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»Wann geboren?«, fragte sie. »Ihr müsst mir den Tag Eurer Geburt nennen.«
»Ich, äh, bin am 28. März 1660 geboren«, sagte Georg Ludwig. Genauso gehorsam beantwortete er auch die übrigen Fragen, die ihm das Weib stellte – nach seiner Herkunft, seiner Ausbildung und Tätigkeit, seiner Familie.
Bisweilen nickte die Frau oder sagte in ernstem Ton: »Ich sehe.« Schließlich forderte sie Georg Ludwig auf, ihr seine rechte Hand zu reichen. Sie fuhr seine Handlinien nach und murmelte Unverständliches.
Bevor sie mit der Auswertung begann, verlangte sie ihren Lohn: »Drei Dukaten, der Herr.«
Georg Ludwig zahlte ungeduldig. Was ihn störte, war, dass sich ein Pulk von Neugierigen um ihn gebildet hatte – Gaffer, die der Zeremonie mit abschätzigem Grinsen folgten und Witze rissen. Doch die Wahrsagerin nutzte den werbewirksamen Auflauf und nahm sich Zeit. »Geduld, ich muss den Himmel und die Sterne befragen«, raunte sie, bevor sie in ihre Glaskugel sah und etwas mit einem Gänsekiel auf ein Papier schrieb.
Schließlich bedeutete sie ihrem Gegenüber, das Eisenrohr noch einmal an sein Ohr zu legen. »Ich habe mich nicht getäuscht, mein Herr«, begann sie. »Eine große Zukunft liegt vor Euch. Ihr werdet eine Krone tragen und ein Weltreich regieren. Eure Soldaten werden Siege erringen, Eure Schiffe werden über die Weltmeere segeln. Ihr werdet in Palästen wohnen, die noch kein Auge gesehen hat …«
Gebannt hörte Georg Ludwig zu. Er schloss die Augen, als wollte er die Großartigkeit der Prophezeiung vor der Banalität dieses schäbigen Ortes bewahren. Doch plötzlich erhob die Wahrsagerin ihre Stimme. »Euer Leben wird sein Glanz und Gloria. Aber achtet das Leben Eurer Gemahlin. Wenn die Gemahlin stirbt, dann neigt sich auch Euer Leben dem Ende zu – kein Jahr wird Euch danach mehr vergönnt sein, kein Jahr.«
Er erschrak.
»Gehet nun hin in Frieden«, fuhr die Wahrsagerin fort. »Der Allmächtige leite Eure Schritte.«
Verstört gab er der Alten das Eisenrohr zurück. Er erhob sich, als erwache er aus einem Traum und forderte seinen Pagen auf, ihm den Weg durch die Gaffer zu bahnen.
Er bereute es, auf den faulen Zauber hereingefallen zu sein. Gleichwohl begann die Prophezeiung, Besitz von ihm zu ergreifen. Er genoss die Aussicht auf seine großartige Zukunft. Was ihn störte, war die Rolle, die seine Frau in seinem Leben spielen sollte. Nein, Sophie Dorothea war ihm durch die Wahrsagerin nicht näher gekommen. Im Gegenteil. Jetzt war sie ihm fast unheimlich. »Kein Jahr wird Euch nach ihrem Tod mehr vergönnt sein, kein Jahr« – die Worte ließen ihn nicht los.
Statt das Bett mit Sophie Dorothea zu teilen, suchte er nun wie sein Vater in den Nächten Kurtisanen auf. Und als Fürst Ernst August mit der Gräfin von Platen und Sophie Dorothea zu einer Kurzreise nach Rom aufbrach, kehrte er zurück zu seinen Truppen in Ungarn.
Selbstverständlich sorgte die Mätresse des Herzogs nach der Heimkehr in Hannover dafür, die Kunde von der Verstimmung unter den Eheleuten am Hof zu verbreiten. Und Marquis de Lassay war so stolz auf die ihm angedichtete Affäre, dass er den Gerüchten bereitwillig Nahrung gab.
Das Gerede rückte Sophie Dorothea in ein schiefes Licht. Ihr Schwiegervater nahm sie in Schutz, führte die Unbekümmertheit ihrer Jugend ins Feld, mühte sich, ihre Tändelei als harmlos darzustellen. Aber er kam gegen seine einflussreiche Mätresse nicht an.
