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Der Weg war matschig von dem Tauwasser des Schnees und ließ die Füße des Jungen immer wieder ein Stück weit versinken. Sebastian wusste nicht, wo er hin musste, doch er folgte einfach seiner Nase. Irgendein Gefühl sagte ihm, dass es der richtige Weg war.
Vielleicht lag es daran, dass es nur diesen einen zu geben schien. Die Bäume wichen vor ihm zurück. Öffneten sich oder verschlossen sich vor ihm. Unbekannte Geräusche drangen an sein Ohr, die ihn das Blut in den Adern gefrieren ließen.
Die Bäume schienen immer näher zu kommen. Sebastian begann bei jedem Geräusch zusammen zu zucken und sich panisch umzudrehen. Doch er erkannte in der Dunkelheit nichts außer tanzenden Schatten, die sich in seinem Geist zu grausigen Gestalten formten.
„Weitergehen. Immer weitergehen, Sebastian. Du darfst keine Angst haben. Nichts in diesem Wald kann dir gefährlich werden. Einfach weitergehen. Du musst deine Schwester befreien. Sonst ist doch niemand da, der das tun könnte. Sie verlässt sich auf dich. Du darfst jetzt nicht kneifen“, versuchte er sich selbst Mut zuzureden, wobei er plötzlich ein lautes Knacken hinter sich hörte und mit einem Schrei umfuhr.
Doch dort war nichts. Nur die Dunkelheit mit ihren flackernden Schatten. Sebastian atmete erleichtert aus und war dabei sich zu entspannen. Er drehte sich wieder um und erneut entfuhr ihm ein Schrei, denn vor ihm auf dem Weg stand das Wesen. In sicherere Entfernung und so dass er nur ihre Umrisse erkannte.
„Du bist doch kein Feigling. Hast dich getraut in der Nacht hier in meinen Wald zu kommen. Wusstest du nicht, dass ich jeden töte der ihn in der Nacht betritt? Ja... Ich bin das Monster, das die Bewohner verzweifeln lässt. Und ich bin auch daran schuld, dass es kaum noch Wild hier in den Wäldern gibt. Denn ich habe Hunger. So unsagbar viel Hunger.
Doch wenn ich dann etwas gefunden und gefangen habe, bin ich satt. Ich brauche nur meine Zähne in ihr Fleisch bohren und das warme Blut auf meiner Zunge schmecken, dann bin ich satt. Doch kaum lass ich von ihnen ab, verstärkt sich wieder mein Hunger. Selbst wenn ich sie esse. Später kotze ich sie wegen zu vollem Magen aus. Ich bin verflucht. Verflucht von einem Wesen, das du nicht kennst. Und nur einer kann mich erlösen.
Doch diese Person habe ich noch nicht gefunden. So oft wollte ich mich töten lassen. Doch kaum haben sie mich angegriffen, schlug ich sie tot. Ich hab es nicht leicht. Nur weil ich zu neugierig war. Weil ich jemanden helfen wollte, den man nicht mehr helfen konnte. Bitte... finde diese Person für mich. Ich habe schon viel zu viel opfern müssen.
Ein Auge zum Beispiel. Aber ich sehe noch genauso gut wie mit zwei. Schmerzen spüre ich keine mehr. Was bin ich nur für ein Monster geworden? Sieh mich an und sag mir was oder wer ich bin!“, hörte er eine dunkle Stimme, die voller Verzweiflung und Schmerz war.
„Du bist ein verstümmeltes Tier. Siehst aus wie ein Wolf aber gehst auf zwei Beinen. Hast nur ein Auge und überall Narben. Deine Glieder sind ungleich lang. Tja, ich würde sagen, dass du ein Werwolf bist, der ein wenig zu viel einstecken musste“, erwiderte er.
„Du bist ehrlich. Das muss ich dir wirklich lassen. Darum werde ich dich nicht umbringen. Aber wenn ich dich jetzt zu deiner Schwester bringe, dann versprich mir, dass du mir hilfst wieder ein ganz normaler Junge zu werden. Denn ich habe das Leben als Bestie wirklich satt“, sagte das Biest, zu Sebastians Überraschung ohne jegliche Wut.
