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Er sieht mich nachdenklich an. „Alles ist gut? Ich weiß nicht?“
„Doch Julian. Alles ist gut. Bringst du mich jetzt trotzdem nach Hause, oder soll ich meine Mutter anrufen, damit sie mich abholt?“
„Sicher bring ich dich, aber morgen sehen wir uns doch wieder?“
„Ich hoffe schon. An den See will ich aber so nicht.“
„Das macht nichts. Ich muss auch nicht hin.“ Er streicht wieder über meine Wange und hält dabei meine Hand. „Überleg dir einfach etwas anderes.“
Auf dem Weg nach Hause umschlinge ich ihn ganz fest. Ich möchte ihn eigentlich nie wieder loslassen, auch wenn ich weiß, dass es unausweichlich ist. Ich will ihn gar nicht danach fragen wie lange er noch hier ist. In seiner Nähe ist alles besser. Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich mich noch nie so gefühlt zu haben. Es ist ein gutes Gefühl. Ein atemberaubendes Gefühl. Ich drücke meine Nase in seinen Rücken und schließe kurz meine Augen, als wir auch schon da sind. Ich steige ab, er auch. Mama schaut kurz aus dem Fenster und lächelt wieder.
„Wenn dein Vater nicht hier ist, darf ich dich morgen abholen kommen?“
„Ja, das wäre toll. So um zehn? Oder komm doch schon um neun. Dann können wir zuvor noch gemeinsam frühstücken. Ich mach uns Spiegeleier“, schlage ich vor.
Er zieht seine Augenbrauen ungläubig hoch, nickt dann aber. „Das klingt ganz toll. Ich freue mich jetzt schon darauf.“
„Ich mich auch“, etwas verlegen über seinen Blick kratze ich mich an der Stirn.
Er nimmt mir den Helm ab und umarmt mich. Ich will ihn nicht gehen lassen. Ich erwidere seine Umarmung und lasse ihn danach zögerlich los. Schnell gibt er mir noch einen Kuss.
„Dann bis morgen“, hauche ich noch, als er schon wieder aufsteigen will, doch er kommt noch einmal näher.
„Anna…Ich…“, stammelt er.
„Ja? Was denn?“
Er greift nach meiner Hand und schließt kurz die Augen, dann öffnet er sie wieder.
„I love you Anna…“
Mir steht bestimmt der Mund offen und ich bekomme kurz keine Luft. Darum atme ich ganz vorsichtig durch.
„Was?“, frage ich mit piepsiger Stimme.
„Ich liebe dich Anna“, wiederholt er und lächelt dabei zufrieden.
Meine Wangen fühlen sich heiß an, heute im positiven Sinne und in meiner Stirn pocht es seltsam, so als würde das Blut wie wahnsinnig durch meinen Körper rauschen. Ich kann nur nicken und ich glaube ich lächle auch. Es ist, als hätte die Erde sich für einen Moment nicht gedreht. Dann lässt er meine Hand los und fährt weg. Einmal dreht er sich noch um, ich hebe immer noch perplex meine Hand. Dann gehe ich hinein und lehne mich an die Haustür. Ich bekomme fast keine Luft. Er liebt mich. Er liebt mich!?
„Anna?“ Mama schaut aus der Küche. „Alles ok?“
Ich nicke in Zeitlupe. „Ja…Alles ok.“
„Habt ihr euch ausgesprochen?“
Wieder nicke ich. Sie kommt näher und verdreht die Augen.
„Anna Schatz“, säuselt sie und sucht meinen Blick.
Ich versuche wieder zu mir zu kommen und gehe an ihr vorbei an die Küche.
„Ja, ja, alles perfekt. Ich habe ihn zum Frühstück eingeladen, ist das ok?“
„Natürlich. Hast du noch Hunger?“, meint sie und mustert mich immer noch.
„Nein…Kein Hunger. Ich geh schlafen.“
Ich bin total in Trance und dieses Gefühl verändert sich auch den Rest des Abends nicht. Er liebt mich. Ich schlafe mit einem Lächeln ein.
