- -
- 100%
- +
„Hallo Mama“, begrüße ich sie.
„Servus. Stimmt etwas nicht?“, fragt sie mich und sieht mich musternd an.
Es lässt sich nicht scheinbar nicht verbergen wie ich mich fühle. Ich fühle mich fürchterlich. Einerseits fürchterlich gut, andererseits fürchterlich nachdenklich. Ich schiebe diesen Zustand kurz beiseite. Da mein Vater noch nicht da zu sein scheint, nutze ich die Gelegenheit um mit Mama zu sprechen.
„Nein…Alles ok. Mama…Ich muss dich etwas fragen…“, stammle ich.
„Ja, was denn Anna. Ist etwas passiert?“
Ich zucke mit den Schultern und schiebe mein Fahrrad in den Schuppen.
„Anna, los raus damit. Was ist denn?“ Sie greift nach meiner Hand und lächelt mich mild an. Sie weiß, dass ich nichts Unüberlegtes tue. Sie kennt mich. Da ist so viel Wärme und liebe in ihrem Blick.
„Da ist ein Junge…“, sage ich leise und senke meinen Blick. „Also ein Junge ist er nicht mehr wirklich…Er hat am Samstag Geburtstag und ich würde gerne hingehen…“, stammle ich nervös.
„Aha. Komm. Setzen wir uns auf die Bank“, meint sie neugierig.
Ich folge ihr und lehne mich an die kühle Hauswand.
„Wie alt wird er denn?“, fragt sie vorsichtig.
„Einundzwanzig. Er macht Urlaub. Am Herzoghof.“ Ich sehe sie an und lächle kurz, was sie erwidert. „Ich habe mich in ihn verliebt“, sage ich so leise, dass man es kaum hört.
Sie nickt und lächelt immer noch. Sie lässt mir kurz Zeit, dann fragt sie genauer nach. Ich erzähle ihr alles, was wirklich guttut.
„Papa wird das nicht erlauben“, seufze ich und senke meinen Blick.
Mama seufzt auch. „Bestimmt nicht. Würdest du weiter gehen, als das was du mir gerade erzählt hast? Ich meine, er ist vermutlich bald weg. Auch wenn ich ihn nicht kenne, Männer vergessen danach gerne alles schnell.“
Würde ich weiter gehen? Keine Ahnung. Ich könnte es mir vorstellen, auch wenn ich nicht genau darüber nachgedacht habe bis jetzt.
„Ich möchte einfach gerne auf die Geburtstagsfeier“, murmle ich. „Ich habe nicht vor irgendetwas in der Richtung zu tun Mama.“
Sie nickt. „Aber er vielleicht.“
„So ist er nicht.“
Wieder nickt sie. „Ich lasse mir etwas einfallen Anna.“ Jetzt lächelt sie wieder.
Wir sitzen noch ein bisschen so da. Ohne über Julian zu sprechen. Ich bin froh es ihr erzählt zu haben. Vorsichtig lege ich meinen Kopf auf ihre Schulter.
„Danke Mama…“, murmle ich mich an sie schmiegend.
Kapitel 6
Anna
Heute ist Julians Geburtstag. Der Tag hat schon so toll begonnen. Er hat mich zum Frühstück eingeladen. Wir sind in den Nachbarort gefahren und lange im kleinen Café im Ort gesessen. Er hat immerzu meine Hand gehalten. Ich bin verliebt und ich glaube er ist es auch. Sein Blick. Ich schließe kurz meine Augen. Ich freue mich total ihn gleich wieder zu sehen. Jetzt bin ich allerdings wieder zu Hause und warte. Mama hat sich etwas überlegt. Ich habe zwar kein gutes Gefühl dabei, aber das muss ich jetzt wohl ausblenden. Sonst ist mein Vater Samstag abends immer irgendwo unterwegs, aber heute ist er natürlich zu Hause. Als würde er spüren das etwas im Gange ist. Mama meint ich soll warten bis es ein bisschen später ist und mich dann raus schleichen.
„Anna!“, ruft mich mein Vater kurz nach acht. Gut, dass ich noch nicht umgezogen bin. Ich öffne meine Zimmertüre.
„Ja?“, rufe ich hinunter.