Später sollten Sophie Dorotheas Widersacher in der venezianischen Affäre das Vorspiel zu jener Ehetragödie erblicken, die sich einige Jahre danach ereignete. Wieder war es Liselotte von der Pfalz, die Nichte der Fürstin, die sich im Chor der Lästerzungen hervortat. »Wäre sie nur allzeit von vielen Mannsleuten umgeben gewesen, hätte sie nichts Böses tun können. Aber nur einen allein zu sehen, ist gefährlich, wie es sich ausgewiesen hat«, kommentierte sie in einem Brief an die hannoversche Tante. »Mich deucht, sie war zu jung, allein zu reisen, man hätte besser daran getan, sie bei Euer Liebden zu lassen, als sie nach Venedig zu führen.« In einem anderen Brief stichelte sie: »Ich kann nicht begreifen, wie oncle (Ernst August) sie nicht gleich nach der italienischen Reise hat einsperren lassen, denn sie hat es ja damals schon verdient.«
Zurück an die Leine
Ein Liebesbrief stürzte Sophie Dorothea zu Beginn des Jahres 1687 zusätzlich in Verwirrung. Friedrich August, ihr ältester Schwager, hatte ihr am Neujahrstag aus Ungarn geschrieben, wo er im Sold des Kaisers gegen die Türken kämpfte. Im Unterschied zu seinem älteren Bruder Georg Ludwig, der die hannoverschen Truppen führte, bekleidete der verstoßene Herzogssohn nur einen niederen Rang. Doch er tat vor der Schwägerin, als sei er Alexander der Große. »Glaube mir, ich werde Dir eine Welt erobern, ich werde Dir den Orient zu Füßen legen«, schrieb er. »Du begleitest mich in all meinen Gedanken.«
Doch er verhehlte der Angebeteten auch nicht seine Enttäuschung über deren beharrliches Schweigen. Und er spöttelte über seinen Bruder Georg Ludwig, der an der Seite seiner Gemahlin das süße Leben Venedigs genossen habe, während er selbst in Ungarn die Nöte des Frontsoldaten auszustehen hatte. Sophie Dorothea spürte die Eifersucht sehr wohl.
»Was mach ich nur?«, fragte sie ihre Vertraute.
»Am besten gar nichts«, antwortete Eleonore. »Ihr wisst, was der Herzog über Friedrich August denkt. Ihr bringt euch nur in Gefahr, wenn Ihr Euch zwischen Vater und Sohn stellt. Zerreißt den Brief, verbrennt ihn, dass ihn niemand lesen kann. Aber seid nicht so dumm, ihn zu beantworten.«
Eleonore wusste, dass der alte Fürst sich in Venedig über seinen zweitältesten Sohn geärgert hatte, der immer noch nicht bereit war, seine Erbschaftsentscheidung anzuerkennen. Als Friedrich August angeblich ausstehende »Alimentationsgelder« von seinem Vater angemahnt hatte, war ihm durch Minister Grote geantwortet worden, dass der Herzog unter keinen Umständen bereit sei, seinem »widerspenstigen und ungehorsamen Sohn« auch nur den geringsten »Vorschuss« zu gewähren, so lange der nicht zur Vernunft komme.
Sophie Dorothea entschied sich, ihrem Schwager in höflichen Worten zu antworten. Sie bedankte sich für die freundlichen Zeilen, versicherte ihm ihre Zuneigung, erwähnte aber gleichzeitig ihre ehelichen Pflichten und empfahl dem Schwager dringend, sich mit seinem Vater auszusöhnen.
Doch dazu kam es nicht mehr. Am letzten Tag des Jahres 1690 fiel Friedrich August bei einer Schlacht in Siebenbürgen – ein knappes Jahr nachdem sein erst 20 Jahre alter Bruder Karl Philipp auf dem Amselfeld nahe der serbischen Stadt Pristina von Säbelhieben durchbohrt worden war.
