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Wie ich bereits sagte, ist es mein Wunsch, den Prozess, den meine Klienten durchlaufen, so gut wie möglich zu beleuchten. Ich werde Schritt für Schritt zeigen, wie ich mit einem neuen Klienten arbeite. Als Therapeutin, die sich auf die Heilung von versteckter psychischer Gewalt spezialisiert hat, bin ich mit Männern und Frauen durch den therapeutischen Prozess gegangen, der stattfinden muss, damit Menschen gesunden und vorangehen können. Vielleicht wissen Sie nicht einmal, ob Sie Teil einer toxischen Beziehung waren. Ich möchte, dass dieses Buch Ihnen als Hilfsmittel dient. Wenn Sie nach der Lektüre herausfinden, dass Sie nicht in einer psychisch missbrauchenden Beziehung sind oder sich nicht in einer solchen befunden haben, dann war es keine Zeitverschwendung. Sie werden dann sehr genau wissen, wie solch eine Beziehung aussieht. Dieses Wissen kann Ihnen helfen, Ihr Leben zu leben. Vielleicht fühlen Sie sich aufgefordert, die Informationen mit einem geliebten Menschen zu teilen, der in einer toxischen Verbindung gefangen ist. Je mehr Menschen die Anzeichen von psychischer Gewalt kennen, desto besser. Die Täter zählen darauf, dass sie nie wegen ihres Verhaltens zur Rechenschaft gezogen werden. Sie glauben, dass sie alle um sich herum zum Narren halten können. Sie brüsten sich oft offen damit. Das kollektive gesellschaftliche Wissen über diese Form des Missbrauchs wird einen Unterschied machen. Je länger psychische Gewalt im Dunklen bleibt, desto häufiger wird das Leben von Menschen im Stillen nach und nach zerstört.
FORSCHUNGSPROJEKT 2016
Untersuchung von Mustern psychischer Gewalt

Ein paar Hintergrundinformationen, wie es zu diesem Buch kam: Im Januar 2016 hatte ich die Gelegenheit, als Co-Forscherin des Forschungsprojekts Examining Patterns of Psychological Abuse mitzuwirken. Dafür bin ich der Leiterin des Forschungsprojekts, Dr. Aesha John von der Texas Christian University (TCU), nachhaltig dankbar, ebenso der Leitung der Abteilung für Sozialarbeit der TCU, die uns unterstützt und ermutigt hat. Im Laufe dieses Buches werde ich einige der Forschungsergebnisse, die relevant für unser spezifisches, hier diskutiertes Thema sind, weitergeben. Ich freue mich, das Projekt abgeschlossen zu haben und die Daten in die sechs Stufen der Heilung, die die Grundlage dieses Buches bilden, einbeziehen zu können. Wenn Sie Forschungsergebnisse todlangweilig finden, überspringen Sie diesen Abschnitt einfach und gehen Sie zum nächsten Kapitel über. Das verletzt meine Gefühle nicht. Vielleicht kommen Sie später noch einmal darauf zurück und finden etwas Interessantes. Wenn die Daten Sie allerdings faszinieren, dann lassen Sie uns zusammen einen Blick darauf werfen.
Zum Forschungsprojekt gehörte eine Online-Befragung, deren Teilnehmer wir über Social-Media-Beiträge rekrutierten. Die Teilnehmer wurden gebeten, anonym Angaben zu den folgenden demografischen Kriterien zu machen:
• Alter
• Geschlecht
• Ethnizität
• Wie ist/war der Täter mit Ihnen verwandt?
• Wann waren Sie in dieser Beziehung?
• Haben Sie noch Kontakt zu der missbrauchenden Person?
623 Personen nahmen an der Studie teil. 38 % waren im Alter von 41–50 Jahren, 23 % waren 51–60 und 20 % waren 33–40. Die restlichen Prozentsätze lagen außerhalb dieser Bereiche.
