Toxische Männlichkeit. Erkennen, reflektieren, verändern. Geschlechterrollen, Sexismus, Patriarchat, und Feminismus: Ein Buch über die Sozialisierung von Männern.

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Um nun Männlichkeit und männliche Sozialisation zu definieren, zu verorten und greifbar zu machen, ist zunächst bedeutsam, dass es nicht die eine Männlichkeit gibt. Männlichkeit beschreibt ein Kontinuum von möglichen sozialisationsbedingten Denk-, Verhaltens- und Präsentations-/Performancemustern. Bestimmte Muster sind jedoch übergeordnet feststellbar – beispielsweise ein überdurchschnittliches Konkurrenzdenken, der Wettkampf unter Männern oder die Abwertung von Frauen. Männlichkeit entsteht im Sozialisationsprozess durch unterschiedliche Aspekte. Einer dieser Aspekte besteht in der Abgrenzung: Männlich zu sein bedeutet auf der einen Seite nicht schwach und auf der anderen Seite stark zu sein (vgl. Heimvolkshochschule: Alte Molkerei Frille 1988, S. 65 ff.). Da Weiblichkeit gesellschaftlich als schwach bewertet wird (wir kennen die Formulierung des angeblich starken und schwachen Geschlechts) bedeutet dies für die Jungen, nicht weiblich sein zu dürfen oder so zu wirken. Der französische Soziologe und Sozialphilosoph Pierre Bourdieu (vgl. 1997, S. 215) konstatiert, dass Männlichkeit immer in Abgrenzung gegenüber Frauen und anderen Männern verstanden werden muss, wobei Männer diejenigen sind, die gegenüber Frauen dominieren wollen. Schnerring und Verlan (2014, S. 119) schreiben dazu: „‚Warmduscher‘, ‚Weichei‘, ‚Schwächling‘, ‚Muttersöhnchen‘ – Jungen lernen früh, dass es wichtig ist, sich von dem, was als weiblich gilt, zu distanzieren.“
Jungen spalten sehr früh grundlegende und wichtige Eigenschaften ab, die heute als vermeintlich weiblich gelten: Fürsorge, Selbstfürsorge, liebevoller Umgang, Empathie sowie ein gesunder Zugang zu den eigenen Gefühlen und der Umgang damit (vgl. Tippe 2019d). Jungen nutzen Bewältigungsstrategien wie Aggressionen und richten sie gegen andere, indem beispielsweise Hilflosigkeit abgespalten und auf andere übertragen wird (Externalisierungsprozesse) – die anderen werden zum Sündenbock gemacht (vgl. Schnerring/Verlan 2014, S. 121, bezugnehmend auf Böhnisch). Jungen verlernen (oder lernen erst gar nicht), „sich zu öffnen und mitzuteilen“ (ebd.). Aus den Erwartungen an die männliche Geschlechterrolle können fehlende Empathiefähigkeit und fehlender Kontakt zu anderen resultieren, sowie Bewältigungsstrategien wie Action, Handeln, Kontrolle und Gewalt als Lösungsstrategie anstelle von emotionalem und kommunikativem Austausch (vgl. ebd.)
Dieter Baacke (1993, S. 845) schreibt: „[…] und gleichzeitig entsteht eine Furcht des Mannes vor der Verbindung der Frau als einer Fremden, die durch Empfängnis und Gebären unmittelbaren Bezug zur Natur hat. Damit bleiben der Frau die Ursprünge menschlicher Emotionen zugänglich, während der Mann früh lernt, diese zu unterdrücken und die Beschäftigung mit sich selbst und dem eigenen Körper zu vermeiden durch Externalisierung. Der Gebärneid des Mannes gegenüber der Frau wird kompensiert durch Intelligenzleistungen, Rationalität, Veräußerung der spontanen Antriebe in die Organisation gesellschaftlicher Zustände in Form von Machtausübung und Gewalt.“ Böhnisch und Winter (Baacke 1993) konstatieren, dass der Ausdruck von Gefühlen als weiblich eingeordnet wird, was insofern problematisch ist, da Jungen Gefühle unterdrücken und somit nur einen mangelnden Selbstbezug erworben. Es wird daraus resultierend kein gesunder Umgang mit Ablehnung, Frustration oder Misserfolg erlernt. Weitere Komponenten der männlichen Sozialisation bestehen darin, dass Jungen kein Opfer sein dürfen und auch nicht „anders“ sein sollen – zum Beispiel transsexuell oder queer –, dass Jungen nicht hilflos wirken und nicht behindert/beeinträchtigt sein sollen sowie nicht homosexuell sein oder so wirken dürfen (vgl. Mannigfaltig e. V. 2007, S. 49).