„Ich würde gerne erst einmal meine Schwester sehen und dann können wir ja besprechen, wie es weitergeht. Denn ich bin mir nicht sicher, ob ich dir wirklich helfen kann“, meinte der Junge ruhig und das Biest sah ihn gelassen an: „Ich verstehe. Folge mir. Aber komm mir bitte nicht zu nahe. Das könnte dir nicht gut tun.“
Sie wandte sich ab und schritt voraus, wobei Sebastian zur Verfolgung ansetzte. Der Wald veränderte sich in der Nähe des Monsters. Es wirkte, als würde er vor ihr zurückweichen und neue Wege entstanden, die vorher nicht da waren. Da war sich Sebastian mehr als sicher.
Dennoch verwirrte ihn das Verhalten der Bestie viel mehr als das Verhalten des Waldes. Warum war sie plötzlich so freundlich? Warum wollte sie auf einmal, dass er ihr half? Eigentlich war sie doch sein Feind. Warum sollte er sich mit ihr verbrüdern? Aber was würde wohl mit seiner Schwester passieren, wenn er diesem Monster nicht zur Seite stand? Würde es sie einfach umbringen oder noch viel schlimmere Dinge mit ihr machen?
Sebastian schauderte es alleine bei der Vorstellung, was dieses Biest bereit war zu tun. Er konnte es nur sehr schlecht einschätzten. Zu verschieden waren ihr erstes Auftreten und das jetzige Verhalten.
Dennoch freute sich Sebastian, seine Schwester zu sehen. So sehr, dass er unbewusst seine Schritte beschleunigte. Er wollte so schnell wie möglich bei ihr sein und ihr sagen, dass alles wieder gut werden würde. Das war er ihr doch irgendwie schuldig. Denn so wie es aussah, war er der Grund, warum man sie entführt hatte.
Plötzlich ging er einen Schritt zu weit und die Umgebung kühlte spürbar ab. Es geschah alles in Zeitlupe vor seinen Augen. Wie in dem Moment, in dem man sterben müsste. Das Biest drehte sich um, wobei ein dunkles Knurren aus ihrer Brust grollte und seine Zähne waren weit auseinander gerissen. Die Pranken tödlich erhoben, dennoch war das Auge anders. Es passte nicht zu diesem Bild des Angriffs, denn es war erfüllt von Enttäuschung und Trauer.
Sebastians Körper reagierte eher instinktiv, als er versuchte zu flüchten. Doch er war zu langsam, denn die Bestie kam über ihn und begrub ihn unter sich.
Noch im Fall drehte er sich um, damit er sich verteidigen konnte und es war mehr Glück als Können, dass seine Hand beim Aufprall einen Ast ertastete, den er fest umschließen konnte und in die Höhe riss.
Die gewaltigen Kiefer, die eigentlich für seinen Hals bestimmt waren, bohrten sich mit einer enormen Kraft in den erhobenen Stock und drückten weiter dagegen. Sebastian brauchte all seine Energie, um diesem Monster etwas entgegen setzen zu können. Doch er konnte sich anstrengen, wie er wollte. Die Bestie kam näher und näher. Er würde verlieren.
„Ich bin verflucht. Dieser Körper gehört mir nicht mehr. Es tut mir Leid, dass ich dich gleich töten werde“, erklang erneut diese Stimme, die eindeutig der Bestie zu gehören schien, doch sie klang viel zu menschlich dafür.
Geifer tropfte auf Sebastian herab, wodurch er sich angewidert wegdrehte und sich weiter gegen die Bestie stemmte. Er würde verlieren. Wenn jetzt nicht bald ein Wunder geschah, dann war er dazu verdammt hier und jetzt zu sterben.
Zerrissen von diesen Monster. Nutzlos gestorben. Er würde seine Schwester nicht retten können. Das Dorf würde untergehen. Er war zu schwach. Einfach zu schwach.
Das Knurren war dunkel an seinem Ohr und er konnte den widerlichen Atem auf seiner Wange spüren. Der Mundgeruch der Bestie trieb Sebastian näher an die Ohnmacht, wodurch er sich zwang so flach wie möglich zu atmen, doch er brauchte den Sauerstoff, um seine Muskeln zu versorgen.