96 % Prozent der Teilnehmer waren Frauen, 4 % Männer und 0 % Transgender. Wie Sie sehen können, gab die Mehrheit der Teilnehmer unserer Studie als Geschlecht weiblich an. Ich glaube, dass weit mehr Männer psychische Gewalt erlebt haben, als in unserer Studie wiedergegeben wird. Ich habe es aus erster Hand in meiner Beratungspraxis miterlebt. Erfahrungsgemäß waren die Hälfte meiner Klienten, die psychischen Missbrauch erfahren haben, Männer. Ich bin der Meinung, dass weitere Untersuchungen durchgeführt werden sollten, um den betroffenen Männern eine deutlichere Stimme zu diesem Thema zu geben. Für den Moment möchte ich den Herren da draußen sagen, dass wir wissen, dass ihre Erfahrungen genauso verletzend und zerstörerisch sind wie die der Frauen. In der Regel sprechen Männer oft nicht über das, was hinter verschlossenen Türen passiert. Wir in der Bewältigungs-Community wissen, dass es Sie gibt, und wir möchten Ihre Geschichten mit Ihnen würde- und respektvoll teilen.
In der Kategorie Ethnizität wählten 87 % Weiße (Nicht-hispanische Weiße), 5 % Hispanoamerikaner und 3 % Afroamerikaner. Wie beim Geschlecht ist mir bewusst, dass dies eine unserer Studie inhärente Verzerrung ist, die auf den Rekrutierungsmethoden basiert, die von meinen beruflichen Social-Media-Kontakten verwendet werden. Es sollten weitere Forschungsstudien durchgeführt werden, um ein breites Spektrum zu erhalten, wie weit der psychische Missbrauch in unserer Kultur reicht. Ich weiß aus meiner Praxis und aus dem, was bei Online-Selbsthilfe-Gruppen beobachtet werden kann, dass psychische Gewalt Menschen aller ethnischen Gruppen und Nationalitäten betrifft.
Was den zeitlichen Rahmen des Missbrauchs betrifft: 52 % der Befragten sind derzeit in einer missbräuchlichen Beziehung oder waren es innerhalb der letzten zwei Jahre, 22 % vor zwei bis fünf Jahren und die drittgrößte Gruppe mit 14 % vor mehr als 15 Jahren. Dies ist eine interessante Streuung, die zeigt, wann die Betroffenen sich in ihren Beziehungen zu den Tätern befanden.
Ich werde später auf die Daten zurückkommen und aufzeigen, wie die Teilnehmer mit den Tätern in Beziehung standen und ob sie noch Kontakt haben. Diese Fragen bedürfen einer ausführlicheren Erklärung, als ich sie an dieser Stelle geben möchte. Aber wir werden dazu kommen.
Im narrativen Teil der Studie wurden die Menschen gebeten, mit ihren eigenen Worten Antworten auf folgende Fragen zu geben:
• Bitte beschreiben Sie anhand konkreter Beispiele, was Sie tun, um vor, während und/oder nach dem Kontakt mit der missbrauchenden Person emotional sicher und gesund zu bleiben – (295 individuelle Antworten).
• Bitte beschreiben Sie anhand konkreter Beispiele, was für Sie der Wendepunkt war, mit der missbrauchenden Person in den „Kein-Kontakt“ überzugehen (Kein-Kontakt bedeutet, dass ein Opfer in keiner Form mit dem Täter in Kontakt steht) – (296 individuelle Antworten).
• Bitte geben Sie konkrete Beispiele an, in welcher Form Sie Unterstützung hatten. Die Unterstützung kann informell (z. B. Freunde, andere Betroffene) oder formell (z. B. Therapie) sein – (597 individuelle Antworten).
• „Gaslighting“ bedeutet, dass die missbrauchende Person versucht, die Fakten von Gesprächen oder Ereignissen so zu verändern, dass das Opfer das Vertrauen in seine eigene Erinnerung verliert. Wenn Sie dies erlebt haben, nennen Sie bitte konkrete Beispiele, wann Sie Gaslighting erlebt haben – (548 individuelle Antworten).
