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„Alles ok? Klingt nicht gut?“, meint sie und verzieht dabei ihr Gesicht.
„Raus…“, blaffe ich sie an. Sie verdreht die Augen und schließt die Tür wieder. Ich stehe auf und lasse kaltes Wasser über meine Pulsadern laufen. Mühevoll versuche ich mich zu erinnern. In meinen Schläfen pocht es. Ich wasche mein Gesicht und schaue in den Spiegel. Anna. Ich erinnere mich an Anna. Lächelnd schließe ich meine Augen. Sie war so schön und sie roch so gut. Wie immer.
„Kommst du jetzt mal raus?“, beschwert sich Janine und klopft dabei für meinen Schädel zu laut an die Tür. Ich ignoriere es.
Anna…Warum ist sie gegangen? Ich denke angestrengt nach. Shit. Weil ich Mist gebaut habe. Und jetzt steht Janine vor der Tür. Fuck. Fuck. Fuck. Anna hätte neben mir im Bett liegen sollen, nicht sie. Ich wickle mir ein Handtuch um. Zögerlich öffne ich die Tür. Janine sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Haben wir…“, frage ich vorsichtig, weil ich mich absolut an nichts erinnere.
„Was?“, fragt sie mit einem spitzen Ton, der mir im Kopf wehtut. „Sicher haben wir. Was ist denn los mit dir?“
Ich lasse mich aufs Bett sinken. „Scheiße…“, murmle ich.
„Was SCHEISSE?“, schreit sie mich an.
Ich sehe auf und atme durch. „Keine Ahnung warum und wie das passierte, aber das wollte ich nicht. Ich war betrunken und erinnere mich an nichts.“
„Du wollteste es nicht? Das fühlte sich aber ganz anders an. Und jetzt?“
Ich zucke mit den Schultern. „Du hast doch mitbekommen, dass ich und Anna…“
Sie unterbricht mich und gibt mir einen ordentlichen Stoß an die Schulter. „Anna?! Ernsthaft?! Vor ein paar Stunden, da hast du nicht an deine Anna gedacht. Im Gegenteil! Ich kann dir gern erzählen was du alles mit mir gemacht hast! Sag mal tickst du noch richtig?“
Ich schüttle den Kopf. „Bitte hör auf. Es tut mir leid…“
Wieder unterbricht sie mich. „Leid? Mir tut es leid! Du bist echt ein Arschloch!“
Dann packt sie wutentbrannt ihre Sachen und verlässt das Zimmer. Ich amte durch und lasse mich aufs Bett zurückfallen. Scheiße. Was mache ich denn jetzt? In meinem Kopf sticht es dermaßen, dass ich kaum klar denken kann. Doch eines ist ganz klar, wenn ich an Anna denke, zieht es in meinem Bauch und das halte ich fast nicht aus. Was soll ich ihr denn jetzt sagen? Ich schließe meine Augen. Wie sie lächelt…Ihre Lippen…Wie sie küsst…Wie sich ihre Haut anfühlt. Was genau ist heute Nacht passiert? Ich habe sie geküsst, aber sie wollte es nicht. Angestrengt denke ich nach. Warum habe ich nur so viel getrunken, ich mache das doch sonst nie? Ich drehe meinen Kopf ins Kissen, dabei wird mir wieder schlecht. Es riecht nach Janines Parfum. Schwer und bestimmerisch. So wie sie ist. Wie konnte ich mich nur auf sie einlassen? Ich springe auf, kurz dreht sich alles, doch ich nehme mich zusammen und ziehe das Bettzeug vom Polster und der Decke, außerdem reiße ich das Laken fast panisch von der Matratze. Danach bin ich so fertig, dass sich Schweißperlen auf meiner Stirn gebildet haben. Ich werfe die Schmutzwäsche vor meine Tür und stelle mich unter die Dusche. Zuerst drehe ich warm auf, dann eiskalt. Mein Herz pumpt. Meine Hände zittern. Plötzlich fällt es mir ein. Sie hat nein gesagt und ich habe