Nein, er durfte hier nicht sterben. Dafür stand viel zu viel auf den Spiel. Er alleine konnte seine Schwester retten. Sonst würde es doch niemand tun. Seine Eltern würden ihr Fehlen wahrscheinlich nicht einmal bemerken.
Noch ein letztes Mal spannte er all seine Muskeln an und befreite sich mit einem gewaltigen Ruck von dem Biest. Rappelte sich sofort in die Höhe und begann die Bestie zu belauern, die ebenfalls um ihn herum zu schleichen begann.
„Was? Du lebst noch? Hey, vielleicht kannst du es ja doch schaffen! Los! Besiege dieses Monster!“, erklang die Stimme erneut, doch Sebastian konnte ihren Ausgangspunkt nicht feststellen, denn der Mund des Wolfes bewegte sich kein Stück.
War er nicht alleine hier? War noch jemand anderes da? Wenn ja, warum half er ihm nicht?
Suchend sah er sich um, doch diese Unachtsamkeit nutzte der Wolf sofort und sprang den Jungen aufs Neue an, wodurch er ihn grob zu Boden riss. Die abgestorbenen Blätter krallten sich in das Fell und die Kleidung des Jungen, während sie sich in dem Laub wälzten.
Immer wieder schnappte der gewaltige Kiefer der Bestie nach dem Hals des Jungen, doch bis jetzt konnte er jedes Mal im letzten Moment ausweichen. Seine Kraft begann schon zu schwinden. Der Abstand zwischen Zähne und Haut wurde immer geringer und im nächsten Moment passierte es.
Ein gleißender Schmerz schoss ihn in den Hals und er spürte wie man ihm ein Stück der Haut abzog, wobei er sah, wie die Bestie dieses kleine Stück Fleisch genüsslich verschlang.
Mit einem lauten Schmatzen ließ sie das Stückchen Nahrung ihre Kehle hinunter gleiten, wobei es leicht sein Auge schloss. Doch Sebastian konnte diesen Moment der Unachtsamkeit nicht ausnutzen, denn die Pranke lag schwer und tödlich auf seiner Brust, als auch schon das Gesicht der Bestie zurückkam.
Ihr Auge leuchtete durch die Vorfreude, die in ihr wütend musste, dass sie nun eine sichere Beute hatte, doch Sebastian wollte nicht glauben, dass er wirklich schon verloren war. Es musste doch noch einen Weg aus diesem tödlichen Gefängnis geben.
Das Monster spielte mit ihm. Seine Zunge schleckte den Jungen ab und immer wenn er über die Wunde leckte, durchfuhr Sebastian ein brennender Schmerz, der ihn zusammenzucken ließ.
Der Kiefer der Bestie war so nah. Er musste nur zuschnappen, dann wäre alles vorbei. Sebastian wäre tot und würde seine Schwester nicht retten können. Er hatte versagt. Oder doch nicht?
Er spürte wie die Kraft auf der Pranke ein wenig nachließ, wodurch er versuchte seine letzten Energiereserven zu mobilisieren, um sich zu befreien. Doch kaum bewegte er sich einen Zentimeter verlagerte der Wolf sein Gewicht zurück auf seine Pfote und Sebastian spürte, wie sich dessen Klauen in den Stoff und leicht in seine Haut gruben.
Das Gesicht des Monsters kam näher und der Junge konnte direkt in das giftgrüne Auge sehen, das ihn finster fixierte. Er spürte, wie sich die Angst in seinen Magen vergrub und ihn zu einem schweren Klumpen machte, als er nur trocken schlucken konnte.
Ja, jetzt war er sich sicher. Er würde hier sterben. Hier auf diesem Waldboden und von dieser Bestie einfach zerfleischt werden. Niemand würde seine Leichen finden. Niemand würde auch nur nach ihm suchen. Denn sie hatten alle Angst. Noch mehr Angst als Sebastian jetzt.
