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Speichel tropfte ihr aus der Schnauze, als sie sich über die Lefzen leckte. So viel Nahrung. So viel frisches Fleisch. So starker Hunger. Hunger. Musste fressen. Musste zerreißen. Musste zerfleischen. Die Schnauze tief in das blutige Fleisch treiben.
„Hey!“ Eine Stimme stoppte sie mitten in der Bewegung, wodurch sie sich mit einem tiefen Knurren umdrehte und auf den Bauern, der diese Schafe sein Eigen nannte, blickte. Er zitterte leicht, doch versuchte es zu verbergen. Nein, er war keine Gefahr für die Bestie. Niemand war das. Keiner konnte sie aufhalten oder gar ihren Hunger stillen.
„Du wagst es hier einzubrechen. Dir werde ich es zeigen, was es bedeutet sich an meinen Schafen vergreifen zu wollen.“ Er umschloss die Armbrust in seiner Hand fester mit seinen Fingern.
Im nächsten Moment legte er an, zielte und schoss. Der Schmerz war gleißend und tauchte das Sichtfeld der Bestie für einen kurzen Moment in ein grelles Weiß, bevor der Zorn und das Adrenalin durch ihre Adern rauschten.
Ein letztes, tiefes Knurren mit dem sie nach vorne stürmte und sich vor dem Bauern auf zwei Beine stellte, wodurch sie ihn nun um gute zwei Köpfe überragte. Erneut erklang ein Schnalzen. Der Schmerz kehrte zurück, doch er entfachte nur neuen Hass und ließ die Pranken nieder sausen.
Das Blut fühlte sich auf ihrer Haut warm und lebendig an, als es sich verzweifelt durch das räudige Fell schlängelte. Sie sah in die weit aufgerissenen Augen des Bauern, die nur noch durch ein Wunder in dem zerschmetterten Schädel gehalten wurden.
Der ausgerenkte Kiefer ließ das Gesicht als eine groteske Maske erscheinen, wodurch sich die Bestie nur abwandte und den Leichnam fallen ließ. Unwillkürlich riss sie noch ein weiteres Stück aus dem Schädel heraus, weil es sich an ihren Krallen verhakt hatte.
Dieses Stück zerbrach unter ihrem nächsten Schritt mit einem hässlichen Knacken und sie sah auf die Schafe, die wahnsinnig vor Angst durcheinander schrien und kurz davor waren sich gegenseitig niederzutrampeln. Wie sie diese Panik genoss. In ihren Augen. In ihren Schreien.
Niemand würde sie jetzt noch aufhalten. Keiner konnte sie aufhalten. Sie konnte die Angst riechen. Das pulsierende Blut. Die weit aufgerissen Augen und das Blöken in ihre Richtung. All das war für sie so wunderschön.
Ein letztes Mal schleckte sie sich über die Lefzen und sprang dann nach vorne. Packte das erste Schaf, grub ihre Zähne tief in das saftige Fleisch und schlug mit ihren Pranken nach zwei weiteren Schafen, denen sie damit tiefe Wunden zufügte.
Die Panik brach aus. Doch es gab kein Entkommen. Die Bestie wütete. Sie zerriss, zerfleischte und tötete. Warf durch die pure Kraft ihrer Bewegungen ganze Körperteile quer durch die Scheune und färbte den Boden und die Wände in ein tiefes Rot.
Nein, hier gab es kein Entkommen mehr. Nicht für Tier und nicht einmal für den Menschen, der selbst im Tode nicht davor bewahrt war, diese Gräueltaten mit ansehen zu müssen.
Nach einer schieren Ewigkeit war das Werk vollbracht und die Bestie wandte sich ab. Watete durch das Blut, doch ihre Pfoten hinterließen keine Abdrücke. Als würde sie trotz ihrer schieren Masse kein Gewicht besitzen. Schritt an dem toten Bauern vorbei, berührte ihn unabsichtlich leicht mit ihrem Schweif, was ihn zur Seite kippen ließ. Doch sie ging unberührt weiter. Verließ das Dorf, um in den Schatten der Bäume zu verschwinden.
