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So dünn die Schicht der politisch gestaltenden dives war, so variantenreich zeigte sich demgegenüber die Armut. Allein sechs abstufende Ausdrücke gibt es im Lateinischen für diesen Zustand: pauper, egens, inops, indigens, tenius, mendicus – wobei als pauper auch noch gelten kann, wer ein Stückchen Land besitzt. „Die Masse der Römer lebte von der Hand in den Mund und war von absoluter Armut besonders bei Preissteigerungen von Nahrungsmitteln betroffen“, resümiert der Historiker Marcus Prell38. Die Plebs, die Masse, das namenlose Gewühl, die turba, ist den Schriftstellern verhasst. Cicero schreibt über die sentina urbis, den „Abschaum“ Roms, als „elendes und hungriges Gesindel“ und als „Blutsauger der Staatskasse“.39 Artemidor dichtet: „Die Armen gleichen einfachen unbekannten Orten, wo man Mist und sonstigen Müll hinwirft, die Reichen aber den heiligen Bezirken der Götter.“40
Trotz der offensichtlich bedrückenden Verhältnisse, unter denen die überwiegende Mehrheit der Bewohner leben, bilden Hungeraufstände in der mehrhundertjährigen Geschichte Roms die Ausnahme. Bis zum Ende des 2. Jahrhunderts berichten die römischen Historiker von sechs Hungerrevolten. Für das gesamte 3. Jahrhundert sind nur zwei belegt. Der Grund dafür dürfte in einer täglich geübten Unterstützung liegen, welche die Reichen und der Staat den Armen und der Plebs der Stadt Rom zukommen ließen – zulasten freilich der ausgepressten Provinzen.
Vor allem die Getreideverteilungen, die frumentationes, scheinen zentraler Bestandteil staatlicher Politik gewesen zu sein. Zwischen 150.000 und 300.000 Römer waren Bezieher der Zuteilung teils verbilligter oder kostenloser Nahrungsmittel. Statt Getreide wurde ab dem 2. Jh. n. Chr. auch Brot, Olivenöl, Wein und Fleisch gereicht. Ihrer Bedeutung entsprechend waren die Lebensmitteltransporte Richtung Zentrum des Imperiums militärisch gesichert. Getreidehändler genossen unter den römischen Kaisern weitgehende Privilegien. Transporte wurden zumeist durch Eskorten geschützt (was andere Städte nicht hinderte, sich selbst ihren Anteil am Lebensnotwendigen zu sichern; von Byzanz oder Chalcedon wird berichtet, sie hätten sich ihr Getreide durch Kapern vorbeifahrender Schiffe gesichert).
Die Großzügigkeit der Herrscher gegenüber den Armen muss man sich ergänzt durch Spenden und andere Zuwendungen der Reichen vorstellen. Jeder Patrizier verfügte über eine mehr oder weniger zahlreiche Anhängerschaft von Günstlingen, clientes genannt. Ihre Funktion war es, den Herren täglich ihre Aufwartung (salutatio) zu machen und dafür mit einem Korb voll Essen (sportula) oder einem Geldbetrag (in der Regel 25 Asse oder sechs Sesterzen) entschädigt zu werden. Als Gegenleistung hatte der Klient dem Patron seine Dienste anzubieten. Das reichte von manueller Arbeit bis zum Kriegsdienst. Viele Günstlinge zu haben bedeutete gleichzeitig hohes Ansehen für die Patrizier, von denen sich manche sogar als rex, König, ansprechen ließen. Dazu gab es auch noch reiche Alimentarstiftungen, etwa jene von Kaiser Trajan (über eine Million Sesterzen), die sich um die Ernährung und Erziehung von Kindern kümmerte.