sie blöd angemacht. Ich wollte sie gar nicht so anfassen. Warum habe ich es trotzdem getan? Ich kann nicht verstehen, was mit mir los war. Und dann Janine. Ich senke meinen Kopf und sehe an mir hinab. Daran kann ich mich absolut nicht erinnern, selbst wenn ich mich noch so sehr anstrenge. Ich kann doch nicht einfach mit ihr vögeln…Es würgt mich. Keine Ahnung was Anna jetzt von mir denkt. Dabei bedeutet sie mir so viel. Ich bin nicht hierhergekommen um mich zu verlieben. Es sollte einfach ein unbeschwerter Sommer werden. Doch dann habe ich sie gesehen. Wie sie ihre Augen aufgeschlagen hat nach dem Fahrradunfall. Wieder zieht es in meinem Bauch. Sie ist anders. Ganz anders. Sie ist so klug und besonnen. Und hübsch, auf eine ganz besondere natürliche Art und ohne den üblichen Kleister im Gesicht. Sie hat eine tolle Figur, nicht so skinny wie es jetzt scheinbar in ist, genau das gefällt mir. Sie strahlt eine mädchenhafte Leichtigkeit aus, die ich so nicht kenne. Ja…Sie ist anders…Ich muss lächeln. Papa hat sich auch in Mama verliebt und sie waren weit auseinander. Heute sind sie glücklich. Es ist also nicht ausgeschlossen. Nichts ist unmöglich. Ich muss mit ihr reden, mich entschuldigen. Während ich mich abtrockne, überlege ich wie ich das anstellen könnte. Ihr Vater ist streng. Er wird mich davonjagen, aber das muss ich riskieren. Ich werde ihm sagen, dass ich ehrliche Absichten habe. Ich bin kein Typ der seine Tochter nur flachlegen will, ich bin anders. Ich seufze für mich selbst. Nein…Bin ich nicht. Janine durchquert meine Gedanken wieder. Das kann ich ihr auf keinen Fall erzählen, sie würde es mir nicht verzeihen und ich kann das sogar verstehen. Nachdem ich mich angezogen habe, gehe ich hinüber zum Bauernhaus. Auf dem Weg dorthin offenbart sich mir ein ziemliches Chaos. Die nächsten Stunden ist wohl aufräumen angesagt. Frau Herzog lächelt mich an.
„Na? Ausgeschlafen? Da sieht aber wer noch nicht ganz frisch aus?“, meint sie schmunzelnd.
„Nein…Nicht so richtig. Darf ich das Bettzeug bitte tauschen?“, frage ich kleinlaut.
„Sicher. Magst du einen Teller Suppe? Es ist noch etwas übrig vom Mittagessen“, meint sie.
Ich nicke und setze mich an den großen schweren Holztisch. Heute komme ich mir so klein vor, es ist schrecklich. Selten wünsche ich mir meine Mum wäre jetzt hier, aber heute tue ich es. Sie weiß immer Rat.
„Wo sind denn deine Freunde?“, fragt mich Frau Herzog und stellt mir einen dampfenden Teller Leberknödelsuppe hin. Mir ist immer noch schlecht, aber ich denke die Suppe wird helfen. Darum löffle ich langsam die heiße Brühe.
„Ich glaube die schlafen noch.“ Ich werfe einen Blick auf die Küchenuhr. Es ist schon fast drei Uhr nachmittags. Keine Ahnung wie lange die Party überhaupt gedauert hat. „Kennen Sie Anna?“, frage ich leise.
„Anna? Welche Anna denn?“, meint sie neugierig.
„Sie wohnt in der Nähe von der Kreuzung oben am Ende der Straße.“
Sie überlegt kurz, lächelt dann aber. „Du meinst die Anna Adler.“
Ich nicke. Ja ich glaub sie sagte mir, dass ihr Nachname Adler wäre.
„Das ist ein sehr nettes Mädchen“, nickt sie.
Ich nicke auch. „Und der Vater, kennen Sie den auch?“
Sie zieht die Augenbrauen hoch und atmet durch. „Durchaus. Ja.“
„Der ist wohl nicht so nett…“, murmle ich.