Kapitel 12
Julian
Anna sieht mich ein wenig schüchtern an. Ich könnte sterben für diesen Blick. Wie sie ihre dunklen Wimpern aufschlägt und mich so zaghaft anlächelt, während sie ihr Spiegelei isst. Ich glaube es ist, weil ich ihr gestern gesagt habe, dass ich sie liebe. Ich liebe sie wirklich und was ich in ihrer Nähe fühle bestätigt meine Worte.
„Schmeckt sehr gut Anna“, lächle ich ebenfalls.
Sie nickt, immer noch ein bisschen schüchtern. „Die Eier sind von unseren Hühnern.“
„Toll“, nicke ich und schiebe mir die letzte Gabel voll in den Mund.
„Magst du noch etwas?“
Ich lege meine Hand auf ihr Knie unterm Tisch. Ja…Ich möchte vieles…Essen ist gerade nicht dabei auch wenn das Frühstück lecker war.
„Danke ich bin satt“, himmle ich sie an. Ihre Wangen werden ein bisschen rot.
Da ihre Mutter in Nebenzimmer ist, nehme ich meine Hand wieder von ihrem Bein. Ihre Mum ist nett. Anna sieht ihr ähnlich. Ich kann gar nicht verstehen, wie sie dabei zusehen kann, was ihr Mann seiner Tochter antut. Vermutlich hat sie keine Wahl. In der Grundschule war ein Mädchen in meiner Klasse die auch geschlagen wurde. Auch ihre Mutter wurde regelmäßig verprügelt. Ich erinnere mich dumpf an die blauen Flecken auf den Schienbeinen des Mädchens. Schon damals konnte ich es nicht verstehen. Wenn ich in Annas Gesicht blicke, fühle ich so viel Wut auf diesen mir unbekannten Mann. Wie kann man so etwas tun? Im Grunde ist er schwach, auch wenn er seine Stärke an ihr auslässt. Nur schwache Männer schlagen Frauen. Er ist ein Arschloch.
„Wollen wir fahren?“, reißt sie mich auch meinen Gedanken.
„Ja sicher. Was machen wir denn?“, antworte ich schnell und versuche meinen Groll hinunterzuschlucken, was beim Blick auf die blaue Stelle unter ihrem Auge nur schwer gelingt.
„In der Nähe gibt es so einen tollen Aussichtsfelsen. Ich dachte wir könnten da hin wandern. Hast du ordentliche Schuhe an?“
„Turnschuhe“, entgegne ich neugierig.
„Ja das geht. Also wollen wir?“
Ja ich will. Egal was. Ich würde einfach alles mit ihr und für sie tun. Gestern Abend habe ich noch mit Mama telefoniert. Ich habe ihr von Anna erzählt. Keine Ahnung ob sie mir glaubt wie ernst es mir ist. Trotzdem war sie neugierig. Ja es ist mir ernst, nur weiß ich noch nicht, wie sie von ihren Qualen in diesem Haus befreien kann.
Kapitel 13
Anna
Ich werfe mich fast weg vor Lachen, Julian verdreht ebenfalls amüsiert die Augen.
„Ich verstehe das Spiel nicht…Sorry…“, murmelt er und schaut in seine Karten.
Ich versuche ihm schon den ganzen Nachmittag „Schnapsen“ beizubringen. Ein Naturtalent ist er nicht gerade, aber genau das finde ich so lustig. Es ist nicht schwer gegen ihn zu gewinnen. Grinsend schaue ich über seine Hand in die Karten.
„Aber schau, das wäre doch gegangen“, erkläre ich ihm immer noch ein bisschen grinsend.
Etwas unmotiviert legt er die Karten auf den Tisch und seufzt gespielt. „Dazu muss man wohl Steirer sein um das zu kapieren. Magst du etwas trinken? Ein Glas Wein?“
Ich schüttle den Kopf. Wir sitzen schon seit dem frühen Nachmittag beim Tisch vor dem Ferienhaus. Wir haben viel geredet und eben Karten gespielt. Je mehr wir reden, desto besser wird sein Deutsch, das finde ich ganz toll. Er bemüht sich wirklich. Die anderen Jungs sind am See, obwohl ich glaube, dass es bald zu regnen beginnt. Es grummelt immer wieder und der Himmel ist mystisch grauschwarz verfärbt. Der laue Wind ist auf jeden Fall angenehm, denn es ist wieder einmal ziemlich schwül. Irgendwer hat gemäht. Der satte Duft vom grünen Gras gepaart mit der pappschweren Luft zieht vorbei.
