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Lunenburg hält sich bedeckt
Die frische Luft macht hungrig, weshalb wir per Fähre zur „La Have Bakery“ weiterfahren. Die sehr süße kleine Bäckerei mit angeschlossenem Café im gleichnamigen Ort bietet appetitliche Sandwiches und erlesene Cookies an. Im Anschluss steht ein gemütlicher Spaziergang am Rissers Beach auf dem Programm, bevor wir zurück in unser Ferienhaus kehren, um den Tag ausklingen zu lassen.
Das Ferienhaus befindet sich, wie bereits geschrieben, am Minamkeak Lake und ist nur durch eine holprige Schotterstraße zu erreichen. Höhepunkt ist die Zufahrt von der Straße zum Haus, die extrem steil verläuft, so dass ängstliche Personen das Gefühl bekommen könnten, sie fahren direkt in den See weiter, sollten die Bremsen mal versagen. Das Häuschen selbst ist recht geräumig und schnell leben wir uns dort ein. Die Lage bietet herrliche Ruhe, genau das Richtige, um in Kanada anzukommen. Bei trockenem Wetter sitzen wir gerne mit einem Glas Wein auf der Terrasse, bei ungemütlicher Wetterlage verziehen wir uns auf die Couch. Daniel und ich beweisen uns schnell als richtige Kanadier und schnappen uns zum Sonnenuntergang ein paar Mal das zum Haus gehörige Kanu, um es auf dem See auszufahren oder sammeln Feuerholz im Wald.
Während unserer Zeit in Nova Scotia bekommen wir auch einen ersten Eindruck der kanadischen Radiolandschaft, wir empfangen hier im Ferienhaus nämlich nur zwei Sender, die ihren Hörern gerne auch mal mehrere Stunden lang Bingo als Programm bieten, was sehr eintönig werden kann, wenn der Moderator die gezogene Zahl ansagt und dann eine halbe Minute ohne Sprechen verstreichen lässt, in der die Hörer die Gelegenheit haben, ihre Bingokarten auf die entsprechende Zahl zu prüfen und womöglich, im Fall einer vollen Zahlenreihe, beim Sender anzurufen.

Rissers Beach
Wir fahren auch noch mal zurück nach Halifax und möchten dort eigentlich gerne ein bisschen herumbummeln. Aber die Stadt präsentiert sich mal wieder von ihrer regenreichsten Seite, so dass sich unser Ausflug auf den Besuch des Pier-21-Museums beschränkt, was uns jedoch total begeistert. Der Pier 21 am Hafen von Halifax war von 1928 bis 1971 zentrale Anlaufstelle für Einwanderer, die hier mit dem Schiff aus aller Herren Länder ankamen. Quasi das Ellis Island Kanadas. Die Dauerausstellung des Museums verleiht einen umfassenden Eindruck, wie das damals alles ablief, insbesondere durch die vielen persönlichen Berichte von Einwanderern, die in kurzen Videos ihre Sicht auf die Geschehnisse und Erlebnisse am Pier darstellen. Das Ganze wird neben der kurzweiligen Präsentation durch persönliche Erinnerungsstücke abgerundet. Unser Highlight jedoch ist ein sehr stimmungsvoller 20-minütiger Film, der Immigranten porträtiert, die erst in den letzten Jahren nach Kanada kamen. In kurzen Bildern stellen sich die einzelnen Personen vor und beschreiben ihre Reise nach Kanada, das Einleben und den Alltag. Jede Person hat ihre eigene Geschichte und untermalt mit der richtigen Musik hat der Film tatsächlich Gänsehautfaktor. Auch wenn es sich bei uns nur um eine kleine und temporäre „Einwanderung“ handelt, so finden wir uns dennoch teilweise in den einzelnen Personen wieder und können ihre Hoffnungen, Ängste und Freuden teilen. Mir entweicht beim Zuschauen spontan ein Tränchen der Rührung. Der Besuch hinterlässt auf jeden Fall einen bleibenden und vor allem prägenden Eindruck.

