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Und dann machte sich die Region auf zum nächsten Aufschwung. Die Wirtschaft florierte schweiz- und weltweit, und das stark industrialisierte Brugg profitierte davon. Die Kabelwerke wurden zum Kern regionaler Wirtschaftspotenz. Die Platzverhältnisse waren für die expandierenden Industriebetriebe oft problematisch. Man wich auf unerschlossene Landreserven aus – in den Brugger Wildischachen, ins benachbarte Birrfeld. Auch ein anderer Engpass machte sich bald bemerkbar: Fach- und Arbeitskräftemangel. Viele Arbeiter wurden aus dem Ausland geholt. 1963 waren 38 Prozent der in Brugg dem Fabrikgesetz unterstellten Arbeitnehmer Fremdarbeiter. In der Spinnerei Kunz wurden immer mehr junge Italienerinnen beschäftigt. Unter der Aufsicht von Nonnen gingen sie an ihrem freien Sonntag an der Reuss spazieren. 1920 hatte der Ausländeranteil in Windisch 7,5 Prozent betragen, bis 1970 kletterte er auf fast 20 Prozent. Die Einwohnerzahlen in der Stadt und in den umliegenden Gemeinden schnellten nochmals in die Höhe. Brugg, das nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 5500 Einwohner zählte, wies 1970 9000 aus; Windisch erlebte eine Zunahme von 4500 (1950) auf 7500 (1970). In Windisch erstellte die Eisenbahner-Genossenschaft Mehrfamilienhäuser am Römerhof beim Amphitheater, und die Georg Fischer AG baute im Bodenacker die charakteristischen Hochhaus-Wohnblöcke, die noch heute die «Skyline» im Westen Bruggs dominieren. Auch sonst wandelten sich die Ortsbilder. Das Gebiet zwischen Eisi und Bahnhof in Brugg wurde zunehmend zu einem modernen Geschäftsviertel ausgebaut, so etwa mit dem 1959 eröffneten Kaufhaus Jelmoli.
Die raschen Veränderungen verlangten nach städtebaulicher Planung. Eine Architektengruppe namens team brugg 2000 wollte das Wachstum der Stadt systematisch angehen, Industrie und Wohngebiete sollten ebenso getrennt werden wie Autoverkehr und Fussgänger. Es war eine Zeit der grossen Würfe: Man erwartete für die Schweiz im Jahre 2000 eine Einwohnerzahl von zehn Millionen; allein im Raum Brugg-Baden-Spreitenbach hätten sich 200 000 Menschen geballt. Seitens der Bevölkerung gab es ein überraschend grosses Echo auf die Pläne des team brugg 2000. Doch dann kam es zum grossen Drama. An einer Gemeindeversammlung gab es heftige Kritik an den Bauordnungsplänen der Stadt. Mitten in der Versammlung brach Stadtammann Arthur Müller zusammen – er starb an einem Herzinfarkt. Die Versammlung musste abgebrochen und neu angesetzt werden. Die Stimmberechtigten folgten dem Stadtrat, und so endeten die Pläne des team brugg 2000 schliesslich im Papierkorb.
Unabhängig davon waren beträchtliche Investitionen in öffentliche Bauten und in die Infrastruktur notwendig. Der Strassenverkehr nahm mit der Massenmotorisierung rapide zu. Er wurde zu einer Belastung für die Altstadt, und es gab erste Pläne für Umfahrungen. Windisch seinerseits expandierte in Richtung Hausen mit einem Siedlungsteppich von Einfamilienhäusern und grossen Wohnblöcken. Windisch gewann auch das Tauziehen mit Brugg um den Standort des neuen Technikums. Vor allem Industrielle, die in einer Zeit der Hochkonjunktur begehrte Fachkräfte binden wollten, wünschten sich das Technikum. Mit der Klostermatte konnte Windisch ein einschlägiges Areal zur Verfügung stellen. 1964 bis 1966 entstanden dort die modernistischen Glaskuben des Technikums mit ihren charakteristischen farbenfrohen Kegelskulpturen, die für einige Jahre zu einem regelrechten Markenzeichen wurden.