Eine ganz eigene Form der Selbsthilfe bestand in Genossenschaften, den collegia tenuorum. Durch Entrichtung eines Mitgliedsbeitrags konnte man sich da nicht nur Nahrung und die Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktivitäten sichern, sondern auch für eine würdige Bestattung „ansparen“. Doch alle diese Einrichtungen hatten keine andere Funktion, als die Machtverhältnisse zu stabilisieren. Eine gerechtere Gesellschaft bewirkten sie nicht. Sie trugen eher dazu bei, die bestehenden schlechten Verhältnisse fortzusetzen. Versuche, tatsächlich ein sozial gerechteres System in Kraft zu setzen, scheiterten hingegen.
Das gilt einerseits für die Versuche, die Schuldknechtschaft zu bekämpfen: Die Gesetze der Kaiser Augustus und Tiberius, die den Bürgern kostenlose Darlehen geben und Wucherzinsen abschaffen sollten, hatten kaum Erfolg. Andererseits wurde aber auch der Versuch der Brüder Gracchus vereitelt, den ager publicus den Armen zur Bewirtschaftung zu überlassen. Die Lex Sempronia agraria von Tiberius Gracchus begrenzte 133 v. Chr. den Landbesitz der Patrizier auf 500 Joch, der Rest sollte den Plebejern zugute kommen. Die Begründung des Gracchen: „Sogar die wilden Tiere, welche in Italien hausen, haben ihre Höhle. Jedes weiß, wo es sich hinlegen, wo es sich verkriechen kann. Die Männer aber, die für Italien kämpfen, haben nichts außer Luft und Licht. Heimatlos, gehetzt irren sie mit Weib und Kind durch das Land. Herren der Welt werden sie genannt und haben nicht eine Scholle Landes zu eigen.“41 Die Reichen ließen sich diese dauerhafte Umverteilung nicht lange gefallen. Tiberius Gracchus wurde ebenso ermordet wie sein Bruder Gajus. Davor hatten heute hoch geschätzte Redner wie Cicero gegen die „Gleichmacherei in den Besitzverhältnissen“ gewettert. Die Landfrage blieb ungelöst.
Die Religion der Armen
Schließlich aber macht sich eine neue Religion auf, das Römische Reich von der verarmten Plebs her zu erobern. Ihr Gründer ist genauso arm wie die große Mehrheit der Bewohner des Reiches: der Zimmermann Jesus von Nazareth. Dieser Jesus und seine Jünger reden nicht vom gottgewollten Reichtum weniger, sondern von der Schönheit freiwilliger Armut und der Macht der Solidarität aller. Der Arme hat auf einmal mehr Anspruch auf die Liebe Gottes als der Reiche. So revolutionär das klingt, so wenig revolutionär wird es gelebt. Denn das Christentum erweist sich bald als Anker der Stabilität des Imperiums, indem es die Staatsraison inhaliert und den Kaiser unter Gottes Schirm stellt.
Der Apostel Paulus gießt die christlichen Werte in das Gefäß stoischer Weltsicht und passt auf diese Weise die junge christliche Religion den Bedürfnissen des römischen Staates an: Während Christus dem Staat betont gleichgültig gegenübersteht („Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, Joh 18,36; „Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist“, Mt 22,21), wandeln Petrus und Paulus die Lehre ab. Paulus vollzieht den Brückenschlag zwischen Kaiser und Gott: „Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten. Nicht ist nämlich eine Gewalt außer Gott. Die bestehenden Gewalten sind von Gott gesetzt, sodass sich der der Obrigkeit Widersetzende der Anordnung Gottes entgegenstellt.“42 Das Imperium wird damit als Standbein des christlichen Gottes auf Erden interpretiert, der Kaiser zu seinem weltlichen Statthalter.