Doch ihr Hunger war noch lange nicht gestillt. Niemand konnte ihn stillen. Er trieb sie weiter. Weiter durch die Welt und sie würde zurückkehren. Bis es nichts mehr zum Holen gab und dann. Ja, dann würde sie weiterziehen. Bis in alle Ewigkeit und immer vom Hunger getrieben, der all ihr Sein ausmachte. In ihrem Leben existierte nur noch er. Dieser niemals endende Hunger, der sich tief in ihre Gedärme fraß und all ihr Denken befiel. Für alle Zeit...
Ein panischer Schrei riss das Dorf am frühen Morgen aus dem Schlaf, als die Frau des Bauern in den Stall kam und das Massaker der letzten Nacht erblickte. In nur wenigen Augenblicken hatten sich alle Anwohner vor dem Schauplatz des Grauens versammelt.
„Mein tiefstes Beileid.“ Das Oberhaupt hatte seine Hand sanft auf die Schulter der jungen Frau gelegt und drückte diese leicht, bevor er sich zu den anderen wandte: „Legt Fallen im Wald aus. Wir müssen das Tier fangen, das dieses Massaker angerichtet hat. Niemand soll mehr zu Schaden kommen.“
Sofort eilten die Bewohner davon und setzten den Befehl in die Tat um, doch es half nichts. Die Fallen blieben leer. Nicht einmal das Wild verfing sich in ihnen, denn es gab in diesen Wald nichts mehr, was atmete. Die einst so frische Luft war erfüllt mit dem Gestank des Todes.
„Was sollen wir tun? Es läuft immer noch da draußen herum.“ Ein Bewohner begehrte bei der Abendversammlung auf, wobei der Dorfälteste nur den Kopf schüttelte. „Vielleicht ist es schon weg. Nachdem es hier keine Nahrung mehr gefunden hat, ist es vielleicht weiter gezogen.“
Ängstliche Blicke wurden ausgetauscht. Niemand konnte diese Worte so wirklich glauben, dennoch zwangen sich die meisten dazu und verschwanden schließlich mit einem Nicken in ihren Häusern. Sie hatten keine andere Wahl. Zwar dachten es alle, aber keine traute es sich dies auszusprechen. Die Angst vor einer Eskalation war zu groß. Sie mussten sich an diesen winzigen Halm der Hoffnung klammern. Es war ihre einzige Chance hier zu bleiben.
„Hoffentlich ist es weiter gezogen.“ Der Mann schien um Jahre gealtert zu sein, als er sich auf seinen Gehstock stützte und seine Augen erschöpft schloss. Er war nicht fähig sein Dorf zu schützen, wenn die Bestie immer noch in der Nähe war. Diese Kraft, die er in dieser Scheune erblickt hatte, konnte von niemand hier gebändigt werden.
Langsam wandte auch er sich ab, um sich schlafen zu legen, doch die Nacht sollte nicht ruhig bleiben. Denn die Stille wurde aufs Neue von dem Krachen einer Scheunentür durchdrungen und dann hörte man nur noch die Schreie der Tiere. Voller Verzweiflung und Todesangst. Sie wünschten sich ihnen zu entkommen, aber sie schafften es nicht. Nicht allein.
„Nein, du darfst nicht gehen.“ Die Frau klammerte sich verzweifelt an den Arm ihres Mannes, als dieser seine Armbrust packte und dabei war das Haus zu verlassen. „Es wird auch dich töten.“
„Das kann durchaus sein, aber wenn ich es nicht davon abhalte die Tiere zu töten, dann wird der Winter uns umbringen.“ Er stieß sein Weib sanft von sich, sodass sie von ihm ablassen musste und ein paar Schritte zurückwich.
Dann verschwand er aus der Tür und ließ seine Ehefrau leise weinend zurück. Der Knall der Armbrust durchriss die Nacht. Einmal, zweimal und sogar ein drittes Mal. Dann hörte man seinen dunklen Schrei, bevor er gurgelnd erstarb.