1970 war die Region Brugg-Windisch voll im Umbruch und im Aufschwung, wie es der Fall gewesen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie damals herrschten Zukunftsoptimismus und Technikgläubigkeit. Doch wie der Erste Weltkrieg der Euphorie um die Jahrhundertwende ein Ende gesetzt hatte, würgte jetzt die Ölkrise von 1973/74 die Hochkonjunktur ab. Der Umbau von einer Industrie- in eine Informations-und Dienstleistungsgesellschaft begann. Und die Jugendunruhen von 1968 liessen eine soziale Liberalisierung ahnen, die unter zahlreichen Wehen das konservative und oft auch starre Klima der Zwischen- und Nachkriegszeit auflöste. Institutionen wie Wirtschaft, Kirche und Staat mussten sich neu definieren und legitimieren.
Kapitel III
Erwachsenenleben auf der Klosterzelg
Hausgemeinschaft am Kapellenweg
Eine undatierte Schwarz-Weiss-Fotografie aus den 1930er-Jahren zeigt Ida Fuchs mit ihren leiblichen Kindern und Anna an einem sonnigen Tag vor dem Eingang zum Haus am Kapellenweg in Windisch. Sie posieren fürs Familienfoto, allerdings ohne den Vater. In der Mitte sitzt die Mutter, um sie herum die Kinder. Aus den Kleidern zu schliessen, muss es Frühling oder Herbst gewesen sein. Die Mutter blickt etwas nach unten, als ob sie von der Sonne geblendet würde; Margrit, Ida und Elisabeth lächeln, Josef und Anna machen ernste Mienen. Auf einer anderen Fotografie, diesmal ohne Mutter, lachen alle. Josef – Hahn im Korb – geniesst es sichtlich im Kreis seiner Schwestern, Margrit hat ihn sogar untergehakt. Die Töchter der Familie Fuchs haben stattliche Figuren, ziemlich weit weg vom heutigen Schlankheitsideal. Doch es sind hübsche, fröhliche, aufgeweckte junge Frauen, die sich da um ihren Bruder scharen. Anna, die Halbschwester, hebt sich deutlich ab von den anderen. Sie hat dunkleres Haar, einen dunkleren Teint. Auch auf weiteren Fotografien fällt sie sofort auf mit ihrem intensiven, schönen Blick.
Andere Fotografien zeigen die Familie Fuchs auf Ausflügen im ganzen Land – man war offensichtlich unternehmungslustig. Die vergünstigten Fahrkarten des SBB-Angestellten Josef Fuchs mögen da mitgeholfen haben. Doch jetzt, Mitte der 1930er-Jahre, war die Jungmannschaft des Kapellenwegs erwachsen und erwerbstätig, man konnte sich also durchaus auch etwas leisten. Untereinander tauschten sich die Geschwister rege aus, schickten sich gegenseitig Karten von Ausflügen und kleine Briefchen zu Namens-und Geburtstagen. Ida schickt Ostergrüsse aus Genf und Neuenburg, wo sie ihr Welschlandjahr verbrachte. Der Umgangston unter den Schwestern war wie eh und je vertraut und liebevoll, manchmal zärtlich, manchmal aber auch mit dem gewohnten Witz. Adressatin der Schreiben war oft Anna, die mindestens seit Mitte der 1920er-Jahre kränkelte und immer wieder in Kurheime und Sanatorien musste: Amden ob dem Walensee, Wolfhalden im Appenzellischen, dann ab den 1930er-Jahren auch das teurere und höher gelegene Davos, alles bekannte Luftkurorte für Tuberkulosepatienten. In Davos waren es dann schon mehrere Monate, die Anna bleiben musste. Sie erhielt Besuche von einer Freundin, mit der sie sich gemeinsam immer wieder fotografieren liess. Ein Bild aus dem Jahr 1937, fünf Jahre vor ihrem Tod, zeigt sie bereits schwer von der Krankheit gezeichnet: Sie ist erst eine 34-jährige Frau, doch sie geht am Stock, das Gesicht wirkt verhärmt und vorzeitig gealtert. Die einstige Schönheit ist verflogen. Es war wohl nicht ohne Folge für das Leben von Margrit, mitansehen zu müssen, wie ihre 14 Jahre ältere, leidende Halbschwester langsam ihr Lebenslicht verlor. Sie hat vielleicht darum die Korrespondenz mit ihr sorgfältig aufbewahrt.