„Ich würde sagen, geh ihm aus dem Weg. Er ist nicht der angenehmste Zeitgenosse hier im Dorf. Warum fragst du?“
Mir wird wieder schlecht. „Nur so…Ich mag Anna.“
Jetzt schmunzelt sie ziemlich breit. „Kann ich verstehen.“
Ich nicke wieder, senke meinen Blick danach aber und denke nach. Kein angenehmer Mensch. Shit. Aber ich muss dahin, ich will Anna sehen und mich bei ihr entschuldigen.
Nach der Suppe geht es mir etwas besser. Ich gehe zurück zum Ferienhaus und beginne unmotiviert aufzuräumen. Die anderen sind inzwischen auch munter. Daniel verdreht grinsend die Augen und Sam kann es auch nicht lassen blöde Andeutungen wegen Janine zu machen.
„Haltet einfach die Klappe“, murre ich. „Das ist alles ein riesen Shit.“
Es dauert gefühlt ewig bis alles halbwegs aufgeräumt ist. Ich bin wieder komplett durchgeschwitzt und mein Kopf tut immer noch weh. Kurz nach sechs Uhr stehe ich frisch geduscht vor dem Spiegel und sehe mich an.
„Ich fahre jetzt dahin. Ich muss sie sehen. Ich muss mit ihr reden. Sonst drehe ich durch. Ich darf kein Schisser sein. Ich bin ein Mann.“ Ich senke meinen Blick. „Ich bin ein Idiot.“
Allen Mut zusammennehmend gehe ich hinaus und an meinen Kumpels die gerade eine Bretteljause essen vorbei. Mir dreht es schon wieder fast den Magen um.
„Willst du nichts essen?“, meint Sam.
„Nein. Ich fahre zu Anna“, sage ich bestimmt.
„Zu Anna?“
Ich bleibe stehen und nicke. „Ja. Ich habe Scheiße gemacht. Keine Ahnung wie ich das gutmachen soll.“
Sam verdreht die Augen, natürlich kann er nicht verstehen wie ich mich fühle, ich verstehe es ja selbst nicht. Ich fahre langsam vom Hof, an der Weggabelung an der es zu Annas Haus geht bleibe ich kurz stehen. Da unten wohnt sie. Wieder das Gefühl in meinem Bauch, das es mir schwer macht klar zu denken. Ich fahre weiter. Ich werde das wiedergutmachen.
Kapitel 9
Anna
Ich schaue unmotiviert irgendeinen Film, Mama stickt an ihrer Tischdecke, als es an der Türe klingelt. Mama sieht verwundert auf.
„Kann das Ella sein?“, meint sie und legt das Stickzeug weg.
„Glaub ich nicht, sie ist heute zu ihrer Oma nach Graz ins Heim gefahren.“
„Vielleicht die Nachbarin, sie hat gemeint sie braucht ein paar Eier.“ Sie steht auf und geht zur Tür, ich wickle mich noch ein bisschen fester in meine Decke. Meine Schulter tut weh, darum weiß ich nicht recht wie ich mich hinlegen soll.
Mama schaut ins Wohnzimmer. „Anna…Da ist ein Julian Knox für dich“, sagt sie ruhig. „Kommst du bitte.“
Mir verschlägt es kurz den Atem. Julian? Hat sie das wirklich gerade gesagt? Ich setze mich auf und sehe sie erschrocken an.
„Wer?“
Sie lächelt und nickt dabei. „Du hast schon richtig gehört. Kommst du raus, oder soll ich ihn hereinbitten?“
Ich schüttle fast ein wenig hysterisch den Kopf. Wie kann er sich nur erlauben hierher zu kommen, wo ich ihm doch oft genug gesagt habe, wie mein Vater ist?! Zum Glück ist er nicht hier, sonst würde das ganze Theater von vorne losgehen. Ich habe genug von den Schlägen für die nächste Zeit.
„Nein Mama! Schick ihn weg! Er soll mich so nicht sehen und ich habe auch gar nichts mehr mit ihm zu bereden!“, sage ich bestimmt.
Sicher?“, meint Mama mild und legt ihren Kopf zur Seite.
„Ja sicher, er soll verschwinden!“
Sie seufzt und dreht sich um. Ich springe auf und gehe bis zur Küchentür und lausche.