Der Tod der beiden Söhne stürzte die hannoversche Herzogin in tiefe Trauer und entfachte aufs Neue ihre Empörung über die Unnachgiebigkeit ihres Mannes in der Erbschaftsfrage. Und sie machte in Gesprächen mit ihrer Schwiegertochter kein Hehl aus ihrer Verbitterung. Sophie Dorothea sah sich auch von dieser Seite unter Druck, und ihre Zuneigung zu ihrem Schwiegervater geriet ins Wanken. Sie war hin- und hergerissen, wusste nicht mehr, an wen sie sich noch halten sollte im Leineschloss. Ihr Mann trat ihr seit der Zeit in Venedig nur noch mit Verachtung gegenüber und verbarg seinen Hass auch nach außen hin nicht. Er vernachlässigte seine Frau immer mehr. Wenn er nicht im Krieg, beim Hirschtreiben oder der Rebhuhnjagd war, ging er jetzt wieder zu den leichten Damen ins »Monplaisir«. Nur Mehmet, der türkische Page, den er einst aus dem Krieg mitgebracht hatte, leistete Sophie Dorothea noch Gesellschaft. Ehrerbietig fächelte der kleine Mann ihr an stickigen Sommertagen frische Luft zu.
Auch die Geburt des zweiten Kindes am 26. März 1687 trug nicht dazu bei, die Ehe zu kitten. Herzogin Sophie übernahm die Oberhoheit über die Versorgung des kleinen Mädchens, das auf den Namen seiner Mutter Sophie Dorothea getauft wurde. Sie bestellte Ammen, Gouvernanten und Erzieher und erörterte mit ihrer Oberhofmeisterin Anna Katharina von Harling alle Fragen einer standesgemäßen Kinderbetreuung – von der Wiegendecke mit Spitzen aus Brabant bis zu »artigem Spielzeug« aus Holland und Venedig. Sophie Dorothea musste froh sein, wenn sie ihren Kindern einen Gutenachtkuss geben durfte. Nicht einmal ihre eigenen Kinder erfüllten so ihr Leben mit Wärme und Zärtlichkeit.
An manchen Tagen war sie so verzweifelt, dass sie ihre Schwiegermutter bat, zu ihren Eltern nach Celle zurückkehren zu dürfen. Aber das war aus Sicht der Fürstin natürlich völlig undenkbar. Die Etikette musste gewahrt bleiben, das Ansehen des Hauses Hannover war höher zu bewerten als die Kapriolen des Herzens. Eine Ehe war schließlich kein Hort der Liebe und Treue – das wusste die Fürstin aus eigener Erfahrung.
Doch das Maß an Kränkungen war noch nicht voll. Eine neue Mätresse an der Seite ihres Mannes fügte Sophie Dorothea weitere Demütigungen zu. Wieder nahm die Affäre ihren Ausgang in »Monplaisir«, wieder hatte die Platen ihre Finger im Spiel. Nachdem ihre Schwester Maria den Erbprinzen nicht mehr sehen durfte, hatte sie Georg Ludwig mit einer anderen Dame von Stand bekannt gemacht: Ehrengard Melusine von der Schulenburg. Durch Vermittlung der Platen wurde die Tochter eines altmärkischen Adelsgeschlechts Hofdame bei Fürstin Sophie und kreuzte demzufolge ständig die Wege Georg Ludwigs. Und der Funke sprang über. Der Prinz verliebte sich in Melusine, die sieben Jahre jünger war als er.
Der Kontrast zu Sophie Dorothea hätte größer nicht sein können. War seine Gemahlin klein und rundlich, braunäugig und brünett, so war seine Geliebte blond und blauäugig, groß und dünn; deutlich größer als Georg Ludwig selbst, so dass seine Mutter, verärgert über die Komplikationen dieser Affäre, Melusine als malkin (Hopfenstange) bezeichnete – oder schlicht als Vogelscheuche. Auch vom Wesen her war Melusine das Gegenteil von Sophie Dorothea: nachgiebig und geduldig. Und diese Eigenschaften kamen Georg Ludwig sehr entgegen. So machte er sich bald gar nicht mehr die Mühe, seine Liebesaffäre geheim zu halten. Obwohl er kein guter Tänzer war, ließ er sich jetzt plötzlich bei Maskenbällen von der »Hopfenstange« zur Gavotte verleiten, während er seine Frau keines Blickes würdigte.
Sophie Dorothea litt unter der Zurücksetzung.
