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Ich suchte mir derweil das beste Stück Hemd aus einem Wäscheballen, stieg in ein Paar fransenlose Jeans und schlüpfte in Ermangelung einer Alternative in die vorher am Schüttstein säuberlich gespülten Turnschuhe.
Wir überquerten den Bahnübergang. Unser Wagen schlug donnernd in die Wasserlöcher des Feldweges und zog eine Schleppe von Staubwolken hinter sich her. Aus einem der Äcker stieg der Mattenhofer mit nacktem Oberkörper. Als er den Motor hörte und den Wagen heranrütteln sah, blieb er auf der Grasnarbe stehen. In seine Weltkugel von Bauch hatte er das ganze vor ihm ausgebreitete Land einverleibt und auf der glänzenden Kuppel seines Glatzkopfes spiegelte sich der Himmel. Er stand da wie einer, der zwar das Goldene Buch gelesen hatte, das Leben aber, anders als die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels, selber in die Hand nahm. Er gab dem Acker, was des Ackers ist, und dem Vieh, was des Viehs. Gedrungen wie ein Stier und braun wie ein von der Sonne gegerbtes Stück Holz war alles prall an ihm und bis an den Rand der straffen Haut mit Leben gefüllt. Einzig zwei Falten, wie mit dem Zirkel in die Wangen geritzt, umspielten die Mundwinkel in einem grossen Halbbogen und trafen sich an der Kinnspitze, wo sich Witz und Bauernschläue in einem tiefen Einschnitt, einer verschatteten Kerbe, bündelten und im Hinterhalt versteckten.
Er hole sich noch eben ein Hemd in der Stube, rief er ohne formelle Begrüssung durch das offene Wagenfenster. Parkieren sollen wir auf dem Wiesenstreifen vor dem Grabenbach. Die Tür liess er offen, kam auch gleich wieder zurück, zog im Gehen seinen Gürtel durch die Schlaufen und kraulte dem zuspringenden Sennenhund den Hals. Wir standen unter der Linde. Hinter uns gurgelte der Brunnen. Vor uns neigte sich eine Dachfläche herunter, deren Fall von einer tief liegenden Traufe abgefangen wurde. Unter ihrem Schatten lag die Seitenfront des Hauses. Mattenhofer hatte sein Hemd inzwischen straff über den Nabel gezogen und den Riemen sauber zugeschnallt.
»Es gibt sechs Zimmer«, sagte er. »Die beiden mittleren kann man nicht wirklich zählen. Sie sind nur über die anderen zugänglich. Bitte.«
Er folgte als Letzter. Die Türe glitt ihm aus der Hand und schlug zu. Es wurde dunkel wie in einer Grube.
»Entschuldigen Sie. Ohne Beleuchtung geht hier nichts.«
Eine Neonröhre flackerte mehrere Male auf, bis ein sprödes Licht auf die speckigen Steinfliesen der Küche fiel. Die Brandmauer war verrusst, die Bohlen zum Stall in einem schmutzigen Mattgrün gestrichen. In der hinteren Ecke, wo der Lampenschein nicht hinreichte, standen eine Waschmaschine und eine Duschkabine.
Er zeigte uns die gute Stube, wie er sie nannte, mit dem Kachelofen. Dann stiegen wir über eine Aussentreppe in die kalten Räume hoch und warfen zuletzt einen Blick in den Keller mit seinem gestampften Erdboden.
»Ein Wasserklosett gibt es nicht. Für solche Geschäfte ist das Plumpsklo zuständig«, bemerkte Mattenhofer. »Wenn Sie aus der hinteren Türe treten, finden Sie den Abort auch in der Nacht. Sie müssen nur der Nase nachgehen.« Er kniff seine Augen zusammen und deutete mit einem Zucken seines Kinns in die Richtung. Anstalten, den Ort zu besichtigen, machte er keine. Er wollte zu anderen Geschäften übergehen und lud uns ein, in den Mattenhof zu wechseln. Als er am Stall-Ende den Sennenhund anleinte, waren Troller und ich für einen Moment unbeobachtet. Wir hämmerten uns die Ellbogen in die Seiten, ballten die Fäuste und pufften in die Luft.
