bevor ich mich zwinge, zurückzutreten. Sobald ich das tue, kehren all die Schmerzen und die Peinlichkeit wieder zurück und verschlingen mich fast.
Mit einem Winken laufe ich den Weg hinauf. Nachdem ich den Code für das Gebäude auf der Schalttafel eingegeben habe, schlüpfe ich durch die Tür in die hell erleuchtete Lobby. Ich gehe in den Aufzug, drücke den Knopf für den dritten Stock und schaue zurück auf die Stelle, an der Reed eben noch war. Jetzt, nachdem ich sicher im Haus bin, erwarte ich, dass der Platz leer ist.
Ich erschrecke ein wenig, als ich Reed genau dort auf dem Bürgersteig sehe, wo ich ihn zurückgelassen habe. Unsere Blicke treffen sich. Erst als sich die Aufzugtüren schließen, wird unsere Verbindung unterbrochen. Seltsam aufgeregt lehne ich mich an die Wand und presse meine Augenlider fest zusammen.
Egal, was ich heute Abend erwartet hatte, als ich in Brinleys Kleid geschlüpft bin, das war es nicht.
Bei Weitem nicht.
7
Reed
Erschöpft von einem zweistündigen Training schleppe ich mich in die Umkleidekabine. Als ich heute Morgen total verschlafenen in die Arena ging, hatte die Sonne kaum über den Horizont geschaut.
Wir haben noch ein paar Wochen Zeit, bevor die Saison im Oktober beginnt. Ob du es glaubst oder nicht, die Vorsaison ist anstrengender als die Saison selbst. Denn in der Vorsaison wird die eigentliche Arbeit erledigt. Coach R ist wie ein Drill-Sergeant auf dem Eis. Er hat keine Skrupel, uns sechs Tage in der Woche in den Hintern zu treten, um uns fit zu machen. Wir haben immerhin das Glück, sonntags freizubekommen.
Wenn einem die Art und Weise, wie er sein Programm durchzieht, nicht gefällt, wird er demjenigen den Weg zur Tür zeigen. Mit seinem Stiefel Größe elf. Die Red Devils haben einen Kader von sechzig Spielern, es gibt also mehr als genug Talente, die nur auf die Chance warten, eine freie Stelle zu besetzen, wenn irgendein armer Bastard ausscheidet.
Es mag zwar viel Gemecker geben, aber wenn Trainer R. da ist, halten die meisten die Klappe.
Ich war heute Morgen wahrscheinlich der Einzige, der die vom Trainer verhängte Strafe gut fand. Die meisten Jungs waren noch verkatert von der Nacht zuvor. Jessie Adams übergab sich in einen Mülleimer der bei den Bänken stand. Gott sei Dank war er dabei nicht auf dem Eis, sonst wäre er nicht der Einzige gewesen, der kotzen musste.
Die Schreie und Pfiffe des Trainers heute Morgen waren das Einzige, was mich von Gedanken an Emerson abgelenkt hat.
Und von diesem Kuss …
Scheiße.
Ich gebe zu, dass es dumm von mir war. Ich hätte der Versuchung nicht nachgeben dürfen. Sobald ich auf den Geschmack gekommen war, hatte ich verloren. Ich musste mehr haben. Aber es war nicht annähernd genug. Als ich wieder klar denken konnte, beendete ich den Kuss. Jetzt, nachdem ich ihre vollen Lippen gespürt habe, bin ich nicht sicher, ob es einen Weg zurück gibt.
Es war eine weise Entscheidung von ihr, mich nicht in ihre Wohnung zu lassen. Nachdem ich Em gestern Abend abgesetzt hatte, ging ich nach Hause. Ich hatte überlegt, ob ich nicht zur Party zurückkehren und mich ein zweites Mal mit diesem betrügerischen Sack voller Scheiße anlegen sollte, aber ich tat es dann doch nicht. Stattdessen ging ich früh ins Bett und versuchte, nicht an Emerson zu denken.
Ich lasse meinen Schläger in die Ablage fallen und gehe zur Bank, bevor ich mein Trainingstrikot ausziehe. Meine Schulter- und Ellbogenpolster nehme ich als Nächstes ab. Mit einem Ächzen sinke ich auf die Bank und schnüre meine Schlittschuhe auf. Die Umkleidekabine füllt sich mit lauten Stimmen.
Nun, da das Training vorbei ist, leben alle wieder auf.
Was für ein Haufen Schlappschwänze.