„Deine Mathe Übungen für die Woche? Du hast sie mir noch nicht gezeigt“, ruft er zurück.
„Das kann sie doch auch morgen machen“, fällt Mama ihm ins Wort.
„Gabi. Das ist unsere Sache“, stellt er sie wie gewohnt ab. „Misch dich da nicht ein.“
Ich atme durch. Shit. Ich habe noch gar nicht alles fertig. Mir fehlen noch ein paar Beispiele für die ich diese Woche einfach keine Zeit hatte und auch keinen Kopf. Weil mein Kopf voll mit Gedanken an Julian ist.
„Ja…Ich weiß… Ich mach´s gleich fertig“, rufe ich hinunter und haste zu meinem Schreibtisch.
Ihm wird nicht auffallen, wenn ich irgendetwas hinschreibe. Für den Stoff reicht sein IQ nicht. Trotzdem habe ich Angst, ihn zu bescheißen. Heute tue ich es trotzdem. Ich schreibe irgendwelche Phantasie Gleichungen neben die Rechnungen. Ein leichter Wind kommt auf und weht angenehm in mein Zimmer. Es ist fürchterlich schwül heute. Hoffentlich kommt kein Gewitter. Es klopft an meiner Tür die zeitgleich schwungvoll aufgeht. Ich zucke zusammen. Papa kommt ins Zimmer und bleibt neben mir stehen. Er atmet durch.
„Immer am letzten Drücker“, sagt er leise aber bestimmt.
Ich lege den Stift weg und presse meine Hände auf den Tisch, da ich vor Angst über meinen Betrug erwischt zu werden zittere.
„Ich bin schon fertig“, sage ich leise.
Er nimmt mir das Blatt aus der Hand und sieht mit verengtem Blick darauf. Ich senke meinen Blick und halte kurz die Luft an. Er sieht länger als gewohnt darauf. Mir wird warm. Er kennt sich nicht aus, das weiß ich, trotzdem überfällt mich eine innere Panik die ich mühsam verberge.
„Im nächsten Jahr hast du Matura. Streng dich mehr an. So wird da nichts“, sagt er und legt das Blatt wieder hin.
Ich nicke zaghaft und atme vorsichtig aus. Er verlässt mein Zimmer wieder. Mein Hals fühlt sich komisch an. Als würde man mir die Luft abdrücken. Ich hasse mein Leben in diesem Haus. Warum kann ich nicht einfach wie alle Mädchen in meine Alter samstags weggehen? Ich lege mich auf mein Bett und könnte schreien. Ich sollte einfach hinunter gehen und sagen was Sache ist. Oder abhauen. Für immer. Ich schnappe nach Luft. Das kann ich nicht. Mama braucht mich. Darum warte ich und bin still. Wie immer. Ein leises Klopfen reißt mich auf. Shit. Ich bin eingeschlafen. Mama schaut ins Zimmer. Es reißt mich auf. Schnell werfe ich einen Blick auf meinen Wecker. Kurz nach elf. Mist…Er wird denken ich komme nicht.
„Wir gehen jetzt schlafen. Gute Nacht Anna“, sagt Mama und zwinkert dabei.
„Ja…Gute Nacht“, sage ich und stehe zeitgleich auf. „Ich muss noch ins Bad.“
Sie nickt als ich an ihr vorbei gehe. „Viel Spaß“, flüstert sie und gibt mir einen Kuss auf die Wange.
Da ich nicht viel Zeit verschwenden will, muss duschen und ein hübsches Kleid ausreichen. Ich schleiche mich wie mit Mama ausgemacht aus dem Haus und versuche über den Hof zu gehen, ohne dass das automatische Licht angeht. Mein Fahrrad habe ich schon so abgestellt, dass ich nur noch losradeln muss. Es ist stockdunkel, meine Lampe erhellt die Nacht nur schwach. Je näher ich zum Herzoghof komme, umso nervöser werde ich. Ich höre schon leise die Musik und das Reden und Lachen der Leute. Der Hof ist recht abgelegen, darum stört sich hier auch niemand an einer Party. Die letzten Meter schiebe ich mein Fahrrad. Um meinen Puls zu regulieren und nicht komplett atemlos anzukommen. Ich lehne es an eine Scheunenwand und gehe schüchtern durch die Partygäste. Ich kenne zwar die meisten, auch wenn ich nicht wirklich etwas mit ihnen zu tun habe. Mich nach Julian umsehend, merke ich wie meine Knie ein wenig schlottern. Vielleicht ist es ein Fehler mich weggeschlichen zu haben. Hier sind alle schon so gut drauf, ich passe gar nicht dazu. Außerdem wäre es doch gut gewesen etwas Makeup aufzulegen, wenn ich die anderen Mädchen ansehe, komme ich mir viel zu normal vor. Gerade als ich weiter zu zweifeln beginne sehe ich Julian. Ich gehe auf ihn zu und plötzlich fällt alles von mir ab. Er sieht auf und lächelt mich an.
