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Ich verbrachte die Tage jetzt tiefer im Wald, beobachtete die Natur, die Tiere, Pflanzen, und die Burg und ihre Bewohner. Jede zweite Nacht schlich ich hinüber und stahl mir meine Nahrung von den Bäumen. Ich hatte mir, selbst auf die Gefahr hin, daß Tiere meine Vorräte plünderten, ein kleines Loch gegraben, in das ich mein Obst legte. Der Baum, den ich inzwischen bewohnte, war mein vierter und der sicherste bisher. Ich hatte oben eine riesige Gabelung, auf der ich mich ausbreiten konnte. Kaum zu fassen, daß ich schon seit einer Woche hier war. Eine aufregende Woche in der Vergangenheit! Ich konnte es nicht glauben, egal wie greifbar mir alles erschien. Sicher war auf jeden Fall, daß ich nicht mehr lange so weitermachen konnte. Schade, daß meine verzweifelte Suche nach einer Höhle erfolglos war. Obwohl meine Angst, einen Bären aus seinem Winterschlaf zu erwecken, auch den Gedanken an eine Höhle in Frage stellte, war die Vorstellung trotzdem lockend.
Die Nächte waren mittlerweile empfindlich kalt, und jeden Morgen erwachte ich mit Reif auf meiner Decke. Die Kälte war grausam und unerbittlich. Sie kroch mir über die Füße, an denen ich lediglich Sandalen trug, bis hinauf in mein Herz. Und irgendwann gäbe es keine Äpfel und Birnen mehr. Gott sei Dank hatte ich im Wald Topinambur gefunden und eine Menge Bucheckern gesammelt, aber wie viele Tiere würden sich diese im Winter mit mir teilen wollen? Ein paar Brombeeren erweiterten meinen Speiseplan, doch die Brombeerzeit war schon längst vorbei. Ich wußte, daß die Indianer und wahrscheinlich auch die Wikinger sich Brot und andere Köstlichkeiten aus der Birke hergestellt hatten, doch wie sollte ich die Rinde vom Baum bekommen? Ich brauchte etwas Scharfes, Spitzes! Am besten ein Messer!
Wie sollte ich an ein Messer gelangen? Konnte ich es wagen, in der Nacht im Dorf unter der Burg nach einem zu suchen? Bestenfalls hatte jemand sein Messer draußen vergessen? Und möglicherweise fand ich eine Decke oder ähnliches, das mich warmhalten könnte. Mir war so erbärmlich kalt! Ich war ja schon dankbar, daß es in letzter Zeit nur zweimal geregnet hatte, denn bei Regen blieb mir lediglich, mich in ein möglichst dichtes Gebüsch im Wald unter großen Bäumen zu verkriechen. Der Gedanke, da drüben in das Dorf zu schleichen, mich viel näher, als mir lieb war, bei den Häusern und ihren Bewohnern aufzuhalten, und außerdem zwangsweise stehlen zu müssen, gefiel mir nicht. Ich hatte keine Wahl! Mein Überlebenssinn war geweckt. Meine Angst vor den Leuten hielt mich davon ab, ein weiteres Mal offen zu ihnen zu gehen, und ich konnte diese Angst nicht besiegen. Ich richtete mich so angenehm wie möglich auf meinem Baum ein, denn mir blieb noch eine Weile bis Mitternacht, meiner bevorzugten Zeit für Ausflüge dieser Art. Die Dauer des Wartens schien mir endlos. Wach in der Dunkelheit zu sitzen war schrecklich. Durch die grauen Wolkenfetzen konnte ich den Mond sehen, der inzwischen ziemlich hoch stand.
Ich schlich los. Mittlerweile kannte ich mich schon recht gut aus, sodaß mir das fehlende Licht des Mondes nicht allzuviel Schwierigkeiten bereitete. Ich hoffte und betete nur, daß mich kein Hund verriet. Vielleicht schliefen die Hunde tief und fest, so fest, daß sie mich überhörten. Übervorsichtig schlich ich von Haus zu Haus. Meine Hände ertasteten zitternd sämtliche Gegenstände in der Dunkelheit, ein Messer fand ich nicht. Beim sechsten Haus passierte dann das Schreckliche, ich hörte gerade noch das leise aber bedrohlich klingende Knurren, da schlug der Hund laut an. Der Schock setzte sich sofort in meine Glieder. Stocksteif stand ich da. Kurze Zeit später zeigte sich der erste menschliche Kopf im Türrahmen. Sämtliche Hunde begannen zu bellen. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, doch mein innerer Antrieb rettete mich und ich lief los. Ich hörte, wie sich weitere Türen öffneten. Stimmen flogen von Haus zu Haus. Unvermutet hörte ich ein sirrendes Geräusch, nahe meinem Ohr. Um Haaresbreite flog ein Pfeil an mir vorbei, in die dunkle Nacht hinein. Ich schluckte. Das war knapp.