„Nein, kein Wein. Ich habe mein Wasser“, meine ich und mische die Karten noch einmal. „Ich zeig es dir noch einmal. Wenn ich es verstehe, kannst du es allemal.“
„Du setzt hohe Erwartungen in mich.“ Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Das hat er heute schon öfter gemacht. Gestern auch. Es gefällt mir. Ich lächle ohne aufzusehen. Auf jeden Fall dürfte er bemerken, dass es mir gefällt.
„Der Wein vom Herzoghof ist aber ganz passabel. Zumindest der Weißwein. Den Schilcher mag ich nicht. Ich glaub der hat meine Sicherungen am Abend bei der Geburtstagsparty durchgebrannt“, meint er und schüttelt dabei den Kopf.
„Das war der Schnaps und die Kombination aus vielen giftigen Drinks“, meine ich.
„Ja. Vermutlich.“
„Aber du hast Recht, der Wein von den Herzogs ist gut. Muss er ja auch sein, die haben unsere Weingärten abkauft, also eigentlich ist das ein bisschen Adler Wein“, erzähle ich nebenbei. „Früher hatten wir einen Weinbaubetrieb.“
„Echt? Abgekauft? Warum denn?“ Julian sieht mich interessiert an.
„Na ja…sagen wir so. Es war die Rettung, damit wir zumindest unser Haus nicht verloren haben. Mein Vater hat alles verspielt und das Trinken hat es nicht gerade besser gemacht. Du verstehst jetzt vielleicht, warum ich nicht so auf den Alkohol stehe. Es kommt nie etwas Gutes raus, das Trinken verändert die Menschen.“ Ich senke meinen Blick und teile die Karten aus. Julian stoppt mich und hält seine Hand auf meine.
„Ich kann einfach nicht glauben was du schon alles miterleben musstest. Es nimmt mir die Luft zum Atmen Anna.“
Ich sehe auf und lächle. „Das muss es nicht. So ist mein Leben. Weißt du, Mama sagt immer man muss zuerst durch den Regen gehen damit man den Regenbogen sieht.“
Julian will noch etwas sagen, als der Wind ziemlich unsanft in die Karten fährt und es gleichzeitig blitzt und donnert. Ich zucke zusammen. Schnell greift er nach den Karten.
„Ich glaub wir sollten rein gehen“, meint er und sieht in den bedrohlich verfärbten Himmel. Die Äste des Baumes unter dem der Tisch steht biegen sich im Wind. Ich nehme schnell die Gläser und spüre schon die ersten Tropfen. Drinnen schließe ich noch schnell das Fenster und sehe nach draußen.
„Ich ruf meine Mama an, dass ich hier bin damit sie sich keine Sorgen macht.“
Julian nickt und wirft sich ins Bett. Mama meint, es wäre kein Problem, ich soll inzwischen bei Julian bleiben, oder sie holt mich später ab.
„Komm zu mir.“ Er streckt seine Hand nach mir aus und ich kuschle mich nur zu gerne an ihn. Ich drücke meinen Kopf fest auf seine Brust und lausche. Blitz. Donner. Wieder Blitz. Ich zähle die Sekunden dazwischen. Julian streicht sanft durch meine Haare.
„Wie oft hast du schon ich liebe dich gesagt?“, frage ich in einer Donnerpause.
„Was?“, meint er ein wenig amüsiert.
„Wie oft?“, wiederhole ich.
„Ich habe es zu meiner Mum gesagt und zu meiner Schwester.“ Er streicht sanft über meine Wange. „Und zu dir habe ich es auch gesagt.“
Ich sehe auf und lächle.
