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Der Kämpfer verschwand in der Nacht, die sich gegen die aufgehende Sonne wehrte. Er sagte kein Wort und hatte auch das Schwert wieder in die Scheide gesteckt. Der Kampf war erloschen als Sebastian leblos zu Boden sank und das Blut den Boden tränkte.
Kein Wort kam über die Lippen der Anwesenden. Niemand wollte auch nur ansatzweise aussprechen was hier gerade passiert war. Und der Hass und die Wut, die in der Luft gelegen haben, schienen niemals existiert zu haben.
Langsam trat Kevin an den toten Körper heran und stupste ihn leicht mit der Schnauze an. Er wusste, dass er keine Reaktion bekommen würde, dennoch hoffte er es. Dieser Junge war der Erste, der in ihm kein Monster mehr sah. Wieso musste er sterben? Er und so viele andere.
Er wollte sich gerade neben den Toten legen, als das Rascheln des Gebüsches ihn hochschrecken ließ und er seinen Kopf in die Richtung wandte.
Es war ein Junge mit hüftlangen braunen Haaren, der auf die Lichtung trag. Seine Kleidung wirkte abgenutzt und dreckig. Das rote Leinenhemd und die hellblaue Hose schienen von einer langen Reise zu erzählen.
Seine Bewegungen wirkten schlapp und müde. Immer wieder hatte Kevin das Gefühl, dass der Neuling vor seinen Augen einfach zusammenbrechen würde, wobei dies nicht geschah und er schließlich vor ihm zum Stehen kam.
Doch egal wie sehr sich Kevin auch anstrengte. Er konnte die Augen des Jungen nicht sehen, denn sie versteckten sich hinter der braunen Haarpracht, wodurch er bedrohlich wirkte und ein Knurren von dem Monster forderte.
„Habe keine Angst. Ich bin nicht hier um dich zu töten.“ Die Stimme war so leise, dass sie Kevin ohne sein gutes Gehör wohl kaum vernommen hätte, doch so traute er seinen Ohren kaum, wodurch sein Knurren noch tiefer wurde. „Ich habe keine Angst. Es gibt nichts, was ich zu fürchten habe. Nur will ich jetzt niemanden sehen und deswegen fordere ich dich hiermit auf zu gehen.“
„Dann sind wir uns dort ja einig, denn ich fürchte mich auch nicht vor dir. Du bist ein menschliches Wesen und wirst mir nichts tun. Dieser Junge hat deine Menschlichkeit geweckt und somit ist das Monster aus dir verschwunden. Du wirst niemanden mehr ohne Grund töten. Schade, dass er dafür sterben musste. Das hätte es nicht gebraucht. Aber ich kann dich beruhigen. Er musste nicht lange leiden. Er war auf der Stelle tot. Der Hieb hat sein Herz getroffen und noch einige weitere Organe. Wahrscheinlich wäre dieser Angriff auch für dich tödlich gewesen.“ Ein Lächeln zeigte sich auf den Lippen des Jungen, wodurch sich das Monster noch unbehaglicher fühlte. Denn es wirkte falsch. Irgendetwas stimmte mit diesem Neuling nicht. Nur konnte er noch nicht sagen, was es war.
„Niemand kann mich töten“, widersprach Kevin sofort, doch ein sanftes Lachen erklang, wie das eines wahnsinnigen Engels. „Oh doch. Man kann dich töten. Nicht viele. Aber dieser Krieger hätte es geschafft. Du lebst nur noch dank dem Jungen.“
Langsam hob der Neuling seinen Arm und streckte die Hand nach dem Monster aus, wodurch ein dunkles Knurren aus der Brust des Tieres erklang und im nächsten Moment schnappte es nach der Hand, doch er wollte sie nicht treffen, wodurch er kurz davor stoppte.
Es sollte eine Warnung sein und Kevin hoffte, dass der Fremde dies auch verstehen würde, doch erneut kam nur ein Kichern. „Siehst du? Ich hatte Recht. Du wirst mir nichts tun. Dazu bist du einfach nicht mehr in der Lage. Man hat dich gezähmt, Monster.“
„Was? Was willst du von mir? Willst du meinen Tod?“ Kevin ging absichtlich nicht auf die Provokation ein, sondern starrte den Jungen weiter an. Angriffsbereit oder fluchtbereit, je nachdem was er brauchen würde.