Ich lief so schnell ich konnte und klammerte mich an meine einzige Hoffnung, daß ich mich in der Dunkelheit inzwischen viel besser auskannte als die Bewohner des Dorfes. Ich wunderte mich, daß sie mir nicht die Hunde auf den Hals hetzten. Tatsächlich gelang es mir, den Wald heil und wohlbehalten zu erreichen. Ich schien noch einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein. Sie mußten eine Heidenangst vor der Nacht haben! Hatten Heiden Angst? Ich lachte unvermittelt. Doch in Wahrheit verdrängte ich damit nur den tief sitzenden Wunsch, am liebsten loszuheulen. Das Lachen verschaffte mir Entspannung. Mit letzter Kraft zog ich mich auf meinen Baum und wickelte mich, wie immer zitternd, in meine ewig feuchte Decke ein. Ich verfluchte meine Ungeschicklichkeit! Wie konnte ich nur so unvorbereitet eine solche Schwierigkeit angehen? Irgendwann überwältigte mich dann doch die Müdigkeit. Ich fiel in einen unruhigen, traumreichen Schlaf.
Früh am Morgen wurde Talivan unsanft aus dem Schlaf gerissen. In der Halle wartete Braddock und ein paar Bürger. Er zog sich in Eile an, denn es hieß, daß es wichtig wäre. Sein morgendliches Bad mußte warten. Seine Laune war den Umständen entsprechend nicht die beste. Die letzten Nächte hatte er zudem schlecht geschlafen, da ihn zu viele Gedanken über zu viele Schwierigkeiten plagten. Außerdem hatte Ganant ihn nicht gerade feinfühlig geweckt, wahrscheinlich weil er hoffte, daß er endlich ein richtiges Abenteuer erlebte.
Braddock stand in der Halle und knetete unsicher seine Hände. Er sah ebenfalls unausgeschlafen aus.
„Was gibt‘s, was nicht Zeit bis nach dem Frühmahl hat, Braddock?“
„Herr, es ist wieder wegen diesem Weib! Die Frauen haben Angst. Sie ist im Dorf herumgeschlichen. Wollte wohl stehlen. In den letzten Nächten ist ständig Obst verschwunden, jetzt haben wir die Schuldige ertappt, sie konnte jedoch entfliehen!“ Braddock holte kurz Luft. „Die Frauen fürchten weiterhin, sie könnte uns verfluchen. Wir bitten Euch um die Erlaubnis, sie suchen und fangen zu dürfen.“ Ein entschlossener Zug legte sich um seine Lippen.
Sie hielt sich also bis zu diesem Zeitpunkt im Wald auf. Wie seltsam, er hatte angenommen, daß sie schon längst weitergezogen wäre. Wer war sie? Was wollte sie hier? Mehr denn je wollte er ihr Geheimnis ergründen. Welche Schwierigkeiten veranlaßten sie, hier zu bleiben? Oder verfolgte sie tatsächlich einen üblen Plan? Gehörte sie womöglich zu Rioc und Mruad? Es gab nur einen Weg, das herauszufinden, er mußte sie finden! Tatsächlich konnte er sich eines gewissen Jagdeifers nicht erwehren. Sein Blick fiel auf Braddock, der auf seine Antwort wartete.
„Laß zehn Männer im Hof versammeln, wir reiten gleich los.“
Braddock schien sichtlich erleichtert, daß er dieser Aufgabe entledigt war.
Raban setzte sich auf Talivans Schulter, während dieser sich an seinen Knappen wendete.
„Ganant, bitte wecke Gavannion, ich möchte, daß er mitreitet.“
Ganant nickte eifrig und rannte los.
Als hätte er Blut gerochen, tauchte plötzlich sein Vetter Morcant auf, seinen Bruder Cadoc im Schatten. Talivan wäre tausendmal lieber ohne ihn losgezogen, bedauerlicherweise ließ sich das jetzt wohl nicht mehr einrichten. Er fand keine Begründung, ihm die Teilnahme an der Suche zu verbieten.