Unterdessen lenkten irritierende Nachrichten den Blick auf England. Mit ganz besonderem Interesse verfolgte Herzogin Sophie, was sich dort tat. Denn es waren ja ihre Verwandten, die als Hauptakteure in den englischen Machtkämpfen in Erscheinung traten. Der katholische König Jakob II. war ihr Cousin. Doch die Politik dieses Stuart-Königs fand ihren Beifall nicht. Denn Jakob II. war dabei, das Inselreich einer katholischen Restauration zu unterziehen und sich selbst zum Sonnenkönig zu machen – ganz nach dem Vorbild Ludwigs XIV., bei dem er auch sonst Rückhalt suchte. Diese Bestrebungen stießen auch beim englischen Parlament auf Widerstand. In seltener Eintracht baten daher sieben führende Politiker Englands, darunter auch königstreue Tories, den Statthalter der Niederlande, Wilhelm III. von Oranien, das Land von dem katholischen Potentaten zu befreien. Besonders pikant dabei war, dass der Oranier der Schwiegersohn Jakobs II. war. Doch dessen Gemahlin Maria Stuart wandte sich gegen den eigenen Vater und unterstützte ihren Mann. Ein Verhalten, das die hannoversche Herzogin als Mutter zutiefst missbilligte. Dennoch schmolzen ihre Sympathien für Jakob II. zusammen, zumal der sich immer mehr zum Sittenrichter über seine protestantische Cousine in Hannover erhob. In einem Brief an ihre Tochter Sophie Charlotte, Kurfürstin von Brandenburg, beklagte sich die Herzogin darüber:
»Der König von England (Jakob II.) hat bei Tisch gesagt, mein Bruder und ich hätten keine Religion, und ein anderes Mal sagte er: ›Meine Nichte hat Geist, aber nicht allzu viel Religion.‹ Man kann diesem wackeren Fürsten nur wünschen, dass er nicht so eine lose Zunge hätte. Denn nun wird sie ihn wahrscheinlich um seinen Thron bringen …«
Der Brief datiert vom 7. Oktober 1688. An diesem Tag war Wilhelm III. bereits unterwegs nach England. Am 5. November landete er mit siebzig Kriegsschiffen und einer Armee von 15 000 Mann an der britischen Küste. »Für die protestantische Religion, für ein freies Parlament«, war auf seiner Fahne zu lesen. Jakob II. floh nach Frankreich.
Nach dem Sturz des Katholiken entschied das englische Parlaments, dass nur noch protestantische Abkömmlinge des Hauses Stuart das Recht auf den englischen Thron haben sollten. Die Nachricht belebte einen Traum, über den Sophie bisher kaum zu sprechen gewagt hatte: den Traum von der englischen Krone. Zwar bestand noch kein Grund, sich konkrete Hoffnungen zu machen, doch so abwegig war der Gedanke an die Thronfolge im fernen England nun nicht mehr. Und diese Aussicht tröstete Sophie über manche Enttäuschung in Hannover hinweg und beflügelte sie, den Glanz des fürstlichen Hauses noch ein wenig heller erstrahlen zu lassen. Gleichzeitig mit der Erweiterung des Gartens in Herrenhausen baute sie auch das Leineschloss aus. Am 30. Januar 1689 eröffnete das Fürstenpaar auf dem Schlossgelände ein Opernhaus, das 1300 Besuchern Platz bot. »Der Ort, wo die Oper aufgeführt wird, könnte das ›goldene Haus‹ heißen«, schwärmte Maria Aurora von Königsmarck nach einem Hannover-Besuch. »Die Logen, in denen der Hof sitzt, sind mit goldglänzenden Skulpturen geschmückt und mit reichen Wandbekleidungen aus mit feuerrotem Sammet gestreiftem Goldstoff bedeckt. Das Theater ist von sehr edler Bauart, die Bühne weit, die Perspektive wunderschön.«
Sophie Dorothea, die bald auf den Bruder der begeisterten Opernbesucherin treffen sollte, fand auf diese Weise etwas mehr Zerstreuung in Hannover. Wie alle Gäste der Operneröffnung zeigte sich die Prinzessin begeistert von dem historischen Musikwerk »Enrico Leone«, das Hofkapellmeister Agostino Steffani zur Eröffnung komponiert hatte. Sophie Dorothea gefiel indessen weniger die Geschichte um Heinrich den Löwen als die ausgefeilte Bühnentechnik, die bei der Aufführung zum Einsatz kam.