„Hey…Ich dachte schon du kommst nicht mehr…“ Er zieht mich direkt in seine Arme und küsst meinen Hals. Das ist überraschend offensiv zwischen den ganzen Leuten, aber er scheint auch schon ordentlich etwas getrunken zu haben. Doch ich sehe darüber hinweg. Es ist sein Geburtstag und ich bin um Stunden zu spät.
„Sorry…es ging nicht früher“, entschuldige ich mich und greife nach seiner Hand.
„Komm, was trinkst du?“ Er zieht mich zur Seite und schenkt mir etwas ein. Ich nehme das Getränk und lächle ihn an. Dann nehme ich einen Schluck. Plötzlich nimmt er mir das Glas aus der Hand und umarmt mich fest. Sehr fest. Ich erwidere es. Dann küsst er mich erneut zwischen den ganzen Leuten. Die Blicke der anderen sind mir jetzt aber egal.
„Du bist betrunken“, schmunzle ich uns streiche dabei durch seine Haare.
„Nicht so sehr…“, haucht er nahe meinem Mund und küsst mich erneut.
Wir tanzen und es ist perfekt. Ich liebe es ihn nahe an meinem Körper zu spüren. Meine Hände umklammern ihn fest. Irgendwann reißen seine Freunde ihn von mir weg, aber das macht nichts. Schließlich sind da auch noch andere Gäste. Ich lehne mich an eine Holzwand und genieße das laue Lüftchen, das unter mein Kleid weht. Zuerst sieht Julian immer wieder zu mir, doch dann verliere ich ihn aus den Augen. Mit den anderen Mädels kann ich mich nicht wirklich unterhalten, weil ich nicht weiß was ich mit ihnen reden soll. Nach einiger Zeit sehe ich mich nach ihm um. Da gibt es scheinbar ein Trinkspiel. Ich gehe näher. Julian muss Schnaps trinken. Viel Schnaps. Das gefällt mir nicht. Den anderen gefällt es aber außerordentlich gut wie es aussieht. Da sind auch die Mädchen vom See, auch Janine. Sie amüsiert sich augenscheinlich perfekt. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. Es kommt nie etwas Gutes heraus, wenn zu viel getrunken wird. Ich mag das einfach nicht und brauche es auch nicht um gut drauf zu sein. Eine Zeitlang sehe ich zu, er bemerkt mich nicht einmal mehr. Das tut unerwartet weh. Ja es ist sein Geburtstag, aber ich bin wegen ihm gekommen. Ich zupfe an meinem Kleid und überlege was ich tun soll. Dann drehe ich mich um und gehe an ihm vorbei. So, dass er mich sieht. Als ich schon am Weg zu meinem Fahrrad bin, höre ich ihn mir nachrufen.
„Anna! Was ist denn?“ Er lallt gewaltig und als ich mich umdrehe kann ich nur die Augen verdrehen. Er wankt auch ordentlich.
„Ich fahre wieder“, sage ich leise ohne ihn anzusehen.
„Warum denn? Bist du böse?“
Ich schüttle den Kopf und gehe weiter. Enttäuscht. Ich bin enttäuscht, aber auch das behalte ich für mich.
„Anna…Komm schon…“ Er schließt auf und erwischt mich an meiner Hand. „Anna“, sagt er jetzt leiser und zieht mich an sich.