In der pädagogischen Jungenarbeit wird bezüglich männlicher Sozialisation meist auf den Teilaspekt der Abgrenzung zu Weiblichkeit verwiesen. Es wird dabei völlig ausgeblendet, dass es für Jungen und Männer sehr lukrativ ist, in einer patriarchalen Gesellschaft männlich zu sein und männlichen Geschlechterstereotypen zu entsprechen, da sie allein durch das Vorhandensein eines Penis und ihrer männlichen Präsentation Privilegien erhalten, die Frauen verwehrt bleiben.
Jungen lernen, dass sie über Mädchen und Frauen stehen, aber auch über homosexuellen, transsexuellen, transgender, queeren, nonbinary oder intersexuellen Menschen sowie Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen, vermeintlich Schwachen wie wohnungslosen oder körperlich unterlegenden Menschen etc. und allen, die nicht dem „männlichen Ideal“ entsprechen. Dazu gehören auch die soziale oder regionale Herkunft, das Alter oder das Gewicht. Sie eignen sich an, dass ein „richtiger Mann“ vor allem stark und hart ist, sich nimmt, was er will und immer weitermacht, selbst dann, wenn er eigentlich nicht mehr kann, dass es nicht so wichtig ist, sich um sich selber und die eigenen Bedürfnisse und Gefühle oder die anderer kümmern. Sie wollen unfehlbar, unbesiegbar, aber niemals hilflos oder überfordert, immer der Beste sowie permanent erfolgreich sein und das Sagen haben. Ihnen sollen die Frauen zu Füßen liegen, und sie wollen besonders und überragend sein, die Kontrolle haben und (sexuell) leistungsfähig sowie zeugungsfähig sein.
Selbst gesetzte Ziele sollen durch einen festen Willen auch unter ungünstigen Bedingungen erreicht werden – dahinter steht die problematische Annahme, dass jeder Mann ein „echter Kerl“ werden kann oder es selber verschuldet hat, wenn er dieses Ziel nicht erreicht (vgl. Meuser 2001, S. 229).
Der Autor Jens van Tricht (2019, S. 19 f.) stellt geschlechterspezifische, sozial konstruierte Stereotype einander gegenüber:
Männlich Weiblich hart weich rational emotional stark schwach kompetitiv verbindend überzeugen verstehen arbeiten versorgen penetrieren empfangen sprechen zuhören wissen fragen tun sein Macht OhnmachtJungen lernen ihre als unmännlich geltenden Unsicherheiten und Emotionen zu verdrängen und zu ignorieren. Die daraus resultierenden Ambivalenzen sind ein perfekter Nährboden für Gewalt, Wut, Aggressionen und Gewalt gegen sich selbst und gegen andere.