»Das Haus ist eine Wucht. Für jeden von uns ein eigenes Zimmer«, flüsterte ich. »An die Dunkelheit in der Küche werden wir uns gewöhnen. In die Zimmer dringt ja Sonnenlicht.«
Mit verdeckten Zeichen und Gesten einigten wir uns auf eine Strategie. Den alten Mietzins wollten wir verdoppeln und unsere Musik nicht allzu früh erwähnen. Troller sollte der Sprecher sein. Wir sassen am Stubentisch. Troller und ich auf der Eckbank. Mattenhofer strich mit beiden Händen das Tuch flach. Seine Frau kam aus der Küche und brachte eine Schale Obst und einige frische Baumnüsse.
»Der letzte Mieter hat mich hintergangen«, begann er mit sanfter Stimme. »Holzwellen hat er von der Hinterwand des Stöcklis entwendet, ohne sie anzuschreiben, Strom im Stall abgezapft, um ein paar lumpige Rappen zu sparen. Als ich dann feststellte, dass er die Milch nicht ehrlich abrechnet, hatte ich genug. Es ging um lächerliche Summen. Ein Bierdeckel wäre für die Fakturierung noch zu schade. Aber er war halt ein Geizhund. Ich habe ihm gekündigt und möchte nun einen Strich unter die letzten Jahre des Brunnenhauses ziehen. Seit einem Monat steht es leer. Knechte muss ich keine mehr einstellen. Der Sohn ist bereits an der landwirtschaftlichen Schule.«
Bei Mattenhofers fühlte ich mich heimisch. Erinnerungen an deine verwinkelte Stube wurden wach. So wie die Frau sich bewegte und wirkte, hätte sie deine Mutter sein können. Auch sie war jeweils aus der Küche gekommen, wenn wir Früchte oder Gemüse in der Stube rüsteten. Im prallrunden Mattenhofer erkannte ich deinen schlanken athletischen Vater. Die praktische, direkte und ehrliche Art. Wenn seine weiche Stimme einsetzte, war ich aufgeregt, als ob ich bei ihm um deine Hand anzuhalten hätte. Seine Frau schenkte Kaffee in hohe Gläser. Es krachte, als der Mattenhofer zwei Nüsse in den blossen Händen aufknackte. Ich schaute, wie er die halbierten Kerne mit breiten Fingern und stumpfen Nägeln geduldig häutete, bevor er die Früchte genüsslich in die weichen Lippen drückte. Als er meinen Blick bemerkte, zeigte er mir kauend, wie ich zwei Nussschalen aufeinanderzusetzen hatte, damit ich sie mit der blossen Kraft meiner Hände aufbrechen konnte. Frische Nüsse seien die besten, meinte er. Die Haut allerdings, die wie ein zarter Flor den Kern umgibt, müsse abgelöst werden. Solange sie noch jung und feucht sei, schmecke sie bitter. Er tippte mit der Fingerkuppe Nussreste auf und stellte die Frage nach unserem Verdienst wie nebenher.
»Zwei von uns sind Schriftsetzer, selber bin ich bei einer Bank angestellt«, antwortete Troller. »Wir arbeiten Teilzeit.«
»Und was machen Sie?«
»Ich vertrete Lehrkräfte, die wegen Krankheit oder Wehrdienst ausfallen, zudem erhalte ich ein Stipendium.«
Der Mattenhofer rief in die Küche: »Frau, bringst Du noch ein paar Nüsse?« Und wandte sich wieder uns zu, um die Gretchenfrage nach der im Inserat erwähnten Musik zu stellen. Troller reagierte zögerlich. Wahrscheinlich meinte er, an unserer Strategie festhalten zu müssen. Endlich rückte er mit seiner Antwort heraus. Danach lehnte er sich zufrieden zurück.
»Ich spiele auch die Handorgel.«
Selbstsicher setzte er die Ellbogen auf die Eckbanklehne und schien überzeugt zu sein, den Ton genau getroffen zu haben. Er registrierte nicht, wie falsch er damit lag. Eine Anbiederung, schlimmer als Sandelholz und Bergamotte. Noch hatten wir beide keine Ahnung, wie wir den Mattenhofer unterschätzten. Gemächlich wendete dieser jetzt seinen Kopf, schaute schräg und flatterte mit den Wimpern des einen Auges. Er sah aus, als ob er Troller durchleuchten könnte und ihm zugleich die Möglichkeit geben wollte, die Ellbogen rechtzeitig herunterzunehmen. In seiner verschatteten Kinnkerbe zuckte es. Die Reaktion kam bäurisch direkt und liess uns wie begossene Pudel dasitzen.
