Das Mündel des Apothekers

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»Glaubt Ihr wirklich, dass es von Nöten ist, jetzt, wo die Apothekerhexe im Gefängnis sitzt?«
»Welche Apothekerhexe? Wovon redet Ihr?«
»Na, vom Riesingermündel. Heidrun, die Base der Bäckerin, hat sie der Hexerei bezichtigt. Und bis der Vorfall geklärt ist …«
»Seid Ihr wahnsinnig, Stracke!«, unterbrach ihn Schillinger. »Ihr steckt ohne mein Wissen die Tochter eines Ratsmitglieds ins Loch! Noch dazu die Tochter vom ehrwürdigen Apotheker. Wollt Ihr dieselbe Massenhinrichtung wie vor 30 Jahren? Auf der Stelle bringt Ihr mir die Riesingertocher hierher. Und wehe, Ihr fasst sie unsittlich an, Stracke, dann Gnade Euch Gott! Und jetzt geht mir aus den Augen!«
Kapitel 5
Nördlingen, 13. Oktober Anno Domini 1636 2 Jahre später
Knisternd loderten die Flammen auf, als Elfriede ein Holzscheit in die Glut nachlegte. Riesinger bedankte sich mit einem Nicken, woraufhin die Haushälterin das Arbeitszimmer wieder verließ. Der Kaufmann Josef Hofmeister schwenkte den Rotwein in seinem Kelch und beobachtete das Feuer im Kamin. Danach wendete er sich wieder seinem Gesprächspartner zu.
»Ja, mein Wilhelm ist ein paar Jahre älter als deine Tochter. Aber daran wird sie sich schon gewöhnen. Wichtig ist doch die gute Verbindung zweier so erfolgreicher Kaufmannsfamilien. Und vor allem sind sie sich nicht fremd. Sie kennen sich schon ihr ganzes Leben.«
»Dann sind wir uns ja einig«, freute sich Riesinger und streckte Hofmeister seine Hand entgegen.
Neugierig schaute Katharina aus dem Fenster, als der alte Hofmeister das Apothekerhaus verließ.
»Was wollte der denn hier?«, fragte sie ihren Stiefvater. »Ich dachte, unsere Familie hat seit Jahren mit den Hofmeisters Streit?«
»Nicht mehr. Wir haben uns versöhnt. Er wird dein Schwiegervater werden. Damit haben wir es besiegelt.«
»Wie bitte? Und wer soll das sein, den ich heiraten soll? Doch nicht etwa der Wilhelm, dieser Spinner!«
»Für unsere Familie ist es das Beste. Durch den Zusammenschluss wirst du einen dir kaum vorstellbaren Reichtum erwirtschaften können.«
»Und was soll ich mit dem ganzen Geld und Reichtum, wenn ich unglücklich bin und einen Spinner als Mann habe?«
»Jetzt reiß dich zusammen! Dutzende Weiber in Nördlingen wären froh, sie hätten einen Mann wie Wilhelm Hofmeister! Glaubst du, ich konnte heiraten, wen ich wollte? Hochzeiten werden nun mal arrangiert. Nicht einmal unser deutscher Kaiser hatte eine Wahl!«
»Das ist mir egal! Den werde ich jedenfalls nicht heiraten! Vorher gehe ich ins Kloster!«, schrie Katharina und rannte die Treppen hinauf in ihre Kammer.
Weinend und schluchzend lag sie auf ihrem Bett. Wie konnte ihr Stiefvater ihr das nur antun. Sie hatte immer damit gerechnet, dass sie nicht den Mann ihrer Wahl heiraten konnte, aber ausgerechnet diesen Irren.
Die Hofmeisters handelten auch seit vielen Generationen mit Stoffen und edlen Tuchwaren, weshalb die Konkurrenten sich nicht mochten. Durch Riesingers Umstieg auf Heilmittel, Kräuter und Salben hatten sie plötzlich keinen Grund mehr für einen Familienstreit. Doch die Affäre seiner Frau mit Josef Hofmeister hinterließ einen faden Beigeschmack.