Morcant trug wie stets sein anmaßendes Lächeln auf den Lippen. Seine Kleidung saß, ebenso wie immer, tadellos. Cadoc wieselte wie eh um Morcant herum.
„Nun Vetter! Ich höre, Ihr wollt auf die Jagd gehen? Doch gewiss nicht ohne uns!“ Fragte Morcant leise.
Talivan gab sich geschlagen. „Natürlich nicht ohne Euch! Ihr solltet Euch jedoch im Klaren sein, daß es sich hier nicht um eine Jagd, sondern um eine Suche handelt!“ Talivan lächelte aufgesetzt, was Morcant mit einem gehässigen, leisen Lachen beantwortete.
Wenn Talivan wüßte, wie Morcant ihn, seinen Vetter haßte, dann würde er nicht so leichtfertig mit ihm umgehen. Talivan besaß alles! Die Gunst des Königs, Reichtum, Freunde! Eines besaß er allerdings nicht mehr, und daß es dazu gekommen war, dazu hatte er, Morcant, sein Bestes gegeben. Leider war Talivan zäher als erwartet, sodaß er die Folterung tatsächlich überlebt hatte. Doch wie sah er jetzt aus! Ha! Ein scheußliches Abbild seiner selbst, und das verdankte er ihm, seinem treuen Vetter Morcant! Er wußte es nur nicht. Morcant lachte innerlich, wenn er an die entsetzten Blicke der Damen dachte, die Talivan das erste Mal erblickten. Gegebenenfalls sollte er ihm einmal erzählen, wem er sein jetziges Antlitz zu verdanken hatte. Wie gut, daß er wenigstens seine Genugtuung in der Hinterhand hatte. Auch ihn gafften die Weiber an, wenn sie ihn das erste Mal sahen, doch aus gegenteiligen Gründen. Er wußte um sein gutes Aussehen.
Talivan war bereits auf dem Weg nach draußen, als Gavannion um die Ecke kam. Während sie zusammen weitergingen, erklärte Talivan seinem Bruder, worum es ging. Als sie aus der Tür traten erschrak er, denn Morcant hatte seine Bluthunde anleinen lassen.
„Was soll das? Sagte ich nicht gerade, daß es sich nicht um eine Jagd handelt!? Ich will die Hunde nicht dabei haben!“
Morcant blickte ihn überheblich an. „Sie finden die Spur hundertmal schneller als wir!“
Talivan überlegte eine Weile. Sie würden sicherlich schneller fündig werden, und in Anbetracht des Wetters, welches zusehends schlechter wurde, neigte er zum Nachgeben. „Aber sie bleiben angeleint!“
Morcant lächelte siegesgewiß. „Ich hatte nichts anderes im Sinn!“
Talivan glaubte ihm nicht. Er wendete sich, ohne ein weiteres Wort an Morcant zu verschwenden, seinen Männern zu.
8 Die Jagd
Kaum, daß sie aus dem Tor geritten waren, begann es fürchterlich zu regnen. Nur die dicken Wollumhänge hinderten den Regen daran, bis auf die Haut durchzudringen und sie völlig durchzuweichen. Talivan ritt Lluagor. Raban flog krächzend von seiner Schulter auf, er konnte Regen nicht ausstehen und flog laut schimpfend, denn andererseits liebte er die Aufregung, zurück in die Burg. Talivan mußte über ihn lächeln.
Die Hunde begannen mit ihrem fürchterlichen Gejaule, er bekam eine Gänsehaut. Er haßte dieses Jaulen. Nichts war schlimmer als eine auf Spur geführte Bluthundrotte. Morcant erfreute sich bester Laune, trotz des Wetters. Angewidert stellte Talivan fest, daß er von dem allgemeinen Jagdeifer angestachelt wurde. Hoffentlich verloren die Hunde bei diesem Regen die Witterung nicht zu schnell. Was würden sie vorfinden? Eine alte Druidin? Eine schöne und ebenso böse Zauberin? Er trieb Lluagor in eine schnellere Gangart. In straffer Geschwindigkeit ritten sie auf den Wald zu, die jaulenden Hunde zerrend an den Leinen.