„Nein, ich will nicht deinen Tod. Ich möchte dir helfen.“ Das Monster traute seinen Ohren nicht, als es die Antwort des Jungen hörte, wodurch es diesen verwirrt und überrascht ansah. „Du willst was?“
„Dir helfen“, wiederholte der Braunhaarige ruhig seine Antwort, jedoch konnte Kevin dies immer noch nicht glauben. „Mir kann man nicht mehr helfen.“
„Doch ich kann es. Vorausgesetzt dass du mich auch helfen lässt“, beharrte der Junge weiter auf seinem Wunsch, wodurch Kevin nur knurrte: „Auch du nicht.“
„Doch, lass mich dir einfach helfen. Was hast du schon zu verlieren?“ Da hatte der Mensch vor ihm direkt recht. Kevin hatte nichts mehr zu verlieren. Sein Messias lag hier tot im Gras. Das Dorf hasste ihn und nun kamen schon Fremde, um ihn zu töten. Es konnte nicht mehr wirklich schlimmer werden. Außer er starb. Doch ob dies wirklich eine Verschlechterung war, da war er sich nicht mehr sicher.
Kevin kämpfte innerlich mit seinen Erfahrungen, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schnauze fühlte und er in das Lächeln des Jungen blickte. „Bitte lass mir dir helfen. Ich will nur dass du wieder so wirst, wie du einst warst.“
Sein Herz fühlte sich warm an. Er spürte die Tränen in seinem Auge, als ihn ein wohliges Gefühl überrannte. Seit seiner Verwandlung hatte er so etwas nicht mehr gefühlt. Man wollte ihm helfen. Seinen innersten Wunsch endlich erfüllen.
Dennoch wanderte sein Blick zurück zu der Leiche. „Man kann mich nicht retten. Er hat es auch versucht. Nein, er hat es schon getan. Mehr kann man nicht retten. Er hat sein Leben für meines gegeben. Wir kannten uns nicht und dennoch betitelte er mich als Freund. Und all das, obwohl ich ihn vor einer Stunde noch töten wollte. Einfach so sein Licht auslöschen. Ich habe ihn alles genommen. Seine Familie und sein Leben. Und er hat nie etwas von mir dafür bekommen. Nein, man kann mich nicht mehr retten. Ich bin verloren. Ja, wenn du mir helfen willst, dann töte mich. Töte mich hier und jetzt.“
Das Lächeln erlosch und der Junge seufzte tief, bevor er dann eine Strähne aus seinem Gesicht strich und das Monster die grünen Augen dahinter erblickte. So warm und einladend wie ein Wald. Aber Kevin wusste, was für eine Gefahr dort auch lauern konnte. Versteckt hinter all dem Grün.
„Nein, das kann ich nicht tun. Denn dann wäre dieser Junge umsonst gestorben. Du solltest dich erheben und meine Hilfe annehmen. Mache etwas aus dem Leben, dass er dir durch seinen Tod geschenkt hatte. Das bist du vielleicht nicht dir schuldig, aber ihm.“
Ohne es zu wollen, sah Kevin noch einmal auf den leblosen Jungen, bevor ein Seufzer über seine Lippen schlich und er dann nickte. „In Ordnung. Nur eine Frage. Wie willst du mir helfen?“
„Keine Sorge. Ich kenne deinen Feind besser als mir lieb wäre. Und ich weiß, wie ich ihn besiegen kann. Denn ich habe auch noch eine Rechnung mit ihm offen.“ Mit diesen Worten wandte sich der Junge ab, doch Kevin wollte ihn noch stoppen. „Was? Eigene Rechnung? Wieso? Was hat er dir angetan?“
Doch er bekam keine Antwort. Der Junge schritt einfach in Richtung Dorf, wodurch der Wolf keine andere Wahl hatte, als ihm hinterher zu eilen. Er brauchte nur wenige Schritte, um zu seinem unverhofften Helfer aufzuholen, wodurch er diesen irritiert ansah.