Auf einer weiteren Fotografie, die wohl ein paar Jahre später entstand, steht die Mutter im Kreis ihrer leiblichen Töchter. Margrit trägt eine Aargauer Tracht – diese taucht in den nächsten Jahren auf Bildern immer wieder auf; sie muss in diesen Jahren ihr Stolz gewesen sein. Sie zeigt vielleicht auch symbolisch Margrits Heimatverbundenheit, die sie später immer wieder an den Tag legte. 1986 schreibt sie in einem Brief an das Organisationskomitee der 100-Jahr-Feier der aargauischen katholischen Landeskirche gewohnt humorig, doch auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, sie sei «überzeugte, ja fanatische Aargauerin». Auch die Tatsache, dass die Mutter immer wieder im Zentrum von Fotografien steht, ist symbolisch. Sie ist es, welche die Familie zusammenhält.
Der Vater dagegen lebte immer mehr sein eigenes Leben. Zumindest zeitweise scheint er gar nicht mehr am Kapellenweg gewohnt zu haben. Anfang der 1930er-Jahre verkaufte er sein Elternhaus in Hornussen, wofür er rund 7000 Franken löste. Mehr als die Hälfte ging für Schuldentilgung drauf, den Rest beschlagnahmte die Gemeinde und legte 1500 Franken zinstragend für die Kinder an. Josef Fuchs verblieben 1800 Franken, die aber für die Begleichung von Schulden gegenüber der Gemeinde ebenfalls zweckgebunden waren. Dass die Gemeinde sich zu einem solch drastischen Schritt entschloss, zeigt, wie kritisch die Situation angesichts seines Alkoholismus inzwischen war. Ob diese Massnahme mit dem Einverständnis seiner Frau geschah, ist nicht bekannt, aber naheliegend. Für später ist belegt, dass sich der Gemeinderat mit Ida Fuchs beriet, wenn es um Angelegenheiten ihres Mannes ging.
1934 stellte Josef Fuchs bei der Gemeinde den Antrag auf die Herausgabe des Geldes, das nach dem Hausverkauf für die Kinder blockiert worden war. Er schaltete sogar einen Anwalt ein. Das Gemeinderatsprotokoll hält fest: «Die Angelegenheit wird eingehend besprochen und dabei festgestellt, dass, wenn Fuchs den Betrag erhält, das Geld von ihm restlos in Alkohol umgewandelt wird. Seinen Angehörigen will er alles entziehen.»
Man fand einen Kompromiss: 1000 Franken gingen an die kranke Anna, 500 verblieben dem Vater. Alle Parteien erklärten sich damit – nolens volens – einverstanden. Da der Vater mit seiner Frau und den Kindern unter einem Dach wohnte, muss die Situation belastend gewesen sein. In der Korrespondenz, die Margrit während ihres Belgien-Aufenthalts mit ihren Geschwistern führte, finden sich zwar davon kaum Spuren. Doch ist es naheliegend, dass jedes Kind die gemachten Erfahrungen auf seine eigene Art verarbeitete. Möglicherweise gewann Margrit hier die Stärke, mit der sie später durchs Leben ging. Vielleicht hat die Präsenz eines tyrannischen Vaters auch dazu geführt, dass die Kinder eigentlich erst relativ spät von zu Hause auszogen – obwohl es damals viel üblicher war als heute, dass Kinder bis zur eigenen Heirat den Hausstand mit ihren Eltern teilten.
Josef war der Erste, der ausflog: 1930 verliess er Windisch in Richtung Brugg. Allerdings blieb er nur sehr kurze Zeit und kehrte nach wenigen Monaten zurück. Er absolvierte die Rekrutenschule und diente als Korporal bei der Artillerie. Bis zu seiner Heirat im Jahr 1942 blieb er in Windisch am Kapellenweg angemeldet. Ida, die älteste Schwester, kehrte 1930 nach einem längeren Aufenthalt aus der Westschweiz zurück. Wie ihre Schwestern war sie kirchlich engagiert und sass im Vorstand der Marianischen Kongregation, allerdings nur kurz. 1938 zog sie schliesslich nach Zug und von dort später nach Luzern. Elisabeth arbeitete nach der Schule einige Jahre in ihrem erlernten Beruf als Näherin. Von 1934 bis 1938 war sie Kassierin der Marianischen Kongregation. 1940 trat sie schliesslich bei den Ingenbohler Schwestern ein. Anna meldete sich im November 1932 nach Montana im Wallis ab. Vermutlich war es die Höhenluft, die sie ins Wallis zog. Trotzdem schritt die Krankheit weiter voran und machte weitere, «richtige» Kuraufenthalte nötig. Anna kehrte schliesslich wieder nach Windisch ins Elternhaus zurück, wo sie von ihrer Mutter und den Schwestern Elisabeth und Margrit gepflegt werden konnte.