Ich hörte die Hunde erst im Schlaf, doch als mein Traum von den Tieren nicht verschwinden wollte, wachte ich entsetzt auf. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken. Eine Jagd, bei diesem Wetter? War das so üblich? Ich wußte unwillkürlich, daß diese Jagd mir galt. Dieses Mal war ich an der Reihe. Ich dachte nicht länger darüber nach. Hastig warf ich den Rucksack hinunter und kletterte in Windeseile hinterher. Während ich schon losrannte, hängte ich mir den Rucksack um. Verdammt! Ich hatte die Decke oben vergessen! Umzukehren wäre Wahnsinn! Wohin sollte ich denn laufen? Der Bach! Ohne Zweifel, dort könnte ich meine Spur verschwinden lassen. Im Wasser würden die Hunde meinen Geruch nicht mehr verfolgen können. Ach, wäre ich doch nie auf den dummen Gedanken gekommen, ein Messer haben zu wollen. Das hatte ich nun davon. Plötzlich wußte ich nicht mehr in welche Richtung ich laufen mußte, um den Bach zu erreichen. Mein Gedächtnis war wie ausgelöscht, und das, obwohl ich jeden Tag am Bach gewesen war! Dann hörte ich die Hunde lauter werden. Sie waren schon so nah! Viel zu nah...
Talivan und seine Gruppe entdeckten den Baum. Sie fanden das Vorratslager, und entdeckten eine Decke auf einem Ast in der Baumkrone. Ganant kletterte hinauf, um die Decke zu holen, damit sie diese den Hunden vorhalten konnten. Jetzt ging es erst richtig los. Sie nahmen Witterung auf. Ihr Gejaule ging Talivan durch Mark und Bein. Sie zogen an den Leinen. Talivan warf den Hundeführern einen scharfen Blick zu, sie sollten bloß nicht wagen, die Tiere loszulassen.
Zwischen Talivan und Morcant fand ein kurzer Blickkampf statt. Morcant war jedoch klug genug, sein Spiel nicht auf die Spitze zu treiben. Sie jagten den Hunden hinterher.
Da, gerade mußten die Hunde den Baum entdeckt haben. Ich hörte ihr überheiztes Aufjaulen. Lauf um dein Leben, dachte ich bei jedem Schritt. Lauf, lauf, lauf... Diese Worte gaben mir die nötige Gleichmäßigkeit und die Kraft, um weiterzulaufen. Was würde wohl mit mir geschehen, wenn sie mich einfingen? Oder täuschte ich mich doch? Waren sie gar nicht hinter mir her? Und wenn doch? Würden sie sich einen Spaß mit mir machen und mich anschließend um die Ecke bringen? Wie wurde Mundraub in dieser Zeit bestraft? Mit Schrecken erinnerte ich mich an Berichte aus dem Mittelalter von abgehackten Händen und ausgestochenen Augen! Gab es ein Gericht? Oder Vergeltung ohne Gericht? Verdammt, es war egal, wie ich umgebracht wurde, mit oder ohne Gerichtsbeschluss. Ich zitterte, nicht nur, weil mir eiskalt war und das nasse Kleid mir am Körper klebte. Die Angst gewann die Oberhand. Ich merkte, wie kopflos ich wurde, betete, daß alles nur ein böser Traum war und ich gleich in meinem Bett aufwachte. Umsonst! Nichts veränderte sich, außer dem Hundegejaule, das immer lauter wurde. Zweige klatschten mir ins Gesicht, hinterließen Schrammen, zerrissen mein Kleid. Ich blieb hängen, riß mich wieder los, lief weiter, immer nur weiter. Ich fühlte den Schock meine Glieder lähmen. Ich war so unendlich müde. Meine Lungen brannten. Ich fühlte den Tod nach meinem Herzen greifen. Doch mein Körper lief weiter. Egal wohin, nur weg von diesen gräßlich jaulenden Hunden. Wo war denn bloß der Bach geblieben?
Morcant ritt an der Spitze des Zuges. Er empfand die Jagd als überaus angenehmen Zeitvertreib. Talivan ritt dicht hinter ihm. Da ließ Morcant einen Freudenschrei los.
Talivan erblickte sie im selben Augenblick. Er konnte das rote Gewand erkennen. Also war es tatsächlich dieselbe Frau. Er trieb Lluagor an, um an Morcant und Cadoc vorbeizuziehen, denn er wollte auf jeden Fall als erster bei ihr sein.