Jens van Tricht (2019, S. 113 ff.) schlüsselt den Teilaspekt der permanenten sexuellen Bereitschaft von Männern im patriarchalen Geschlechterkontext, bei dem sich mehrere der genannten Aspekte männlicher Sozialisation miteinander verschränken, wie folgt auf: „Der bloße Besitz eines Penis reicht vielen Männern noch nicht. Er muss auch eine Erektion bekommen können. Und mit besagter Erektion müssen Männer schließlich etwas tun. Sex haben, und zwar nicht einfach irgendeinen Sex, sondern Heterosex. Und damit sind wir noch nicht am Ende der Forderungen. Es muss schon richtiger Beischlaf sein, also mit Penetration. Alle anderen Formen des Heterosexes werden doch in erster Linie als ‚Vorspiel‘ für das eine, das richtige, das wirklich Männliche gesehen. Und damit nicht genug, denn auch wenn gevögelt wird, müssen Männer darin eine aktive Rolle spielen. Ein Mann wird nicht gevögelt. Ein Mann vögelt! […] Männlichkeit als Konstrukt, als Performance, als Idee, der wir alle dauernd Gestalt, Inhalt und Bedeutung verleihen, ist eng mit dem gesellschaftlichen Verständnis von (Hetero-)Sexualität verbunden. Männer bekommen, was Frauen und Sex betrifft, eine simple Botschaft mit auf den Weg: Wenn du mit einer Frau zusammen bist, musst du immer Lust haben. Wenn du Lust auf Sex hast, musst du immer einen Steifen bekommen. Wenn du einen Steifen hast, muss immer penetriert werden. Und dafür braucht ein Mann dann – in vielen Fällen – eine Frau. Aber was tun, wenn er zwar Lust auf Sex hat, sie aber nicht? Keine Lust auf Sex zu haben, wird dann zu einem Problem gemacht, da Lust auf Sex zu haben schließlich die (männliche) Norm ist.“
Dabei steht die männliche Befriedigung im Zentrum, aber nicht die Befriedigung der Frau oder eine gleichberechtigte befriedigende Erfahrung. In den Kapiteln über Männer und Sexualität wird dies weiter vertieft.
Schnerring und Verlan (2014, S. 119) konstatieren: „Ein Zusammenspiel von Bildern in Werbung und Fernsehprogramm, Spielzeugauswahl, Aufschriften auf T-Shirts, Kommentare beim Essen und vieles mehr halten das Klischee des starken Mannes am Leben. Die Verbreitung verzerrter und unrealistischer Männermodelle führt dazu, dass mit einem gesunden Männerkörper fast ausschließlich Fitness, Kraft und Ausdauer verbunden werden, eben alles was hart macht.“ Dies erklärt, warum Jungen und Männer sich durch Begriffe wie „Schlappschwanz“ abgewertet fühlen: Wer Erwartungen an die männliche Geschlechterrolle nicht erfüllt, ist somit unmännlich und erhält dementsprechende Bewertungen. Wenn du dich nicht so und so verhältst, dann bist du unmännlich und somit nicht potent. Sport spielt daher für viele Jungen eine wichtige Rolle. Sie gehen oftmals sportlichen Aktivitäten nach und besuchen ab einem gewissen Alter Fitnessstudios oder nutzen, wenn sie beispielsweise noch nicht alt genug sind oder sich dies nicht leisten können, Geräte zu Hause. Die eigene Gesundheit steht dabei selten im Vordergrund.
Guido Zurstiege (2001, S. 213) schreibt dazu: „Am Beispiel der Bedeutung des Sports für die Zurschaustellung von Männlichkeit tritt dieses Spannungsverhältnis besonders deutlich zu Tage. Denn auf der einen Seite bieten sich mit der Darstellung sportlicher Aktivitäten neue Gelegenheiten, den männlichen Körper in Szene zu setzen. Auf der anderen Seite bietet jede Form der sportlichen Betätigung ebenso ausreichend Gelegenheit, Leistung und Leistungsfähigkeit – zwei wesentliche Komponenten traditioneller Männlichkeit – zu demonstrieren.“
Jungen verfolgen das Ziel, dem männlichen „Idealbild“ so nahe wie möglich zu kommen. Damit versuchen sie, Unsicherheiten zu verstecken und zu kompensieren, sie versuchen, sich dadurch sicher und selbstbewusst zu fühlen, die Kontrolle – auch über den eigenen Körper – zu haben, das Gefühl, durch körperliche Überlegenheit andere Menschen einschüchtern und notfalls auch durch Körperkraft besiegen zu können. Zudem ist der Begriff des Körperpanzers hier entscheidend: Der Aufbau von Muskulatur fungiert als Schutz und versteckt das dahinterliegende unsichere Ich der Jungen und Männer. Auch hier verlaufen die „Ideale“ und Sozialisationen von Jungen und Mädchen diametral zueinander: Während Jungen Körpermasse aufbauen, um stark und unangreifbar zu erscheinen und viel Raum einzunehmen, sollen Mädchen besonders dünn sein, wenig, klein und unsichtbar und möglichst wenig Raum einnehmen. Ergänzt wird dies dadurch, dass Jungen und Männer häufig Kampfsporttechniken erlernen sowie Waffen besitzen und diese auch benutzen.