Er wirkte so schwach, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Das lange Haar wiegte sich sanft unter seinen Schritten, wo jeder so wirkte, als wäre er der Letzte, den dieser Junge tun würde.
Wie sollte dieser Mensch Kevin überhaupt helfen? Er war so dürr und zierlich, dass man das Gefühl hatte er würde unter der geringsten Belastung zerbrechen. Kevin schätzte ihn auch ungefähr auf sein eigenes Alter ein. Mehr als sechzehn Sommer wird er wohl nicht gesehen haben, wenn nicht sogar weniger.
Ohne sein Zutun sah er noch einmal zurück zu Sebastians Leiche. Das Gras war dunkel von dem vielen Blut, das es aufnehmen musste. Er starb für ihn. Gab sein Blut für den Mörder seiner Familie. Für das Monster, das ihn selbst töten wollte. Er war sein Messias. Das war Kevin nun klarer als jemals zuvor. Doch wenn der Messias tot war, welche Rolle nahm dann dieser Junge ein?
Warum lief er ihm überhaupt nach? Was erhoffte er sich dadurch? Dieser Junge konnte sich doch nicht einmal selbst verteidigen, wie sollte er dann gegen den Zauberer bestehen? Das war doch gar nicht möglich.
Seine Schritte wurden langsamer. Er war sich nicht sicher, ob er das wirklich tun konnte. Wollte er sich wirklich für einen weiteren Tod verantwortlich machen? Konnte er sich ein weiteres unschuldiges Leben auf sein Mordkonto schreiben lassen?
„Was ist los, Kevin? Hast du Angst?“, ertönte die Stimme des Jungen, doch der Angesprochene schüttelte nur den Kopf. Der Kerl musste nun wirklich nicht all seine Gedanken wissen.
„Du wirkst so unsicher. Was bedrückt dich?“, stocherte der Junge weiter nach. Er schien einfach nicht loslassen zu wollen, wodurch Kevin nur schnaubte und dann an diesem vorbei schritt.
Auf dem Gesicht des Jungen war ein Lächeln gezaubert, doch als dieser der Meinung war, dass Kevin ihn nicht mehr sehen würde, verschwand die Wärme aus dieser kleinen Mimik und sie wurde kalt und höhnisch. Ein eisiger Schauer rannte über den Rücken des Tieres, als er dann stoppte und sich zu dem Jungen umdrehte.
„Wer bist du?“ Die Frage war stechend und auch wenn es Kevin gerne gewollt hätte, die Furcht konnte er nicht gänzlich aus seiner Stimme vertreiben, dennoch trieb das Tier in ihm ihn dazu an, sich auf den Jungen zu stürzen und ihn unter sich zu begraben.
Seine Klaue lag auf der Brust, wobei er seine Krallen in den Stoff grub, sodass er den Menschen binnen weniger Sekunden einfach umbringen konnte, wenn es denn wirklich sein musste.
„Wer ich bin, willst du wissen? Ich habe schon darauf gewartet, dass du mir diese Frage stellst“ Das Lächeln verschwand nicht von den Lippen des Jungen und es wurde voller Siegessicherheit noch breiter. Wieso hat das Kind keine Angst? Kevin verstand es nicht.
„Mein Name ist Cido. Cido Hiwatari“, stellte er sich schließlich vor, „und jetzt habe ich eine Frage an dich: Du hast doch bestimmt diesen Deckenhaufen gesehen und die Leiche darunter gerochen. Diese Leiche war meine Mutter und sie wartet darauf, dass man sie rettet. Du hast sie nicht gerettet. Niemand hat das. So wie sie keiner davor gewarnt hat in dieses Haus zu gehen. Warum hast du sie nicht gerettet? Hast du ihre verzweifelten Schreie nicht gehört? Du bist unbesiegbar und wagst es dennoch nicht in ein Haus um eine gepeinigte Seele zu retten? Wie kannst du dir selbst noch in die Augen sehen?“
Kevin wusste nicht, was da gerade geschah, als er spürte wie sich eine gewaltige Energie um den Jungen herum sammelte und im nächsten Moment wurde er einfach von dem Körper herunter an den nächsten Baum geschleudert.