Das Wimmern der Frau wurde zu einem verzweifelten Schrei, bevor sie der Heulkrampf packte und sie in sich zusammenfiel, während die Tränen ihren Körper durchschüttelten. Kaum erstarben die gepeinigten Schreie der Tiere, erklangen die Schritte der Bestie, die sich aus dem Dorf entfernten und somit die Stille zurückkehrte, die nur von dem Weinen der frisch verwitweten Frau durchbrochen wurde. Keiner rührte sich. Es blieb ruhig und dunkel. Man spürte nur diese eisige Klaue der Angst, die sich tief in diese Gemeinde grub und dabei Wunden schlug, die nie wieder verheilen würden. Sie waren alle verloren...
Es zogen einige Tage in das Land und die Dorfbewohner kamen nicht weiter. Die Tiere wurden immer weniger. Niemand hatte die Bestie gesehen, denn wer sich ihr stellte, überlebte das Zusammentreffen nicht.
Dennoch gab es Gerüchte von Menschen, die ihren Schatten gesehen haben wollten. Sie beschrieben die Bestie, als eine buckelige, mit langen, scharfen Klauen ausgestattete Wolfsgestalt, die sich trotz der Verformungen sehr geschmeidig und schnell bewegen konnte. Ihr Anblick sollte einen das Blut in den Adern gefrieren lassen. So voller Grausamkeit und kaum lebensfähig, aber doch so stark und unbezwingbar. Ein wahrer Fluch.
„Ältester! Wir müssen etwas unternehmen! Bald haben wir kein Vieh mehr!“, begehrte ein Bewohner bei der Versammlung, die mittlerweile jeden Morgen stattfand, auf, wobei ihm eine weitläufige Zustimmung zuteil wurde. So konnte es nicht mehr weitergehen, sonst würden sie den Winter nicht überleben können.
„Der Winter kommt immer näher! Wenn wir es nicht bald aufhalten, dann werden wir sterben!“, erhob der nächste Einwohner seine Stimme, während der alte Mann schwer seufzte: „Ich weiß, meine Kinder. Aber wir sind machtlos. Die Götter meinen es gerade nicht gut mit uns.“
Er wollte noch etwas sagen, doch ein wütender Bürger unterbrach ihn: „Kevin! Daran ist bestimmt Kevin Schuld! Die Bestie ist erst seit dem Abend da, an dem der Junge verschwunden ist. Bestimmt hat der Bengel irgendwas getan, was die Götter erzürnt hat. Das Balg war noch nie zu irgendetwas nutze!“
„Nein! Kevin war das nicht! Er ist ein lieber Junge! Niemals würde er etwas tun, was uns schaden könnte“, widersprach die Mutter von Kevin sofort, wobei man ihr ansah, dass der Kummer auch sie gezeichnet hatte. Sie wirkte wie eine alte, schwache Frau, die mit ihren zitternden Händen verzweifelt ein Taschentuch umklammert hielt.
„Euer Vieh lebt doch noch, oder? Und das obwohl ihr so nah am Rand wohnt. Wie kommt das denn?“, schaltete sich nun ein weiterer Bewohner ein, wobei die Frau diesen verunsichert ansah und somit meldete sich der Vater zu Wort: „Das hat nichts zu bedeuten. Wir hatten einfach Glück. Aber mein Junge ist zu so etwas nicht fähig. Er kann ja nicht einmal vernünftig Holz hacken.“
„Jetzt fällt es mir wieder ein. Ich habe Kevin an dem Tag, bevor er verschwunden war, bei dem verfluchten Haus gesehen. Bestimmt ist er in der Nacht dort hinein gegangen und hat somit den Zorn des Gemäuers auf uns gezogen!“ Kaum war dieser Anklagepunkt ausgesprochen, richteten sich alle Augen voller Hass und Zorn auf die verzweifelten Eltern.
„Ihr seid an diesem Unheil Schuld! Ihr alleine! Wegen euch werden wir alle sterben! Ihr habt uns verflucht!“ Die Worte vermischten sich und die Stimmung drohte umzukippen, wodurch der Dorfälteste laut mit seinem Stock auf den Boden schlug, um die Aufmerksamkeit zurück zubekommen.