»Ich höre am liebsten«, bekannte er selbstzufrieden, »James Last.« Die Sache ist gelaufen, dachten wir.
Der Mattenhofer dachte anders. Er wusste schon mehr. Die Frage nach der Musik war ein Köder, ausgelegt, um zu testen, ob wir uns in Ausflüchte retteten. Obwohl wir ungeschützt in seine Falle getappt waren, enthielt er sich grosszügig eines weiteren Kommentars, hustete nur zweimal trocken und nahm den Gesprächsfaden wieder auf.
»Als Grossrat der Bauernpartei«, sagte er bedächtig, »habe ich Freunde in der Stadt, die ich zu Sessionszeiten regelmässig treffe. Zufällig wohnt ein Ratskollege in der Nachbarschaft des Küngelhauses. Ich habe ihn über Sie ausgefragt. Er sagte mir, die jungen Leute hätten ihm gut in die Augen geschienen. Sie seien freundlich und umgänglich. Sie, Herr Troller, seien ihm einmal behilflich gewesen, einen massiven Schrank und schweres Mobiliar von der Strasse in sein Haus hochzuschleppen.«
»Das ist so«, bestätigte Troller.
»Beinahe einen Nachmittag lang habe die Fuhre über die steilen Treppen in Anspruch genommen, Kaffee und Kuchen mit seiner Frau inbegriffen. Erst als alles gestellt und geschraubt war, seien Sie gegangen. Das habe ihn mächtig beeindruckt, zudem habe er schon lange nicht mehr so gelacht. Die Musik sei zwar laut und nicht leicht verständlich, die Läden seien aber immer geschlossen und um zehn Uhr abends sei Schluss. Er hat Sie ohne Wenn und Aber empfohlen.«
Wir kannten den Nachbarn. Nicht nur er war uns zugetan, sondern auch seine Frau. Dies vornehmlich dank Troller. Ältere Frauen fühlten sich umworben und wie in seidene Tücher gewickelt, wenn er seine Ohren in ihre auf der Türschwelle geflüsterten Geschichten neigte, ohne dabei je einen Kommentar abzugeben. Die persönlichsten Bekenntnisse quittierte er einzig mit einem überraschten »Jawas« oder einem melodiösen »Jaso«. Wenn es brenzlig oder gar intim wurde, fügte er ein langgezogenes »Ui« an. Drei oder vier Wörter und zwei schöne Augen genügten Troller, um Frauen in der Gewissheit zu wiegen, dass sie sich auf seiner Couch niederlassen und verstanden fühlen durften. Wenn wir Küngelhäusler Zucker brauchten, schickten wir Troller zur Nachbarin. Er brachte immer mehr als nur Zucker zurück, allerdings dauerte es manchmal Stunden, bis er wieder auftauchte. Für die Miete des Brunnenhauses stellten sich seine fürsorglichen Einsätze jetzt als unbezahlbar heraus. Der Mattenhofbauer nämlich, der am liebsten einen James Last auf den Teller seines Grammofons legte, schlug tatsächlich zu einem Vertrag ein. Einzige Bedingung war, dass wir nicht zu viert mieteten, sondern einer die Verantwortung tragen sollte. Den Kellerausbau für einen Proberaum mussten wir selber übernehmen, einen Ofen für die oberen Räume werde er, versicherte der Mattenhofer, vom Hafner des Dorfes setzen lassen. Der Kontrakt war perfekt. Wir hatten die Lösung für die Zeit nach dem Küngelhaus gefunden.
