- -
- 100%
- +
„Der Siebte?! Das bedeutet, dass der Sechste bei Cido ist! Ich muss ihm helfen!“, Xenio wollte einfach an dem Drachen vorbei stürmen, doch nach drei Schritten stoppte er schon wieder und seufzte: „Nein, er will meine Hilfe ja nicht mehr.“
„Da hast du Recht. Er hat deine Hilfe auch nicht verdient. Dieser kleine Verräter. Erst schreit er um Hilfe, du rettest ihn daraufhin und was ist der Dank, den du bekommst? Er beschimpft dich als Mörder und vertreibt dich. Auf solch einen Freund kann man doch getrost verzichten oder nicht? Er hat deine Treue verraten. So wie er uns verraten hat. Wir haben den gleichen Feind, Xenio. Lass ihn uns gemeinsam töten“, die Stimme des Drachen war hypnotisch und Xenio konnte nicht anders, als ihm zuhören und ihnen Glauben zu schenken.
Er war von ihnen überzeugt, wodurch er kurz nickte: „Ja, du hast Recht. Cido ist mein Feind. Ich sollte ihn vernichten, bevor er mich tötet.“
Ein breites Grinsen trat auf die Lippen des Drachen, wodurch sein Kopf nah an Xenio herankam: „Gut, worauf wartest du dann noch? Schnapp ihn dir. Er hat es nicht anders verdient.“
Nur ein stummes Nicken kam von der Seite des Kämpfers, bevor er weiterging. Zurück zu den Braunhaarigen, um zu tun, was man von ihm verlangte. Er wusste nicht einmal, ob er das wirklich wollte, doch er konnte sich dagegen auch nicht wehren. Nichts war nun wichtiger als der Tod des Jungen.
Er spürte wie sein Herz bei diesem Gedanken aufschrie, doch es konnte nicht zu seinem Verstand durchdringen. Und selbst wenn er wollte, dass sein Körper stoppte. Er hörte nicht mehr auf ihn. Seine Füße trugen ihn einfach weiter den Weg entlang und nach wenigen Minuten erreichte er auch schon den Jüngling.
Ein gewaltiger schwarzer Greif stand bei diesem und sah die Neuankömmlinge freundlich an: „Ah, da ist ja mein Freund Drako. Und er hat auch Xenio dabei wie ich sehe. Welch entzückendes Bild.“
„Xenio! Bitte, du musst mir helfen“, Cido wich von dem großen Vogeltier zurück und näher zu dem Kämpfer, wobei er stoppte, als er in die Augen des Kämpfers sah: „Xenio?“
Sie waren leer und sahen an dem Jüngling vorbei, wodurch ein eiskalter Schauer über den Rücken von Cido glitt, bevor er sich aufrappelte und jetzt auch Abstand zu dem Menschen nahm.
„Was ist mit dir geschehen?“ Seine Stimme überschlug sich vor Angst und erneut bebte der zierliche Körper, wobei er erschrocken aufschrie, als die Hand des Kämpfers zu seiner Klinge wanderte und diese aus der Scheide zog, um sie ihm nächsten Moment in die Richtung des Braunhaarigen zu halten. Dazu bereit ihn mit ihr zu töten.
„Xenio ist nun auf unserer Seite. Er hat deinen Charakter auch endlich satt und ist der Meinung, dass du für immer schweigen solltest“, erklärte Drako ruhig, wobei er sich einfach auf den Boden niederließ, während Xenio den Griff des Schwertes fester umschloss und es zum Angriff erhob.
„Das wird ein Spaß“, jubelte der Greif und machte es sich ebenfalls gemütlich, als sich der Körper des Kämpfers schon in Bewegung setzte und auf den Jungen zustürmte. Cido wusste nicht, was gerade geschah. Warum griff in Xenio an? Er dachte, dass der Kämpfer sein Leben um jeden Preis verteidigen würde? Oder war er jetzt doch einmal zu oft gemein gewesen?
Aber was hatte diese Leere in den Augen des Blonden zu bedeuten? War er überhaupt Herr seiner Sinne oder wurde er von dem Drachen verhext?