Der Atem roch widerlich und er war gehetzt und schwerfällig, als hätte die Bestie vor kurzem einen langen Lauf hinter sich gebracht, doch ihr Kampf war dafür eigentlich zu schwach gewesen. Niemals hätte sie so schwer atmen dürfen. Zumindest nicht wegen der kleinen Rangelei. Aber er fand keine Erklärung für diesen unnatürlichen Zustand.
Vielleicht fiel es ihr einfach wegen dem verkrüppelten Brustkorb generell schwer zu atmen? Wenn er ehrlich war, konnte er nicht einmal verstehen, wie dieses Wesen überhaupt leben konnte. So viele Knochen, wie aus der Haut heraus ragten. Genauso wie die vielen klaffenden Wunden, die schwach vor sich hin bluteten. Das Tier müsste eigentlich irgendwann daran sterben. Aber sie schien nicht eine Sekunde schwächer zu werden. Warum?
„Du bist es also auch nicht“, durchbrach eine enttäuschte Stimme seine Gedanken. „Wer bin ich nicht?“, hakte Sebastian nach. „Der Auserwählte. Du bist zu schwach. Wenn du nicht einmal gegen mein zweites Ich ankommst, wie willst du ihn dann besiegen?“, erklärte sie es ihm. „Wen denn?“ Er ließ nicht locker.
„Den Mann in dem Haus“, antwortete sie. „Aber was hat das Ganze mit ihm zu tun?“ Sebastian verstand überhaupt nichts mehr. „Er… Er hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin“, stotterte die Stimme. „Also muss ich zu ihm?“, fragte er weiter. „Ja.“ Die Stimme wurde immer leiser. „Wenn sonst nichts Weiteres dabei ist, dann verlass dich ruhig auf mich. Ich werde das Kind schon schaukeln“, sagte Sebastian siegessicher.
„Es gibt nur ein Problem“, fügte er nach einer Weile kleinlaut hinzu, „das Vieh auf meiner Brust.“ „Er wird dich nicht gehen lassen bis er mit dir fertig ist. Tja und dann wirst du nicht mehr in der Lage sein zu gehen“, erwiderte die Stimme nur. „Wie meinst du das?“, fragte Sebastian ängstlich und irritiert. Doch es kam keine Antwort.
Die Stille schürte die Panik in dem Jungen, wodurch sein Blick wieder zu dem Monster auf seiner Brust wanderte. Ein breites Lächeln kam ihm entgegen. Ja, auch diese Kreatur war sich seiner Beute sicher und Sebastian spürte deutlich, dass sie beide Recht hatten. Er war so gut wie tot.
Erneut kam das Maul der Bestie näher und als er sich sicher war, dass sie ihm jetzt die Kehle durchbeißen würde, hob sie plötzlich ihre Pranke und nahm leicht Abstand zu ihm.
„Lauf.“ Die Stimme war dunkel und rau. Sie kam direkt aus dem Maul des Wolfes und fuhr Sebastian ohne Umwege ins Gemüt. Er erschauderte und sah nur noch einen Wimpernschlag in das Gesicht seines zukünftigen Mörders, bevor er begriff, was man ihm gerade schenkte: Eine zweite Chance.
Ohne groß nachzudenken, zog er sich unter dem Monster hervor und rappelte sich auf, bevor er dann zu laufen begann. So schnell er konnte. So weit wie er kam. Es war ihm egal. Er wollte diesem Monster entkommen. Seinem Tod davonlaufen. Und obwohl er sich müde und ausgelaugt fühlte, wurden seine Beine nicht langsamer.
Im Gegenteil, er wurde sogar schneller als ein Furcht einflößendes Heulen hinter ihm erklang und man schon die schweren Schritte der Bestie vernahm. Sie jagte ihn und würde ihn töten, wenn sie ihn erwischte.
Ins Dorf. Ja, er wollte ins Dorf. Dort suchte er dann Schutz. Schutz vor dem Unbekannt. Schutz vor dem Tod. Doch er hörte die Schritte von der Bestie hinter sich. Sie wurden immer lauter. Das Laub raschelte unter ihren Bewegungen. Und tief in seinem Inneren konnte er auch das Grinsen auf ihrem Gesicht sehen. Die Schadenfreude, dass sie gesiegt hatte.