Schwieriger gestaltet sich freilich der Umgang der neuen Religion mit dem Eigentum. Viele christliche Gemeinden hatten sich Jesu Lehre gemäß ein urkommunistisches Gesellschaftsmodell der Eigentumslosigkeit verordnet. Cyprian von Karthago (200 – 258) schreibt über Roms Gemeinde: „Es herrschte unter ihnen kein Unterschied und sie behielten keines ihrer Dinge für ihr Eigentum, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Das heißt, nach dem himmlischen Gesetze die Gleichheit Gottes des Vaters nachahmen. Denn alles aus Gott ist in unserer Benützung gemeinschaftlich und keiner ist von seinen Wohltaten und Gnaden ausgeschlossen, sodass das gesamte Menschengeschlecht in gleicher Weise genießen darf. So leuchtet allen in gleicher Weise der Tag, strahlt die Sonne, feuchtet der Regen.“43
Nicht für alle Gläubigen war diese Sicht der Dinge verständlich, und bald stellte sich die Frage, ob nicht das Eigentum mit gewissen Einschränkungen als von Gott gewollt betrachtet werden könnte. Lucius Caecilius Firmianus, genannt Lactantius (250 – 320) tritt als erster prominenter christlicher Schriftsteller zur Rechtfertigung an. In seinen Divinae institutiones, den „Göttlichen Unterweisungen“, lehnt er sich an Cicero an, indem er feststellt, das Privateigentum habe bereits seit Urzeiten bestanden und die Nächstenliebe könne nun auch die Gefahr überwinden, die sich aus dem Privateigentum ergebe. Kollektivismus, so Lactantius, sei nur für Menschen möglich, die das Geld verachten. Sonst aber beraube er die Fleißigen, und begünstige jene, die aus ihrer Schuld heraus wenig besitzen. Der Zwang zum Gemeineigentum sei ein Freibrief für die Laster, während das Privateigentum „auch Tugenden den Weg bereiten könne“.
Die Phase der Angleichung an den Staat während des Aufstiegs des Christentums zur Staatsreligion erreicht mit dem Mailänder Toleranzedikt 313 einen vorläufigen Höhepunkt. Doch dann kommt es zu Rückschlägen. Das Christentum verliert an Glaubwürdigkeit, vor allem als 410 das für unmöglich Gehaltene geschieht: Die Hauptstadt des Erdkreises wird von den Westgoten Alarichs erstürmt und geplündert. Die von der Kirche gepredigten angeblichen irdischen Interessen Gottes erweisen sich nun als Bumerang. Denn, so fragen die Bürger, wenn Gott Roms Schicksal leitet, warum will er es dann vernichten? Haben nicht die alten Götter das Imperium mehr als 700 Jahre viel besser beschützt als der Christengott?
Dazu kommt noch, dass die Eroberer Roms selbst Christen sind. Schnell sind Volksredner mit dem Vorwurf bei der Hand, man habe sich da wohl eine christliche Laus im Pelz gezüchtet und die Schutzgötter hätten ihre Hand von der Stadt abgezogen. In Scharen laufen die zweifelnden Christen nun wieder zu ihren alten Kulten zurück. Es ist Augustinus von Hippo (354 – 430), ein zum Christentum bekehrter Manichäer, fanatisch, von existenziellen Zweifeln zerfressen, besessen von einem heiligen Genie, der versucht, das Christentum gegenüber dem Staat neu zu positionieren. So nennt er auch sein Hauptwerk De civitate Dei, Vom Gottesstaat. Mit der Kraft göttlicher Polemik liest er den Römern die Leviten: Ungerechtigkeit habe das Imperium geschaffen, Ruhmsucht, Herrschsucht und Verbrechen hätten es erweitert. Daran schließt sich Augustinus’ gnadenloses Fazit: „Was sind überhaupt Reiche nach der Beseitigung der Gerechtigkeit anderes als große Räuberbanden? Wenn eine solche Gemeinschaft verworfener Menschen so ins Große wächst, kann sie mit Fug und Recht den Namen ,Reich‘ annehmen, den ihr die Bevölkerung beilegt, nicht als wäre die Habgier erloschen, sondern weil Straflosigkeit dafür eingetreten ist.“44
Selbst Heiden könnten Gottes Wort besser verstehen, sagt Augustinus. Was der Mensch Willensfreiheit nenne, sei bloß eine Auswahl unter den Möglichkeiten des Bösen. Er sei unfähig, Gott zu gehorchen. Nur einen Ausweg gebe es: die Liebe zu Gott, welche Gerechtigkeit und Nächstenliebe schaffe. Die heilige Aufgabe des Staates, so schließt Augustinus, ist nicht die Ausweitung seines Territoriums, sondern die innere Friedensordnung.