Schmerz durchströmte seinen gesamten Leib und ein kurzes Winseln verließ seine Lippen, als er die Worte des Jungen nur noch am Rande wahrnahm: „Du bist schwach. So schwach. Du hast es nicht verdient zu leben. Niemand hier hat das. Sie alle haben sie getötet. Meine Mutter, die doch niemanden etwas angetan hatte. Dafür werdet ihr alle bezahlen und du, Kevin, wirst der Erste sein.“
Die Schritte des Jungen näherten sich und er blieb vor dem Werwolf stehen. Die gewaltige Haarpracht wurde von der Energie leicht nach oben geweht, wodurch sie sanft darunter tanzte.
Kevin konnte nicht auf diese Anwesenheit reagieren. Der Schmerz, den er das erste Mal fern von dem Haus in diesem Körper wieder wahrnahm, benebelte seine Sinne und machte das Denken für ihn fast unmöglich.
„Warum hast du ihr nicht geholfen?“ Mit dieser Frage hatte Kevin nicht gerechnet, wodurch er nur schwer ein- und ausatmete, um Kraft zu sammeln. „Ich durfte nicht. Meine Eltern haben es mir verboten zu diesem Haus zu gehen. Und als ich kam, war es schon zu spät. Es tut mir Leid.“
„Was für ein Unsinn. Das werde ich dir bestimmt nicht glauben. Du lügst doch nur, um deine Haut zu retten. Ja, du bist wie alle anderen Mörder in diesem Dorf. Ihr habt sie im Stich gelassen. Allesamt! Und jetzt bin ich hier. Hier um sie zu rächen! Und du wirst der Erste sein, der von ihnen sterben wird!“ Erneut wurde die Energie fester und greifbarer, als die Wut des Jungens zunahm, doch Kevin war es nur recht.
Erschöpft legte er seinen Kopf auf den Boden und schloss das Auge. Seine Brust zitterte unter den Schmerzen, die ihm das Atmen noch schwerer machten, bevor er seine Stimme sanft erhob: „Tu es. Töte mich. Erlöse mich. Solange habe ich mich danach gesehen. Einfach zu sterben. Diese Existenz zu beenden. Ich will mich nicht mehr so sehen. Einfach kein Monster mehr sein. Ich habe so viele Leben genommen. So viel Leid zugefügt. Ich möchte nur noch sterben. Doch ich will, dass du es weißt. Ich habe nach der Verwandlung noch einmal versucht zurück zu gehen. Zurück in dieses verfluchte Haus. Doch ich konnte es nicht. Es hätte mich getötet.“
„Was? Wieso wolltest du noch einmal zurück?“ Die Verwirrung in der Stimme des Jungen ließ das Energiefeld langsam verschwinden, wodurch Kevin nur erschöpft sein Auge wieder öffnete. Er würde doch nicht sterben. Noch länger so existieren. Wie lange würde Gott ihn noch bestrafen wollen?
„Ich wollte zurückgehen, um mich für die Verwandlung zu rächen. Doch immer wenn ich mich dem Haus nähere, wird mein Körper von Schmerzen gestürmt, die mich fast in die Bewusstlosigkeit treiben. Ich konnte deine Mutter nicht befreien, weil ich gestorben wäre, bevor ich sie auch nur gesehen hätte“, erklärte Kevin die Situation.
Erneut atmete er schwer, bevor er seinen Kopf wieder zurück auf das Gras legte. „Man verwandelte mich, als ich in das Haus kam und deine Mutter beinahe gesehen hätte. Und seitdem kann ich nicht mehr zurück. Aber du wolltest deinen Rachedurst stillen. Nur zu. Töte mich. Lass mich leiden. Erlöse mich von meiner Qual. Ich will nicht mehr leben und wenn du dadurch noch deinen Zorn freien Lauf lassen kannst, soll es mir nur Recht sein.“
„Nein, das wäre Unrecht. Denn ich kannte nicht die ganze Wahrheit. Man hat mich getäuscht. Es tut mir Leid. Ich werde meine Mutter selbst holen gehen. Auch wenn es mich mein Leben kosten sollte. Ich werde sie holen und falls ich nicht zurückkommen sollte. Vergiss mich bitte nicht.“ Cido wandte sich ab und verschwand dann auf den Weg zum Dorf, wodurch Kevin nur enttäuscht aufwinselte, bevor er sein Auge schloss und unter den Schmerzen das Bewusstsein verlor. Er wurde schon wieder nicht erlöst. Wann würden seine Qualen endlich ein Ende finden? Er konnte und wollte nicht mehr...