„Ich gehe aber nicht weg bevor ich mit ihr gesprochen habe. Tut mir leid, wenn ich Sie belästige, aber das muss sein. Es ist wirklich wichtig“, sagt Julian sehr bestimmt zu meiner Mutter.
Mama seufzt. „Sie wird nicht rauskommen.“
„Dann warte ich. Irgendwann muss sie rauskommen. Ich habe ja Zeit.“ Er lässt nicht locker.
Ich atme genervt durch und gehe zur Tür. „Ich mach das schon Mama“, sage ich und atme dabei durch. Mama streicht über meine Schulter und geht zurück ins Haus.
„Was willst du denn?“, frage ich ihn vielleicht ein wenig zu laut.
Kurz erscheint mir sein Blick erfreut darüber mich zu sehen, doch dieser Ausdruck schwenkt schnell um. Er schaut mich entsetzt, vielleicht sogar erschrocken an.
„Anna…Was ist dir passiert?“, fragt er vorsichtig.
„Nichts ist passiert. Julian, bitte geh wieder. Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht hierherkommen sollst.“ Ich versuche seinem Blick auszuweichen.
„Ja…Schon, aber…Oh dear…“ Er atmet durch. „Bist du gestürzt? Mit dem Fahrrad? Ist dir das am Heimweg zugestoßen?“
Ich senke meinen Blick. „Nein.“
Er kommt einen Schritt näher, ich sehe wieder auf und schüttle den Kopf. „Geh bitte.“
Plötzlich öffnet sich sein Mund als müsse er nach Luft schnappen, er schüttelt ungläubig den Kopf. „Das war er, oder? Dein Vater…Fuck…“, flüstert er.
„Geh jetzt bitte“, sage ich erneut und schließe kurz meine Augen. Nicht weinen. Nicht weinen. Jetzt nicht.
„Bin ich daran schuld?“ Seine Stimme versagt fast bei diesen Worten.
Ich schüttle den Kopf. „Ich bin selbst schuld. Was willst du denn noch?“, frage ich und merke wie sich immer weiter ein Druck in meiner Brust aufbaut, den ich bald nicht mehr unter Kontrolle haben werde.
„Keine Ahnung…“, murmelt er. „Ich wollte mich entschuldigen…Ich habe dich nicht gut behandelt heute Nacht…Es tut mir leid…“
Er stammelt nach Worten suchend und kann mich dabei nicht mehr ansehen. Ich kann auch nicht mehr, weil mich sein Anblick fertig macht. Mein Bauch tut wieder weh und ich fühle mich nicht klar genug um rationell zu denken.
„Ist schon gut. Du musst jetzt gehen…“, sage ich daher und sehe ihn noch einmal an.
Er nickt nur, seine Augen sehen anders als sonst aus. Überhaupt sieht er heute anders als sonst aus. Unrasiert. Mitgenommen. Erschöpft. Keine Ahnung, ich kann jetzt einfach nicht mehr darüber nachdenken, es ist zu viel.
„Anna…I´m so sorry…“, flüstert er noch während ich mich schon umdrehe.
„Mach´s gut“, ist alles was ich noch herausbringe, dann gehe ins Haus und schließe die Tür hinter mir.
Alles was ich gerade noch hinuntergedrückt habe, kriecht langsam meinen Hals hoch. Tränen laufen über meine Wangen und ich kann vor Schmerz nur schluchzen. Mama kommt aus der Küche und schüttelt den Kopf.
„Geh Anna…Was ist denn los? Das ist doch so ein netter junger Mann.“ Sie nimmt mich in den Arm. „Und gut schaut er aus.“ Sie streicht über meine Wange und lächelt dabei.
Ich zucke mit den Schultern. „Ja…Schon…Es geht halt nicht…“ Meine Stimme ist ganz erstickt von den vielen Tränen.
„Hat er dich so gekränkt?“, meint sie und schiebt mich in die Küche. „Ich mach dir eine warme Milch mit Honig, das hilft immer.“
„Das ist es nicht, ich bin nicht gekränkt, also nicht so schlimm. Es ist, weil es sowieso nichts bringt. Er ist bald weg und ich weiß nicht wie ernst er es meint. Außerdem…Papa wird mich erschlagen…“, murmle ich in mich hinein.