Es ist auffällig, dass von den fünf Kindern im Haushalt nur eines heiratete und eine Familie gründete: Josef. Die Mädchen blieben alle ledig. Ihre guten Ausbildungen und beruflichen Positionen ermöglichten es ihnen, selbstständig für ihren Lebensunterhalt aufzukommen; sie waren also, im Gegensatz zu vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen jener Zeit, nicht aus wirtschaftlichen Gründen auf die Ehe angewiesen. Doch es stellt sich die Frage, ob es noch weitere Gründe gab, weshalb keine der Töchter eine Familie gründete. Elisabeth trat ins Kloster ein, was eine Ehe ausschloss. Bei Anna mag das frühzeitige Auftreten der Krankheit ein Hinderungsgrund gewesen sein. Doch auch Ida und Margrit verzichteten auf eine Heirat. Die Ehe von Vater und Mutter muss abschreckend gewirkt haben. Das heisst nicht, dass es keine Verehrer und Bewerber gegeben hätte – Margrit hat bestätigt, dass sie «Möglichkeiten» zur Ehe gehabt hätte. Doch sie entschied sich gegen den Schritt. Nachdem 1942 der Bruder als Letzter ausgezogen und Anna im gleichen Jahr verstorben war, war sie – damals 25 Jahre jung – die Letzte, die noch zu Hause wohnte. Die Bindung zur Mutter war eng. Vielleicht hat sie auch aus diesen Gründen auf eine Heirat verzichtet. Und möglicherweise spielte die Religion eine Rolle. Viele Jahre trug Margrit an der linken Hand einen Goldring, der einem Ehering sehr ähnlich sah. Später, in Ruanda, schmückte sie ihn mit einem Goldstück. Nonnen tragen oft einen Ehering, da sie mit Gott beziehungsweise Jesus Christus «verheiratet» sind. Margrit entschied sich letztlich gegen den Eintritt ins Kloster. Doch es ist nicht auszuschliessen, dass sie sich – zumindest in jüngeren Jahren – einer Nonne nicht unähnlich als mit Jesus verheiratet sah, auch wenn sie das so wahrscheinlich nicht gesagt hätte.
Religiöse Prägung
Nach der Rückkehr aus Vilvoorde pflegte Margrit weiterhin Briefkontakt mit ihren Bekannten in Belgien, vor allem mit Schwester Berchmans und Louise Marijmissen. Beide berichten ausführlich über das religiöse Leben in Vilvoorde und machen kein Geheimnis daraus, dass sie sich einen nachträglichen Eintritt von Margrit in den Orden wünschen. Louise fantasiert, wie das doch wäre, wenn sie gemeinsam die Ausbildung zur Nonne durchlaufen könnten. Sie schildert das Leben in der religiösen Gemeinschaft, berichtet von der Freude und dem Stolz, zum ersten Mal das Kleid der Ursulinen, Habitat genannt, zu tragen, bezeugt die Liebe der älteren Schwestern für die Postulantinnen und Novizinnen und wünscht sich, dass Margrit so viel wie möglich für sie betet – sie werde es umgekehrt auch tun. Allerdings schreibt sie auch in aller Unschuld, dass sie manchmal von anderen Schwestern gehänselt und ausgelacht werde, was einen gewissen Kontrapunkt zum ansonsten offenbar glücklichen Leben hinter Klostermauern setzt. Schwester Berchmans dagegen erkundigt sich vor allem nach Margrits Befinden, erwähnt die Weihen junger Frauen, die Margrit während ihres Aufenthalts in Vilvoorde kennengelernt hat, zu vollwertigen Ursulinen und tönt immer wieder an, wie gut man sie in Belgien brauchen könnte. Und anschliessend an die Schilderung der Aufnahme von drei Postulantinnen im Frühjahr 1936 fragt sie: «Voudriez-vous faire le no. 4 ?» Immer wieder taucht in den Briefen die Frage auf, ob sie den Willen Gottes für sich kenne: «Est-ce que vous soyez bien tous les jours pour savoir ce que le Bon Dieu veut de vous ?» Beide, Schwester Berchmans und Louise, waren sich einig, dass keine der im Institut neu angekommenen Schweizer Schülerinnen das Format von Margrit hatte.