»Ach Kindchen«, tröstete Elfriede das Apothekermündel. »Nimm dir das doch nicht so sehr zu Herzen. Du willst doch nicht so enden wie ich. Ohne einen einflussreichen Mann wirst du nie ein eigenständiges Leben führen können. Sieh es doch einfach als Einstieg in eine gute Zukunft. Und die Liebe kommt schon noch mit der Zeit.«
»Ich schätze dich sehr. Du warst für mich mehr als eine Mutter. Aber wie es in mir drin aussieht, weiß nur ich. Diese Hochzeit kommt für mich einem Verrat gleich. Ich fühle mich wie eine Sklavin, die an einen Henker verkauft wurde«, erklärte sie und brach wieder in Tränen aus.
*
Schon wenige Wochen später war der große Tag.
»Du siehst aus wie eine Adlige«, freute sich Elfriede, als sie Katharinas Hochzeitskleid musterte. Es war aus sündhaft teurem, schwarz gefärbtem Barchent. Darüber ein dunkelblauer Umhang aus Samt mit Kapuze, umsäumt von goldfarbenen Bordüren.
»Jetzt mach doch kein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter«, versuchte die Haushälterin sie aufzumuntern. »Es hat sogar aufgehört zu schneien.«
Als ihr Stiefvater Katharina zur St. Georgskirche geleitete, fühlte sie sich wie ein Schwein, das zur Schlachtbank geführt wird. Tausende Gedanken kreisten in ihrem Kopf. In der Kirche war kein Sitzplatz mehr frei. Menschen standen hinter den letzten Bankreihen, um noch einen kurzen Blick auf Braut und Bräutigam zu erhaschen. Wilhelm Hofmeister wartete ungeduldig vor dem Hochaltar. In seinem Gesicht war ein leichtes Schmunzeln zu erkennen.
Hier stand sie nun neben ihrem zukünftigen Ehemann. Von all dem, was der Pastor Eberhard Widmann sprach, bekam Katharina nichts mit. Sie hörte seine Worte wie weit entfernt und verschwommen.
»Willst du, Wilhelm Hofmeister, die hier anwesende Katharina Riesinger zu deinem Eheweib nehmen? Sie lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?«
»Ja, ich will«, erklang die Stimme von Wilhelm selbstsicher.
»So frage ich dich, Katharina Riesinger, willst du den hier anwesenden Wilhelm Hofmeister zu deinem Ehemann nehmen? Ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?« Es herrschte Totenstille. Keiner wagte zu husten oder gar etwas zu sagen.
»Ich frage dich noch einmal. Willst du den hier anwesenden Wilhelm Hofmeister zu deinem Ehemann nehmen? Ihn lieben und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod euch scheidet?«, wiederholte Widmann jetzt in einem lauten Ton. Wieder sagte Katharina nichts. Ein Raunen ging durch die Kirche. Einige der Anwesenden begannen zu tuscheln. Benedikt stieß seiner Stieftochter den Ellbogen in die Rippen.
»He … ähm … ja«, stotterte sie.
»Dann erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau. Ihr dürft die Braut jetzt küssen.« Als die Lippen der beiden sich berührten, ekelte sich die frisch Vermählte. Wilhelms roter Vollbart roch nach Dünnbier und Zwiebel und kitzelte sie im Gesicht. Hunderte von Augenpaaren musterten die Eheleute auf dem Weg ins Freie. Einige jubelten, andere starrten sie nur an.
Die Kutsche hielt vor dem Anwesen der Hofmeisters. Das Gesinde erwartete ihren Herren bereits am Eingang. Von der jungen Frau an seiner Seite nahm allerdings kaum jemand Notiz.
Das Innere des Hauses wirkte lieblos und kalt, obwohl der Kachelofen eingeheizt worden war. Aus der Küche wurde Fleisch und Gesottenes getragen und aufgetischt. Weinkrüge standen auf der Tafel bereit.
»Auf uns«, sagte Wilhelm zu seiner Ehefrau und reichte ihr einen Becher Wein, den Katharina in einem Zug leerte. Sie hoffte auf eine baldige Wirkung des Alkohols, um die fürchterliche Situation für sie erträglicher zu machen.
Im Laufe des Abends wurde die Braut mit dem Schwiegervater bekannt gemacht, was aber auch eine eher kühle Begegnung war. In einem Gespräch erfuhr sie, was für Pflichten in den kommenden Tagen auf sie warteten.