Es war Herbst, als wir ins Brunnenhaus einzogen. Die Blätter stoben quer über die Schattenenge des Grabens und wirbelten in Staffeln über die Wiesen. Tagelang trommelte der Regen an die Vorfenster. Windstösse rissen an den Brettertüren. Es pfiff durch die mit Mist ausgefugten Bohlenwände bis in die Gadenräume. Ich ging daran, mein Zimmer einzurichten. Mir schwebten die Privaträume eines exzentrischen Arztes vor, der mir geholfen hatte, vom Militärdienst loszukommen. Einmal waren wir bei ihm zu Besuch. Wir wateten in seinen Korridoren und Zimmern durch den überlangen Flor eines phosphorgrünen Teppichs wie durch eine Wiese. Die Wände, mit reiner Mischfarbe violett gestrichen, glänzten, als wären sie noch feucht und eben erst aufgetragen. Er lebte mit seiner Freundin vornehmlich auf den Wellen eines ausgedehnten Wasserbettes. Ich hatte mich seiner radikalen Einstellung nie ganz zu entziehen vermocht. Die Gestaltungsversuche in meinem Gaden waren immer noch Nachbeben seines Einflusses. Ich färbte den Klavierstuhl und einen Sessel moosgrün ein. In einem Warenhaus kaufte ich Stoffbahnen, rot wie Granatäpfel, und liess daraus Vorhänge nähen, die ich an dünnen Eisenstangen mit kleinen Eisenringen befestigte. Von einem Fachgeschäft liess ich mir eine grosse quadratische Matratze anliefern. Gegen einen Lattenrost und einen Bettrahmen hatte ich mich gewehrt. Der Verkäufer konnte sich nicht vorstellen, dass ich sein hochwertiges Fabrikat einfach auf einen Riemenboden legen wollte. Wir bekamen sie kaum die Aussentreppe hoch, mussten sie stauchen, um sie durch den niedrigen Türrahmen zu quetschen. Ich schob sie an die Fensterfront, so dass sie in den Raum ragte und mir auch als Sofa, Fauteuil und Leseplatz diente. Zwei Kamelhaardecken, die ich in einem Orientladen erstand, dienten als Tagesüberzug. Es sah gut aus. Aber etwas fehlte noch.
Auf meinen Streifzügen durch das Haus entdeckte ich eine eichene Bauerntruhe auf dem Kornboden. Das ist es, dachte ich. Am nächsten Tag fragte ich Troller, ob er mir behilflich sei, sie herunterzuholen. Er sah sogleich, dass wir Verstärkung brauchten. Wir legten ihr Stricke um und liessen sie wie einen Sarg durch eine Luke auf das nächste Podest hinunter. Danach richteten wir eine Rutsche ein, auf der sie – von oben gesichert und von unten gelenkt – langsam in die Scheuneneinfahrt schlitterte. Nachdem ich sie abgestaubt und grundiert hatte, besorgte ich mir eine Dose schreiend gelben Kunstharz und lackierte damit die Seiten, die Front, den schweren Deckel und die nach innen geschwungenen Füsse. Für den Transport in den Gaden fragten wir den Sohn von Mattenhofer. Er montierte die Brettertür ab und hievte das Möbel mit dem Stapler über die Brüstung der Aussentreppe, damit wir sie ohne Drehung einfahren konnten. Als wir sie über die Schwelle gezogen hatten, murmelte er: »Die bleibt hier eingesargt bis in alle Ewigkeit.«
Ich rückte die Truhe an die Wand zur Ofenkammer, wo sie mir als Schrank für Wäsche und Kleider diente. Sie wirkte wie ein Sarkophag. Ich war von ihr gefesselt. Auch mit hingestrecktem Leib hätte ich darin Platz gefunden und aufgrund ihres raumbesetzenden Ausmasses feierlich aufgebahrt werden können. Wenn ich im Halbdunkel den Truhendeckel hob, lockte sie mich in ihren Abgrund. Sie lud mich ein, mich hinzubetten und für immer einzuschlafen.