Ich atme durch. So gefällt er mir nicht. Naja schon, aber ohne den Vollrausch finde ich ihn viel süßer. Er beginnt mich zu küssen, auch wenn ich den Schnapsgeruch dabei ausblenden muss ist es schön. Der Kuss wird inniger, er drückt mich an die Schuppenwand und streicht durch meine Haare, seine Lippen saugen an meinem Hals. Ich muss ihn bremsen, weil ich befürchte sonst einen Knutschfleck zu bekommen, das kann ich so gar nicht gebrauchen.
„Nicht…Lass das Julian“, sage ich und drehe mich zur Seite. Er sieht mich kurz an, dann küsst er mich weiter. Er ist atemlos und ich überfordert. Seine Hände wandern meine Taille hoch und streichen über meine Brust. Das macht er sehr bewusst ich schiebe sie wieder weg. Auch wenn ich seine Berührungen mag, so gefällt mir das nicht. Es ist nicht zärtlich und er betrunken. Er lässt sich allerdings nicht abbringen, jetzt schiebt er mein Kleid hoch und gleichzeitig sein Bein zwischen meine und seine Hände sind plötzlich unterm Kleid an meinem Po. Das ist zu viel.
„Nein! Bitte!“, stoße ich ihn energisch zurück.
„Was hast du denn?“, meint er verständnislos.
„So nicht Julian!“
Er schüttelt den Kopf, fast als fände er meinen Einwand lächerlich. „Wie denn dann? Wie willst du es haben?“
Ich reiße mich von ihm los und sehe ihn geschockt an, dabei schnappe ich nach Luft. „Spinnst du?!“
Er zieht die Augenbrauchen hoch und schmunzelt. Ich senke mit gekränktem Blick mein Gesicht und schüttle enttäuscht den Kopf. Dann gehe ich ohne ein weiteres Wort zu sagen zu meinem Fahrrad.
„Sorry Anna! Komm schon…Bleib stehen! “, ruft er mir noch nach, doch ich reagiere nicht mehr darauf. Alles fühlt sich ganz falsch an. Schmerzlich und falsch. Ich schnappe nach Luft. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Nachdem ich ein Stück gefahren bin, bleibe ich an der Hofausfahrt stehen und versuche mich zu sammeln. Doch es gelingt nicht. Tränen laufen über meine Wangen. Habe ich mich wirklich so getäuscht? Warum? Mein Magen dreht sich fast um, als mich das Krachen eines lauten Blitzes, gefolgt von einem mächtigen Donner zusammenschrecken lässt. Der Wind nimmt zu, die Blätter der angrenzenden Bäume beginnen zu rascheln, als ich auch schon große Tropfen spüre. Mist. Ich steige schnell wieder auf und radle im immer weiter zunehmenden Gewitterregen los. Es blitzt und donnert und ich bekomme Angst, weil ich mitten in diesem Inferno unterwegs bin. Aber es ist nicht mehr weit, darum trete ich einfach weiter. Als ich unsere Einfahrt hinuntertrete, schrecke ich erneut zusammen, weil die Sirene lautstark losheult. Vermutlich hat irgendwo der Blitz eingeschlagen. Ich stelle mein Fahrrad ein und kann immer noch keinen klaren Gedanken fassen, ich bin einfach nur froh wieder zu Hause zu sein. Alles in meinem Kopf ist wirr und durcheinander. Gerade als ich den Schlüssel unter der Matte vor der Tür hochheben will, öffnet sich diese. Mein Vater stoppt ab und sieht mich an. Die Sirene. Fuck. Ein Feuerwehreinsatz. Ich schließe kurz meine Augen. Oh mein Gott…
„Anna! Bist du wahnsinnig? Was macht du denn?“, schreit er mich an und packt mich am Arm.
Ich kann nichts sagen, reiße mich los und laufe panisch an ihm vorbei, die Stiege hinauf in mein Zimmer. Atemlos lehne ich mich an die Tür und höre wie er wegfährt. Ich reibe mir die Schläfen, wieder laufen Tränen über meine Wangen. Ich muss nachdenken. Shit.
„Anna?“ Mama klopft an die Tür.
Ich öffne diese langsam. „Entschuldige…Er hat mich gesehenen…“
„Keine Angst, ich mach das schon“, beruhigt sie mich.
Ich nicke schluchzend, auch wenn ich ihr glauben will, weiß ich jetzt schon, dass es nichts helfen wird. Sanft streicht sie über meine Wange. „War es denn schön?“
Schön? Es hätte schön sein können. Ich hätte besser zu Hause bleiben sollen. Wortlos lege ich meine Hände vors Gesicht und kann nicht aufhören zu weinen.