„Das Letzte, was wir jetzt noch brauchen können, ist, dass wir uns nun gegenseitig abschlachten. Wir haben keine Beweise dafür, dass Kevin das Monster ist. Aber was ich vorher sagen wollte, bevor man mich unterbrach.“ Sein Blick legte sich zornig auf den Bauern, der ihn vorhin ins Wort gefallen war. „Ich habe mit unseren Nachbardörfern geredet. Sie werden uns ein paar ihrer Vorräte abgeben, dass wir den Winter überleben können. Natürlich nicht umsonst. Ich habe ihnen versprochen, dass wir ihnen im nächsten Jahr bei den Feldarbeiten ein wenig unter die Arme greifen werden. Das ist ein geringer Preis dafür, dass wir den Winter überleben werden.“
Die Stimmung lockerte sich durch diese gute Nachricht ein wenig auf, doch der Hass blieb. Und als sich die Versammlung auflöste, wurden die verachtenden Blicke, die man den Eltern von Kevin zuwarf, nicht weniger, sondern schienen sich sogar mit Mordlust zu füllen. Sie waren für alle schuld. Sie alleine und dafür würden sie bezahlen...
Der Schnee begann mittlerweile zu schmelzen, als eine neue Familie in das Dorf kam. Sie hatten zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, die ungefähr das gleiche Alter wie Kevin hatten.
Der Sohn schritt ruhig durch die Straßen des Dorfes um sich ein wenig um zu sehen. Die Blicke der Menschen bemerkte er sehr wohl. Sie waren voller Groll und Misstrauen. Keiner sprach ihn an. Jeder wandte sich ab, wenn sich ihre Augen trafen, derweil sah er nicht ganz so merkwürdig aus. Seine roten, schulterlangen Haare waren nichts Besonderes. Auch seine Kleidung bestand aus einfachem Leinenstoff, der nicht sonderbar gefärbt war.
„Von was ernährten sich die Dorfbewohner hier überhaupt?“, schoss es ihn in den Kopf, als er weder Vieh noch Ackerfelder sah und erst jetzt bemerkte er die eingefallenen Gesichter und die mageren Körper.
„Sie waren am verhungern!“, schoss es ihn voller Entsetzen in den Kopf. Warum war seine Familie nur hier her gezogen? Er begriff es immer weniger. Dieser Ort hatte nichts zu bieten. Es war nur ein trauriger Flecken Erde. Nicht mehr und auch nicht weniger. Er wollte hier nicht länger als nötig bleiben. Hoffentlich hatten das auch seine Eltern vor.
Sein Blick fiel ebenfalls auf ein Haus, das einsam in der Mitte des Dorfes stand, wobei er sich diesem langsam näherte. Es wirkte alt und verfallen, doch der Garten darum war gepflegt und gehegt. Nur die Mauer war von Efeu überwachsen und schien das Menschenwerk langsam wieder in die Natur einzufügen.
„Wer dort wohl wohnt? Er scheint das Haus ja nicht sonderlich zu mögen“, sprach er eher zu sich selbst, als er näher trat, aber bevor er das Grundstück betreten konnte, wurde er hart am Arm gepackt.
"Autsch!", verließ ein Schmerzenslaut seine Lippen, als er sich zu jenem umdrehte und in das schwache Gesicht eines Bauers sah, welches gar nicht vermuten ließ, dass so viel Kraft noch in diesem Arm steckte.
„Nicht, Junge. Das Haus ist verflucht. Niemand darf sich ihm nähern. Verstehst du? Niemand. Du würdest Unheil über dich und deine Familie bringen. Bitte, Junge, bleib davon fern.“ Die Augen des Mannes wurden flehend und sie füllten sich langsam mit Tränen, bevor er den Arm des Jungen wieder losließ und dann einen Schritt nach hinten ging.
„Sei bitte vernünftiger als er.“ Die Worte waren fast zu leise, um verstanden zu werden, allerdings gelang es dem Jungen. Jedoch noch bevor dieser etwas erwidern konnte, drehte sich der Bauer um und ging zurück an seine Arbeit.
Noch ein Mal sah der Junge zurück zu dem Haus, bevor er den Kopf schüttelte und sich abwandte. Er konnte spüren, dass etwas Unheimliches davon ausging und er wollte dies nicht erforschen. Dafür war er nicht mutig genug. Noch nie hatte er Abenteuer gesucht, sondern war froh, wenn er seine Ruhe hatte. Er wollte nirgends hineingezogen werden, sondern nur sein Leben beschreiten. Die Welt war schon grausam genug, da musste man sich nicht noch verzweifelt in jedes Problem stürzen.