Gegen Mitternacht ergriff Josef Hofmeister das Wort:
»Verehrte Gäste, liebes Brautpaar. Ich möchte mich noch einmal bei allen für das zahlreiche Erscheinen bedanken. In ganz besonderem Maße natürlich bei unseren neuen Familienmitgliedern und Geschäftspartnern, den Riesingers. Pastor Widmann hat soeben das Brautbett gesegnet und ihr werdet entschuldigen, dass die frisch Vermählten sich jetzt zurückziehen werden. Möge Katharina ihrem Wilhelm viele Nachkommen schenken! Ein dreifaches Hoch auf das Brautpaar!«
»Hoch, hoch, hoch!«, rief die gesamte Hochzeitsgesellschaft.
Als die Türe zu Wilhelms Kammer ins Schloss fiel, pochte Katharinas Herz wie die Paukenschläge eines Orchesters. Ein Talglicht brannte auf dem kleinen Nachtschränkchen, das neben dem Bett stand. Am Ende des Raumes stand eine Kommode, auf der sich eine Waschschüssel und ein Wasserkrug befanden.
»Zieh dich aus und leg dich hin!«, wies Wilhelm seine Frau an. Mit hochrotem Kopf begann sie, ihr Kleid zu öffnen. Vor Scham hielt sie die Arme vor ihre Blöße. Am liebsten hätte sie jetzt noch einen Becher Wein getrunken, um sich zu beruhigen. Leicht gebeugt, als könne sie damit noch mehr verdecken, huschte Katharina unter die Decke. Ihren Gatten störte es hingegen nicht im Geringsten, sich vor ihr zu entkleiden. Als sie seinen massiven Körper und sein mächtiges Geschlecht sah, wurde ihr angst und bange.
Das Bett gab unter Wilhelms Gewicht ein Stück nach, als er sich zu ihr legte. Unter einem leichten Ächzen begab er sich über sie. Verkrampft und eingeschüchtert starrte sie an die Decke der Kammer. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Unterleib, als er in sie eindrang. Fest presste sie ihren Mund zusammen und schloss die Augen. Tränen rannen über ihre Schläfen in ihre blonden Locken. Sie hatte einmal gehört, dass es auch schön sein konnte. Doch sie war weit davon entfernt, Gefallen daran zu finden. Der Schmerz blieb. Nach einem kurzen Aufbäumen stöhnte Wilhelm kurz auf und ergoss sich in sie.
Er legte sich neben Katharina, rollte sich in seine Decke ein und es dauerte nicht lange, bis er schnarchend einschlief. Sie fühlte sich benutzt wie ein schmutziger Leinenfetzen. Mehr als Ekel konnte sie ihrem Gatten nicht entgegenbringen.
Die kommenden Tage verliefen wie erwartet. Ihr Schwiegervater kommandierte das Gesinde und auch Katharina durch das Haus und fand immer wieder Arbeiten, die sofort zu erledigen waren. Wilhelm war nach dem zweiten Tag der Hochzeit wieder zu den kaiserlichen Truppen gestoßen. Die Aussicht auf schnelles Geld durch Plünderungen vertrieben seine Angst, verwundet oder gar im Kampf getötet zu werden. Der Handel mit Tuchwaren war durch den Krieg ohnehin fast zum Erliegen gekommen und warf nur noch Almosen ab.
Katharina fühlte sich einsam. Unter den Bediensteten war niemand, dem sie vertrauen und ihr Herz ausschütten konnte. Ab und zu schlich sie fort, um sich heimlich mit Simon im Baumhaus zu treffen. So hatte sie zwar jemanden zum Reden, aber helfen konnte er ihr auch nicht.
So zogen Wochen und Monate durchs Land. Hin und wieder kehrte Wilhelm für ein oder zwei Tage von den Kriegsgeschehen zurück, forderte seine ehelichen Rechte, um anschließend wieder für Wochen zu verschwinden. Katharina war mittlerweile ein Schatten ihrer selbst geworden und funktionierte einfach nur noch.