Cido wich der Klinge vor Schreck aus, wodurch er unsanft nach hinten fiel und im staubigen Boden liegen blieb, denn das kalte Metall legte sich sofort bedrohlich auf seine Kehle.
„Was? Was passiert hier? Sterbe ich jetzt? Tötet er mich doch? Er hat doch geschworen es nie zu tun.“ Cidos Gedanken überschlugen sich vor Panik und er wusste nicht, was er tun sollte, um seinen Tod zu verhindern.
„Los! Töte ihn!“, drängte der Greif zur Eile, doch Drako beruhigte ihn: „Stress dich nicht, Falco. Er wird ihn schon noch umbringen. Lass ihn Zeit. Es ist auch nicht einfach für ihn. So viel wie ihm der Junge bedeutet. Es wundert mich eh, dass er die Hypnose überhaupt angenommen hat. Anscheinend sind seine Gefühle noch von Zweifeln durchdrungen. Anders hätte ich ihn dazu nicht bringen können.“
Cido konnte den Worten keinen Glauben schenken. Wie sollte er dem Kämpfer etwas bedeuten, wenn sie sich nicht einmal einen Tag kannten? Und vor allem nach all den Gemeinheiten, die er ihm ins Gesicht gebrüllt hatte? Dennoch kam die Klinge nicht näher und der Blick blieb unverändert auf dem Jungen liegen. Warum tötete er ihn nicht? Man hatte es ihm doch befohlen.
Langsam begann das Metall zu zittern und Tränen rannen über die Wangen des Kämpfers, wodurch auch Drako unruhig wurde. Er streckte seinen Kopf fragend nach zu den Zwei aus: „Was ist los? Warum bringst du es nicht zu ende, Xenio? Hast du schon vergessen, wie er dich beschimpft und verstoßen hatte? Du hast keinen Grund mehr ihn am Leben zu lassen.“
Die Tränen versiegten und die Hand legte sich enger um den Schwertgriff, bevor das Zittern erlosch und Xenio zum Schlag ausholte.
Die Klinge wollte er gerade auf den Jungen zurasen, als die ersten Sonnenstrahlen über das Land hereinfielen und die Bewegung des Kämpfers stoppten, als man schon die Flüche der Schwarzen hörte: „Nein, nicht jetzt. Hätte sie nicht noch eine Sekunde warten können?“
„Ruhig Blut, Falco. Wir kommen einfach in der nächsten Nacht wieder und bringen zu Ende, was wir begonnen haben“, sprach der Drache erneut beruhigend auf seinen Freund ein, bevor sie dann zusammen einfach verschwanden.
Xenios Augen gewannen langsam wieder an Leben und im nächsten Moment sah er den Jungen irritiert an. „Cido?! Was machst du hier? Und warum bin ich hier? Ich war doch schon weitergegangen und dem Drachen begegnet. Wo ist er? Sollte bei dir nicht auch einer der Herrscher sein?“
Doch der Junge reagierte nicht, wodurch Xenio die Klinge fallen ließ und sich zu diesem kniete. „Cido? Was ist los mit dir? Es ist alles gut. Ich bin wieder ich selbst. Es tut mir Leid, dass ich die Kontrolle über mich verloren habe. Aber es ist noch einmal alles gut gegangen. Bitte verzeih mir meine Schwäche.“
Sanft legte er eine Hand auf die Schulter des Jüngeren, doch es kam immer noch keine Reaktion, wodurch er damit begann ihn durchzuschütteln. „Cido! Cido! Hörst du mich?! Es ist alles wieder gut! Du musst dich nicht mehr tot stellen!“
Langsam schien der Geist in den Körper zurückzukehren, wodurch Cidos Augen wieder mit Leben erfüllt wurden und im nächsten Moment schmiss er sich verzweifelt um den Hals des Kämpfers, um hemmungslos zu weinen.
Xenio wusste nicht, was mit ihm geschah, wodurch er den Jungen gewähren ließ. Er kannte solche Situationen nicht. Darum ließ er sich einfach als übergroßes Taschentuch missbrauchen und hoffte, dass sich Cido irgendwann von selbst wieder beruhigte.