Da ich nicht daran interessiert bin, diesen Typen zuzuhören, wie sie sich das Maul zerreißen, blende ich alles um mich herum aus. Jetzt, mit Ende des Trainings, schiebt sich Emerson in den Vordergrund meiner Gedanken. Ich bin immer noch verwirrt über die Tatsache, dass sie eine Jungfrau ist. Wenn Em die Information nicht selbst bestätigt hätte, hätte ich es nie geglaubt.
Nicht in einer Million Jahren.
"Hey, Philips, ist es wahr?"
Ich schaue auf. Jessie, dessen Farbe allmählich wiederkehrt, lehnt sich lässig an seinen Spind. Er hat sich nicht die Mühe gemacht, seine Polster auszuziehen. Ein Grinsen liegt auf seinem Gesicht. Das allein zeigt mir schon, dass mir dieses Gespräch nicht gefallen wird.
Als ich nichts sage, fährt er fort. "Ist die süße kleine Emerson noch Jungfrau?"
Mein Kiefer verkrampft sich, ein paar andere Jungs drehen sich um und starren in unsere Richtung, ihre Mimik zeigt, wie neugierig sie sind. Gestern Abend habe ich die Chance verpasst, Tyler richtig zu verprügeln, aber es sieht so aus, als könnte ich meine Wut an dieser Dumpfbacke auslassen.
Ich stehe auf. Auch ohne meine Schlittschuhe bin ich immer noch größer als er. "Halt dein verdammtes Maul, Adams." Ich steche mit einem Finger in seine Richtung und belle: "Bevor ich es dir stopfe!"
Jessie zuckt mit den Achseln, sein Grinsen verwandelt sich in ein verschmitztes Lächeln. Es wäre ein Vergnügen, es ihm vom Gesicht zu schlagen. "Beruhige dich, Mann. Du brauchst dir nicht gleich in die Hose zu machen. Ich frage nur, ob das, was ich gehört habe, wahr ist." Er wackelt mit den Augenbrauen. "Denn, wenn das so ist, möchte ich als erster meine Dienste anbieten. Ich wäre mehr als glücklich, diese überreife Kirsche zu knacken."
Ein Knurren vibriert in meiner Brust, als eine Handvoll Jungs mit dem, was sie mit Emerson machen wollen, einstimmen.
"Ich würde diese jungfräuliche Muschi die ganze Nacht lang ficken!", ruft jemand.
In der Umkleidekabine erklingt schroffes Gelächter, bis ich kurz davor bin, die Beherrschung zu verlieren.
"Wieso hast du den heißen Arsch noch nicht abgecheckt, Philips? Das Mädchen hat einen verdammt süßen Körper." Alex McAvoy kreist mit den Hüften und stöhnt, als würde er gleich kommen. Ich bin sicher, so klingt er im Badezimmer, wenn er sich einen rubbelt.
Nicht, dass ich das wissen will.
Oder du es wissen willst.
Ein paar der Jungs werfen Bälle aus wattiertem Klebeband nach ihm, und er schlägt sie mit einem Lachen weg.
"Das war’s", murmele ich. Es ist mir egal, ob ich jeden in der Mannschaft verprügeln muss. Niemand spricht so über Emerson und kommt damit durch. Em war schon immer tabu, was diese Schwachköpfe betraf.
Eine schwere Hand fällt auf meine Schulter und drückt mich zurück auf die Metallbank. Colton ist nicht nur unser Starttorwart, er ist auch Kapitän, wie ich. "Entspann dich. Du weißt, dass sie dir nur auf den Sack gehen wollen. Niemand wird sie anfassen." Er blickt in die Runde und brüllt: "Jetzt haltet die Klappe, bevor ich zulasse, dass Philips euch in eure dummen Ärsche tritt."
Sobald sich die Mannschaft beruhigt hat, setzt sich Colton auf die Bank gegenüber von mir.
Er kommt ohne Umschweife auf den Punkt. "Was willst du in dieser Situation unternehmen?"
Ich runzele die Stirn und ziehe meine Schienbeinschützer aus. "Von welcher Situation sprichst du?" Obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass ich weiß, worauf er anspielt.
Colton schaut mich ungeduldig an, bevor er mit seinem Daumen zu den Idioten deutet, die ich als meine Freunde betrachte. Die meisten sind nackt, um zur Dusche zu gehen. "Was auch immer geschieht, ist Emersons Privatsache. Aber du weißt verdammt gut, dass es Typen geben wird, die ihr nur nachstellen, weil sie eine Jungfrau ist. Dank ihres idiotischen Freundes hat sie jetzt eine riesige Zielscheibe auf dem Rücken." Seine dunklen Augen bohren sich in meine. "Das wirst du nicht zulassen, oder?" Er macht eine weitere Pause. "Du willst doch nicht zusehen, wie irgendein Arschloch sie benutzt, um hinterher damit zu prahlen?"