„Jetzt ist er einmal nicht da. Ich kann das nicht mehr mitansehen. Du hast auch ein Recht auf Liebe und du bist doch verliebt, oder?“
Ich nicke zögerlich.
„Dann denk nicht so viel nach, rede noch einmal mit ihm. Schlaf eine Nacht darüber und dann schaust du weiter.“
Wieder nicke ich.
„Julian…“, lächelt Mama. „Schöne Augen hat er…sehr schöne Augen…“
„Ja ich weiß“, seufze ich.
Kapitel 10
Julian
Ich bin nicht gleich zurück zum Herzoghof gefahren. An der Weggabelung musste ich anhalten. Immer noch versuche ich mich zu fangen. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Annas Gesicht. Die Wangen gerötet, unter dem Auge ein blauer Fleck, die Nase aufgeschlagen. Ich kann es einfach nicht glauben. Was ich gerade gesehen habe, übersteigt alles was ich bisher erlebt habe. Ich habe sie gefragt, ob ihr Vater ihr das angetan hat. Sie hat nicht darauf geantwortet, doch ich bin mir sicher. Wie kann man so etwas tun? Ich atme tief durch. Niemals hat mein Vater gegen mich oder meine Schwester die Hand erhoben, selbst wenn es dazu hin und wieder Anlass gegeben hätte. Niemals…Je mehr ich darüber nachdenke umso weniger verstehe ich es. Anna ist so ein besonders Mädchen. Überlegt und keinesfalls rebellisch oder sonst etwas, kein Grund der solch ein Handeln nur Ansatzweise rechtfertigen könnte. Ich möchte nicht, dass ihr jemand wehtut. Ich muss zurück. Sie muss weg von dort, ich kann und darf das nicht hinnehmen. Ich setze den Helm wieder auf und starte die Vespa, doch dann halte ich inne. Er wird ihr wieder wehtun, besonders wenn ich dort auftauche. Es war wohl ein Glück, dass er gerade vorhin nicht zu Hause war. Darum wollte sie nicht, dass ich sie nach Hause bringe oder abhole. Jetzt verstehe ich alles. Ich hätte es spüren müssen und wenn ich jetzt darüber nachdenke macht es auch Sinn. Sie hat wirklich Angst vor ihrem Vater. Ich erinnere mich an ihrem Blick, als sie an mir vorbeifuhren. Da war so viel Verzweiflung, dass es mir augenblicklich fast den Magen umdreht. Aber ihre Mutter ist nett, doch wie kann sie das alles mitansehen, oder gar dulden? Ich verstehe es nicht. Wenn ich sie zumindest anrufen könnte…Sie fehlt mir. Es zieht wieder in meinem Bauch. Ich muss nachdenken. Überlegen. Langsam rolle ich zurück zum Herzoghof. Meine Kumpels sitzen bei einer Flasche Wein vor dem Haus. Es ist ein lauer Abend, nicht so schwül wie die letzten Tage, aber das ist durchaus angenehm. Ich bin an diese schwülheißen Nächte nicht gewöhnt.
„Trinkst du auch ein Glas? Frau Herzog hat ihn vorhin herübergebracht“, fragt mich Sam und zeigt auf den leeren Platz neben ihm.
Mir ist absolut nicht nach Wein und das nicht nur, weil mir der Alkohol der vergangenen Nacht immer noch in den Knochen sitzt. Ich fühle mich mies und von Stunde zu Stunde kommt etwas dazu, dass mich noch mehr fertig macht. Der Kater, Janine, dass ich Anna blöd angemacht habe und sie jetzt auch noch so verletzlich, nein verletzt zu sehen, das halte ich nicht aus.
„Nein…Ich geh schlafen“, murmle ich und gehe an den Jungs vorbei.
„Hat wohl nichts gebracht bei Anna, was?“, ruft mir Daniel nach.