Unter der schwerfälligen Bewegung jaulten die Angeln der Tür auf, als man sie langsam öffnete und ein zierlicher Schatten durch den Spalt schlüpfte. Kurz darauf fiel sie auch schon wieder ins Schloss und so kehrte das Zwielicht in das Gebäude zurück.
Das hüftlange Haar ließ die Umrisse des Jungen breiter wirken, als sie wirklich waren, doch es war ihm egal, denn er sah sich in den leicht erhellten Zimmer um. Die Möbel standen alle noch so da, wie sie es bei seinem ersten Besuch getan hatten. Niemand hatte etwas umgestellt oder gar entfernt. Also würde sie auch immer noch hier liegen.
Ein enttäuschter Seufzer schlich sich über seine Lippen, doch er schüttelte den Kopf, um dann dem Fäulnisgeruch ins Wohnzimmer zu folgen. Auch dort ist alles gleich geblieben. Der Deckenhaufen lag immer noch auf der Couch und darunter würde sie auf ihn warten: Die Leiche seiner Mutter.
Eigentlich hatte er gehofft, dass er sie hier lebendig antreffen würde. So lange hatte er nach ihr gesucht. So oft gehofft, dass sie ihn wieder abholen würde. Doch es geschah nicht. Es würde nie wieder geschehen. Sie war für immer fort.
Ihr Lächeln würde für ihn für immer unerreichbar bleiben. Nie wieder würde er ihre Stimme hören. Nur noch der kalte Stein ihres Grabes würde seine Familie sein. Zumindest die Familie zu der er zurückkehren möchte.
Er schluckte schwer, als er sich dazu zwang näher an den Haufen zu gehen und sich endlich der Wahrheit zu stellen. Sie war tot und er musste sie beerdigen. Das war er ihr schuldig. Schließlich war er ihr einziger Sohn.
Gerade wollte er seinen Arm nach der Decke ausstrecken, als er plötzlich eine Diele hinter sich krächzen hörte, wodurch er sich panisch umdrehte und den Schlag in letzter Sekunde ausweichen konnte.
Er hechtete an der Geschalt in schwarzer Kleidung vorbei und rannte auf die Tür zu, denn er wusste, dass sie sich niemals bei Tageslicht im Dorf zeigte. Sie konnte es nicht ohne ihre Identität preis zu geben und das schien sie mit aller Macht verhindern zu wollen.
Doch als seine Hand die Türklinke umfasste und das Holz aufdrücken wollte, bewegte sie sich keinen Zentimeter. Sie war verschlossen. Er war hier gefangen, wodurch er die Schritte näher kommen hörte und im nächsten Moment tauchte schon der Schatten in der Tür zum Wohnzimmer auf. Verdammt! Wo sollte er hin? Was war die nächste Möglichkeit?
Die Panik trieb Cido nach oben in den ersten Stock. Er nahm gleich immer zwei Treppenstufen auf einmal, um so schnell wie möglich das Ende der Treppe zu erreichen, wobei er dann nicht einmal wusste, wohin er eigentlich fliehen sollte.
Das Haus war ihm unbekannt. Er kannte sich hier keinen Zentimeter aus, wodurch er einfach mal nach Links abbog. „Hoffentlich kann ich dort irgendwo raus. Ich muss diesem Zauberer entkommen.“
Ohne lange nach zudenken, sperrte er sich in das nächstbeste Zimmer ein, wobei er sich an die Tür gelehnt zusammenkauert und hoffte, dass der Kerl daran vorbeigehen würde.
Er wollte hier nicht sterben. Er durfte hier einfach nicht sterben. Schließlich musste er doch seine Mutter befreien. Er war der Letzte, der sie kannte und es für sie tun konnte. Das war er ihr schuldig. Damit ihr Geist in Frieden ruhen konnte. Sie durfte hier nicht für alle Zeit gefangen sein. Das hatte sie nicht verdient. Nicht sie.