Ich hörte die Hunde und Reiter jetzt unmittelbar hinter mir. Nur nicht umdrehen! Weiterlaufen! Doch ich hielt es nicht aus. Ich mußte mich umwenden, um zu sehen, wieviel Zeit mir blieb. Standen die Schutzengel mir bei? Ich blickte über die Schulter. Der Schreck fuhr mir in alle Glieder. Mich trennten nur noch höchstens fünfzig Schritte von den Reitern und den erregten Hunden. Neben den ersten Reitern liefen die Hundeführer. Ich erstarrte innerlich. Die Gesichter der beiden Reiter flößten mir bloßes Entsetzen ein. Sie wollten Blut sehen. Mein Blut! Sie wollten ihren grausamen Spaß haben. Für sie war alles nur ein Spiel, es ging ja nicht um ihr Leben. Die beiden wurden von einem anderen Reiter überholt. Der Narbige! Sogar ihm stand der Jagdeifer im Gesicht geschrieben. Anscheinend wollte er derjenige sein, der mich als erster erreichte. Wollte er mich schützen oder Besitzansprüche geltend machen? Ich wandte mich wieder meinem Fluchtweg zu, gerade rechtzeitig, denn ich war im Begriff, in einen an der Wurzel gegabelten Baum hineinzulaufen. Um ihn zu umrunden war es zu spät, ich mußte mich hindurchzwängen. Ich stützte mich mit der linken Hand am Stamm ab, während ich mich durch die v-förmige Lücke zwängte. Ein heftiger Schmerz in meiner Hand ließ mich innehalten und meinen Blick auf sie richten.
Der Schock traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ein Pfeil nagelte meine linke Hand am Baum fest. Das war zuviel! Ich lehnte mich an den Stamm hinter mir, und während mir die Tränen ungehindert über die Wangen liefen, schloß ich die Augenlider. Meine Knie waren butterweich. Jäh erfaßte mich die Wut. Wut über meine Lage, über diese Wilden, die mir dies antaten. Mein Blick flog anklagend zu den Reitern. Welcher von ihnen hatte mich derart verletzt? Etwa der Narbige? Die Hunde kläfften laut und wild. Nein, kein Zweifel, es war der andere, der höhnisch grinsend auf seinem Rappen saß. Er zog spöttisch an der Bogensehne, als spielte er eine Harfenseite ab. Ich mußte mich abwenden. Ich gab mir einen Ruck und sammelte alle Kraft, die ich noch aufbringen konnte. So sollten sie mich nicht niedermachen. Meine rechte Hand legte wie im Rausch den Weg zur linken zurück. Ich mußte den Pfeil brechen, um meine Hand frei zu bekommen.
Plötzlich fühlte ich einen kräftigen, warmen Händedruck auf meiner Schulter. Ich blickte auf, geradewegs in die dunklen Augen des narbigen Ritters. Ich wußte nicht warum, doch in diesem Augenblick fiel alle Angst von mir. Ich empfand unsinnigerweise tiefe Ruhe, hatte mit einem Mal das Gefühl, zu Hause zu sein, mein Ziel erreicht zu haben. Ich konnte es gar nicht in Worte kleiden, was in diesem Augenblick alles in mir ablief, doch es war wunderbar und vollkommen! Wie eine Heimkehr nach langer Suche. Ich hielt seinem Blick, den er unentwegt auf mich richtete, stand.
Talivan sah in ihre Augen, und was er erblickte, konnte er nicht begreifen. Eben noch hatte er die Angst und das bloße Entsetzen auf ihren Zügen gesehen, doch jetzt schienen diese Gefühle wie fortgewischt. Stattdessen entdeckte er einen zufriedenen, ruhigen Ausdruck. Die Angst schien verflogen. Er verlor sich in ihrem Blick, in ihren Augen. Nie zuvor sah er schönere. Er hatte das Gefühl, in einen klaren Moorsee zu sehen, um sich dort selber wiederzufinden.