• „Fliegende Affen“ ist ein Begriff, der die Personen beschreibt, die einen Täter umgeben und seine „Drecksarbeit“ absichtlich oder unbewusst erledigen. Wenn Sie dies erlebt haben, geben Sie bitte konkrete Beispiele an, wann Sie Erfahrung mit fliegenden Affen gemacht haben – (483 individuelle Antworten).
• „Schmierkampagne“ bezeichnet die Situation, wenn Lügen, Gerede sowie Triangulierung von der missbrauchenden Person benutzt werden, um einzelne Personen oder Gruppen gegen ein Opfer aufzubringen. Wenn Sie dies erlebt haben, geben Sie bitte konkrete Beispiele dafür an, wie Ihr Täter eine Schmierkampagne gegen Sie eingesetzt hat – (527 individuelle Antworten).
• „Love Bombing“ bezeichnet die Situation, wenn eine schädliche Person kalkuliert positive Zuwendung benutzt, um die Emotionen und Erwartungen des Opfers in Bezug auf Zuneigung in der Beziehung zu manipulieren. Dies geschieht in der Regel zu Beginn der Beziehung. Wenn Sie dies erlebt haben, teilen Sie bitte konkrete Beispiele mit, wie Ihr Täter Love Bombing eingesetzt hat – (497 individuelle Antworten).
• „Hoovering“ bedeutet, dass die toxische Person versucht, das Opfer dazu zu bringen, sich wieder auf die Beziehung einzulassen, indem sie erneut Kontakt mit dem Opfer aufnimmt. Das Hoovering kann sowohl positive als auch negative Aufmerksamkeit seitens der toxischen Person sein, indem sie das Opfer z. B. in einen Streit verwickelt etc. Wenn Sie dies erlebt haben, geben Sie bitte konkrete Beispiele dafür an, wie Ihr Täter Hoovering eingesetzt hat – (504 individuelle Antworten).
• Wenn Ihr Täter Spiritualität oder religiöse Überzeugungen als Manipulation benutzt hat, um Sie in der Beziehung zu halten, geben Sie bitte konkrete Beispiele an – (399 individuelle Antworten).
Wenn Sie sich noch nicht lange im Heilungsprozess befinden, können Ihnen einige der Begriffe, die Dr. John und ich im Forschungsprojekt verwendet haben, fremd sein. Das ist völlig in Ordnung. In Stufe 2: Aufklärung werde ich auf jeden dieser Begriffe und einige weitere eingehen. Ich werde auch fiktive Beispiele anführen, die auf den zahlreichen Geschichten basieren, denen ich begegnet bin. Ich möchte Ihnen einen Teil des Forschungsprojekts erläutern, damit Sie einen Eindruck davon bekommen, wie dieses Buch entstanden ist, und Ihnen einige der Daten darlegen, die wir bei der Studie ermittelt haben. Ich werde keine konkreten Details aus den Geschichten der Teilnehmer mitteilen. Vielmehr bleibe ich bei den Themen, die sich daraus ergeben haben. Alle Teilnehmer konnten ihre Umfragen vertraulich ausfüllen. Selbst bei diesem Maß an Datenschutz bleiben die Geschichten ihre eigenen. Die kollektive „Stimme“, die wir gehört haben, wird hervorgehoben, und ich werde mich auf das der psychischen Gewalt zugrunde liegende Muster konzentrieren. Ich konnte genau die gleichen Charakteristika in meiner privaten Beratungspraxis wie auch innerhalb des Forschungsprojektes beobachten. In jedem Fall sind psychische Misshandlungen konsistent in ihrer Art des Missbrauchs.
DIE GRUNDLAGEN
PSYCHISCHER GEWALT