Der Wind wehte sanft über sie hinweg und nahm die Kälte der Nacht mit sich, während sich die Sonne immer weiter den Horizont empor kämpfte und die Welt in ein mystisches Rot tauchte. Nach und nach begann die Welt zu erwachen und die Stille mit Geräuschen zu erfüllen, wie das Zwitschern der Vögel und das Rascheln der Blätter.
Nach einer schieren Ewigkeit drückte Xenio Cido langsam von sich und sah den Jungen ruhig an. „Es ist alles gut. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Komm, wir gehen in das nächste Dorf. Es ist nicht mehr weit. Dort können wir uns ausruhen und überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen. Wir brauchen beide Schlaf.“
Noch einmal ging ein Beben durch den zierlichen Körper, bevor Cido dann nickte und sich langsam mit Xenio erhob, der ihm sanft eine Strähne aus dem Gesicht strich, wobei der Jüngere die Hand des Kämpfers fast augenblicklich von sich schob. Er mochte es nicht, wenn man ihn so berührte.
Der Blonde ließ es geschehen und wandte sich dann in die Richtung ihres Ziels, das weiter im Westen lag, bevor er den Jüngeren noch einmal anlächelte und dann losging. Cido setzte sofort zur Verfolgung an, denn auch wenn er es niemals zugeben würde. So wollte er den Schutz des Kämpfers nie wieder missen…
„Warum bist du vorhin zurückgekommen? Und dann auch noch als Verbündeter der Feinde! Du bringst mich immer wieder auf die Palme mit deinem widersprüchlichen Verhalten! Ich dachte, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Dann stehst du plötzlich vor mir und willst mich auch noch umbringen!“, begann Cido plötzlich zu wüten, wobei Xenio sich davon nur bedingt beeindrucken ließ: „Ich hab dir doch gesagt, dass ich keine Kontrolle über mich hatte und außerdem finde ich es witzig wenn du wütend bist. Dann kommt Leben in deine sonst so traurigen Augen. Das gefällt mir. Doch ich kann dir nicht sagen, ob ich freiwillig zurückgekommen wäre.“
„Wie? Du weißt es nicht? Das ist wohl nicht dein Ernst. Du kannst mich nicht im Stich lassen. Das ist gegen deine Natur. Schließlich bin ich doch so etwas wie eine Familie für dich“, begehrte Cido sofort auf. Doch Xenio schwieg, was die Verzweiflung in den Jungen schürte und im nächsten Moment flatterte seine Stimme vor Angst: „Warum sagst du nichts? Du kannst mich nicht alleine lassen. Was machst du wenn ich sterbe. Das könntest du dir niemals verzeihen.“
Man hörte, dass der Junge gerne hinter seinen Worten gestanden hätte, doch dazu war die Angst zu groß, dass er sich in den Kämpfer geirrt haben könnte. Als jedoch ein breites Grinsen auf die Lippen des Blonden erschien, entspannte sich der Junge ein wenig.
Ja, Xenio konnte es nicht zulassen, dass sein Begleiter starb. So wie es auch Cido nicht zulassen könnte. Sie wussten nicht einmal woher dieses Verlangen kam, doch es war da und egal wie sehr sie sich wünschten, dass sie nicht so aneinander gekettet wären. Sie konnten es nicht ändern.
„Warum schweigst du? Jetzt sag doch endlich etwas. Du wärst doch freiwillig zurückgekommen, oder?“, versuchte es Cido weiter, wodurch Xenio seufzte und sich genervt eine Strähne aus dem Gesicht strich: „Ich hab es dir doch schon gesagt! Was willst du noch hören? Willst du hören, dass ich dich hasse? Dass mir deine andauernden Wutattacken auf den Sack gehen? Sag mir nur eines: Ich soll dich immer wieder retten, aber darf niemanden töten oder gar verletzten! Wie in aller Welt soll ich das anstellen?!“
Sein Blick bohrte sich durchdringend in die Augen des Jüngeren, wodurch Cido schwer schluckte, bevor er nervös mit seinem Hemd zu spielen begann: „Ich… ich…“
Er fand keine Worte, sodass er nur seufzte und dann einfach schwieg und seinen Blick betrübt auf den Boden richtete. Was sollte er auch sagen? Der Kämpfer hatte ja Recht. Er war hin und her gerissen. Wenn es nach Cido ging, müssten sie gar nicht erst kämpfen, dann müsste auch niemand zu Schaden kommen. Aber es war nun einmal anders. Ihr Leben war in Gefahr und Xenio hatte es bis jetzt immer tapfer verteidigt. So viele Wunden hatte der Kämpfer schon davon getragen und dennoch schritt er neben ihm her, als wäre nichts gewesen. Woher nahm er nur dieses Durchhaltevermögen?