Ich kommentiere seine Frage nicht und gehe direkt auf mein Zimmer. Die letzten Wochen waren toll. Ich habe soviel gesehen und erlebt. Es war lustig und wir haben echt nichts ausgelassen. Dann kamen wir hierher. Es sollte eigentlich nur ein kurzer Abstecher auf dem Nachhauseweg werden, doch jetzt gefällt es uns allen so gut, dass wir noch ein bisschen bleiben wollen. Ein Grund bei mir war Anna. Sie weiß was sie will. Keine Ahnung ob sie mich auch gleich so wollte wie ich sie. Sie war schon ziemlich verschlossen, aber seit heute glaube ich den wahren Grund dafür zu kennen. Ich lasse mich samt Klamotten ins Bett fallen. Es wäre besser sie in Ruhe zu lassen. Ich mache ihr Schwierigkeiten. Ihr Gesicht und die Schmerzen hat sie bestimmt mir zu verdanken. Das will ich nicht…Nein…Ich atme aufgeregt durch und lege dabei meine Hände vors Gesicht. Wenn ich sie nicht gehen gelassen hätte heute Nacht, dann wäre das nicht passiert. Ich seufze tief. Ich kann sie nicht in Ruhe lassen. Es geht einfach nicht. Es ist noch gar nichts passiert zwischen uns außer vielen Küssen und ein paar wundervollen Berührungen, aber das ist auch gar nicht wichtig. Ich weiß, dass ich sie liebe. Gott…kann das sein? So ein Gedanke ist mir noch nie eingekommen. Noch nie. Ich schließe meine Augen und atme ruhig. Mama sagt immer, am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht zu Ende. „Alles wird gut Anna“, murmle ich und drehe mich zur Seite.
Kapitel 11
Anna
Der Tag verging schleppend. Mein Gesicht schaut heute noch ein bisschen schlimmer als gestern aus, aber damit habe ich gerechnet. Der zweite Tag ist immer der Schlimmste, danach wird es besser. Ja, es ist traurig, aber ich kann inzwischen aus Erfahrung sprechen. Zumindest habe ich heute den ganzen Tag Mathe gepaukt und meine gefakten Bespiele gelöst. Langsam verstehe ich diese öden Gleichungen. Ich schließe mein Heft und starre ein Loch in die Luft. Allmählich wird es dämmrig. Heute war ein schöner Tag, aber mit dem Baden am See wird es auch die nächste Zeit nichts werden. Ich lehne mich zurück und amte durch. Er fehlt mir. Sofort krampft sich mein Herz gefolgt von meinem Magen zusammen. Ich stehe auf und gehe hinunter, Mama sperrt gerade den Hühnerstall ab.
„Kannst du mich hinfahren?“, frage ich vorsichtig.
„Wohin Anna?“, meint Mama und putzt sich die Hände ab.
„Zu Julian, auf den Herzoghof.“
Sie lächelt, dann nickt sie. „Sicher. Willst du dich noch umziehen?“
Ja, ich bin nicht im Datelook, aber das ist auch nicht nötig. Ich bin wie ich bin, darum schüttle ich den Kopf. „Ich hole nur noch mein Handy.“
Meine Haare bürste ich doch noch schnell durch. Mama wartet schon im Wagen und lächelt immer noch. Mein Herz klopft. Ich möchte ihm sagen, dass ich seine Entschuldigung von gestern Abend annehme. Es ist nicht fair unhöflich zu sein. Er war nie so wie an dem Abend, darum will ich mal nicht so sein. Mein Puls wird immer schneller, je näher wir zum Hof der Herzogs kommen.
„Soll ich dich dann später wieder abholen kommen?“, fragt Mama und hält in der Hofauffahrt an.
„Ich ruf dich an, aber ich weiß nicht ob das ziemlich schnell sein wird, oder doch länger dauert.“
Sie streicht sanft über meine Wange. „Das macht nichts. Ruf einfach an. Bis später.“
„Ja…Bis später.“ Ich steige aus und winke ihr noch kurz hinterher. Meine Knie sind wackelig. Sehr wackelig. Langsam gehe ich Richtung Ferienhaus. Es ist leise, aber ich höre Stimmen je näher ich komme. Julians Freunde sitzen vor dem Haus und unterhalten sich, er ist allerdings nicht dabei. Schüchtern gehe ich näher.