Ein Seufzer schlich sich über seine Lippen, als er sich dann auf den Heimweg machte, denn schließlich musste er noch seine Sachen auspacken und irgendwie hatte ihm die Reaktion des Bauers Angst gemacht. Sein Oberarm schmerzte noch an der Stelle, an der er gepackt wurde und so strich er ein wenig darüber. Irgendwas stimmte hier nicht. War das der Grund, warum sie hierher gekommen waren? Wollten seine Eltern diesen Fluch lösen? Hoffentlich schafften sie es, denn irgendwie hatte er das Gefühl, dass es dieses Mal anders war. Bedrohlich anders...
„Und, Sebi, wie ist das Dorf so?“ Seine Schwester saß neben ihm auf dem Boden und half ihm die letzte Kiste auszupacken. Der Junge besaß nicht fiel, doch dafür hing sein Herz an seinen Sachen. Dank der häufigen Umzüge hatte er es sich angewöhnt nicht zu viel zu besitzen. Erleichterte die Sache des Ein- und Auspacken ungemein.
„Es ist tot.“ Seine Stimme war leise und deprimiert, wobei er seinen Blick senkte und kurz in seiner Handlung innehielt.
„Wieso ist es tot? Es laufen doch noch genügend Leute draußen herum. Also wie ausgestorben hat es nicht auf mich gewirkt.“ Das Mädchen lächelte und strich sich eine ihrer taillenlangen, blauen Strähnen hinters Ohr, damit sie ihr nicht im Weg umging.
„Ja, es leben noch Menschen hier, Sarah. Aber sie sind dürr, ausgehungert und schwach. Sie werden nicht mehr lange überleben. Hier gibt es nichts zu essen. Kein Tier und kein Getreide.“ Sebastian seufzte schwer und räumte schließlich eine kleine Schleuder in eines seiner Regale. Sie war das Letzte und somit war er hier eingezogen. Die Frage war nur für wie lange.
„Der Winter ist ja jetzt vorbei. Sie werden es schon schaffen. Mach dir da keine Sorgen.“ Sie winkte mit einem Lächeln ab und erhob sich schließlich, wobei sie ihr braunes Kleid glatt strich.
„Ich würde es gerne, aber da ist ein Haus.“ Sebi wollte weiter sprechen, doch seine Schwester unterbrach ihn spöttisch: „Ach wirklich? Ein Haus? Stell dir vor, in einem Dorf gibt es mehr als nur ein Haus.“
Ihr Bruder strafte sie dadurch mit einem bösen Blick, bevor er dann schwer seufzte: „Nein, so meinte ich das nicht. Als ich mich dem Gebäude nähern wollte, hielt man mich auf und warnte mich davor, dass es Unglück bringen würde. Ich frage mich, ob es an dem Leid der Bauern schuld ist.“
„Du wirst es aber nie herausfinden. Warum zerbrichst du dir dann den Kopf darüber?“ Sie sah ihn fragend an, wobei er ihren Blick verwirrt erwiderte. „Wie kommst du denn darauf?“
„Na ja, du bist ein Feigling. Niemals würdest du den Mut dazu aufbringen, auch nur einen Fuß in dieses Gemäuer zu setzen. Vor allem wenn man dich davor gewarnt hat, dass es dort gefährlich sein könnte“, spottete sie weiter über ihn, wodurch sein Blick sich verfinsterte.