„Tut dir denn nichts weh?“, fragte er nach einer Weile, wodurch ihn Xenio irritiert ansah und anscheinend ein paar Sekunden brauchte um zu begreifen, was der Junge überhaupt von ihm wollte, bevor er dann abwinkte: „Nein, es geht schon. Ich bin so was gewohnt. Wenn wir in der Stadt sind, werde ich sie verarzten.“
Cido konnte den Worten keinen Glauben schenken. Er hatte das viele Blut gesehen, das von dem Horn des Einhornes geflossen war. Dann die Schläge von Zwerginio. Dennoch schritt der Kämpfer neben ihm her, wobei er durchaus den ein oder anderen blauen Fleck auf der Haut erkannte. Das musste doch alles höllisch wehtun. Dennoch lief Xenio unverändert weiter.
Sein Blick wanderte immer noch über die Gestalt neben sich. Die weiße Kleidung war an mehreren Stellen zerrissen und rot gefärbt. Doch die Blutungen schienen alle schon versiegt zu sein, was Cido ein wenig erleichtert aufatmen ließ. Trotzdem mussten da noch die Schmerzen sein. Sie konnten doch nicht einfach so verschwunden sein. Aber wenn Cido in die Augen seiner Begleitung sah, dann erkannte er dort nicht einmal den Hauch von Pein. Was musste dieser Mensch schon erlebt haben, um so robust zu sein? Er wollte es gar nicht wissen.
„Was ist los? Hab ich irgendwo einen Pickel?“, reagierte Xenio auf das Anstarren seines Körpers, wodurch Cido kurz zurückzuckte und entschuldigend die Hände hob: „Ähm, tut mir Leid. Und nein. Aber du siehst schrecklich aus und ich kann einfach nicht glauben, dass es dir gut geht. Du siehst nämlich nicht so aus.“
„Das haben schon viele gesagt. Aber es ist nun einmal so. Ich spüre die Schmerzen kaum noch und wie schon gesagt, sobald wir in meinem Heimatdorf sind, werde ich mich verarzten und dann wird alles besser werden“, versuchte er den Jungen zu überzeugen, doch dessen Blick zeigte deutlich, dass er den Worten keinen Glauben schenkte, wodurch Xenio nur seufzte: „Dann lass es halt, wenn du mir nicht glauben willst. Aber es geht mir gut. Und es ist auch nicht mehr weit. Man kann schon die Umrisse erkennen.“
Er wollte eigentlich nur ablenken, doch es klappte fabelhaft, sodass sich Cido wieder nach vorne wandte und ein Lächeln auf seine Lippen trat: „Endlich. Ich sehne mich so sehr nach einem gemütlichen Bett.“
„Nicht nur du“, stimmte ihm Xenio zu, wobei er sanft lächelte und seine Schritte ein wenig beschleunigte, als er merkte, dass der Jüngere dabei war ihm davon zu eilen. Sein Kettenhemd raschelte leicht unter seinen schnelleren Bewegungen, doch er ignorierte es und ging einfach weiter. Es gehörte zu seinen Schritten, wie der knisternde Staub unter seinen Füßen.
Er spürte, wie der Junge am Liebsten los gerannt wäre, doch die Sorge um sein Befinden ließ ihn langsamer werden, was Xenio zu einem leichten Lächeln verleitete. Cido war schon süß und irgendwie war er froh, dass er ihn getroffen hatte. Auch wenn die Umstände, die sie zusammen geführt hatten, nicht unbedingt die Besten waren, freute er sich darüber.