Die Schritte kamen näher, wobei man deutlich hörte, dass der Zauberer sich Zeit ließ. Er war sich seiner Beute sicher, wodurch Cido das Zittern seines Körpers nicht mehr bändigen konnte. War er so einem Feind überhaupt gewachsen? Er hatte doch gar keine Kampferfahrung.
Sie verstummten. Direkt hinter ihm. Auf der anderen Seite der Tür. Die Gedanken von Cido überschlugen sich, als er versuchte zu begreifen, was das für ihn zu bedeuten hatte. Aber er wollte es nicht. Das durfte nicht sein. Sie mussten weitergehen.
So lange geschah nichts. Es blieb still und Cido dachte schon, dass er aufgegeben hatte, als plötzlich an dem Türknauf gewackelt wurde. Immer wieder und energischer, bevor dann wieder Stille einkehrte. Cido traute sich kaum zu atmen. Er wollte auf keinen Fall durch irgendein unbedachtes Geräusch entdeckt werden.
Zwei Schritte ertönten, die sich leicht entfernten und Cido wartete auf den Rest. Darauf dass sich die Gestalt gänzlich zurückzog, doch es geschah nicht. Denn nach ein paar Herzschlägen hörte er schon einen dumpfen Aufprall und das Holz hinter ihm vibrierte leicht unter dem Schlag.
Er war gefunden. Jetzt würde er sterben. Cido spürte die Tränen in seinen Augen, doch er zwang sie nieder und sah sich im Zimmer um. Es war nur sehr spärlich eingerichtet. Ein Schrank, ein Bett und eine Kommode. Nichts wo man sich wirklich gut verstecken konnte ohne dass es offensichtlich wurde. Dennoch stieß er sich von der Tür ab, um sich unter der Schlafstätte zu verkriechen. Ja, der Unterschlupf war abgedroschen, doch der Junge war froh, dass er überhaupt irgendeinen Gedanken fassen konnte und nicht gänzlich in bodenlose Panik verfiel. Außerdem hatte er dort bessere Chancen zu flüchten, als wenn er sich in dem Schrank einsperrte.
Ein paar Schläge gegen die Tür zwang er sein Herz dazu sich zu beruhigen und auch seinen Atem flacher und ruhiger zu gestalten. Er wollte nicht auffallen. Er durfte nicht auffallen. Davon hing sein Leben ab.
Noch zwei Schläge und das Holz gab splitternd nach, wodurch der Zauberer in das Zimmer trat und sich kurz umsah, bevor er sich dann erst dem Schrank widmete und die Türen schwungvoll öffnete.
Er durchwühlte die Kleidung und verteile sie im ganzen Raum, bevor sich die Füße dann zu ihm wandten. Langsam näherten sie sich dem Bett und Cido spürte, wie sich die Panik in seinem Körper ausbreitete. Sein Herz schlug gegen seinen Hals und er musste sich zwingen nicht zu laut zu atmen.
Doch alles vergebens. Im nächsten Moment flog das Bett einfach gegen die Wand und Cido blickte in die Augen des Zauberers. Sie waren braun, wie der Stamm einer Fichte und voller Zuversicht, wodurch er erneut mit dem Knüppel in seiner Hand ausholte, um nach den Jungen zu schlagen.
Dieser wich aber mit einer Rolle aus und kam in der nächsten Sekunde wieder auf die Beine, um das Zimmer stürmisch zu verlassen und zurück ins Erdgeschoss zu laufen. Er musste aus dem Haus, denn egal wo er sich versteckte, der Kerl würde ihn finden.
Seine Beine trugen ihn in die Küche, wo er eine Hintertür entdeckte. Voller Zuversicht rannte er auf sie zu, griff nach der Türklinke und drückte sie herunter, um die Tür in die Freiheit zu öffnen.
Doch sie rührte sich auch nicht und ein dumpfer Knall erklang, als er einfach gegen das unnachgiebige Holz prahlte, wobei der Schmerz Sterne in sein Sichtfeld zauberte, bevor er sich dann benommen umdrehte. Gab es kein Entkommen?