„Und falls du das hören willst, sonst habe ich es noch nie gesagt, denn ich kann das nur sagen, wenn ich es auch so meine.“
Mir wird warm. Keine Ahnung ob es an der schwülen Luft und am geschlossenen Fenster liegt, oder an seinen Worten. Er zieht mich fester an sich und küsst mich.
„Ach, ich muss noch etwas fragen“, murmle ich in seinen Mund. Er verdreht ein bisschen belustigt seine Augen.
„Du hast gesagt du würdest mich schon gerne anfassen. Wo genau?“ Mir wird immer wärmer. Julian zieht die Augenbrauen hoch.
„Du stellst heute viele ungewöhnliche Fragen.“
Ohne zu überlegen ziehe ich mein Kleid über den Kopf. Dann küsse ich ihn.
„Also wo?“, hauche ich nahe an seinem Ohr.
„Überall Anna“, flüstert er zurück.
Ich sehe ihm tief in die Augen. „Dann tu es bitte…“
Er scheint mir plötzlich etwas angespannt über meine Worte. „Was soll ich tun?“
Ich schiebe sein Shirt hoch und streiche ganz zart über seine Brust bis zu seinem Bauchnabel, was ihn tief einatmen lässt, kurz schließt er sogar seine Augen.
„Alles…“, murmle ich und beginne seinen Hals abwärts zu küssen. „Ich hoffe du bist vorbereitet.“
„Nein…Ich bin gar nicht vorbereitet…Not at all…“, atmet er aus und zieht mich auf sich.
Ich greife nach seinen Händen und lege sie auf meine Hüften. Sagen tue ich nichts mehr. Alles was ich will ist ihn fühlen, spüren und lieben. Ich habe viel darüber nachgedacht in den letzten Tagen. Er ist es mit dem ich es tun will und jetzt ist genau der Moment. Mein Herz klopft unregelmäßig und ich bin nervös, weil ich nicht weiß was ich machen soll, aber das versuche ich zu verdrängen. Ich lasse ihn spüren, dass ich ihn jetzt nicht mehr loslassen werde. Ich lasse ihn spüren, was ich will, doch er zögert. Darum sehe ich noch einmal auf.
„Weißt du…Ich wollte genau das mit jemanden zum ersten Mal machen den ich wirklich liebe. Darauf habe ich gewartet und jetzt bist du hier.“ Ich streiche durch seine Locken und über seine Wange. „Ich liebe dich Julian.“
Er sieht mich wortlos an, dann fasst er meine Hände und dreht mich auf den Rücken und drückt sich auf mich. „Du willst es wirklich tun? Mit mir? Jetzt?“
Ich nicke und schließe meine Augen, dann spüre ich seine Lippen an meinen. Seine Hände streichen sanft über meine Arme während sein Mund meinen Hals hinunter wandert. Zuerst bin ich sehr nervös, ich würde sogar sagen unentspannt, doch dann taue ich langsam auf und will immer mehr. Als er meinen BH öffnet bekomme ich kurz keine Luft. Seine Fingerkuppen gleiten sanft über meinen Busen und meine Brustwarzen, eine Reaktion darauf lässt sich nicht vermeiden. Ich atme geräuschlos aus, eine Gänsehaut überzieht mich. Langsam kann ich nicht mehr richtig denken, ich bin nicht sicher ob das gut ist oder nicht. Er streicht über den Saum meines Höschens. Ok. Es ist gut. Sogar unbeschreiblich gut. Besser ich denke also nicht. Doch - kurz muss ich noch denken.
„Julian…Hast du denn ein Kondom?“, frage ich leise, irgendwie klingt das peinlich, und unpassend, aber es nun einmal wichtig.
„Yes…Ja…Ich mach das…verlass dich auf mich…“, murmelt er fast gehaucht und schiebt seine Hand in mein Höschen. Ich halte die Luft an und schließe meine Augen.
Jede seiner Berührungen ist voller Zärtlichkeit. Sanft und liebevoll, ich fühle mich so besonders und das obwohl ich nackt bin, aber auch darüber denke ich nicht mehr nach. Ich lasse meine Augen zu. Wie sich seine warme nackte Haut an meiner reibt, wie er mich küsst und berührt, es ist perfekt. Dann hält er kurz inne und streicht über meine Wange. Ich öffne zögerlich meine Augen. Er lächelt. Ich auch.