Gesiegt über sein Leben. Seinen Tod konnte sie jetzt bestimmen. Dieses Gefühl beflügelte sie wie jedes Mal wenn sie einen der Dorfbewohner jagte. Ihn all seine Kraft durch eine Hetzjagd nahm. Dann fühlte sie sich wie Gott. Wie der Gott, der sie bestraft hatte. Bestraft für etwas, das kein Unrecht war. Bestraft für das Handeln nach den Zehn Geboten.
Plötzlich spürte Sebi ihren Hass. Ihre Wut auf die Menschheit. All die Wärme, die er einst gefühlt hatte, war verschwunden. Hinter ihm lief eine Bestie, die geboren war um zu töten. Zu töten was ihren Leben nicht gleich gestellt war. Die Schritte kamen immer näher. Der Tod war sein Verfolger und er wusste, dass es keinen Ausweg mehr für ihn gab. Doch da erblickte er das Licht des Dorfplatzes. Es stieg Hoffnung in ihn auf und er spürte neue Energie in seinem Körper, wodurch er instinktiv noch ein wenig schneller lief.
Doch die Bestie war schon hinter ihm. Ihren Atem konnte er an seinen Nacken wahrnehmen. Im nächsten Moment spürte er wie sich zwei kräftige Arme um seine Brust legten und wie er hochgehoben wurde. „Du entkommst mir nicht“, hörte er eine Stimme hinter sich, „du bist mein Allein. Dein Leben liegt in meiner Hand. Was wirst du jetzt tun? Um Hilfe schreien? In diesem Dorf sieht und hört niemand mehr etwas wenn die Sonne untergegangen ist. Sie haben Angst. Angst vor dem, was dich gerade bedroht. Sie werden nicht kommen. Niemand wird deinen Tod bemerken. Nicht einmal deine Eltern. Denn sie kamen zu nah an mein Versteck. Und das hat bis jetzt niemand überlebt.“
Sebi wusste nicht, was es war, doch er hob langsam seinen Blick. Über ihn waren die Baumkronen, die sich dunkel vor dem erleuchteten Himmel abhoben. Es dauerte ein paar Atemzüge bis er in den Blättern etwas erkannte, doch es schauderte ihn: Ein Menschenkopf und daneben ein zweiter.
Sein Blick wandte sich vor Grauen ab, doch um ihn herum sah es nicht besser aus. Überall lagen Körperteile verstreut. Sie gehörten einen Mann und einer Frau. Erst jetzt roch er die Fäulnis und das Blut in der Luft, wodurch er spürte, wie sich sein Magen umdrehte.
Wie konnte solch ein Massaker unbemerkt bleiben? Sebastian verstand es nicht, dennoch zwang er sich die Köpfe noch einmal genau anzusehen.
Es dauerte lange bis seine Augen in der spärlichen Beleuchtung etwas erkannten, doch dann traf es ihn wie ein Blitz: Seine Eltern!
Sein Körper begann zu zittern und die Farbe wich aus seinem Gesicht, bevor er trocken schluckte. „Vater? Mutter?“
Seine Stimme war nur ein krächzender Laut und er spürte, wie Tränen in seine Augen krochen, als erneut diese menschliche Präsenz zu ihm sprach: „Es tut mir Leid.“
So lange hatte sie nun geschwiegen und jetzt wagte sie es erneut zu sprechen. Sebastian konnte diese Unverschämtheit gar nicht fassen, wodurch er spürte, wie sich sein gesamter Körper anspannte und im nächsten Moment begann er wie wild auf das Biest vor sich einzuschlagen. „Was hast du mit ihnen gemacht?! Ich werde dich umbringen! Wo hast du meine Schwester versteckt?! Rück sie sofort raus!“
Seine Schläge waren unkoordiniert und gingen deswegen oft ins Leere, wodurch Sebastian nach einer Weile schwer atmend auch aufgab und das Lächeln auf den Lippen der Bestie zurückkehrte.
Dieses selbstgefällige und siegessichere Grinsen, was Sebastian schon den ganzen Kampf über sah und ihm immer wieder unter die Nase rieb, wie schwach er und wie hoffnungslos seine Gegenwehr doch war.