Hin- und hergerissen zwischen Paulus und Augustinus, zwischen geschickter Komplizenschaft mit Adel und Weltlichkeit und den radikalen Idealen des Christentums, mäandert die Staatsreligion durch die Völkerwanderungszeit ins Mittelalter. Entlang diesen gegenläufigen Strömungen entbrennt ab dem 13. Jahrhundert die Diskussion um die richtige Art, zu wirtschaften, und die gerechte Schöpfung von Gewinn. Da versucht einer der wichtigsten Köpfe der Kirchengeschichte, die Systeme durch reine Logik miteinander zu verzahnen, und schafft eine Theorie der gerechten Wirtschaft, die bis heute kaum an Aktualität verloren hat: Thomas von Aquin, in dessen Zeit wir nun eintauchen wollen.

Bettler, Banchieri und Magnaten
Das 13. Jahrhundert ist eine äußerst produktive historische Schnittstelle, die zumindest ökonomisch vieles Neuzeitliche vorwegnimmt. Je weiter die Forschung in diese Zeit einzudringen vermag, desto mehr erscheint das Denken in jener Zeit in einem ungewohnt modernen Licht.
Das Ende der Völkerwanderung bringt eine bis dahin nicht gekannte Prosperität. Um 1270 erreicht Europa mit 73 Millionen Menschen die höchste Bevölkerungszahl des Mittelalters. Die Städte und Stadtstaaten begründen im 12. und 13. Jahrhundert ihre Macht: In Italien sind dies Venedig, Genua, Florenz, Padua, Mantua und Ferrara. In Mitteleuropa und im Norden vor allem die Städte der Hanse, London, Lissabon und die Niederlassungen an den großen Flüssen: Köln, Kiew, Wien, Belgrad. Köln verzeichnet zu dieser Zeit immerhin 40.000 Einwohner, Paris 80.000, Mailand und Florenz sogar 180.000. Aber wie eine so enorme Zahl von Menschen ernähren, auf Basis primitiver Dreifelderwirtschaft und Bauern, die zumeist noch nicht einmal den Pflug einsetzen? Durch Handel, lautet die Antwort.
Der Warenverkehr kommt zu neuer Blüte, vermag Güter über weite Strecken anzuliefern und Versorgungslücken schnell zu schließen. Aber noch viel mehr befestigt er die steigende Macht der Städte gegenüber den Fürsten. Schon 1215 erhalten die englischen Städte mehr Rechte gegenüber dem Adel: Die „Magna Charta Liberatum“ markiert den Beginn eines langsamen, aber nicht mehr aufzuhaltenden Aufstiegs des Bürgertums.
Die Ideale des Feudalwesens, der ritterlichen Haltung und des Standes, ausgeschmückt mit fantastischen Legenden und brennender Leidenschaft, mit Heldentum und prächtigem Popanz, von welcher der Historiker Johan Huizinga in seinem Buch Herbst des Mittelalters erzählt, erleben ihren Höhepunkt und den Übergang zu ihrem schleichenden Ende. Reichtum ist zumindest in den großen Städten nicht mehr nur eine Frage vererbter Rechte, sondern entsteht auch durch Arbeit und den Austausch von Ideen, Geld und Gütern.
Vom frühen 12. bis ins 15. Jahrhundert erlebt Europa so einen deutlichen Handelsaufschwung. Die ersten echten Handelsverträge werden unter den Bezeichnungen „Societàs“ oder „Compagnia“ aufgesetzt, und ab dem 14. Jahrhundert halten Versicherungen auf Schiff und Ware Einzug ins Handelsleben. Hand in Hand mit den verfeinerten Rechtstechniken kommt es auch zur Verwendung von Geldwechseln und Geldanweisungen, die einen relativ sicheren Bargeldverkehr zwischen weit voneinander entfernten Destinationen ermöglichen. Eines der treffendsten Beispiele dafür ist ein Wechsel aus dem Jahr 1399 über 472 Pfund, die ein Tuchhändler in Brügge bei einem Brügger Bankier für Waren behebt, die er soeben an einen anderen Händler nach Katalonien geschickt hat. Dieser katalonische Händler wird nach Vorlage des Wechsels den gleichen Betrag mit Zinsen in anderer Währung an einen Partner des Brügger Bankiers in Barcelona bezahlen.