„Ach Anna…“, beruhigt mich Mama und hilft mir aus dem nassen Kleid zu schlüpfen. „Schlaf jetzt, morgen sieht die Welt ganz anders aus.“
Auch das glaube ich nicht. Denn ich weiß, was auf mich zukommt. Ich schlüpfe kraftlos unter meine Decke, sie bleibt noch ein bisschen bei mir dann geht sie aus dem Zimmer. Mein ganzer Körper zittert und ich kann mich nicht beruhigen. Ich weiß, dass mein Vater ausrasten wird, wenn er wieder zurück ist, Mama wird das nicht verhindern können. Außerdem geht mir Julians Verhalten nicht aus dem Kopf. Er war doch nie so. Geht es ihm wirklich nur darum? Will er nur Sex? Mich ausnutzen und dann wieder abhauen? Ich denke lange darüber nach, kann es aber einfach nicht verstehen.
Laute Worte reißen mich auf. Ich bin eingeschlafen. Irgendwann. Es wird schon hell. Ich habe so viel geweint, dass ich meine Augen kaum aufmachen kann. Sie sind ganz zugeschwollen. Mein Wecker zeigt kurz nach fünf.
„Lass sie jetzt schlafen und leg dich auch noch hin“, höre ich Mama ruhig aber bestimmt sagen.
„Sag mal spinnst du? Was ist denn los mit euch Weibern?“, schreit mein Vater. „Sie führt sich auf wie eine Schlampe! Ich dulde das nicht! Nicht unter meinem Dach!“
Ich kenne die Tonlage seiner Stimme. Nach dem Feuerwehreinsatz ist es nicht bei einem Bier geblieben. Das kann ich deutlich hören. Ich liege regungslos da, aber mein Herz klopft. Ich höre ihn die Stufen heraufpoltern. Jetzt bin ich auf alles eingestellt. Ich weiß was passieren wird.
„Nein habe ich gesagt! Lass sie!“, schreit Mama ihn an. Er ist schon fast vor meiner Tür.
„Nein…Nein…Bitte nicht“, bettle ich in Gedanken. „Bitte lieber Gott, wenn es dich gibt, dann hilf mir jetzt.“
Meine Tür öffnet sich schwungvoll. Mama zerrt an seinem Arm und ich habe Angst, er wird sie gleich wegschubsen. Ich springe aus dem Bett und schüttle hysterisch den Kopf.
„Lass bitte Mama!“, flehe ich und sehe in seine geröteten Augen. Ich kann den Alkohol riechen und seine Wut auf mich spüren. Die Ader an seinem Hals ist hervorgetreten, ich sehe wie sie pumpt. Ich will noch etwas zu meiner Verteidigung sagen, doch da habe ich seine flache Hand schon im Gesicht. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ich schnappe nach Luft. Meine Wangen beginnen zu glühen, so fest hat er zugeschlagen. Mama schreit ihn an.
„Sei ruhig!“, schreit er zurück und stößt sie kraftvoll aus dem Zimmer.
„Lass Mama“, wiederhole ich. Während dieser Worte schlägt er wieder auf mich ein.
„Wo warst du denn? Am Herzoghof? Willst so werden wie die Flittchen aus dem Dorf? Schau dich an wie du aussiehst in deinen knappen Hosen! Das ekelt mich an!“, schreit er nahe an meinem Gesicht.
„Was weißt du schon!“, schreie ich emotionslos zurück und bereue meine Worte sofort. Wieder schlägt er mir direkt ins Gesicht.