Kapitel 6
Nördlingen, 8. Mai Anno Domini 1648 12 Jahre später
Wiehernd galoppierte das reiterlose Pferd vom Hallgebäude in Richtung Rathaus. Riesinger war auf dem Heimweg von einer Ratssitzung, als ein brauner Kaltblüter dampfend vor Schweiß auf ihn zuritt.
»Ho, ho!« Er streckte beide Arme über seinen Kopf, um das wild gewordene Tier zu beruhigen. Tatsächlich verlangsamte es sein Tempo und stellte sich wiehernd auf die Hinterbeine. Als es sich weiter beruhigte, konnte Benedikt die Zügel fassen. Riesinger blickte sich mehrfach um, doch die Straße war menschenleer.
So führte er das Tier die letzten Schritte zum Apothekerhaus und versorgte es im Stall hinter dem Haus. Der Sattel war aus feinstem Leder gefertigt und mit bronzenen Broschen und Schnallen verziert. Benedikt musste einiges an Kraft aufwenden, um den ungewöhnlich schweren Reitsitz vom Rücken des Pferdes zu hieven.
»Woher mag das kostbare Tier nur kommen?«, murmelte er vor sich hin.
Die Neugierde über seine Herkunft trieb Benedikt zurück auf die Straße.
»So g’sell so«, ertönten die Rufe der Türmer, die so beweisen sollten, dass alle auf ihren Posten waren. Ziellos marschierte der Apotheker durch die Gassen, konnte aber nichts über die Herkunft des Pferdes herausfinden.
Als Riesinger den Hafenmarkt erreichte, bemerkte er, dass er nicht allein war. Er drehte sich um, doch es war niemand zu sehen. So ging er weiter, wenn auch etwas schneller. Er hörte sich nähernde Schritte. Er schluckte.
Sollte ein Büttel ihn ohne Laterne antreffen, würde er die Nacht im Narrenhäuschen verbringen müssen. Auch war um diese Uhrzeit nur noch Gesindel unterwegs.
Er vernahm ein metallisches Geräusch und spürte die Klinge eines Dolches am Hals. Er wagte sich nicht zu bewegen.
»W… was wollt Ihr von mir? Mein Geld? Dann nehmt es Euch! Oder ist es wegen des Pferdes? Ihr könnt es gerne wiederhaben. Ich hab es ja nur versorgt und … ah, ah … Was soll das?« Benedikt spürte einen brennenden Schmerz an seiner Kehle. Er wollte um Hilfe rufen. Aber er konnte nur noch ein gurgelndes Geräusch von sich geben.
Durch ein lautes Kreischen wurde Katharina aus dem Schlaf gerissen. Müde rieb sie sich die Augen.
»Ist es denn nicht möglich, in dieser Stadt zu schlafen, ohne dass ich vor Sonnenaufgang geweckt werde?«, schimpfte sie und zog sich die Bettdecke über den Kopf. Es dauerte einen Moment, bis Katharina begriffen hatte, wo sie war.
Seit einigen Monaten gab es von Wilhelm, ihrem Ehemann, kein Lebenszeichen. Seine Kameraden waren aus den Schlachten längst zu ihren Familien zurückgekehrt. Wegen des schlechten Verhältnisses zu ihrem Schwiegervater hatte sie sich entschieden, zurück zu Elfriede und ihrem Stiefvater zu ziehen. Es kostete den Apotheker einiges an Überredungskunst, Josef Hofmeister davon zu überzeugen, dass Katharina bei ihm besser aufgehoben war. Eine beträchtliche Summe für den Verlust von Katharinas Arbeitskraft ließ den Tuchhändler letztendlich einlenken.
Nachdem sie nun schon wach war, ging sie in die Küche, um sich eine Tasse von dem bitteren, schwarzen Kaffee aufzubrühen, den ihr Benedikt aus Venedig mitgebracht hatte. Eigentlich mochte sie ihn nicht besonders, aber er weckte ihre Lebensgeister.
Im Nachthemd tapste Katharina die breite Holztreppe nach unten. In der Küche brannte Licht. Elfriede hatte den Küchenofen bereits angeschürt. Es war zwar schon Mai, doch die Nächte waren immer noch kalt und teilweise war sogar noch Frost an den Fenstern.
»Guten Morgen, Katharina. Du sollst doch nicht immer barfuß auf dem kalten Steinboden gehen«, murrte Elfriede.