Anfang 1936 gab es Pläne, dass Margrit im Sommer nach Vilvoorde auf Besuch gehen sollte. Doch die Mutter intervenierte schliesslich mit Hinweis auf den eben in Spanien ausgebrochenen Bürgerkrieg, die Reise sei zu gefährlich. Louise äusserte weiterhin die Hoffnung, Margrit werde doch noch einmal nach Vilvoorde kommen. Im Jahr, in dem Margrit 20 Jahre alt und damit volljährig wurde, schrieb ihr Louise, sie wünsche sich inständig, Margrit könne nun die Mutter überzeugen, die Reise zu gestatten. Louise anerbot sich in ihrer kindlichen Art sogar, Deutsch zu lernen, um an die Mutter zu schreiben! Doch wieder wurde nichts daraus. Margrit bot nun Louise an, sie solle sie doch zusammen mit ihrer eigenen Mutter in der Schweiz besuchen kommen. Doch das wiederum lehnte Louise ab.
Der Briefkontakt wurde seltener. Louise schwor, sie werde Margrit nie vergessen und ihr immer treu sein. Ein letztes vorhandenes Schreiben stammt aus dem Januar 1942, in welchem Schwester Berchmans darüber berichtet, dass Louise nun Schwester Virginie sei. Daneben dominieren aber die Schilderungen über die schwierige Situation im von Deutschen besetzten Belgien. Es herrschte mittlerweile Krieg. Die Ursulinen hatten beim Ausbruch der Kämpfe im Mai 1940 das Institut verlassen, waren aber danach relativ schnell zurückgekehrt – zum Glück unversehrt. Versorgungsschwierigkeiten bestimmten den Alltag. Auswärtige Pensionärinnen konnten nicht mehr aufgenommen werden. Alle Schülerinnen aus der Schweiz waren im Herbst 1939 evakuiert worden, zuerst mit dem Autobus nach Paris, von dort mit der Eisenbahn in die Heimat. Für die Bedürftigen und Kriegsgeschädigten hatten die Ordensfrauen eine Suppenküche eingerichtet. Schwester Berchmans hoffte und betete, dass im Januar 1943 endlich Frieden einkehre und die Schweiz weiterhin vom Krieg verschont bleibe. Sie musste sich noch zwei weitere Jahre gedulden. Wenn auch der Kloster- und Ordenseintritt für Margrit offenbar an Bedeutung verlor, blieb das Thema mit dem Eintritt der Schwester Elisabeth bei den Ingenbohler Schwestern und der Cousine Bertha Mettauer doch präsent.
Margrit las religiöse Erbauungsliteratur, wie sie damals unter frommen Katholikinnen weit verbreitet war, später auch die historischen Romane des ungarisch-britischen Schriftstellers Louis de Wohl. Sie schilderten auf moderne Art das Leben von Heiligen und christlichen Helden. Vor allem religiöse Frauengestalten hatten es Margrit angetan – allerdings eine besondere Art: nämlich solche, die sozial und karitativ tätig waren. Mit vergeistigten Mystikerinnen und Wundertäterinnen konnte Margrit wenig anfangen. Louise schreibt ihr einmal, sie erwäge als Schwesternnamen entweder Virginie nach ihrer eigenen Mutter oder Imelda, da ihr die selige Imelda besonders Eindruck mache. Margrit zeigte Interesse, sodass sich Louise anerbot, Literatur zur seligen Imelda herauszusuchen. Der Imelda-Kult hatte damals in Belgien eine gewisse Verbreitung. Die Heiligenlegende geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Imelda war ein Mädchen aus einer adeligen italienischen Familie, das schon sehr früh die Kommunion zu sich nehmen wollte, was man ihr aber mit dem Hinweis auf ihr Alter verweigerte. Darauf schickte ihr der Himmel eine Hostie, die vor Imelda in der Kirche schweben blieb. Nachdem Imelda diese Hostie zu sich genommen hatte, starb sie, überglücklich, auf der Stelle. Später wurde sie selig gesprochen, ihr Kult wurde von der Kirche im 19. Jahrhundert anerkannt und sie zur Patronin der Erstkommunikanten erhoben; ihr Leichnam ist angeblich nie verwest. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der praktisch denkenden Margrit, bei aller jugendlichen Schwärmerei, diese fantastische Geschichte besonders Eindruck machte. Auf jeden Fall erwähnt Louise in der späteren Korrespondenz das Thema nicht mehr.