„Was ich weiß?! Ich weiß das du mit irgendwelchen Typen im Café im Nachbarort herummachst! Die Frau vom Pichler Franz hat dich gesehen! Geschmust hast du mit ihm, in aller Öffentlichkeit! Bist du total übergeschnappt?!“
Erneut trifft mich seine Hand kraftvoll an der Wange, ich kann nichts mehr sagen, denn jetzt hört er nicht mehr auf. Immer wieder schlägt er auf mich ein. Mama weint laut und versucht ihn davon abzuhalten. Ich mache es wie immer. Ich schalte ab. Irgendwann ist es vorbei, ich versuche mich gedanklich wegzubeamen. Da ist nur noch mein Körper auf den er einschlägt, ich bin eine leere Hülle. Es ist als würde ich aus mir herausschlüpfen und alles aus sicherer Entfernung beobachten. Es tut nicht weh, ich lasse den Schmerz nicht an mich heran. Ich halte das aus, Mama nicht. Sie ist zu schwach dafür. Ich bin stark. Genau jetzt. Ein Schlag trifft mich noch an der Schulter, einer neben der Nase. Dann ist es vorbei. Auf Knien kauernd stütze ich mich mit meinen Händen am Holzboden ab und sehe ihm nach wie er das Zimmer verlässt und Mama und mich zurücklässt. Die Tür fliegt schwungvoll ins Schloss. Etwas Blut aus meiner Nase tropft auf den Boden. Mama lässt sich auf den Boden sinken und zieht mich in ihre Arme. Sie weint laut, ihr ganzer Körper bebt.
„Mama…“, murmle ich mit erstickter Stimme. „Bitte nicht weinen…“
Kapitel 7
Anna
Ich liege im Bett und sehe zu wie der Minutenzeiger sich unaufhörlich im Kreis bewegt. Es ist kurz nach zwölf. Mein Gesicht fühlt sich heiß an, in meiner Nase pocht es. Mein Kissen ist ein wenig blutig. Mama hat mir vorhin eine Suppe auf den Tisch gestellt, aber ich mag nichts. Irgendwie würde ich gerne duschen, aber ich habe Angst mich im Spiegel anzusehen. Darum bleibe ich liegen. Kurz denke ich an Julian. War es nur der Alkohol, oder macht er sich wirklich nichts aus mir? Bin ich wirklich das Flittchen für das mich mein Vater hält? Ich drehe mich auf die Seite, meine Schulter tut weh. Dann schließe ich meine Augen.
Schritte in meinem Zimmer wecken mich. Ich öffne ganz vorsichtig meine Augen, als ich sehe, dass es mein Vater ist, schließe ich sie schnell wieder und stelle mich weiterschlafend. Er legt etwas auf meinen Schreibtisch. Dann kommt er zum Bett und bleibt neben mir stehen. Ich halte die Luft an. Geh weg. Geh einfach weg. Er atmet hörbar durch und streicht über meine Schulter. Es kostet mich viel Überwindung sie nicht wegzuziehen und weiter ruhig zu bleiben. Dann geht er aus dem Zimmer. Ich atme durch und richte mich auf. Mein Handy liegt am Schreibtisch. Schlechtes Gewissen. Toll. Wie kann man nur so ein Mensch sein? Mit seinem Verhalten hat er schon meine Brüder aus dem Haus vertrieben, wie kann es sein, dass man so ignorant ist? Mama sagt, er war nicht immer so. Es hat mit dem Trinken angefangen. Dann fing er an zu spielen. Wir haben darum fast den Hof verloren. Früher hatten wir einen großen Weinbetrieb mit viel Grundbesitz. Es ist alles drauf gegangen. Zum Glück konnten wir das Haus behalten. Ich habe von all dem nicht viel mitbekommen, weil ich noch zu klein war, aber ich kann mich immer nur an den autoritären Vater erinnern, wobei das noch freundlich ausgedrückt ist. Er hat mich noch nie liebevoll angesehen, oder in den Arm genommen. Da war kein nettes Wort oder gar ein Lob aus seinem Mund. Es ist schrecklich, aber ich hasse ihn. Wie kann ich Hilfe von Gott erwarten, wenn ich meinen eigenen Vater hasse?