„Immer noch sicher?“, haucht er nahe an meinen Lippen. „Wir können auch noch warten.“
„Ja ich bin sicher…Warten kann ich jetzt wirklich nicht mehr“, entgegne ich leise und ein bisschen verlegen.
„Ok…Ich bin vorsichtig…“
Jetzt klopft mein Herz wieder. Ein unbekanntes Gefühl durchfährt mich. Ich habe zwar keine Ahnung davon, aber irgendwie weiß ich doch was zu tun ist. Wir sehen uns in die Augen, er fixiert meinen Blick und ich finde es wunderschön ihm genau in diesem Moment anzusehen. Diese Augen…Dann tut es weh. Zuerst ein bisschen, dann kurz mehr, dann fast gar nicht. Es ist weniger schlimm als erwartet und besser als gedacht. Ich mache meine Augen wieder zu. Er ist sanft und hört nicht auf mich zu küssen. Vorsichtig schiebe ich mich ihm etwas entgegen. Das verstärkt sein Atmen, meines auch. Es ist unglaublich schön und sinnlich. Ich ziehe meine Beine ein wenig an.
„Ok für dich?“, fragt er mich leise in mein Ohr.
„Ja…“, hauche ich und verstärke den Druck meiner Hände an seinem Rücken und das Tempo seiner Bewegungen in mir. Es ist sogar ganz und gar ok. Er atmet leise, aber tief mit leicht geöffnetem Mund nahe an meinem Ohr. Sein Atem ist heiß, das ist so erotisch, dass ich gar nicht weiß wie ich mich noch beherrschen soll. Es lässt ich nicht zurückhalten, dass ich vielleicht ein wenig zu laut nach Luft schnappe. Auch wenn es ein ungewohntes Gefühl ist, diese Kombination aus Lust, Leidenschaft und Liebe schraubt meinen Körper irgendwo hin, wo ich keine Kontrolle mehr über ihn habe. Ich sauge noch einmal den Duft seiner Haut ein und mit dem Ausatmen kann ich nicht mehr. Julian greift nach meinen Händen und presst sie fest in die Matratze, ich glaub er kann auch nicht mehr. Ein herrlich warmes und gleichzeitig prickelndes Gefühl, als würden tausend Ameisen durch meinen Körper schießen durchfährt mich. Ich öffne meine Augen und suche seinen Blick. Sein Mund ist leicht geöffnet, dann lächelt er. Ich auch. Danach fallen meine Lider schwer zu. Julian ist dicht neben mir. Dass es beim ersten Mal so gut ist, damit hätte ich nie gerechnet. Meine Atmung wird langsam wieder regelmäßig. Ich bin müde. So müde.
Ein Geräusch gefolgt von einem kühlen Lufthauch der über meinen Rücken weht weckt mich. Ich sehe auf, es ist schon dämmrig geworden, regnen tut es immer noch. Julian hat das Fenster geöffnet und ist wie es aussieht aus dem Zimmer gegangen. Keine Ahnung wie lange ich geschlafen habe. Ich richte mich auf und strecke mich durch, als er wieder hereinkommt.
„Wolltest du dich aus dem Staub machen?“, witzle ich als er sich wieder zu mir legt und sich dicht an mich schmiegt. Er schiebt meine Haare zur Seite und küsst mich hinterm Ohr.
„Nein…Ich werde dich nicht allein lassen. Niemals“, haucht er in mein Ohr.
Ich seufze. „Doch wirst du. Sehr bald sogar.“
„Nein…“, wiederholt er und dreht mein Gesicht zu sich. „Und? Wie fühlst du dich?“ Er schmunzelt ein wenig und reibt dabei seine Nase an meiner.
„Echt gut…Ich fühle mich echt gut“, schmunzle ich zurück. „Und du?“
„Auch echt gut.“
„Ich dachte es wird wehtun und so…aber es war ganz toll und alles hat gekribbelt“, sage ich etwas schüchtern.