Sonnenuntergang am Minamkeak Lake
Einen weiteren Höhepunkt unseres Aufenthalts im maritimen Nova Scotia stellt unsere Wanderung im Kejimkujik National Park Seaside Adjunct dar. Es gibt im Landesinneren den Kejimkujik National Park und an der Küste eben dessen Erweiterung. Die Sonne bahnt sich gerade ihren Weg durch die Wolken, als wir ankommen, und frohen Mutes wandern wir entlang des Haupttrails los. Wir erleben eine himmlische, nahezu unberührte Landschaft. Durch Buschland geraten wir an die felsige Küste, haben einen Ausblick auf herrliche, weiße Sandstrände, erspähen, wie erhofft, die auf einem Felsen sonnenbadenden Robben, stapfen über viele Steine, die von abertausenden kleinen schwarzen Spinnen bevölkert sind, und uns läuft sogar ein Stachelschwein über den Weg, welches allerdings umgehend bei unserem Anblick Reißaus nimmt. Wir sind anschließend ziemlich geschafft und fallen im Örtchen Summerville Beach zur Cocktailhour ein, bevor wir es uns am Abend im Häuschen gemütlich machen, bei einer Kartenrunde und unserem lieb gewonnen Radioprogramm: Bingo Wednesday.
So vergehen unsere ersten zwei Wochen in Kanada wie im Flug und es kribbelt schon langsam in unseren Fingern: Wir wollen „on the road“, neue Abenteuer erleben und verborgene Orte entdecken. In wenigen Tagen heißt es daher: „Bye bye parents, hello roadtrip!“
Parlez-vous québécois? (Desirée)

Blick auf Montréal
Parlez-vous québécois?
Eine letzte Umarmung, ein letzter Kuss und schon sitzen Daniel und ich in unserem Auto und starten in den ersten Roadtrip dieses Reisejahres. Es geht heute 520 Kilometer nach Fredericton, die Hauptstadt der Nachbarprovinz New Brunswick. Da uns die Hotelauswahl dort nicht wirklich überzeugen konnte und wir ohnehin dieses Jahr ganz viel Neues ausprobieren möchten, haben wir uns für eine Nacht Couchsurfing entschieden. Denn wenn man ein Jahr reist, kann man sich leider nicht jede Nacht ein luxuriöses Hotelbett leisten, und so lernen wir zusätzlich schnell Land und Leute kennen – denken wir zumindest. Couchsurfen wurde ins Leben gerufen, um über jegliche Grenzen hinweg den kulturellen Austausch und den gegenseitigen Respekt zu fördern und die Welt enger zusammenwachsen zu lassen. Und günstig ist es vor allem auch. Das Konzept sieht vor, dass man fremden Menschen seine „Couch“ kostenfrei zur Übernachtung zur Verfügung stellt und sich daraus vielleicht der ein oder andere nette Plausch entwickelt. Was haben die Anbieter der Couch davon? Nun, vielleicht sind sie einfach nur nett und lernen gerne neue Menschen kennen. Aber heutzutage, und vor allem als kritischer Deutscher, macht einen eine solche Offenheit wohl eher skeptisch. Der Erfolg des Netzwerks spricht allerdings für sich und durch ein Bewertungs- und Verifizierungssystem werden Risiken auch weitestgehend ausgeschlossen.

Couchpremiere
Über die Internetplattform haben wir Jenna gefunden, eine Mitzwanzigerin, die gemeinsam mit ihrem Mitbewohner Adam die Couch in ihrem Wohnzimmer zur Verfügung stellt. Wir sind aufgeregt, insbesondere natürlich ich, denn ich mache mir im Vorfeld mal wieder viel zu viele Gedanken: Wo werden wir parken? Wie läuft das Couchsurfen ab? Sind wir zu irgendetwas verpflichtet? Werden wir den ganzen Abend am Küchentisch zusammen sitzen und uns Anekdoten aus unserer Kindheit erzählen? Das Gedankenkarussell dreht sich pausenlos. Wir kommen viel früher als mit Jenna vereinbart in Fredericton an und entschließen uns daher, ein wenig die Stadt zu erkunden. Haut uns erst einmal nicht so vom Hocker, aber wir genießen die Wärme, die uns in den letzten zwei Wochen gefehlt hat. Es mutet fast schon sommerlich an. Als es endlich Zeit ist, schnappen wir unsere Koffer und machen uns auf dem Weg zu Jenna. Sie wohnt direkt in der Innenstadt, die Türen sind unverschlossen und auf einmal stehen wir schon mitten in ihrer Küche. Rote Haare und Sommersprossen, wie eine Irin sieht sie aus, die Jenna, und wie sich im anschließenden, sehr kurzen Gespräch herausstellt, hat sie tatsächlich irische Wurzeln und will diesen Sommer couchsurfend durch das Land ihrer Vorfahren reisen. Sie heißt uns willkommen und zeigt uns erst einmal unsere Schlafgelegenheit für diese Nacht. Es handelt sich um ein Klappsofa, das in ein Futon umgewandelt werden kann. Sieht glücklicherweise alles ganz nett und sauber