Meine Welt war der Raum zwischen dem Durchgang zur Mittelkammer, wo die blaue Flamme des neu gesetzten Ölofens simmerte, und dem Ausgang in der gegenüberliegenden Wand, der auf die Laube und die Aussentreppe führte. Mit dem Kopf unter den Fenstern liegend, befand ich mich im Bannkreis der Truhe und hatte Blick in die dunkle Ecke, wo mein Klavier an der Scheunenwand stand. Von der anderen Matratzenkante her sah ich aus den Sprossenfenstern auf die Abhänge und den Saum des Waldes, wo die herbstgrelle Sonne die noch tropfende Wiese giftgrün aufflackern liess. Aus dem Hintergrund drangen das Grunzen und Schnorren der Schweine und die quietschende Karrette Mattenhofers, der um das Haus seine Arbeit verrichtete. Den Ausbau des Kellers nahmen wir gemeinsam in Angriff. Es brauchte Überwindung. Neben alten Gerätschaften, die hinauszubefördern waren, fanden wir verendete Ratten und Mäuse in verrosteten Fallen. Der Lichtschacht war von aussen mit Brettern abgedeckt. Wenn die Lampe nicht brannte, sahen wir die Hand vor den Augen nicht. Wir legten einen Riemenboden über den gepressten Lehmgrund. Die Fundamentwände aus schweren Feldsteinen verkleideten wir mit Pressholzplatten und strichen sie mit Weiss. Dass es ein unterirdischer Raum war, konnten wir trotzdem nicht überdecken. Die Kälte drang herauf und nistete in den Fugen der neuen Bretter. Am Anfang unserer Proben schalteten wir einen elektrischen Heizkörper an und spielten den ersten Blues mit steifen Fingern. Zum Ende lief das Gerät heiss, die Füsse aber blieben kalt. Unsere Musik klang in diesen Tagen, als würden sich die uralten Schatten des Grabens über die Töne legen und sie ihrer Lebenskraft berauben.
Die Suche nach dem Haus hatte uns nähergebracht, zugleich aber erschöpft. Alles war bereit, um loszulegen, und wir waren schon müde. Zudem nahmen Troller, Stüten und Wanner lange Arbeitswege auf sich. Trotz Halbtagstelle kehrten sie erst am späten Nachmittag zurück. Meistens wurde dann in der Küche gegessen und der Tag beredet. Wir fühlten uns entlastet, weil wir ein Haus hatten. Waren aufgeräumt, weil wir noch an eine gemeinsame Zukunft glaubten. Wir bemerkten nicht, wie die Dunkelheit sich ausbreitete. Die Gespräche sich verirrten. Wie mit dem Anrücken des Winters die Kälte bei uns einzog. Der geheizte Herd war nur noch ein Strohfeuer, wenn er nicht den ganzen Tag brannte. War wie ein kurzes Aufflackern in den eisigen Winden, die über die schwarzen Fliesen zogen. Wir kamen nicht auf die Idee, die gute Stube mit dem Kachelofen für unsere Mahlzeiten zu verwenden. Wir hatten sie Stüten zugestanden. Daran gab es nichts zu rütteln. Unser gemeinsamer Tisch stand so sicher in der Küche, als wäre er bereits festgefroren. Tagelang war ich allein. Stieg schon gar nicht in den Proberaum, sondern blieb im Umkreis meiner Truhe und meines Klaviers. Ich war der Einzige, der die Musik als Studium an der Berufsschule für Jazz betrieb. Ich fing an, mich auf die dort üblichen Experimente einzulassen. Befreite mich von Schemen und Formen. Entfremdete mich vom Blues und meinte, die grosse Freiheit zu entdecken. Auf den Austausch mit einigen Lehrkräften beschränkt, die von der gefilterten Luft der Konzertkeller lebten, registrierte ich nicht, wie ich mich verstrickte und in mir selbst vergrub. Ich war es, der die anderen puschte, sich auf musikalische Grenzerfahrungen einzulassen. Sie zu neuen Klangbildern drängte. Je kryptischer unsere Tonsprache, umso enthusiastischer wurde ich. Nichts Anschmiegsames sollte erlaubt sein, keine Konventionen befolgt oder bewahrt werden. So wurde es an der Schule gelehrt. Die anderen gingen darauf ein, wehrten sich aber gegen die Absolutheit meiner Forderungen und den Zwang zur andauernden Grenzenlosigkeit. Sie seien nicht hergezogen, um an Tönen zu laborieren und die Klangkörper zu sezieren, sie wollten spielen, sich einen Namen verschaffen, Auftritte planen. Ich bestand auf einem Konzertrahmen, die anderen waren bereit, in einem herkömmlichen Keller mit Restauration oder im Saal eines Landgasthofes zu spielen. Es wurde jeweils spät, bis wir uns endlich zum Proben aufmachten. Wie Grubenarbeiter fuhren wir in die Unterwelt und versuchten Rhythmen, Akkorde und Melodien zu finden. Als der Winter draussen das Land mit kalter Pranke packte und mit Schnee beschwerte, hatten sich die Klänge gewandelt. Was der Mattenhofer hörte, wenn er an den vereisten Stufen des Kellers vorbei zu den Säuen ging, waren Töne aus dem Schattenreich. Die Gitarre mimte heulende Fliegerangriffe, die im krachenden Getöse der ganzen Verstärkeranlage endeten. Troller schoss gezielte Maschinengewehrsalven mit tödlicher Präzision in die Pfeif- und Sirenentöne und liess seine berstenden Becken dazu explodieren. Ich experimentierte mit überlagerten Tonleitern. Legte schrille Cluster und sich spiralig hinauf- und herunterwindende Läufe über die dunklen Klangfelder wie das Flimmern von Nordlichtern. Wenn sich alles auflöste und in dröhnenden Trümmern endete, war ich begeistert. Hier war der Kompass, dachte ich. Wir befanden uns auf dem richtigen Weg. Wanner und Stüten hielten sich mit dem Urteil zurück. Auch Troller, der mir noch am ehesten folgte, enthielt sich eines Kommentars. Wenn sie mitmachten, war es für sie eine Übung. Kein ernstes Bestreben. Sie teilten es mir zwar nicht mit. Dachten es aber. Ich konnte ihre Gedanken lesen.