„Sie nennen es ‚das Haus des Verderbens’. Wusstest du das nicht?“, erklang die ruhige Stimme des Zauberers, als er langsam in das Licht des Tages trat, wodurch man nun sein kurzes braunes Haar sah, welches leicht im Schein der Sonne schimmerte, während seine Kleidung komplett in die Farbe der Nacht getaucht war und dadurch jegliche Helligkeit verschlag. Der Mantel auf seinen Schultern verlieh ihn ein breiteres Kreuz und ließ ihn dadurch bedrohlicher wirkte.
„Was willst du von mir? Ich möchte doch nur meine Mutter holen.“ Cido versuchte sich aus dieser Lage zu befreien, doch der Hexer lachte nur höhnisch. „Hier wird nichts geholt. Solange sie hier ist, wird niemand anderes kommen und glauben, dass er hier wohnen könnte. Dieses Haus gehört mir, Zero, dem großen Magier. Außerdem hatten wir eine Abmachung. Du tötest den Jungen und ich gebe dir deine Mutter. Hast du diese eingehalten?“
Cido senkte den Blick, ließ alles an seinem Körper hängen und schüttelte den Kopf. „Nein, ich konnte nicht.“ „Tja, Pech für dich. Aber wenn dir dieser Wolf so viel bedeutet, dann erlaube ich dir hiermit ihm Gesellschaft zu leisten, als Oger.“ Zero sammelte seine Magie in der rechten Hand und wollte den Fluch gerade auf Cido schleudern, als das Fenster der Hintertür zerbrach und Kevin im Raum stand.
Sein Gesicht war verzerrt vor Schmerzen und seine Beine zitterten, als würden sie jeden Moment unter seinem gewaltigen Gewicht zusammenbrechen, dennoch erhob er seine Stimme. „Los, Cido! Lauf!“
Damit wandte sich die Bestie kurz um und zerschlug die Holztür als wäre sie aus Papier mit einem gewaltigen Hieb seiner Pranke, bevor er sich dann wieder zu dem Magier wandte: „Und jetzt zu dir, Hexer.“
„So sieht man sich also wieder, Kevin. Schön dass du hier bist, obwohl dir ein Besuch bei mir gar nicht bekommt. Willst du für diesen Jungen wirklich dein Leben aufs Spiel setzen?“ Zero lächelte siegessicher und ließ Cido ziehen, als dieser ins Freie flüchtete.
„Ich habe kein Leben mehr, denn ich habe es in jener Nacht, als ich dir das erste Mal begegnet bin, verloren. Ich bin nur noch eine Kreatur, die niemand respektiert. Nur fürchtet. Wenn ich nur töten kann, dann versuch ich meine Freunde wenigstens vor deiner schmutzigen Magie zu bewahren!“, schrie Kevin ihn an.
„Du nennst meine Magie schmutzig? Meine Magie soll schmutzig sein? Was fällt dir ein, du verdammte Mistgeburt von einer verstümmelten Schnecke!“, geriet Zero in Ekstase, wobei sich um ihn herum eine Magiefeld aufbaute, das seine Kleidung und Haare leicht tanzen ließ, bevor er mit einem Aufschrei eine gewaltige Energiewelle von seinem Körper löste, „meine Magie ist nicht schmutzig!“
Kevin wurde von der Welle erwischt und wie ein Blatt im Wind einfach aus dem Haus geschleudert. Draußen prallte er hart auf dem Boden auf und schlitterte noch ein Stück, ehe er wenige Schritte von Cido entfernt zum Liegen kam.
Sofort rannte der Junge zu dem Wolf, wobei er die Menschenmasse um sich herum ignorierte, die sich von Sekunde zu Sekunde vergrößerte. Angelockt von dem Tumult in dem verfluchten Gemäuer. Doch sie trauten sich alle nicht näher als nötig. Blieben den Grundstück fern und beobachteten nur von Weitem.
Er spürte die Energie des Hexers, als dieser aus dem Haus trat und seine ganze Kraft entfaltete. Die einst so braunen Augen waren nun schneeweiß und konzentrierten sich, wie ihr Besitzer Zero, vollständig auf Kevin, der schwer atmend am Boden lag.