Jungen haben eine durch die Umwelt und durch die Medien geprägte Sehnsucht danach, besonders und außergewöhnlich zu sein. Ein Held. Diese Sehnsucht verschränkt sich mit dem kaum zu erreichenden männlichen „Idealbild“, welches sie permanent versuchen zu erreichen, sowie mit den selbst gemachten Opfererfahrungen. Denn: Jungen und Männer sind selbst häufig Opfer von Gewalt – fast ausschließlich durch andere Jungen und andere Männer. Daraus ergibt sich für sie die Ambivalenz, nicht so zu sein, wie sie glauben, sein zu müssen, selbst aber Ohnmachtserfahrungen zu erleben. Um diese Ohnmachtserfahrungen zu überwinden, werden viele Jungen selbst Täter und leben so in einem ambivalenten Spannungsverhältnis zwischen Täter- und Opfererfahrung.
Die wenigsten Männer entsprechen jedoch dem männlichen „Idealbild“. Trotzdem profitieren die meisten Männer von den patriarchalen Strukturen hegemonialer Männlichkeit. Dieses Phänomen nennt Connell (vgl. 1995) die „patriarchale Dividende“. Einhergehend mit der Vorstellung, besonders und außergewöhnlich sein zu wollen, werden dazu ganz im Sinne patriarchaler Machtverhältnisse Zuschauerinnen benötigt, „die dem Mann das vergrößerte Bild seiner selbst zurückwerfen, dem er sich angleichen soll und will“ – Virginia Woolf spricht dabei von „schmeichelnden Spiegeln“ (vgl. Bourdieu 1997, S. 203).
An dieser Stelle möchte ich von einem persönlichen Erlebnis berichten, um zu verdeutlichen, wie Jungen und Männer Weiblichkeit abwerten, um sich selber aufzuwerten: Als ich zusammen mit einem Hilfstrainer vor einigen Jahren Training gab, beschimpfte mein Kollege bei einem Aufwärmspiel die jugendlichen Jungen, wenn sie einen Gegenpunkt zuließen, mit den Worten: „Ihr Pussies!“ Auf Grund der dargelegten Mechanismen männlicher Sozialisation wird dabei deutlich, aus welchen Gründen diese Formulierungen als Beleidigung für Jungen funktionieren: Der Trainer spricht den Jungen durch seine sexistische Zuschreibung ihre vermeintliche Männlichkeit ab, mehr noch betitelt er sie bei Misserfolg als weiblich und als weibliches Geschlechtsorgan. Gleichzeitig bedeutet dies, dass nur der Sieg männlich sein kann, da der Misserfolg mit Weiblichkeit assoziiert wird. Dies trifft die Jungen tief in ihrer Angst und Unsicherheit, nicht so zu sein, wie es von ihnen erwartet wird: nämlich männlich und vor allem nicht weiblich, da Weiblich-Sein mit Schwach-Sein gleichgesetzt wird. Dies hat natürlich nicht nur für die Jungen, sondern auch für die Mädchen einen nachhaltigen negativen Effekt – vor allem, da sie täglich mit Zuschreibungen und Stereotypen konfrontiert werden. Dabei entsteht bei den Jungen die Angst, sozial ausgegrenzt und abgelehnt zu werden, woraufhin sie sich oft noch übergriffiger, aggressiver und rücksichtsloser verhalten.