»Guten Morgen«, erwiderte die Angesprochene kurz und hob eine Augenbraue.
Heftig klopfte es an die Haustüre. Beide sahen sich fragend an.
»Wer kommt denn jetzt in aller Herrgottsfrüh?«, wunderte sich Elfriede und schlurfte zum Eingang.
»Simon? Was treibt dich um diese Uhrzeit hierher?«
»Benedikt wurde eben ermordet aufgefunden!«
Entsetzt starrten sie sich an. Elfriede hielt die Hand vor den Mund. Katharina blickte ins Leere.
»Jemand hat ihm die Kehle durchgeschnitten.«
»Der kopflose Reiter!« Elfriede vergrub ihr Gesicht in den Handflächen.
»Der Stadthauptmann sagte, es sei ein Raubmord gewesen. Wohl ein Bettler oder Beutelschneider. Da es aber jeder gewesen sein konnte, wurden die Ermittlungen erst gar nicht aufgenommen. Seine Geldkatze hing gefüllt an seinem Gürtel, sagte die Hebamme Holzinger, die ihn gefunden hatte. Da passt doch etwas nicht!«
»Das war das Pferd vom kopflosen Reiter, das er eingefangen hatte«, befürchtete die Haushälterin.
»Ach, Elfriede, das sind doch alles nur Märchen«, rügte Katharina sie.
»Märchen? Als ich noch ein Kind war«, begann Elfriede zu erzählen, »war ich mit ein paar Freunden auf dem Heimweg. Wir hatten die Gräber für Allerheiligen geschmückt und das Unkraut gezupft. Plötzlich, wie aus dem Nichts, stand uns ein Leichenzug gegenüber. Aber das war kein gewöhnlicher Leichenzug. Keiner der Personen hatte einen Kopf. Wir hatten zuerst gedacht, da erlaubt sich jemand einen Scherz und der Josef hatte sie ausgelacht, ja sogar beschimpft. Einer der Kopflosen hatte ihm eine Maulschelle verpasst. Er hatte den nächsten Morgen nicht erlebt.« Elfriede zitterte. Katharina nahm sie in den Arm. Keiner sagte etwas.
»Er war wie ein Vater für mich«, unterbrach Katharina die Stille. »Er war zwar streng, aber auch gerecht, und er hatte es mich nie spüren lassen, dass ich nicht seine leibliche Tochter bin.«
In der Zeit des langen Krieges waren Mord, Plünderungen und Vergewaltigungen an der Tagesordnung gewesen. Doch man hoffte immer, es würde andere treffen. Nun war nach fast einem Jahr nach Ende des Kriegs der Tod doch noch in ihrer Familie angekommen.
Als Katharina kurze Zeit später die Apotheke verließ, bemerkte sie, dass der Frühling die Stadt wieder zum Leben erweckt hatte. Nach den kalten Wintermonaten trafen sich die Bürger wieder auf dem Markt, nicht nur, um Einkäufe zu erledigen, sondern um mit dem ein oder anderen, den man schon lange nicht mehr gesehen hatte, wieder mal ein Schwätzchen zu halten. Marktfrauen boten ihre kargen Reste der letzten Ernte feil und Gerber legten ihre Felle und Lederstücke zum Verkauf aus.
Katharina war auf dem Weg zum Rathaus, das auf der anderen Seite des Marktplatzes lag. Durch den heimtückischen Mord an ihrem Stiefvater war sie immer noch nachdenklich und in sich gekehrt. Entgegenkommende musterten die junge Frau mitleidig.
Sie war zu einer erwachsenen Frau herangewachsen. Mit ihren blondgelockten Haaren wirkte sie wie die Engel auf den Fresken der Kirche und auf ihrem gut gefüllten Mieder blieb so manch ein Männerblick länger haften, als der Anstand es erlaubte. Ihre hochgewachsene Gestalt überragte die meisten Nördlinger.
Ihr Herz pochte, als sie die Stufen zum Rathaus emporstieg, und nicht nur, weil sie gleich beim Bürgermeister vorsprechen würde, sondern weil sie den Kaffee nicht gewohnt war.