Scheiße!
Ich streife mir meine schweißnassen Haare aus dem Gesicht, als seine Worte zu mir durchdringen. So sehr ich auch hasse, es zuzugeben, aber Colton hat recht.
Wieso habe ich das nicht schon vorher gesehen?
Ihre Enthüllung hatte mich so umgehauen, dass ich nicht daran dachte, wie sie das für einen Typen, dem es nur darum geht, eine Jungfrau zu bumsen, interessant machen würde.
Der Gedanke, dass ein Arschloch das tut, macht mich krank.
Ich darf das nicht zulassen.
Colton steht auf und zieht den Rest seiner Schutzkleidung aus. "Überlege dir gut, was du tun wirst, Mann. Es ist offensichtlich, dass du Gefühle für sie hast."
Verdammt richtig, ich mag Em. Sie ist meine beste Freundin. Sicher, manchmal mögen diese Gefühle die Grenze überschreiten, aber es sind immer noch freundschaftliche Gefühle. Ich möchte keine feste Freundin haben und ich bin ganz bestimmt nicht darauf aus, unsere Beziehung zu versauen.
Ich tue also das Einzige, was ich tun kann. Ich widerspreche.
"Nein." Ich schüttle den Kopf. "Du kapierst das nicht. Em und ich sind nur Freunde. Das weißt du doch." Ich versuche, zu schlucken, aber mein Mund ist zu trocken. Um meine Hände zu beschäftigen, hole ich eine Flasche Wasser aus meinem Spind und trinke sie in einem Zug aus. Aber es hilft nicht, meine ausgetrocknete Kehle zu befeuchten.
Colton zieht die Augenbrauen zusammen und studiert mich, bevor er sein Brustpolster abschnallt. "Weiß ich das?"
"Ja." Ich schaue weg. Colton hat schon immer Leute gut einschätzen können. Meistens ist das von Vorteil. Aber im Moment?
Nicht so sehr.
Als er nichts weiter sagt, stoße ich einen erleichterten Atemzug aus und gehe schnell zu den Duschen, bevor er weitere unerwünschte Bemerkungen von sich geben kann.
8
Emerson
Es klopft kurz an meiner Tür, bevor sie aufgestoßen wird und Brinley ihren Kopf in mein Zimmer steckt. Als sie sieht, dass ich schon wach bin, kommt sie zum Bett und lässt sich auf mich fallen.
Ich grunze, als ihr Arsch auf meine Hüfte knallt.
Ihr dickes blondes Haar steht ihr wirr vom Kopf ab. Sie sieht aus, als hätte sie ihre Finger in eine Steckdose gesteckt.
"Wohin bist du gestern Abend verschwunden?", fragt sie mit einem lauten Gähnen und streckt sich. "Ich habe ein paarmal versucht, dich auf dem Handy zu erreichen, aber du bist nicht rangegangen."
Ich stöhne. Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, Brinley anzurufen oder ihr eine SMS zu schicken, als ich die Party verließ.
"Ich habe mir Sorgen um dich gemacht", fügt sie hinzu und sticht mir den Finger in die Schulter. "Es wird nicht umsonst das Kumpel-System genannt." Sie macht eine Pause. "Und du hast mich im Stich gelassen, Kumpel."
Das schlechte Gewissen überrollt mich. "Es tut mir leid, Brin. Ich hätte dir Bescheid sagen sollen." Ich fahre mit der Hand durch mein Haar und versuche, es zu glätten. Ich habe das Gefühl, dass es ähnlich wie Brinleys überall hochsteht. "Die letzte Nacht wurde zu einem totalen Desaster."
Ihre Augen leuchten auf vor Interesse. "Wirklich? Was ist passiert?"
Ich seufze. "Zunächst einmal fand ich Tyler in einem Schlafzimmer, wo ein Mädchen gerade an seinem ..."
"Nein!", schreit sie und schneidet mir das Wort ab. Brins Augen sehen aus, als würden sie gleich aus den Augenhöhlen fallen. "Du hast ihn tatsächlich auf frischer Tat ertappt?"
"Leider." Das Saugen und Wippen des Mädchens über Tylers Schritt ist etwas, das ich nicht so schnell vergessen werde.
Brinley zieht ihre Unterlippe zwischen die Zähne und schaut mich an. "Mist. Das macht das, was ich dir zu sagen habe, noch schlimmer."