„Los, lauf schon einmal voraus. Es wird schon nichts passieren und ich komme ja auch gleich nach“, meinte der Kämpfer dann ruhig und im nächsten Moment war der Junge dann auch schon davon gestürmt. Er fühlte sich einsam, doch die Zuversicht, dass er den Braunhaarigen eh bald wieder sehen würde, ließ ihn sanft lächeln, während seine Füße ihn immer näher an die Stadt herantrugen.
Cido lief ruhig schneller. Er sehnte sich nach einem Bett und den Schlaf. Schließlich war er schon über einen Tag wach und er spürte, wie seine Kräfte langsam zu Neige gingen.
Immer wieder wandte er sich kurz um, damit er den Schatten des Kämpfers sehen konnte, denn es beruhigte ihn nicht alleine zu sein. Es fühlte sich gut an sich des Schutzes des Kämpfers sicher zu sein, denn er hatte noch niemanden getroffen, der so sicher mit dem Schwert umgehen konnte, wie dieser blonde Junge. Und das Alles obwohl er gerade mal ein Jahr älter war als Cido selbst. Wie musste sein Leben gewesen sein, dass er solche Fähigkeiten entwickelte? Welches Grauen musste er schon gesehen haben, um so gefühllos werden zu können?
Cido wollte mehr über seinen Begleiter wissen. So viel mehr. Dadurch bereute er es schon fast vorgerannt zu sein, doch er konnte schon das Stadttor sehen, wodurch er sich entschloss einfach auf den Kämpfer zu warten. Sie hatten alle Zeit der Welt und Cido würde ihn später auch noch Löcher in den Bauch fragen können.
Ein breites Grinsen legte sich auf seine Lippen, als er an den Duft des anderen zurückdachte, den er wahrnahm als er sich um dessen Hals geschmissen hatte. Er strahlte so viel Kraft und Sicherheit aus, dass Cido schon in diesem Moment einfach einschlafen hätte können.
Als er nur noch wenige Schritte von dem Tor entfernt war, verlangsamte Cido seine Schritte und stellte sich in den Schatten der großen Mauer um auf Xenio zu warten. Auf seinen Kämpfer, der ihn immer wieder retten würde. Sein Leben mit dem eigenen verteidigen würde.
Cido hatte nur einen Menschen kennen gelernt, der sich für ihn geopfert hat und das war sein Großvater. Doch daran wollte der Braunhaarige jetzt nicht denken. Denn Xenio wird nicht sterben. Nicht so wie sein Verwandter. Das wird er niemals zulassen. Auch wenn er kein Kämpfer war, so hatte er auch eine Waffe, die ihn half sein Leben und das seiner Liebsten zu verteidigen.
Ruhig beobachtete er den Schatten weiter, wie er sich der Stadt näherte. Die Schritte waren sicher und wenn Cido nicht wusste, was dieser Körper schon alles geleistet hatte, dann würde er nicht damit rechnen, dass es so war. Diese Kraft schien grenzenlos zu sein. Woher nahm er sie nur?
Nach einer schieren Ewigkeit kam Xenio auch endlich bei dem Tor an, wobei er den Jungen sanft anlächelte: „Da bist du ja endlich.“
„Tut mir Leid, aber ich hatte es nicht so eilig wie du. Und es war halt doch noch ein gutes Stück zu gehen“, entschuldigte sich Xenio, wobei Cido ruhig neben ihn trat: „Nicht so wichtig. Du bist ja jetzt da.“
„Na ja, wärst du bei mir geblieben, hättest du nicht warten müssen“, sprach Xenio ruhig weiter, wodurch Cido kurz die Backen aufblähte: „Aber, ich wollte so schnell wie möglich ankommen.“
„Und was hat es dir gebracht? Nichts. Du musstest doch auf mich warten und bist auch keine Sekunde früher in der Stadt oder gar in einem Bett“, widersprach Xenio sofort, was Cido nicht verstand. Warum kritisierten ihn Xenio jetzt? Hätte er sich nicht einfach freuen können, dass er auf ihn gewartet hatte?