Aber er war nicht schwach. Er war stark und er würde kämpfen. Solange er lebte, würde er kämpfen. Immer und immer wieder. Dieses Grinsen wollte er ihr aus dem Gesicht schlagen und bevor er diesen Gedanken zu Ende geformt hatte, schnellte seine Faust schon wieder nach vorne und traf.
Es war ein Kinnhaken. Hart und direkt, wodurch der Kopf der Bestie in den Nacken geschleudert wurde und im nächsten Moment die Stille von einem dunklen Knurren durchdrungen wurde.
Als der Kopf in seine Ausgangsposition zurückging, blickte Sebastian in ein rot glühendes Auge, das nur noch töten wollte. Ihn töten. Sie würde ihn dafür bestrafen, dass er sich so gegen sie gewehrt hatte. Dass er es gewagt hatte sie zu schlagen. Und Sebastian würde sich dann wünschen, dass er einfach vorher gestorben wäre. Schon bei der ersten Jagd, bevor er seine toten Eltern gesehen hatte.
Langsam hob sie eine Pranke und hielt den Jungen ohne große Mühe mit einem Arm fest, wodurch Sebastian seine Arme schützen vor sich erhob und zu beten begann: „Bitte lass mich nicht so enden wie meine Eltern. Ich muss doch noch meine Schwester befreien.“
Die Luft wurde von den gewaltigen Klauen durchschnitten. Sebastian wusste, dass er jetzt sterben würde. Er sah seine Eltern, wie sie ihn verließen, als sie der Sache auf den Grund gehen wollten. Diese Bestie war ihr Ziel und sie hatten sie gefunden. Doch auch gleichzeitig mit ihren Leben bezahlt.
Seine Schwester. Er sah sie, wie sie ihn anlächelte. So unschuldig und engelsgleich. Wer würde sie jetzt retten? Niemand wusste mehr von ihrer Existenz. Das Dorf würde sterben. Die Bestie hatte gewonnen.
Als er sich sicher war, dass der tödliche Schlag kommen müsste, kam nichts. Er hatte nur kurz ein Zischen und einen dumpfen Aufprall gehört, wodurch er irritiert seine Augen öffnete und die Arme leicht senkte.
Die Bestie hatte in seiner Bewegung inne gehalten und Entsetzten war in ihr Auge eingebrannt, als erneut das Zischen und der Aufprall folgte, wodurch ein Ruck durch das Monster ging.
Sebastian sah über ihre Schulter zurück und erkannte einen Schatten zwischen den Bäumen, der etwas Längliches in der Hand hielt, wo er etwas hineinlegte und im nächsten Moment erklang erneut das Zischen und kurze Zeit später der Aufprall.
Erst jetzt bemerkte der Junge, dass jemand mit Pfeilen auf den Wolf schoss, der kurz röchelte und Blut spuckte, bevor er den Jungen mit einem Knurren von sich stieß, um sich umzudrehen und auf den Fremden zu zulaufen.
Jetzt flogen die Pfeile in einem schnelleren Rhythmus auf das Biest zu, doch es stoppte keinen Augenblick. Wich nur hin und wieder leicht zurück, doch es kam den Fremden gefährlich nahe.
Sebastian traute seinen Augen nicht. Jemand kämpfte gegen dieses Monster und er hatte ihn damit vorerst vor dem Tod gerettet, doch statt zu fliehen näherte sich Sebastian immer weiter den Kampfschauplatz.
Irgendetwas zog ihn magisch dorthin und er spürte erneut eine fremde Präsenz, die sich in seine Gedanken schlich. Sich viel tiefer in ihn grub und seine Gedanken besetzte, wodurch er nicht mehr Herr über sich selbst war.
Doch es war eine andere Präsenz. Eine viel dunklere, als die menschliche Stimme der Bestie und sie kontrollierte ihn. Eigentlich wollte er weglaufen. So weit ihn seine Füße trugen und seine Schwester suchen. Sie aus der Hölle befreien. Doch er konnte nicht. Man zwang ihn sich den Kampf anzusehen.