„Ein Mensch kann sich ändern“, grummelte er leise in sich hinein, wobei seine Schwester kurz auflachte: „Ja, dass kann er vielleicht, aber nicht, wenn er ein so großer Angsthase ist wie du. Du traust dich ja nicht einmal eine Spinne zu entfernen und rennst vor allem davon, was auch nur ansatzweise für Probleme sorgen könnte. Seien es nun Lehrer, Mitschüler oder Mutproben. Du bist und bleibst ein Feigling, Sebastian Hudo.“
Sebastian spürte einen Kloß in seinem Hals. Sie hatte ihm sämtliche Argumente genommen, wodurch er sie nur entgeistert anstarrte, was sie mit einem kurzen Lächeln das Zimmer verlassen ließ. „Schach matt, Bruderherz. Lass die Bauern lieber selber damit klar kommen. Du bist der Letzte, der ihnen helfen kann.“
Sie war gemein und Sebi spürte, wie er einen Groll gegen seine Schwester entwickelte. Warum machte sie sich so über ihn lustig? Ja, er war früher ein Feigling gewesen und ist den Problemen, wo es nur ging, aus dem Weg gegangen. Aber hatte er nicht auch eine Chance verdient, zu beweisen, dass er sich ändern konnte?
Er starrte in sein Zimmer, bevor er sich langsam auf sein Bett fallen ließ und die mit Holz verkleidete Decke betrachtete. Ja, seine Familie war nicht arm gewesen. Sie gehörten zu der Oberschicht, deswegen war ihnen Bildung zuteil geworden, die anderen Kindern verweigert wurde.
Seine Eltern waren hierher gezogen, um den Bauern zu helfen, ihre Krise zu überstehen, denn sie waren Abgesandte des Herzogs von diesem Landstrich. Sie zogen oft um. Viel zu oft. Wodurch sie sich darauf geeinigt hatten so wenig Gepäck wie nötig mitzunehmen, damit sie nicht allzu viel Zeit mit Ein- und Auspacken verschwendeten.
Ein Seufzer stahl sich über seine Lippen, als er weiter über das Haus und die Bevölkerung nachdachte. Es schien ein wirklich gravierendes Problem zu sein, wenn seine Eltern gerufen wurden. Und die abgemagerten Bewohner bestätigten diese Vermutung sogar.
Er wollte gar nicht wissen, wie viele kleine Kinder in dem Winter gestorben waren. Alleine bei dem Gedanken fröstelte es ihn, wodurch er nach der Decke aus Lammfell griff, um sich kurzerhand in sie einzuwickeln.
Ob er diesen Leuten auch irgendwie helfen konnte? Wenn er nur wüsste, was sie heimgesucht hatte und nun plagte. Er spürte in sich den Wunsch diesen Leuten zu helfen. Egal wie. Einfach nur etwas für sie tun, dass sie wieder einen Funken Hoffnung bekamen. Dass sie wieder die Chance verspürten, doch noch irgendwie weiterleben zu können.
War er dazu wirklich in der Lage? Er fühlte sich plötzlich so alleine und schwach. Niemand stand hinter ihm. Seine Freunde waren nicht hier und seine Schwester verspottete ihn nur.
Keiner war hier, der an ihn glaubte. Sein bester Freund nicht und die beiden anderen auch nicht. Es waren nur drei gute Freunde, aber Sebastian war immer schon der Meinung, dass er lieber wenig gute, als viele schlechte Freunde haben wollte, deswegen ließ er nur die wenigsten an sich heran.
Sie fehlten ihm und er spürte, wie dieses Gefühl sich immer tiefer in seine Brust bohrte. Wie gerne würde er jetzt einfach zu ihnen gehen und sie um Rat fragen. Bestimmt würden sie ihm sogar behilflich sein, diesen Menschen zu helfen.
Eine einzelne Träne lief über seine Wange, als er langsam seine Augen schloss und sich zusammenrollte. Er wollte einfach nur schlafen. Ein wenig schlafen und diese Einsamkeit und Hilflosigkeit vergessen, wodurch er sich in die Traumwelt geleiten ließ, um den Problemen erneut zu entkommen…
Ein lauter Schrei ließ Sebastian aus seinen Schlaf hochschrecken. Erst glaubte er, dass er sich das Geräusch eingebildet hat, doch als weitere Geräusche des Chaos an sein Ohr drangen, war er hellwach.
Er dachte nicht viel nach, als er aus dem Bett sprang und nach unten stürzte. Immer wieder drang ein kurzer Schrei zu ihm hindurch. Sie gehörten alle seiner Schwester und die Panik wuchs mit jedem weiteren Geräusch, das er vernahm.