Auch die Herrenhäuser Gärten wurden um eine Attraktion reicher. Fürstin Sophie ließ ein aus Hecken bestehendes Gartentheater errichten. Dazu wurden Tausende von jungen Hainbuchen und Lindenbäumen in den benachbarten Ämtern ausgegraben und von den Bauern nach Herrenhausen verfrachtet. Sophie Dorothea wusste es sehr zu schätzen, dass die Spaziergänge mit ihrer Schwiegermutter nun gelegentlich unterbrochen wurden durch den Besuch einer italienischen Komödie unter freiem Himmel. Hier in diesem Heckentheater fühlte sie sich zurückversetzt an den Hof ihrer Kindheit. Wenn sie dann mit ihrer Schwiegermutter in heiterer Stimmung zurückschlenderte, erschienen ihr auch die übrigen Attraktionen des Gartens in schönerem Licht: die Buchsbaumarabesken mit den verschiedenfarbigen Kiesflächen, die große Fontäne und die wasserspeienden Meergötter.
Aber leider waren solche Glücksmomente schnell verflogen, wenn sie auf ihr Zimmer zurückkehrte. Dann beschlich sie wieder dieses lähmende Gefühl der Wertlosigkeit – missachtet und gedemütigt von einem Mann, der sich ungeniert in aller Öffentlichkeit mit einer anderen Frau amüsierte.
Doch das sollte sich bald ändern. Denn nun trat ein Mann in ihr Leben, der ihr half, die Seitensprünge des Angetrauten mit Gleichmut zu betrachten.
Der erste Tanz
18. Februar 1690. Der Schnee, der in der Nacht gefallen war, verwandelte sich in Matsch und überzog die Wege der hannoverschen Altstadt mit einer Schlammschicht. Das Tauwasser mischte sich mit dem Kot der Schweine und Schafe, die durch die Gassen getrieben wurden. Gedämpft vollzog sich das Leben zwischen Aegidientor und Marktkirche, zwischen Leineschloss und Klickmühle. Ein grauer Himmel lastete über der Stadt. Tief und trübe. So wurde es schon früh dunkel.
Wenige Stunden später aber wurde es im Rathaus hell. Die Säle und Prunksalons strahlten im Kerzenschein von Kandelabern und Kronleuchtern, bengalisches Licht floss aus Schalen auf glänzenden Marmorsäulen, Gläser voll Champagner und Rotwein funkelten auf Silbertabletts, Geigen, Gamben, Krummhorn, Flöten und Schalmeien ließen den grauen Tag vergessen. Und der Duft parfümierten Wassers überlagerte den Qualm der Tabakspfeifen und die fauligen Ausdünstungen, die durch die Fenster hereinkrochen. Inmitten dieses festlichen Funkelns plauderte, prostete, trank und tanzte eine märchenhaft aufgeputzte Schar in bunten Kostümen: Harlekine, griechische Gottheiten, Bauern, Schäferinnen und Amazonen mit edelsteinbesetzten Roben aus raschelnder Seide.
Karneval in Hannover. Ernst August scheute keine Kosten, um zu demonstrieren, dass sich das Spiel der Verkleidung und des Rollentauschs nicht nur in Venedig, sondern auch an der Leine in Szene setzen ließ. Er selbst gefiel sich als »Hans Wurst« – in der derb-komischen Gestalt des universalen Schauspielers, der sich durch Komik, maßlose Gefräßigkeit und sexuelle Grenzenlosigkeit auszeichnete. Für den diesjährigen Straßenumzug hatte der Herzog angeordnet, dass sich sämtliche seiner männlichen Gäste als »Hanswürste« zu verkleiden und in vier »Banden« durch die Stadt zu ziehen hatten. Das hatte etwas Befreiendes, das auch die älteren Vertreter des Hochadels schätzten. Denn während der übrigen Zeit des Jahres beherrschte ja das minutiös festgelegte Protokoll das Leben der Fürstenhöfe.