Was ist toxische Männlichkeit?
Toxische Männlichkeit beschreibt problematische Einstellungen, Denk- und Verhaltensweisen, die sozialisationsbedingt an die traditionelle Männerrolle gekoppelt und eng mit patriarchalen Strukturen und hegemonialer Männlichkeit verknüpft sind und mit denen Jungen und Männer anderen und/oder sich selbst kurzfristig, mittelfristig oder auch langfristig schaden, andere diskriminieren, ausschließen und benachteiligen.
Die bereits vorgestellten Aspekte männlicher Sozialisation bereiten den Nährboden für toxisches Verhalten von Jungen und Männern oder sind bereits toxisch. Zunächst eine gute Nachricht: Da Geschlecht vor allem eine soziale Kategorie ist, kann toxische Männlichkeit, also problematische Denk-, Verhaltens- und Präsentationsweisen, aufgrund männlicher Sozialisation auch verändert werden.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass ein Teil toxischer Männlichkeit der übergriffige und gewalttätige Umgang mit anderen ist: Aus der Unterdrückung von Emotionen und dem daraus resultierend nicht gelernten Umgang mit diesen sowie aus dem häufigen Fehlen von gewaltfreien Lösungsstrategien resultieren Wut, Frustration und Ohnmachtsgefühle. Aus der Kombination mit Aggressionen und dem Wunsch, der männlichen Rolle zu entsprechen, Privilegien zu erhalten, die andere nicht haben dürfen, um sich selber aufzuwerten sowie alles Unmännliche abzustoßen, resultieren Übergriffe und Gewalt gegen Frauen sowie gegen alle anderen.
Zudem richten sich die Aggressionen auch gegen die Männer selbst und gegen andere Männer. Vermeintlich männliche Attribute, wie Härte, andere Menschen einschüchtern, Wettkampf, sich vergleichen und sich täglich mit anderen messen sowie ein stetiges Konkurrenzdenken, stehen im Mittelpunkt. Ziel für Männer ist es, permanent der Beste zu sein, Kontrolle zu gewinnen und diese zu behalten, nicht nachzugeben und keine Fehler einzugestehen. Dies wird versucht zu erreichen durch Leistungsfähigkeit, Belästigung und Grenzen ignorierendes Verhalten, Abwertung anderer, Raumaneignung, (sexuelle) Gewalt, risikoreiches Verhalten, Objektivierung und Sexualisierung, Bedrohung und Einschüchterung auch durch das Unterbrechen von Frauen, die eigene Präsentation als Allwissender oder das Ausgeben der Ideen von Frauen als die eigenen.
Guido Zurstiege (2001, S. 202) schreibt: „Einen Schritt weiter gehen einige Vertreter sowohl der angloamerikanischen als auch der deutschen Männerforschung, die die momentan vorherrschende Männerideologie als schädlich für alle Männer ansehen.“
Toxische Männlichkeit ist zu unterteilen in strukturelle sowie in individuelle Aspekte:
Strukturell bedeutet, dass die patriarchalen Strukturen hegemoniale Männlichkeit produzieren und somit Männer in allen Lebensbereichen bevorzugen, während Frauen strukturell benachteiligt werden.
Frauen verdienen weniger als Männer und erhalten ferner seltener die Möglichkeit, in eine Führungsposition zu gelangen oder werden am Arbeitsplatz diskriminiert, beispielsweise weil sie Kinder haben oder welche bekommen könnten.
Individuell bedeutet, dass Männer individuell übergriffig werden, Frauen (und andere marginalisierte Gruppen) abwerten, andere (sexuell) belästigen und benachteiligen, gewalttätig werden, sich nicht um sich und ihre körperliche und psychische Gesundheit kümmern, Raum einnehmen, der ihnen nicht zusteht oder (Ex-)Partnerinnen mit Kindern, Care-Arbeit und Haushalt alleine lassen. Es steht die individuelle Entscheidung und Tat des Einzelnen im Fokus.