„Es tut mir Leid, das nächste Mal warte ich nicht mehr auf dich“, grummelte Cido, wodurch Xenio nur aufstöhnte: „Jetzt komm nicht schon wieder damit.“ „Mit was denn?“, zankte der Braunhaarige weiter. „Damit, dass du auf beleidigt tust und mir den schwarzen Peter zuschiebst. Darauf habe ich keine Lust mehr“, die Stimme von Xenio wurde ohne sein Zutun aggressiver, wodurch Cido kurz zurückschreckte: „Wenn das so ist. Dann geh halt. Wie kommst du überhaupt darauf, dass ich auf dich gewartet habe? Ich wollte mir den Sonnenaufgang noch ein wenig ansehen.“
Xenio seufzte kurz und sah den Jungen verzweifelt an, wobei er seine Hand nach dessen Arm ausstreckte, doch dieser wurde sofort zurückgezogen: „Fass mich nicht an! Verschwinde einfach! Es war Unsinn zu glauben, dass wir zusammen arbeiten können! Dafür sind wir einfach zu verschieden!“
Der Kämpfer konnte nicht glauben, was er dort hörte. War das wirklich der Ernst des Jungen? Sollte er nun einfach gehen? Er ließ seine Hand sinken und ballte sie kurz zur Faust, bevor er resigniert seufzte: „Wenn das dein Wunsch ist.“
„Ja, ist er“, unterbrach ihn der Braunhaarige sofort, was ein erneutes Seufzen von Xenio forderte, bevor er sich umwandte: „Dann trennen sich halt unsere Wege hier. Pass auf dich auf, Kleiner.“
Er schritt davon und Cido wusste nicht, was er sagen sollte. Das wollte er doch gar nicht. Er wollte nur, dass Xenio endlich einmal aufhörte sich selbst als Last zu sehen. Warum konnte der Kämpfer nicht verstehen, wie sich Freunde zueinander verhielten? Rücksicht. Zuneigung. Sorge. Was war mit diesen Gefühlen? Kannte der Blonde sie etwa nicht?
Cido wollte ihm hinterher eilen, doch da tauchte plötzlich ein Schatten über ihn auf und bevor er darauf reagieren konnte, legte man ihm ein feuchtes Tuch auf den Mund und er spürte, wie er schläfrig und es schwarz um ihn herum wurde.
Xenio öffnete die großen Flügel der alten Villa und trat ein. Er wurde von einem staubigen Zwielicht begrüßt und der Geruch von abgestandener Luft stieg ihm in die Nase, was ihn kurz niesen ließ.
Doch er ignorierte die Totenstille in dem Gemäuer und schritt weiter. An den unbenutzten Möbeln vorbei, die aus dunklen Ebenholz und mit Seidenstoff bezogen waren. Sie interessierten ihn nicht, sodass er einfach an den schweren, roten Vorhängen vorbei ging und Fußspuren in dem Staub, der die weißen Marmorfließen bedeckte, hinterließ.
Er mochte dieses Haus nicht, dennoch musste er hier sein, um seine Wunden zu versorgen. Darum nahm er zwei Treppenstufen auf einmal, um schneller in den ersten Stock zu kommen. Auch hier waren die Wände mit Bildern verziert, die von einer dicken Staubschicht bedeckt waren, wodurch man nicht mehr erkannte, was sie einst mal abgebildet hatten.
Doch Xenio kannte jedes einzelne von ihnen blind und er konnte es nicht verhindern, dass er nach wenigen Schritten vor einem Gemälde stehen blieben. Auch auf diesen machte es ihm die Staubschicht unmöglich etwas zu sehen, wodurch er sie kurzerhand mit seinem rechten Ärmel wegwischte.
Er sah in drei Gesichter. Ein junger Mann mit schwarzen Haaren und roten Augen lächelte warm und umarmte sanft seine Frau, die goldene Augen und violette Haare hatte. Auf ihrem Schoß saß ein blonder Junge mit eisblauen Augen, der übers ganze Gesicht strahlte.
Sein Hals schnürte sich zu, als er über die Gesichter der Erwachsenen fuhr, während er die brennenden Tränen versuchte niederzukämpfen. Immer wieder zitterte seine Hand, als sie die sanften Konturen nachfuhr, bevor er sie langsam zu einer Faust ballte und dann sinken ließ.