„Hi Anna!“, begrüßt mich einer von ihnen. Weil es schon dämmrig ist, bleiben meine Verletzungen im Gesicht unentdeckt, worüber ich froh bin. Ich hasse diese Blicke, vor allem wenn sie mitleidig sind.
„Hi…“, grüße ich freundlich zurück.
Bevor ich fragen kann, meint er sofort, Julian wäre im Haus. Zweites Zimmer links. Ich soll gleich durchgehen. Ich nicke nur und hoffe alles richtig verstanden zu haben, schließlich spricht er nicht deutsch so wie Julian. Zögerlich gehe ich ins Haus. Vor der zweiten Tür links bleibe ich stehen. Mein Herz pumpt und meine Hände schwitzen ein bisschen. Ich klopfe leise an.
„Get off“, höre ich ihn motzen. Toll. Ich klopfe noch einmal und öffne die Tür vorsichtig ein Stück. Bevor ich sie ganz öffnen kann, reißt er sie von innen auf und beginnt wütend auf Englisch etwas zu stänkern. Als er aufsieht, hält er sofort inne. Er lächelt sogar ein bisschen.
„Anna…Sorry…Ich dachte es ist schon wieder Sam…“, entschuldigt er sich.
Ich lächle auch ein bisschen, aber verlegen.
„Läuft nicht so zwischen uns beiden im Moment, was?“, fügt er noch hinzu und senkt seinen Blick.
„Nicht?“, frage ich leise nach.
Er zuckt seufzend mit den Schultern. „Komm doch rein…Ich finde in deiner Gegenwart irgendwie nicht die richtigen Worte“, meint er, und befreit einen Stuhl auf den ich mich offensichtlich setzten soll von Klamotten. Keine Ahnung ob ich mich hinsetzen will, darum bleibe ich stehen, gleich wie er. Ich möchte etwas sagen, doch bevor ich das tun kann greift er nach meiner Hand.
„Nein…Warte…Zuerst ich. Ich habe dich blöd angefasst, das wollte ich nicht, also ich will dich schon anfassen, aber nicht so und ich glaub ich habe Dinge gesagt, die sind anders aus meinem Mund gekommen als ich es wollte…“
Ich habe Schwierigkeiten seinen Worten zu folgen. Deutsch und Englisch mischen sich, alles geht Durcheinander. Er ist ganz verwirrt. Ich muss lächeln und drücke seine Hand etwas fester. Er hält inne und sieht mich an.
„Ich weiß…Ich bin dir nicht mehr böse…Ist schon gut…“, sage ich leise.
Er atmet erleichtert aus. „Ich trinke normalerweise nie so viel…Es ist mir peinlich…“
„Nein…Vergiss es“, schüttle ich den Kopf.
„Aber was ist passiert? Dein Vater? Er war das doch? Warum?“, fragt er vorsichtig.
Ich senke meinen Blick. „Er hat mich erwischt, als ich mitten in der Nacht nach Hause kam. Können wir bitte nicht mehr darüber reden.“
Kurz ist es ganz still. „Oh Anna…“, amtet er dann hörbar aus und zieht mich zeitgleich in seine Arme. Er drückt mich ganz fest an sich und auch wenn meine Schulter dabei ein bisschen wehtut, ist es das beste und schönste Gefühl der vergangenen Tage. Er schmiegt seine Wange an meine und reibt zärtlich meinen Rücken. Er ist immer noch unrasiert, was ungewohnt ist. Dann löst er sich und streicht über meine blaue Stelle im Gesicht. Immer noch sagt er nichts und ich bin froh darüber, aber er lächelt ein wenig, auch wenn ich in seinen Augen erkenne, dass er Mitleid hat. Auch wenn ich das nicht will, ich fühle mich plötzlich so geborgen. Ich lächle auch. Dann küssen wir uns. Lange. Zuerst ganz sanft, dann intensiver. Irgendwann sieht er nervös auf.
„Ich möchte nicht, dass du wegen mir Schwierigkeiten bekommst, du solltest vermutlich nicht hier sein.“
„Er ist die ganze Woche nicht da. Alles ist gut.“