Sein Blick wechselt auf zufrieden glaub ich. „Okay…Ich bin sicher es geht noch mehr als Kribbeln.“
Er schlingt seine Arme fest um mich und küsst mich, was ich nur zu gerne erwidere. Das Klingeln meines Handys holt mich in die Realität zurück. Ich blicke auf das Display, es ist meine Mama. Sie meint es hört nicht auf zu regnen, darum kommt sie mich abholen, auch wenn ich noch lieber bei Julian bleiben will, wird das wohl das Beste sein. Ich kann mich echt schwer von ihm lösen, denn ich weiß, dass ich mich bald ganz von ihm trennen muss. Er wird zurück nach Hause gehen und ich werde hier zurückbleiben. Dieser Gedanke fühlt sich ganz schrecklich an, darum schiebe ich ihn für heute weit nach hinten und kuschle mich noch einmal an seinen nackten Oberkörper bevor mich Mama gleich abholen wird.
Kapitel 14
Julian
Ich streiche sanft über Annas Rücken. Es ist so wunderbar sie zu berühren. Ich kann gar nicht damit aufhören. Und es ist unglaublich mit ihr zu schlafen, auch damit kann ich gar nicht aufhören. Sie ist schon viel lockerer geworden und ich glaube es ist mehr aus dem Kribbeln vom ersten Mal geworden. Zumindest hatte ich gerade eben das Gefühl es hätte ihr ziemlich gut gefallen. Ihr Körper hat gebebt, das war so heiß, ich konnte mich kaum beherrschen. Ich küsse sanft ihre Schulter, ja ich weiß was ihr gefällt. Mein Blick fällt auf die Narbe die sie am Schulterblatt hat. Das war sicher ihr Arschloch Vater. Vorige Woche war so toll, weil es für ihre Mum kein Problem war, wenn sie mal länger bei mir blieb. Doch jetzt ist er wieder da und ich möchte auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Er soll auch nicht wissen, dass wir uns immer noch treffen. Sie dreht sich zu mir und lächelt mich an. Immer wieder zieht sich bei ihren Blicken alles in mir zusammen, es ist fast unheimlich, aber ich kann es nicht abstellen. Ich streiche noch einmal über ihr Schulterblatt.
„War er das?“, frage ich leise.
Sie schließt die Augen, was eine Antwort überflüssig macht.
„Warum?“
„Wegen der Mathe Note“, sagt sie und beginnt sanft mit ihrem Zeigefinger über meine Brust zu streichen. „Es war eine spitze Kante an der ich aufgekommen bin. Ich bin eine Enttäuschung für ihn hat er gesagt, das hat viel mehr wehgetan als das Loch in meiner Schulter.“
Ich weiß, dass meine Fragerei für sie nicht angenehm ist und mich schmerzt jedes Wort, trotzdem will ich es wissen.
„Schlägt er deine Mutter auch?“
„Jetzt nicht mehr. Sie war sehr krank.“ Wieder schließt sie ihre Augen und atmet dabei durch. „Sie wäre fast gestorben.“ Ihre Stimme ist ganz erstickt. Ich greife nach ihrer Hand und ziehe sie auf meine Brust. „Brustkrebs“, fügt sie noch hinzu. „Mama würde es nicht schaffen, wenn er sie wieder so zurichten würde. Ich pass auf sie auf.“
In mir baut sich ein schreckliches Gefühl auf. Es ist wie ein Druck, der sich über mich legt. Was ist denn nur los? Wie kann es so etwas überhaupt geben? Ich weiß gar nicht was ich darauf sagen soll.
„Warum verlässt sie ihn nicht?“, entkommt mir auf einmal. Ich weiß sofort, dass es eine blöde Frage ist.