»Werte Frau Hofmeister, es ist unmöglich für Euch, eine Erbschaft anzutreten«, begann Bürgermeister Schillinger. »Kennt Ihr die Gesetzeslage denn nicht?«
»Ich verstehe nicht ganz, Benedikt Riesinger hat mich doch adoptiert und somit bin ich doch erbberechtigt.«
»So weit ist das ja richtig, aber eine Frau ohne Ehemann kann nicht erben.«
»Ich bin doch verheiratet, nur ist mein Mann eben vermisst.«
»Wir brauchen hier eine Unterschrift Eures Gatten, damit die Erbschaft auch rechtskräftig wird. Keine Unterschrift, kein Erbe! Ich mach Euch einen Vorschlag, Frau Hofmeister. Erich Stracke, der Stadthauptmann, würde sich Eurer gerne annehmen. Und Euren Wilhelm könnten wir für tot erklären. Dann wäre doch allen geholfen, oder nicht?«
»Der stinkende Fettwanst, der nur noch ein paar faule Zähne im Maul hat und ständig besoffen ist? Niemals! Vorher erhänge ich mich am nächsten Baum. Wie viel Zeit bleibt mir, meinen Mann zu finden?«
»Zwölf Wochen. Zwölf Wochen, dann heiratet Ihr entweder den Erich oder das Erbe geht an die Stadt. Das ist mein letztes Wort. Gehabt Euch wohl, Frau Apothekerin.«
Sie brauchte dringend Hilfe, aber wem konnte sie vertrauen? Als Katharina die 350 Stufen auf den Daniel stieg, schlug die Turmuhr der St. Georgskirche dreimal. Keuchend und außer Atem erreichte sie die Türe zur Turmstube. Wenn ihr einer helfen konnte, dann der Stadthauptmann. Sie war zwar nicht scharf auf ein Gespräch mit dem Widerling, doch er hatte Verbindungen zu den Truppen und kannte wichtige Soldaten.
Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie anklopfte. Ein ihr unbekannter Wachsoldat öffnete ihr die Türe zur Turmstube. Im Hintergrund konnte sie bereits Erich sehen, der in eine vor Fett triefende Keule biss.
»Waff für eine erfreuliche Überraffung«, schmatzte dieser mit vollem Mund, so dass Teile seiner Mahlzeit durch die Luft flogen. »Lasst uns allein, wir haben etwas zu bereden«, wies Stracke seine Kollegen an. Als sie die Türe hinter sich schlossen, bot Erich ihr einen Platz an.
»Setz dich, meine Hübsche. Das hier sind die Habseligkeiten, die Riesinger bei sich getragen hatte, als man ihn aufgefunden hatte«, erklärte der Stadthauptmann und überreichte ihr die Geldkatze des Stiefvaters.
»Das ist alles? Wo sind seine Kleidung und seine Taschenuhr?«
»Willst du etwa behaupten, ich hätte die Sachen an mich genommen?«
»Nein, es ist nur… Man hatte ihn doch nicht etwa wegen einer Taschenuhr ermordet!«
»Hungernde würden wegen einer Scheibe Brot morden! Wo seine Kleidung ist, weiß ich nicht. Frag den Totengräber!«
»Weshalb ich eigentlich hier bin: Ihr wart einer der Letzten, die Wilhelm lebend gesehen haben. Könnt Ihr mir noch irgendeinen Anhaltspunkt geben, wo er sein kann, falls er noch lebt?«
Entgeistert sah der Wachmann sie an.
»Das hab ich dir doch schon alles hundert Mal erzählt. Wilhelm hat den Oberbefehlshaber Graf von Holzappel nach Augsburg gebracht. Mehr weiß ich nicht! Ich dachte, du kommst wegen unserer Hochzeit zu mir. Willst du dich davor drücken und hoffen, deinen Wilhelm wiederzufinden? Bin dir wohl nicht gut genug, hä?«
»Ich glaube, es war ein Fehler von mir, hierherzukommen«, bemerkte Katharina und stand auf, um zu gehen. Erich umfasste ihre Hüften und lächelte sie an, dass seine wenigen braunen Zähne zum Vorschein kamen.
»Wir wären doch ein hübsches Paar«, hauchte er ihr ins Gesicht. Katharina schloss die Augen und drehte ihren Kopf zur Seite. Sein fauliger Atem ließ sie beinahe würgen.