Sie waren tot. Schon seit vielen Jahren. Doch der Schmerz wurde nicht weniger. Jedes Mal wenn er eine Familie sah, wurde er daran erinnert, was man ihm gewaltsam nahm. Und er würde es nie wieder zurückbekommen. Egal was er dafür tat. Sie waren gestorben und er war für immer alleine. Niemand wollte ihn je wieder haben und keiner würde ihn je wieder verstehen.
Er riss sich schließlich von dem Bild los und ging weiter in das Zimmer neben dem Bild. Auch hier herrschte das Zwielicht, weil die Gardinen zugezogen waren. Doch Xenio brauchte auch kein Licht. Er kannte sich hier blind aus. Schließlich war es sein eigenes Zimmer, wodurch er gänzlich eintrat und schließlich aus dem Anzug schälte. Der kaputte Stoff fiel achtlos auf den Boden, denn es war unwichtig, ob es hier sauber war oder nicht. Niemand würde hier je wieder wohnen solange Xenio am Leben war.
Das Kettenhemd und die Waffen legte er behutsam auf das staubige Bett, bevor er sich daneben niederließ und kurzerhand eine Schublade des Nachtkästchens öffnete, um daraus eine Kruke zu nehmen. Sie beinhaltete eine Salbe, die nach einer alten Familienrezeptur hergestellt wurde und in der Lage war jede Wunde heilen zu lassen.
Kurzerhand öffnete er den Deckel und tauchte die Finger in die kühle Substanz, bevor er damit begann jede Verletzung einzureiben. Er hatte viele Schnittwunden von Drakinas Horn und auch die blauen Flecken des Zwerges waren nicht gerade ohne. Doch er verarztete jede Blessur mit sanfter Hingabe, wobei er froh war, dass sie alle schon geschlossen waren, denn sonst wäre es schmerzhaft geworden.
Nach einer kleinen Ewigkeit konnte er den Deckel wieder schließen und sich langsam wieder anziehen. Erst das Kettenhemd, dann nahm er aus dem Schrank seines Vaters, dessen Schlafzimmer gegenüber seines eigenen Raumes lag, einen neuen Anzug und schlüpfte in die Kleidung, bevor er sich seine Schuhe wieder anzog und die Waffen einsteckte.
Das Schwert kam an die Hüfte, der Dolch wieder an seinen Knöchel, während der Bumerang in eine Schlaufe an der Innenseite des Oberteils gesteckt wurde und die Peitsche auf der anderen Seite seiner Hüfte befestigt wurde. Zum Schluss legte er sich noch den Köcher und den Bogen um die Schulter, nachdem er seinen Bestand an Pfeilen wieder aufgefrischt hatte. Er steckte auch die Kruke ein, um sich bei Bedarf wieder verarzten zu können.
Noch einmal sah er sich in seinem alten Zimmer um, wobei er das Spielzeug auf dem Boden sah. Es lag noch dort, wie an dem Tag als er gegangen war und er wollte es nicht aufräumen. Egal wie oft er nun schon hier gewesen war. Es musste liegen bleiben, um ihn zu zeigen, wann sein altes Leben beendet wurde und das Neue begonnen hatte. Wie brutal ihm seine Kindheit geraubt wurde.
Ein Seufzer stahl sich über seine Lippen und er wandte sich ab, verließ das Zimmer und ging nun die Treppen gemütlicher nach unten, während seine Finger sanft über das Geländer glitten. Wie oft war er aus Spaß einfach nach unten gerutscht und wie oft hatte ihn seine Mutter deswegen ausgeschimpft? Er würde es sofort wieder tun, wenn er dadurch nur noch einmal ihre Stimme hören könnte. Aber sie war für immer verstummt. Genauso wie sein Vater, der ihn nie wieder auf die Schultern heben würde und ihm das Jagen beibrachte. All das musste er sich selbst lehren, um zu überleben.
Schließlich war er unten angekommen und sein Blick glitt in das Wohnzimmer, was vom Flur abzweigte und der Raum war, den er nie wieder betreten wollte, wodurch er seinen Blick abwandte und dann die Villa wieder verließ.