Der Brunnenstrahl gefror zu einem Fächer. Das Wasser züngelte und lispelte durch die Verliese eines Schlosses aus Eis. Unter der erstarrten Form meinte ich, Vögel zwitschern zu hören. Während sich draussen vor Kälte alles zusammenzog, das Land zu einem einzigen Stein verkühlte, brach bei uns die tragende Schicht ein. Es entstanden zuerst Fadenrisse, dann Spalte. Sie begannen zu klaffen und wurden zum Abgrund. Kaum hatten wir uns eingerichtet im Brunnenhaus, drohte sich unser gemeinsames Ziel in nichts aufzulösen.
Noch retteten wir uns aus der Not und flüchteten nach misslungener Probe die Kellertreppe hoch. Draussen ein schwaches Hoflicht unter einem weissen Blechschirm. Aus den Lindenästen fielen Eissplitter auf die Schneedecke. Einige Wolkenfetzen am kalten Himmel. Sie sahen aus wie Schwäne mit vorgestrecktem Hals. Wir verdrückten uns ins Haus. In die von Rauch geschwärzte Küche. An den tresorschweren Herd. Entschieden uns dann für die heissen Kacheln am Ofen in Stütens guter Stube. Und ein überbordendes Kichern drang bald durch Wände und Türen, als ein Besucher die Pfanne einer Wasserpfeife gefüllt und sie zum Glühen gebracht hatte, und die ganze Nacht kreisen und knistern liess.
Ich stapfte dem Grabenbach entlang, der noch als schwarzer Riss zwischen zwei Schneewällen sichtbar war. Harte kleine Flocken brannten sich mir ins Gesicht und rieselten über meinen Jackenstoff. Den Kopf hatte ich in meine schmalen Kragenwürfe gedrückt. Die Arme eng an den Leib gepresst. Die seitlichen Hänge rückten näher. In einer eingekeilten Mulde stolperte ich schliesslich über schneebehangenes Busch- und Rankenwerk in den Wald. Mit jedem Schritt sank ich tiefer in eine unberührte Welt. Aus den Baumkronen drang winterliches Tschilpen. Schneestaub nebelte herab. Schneedecken krachten von überladenen Ästen. Ich erreichte den Ort, wo die Quelle des Brunnenhauses gefasst war. Aus der eingeschneiten Senke drang ein untergründiges Rauschen herauf. Ich stand vor der aus der Erde ragenden Steinmauer der Brunnenstube und meinte, das einströmende Wasser hinter der eisernen Türe wie von hohen Gewölben widerhallen zu hören. Das Aufheulen einer Kettensäge entzweite den winterfrostigen Tag. Weckte die Gegend aus dem Schlaf. Die Bauern waren beim Holzen und bemächtigten sich des umliegenden Waldes. Seit den Kämpfen gegen das einst reiche Brunnenhaus war ein gutes Jahrhundert vergangen. Damals erstreckten sich seine Ländereien bis in die sonnenbeschienenen Felder. Einen Mattenhof gab es damals noch nicht. Wohl aber gierige Nachbarn, die es auf die Quelle, auf das fruchtbare Land und den Wald abgesehen hatten. Es brauchte nur eine schwache Generation, bis die Wasserrechte verloren gegangen und ein grosser Teil der ertragreichen Äcker zwangsweise veräussert waren. Am Hofbrunnen, sagten sie im Kreuz oder in der Brücke, habe man früher das Trinkwasser geholt. Heute werde er nur noch vom Grabenbach gespeist. Ich spurte mir einen Weg durch die aufragenden Säulen von eisgrauen Stämmen, querte ein Zweigdickicht, folgte den Fährten im Schnee in der