Mühsam krabble ich aus dem Bett und stecke mein Handy an das Ladekabel. Es ist schon fast fünf Uhr geworden. Ich brauche dringend eine Dusche. Wehmütig schaue ich aus dem Fester. Wofür das alles? Ich sehe meinen Vater wegfahren. Es ist wie ein schwerer Stein der von mir abfällt. Er muss auf eine Baustelle in der Nähe von Wien. Das bedeutet, dass er erst Ende der Woche wieder zurückkommt. Ein paar Tage Ruhe. Ich gehe ins Badezimmer und putze ohne in den Spiegel zu sehen meine Zähne. Dann steige ich unter die Dusche. Mir tut alles weh, mein Gesicht brennt. Das warme Wasser tut trotzdem gut. Ich wickle mich in ein großes Badetuch und mache einen Handtuchturban auf meinem Kopf. Dann nehme ich allen Mut zusammen und schaue in den etwas beschlagengen Spiegel. Ich halte die Luft an. Meine Nase ist aufgeschlagen und unter dem rechten Auge bin ich ein bisschen blau, sonst nur rot. Meine Schulter verfärbt sich auch bläulich. Ich senke meinen Blick. Diese Woche werde ich also nicht aus dem Haus gehen. So nicht. Es ist nicht der Schmerz der mich demütigt, es ist mein Anblick.
„Du weinst jetzt nicht mehr“, sage ich meinem Spiegelbild und versuche alles wie immer zu machen. Ich creme mich ein und trockne meine Haare. Dann ziehe ich mich an. Mama sitzt in der Küche. Sie sieht mich kurz an, ihre Augen füllen sich sofort mit Tränen.
„Anna…Ich…“, stammelt sie, ich unterbreche sie sofort.
„Nein Mama…Hör auf…Du kannst nichts dafür. Es ist ja nicht so schlimm.“
„Nicht so schlimm?“ Mama schüttelt den Kopf. „Es ist schrecklich, fürchterlich. Nicht im Worte zu fassen und ich kann dir nicht helfen. Mir bricht es das Herz Anna. Ich kann dich gar nicht ansehen.“
Ich setze mich neben sie und lege meinen Kopf auf ihre Schulter. Sagen tue ich nichts mehr.
„Es geht so nicht weiter. Ich will, dass du einen Internatsplatz in Graz bekommst, damit du zumindest unter der Woche ein normales Leben führen kannst. Ich kann nicht für dich sorgen, so wie ich das tun sollte.“
Ich sehe auf und schüttle den Kopf. „Natürlich kannst du das, das darfst du nicht sagen. Du kannst nichts dafür! Ich will nicht ohne dich sein. Außerdem würde er es gar nicht erlauben, das weißt du doch.“
Sie seufzt und drückt mich wieder an sich. „Du hast nichts gegessen. Ich mach dir schnell etwas warm.“ Sie streicht sanft über meine schmerzende Wange.
Ich löffle ein bisschen Suppe und Mama erzählt mir, dass Sebastian angerufen hat. Lilly, seine Tochter hat angefangen zu laufen. Ganz stolz erzählt sie mir alles.
„Ich werde sehen, dass du nach der Matura zu ihm fliegen kannst“, meint sie wehmütig.
Ich nicke nur. Ja das wäre toll. Amerika. New York. Vielleicht. Träumen kann man ja. Aber heute habe ich einfach keine Kraft darüber nachzudenken. Ich habe ewig nicht mehr ferngesehen und nachdem Mama und ich allein sind, lege ich mich aufs Sofa und zappe ein bisschen herum. Es tut fast nicht mehr weh, nur noch mein Herz schmerzt. Seufzend wickle ich mich in die Kuscheldecke. Mama hat mich vorhin gefragt was war, aber ich will nicht darüber sprechen. Bald ist er sowieso weg.
Kapitel 8
Julian
Shit. Mein Kopf tut weh und mir ist schlecht. Langsam drehe ich mich zur Seite. Das Licht ist erbarmungslos grell. Oh Fuck... Ich schließe meine Augen schnell, mache sie dann langsam wieder auf und hoffe das Bild, das sich mir offenbart ändert sich, aber sie ist immer noch da. Vorsichtig sehe ich unter die Decke und halte kurz die Luft an. Ich bin nackt. Nein… Habe ich das wirklich getan? Janine rekelt sich und grinst mich triumphierend an. Ich weiß nicht ob es Absicht ist, dass sie mir ihren nackten Busen schonungslos präsentiert. Mir ist unglaublich schlecht und alles beginnt sich zu drehen. Ich springe aus dem Bett und übergebe mich im angrenzenden Badezimmer. Krampfend würge ich alles Mögliche herauf. Was zur Hölle ist passiert? Ich hänge noch über dem Klo, als Janine ihren Kopf zur Tür hereinsteckt.