Nicht jetzt. Nicht jetzt durfte er zu spät kommen. Schneller. Er musste schneller laufen, sonst würde er sie nicht retten können und das durfte nicht passieren. Nein, er musste einfach rechtzeitig ankommen.
Die Treppenstufen nahm er gleich mehrfach und sprang mehr, als dass er lief. Weit ausgreifende Schritte brachten ihn immer näher an sein Ziel, wobei er sich an dem Geländer festhalten musste, als er um die Ecke bog.
Dennoch wurde er abrupt gestoppt. Irgendetwas lag im Weg und brachte ihn somit zu Fall. Hart prallte er längs auf den Boden auf. Sein Kopf schnellte in die Höhe und er sah in das Gesicht von Sarah. Ihr Körper war erschlafft und ihre Augen geschlossen. Anscheinend war sie ohnmächtig geworden. Der Stress war wohl zu viel für sie gewesen oder sie hatte den Anblick ihres Entführers nicht verkraftet.
Ein Kloß bildete sich in seiner Kehle als er sah, wer oder besser gesagt was Sarah gerade über seiner Schulter trug. Eine behaarte Bestie stand auf zwei Beinen in der Mitte des Zimmers und erfüllte den Raum mit dem Geruch von nassem Hund.
Der Wolfsschwanz peitschte unruhig hin und her, während immer wieder Blut auf den Boden tropfte. Das eine Bein war länger als das andere, genauso wie die Arme unterschiedlich aussahen. Hier und da erblickte man einen Knochen, der durch das Fleisch brach.
Plötzlich kam Bewegung in den Koloss und Sebastian konnte sehen wie der Geifer von dem Maul tropfte und eine Pfütze auf den Boden bildete, wobei ihn ein eisiger Schauer durchstreifte, als er in das Gesicht der Bestie sah.
Der Kiefer wirkte ausgerenkt, und war voller scharfer und krummer Zähne. Hellrosaner Schaum klebte an den Lefzen und im Fell. Das Gesicht war voller Narben, während ein einzelnes giftgrünes Auge den Jungen fixierte. Die andere Augenhöhle war leer. Das dunkelgraue Fell wurde immer wieder von Wunden, Knochen und Narben durchbrochen, weshalb sich der Brustkorb schwerfällig hob und senkte.
„Wenn du deine Schwester wiedersehen willst, dann komm zu mir in den Wald. Ich werde auf dich warten.“ Das Maul bewegte sich nicht, dennoch erfüllte die dunkle Stimme den Raum und Sebastian wollte gerade antworten, doch mit einem Satz war die Kreatur auch schon durch das Fenster verschwunden.
„Warte.“ Sebastian streckte seine Hand aus, doch seine Bitte blieb unerhört, wodurch er sich langsam erhob und in dem Raum umsah. Der Tisch und die Stühle waren umgestoßen. Sämtliche Teller und Bestecke waren quer über den Boden verteilt.
Anscheinend hatte es Sarah der Bestie nicht unbedingt einfach gemacht. Dennoch wurde sie gefangen und es lag an ihm sie zu befreien. Doch konnte er das wirklich? Er lauschte in sein Inneres. Hörte das schnelle Schlagen seines Herzens und wie der Puls in seinen Ohren pochte.
Dennoch verspürte er keine Angst. Er hatte keine Furcht vor diesem Tier. Denn auch wenn es grausam aussah, es wirkte nicht so. Es hatte in keiner Sekunde Bedrohung ausgestrahlt und wahrscheinlich hatte es auch seine Gründe, warum es Sarah entführt hatte.
Sebastian atmete noch einmal tief ein und aus, bevor er sich dann abwandte und das Haus verließ. Seine Schritte führten ihn zielstrebig zu dem Wald, der das Dorf umschloss, um dann in dessen Schatten einzutauchen. So schnell wie möglich, bevor die Angst zurückkam und den Mut verschlang. Er musste sie retten. Nur er alleine. Das wollte die Bestie so und auch wenn Sebastian es nicht verstand. Vielleicht war jetzt der Tag gekommen, an dem er sich verändern konnte. An dem er endlich beweisen konnte, was in ihm steckte...