aus und wir nehmen in der Küche Platz. Wie uns Jenna schnell mitteilt, wurde es in der vorhergehenden Nacht wohl etwas länger und deswegen ist sie sehr müde. Dementsprechend schleppend kommt das Gespräch dann auch nur in Gang. Höflich werden ein paar Sätze gewechselt, aber der Funken springt, glaube ich, auf beiden Seiten nicht über. Es ist nicht zu übersehen, dass sie an diesem Tag eigentlich gar keine Lust auf Couchsurfer hat. Sie deutet zwar kurz an, dass wir die Flasche Sekt, die wir als kleines Dankeschön mitgebracht haben, zusammen köpfen könnten, es kommt jedoch irgendwie nicht dazu. Ich glaube, das war eher so eine rhetorische Sache. Auch ist sie zu müde, um mit uns noch ein wenig um die Häuser zu ziehen, gibt uns aber freundlich Auskunft zu Sehenswürdigkeiten und guten Bars sowie Cafés in der Stadt. Bevor wir die Wohnung zu einem erneuten Streifzug verlassen, lernen wir noch ihren Mitbewohner Adam kennen, der scheinbar noch viel weniger Lust auf Couchsurfer hat, denn er sagt kurz Hallo und dann gleich wieder Tschüss und macht sich auf den Weg zu seiner Freundin, wo er auch die Nacht verbringen wird. Leicht ernüchtert unternehmen wir noch einen kleinen Spaziergang. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nach zwei Wochen in Nova Scotia, wo uns wirklich nur Herzlichkeit entgegengebracht wurde, fühle ich mich zum ersten Mal etwas niedergeschlagen. Natürlich bin ich nicht davon ausgegangen, dass ich meine neue beste Freundin in Fredericton kennenlerne. Aber ich fühle mich ohnehin schon unwohl, weil wir ohne Gegenleistung bei jemandem Fremden übernachten und dann kommt jetzt noch das Gefühl hinzu, dass man gar nicht richtig erwünscht ist. Wahrscheinlich mache ich mir aber nur wieder zu viele Gedanken. Die Stadt macht auf den zweiten Blick auf jeden Fall einen viel charmanteren Eindruck, insbesondere aufgrund der vielen viktorianischen Wohnhäuser, die das Stadtbild prägen. Wir kehren in die Wohnung zurück, bekommen von Jenna netterweise noch eine Schale frischer Erdbeeren und versuchen, zur Ruhe zu kommen. Die Nacht ist warm, unruhig und unbequem. Früh kommen wir wieder in die Gänge, um gemeinsam mit Jenna, die zur Arbeit muss, die Wohnung zu verlassen. Wir schütteln einander die Hände und schon ist unser erstes Couchsurfingerlebnis vorbei. Hat nicht weh getan, brauche ich aber in der nächsten Zeit auch erst einmal nicht mehr. Es kommt mir vor, als stünden wir in Jennas Schuld, was natürlich totaler Blödsinn ist. Oder? In dieser Hinsicht bin ich irgendwie so ganz korrekt Deutsch, oder vielleicht auch total spießig? Möglicherweise beides. Aber für weiteres Grübeln ist jetzt keine Zeit.
Die Stimmung zwischen Daniel und mir ist etwas angespannt. Wir wollen noch in einen Park laufen, den Jenna empfohlen hat, der Weg stellt sich aber als viel zu weit per Fuß heraus. Schließlich müssen wir heute noch etwa sechseinhalb Stunden fahren. Kaum, dass wir dann endlich im Auto sitzen und wieder auf der Straße sind, entspannen wir merklich und freuen uns auf unser nächstes Ziel: die 590 Kilometer entfernte Stadt Québec in der gleichnamigen Provinz. Heute durchfahren wir auch die erste Zeitzone unseres Auslandsjahres – wie aufregend! Québec ist die Provinz Kanadas, in der Französisch als Hauptsprache gilt. Obwohl das Französisch, was hier gesprochen wird, nicht viel mit dem zu tun hat, was wir Europäer, oder gar die Franzosen, kennen. Dennoch gibt es eine Gemeinsamkeit: Ähnlich wie unsere westlichen Nachbarn sind die Québécois sehr stolz auf ihre Sprache und mögen gar nicht so gerne Englisch sprechen, zumindest sagt man ihnen dies nach. Als wir das westliche New Brunswick durchfahren, gehen die Ortsnamen langsam ins Französische über und auch die englischen Radiosender gehen einer nach dem anderen im Rauschen unter. Irgendwie strange. In Québec versuchen wir uns an einer neuen Übernachtungsmöglichkeit: Über die Internetplattform AirBnB, auf der Privatleute einzelne Räume oder ihre komplette Wohnung vermieten, haben wir ein Zimmer bei der Frankokanadierin Sandrine und ihrem mexikanischen Freund Enrique gebucht. Die beiden leben in einem ehemaligen Arbeiterviertel am Rande der Innenstadt. Dank unseres Navigationsgeräts, das wir in Nova Scotia gekauft haben, finden wir die Wohnung relativ schnell und verfahren uns lediglich einmal.