Herzogin Sophie war in das Kostüm einer Zigeunerin geschlüpft, um mit ihrem Gemahl den Maskenball zu eröffnen – zu Ehren des Celler Herzogspaares, das zu einem Besuch in Hannover weilte. Um die neue Verbundenheit zu demonstrieren, hatte sie sich ihren früheren Verlobten zum »Partner der Nacht« gewählt. Gemeinhin wurden die Paare durch das Los bestimmt, die Herren zogen eckige, die Damen runde Holzplättchen, deren Farbe dann über die Paarung entschied. Aber natürlich konnte man ein wenig nachhelfen. Und Sophie war sich mit ihrem Mann einig, dass aller Welt vor Augen geführt werden musste, wie die Welfenfamilie jetzt zusammenstand.
Die Beziehung der herzoglichen Brüder war gut wie nie. Die Große Allianz gegen den Franzosenkönig Ludwig XIV. schweißte auch die Herzöge von Celle und Hannover zusammen. Gemeinsam mit den Soldaten des Kaisers, der Schweden und der Spanischen Niederlande boten die Truppen der Welfenherzöge in Flandern und der Pfalz dem Sonnenkönig Paroli. Wer wusste denn, wer als nächster von den Rollkommandos dieses Größenwahnsinnigen aus Versailles überfallen wurde? Da galt es zusammenzuhalten.
Hinter der Einladung stand aber auch das Bemühen, die desolate Ehe des Prinzenpaars zu retten. Doch sehr erfolgversprechend ließ sich der Abend in dieser Hinsicht nicht an. Sophie Dorothea richtete ihre Blicke nicht auf Georg Ludwig, sondern auf einen anderen Mann. Durch das Los war ihr ein Partner zugefallen, der sich wie ein Märchenprinz aus Tausendundeiner Nacht herausgeputzt hatte – mit Rosa- und Silberbrokat, Krummsäbel und Turban: Graf Philipp Christoph von Königsmarck. Der Soldat und Kavalier mit dem dunklen Oberlippenbart und den grau-grünen Augen war im Mai 1689 als Gardeoberst in den Dienst Ernst Augusts getreten. Man kannte sich. Sophie Dorothea war dem ein Jahr älteren Grafen schon in Celle begegnet, wo er seinerzeit mit seiner Mutter zu Besuch gewesen war.
Im Februar 1688 hatten sie sich das erste Mal bei einem Ball in Hannover wiedergesehen. Philipp Christoph hatte sogar am Tisch des Prinzenpaares gesessen. »Erinnert sich Eure Herzogliche Durchlaucht noch an meinen Besuch in Celle?«, hatte er zu fragen gewagt. Die Röte war Sophie Dorothea in die Wangen geschossen, flüsternd hatte sie geantwortet: »O Gewiss, wie sollte ich das vergessen.«
Königsmarck hatte sich im Jahr zuvor von seiner Verlobten Charlotte Dorothea Rantzau, der Tochter des dänischen Statthalters in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, getrennt und war offen für eine neue Eroberung.
Seine »Partnerin der Nacht« war ganz nach seinem Geschmack. Ähnlich wie beim Karneval in Venedig gefiel sich die Prinzessin in einem Florakostüm – in einer weißen mit Blümchen besetzten Robe, das Haar und das weit ausgeschnittene Dekolleté geschmückt mit gelben und roten Seidenrosen. Und sie sahen sich nicht nur in die Augen, sondern tanzten auch miteinander. Zum Beispiel Menuett.
In kleinen gemessenen Schritten bewegte sich das hübsche Paar übers Parkett und vollführte die verlangten Figuren mit einer Anmut, die unter den Gästen höchste Bewunderung hervorrief.
Sophie Dorothea kannte diesen vornehmen Tanz ja schon, bevor Ludwigs XIV. ihn hoffähig gemacht hatte. Ihre Mutter hatte ihr in Celle die Schritte beigebracht, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Denn der Tanz kam ja aus der Heimat von Eleonore d’Olbreuse, war einst ein Volkstanz im Poitou gewesen. So war die Herzogin von Celle jetzt ganz besonders entzückt, dass ihre Tochter hier in Hannover mit dem Menuett so hübsch zu glänzen verstand. Dass es nicht der Gatte war, mit dem sie tanzte, sah sie gelassen. Sie wusste ja um den prekären Zustand der Ehe. Da war es doch gut, dass Sophie Dorothea sich endlich einmal ein bisschen amüsierte. Augenzwinkernd nickte sie ihr zu.