"Was?", flüstere ich. Dann halte ich es nicht länger aus: "Sag es mir einfach!" Meine Welt ist bereits total auf den Kopf gestellt worden. Wie viel schlimmer kann es werden?
Brinley dreht sich um, bevor sie sich die Haare aus den Augen streift. "Ich will nicht, dass du dich aufregst, aber ..."
Dafür ist es zu spät.
"Ich habe gestern Abend auf der Party einige Leute darüber reden hören, dass du noch Jungfrau bist." Sie wirft ihre Hände in einer Geste der Kapitulation hoch. "Ich schwöre beim Leben meiner Oma, Em, dass ich nie ein Wort darüber verloren habe. Diese Info war in mir so sicher wie in einem Safe. Ich habe nie was gesagt."
Luft strömt aus meinen Lungen und ich bin erleichtert, dass es nichts Neues zu meiner Liste mit Problemen hinzuzufügen gibt. "Das war Tyler. Er ist derjenige, der mich geoutet hat. Offensichtlich ist meine sexuelle Unerfahrenheit der Grund dafür, dass er sich mit einem anderen Mädchen vergnügt hat."
"Was für ein Arschloch." Wut zeichnet sich auf ihrem hübschen Gesicht ab. "Geht es dir gut?"
"Ja." Ich zucke mit den Achseln und wiederhole mein neues Mantra. "Es ist nicht das Ende der Welt. Ich werde es überleben."
"Es tut mir leid, Em", sagt sie leise, die Stimme voller Empathie, als sie ihre Hand auf meine Schulter legt und sie drückt. "Das war total beschissen von Ty." Sie macht eine kurze Pause. "Gott sei Dank warst du nicht mit ihm im Bett. Das wäre so eine Verschwendung gewesen."
Ich überlasse es Brin, den Silberstreif an einem ansonsten mit Mist gefüllten Horizont zu sehen.
Im Moment wünsche ich mir, dass ich meine Jungfräulichkeit längst verloren hätte. Dann wäre ich nicht in dieser Zwickmühle.
Brittney Spears' Baby, Hit Me One More Time füllt den Raum. Mein Klingelton für Reed. Er hasst dieses Lied, und normalerweise reicht allein das aus, um ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. In der Highschool habe ich diesen Song auf einer seiner Playlists gefunden. Was wäre ich für eine Freundin, wenn ich das nicht ausnutzen würde? Jedes Mal, wenn es ihm gelingt, mein Handy in die Hände zu bekommen, ändert er den Klingelton in etwas Männlicheres.
Hardrock mit einem tief pumpenden Bass. Ein Gitarrensolo.
Es spielt keine Rolle, wie oft er den Ton löscht, ich ändere ihn gleich wieder zurück.
Als ich nicht sofort nach meinem Telefon auf dem Nachttisch greife, hebt Brinley die Augenbrauen. "Willst du nicht rangehen?"
Ich schüttle den Kopf.
Ich habe den Überblick verloren, wie oft Reed heute Morgen versucht hat, anzurufen. Nach allem, was gestern Abend passiert ist, brauche ich ein wenig Abstand. Obwohl mir Tylers große Verkündung im Kopf herumspukt, kann ich nicht aufhören, daran zu denken wie Reed mich geküsst hat.
Ich möchte es unbedingt Brinley erzählen, aber trotzdem behalte ich es für mich. Was bringt es, darüber zu reden? Es ist nicht so, als würde es etwas bedeuten. Es war ein Kuss unter Freunden. Ein Trost für einen beschissenen Abend.
"Wow", murmelt sie. "Die Situation ist viel schlimmer, als ich vermutet habe, wenn du nicht mit Reed sprechen willst."
Ganz genau.
Mein Leben ist implodiert, und ich kann mich nicht an die eine Person wenden, bei der ich normalerweise Trost suchen würde. Was alles nur noch schlimmer macht.
"Ich werde später mit ihm sprechen", murmle ich.
"Weiß er, was mit Tyler passiert ist?"
"Ja." Ich seufze. Die blutigen Details noch in lebhaften Farben in meinem Kopf. "Reed und ich waren zusammen, als wir ihn gefunden haben." Ich halte inne, bevor ich zugebe: "Reed hat Ty geschlagen. Zweimal."
"Gut." Brin sieht durch diese Information ein wenig beschwichtigt aus. "Ich wünschte nur, ich hätte es selbst sehen können."
Jetzt, wo sie auf dem Laufenden ist, schweigen wir beide.