Doch vor allem ist es die Erfindung von Basiswerkzeugen, die den Handel revolutioniert, etwa der doppelten Buchhaltung. Damals heißt es freilich noch nicht Soll und Haben, sondern sinnfälliger compto vostro, compto nostro.
Der stumme Ochse
In diese sich in allen ihren Fasern modernisierende Gesellschaft wird 1224 Thomas von Aquin geboren. Seine Familie gehört dem niederen Adel an, der Stammsitz des Geschlechts Aquin befindet sich in Roccasecca, unweit von Neapel. Thomas erhält eine Ausbildung bei den Benediktinern von Monte Cassino. Darauf folgt ein theologisches Studium in Neapel. Die Stadt ist damals eine abendländische Metropole, zu der sie vor allem Friedrich II., der weltoffene Stauferkaiser, gemacht hat. An seinem Hof versammelt er alles, was die damalige Welt an Kunstfertigkeit und Wissen zu bieten hat – vom normannischen Baumeister bis zum sarrazenischen Sterndeuter. Friedrich, ein erbitterter Feind des Papsttums, baut Neapel zu einem der wichtigsten Zentren des philosophischen Austauschs zwischen Abendland und Morgenland aus. Hier werden auch früh die verschollen geglaubten Texte der griechischen Philosophen übersetzt, die über spanisch-maurische Umwege wieder ins Abendland gelangt waren.
In Neapel stieß der junge Thomas also erstmals auf die Schriften des Aristoteles – und wohl auch auf seine christliche Berufung. Ein Predigerorden machte damals in Neapel von sich reden, der Ordo Fratrum Predicatorum, nach ihrem Gründer Dominikus Guzmàn auch Dominikanerorden genannt. Die Dominikaner genossen einen reformatorischen Ruf – allzu revolutionär für Thomas’ kaisertreue Familie, die den jüngsten Spross nicht gleich an die Kirche verlieren wollte. Die Sorge des Clans um den jungen Studenten nahm dann freilich etwas drastische Formen an. Thomas’ Brüder Rinaldo und Randulf entführten ihn auf dem Weg nach Rom und hielten ihn 1244 bis 1245 gefangen, um ihm die dominikanischen Flausen auszutreiben. Doch wie gewöhnlich bei solchen Zwangsmaßnahmen scheinen sie den jungen Mann nur noch mehr animiert zu haben, seine Karriere als Geistlicher weiterzuverfolgen.
Immerhin eröffneten die Dominikaner Thomas den Weg in die europäische Gelehrsamkeit: Latein war die Lingua franca des ganzen Kontinents. In Paris sprach man es ebenso wie in London, Gent, Mailand oder eben Neapel. Die Orden arbeiteten grenzübergreifend und standen in einem mit harten Bandagen geführten Kampf gegeneinander und gegen die bischöfliche Kirche um die weltliche und theologische Deutungshoheit.
Thomas von Aquin scheint sich in diesem System sehr schnell unangreifbar gemacht zu haben. Schon im ersten Jahr als Novize erkannten die Ordensälteren seine außerordentliche Begabung. Der hünenhafte junge Mann verfügte über eine außerordentliche Merkfähigkeit, konnte Texte nach einmaligem Hören absatzweise fehlerlos zitieren und in kürzester Zeit komplizierte philosophische Gedankengänge bis ins kleinste Detail analysieren. In Rom beschloss man deshalb, ihn nach Paris und Köln zu schicken. In beiden Städten war Albert der Große sein Lehrer. Der Student scheint das Wissen regelrecht in sich aufgesogen zu haben und so beschäftigt damit gewesen zu sein, dass er an seine Kommilitonen kaum ein Wort richtete.