»Lass mich los! Das bringt doch nichts!« Doch ihn beeindruckten ihre Worte nicht. Er versuchte, sie zu küssen. Katharina drehte ihren Kopf zur Seite und so schmierte Erich mit seinem fettigen Mund über ihre Wangen.
»Hör auf!« Panik stieg in ihr auf. Er ließ von ihr ab, griff in ihren Ausschnitt und fetzte mit einem Ruck ihr Mieder in zwei Hälften. Versteinert vor Entsetzen stand sie mit entblößtem Oberkörper vor ihrem Peiniger. Mit einem fiesen Grinsen öffnete Stracke seinen Hosenlatz und trat näher. Sie ließ ihr Knie mit voller Wucht nach oben schnellen. Der Stadthauptmann sackte schmerzverzerrt zusammen.
»Du dreckige kleine Hexe!«, brüllte Stracke, nach Atem ringend. Katharina raffte ihre Strickjacke und stürmte die Stufen hinab.
Am Eingang standen einige Wachsoldaten, die Katharina musterten.
»Eurem Hauptmann geht es nicht so gut. Ich glaube, er hat Leibgrimmen«, sagte sie beim Vorbeigehen mit einem leichten Grinsen im Gesicht. Entgeistert sahen die Männer ihr nach.
Ihr Weg führte Katharina ohne Umwege zu ihrem Jugendfreund. Simon Mühlbichler war mittlerweile zu einem stattlichen Mann herangewachsen. Er hatte durch die schwere körperliche Betätigung in der Zimmerei einen sehnigen Körper, der von der Arbeit an der Sonne gebräunt war. Sein schwarz gelocktes Haar reichte bis zu seinen Schultern. Das bartlose Gesicht wurde von einer schiefen Nase unterstrichen, die er sich gebrochen hatte, als er aus dem Baumhaus stürzte.
»Alles, was ich vom Verschwinden von Wilhelm erfahren habe, ist, dass er den schwerverletzten Oberbefehlshaber, Graf von Holzappel, nach Augsburg gebracht haben soll. Danach verliert sich jede Spur«, erklärte ihm Katharina. »Ich muss sofort nach Augsburg, um ihn zu suchen!«
»Wie willst du als Frau allein in Augsburg jemanden finden?«
»Ich bin nicht allein, du wirst mich begleiten«, schmunzelte sie.
»Ich kann hier nicht einfach so weg. Mein Vater springt mir an die Kehle. Jetzt wo wir endlich wieder genug Arbeit haben, kann ich ihn doch nicht einfach allein lassen!«
Simon sah Katharina in die Augen und überlegte.
»Allerdings kann ich dich ja nicht im Stich lassen. Wann soll’s denn losgehen?«
»Am besten gleich morgen früh, dann sind wir abends in Donauwörth und, wenn alles gut läuft, übermorgen in Augsburg.« Wie es dann weitergehen sollte, wusste Katharina auch noch nicht. Sie würden sich einfach durchfragen und hoffen, dass Wilhelm dort irgendwelche Spuren hinterlassen hatte.
Kapitel 7
Mit Tränen in den Augen winkte Elfriede Breitenbach Simon und Katharina auf ihren Pferden hinterher, bis sie die beiden nicht mehr sehen konnte. Sie hatten die Stadt durch das Reimlinger Tor verlassen und bald waren nur noch einzelne Bauern zu sehen, die ihrer Arbeit auf den Feldern nachgingen.
Sie waren jetzt im Gebiet des Grafen Johann von Oettinger-Wallerstein und würden heute noch die Harburg passieren, den Stammsitz des Grafen. Der war auf die Nördlinger nicht sonderlich gut zu sprechen. Der Graf Oettinger-Wallerstein sollte vor langer Zeit die Nördlinger Wachen bestochen haben, damit diese das Tor nachts nicht verriegelten. So sollte ein Überfall auf die Stadt gelingen. Durch einen Zufall sah die Frau des Lodwebers, wie sich eine Sau am offen stehenden Tor kratzte. Die rannte sofort zum Bürgermeister und schlug Alarm. Die bestechlichen Torwächter wurden daraufhin gevierteilt.