Eher entsprach Margrit das Leben der Schwester Maria Theresia Scherer. Sie war die Mitbegründerin der Ingenbohler Schwestern und eine Pionierin der sozialen, karitativen und pädagogischen Frauenarbeit. Als ein Zürcher Verlag gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Sammlung von Lebensbildern bedeutender Schweizer Persönlichkeiten herausgab, war sie unter Dutzenden Männern die einzige Frau. 1825 im luzernischen Meggen in einfache bäuerliche Verhältnisse geboren, begegnete sie 1844 dem Kapuzinerpater Theodosius Florentini. Dieser genoss damals einen Ruf als Sozial- und Schulreformer. Florentini betrieb zahlreiche Projekte zu Verbesserungen im Kranken-, Armen- und Schulwesen; diese liessen sich aber nur verwirklichen, wenn ihm entsprechend geschultes Personal zur Verfügung stand. Seine Idee war, speziell auf diese Aufgaben zugeschnittene Ordensgemeinschaften von Frauen und Männern einzusetzen. Er gründete deshalb die Menzinger Schwesterngemeinschaft. Als sich diese aber auf ihre Aufgaben im Bereich der Mädchen- und Töchterausbildung konzentrieren wollte, trennte er sich von ihr und rief als neue Kongregation die Ingenbohler Schwestern ins Leben. Eine von Florentinis engsten Mitarbeiterinnen war von Anfang an Schwester Maria Theresia. 1857 wurde sie zur ersten Generaloberin der Ingenbohler Kongregation gewählt und betrieb systematisch deren Aufbau, zuerst in der Schweiz, anschliessend auch im benachbarten Ausland. Als sie 1888 starb, umfasste die Kongregation fast 1700 Schwestern weltweit, 80 Schulen, 28 Waisen- und Erziehungsheime, 25 Kinderheime und -horte, 87 Armenhäuser und 149 Spitäler und Krankenpflegestationen. 1995 wurde sie von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.
Da ihre Schwester Elisabeth in den Ingenbohler Orden eintrat, dürfte Margrit die Geschichte von Schwester Maria Theresia früh und gut gekannt haben. Die Parallelen zwischen beiden Frauen sind frappant: Beide gaben sich der Hilfe für die Armen, die Kranken und die Waisen hin, mit grösster Selbstverständlichkeit und oft (fast) bis zum Punkt der Selbstaufopferung; beide hatten einen eisernen Willen und konnten sich durchsetzen; beide waren tiefgläubig und sahen in ihrer Aktivität den Tatbeweis der Liebe; beide hatten, wenigstens in ihren Anfängen, einen kirchlichen Mentor, von dem sie sich aber mit der Zeit auch emanzipierten – bei Schwester Maria Theresia war das Theodosius Florentini, bei Margrit Erzbischof André Perraudin. Beide Frauen besassen einen guten Sinn für Humor. In Schwester Maria Theresias umfangreicher Korrespondenz finden sich Wortspiele wie «Sie machen Fortschritte wie ein alter Schuh». Oder, an eine Schwester gewandt, die von einer Sammelreise zurückkehrte: «Im Falle Sie so viel Geld sammeln, dass Sie es von Brunnen bis ins Institut hinauf nicht schleppen können, so telegrafieren Sie in Luzern, damit man Ihnen Pferd und Wagen entgegenschicken kann» – Sätze, die so auch von Margrit hätten geschrieben werden können. Und wie später von Margrit hiess es damals von Schwester Maria Theresia: «Sie galt als Mutter der Waisen.» Nur die Tatsache, dass Margrit schliesslich keinem Orden beitrat, unterschied sie.