Aus der Masse der verachteten Mitstudenten hallte es alsbald zurück: „Stummer Ochse“, hießen sie Thomas. Immerhin fand sich Albertus Magnus zur Verteidigung seines begabten Schülers bereit: „Das Brüllen dieses Ochsen wird noch in der ganzen Welt widerhallen.“
Der Geldadel entsteht
Als Thomas von Aquin seinen Lehrstuhl in Paris um 1257 als Magister regens neben dem franziskanischen Scholastiker Bonaventura antritt, ist der Handel mit Geld schon reichlich ausdifferenziert. Lombarden, Geldwechsler und Devisenmakler – die eigentlichen Bankiers – teilen sich den Markt. Unter Lombarden oder Cahorsinern (je nach Region oder Stadt benannt) verstand man die klassischen Verleiher kleiner Darlehen, die kurzfristig zurückgezahlt werden mussten, die zumeist relativ hohe Zinsen verlangten – also die klassischen Wucherer. Die nächsthöhere Schicht bildeten die Geldwechsler, die ihre Bänke (daher die Bezeichnung banchieri) oder Tische meist in der Nähe der großen Markthallen aufgestellt hatten und dort mit klassischem Währungswechsel und Edelmetallhandel ihr Geld machten. An der Spitze der Finanzhandelspyramide standen schließlich jene Financiers, die den Warenhandel auf nationaler und internationaler Ebene zum Teil selbst betrieben, zum Teil mit ihren Darlehen finanzierten.
Hier nun treten wir ein in die Paläste, staunen über den Glanz, die Glorie und manchmal auch den Bankrott der legendären Familien: bei den Alberti, den Medici, den Peruzzi und den Bardi, die in der Zeit der Kreuzzüge ihre legendären Reichtümer anhäufen. Die Kriege nutzen sie als regelrechte Geschäftsmotoren, sie finanzieren oft mehrere Jahre dauernde Handelszüge der Kaufleute bis nach China und erhalten ihr Risiko dreifach und noch höher vergolten. Der Allerhöchste selbst wird in ihren Handelsverträgen angerufen, die Verbindung für den gemeinsamen Reichtum zu segnen: „Im Namen Gottes …“, heißt die Formel, mit der solche Verträge für gewöhnlich eingeleitet werden.
Der innereuropäische Raum wird maßgeblich von den ersten Industrien bestimmt, vor allem jener der Tuchmacherei. Sie zeichnet eine Achse des Reichtums zwischen dem Südosten Englands, den Gebieten Flanderns und Nordfrankreichs und dem Niederrhein. Während die Feudalherren noch an ihren Legenden in den Schlachten im Heiligen Land weben, knüpfen Händler, Adelige und Kleriker, welche die Zeichen der Zeit erkannt haben, schon an den Netzwerken von Einfluss und Reichtum, die ihnen die Weltherrschaft sichern werden.
Ihre Methoden sind von Anfang an nicht gerade zartbesaitet. Zwischen dem mittelalterlichen Magnaten und dem nach der industriellen Revolution berüchtigten Manchester-Kapitalisten ist kaum ein Unterschied auszumachen. Das verdeutlichen unter vielen anderen Zeugnissen die Berichte über den Tuchhändler Jehan Boinebroke aus dem mittleren 13. Jahrhundert, der im nordfranzösischen Douai sein Unwesen treibt. In seiner Wollmanufaktur arbeiten eine Vielzahl von Handwerkern, Lieferanten, Arbeitern und Bauern, die er nicht nur unter unwürdigen Bedingungen beschäftigt, sondern auch zu überhöhten Mieten in seinen Häusern und Wohnungen unterbringt. Waren dürfen nur in seinen Warenhäusern gekauft werden, selbst das Werkzeug der Handwerker gehört dem Patron. Die meisten seiner Untergebenen bindet er mit Schulden an sich, andere durch simple Gewalt. Einen Aufstand seiner Weber lässt er blutig niederschlagen.45 Die drakonischen Urteile gegen die Aufständischen spricht Unternehmer Boinebroke gleich selbst, ist er doch Fabrikbesitzer und Richter in einer Person.