"Du wirst Ty nicht zurücknehmen, nach dem, was er getan hat, oder?", fragt sie.
Glaubt Brin ernsthaft, dass ich nach dem, was ich gesehen habe, bei ihm bleiben würde?
Zum Teufel, nein.
Es gibt viele Typen auf diesem Campus, die meinen, dass sie einen Freifahrtschein für schlechtes Benehmen haben. Leider gibt es auch mehr als genug Tussis, die bereit sind, einem nichtsnutzigen, betrügerischen Arschloch so was durchgehen zu lassen.
Ich gehöre nicht zu diesen Mädchen.
Mein Gesichtsausdruck wird grimmig. "Ich habe ihm gesagt, dass es mit uns vorbei ist. Ich glaube nicht, dass ich ihn jemals anschauen kann, ohne das Mädchen über seinen Schritt gebeugt zu sehen." Eine Welle des Ekels rollt durch mich hindurch.
"Widerlich." Sie zieht die Nase kraus, als hätte sie gerade etwas Übles gerochen. "Das ist kein Bild, das ich in meinem Kopf haben möchte."
"Ich auch nicht, aber dafür ist es zu spät."
"Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie gedacht, dass ihr beide zusammenpasst."
Das hatte ich schon immer vermutet. "Warum?"
"Ich weiß nicht." Sie zuckt mit den Schultern. "Ihr seid einfach so verschieden. Er lebt gern im Moment und ist total auf seine blöde Studentenverbindung fixiert. Du machst dir Sorgen um deine Noten und um deine Zukunft nach dem Examen." Sie macht eine Pause, bevor sie hinzufügt: "Außerdem schien es dir nie so wichtig zu sein, Zeit mit ihm zu verbringen. Du machst lieber was Reed als mit deinem Freund."
Sie hat recht.
Tyler und ich haben unterschiedliche Ansichten. Aber das war schon immer Teil seines Charmes. Er nimmt das Leben nicht so ernst. Er hat Spaß und ist leicht zu händeln. Und er hat nie hohe Anforderungen an unsere Beziehung gestellt.
Nicht, dass es noch eine Rolle spielt, aber ich frage mich, ob er mich die ganze Zeit verarscht hat. Ich schätze, wenn du dir den Schwanz von anderen Tussis lutschen lässt, brauchst du keine Freundin, die das für dich tut. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er nichts gesagt hat, als ich unsere körperliche Beziehung langsam angehen wollte.
"Es tut mir leid, dass ich gestern Abend nicht für dich da war", sagt Brin.
Ich wiegele ihre Entschuldigung ab. "Mach dir keine Sorgen. Ich hätte nicht gehen sollen, ohne dir Bescheid zu geben."
Auf einmal wird Brin munter. "Hey, ich weiß genau, was dir helfen wird, dich besser zu fühlen."
Den Rest des Wochenendes im Schlafanzug verbringen? Ein Saufgelage mit Gossip Girl und einer extragroßen Peperonipizza? Eine Gallone Eiscreme inhalieren?
Das könnte funktionieren.
"Ich habe gehört, es gibt da eine Riesenparty ..."
Ist Brin nicht mehr bei Sinnen?
"Auf keinen Fall!" Ich schüttle den Kopf und deute mit einem Finger auf das Bett, auf dem wir beide sitzen. "Ich werde diese Wohnung nicht verlassen. Meine Pläne sehen vor, mich so lange zu verkriechen, bis alles vorbei ist."
"Bist du nicht zur Schicht um neun Uhr eingeplant?"
Ich stöhne und blicke auf die Uhr auf dem Nachttisch. "Das hätte ich fast vergessen!" Ich werfe die Decke ab, springe vom Bett und renne zum Schrank. Dort ziehe ich meine rosa Kellnerinnen-Uniform heraus, die in Stella's Diner zur Standardausrüstung gehört.
Stella, die Besitzerin, denkt, es würde den Kellnerinnen Spaß machen, Fünfziger-Jahre-Retro-Uniformen zu tragen. Ich bin kein großer Fan davon, aber die Kunden scheinen es zu mögen. Wir bekommen immer eine Menge Komplimente.
Abgesehen vom Outfit liebe ich die Arbeit im Diner. Stella gab mir eine Chance und stellte mich im ersten Jahr ein, seither bediene ich dort. Die Trinkgelder sind gut, aber es sind die Menschen da, die ich liebe. Stella und ihr Mann Hank sind für mich wie eine Familie geworden. Es gibt nichts, was ich nicht für sie tun würde.