„Weil sie niemanden hat. Er würde sie fertig machen. Sie hat Angst.“
„Ich habe auch Angst. Angst um dich“, flüstere ich und küsse ihre Stirn. „Ich werde dich mitnehmen.“
Sie sieht auf und zieht die Augenbrauchen hoch. „Wohin denn?“
„Zu mir nach Hause. Es würde dir gut gehen. Ich liebe dich und kann keinen klaren Gedanken fassen, schon gar nicht, wenn ich daran denke was ist, wenn ich weg bin.“
Sie schmunzelt ein wenig. „Wir kennen uns doch noch gar nicht richtig. Was soll ich in Schottland machen? Ich muss meine Schule hier abschließen und meine Mama braucht mich. Außerdem, du studierst doch in London. Es ist echt schön wie du dich sorgst, aber es ist nun einmal wie es ist. Ich gehöre hierher. Du kommst aus einer anderen Welt, auch wenn ich keine Luft bekomme beim Gedanken daran, dass du bald nicht mehr bei mir sein wirst.“
„Nein Anna…Deine Welt ist anders. Es ist nicht fair...“ Ich atme tief durch. „Ich lass dich nicht hier zurück.“
Sie zuckt seufzend mit den Schultern.
„Und Anna, sag nicht wir kennen uns nicht. Ich hatte noch nie das Gefühl jemanden so zu kennen wie dich, auch wenn ich täglich etwas Neues an dir entdecke und ich entdecke auch genauso oft etwas Neues an mir. Das machst du.“
Sie lächelt, aber ich bin ein wenig gekränkt. Ihre Worte fühlen sich komisch an, so als würde bald alles vorbei sein. Ich bin mir sicher, meine Mum würde sie sehr gerne aufnehmen, wenn ich erst erzähle was hier abläuft.
„Wir sollten nicht den ganzen Tag im Bett liegen. Es ist so schön draußen. Fahren wir zum See?“, meint sie plötzlich. Themenwechsel. Das passt zu ihr. Immer wenn ihr ein Thema zu tiefgründig wird tut sie das.
„Ich könnte schon den ganzen Tag mit dir im Bett verbringen. Es ist schließlich so, dass ich ein Ziel habe“, schmunzle ich.
„Ein Ziel?“ Sie sieht mich neugierig an.
„Das Kribbeln ausbauen, außer es ist mir heute schon zufriedenstellend gelungen? Also?“
Sie lacht ein bisschen und zieht sich die Decke über den Kopf. „Du bist albern.“
Ich stecke meinen Kopf ebenfalls zu ihr unter die Decke und küsse sie stürmisch. „Nein…Das ist wichtig.“
„Julian…Ich liebe dich“, haucht sie und sieht mir tief in die Augen, dann zieht sie meine Lippen an ihre. „Und ja…Ich hätte nie gedacht, dass Sex so gut sein kann.“
„Sex mit mir“, füge ich hinzu.
Sie verdreht belustigt die Augen. „Natürlich.“
Anna ließ sich einen Besuch am See nicht ausreden. Sie hat wie es aussieht Ella versprochen, dass wir hinkommen. Ich wäre zwar lieber mit ihr allein, aber ich kann ihr auch keinen Wunsch abschlagen. Sie ist selbst mit dem Fahrrad hingefahren, bei mir mitfahren ist zu riskant. Schließlich fällt den Leuten hier im Dorf alles auf, irgendwelche Idioten erzählen es dann wieder ihrem Vater und wenn der sie noch einmal anfasst, gibt es hier Tote. Besser gesagt einen Toten. Ich parke die Vespa unter dem schattigen Baum beim Eingang und warte auf sie. Es ist so warm und jetzt muss sie auch noch mit dem Fahrrad herstrampeln. Ich seufze für mich als mich eine Stimme aufreißt.
„Wo ist denn dein Mäuschen?“ Janine sieht mich böse an und geht an mir vorbei. Ich hatte sie die letzten Tage komplett verdrängt. Scheiße. Ich hoffe nur, sie macht nichts Unüberlegtes. Kurz denke ich darüber nach etwas zu ihr zu sagen, doch sie sieht sich nicht mehr um und Anna kommt angefahren. Plötzlich steigt ein schrecklich schlechtes Gewissen im mir auf. Anna schließt ihr Fahrrad neben dem Mofa ab.
„Puhh…Es ist so heiß. Ich muss dringend ins Wasser“, stöhnt sie.
„Ja…“, murmle ich und gehe ihr hinterher.
„Was hast du denn?“, meint sie und bleibt stehen.