Morcants dreckiges Lachen holte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Talivan zog sein Messer und schnitt den Pfeilschaft ab. Ohne Vorwarnung zog er die Hand vom Baum und somit den Rest des Pfeiles heraus. Er blickte wieder zurück in ihre Augen, sah die Schwäche, die sie überwältigte, als der Schmerz bis zu ihrem Bewußtsein durchdrang. Wie hatte er Jagdeifer empfinden können? Ihre Tränen bekümmerten ihn. Er wollte sie fortwischen, aber dazu hatte er wohl kein Recht. Und wer gab ihm das Recht, sie auf diese Weise einzufangen? Trotzdem war er froh, sie gefunden zu haben. Sein Blick wanderte an ihr herunter und wieder herauf. Ein Wunder, daß sie bis jetzt zurechtgekommen war, in diesem hauchdünnen Kleid. Adna hatte nicht übertrieben. Das nasse, dadurch durchsichtige und zerrissene Gewand klebte eng an ihrem zitternden Körper und entblößte mehr, als es verbarg. Ihre Brust hob und senkte sich von der Anstrengung, und der Stoff des Kleides zwischen ihren Brüsten bewegte sich mit ihrem Herzschlag. Ihre Haare trug sie zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr bis über den Po reichte. Er pfiff, Lluagor kam zu ihm. Für einen Augenblick ließ er ihren Arm los, den er stützend gehalten hatte. Sie würde nicht mehr fortlaufen, dessen konnte er sicher sein. Er suchte aus seiner kleinen Tasche hinter dem Sattel ein Stück Leinen hervor, das er für alle Fälle immer bei sich hatte. Morcant tauchte ungeduldig hinter ihm auf. Talivan mußte verhindern, daß irgendjemand Hand an sie legte. Bevor Morcant oder ein anderer einen Einwand hervorbringen konnte, sagte er laut:
„Sie gehört mir!“ Er wandte sich an Morcant, „wenn Ihr dieser Frau noch ein Haar krümmt, lernt Ihr mich kennen!“ Er wendete sich ihr wieder zu. Sie hielt die verletzte Hand stützend, und um den Schmerz zu lindern, mit der rechten fest. Er wickelte das Leinentuch um die Wunde. Ihre Hand trug, außer leichten Abschürfungen und Rissen, wahrscheinlich vom Klettern, weder Schwielen noch andere Merkmale, die auf schwere Arbeit hindeuteten, fein und wohlgestaltet lag sie in seiner; den Dreck unter ihren Nägeln schob er dem Leben ihm Wald zu. Sie mußte also von hoher Geburt sein. Er ließ die Hand nur ungern los, während er wieder in ihre Augen sah, wo er deutlich die Frage las:
„Was werdet Ihr mit mir tun?“ Es fiel ihm unendlich schwer, sich von ihrem Blick zu lösen. Widerstrebend ließ er sie aus den Augen, nahm den Umhang von seinen Schultern und legte ihn über ihre. Die Geste besiegelte seine Worte und vermittelte ihr hoffentlich, daß er ihr nichts Böses wollte.
Morcant sah geringschätzend zu.
Talivan fing seinen überheblichen Blick auf.
„Ich könnte wetten, daß dieses Weib es nur darauf anlegte, Euch in ihren Bann zu ziehen. Womöglich steckt sie mit Rioc und Mruad unter einer Decke!“
Talivan wurde hellhörig, was hatte Morcant mit den beiden zu tun? „Wieso Rioc und Mruad?“ fragte er scheinbar teilnahmslos.
Morcant wurde eine Spur blaß, hatte sich jedoch sofort wieder in der Gewalt. Nur ein guter Beobachter wie Talivan bemerkte eine Veränderung. Er wechselte einen Blick mit Gavannion. Morcant stieg ärgerlich wieder auf seinen Rappen. Talivan gab seinen Männern das Zeichen, umzukehren.
Bevor Morcant seinen Hengst antrieb, wandte er sich, unterschwellig vor Wut kochend, an Talivan. „Sie gehört mir! Es war mein Pfeil, der sie aufhielt! Das solltet Ihr nicht vergessen. Ich überlasse sie Euch eine Weile, irgendwann, wenn ich den Drang verspüre, werde ich mein Eigentum einfordern!“ Er riß seinen Hengst brutal im Gebiß zerrend herum und sprengte davon. Cadoc und die Hundeführer folgten ihm verstört.
Comgal wagte einen Einwand. „Könnte es nicht wirklich geplant sein? Oder sie ist tatsächlich eine Zauberin!“ Prüfend blickte er die Frau an, entschlossen, seinen Freund und Lehrmeister zu verteidigen.
„Sie ist weder eine Zauberin, noch ein Spitzel! Ich bin mir sicher!“ Beschützend, ein bißchen besitzergreifend, legte Talivan seine Hand stützend unter ihren Ellenbogen.