Individuelle und strukturelle Anteile bedingen sich dabei gegenseitig und existieren in einer Wechselwirkung: Patriarchale Strukturen erschaffen eine hegemoniale, toxische individuelle Männlichkeit, jedoch sind es wiederum eben diese individuellen Anteile von Männern und die daraus hervorgehenden bewussten Entscheidungen – beispielsweise Männer in Einstellungsverfahren zu bevorzugen und Frauen zu benachteiligen –, die strukturelle patriarchale Bedingungen (re-)produzieren. Durch gesellschaftliche Vorstellungen und die tägliche (Re)Produktion von Geschlechterstereotypen, eingebettet in eine patriarchale Gesellschaft, wird männliches Verhalten, das dazu dient, Ambivalenzen und Unsicherheiten auszuhalten und zu kompensieren und von den mit Männlichkeit einhergehenden Privilegien zu profitieren, toxisch.
Simmel (1985, S. 201 in Döge/Meuser 2001, S. 11 f.) bringt es auf den Punkt: Er verweist auf den Zusammenhang zwischen Herren und Sklaven in Bezug auf Geschlechterverhältnisse. Es gehört „zu den Privilegien des Herrn, dass er nicht immer daran zu denken braucht, dass er Herr ist, während die Position des Sklaven dafür sorgt, dass er seine Position nie vergisst.“
Da toxische Männlichkeit Denk- und Verhaltensmuster von Männern negativ prägt und einen enormen gesellschaftlichen Schaden anrichtet, wird dringend eine psychologische und therapeutische Auseinandersetzung mit dem Thema benötigt. In den USA veröffentlichte im Jahr 2018 der nordamerikanische Psychologenverband „American Psychological Association“ (APA) erste Richtlinien für die Auseinandersetzung mit problematischen männlichen Geschlechterstereotypen (vgl. APA 2018). „Die Psychologen warnen darin: ‚Beschränkte Vorstellungen von Männlichkeit, die Aggressivität, Homophobie und Frauenfeindlichkeit betonen, können Jungs dazu veranlassen, einen Großteil ihrer Energie in schädliches Verhalten umzulenken, wie Mobbing, Spott gegenüber Homosexuellen oder sexuelle Belästigung – und nicht in gesunde schulische und außerschulische Aktivitäten.‘ Männlichkeit sei dann schädlich, so die Psychologen, wenn sie die eigene Stärke überhöht, Frauen und andere Männer, die nicht den Rollenklischees entsprechen, hingegen abwertet. Die Geschlechterforschung hat dafür den Begriff ‚toxische Männlichkeit‘ geprägt, was letztlich meint, dass die Art und Weise, wie Männlichkeit definiert und ausgelebt wird, allen schadet: Frauen, der Gesellschaft – aber vor allem auch Männern selbst. Männlich zu sein heißt in diesem Weltbild: keine Schwäche zeigen, Emotionen im Griff haben. Wut ist erlaubt, Fürsorge und Verletzlichkeit haben wenig Platz, stattdessen muss Männlichkeit immer wieder neu unter Beweis gestellt werden, körperlich und geistig, im ewigen Kräftemessen des Leistungskapitalismus – im Job wie im Privaten. Ein Mann muss risikobereit sein, mutig und stark.“ (Dörr 2019)
Robert Connell (vgl. 2000, S. 98) hat das Verhalten von Männern gegenüber anderen in vier Kategorien eingeteilt: Hegemonie (Männer, die Zugang zur patriarchalen Macht besitzen – dies sind in der Regel weiße heterosexuelle Männer), Unterordnung (Männer, die die hegemoniale Männlichkeit untergraben könnten, wie Männer mit vermeintlich weiblichen Eigenschaften oder homosexuelle Männer), Komplizenschaft (Männer, auch wenn sie nicht der aktuellen Norm männlicher Vorstellung entsprechen, profitieren von der patriarchalen Dividende – sie gehen aber daraus resultierend teilweise Kompromisse mit Frauen ein) sowie Marginalisierung (Männer, die zwar vom Patriarchat profitieren, selber aber auch Diskriminierungen beispielsweise aufgrund ihrer Hautfarbe erleben (Schwarze Menschen/People of Color).