Die Revolte von Douai ist kein Einzelfall: Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts kommt es immer wieder zu Arbeiteraufständen. Die „Blaunägel“, wie die Färber auch genannt werden, sind dabei die treibende Kraft. Besonders in Zeiten der damals sehr häufigen Wirtschaftskrisen, von denen Philippe de Beaumanoir um 1225 in seinen juristischen Abhandlungen berichtet, sind es Steuerdruck und die Weigerung der Vermögenden, selbst Steuern zu zahlen, die den Volkszorn anfachen: „Oft geschieht es, dass die Reichen die Regierungsgeschäfte leiten, weniger angeben, als sie schuldig sind und sie lassen den anderen reichen Leuten die gleichen Vorteile zukommen, sodass die ganze Last auf die armen Leute abgewälzt wird.“46
Primitive Kapitalisten vom Schlage eines Boinebroke sind die neuen Herren der Zeit. Bald versuchen sie, auch das gesellschaftliche Primat an sich zu reißen. So geschieht es nicht nur in Boinebrokes Stadt Douai, sondern auch im Florenz der Medici und der Peruzzi und im Augsburg der Fugger. Angesichts solcher schon auf das 18. und 19. Jahrhundert hinweisenden Figuren wird deutlich, warum die starr in Zünften und strengen Lebensordnungen organisierten Handwerker auf Dauer auf der Strecke bleiben müssen. Sie werden samt ihrem Ethos und ihrer gediegenen Wertschöpfung von den Massenproduzenten überrollt.
Zunehmend ziehen die immer größer werdenden Städte auch die bis dahin Leibeigenen und Unfreien an. „Die Bauern geraten in den Sog der städtischen Geldwirtschaft“, schreibt der Historiker Arno Borst.47 Bald werden sie alle, Feudalherren, Ritter, Handwerker und Bauern, in einem Boot sitzen – als Kunden oder Schuldner des Geldadels.
Wie aber soll die Kirche, die höchste ethische Instanz, auf diese Entwicklung reagieren? Der beginnende Kapitalismus rüttelt nicht nur an der althergebrachten Weltordnung, er reißt auch die Kirche selbst mit. Eine tiefe Kluft tut sich auf zwischen der Weltkirche und jenen Orden, die mit dem christlichen Ideal Armut und Demut verbinden und denen die Rettung der Seelen um so viel wichtiger ist als das obrigerseits geübte Bad in Gold und Silber. Ein Franziskus, ein Dominikus predigen die Abkehr von Raffsucht und Gier und leben den Reichtum des Glaubens in Lumpen, Armut und mystischen Ekstasen vor.
Das göttliche Monopol
Was also soll die Kirche jenen predigen, die in der mittelalterlichen Gesellschaft ihr Fortkommen suchen und nach Existenzverbesserung streben, die Kredite nehmen oder gewähren und Gewinn machen, die Zins nehmen und bezahlen und auch lukrative Geschäfte mit den Muselmanen abwickeln?
Die Kirchenfürsten sind in einer moralisch verzwickten Lage, ist die Kirche doch selbst eine der größten Finanzmächte des Mittelalters, die fallweise als Unternehmerin des kompromisslosesten Schlages in Erscheinung tritt. Sie fördert Kaufleute seit dem frühen Mittelalter nicht nur durch Geleitbriefe und unterstützt sie durch päpstliche Verordnungen und Konzilsbeschlüsse. Sie errichtet auch eines der ersten Monopole des Abendlandes und wohl auch eines der kuriosesten der Geschichte überhaupt: den Handel mit Alaun, wie Kaliumaluminiumsulfat im Mittelalter genannt wird. Alaun ist ein wichtiger Rohstoff für die Färberei, Weißgerberei und Tuchmacherei.48