„Mit Sicherheit ist sie von hoher Geburt. Ich nehme an, daß sie von ihren Begleitern getrennt wurde, womöglich entführt! Habt ihr den Stoff ihres Gewandes bemerkt?“ Wie zur Bestätigung blickte Talivan an ihr herunter. Obwohl von dem Kleid nur wenig zu sehen war, zeigte er auf das kleine Stück, das aus dem Umhang hervorlugte.
„Das ist feinste Ware, solches trägt nur eine edle Dame!“ Allerdings wunderte er sich, daß sie nur noch ihr Untergewand trug. Wo war ihr Überkleid?
Ich versuchte den Umhang vorne zu verschließen. Innen war er warm vom Vorträger, obwohl von außen regennaß. Ich schloß die Augen kurz und genoß das Gefühl, wärmenden Stoff an mir zu fühlen. Über was unterhielten sie sich wohl? Wollten sie mir jetzt mehr und andere Gewalt antun? Ich versuchte anhand der Gebärden und des Tonfalls zu verstehen. Sie schienen sich nicht einig zu sein. Anscheinend waren sie sich nicht sicher, was sie mit mir anstellen sollten. Der narbige Ritter wandte sich mir zu.
Talivan wollte wenigstens versuchen, mit ihr zu reden, vielleicht verstand sie ihn ja doch, und ihre Schwierigkeiten lösten sich von selbst. Er verneigte sich.
„Ich sollte mich erst einmal vorstellen, denn Ihr befindet Euch auf meinem Land. Ich bin Talivan, Sohn der Talhearn, Söhne der Rua. Dies,“ er zeigte auf Gavannion, „ist mein Bruder Gavannion. Der dort,“ er deutete zu Comgal hin, „ist Comgal Sohn des Fernvael. Ich wäre Euch überaus dankbar, wenn Ihr mir nun Euren Namen sagtet!“ Er lächelte aufmunternd.
Ich begriff, daß er sich vorgestellt hatte und anscheinend dasselbe von mir erwartete. Was sollte ich denn sagen? Ich spürte meine Gedanken wirbeln. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob mir meine Stimme gehorchte, nach allem, doch ich wollte es wenigstens versuchen.
„Eh, Helene.“ kam mein Name leise zögerlich über meine Lippen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob er es gehört hatte, oder ob ich nur in meiner Einbildung sprach. Eine Woche, ohne mit einem menschlichen Wesen gesprochen zu haben, hatte ihre Spuren hinterlassen. Und mir fiel kein Name ein, den ich hätte anhängen können, um wie eine Adlige Dame zu erscheinen. Der Narbige, wenn ich recht verstanden hatte, Talivan, lächelte als hätte ich ihm eine Kiste voll Gold zum Geschenk gemacht. Die anderen blickten nicht so überzeugt. Da offenbar er hier das Sagen hatte, schien es mir jedoch nicht so wichtig, was diese dachten.
Talivan wartete. Also hatte sie verstanden! „Verehrte Dame, wenn Ihr mir sagtet, wie Ihr in diese mißliche Lage geraten seid und wohin ich eine Nachricht schicken soll!“ Er lächelte sie erwartungsvoll an.
Ich wußte genau, daß er etwas von mir wollte. Bestimmt hatte er mir eine Frage gestellt! Ich schüttelte den Kopf, hoffentlich faßte er dies nicht als Unwillen auf.
„Ich kann dich nicht verstehen! Ich spreche deine Sprache nicht!“ sagte ich bedächtig, überdeutlich und erblickte seine in Falten gelegte Stirn. Offenbar hatte er erwartet, daß ich ihm in seiner Sprache antwortete. Ich bemerkte die mißtrauischen Blicke der beiden anderen. Talivan schüttelte den Kopf, als wollte er unwillkommene Gedanken vertreiben. Er verneigte sich ein zweites Mal vor mir. Dann zeigte er auf seinen massigen braunen Hengst und zog mich am Ellenbogen mit sich. Widerstrebend folgte ich ihm bis zu demHengst. Was erwartete mich wohl als nächstes? Ich überlegte, wie ich, ohne mir zu viele Schmerzen zu bereiten, da oben hinauf käme, denn das erwartete er offensichtlich von mir. Während ich darüber nachsann, spürte ich zwei starke Hände, die mich an meiner Körpermitte griffen und hochhoben, als wäre ich ein Federgewicht. Keinen Augenblick später saß er bereits hinter mir im Sattel und ritt los.