Meinung, dass die Wildtiere die Pfade doch kennen mussten. Schliesslich gelangte ich zu einem erhöhten Saum, von wo ich die Talebene überblicken konnte. Das Dorf, das Trassee der Eisenbahn, die Äcker und Wiesen des Mattenhofes lagen ausgebreitet vor mir. Unter den nun weich fallenden Flocken kam das Tönen der Welt zum Erliegen. Die Fahrzeuge bewegten sich beinah lautlos, die Traktoren summten. Wie weisse Zelte sahen die fernen Gehöfte aus, wie mit japanischer Tusche gemalt die zarten Gerippe der Obstbäume, als der Schneefall nachliess und es aufklarte. Vor dem Einnachten legte sich ein roter, später ins Violett wechselnder Schleier auf die weissen Flächen, und in den Fenstern der gegen Abend gerichteten Häuser verging der Tag in einer kupferroten Glut. Hoflampen begannen aufzuscheinen. Lichter von Traktoren, auf dem Weg zur Molkerei, tasteten sich ins Tal. Nachts, als ich in meiner Gadenkammer stand, blitzte das Mondlicht im Schnee. Grünlich, bläulich, rötlich funkelten die Kristalle. Ich trat an eines der Fenster und fühlte mich in den von weissen, watteweichen Flocken besänftigten Hügeln geborgen. Wie in die siebenfachen Lagen von alten Unterröcken zurückgeholt.
Maiandacht
Im Graben bleibt die Sonne über den Winter fast ständig hinter den Hügeln verborgen. Ich mache mir zur Angewohnheit, mich in den Gadenraum zu verziehen. Mich in meine Kamelhaardecken wie in einen Kokon zu wickeln. Das Zwielicht, das hier immer herrscht, lasse ich bestehen. Drehe keine Lampe an, lichtscheu, wie ich geworden bin. Ich starre zur Decke hoch und hätte gerne ein Gespräch mit dir geführt. Troller, Stüten und Wanner meiden mich. Mit mir rechnen sie nicht mehr. Die Schattenkrallen des Brunnenhauses graben sich in meinen Rücken. Ohne Widerstand lasse ich mich in die Dunkelheit des Grabens ziehen. Mein einziger Halt ist der Sarkophag. Wenn ich ein Ohr auf sein Gehäuse lege, höre ich das Meer rauschen und deine Stimme singen. Sein Zitronengelb verspricht Licht, seine Tiefe Ruhe. Ich setze mich in den moosgrünen Stuhl mit den Armstützen und betrachte die spiegelnde Front. Ich zünde eine Kerze auf dem Glanz seines Deckels an. Ich merke kaum, wie es um mich Nacht wird. Wie die Flamme flackert. Wie Figuren über die Wände wirren. Alles wie einst, als ich in der Totenkapelle vor den Särgen betete.
Als ehemaliger Messdiener bin ich vertraut mit Särgen, mit Toten und Begräbnissen. In unserer Schulzeit beneidest du mich, wenn ich dem Unterricht fernbleiben darf, um bei einer Abdankung zu ministrieren. Oft trage ich hinter dem von Pferden gezogenen Leichenwagen und vor der in seinem Schlepptau schreitenden Trauergemeinde das schwarze Kreuz, schnurre bei den aufgebahrten Verstorbenen lateinische Gebete ab und schwinge am Rande der ausgehobenen Grablöcher das Rauchfass. Tote sehen durch die verglaste Sargluke nicht die Gesichter der Trauernden, erzähle ich dir, sondern den Schatten Gottes. So wie die Beichtenden die Silhouette des Pfarrers. Beide schlagen ein Kreuz, der Pfarrer über den Lebenden, der Schatten Gottes über der sterblichen Hülle.