Kaum war die Bestie zu nah für die Pfeile zog der Fremde ein Schwert, das silbern unter den Mondstrahlen glänzte. Er ließ sich nicht davon beeindrucken, als sich das Monster auf seine Beine stellte und ihn somit um einige Köpfe überragte. Doch der Mann rückte nicht zurück, sondern nahm eine Kampfhaltung ein und kaum versuchte die Bestie nach ihm zu schlagen, verpasste er ihr einen tiefen Schnitt in der Bauchgegend, die sie kurz schmerzerfüllt aufschreien ließ.
Doch das Monster stoppte nicht in seiner Bewegung und versuchte ihn mit einem Klauenhieb von den Füßen zu reißen, der wurde jedoch durch die Schwertklinge pariert. Sebastian war mittlerweile an dem Ort des Geschehens angekommen, wodurch er seine Stimme erhob.
Er formte Worte, die er sich nicht selbst ausgedacht hatte. Man zwang ihn dazu dies zu sagen: „Hört auf. Das bringt doch nichts. Wer immer du bist, lass meinen Freund in Ruhe! Oder du bekommst es mit mir zu tun!“ Er begriff es nicht und auch der Fremde schien von den Worten verwirrt zu sein. „Was hast du gesagt? Dieses Biest hätte dich getötet! Ist dir das eigentlich klar?!“
Sebi spürte einen Kloß in seinem Hals, als er merkte, dass er einfach nickte. Er fühlte sich wie ein Gefangener im eigenen Körper. Was geschah hier mit ihm? Er begriff es nicht mehr. Niemals würde er diese Bestie als seinen Freund betiteln. Sie wollte ihn doch umbringen.
Seine Füße bewegten sich von selbst, als er sich dem Monster näherte und legte eine Hand auf das struppige Fell des Tieres. „Es ist mein Freund. Er hat es sich nicht ausgesucht ein Monster zu sein, sondern man hat ihn verflucht und ich versuche ihm beizustehen in dieser Zeit. Denn dafür sind Freunde da. Also lass ihn in Ruhe.“
Warum sagte er das? Das empfand er doch gar nicht und sein Geist wurde von der Panik überrannt, als er sein Gesicht in dem Fell des Wolfes vergrub, wodurch dieser langsam wieder auf alle Vier ging.
Der Atem des Monsters ging schwer und er sah auf den Jungen, wodurch sein Auge menschlich war. Menschlicher als es für solch ein Wesen eigentlich möglich war und es begann feucht zu glänzen, wodurch sich Sebastian plötzlich schuldig fühlte, dennoch kuschelte sich sein Körper noch näher an das Biest.
„Nein.“ Es war zuerst nur ein Hauch, der von der nächtlichen Brise beinahe ungehört davon geblasen worden wäre, doch dann wurde die Stimme fester und zorniger: „Nein! Nein! Ich kann es nicht am Leben lassen! Ich will Rache! Rache für meine Familie, die es hinterhältig und brutal ermordet hat! Es muss sterben!“
Der Schwertgriff wurde fester umschlossen, als sich der Körper des Kriegers anspannte und er im nächsten Moment mit einem Kampfschrei auf das Monster zustürmte. Bereit es zu töten und Sebastian sah das Kommende, als würde er irgendwo zwischen den Bäumen stehen.
Sein Körper bewegte sich. Trat zwischen den Kämpfer und das Biest. Er fing die tödliche Klinge ab und der Schmerz raste durch sein Bewusstsein, bevor er nichts mehr spürte. Nur einen Glücksrausch, der alles auslöschte. Sein gesamtes Sein und das, was in der Wirklichkeit passierte nicht mehr zu ihm durchließ. Nicht einmal den kurzen Aufprall auf den Boden und das feuchte Gras unter seinem Gesicht, das nun von seinem Blut bedeckt wurde.
Die Wärme und sein Leben verließen ihn durch die klaffende Wunde quer über seinen Oberkörper. Sein Blick war auf das Monster gerichtet, das genauso wenig verstand wie er und im nächsten Moment erfüllte Hass seinen Blick. Sie wollte sich auf den Fremden stürzen, doch die leise Stimme von Sebastian erfüllte den Wald zum letzten Mal, bevor sein Leben endgültig erlosch. „Nein, Kevin, tu es nicht.“