Der Begriff „Toxische Männlichkeit“
Der Begriff, der heute in feministischen und soziologischen wie psychologischen Kontexten Bestandteil akademischer Auseinandersetzungen bezüglich geschlechterspezifischen Verhaltens und Gewalt ist, hat seine Idee in der mythopoetischen Männerbewegung der 1980er- und 1990er-Jahre. Terry A. Kupers führte den Begriff der toxischen Männlichkeit in einem an TherapeutInnen und PsychologInnen gerichteten Aufsatz ein, um die problematischen Verhaltensweisen von Männern im System von Gefängnissen zu benennen (vgl. Kupers 2005, S. 713 – 724).
Der Begriff toxisch kommt aus dem Englischen und bedeutet giftig. „Toxische Männlichkeit“ beschreibt also eine „giftige Männlichkeit“. Giftig impliziert hierbei, dass Männlichkeit für andere, aber auch für den Mann selbst giftig ist. Schädliches und tödliches Gift ist per se nicht Teil des Menschen/des Mannes (oder der gesellschaftlichen Strukturen), es entsteht durch männliche Sozialisation und durch patriarchale Strukturen – und kann ausschließlich durch aktives Handeln abgebaut werden, da das Gift der Sozialisation und der patriarchalen Strukturen permanent wirkt und sich nicht eigenständig zersetzt. Der Begriff der toxischen Männlichkeit ist eine „zielführende Krücke“, unter der alle problematischen Denk- und Verhaltensweisen toxischer Männlichkeit subsumiert und mittlerweile allgegenwärtig im öffentlichen Diskurs thematisiert werden. Durch den Begriff wurde ein schwer zu fassendes Problem diskutierbar und thematisierbar – es wurde fassbar.
Es wird in dem Zusammenhang von schädlichem Verhalten von Männern auch von „toxic masculinity“ gesprochen oder auch von „kritischer Männlichkeit“. Während ersteres die englische Original-Bezeichnung darstellt, ist der Begriff „kritische Männlichkeit“ ebenfalls nur ein Oberbegriff und stellt wie toxische Männlichkeit nur eine Krücke dar. Denn: Die Männlichkeit an sich kann niemals kritisch sein, höchstens der Umgang mit ihr. Aber auch hier geht es darum, durch Begrifflichkeiten nur schwer fassbare soziologische Erkenntnisse in Worte zu fassen, damit sie in die Öffentlichkeit transportiert und thematisiert werden können. Jedoch fehlt hier aus semantischer Sicht die Benennung der problematischen Anteile männlicher Sozialisation, der für andere Menschen und die Männer selber schädlich ist. Semantisch sinnvoller wäre beispielsweise die Formulierung „kritische Männerforschung“.
Es wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob es eine nicht toxische Männlichkeit überhaupt geben kann. Das grundsätzliche Problem besteht vor allem darin, dass bestimme Fähigkeiten nur dem einen oder nur dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden. Durchsetzungsfähigkeit ist beispielsweise zunächst keine problematische Eigenschaft, doch durch die Zuschreibung an Männer wird sie Frauen abgesprochen, beziehungsweise werden durchsetzungsstarke Frauen als unangenehm und hysterisch bewertet, Männer hingegen als selbstsicher und zielorientiert. Toxisch wird das Verhalten, wenn beispielsweise Durchsetzungsfähigkeit als Mittel eingesetzt wird, durch welches andere Menschen oder der Mann selber kurz-, mittel- oder langfristig zu Schaden kommen, andere benachteiligt oder patriarchale Strukturen (re)produziert werden.