Margrit war eine fromme Christin und treue Katholikin, aber keine Frömmlerin. Während Jahrzehnten ging sie jeden Tag in Brugg zur Frühmesse. Und am Sonntag gingen die weiblichen Mitglieder der Familie Fuchs geschlossen in die Kirche zum Gottesdienst. Vater und Bruder scheinen dagegen am religiösen Leben wenig bis gar nicht teilgenommen zu haben; doch das war ein altbekanntes Phänomen: Durch all die Jahre hindurch ziehen sich die Klagen seitens der Kirchenoberen, dass sich die Männer kaum am Pfarreileben beteiligten. Dass die Gebote der Kirche und des Glaubens nicht hinterfragt wurden, war selbstverständlich im katholischen Milieu (siehe «Kontext: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus», S. 84). Doch Margrit hatte ihre eigene Meinung zu vielen Dingen. Sie war keine kritische Intellektuelle, aber was sie für gut befand, das befand sie für gut, unabhängig von der Doktrin der Kirche. So wurde in der Festschrift zum Aargauer Katholikentag von 1953 noch davor gewarnt, die Frauen ins berufliche Erwerbsleben zu schicken, da ihnen sonst das Frausein abhandenkomme. Margrit kümmerte diese Gefahr wenig. Ihr Urteil über ihr Erwerbsleben war eindeutig: «Ich liebte meinen Beruf!» Geschiedene waren im katholischen Milieu kaum geduldet und wurden zum grossen Teil wie Aussätzige behandelt. Margrit kümmerte sich nicht um diese Vorbehalte und Vorurteile. Die schwierige Ehe ihrer Mutter vor Augen, hatte sie wohl Verständnis dafür, dass es manchmal sinnvoller ist, sich zu trennen, als einfach weiterzumachen um den Preis der seelischen und oft auch körperlichen Schädigung und Zermürbung der Involvierten. Sie pflegte den Kontakt zu Geschiedenen weiterhin, ob katholisch oder reformiert, und hörte sich ihre Sorgen und die oft vor allem bei Frauen wegen der Scheidung auftretenden psychischen Probleme geduldig an. Und während sie religiöse Erbauungsliteratur las, hatte sie auch eine Affinität zum kirchenkritischen bis kirchenfeindlichen Rainer Maria Rilke, den sie in ihren späteren Rundbriefen aus Afrika immer wieder zitierte. Diese Eigenständigkeit im Urteil koppelte sich mit einer sehr persönlichen und eigenen Beziehung mit Gott – «sie hatte einen eigenen Draht zum Himmel».
Kirchliches Engagement
Margrit war sehr aktiv in der Pfarrei St. Nikolaus in Brugg, welcher die Windischer Katholiken bis in den 1960er-Jahre angeschlossen waren (siehe «Kontext: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus», S. 84). Sie engagierte sich vor allem in der Jugendarbeit, über die sie später schrieb: «Noch heute habe ich aus dieser Zeit […] schöne Freundschaften.» Durch ihre humorvolle und unkomplizierte Art fand sie leicht Zugang zu Kindern und Jugendlichen.
Grundlage ihrer kirchlichen Jugendarbeit war die Christenlehre, die sie während mehr als zwei Jahrzehnten erteilte, von Anfang der 1940er- bis Mitte der 1960er-Jahre. Sie erteilte diesen Religionsunterricht den jüngeren Primarschülern; ihr Gegenstand waren biblische Geschichten. Er fand für gewöhnlich am Sonntag nach dem Gottesdienst statt. Dass diese Aufgabe an die erst 25-Jährige übertragen wurde, verdeutlicht die besondere Vertrauensstellung, die sie in der Pfarrgemeinde bereits früh genoss. Nachdem 1965 die Pfarrei St. Marien in Windisch von der Brugger Mutterpfarrei St. Nikolaus abgetrennt und Eugen Vogel Pfarrer von Windisch wurde, führte Margrit die Christenlehre trotzdem in Brugg weiter. Ab Ende der 1960er-Jahre nahm die Beteiligung an der Christenlehre zunehmend ab.