Auch die Augen einer anderen Dame in fortgeschrittenem Alter ruhten auf dem jungen Paar: die von einer Lorgnette vergrößerten Augen der Gräfin Platen, die im goldglitzernden Gewand aus grüner Seide als Fruchtbarkeitsgöttin erschienen war.
Widerstrebende Gefühlen bewegten die Mätresse des Herzogs. Einerseits ärgerte es sie, dass dieser Königsmarck sich Sophie Dorothea geangelt hatte, anstatt mit ihr, seiner Gönnerin, zu tanzen. Andererseits genoss sie es aber auch, den schönen Mann mit den kindlichen Gesichtszügen beim Tanz zu beobachten. Ach, mochte dieser Bruder Leichtfuß noch so ein Halunke sein, seine Erscheinung elektrisierte sie derart, dass ihr Seidenkleid knisterte. Doch der Anblick seiner Partnerin wühlte sie so auf, dass sie an diesem Abend kaum mehr einen anderen Gedanken fassen konnte, als Wege und Mittel zu ersinnen, um Königsmarck für sich zu gewinnen. Ganz allein für sich. Sie nahm sich fest vor, die nächste sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um ihn einzuladen, einmal wieder auf ihr Schlösschen in Linden zu kommen. Natürlich nicht ihretwegen, wie üblich würde sie einen anderen Grund vorschieben. Der schöne Graf sollte ihre Tochter beglücken: die erst vierzehn Jahre alte Sophie Charlotte, deren Vater Herzog Ernst August war, das Kind der herzoglichen Seitensprünge. Es war kein Geheimnis, dass der Herzog Oberst Königsmarck dazu ausersehen hatte, seine uneheliche Tochter zum Traualtar zu führen. Und die Platen unterstützte ihn in diesem Bemühen. Jedenfalls nach außen hin. Schon einige Male hatte sie Philipp Christoph augenzwinkernd auf ihr Herzblut hingewiesen und dabei auch nicht versäumt, ihm andeutungsweise die Erbansprüche auszumalen, die sich mit der jungen Dame verbanden. Dass die kleine Sophie Charlotte vielleicht noch ein wenig jung für den Grafen war, war dabei das geringste Problem.
Die Gräfin nippte an ihrem Champagner, während sie sich in Gedanken schon mit dem schönen Tänzer im Bett räkelte. Aber erst einmal galt es, die Prinzessin zu übertrumpfen, diese alberne Schnepfe. Da bahnte sich etwas an. Das war für die erfahrene Liebhaberin unübersehbar.
Sophie Dorothea tanzte nicht, sie schwebte. Und das Lächeln des Tanzpartners bestärkte sie in dem Gefühl, dass ihre Empfindung nicht ganz einseitig war.
Wer war dieser Mann, dem die Herzen so vieler Frauen zuflogen?
Krieger und Kavalier:
Philipp Christoph Königsmarck
Philipp Christoph Königsmarck wurde am 14. März 1665 in Stade geboren, als Sohn Konrad Christoph Königsmarcks, des Vizegouverneurs der schwedischen Herzogtümer Bremen und Verden. Die Familie entstammte dem Uradel der Mark Brandenburg. Zu Reichtum und gesellschaftlichem Aufstieg war sie durch Philipp Christophs Großvater gelangt. Als ruhmreicher Heerführer im Sold der Schweden hatte es Hans Christoph Königsmarck (1600 – 1663) nämlich verstanden, enormen Gewinn aus dem Dreißigjährigen Krieg zu ziehen. Und die Reichtümer, die der alte Haudegen anhäufte, speisten sich nicht nur aus Beutezügen, Kriegsgewinnen und Lösegeldern, sondern auch aus den Belohnungen, mit denen die schwedische Königin Christine den Feldmarschall überhäufte. Die Königsmarcks, sie waren 1651 in den Grafenstand erhoben worden, erhielten Güter im gesamten Reichsgebiet der Krone überstellt – vom schwedischen Stammland bis hinein in die eroberten Provinzen, von Estland bis Stade. Ihr Einkommen entsprach dem der deutschen Fürstenhöfe. So war es nicht verwunderlich, dass Philipp Christophs Mutter dem Herzog von Celle 1665 die Patenschaft für ihren kleinen Sohn antrug. Wie sich zeigte, vergeblich.