Notre maison
Auch hier kommen wir wieder zu früh an und haben noch zwei Stunden, bis Sandrine vom Arbeiten nach Hause kommt. Wir sind gespannt, was uns erwartet, insbesondere nach unserer letzten Nacht, und spazieren erst einmal auf gut Glück in Richtung Innenstadt. Québec City gefällt uns sehr gut. Man könnte sich tatsächlich in Frankreich wähnen. Alles wirkt sehr europäisch und vor allem übersichtlich. Schnell erreichen wir die Rue Saint Jean, die bekannt ist für ihre leckeren Restaurants und kleinen Läden und gleichzeitig als das Herz des Künstlerviertels St. Jean Baptiste gilt. Eher zufällig passieren wir das Restaurant L’Hobbit, welches uns von Daniels Cousin Rob, der in Boston lebt, empfohlen wurde. Kurzentschlossen entscheiden wir, dort am Abend zu essen und gehen hinein, um eine Reservierung vorzunehmen. Hier lerne ich nicht zum letzten Mal dieses Jahr eine weitere Facette meines Ehemanns kennen, denn er hat sich scheinbar in den letzten, eher schweigsamen, Minuten ein paar Worte auf Französisch zurecht gelegt und arrangiert nun souverän die Reservierung. Der Restaurantmitarbeiter stellt nicht auf Unverständnis oder wechselt ungeduldig ins Englische, so wie wir es erwartet hatten, sondern freut sich sichtlich über den gelungenen Versuch und führt die Konversation auf Französisch fort. Dazu muss man erwähnen, dass wir jeweils nur über ein paar wenige Jahre Schulfranzösisch verfügen. Wir sind also davon ausgegangen, dass wir uns hier ausschließlich auf Englisch durchschlagen und dabei auf wenig verständnisvolle Ohren stoßen, aber diese Aktion macht uns Mut.
Wir kehren zurück zu unserem Auto und somit auch zu unserem Übernachtungsplatz und werden herzlichst von der kleinen und quirligen Sandrine willkommen geheißen. Was für ein Unterschied zu dem Empfang von gestern! Wir sind glücklich, Sandrine wohl auch, zeigt uns gleich unser Zimmer, hat auf dem Stadtplan bereits Restaurants (unter anderem jenes, für das wir bereits eine Reservierung für den selbigen Abend haben) und Sehenswertes vermerkt, und da es so warm ist (kaum zu glauben, dass wir noch vor ein paar Tagen Wintertemperaturen in Nova Scotia hatten), bietet sie uns selbstgemachtes Wassereis mit Schuss an. Wie schön das Travellerleben doch sein kann! Wir unterhalten uns ein bisschen (sie spricht mit uns gerne Englisch) und machen uns dann fertig zum Abendessen. Hier halte ich mich gleich weiter an mein Vorhaben, dieses Jahr so viel wie möglich Neues zu probieren und bestelle eines der kanadischen Nationalgerichte: Poutine. Eine Poutine besteht aus Pommes, Bratensauce (auf Wunsch auch mit Fleischstückchen) und Käsebruch. Gewöhnungsbedürftig und leider gar nicht mein Fall, obwohl doch „ein Beilagenschälchen Pommes mit Sauce“ in den letzten Jahren oft mein Ausweichessen in der Betriebskantine war. Tapfer bearbeite ich meine Portion und hake es als Erfahrung ab. Später „daheim“ in der Wohnung lernen wir Sandrines Freund Enrique kennen. Wie gesagt, er ist Mexikaner, somit natürlich ein ebensolcher Fußballfanatiker wie Daniel, die WM steht vor der Tür, mehr muss man zum Thema „gebrochenes Eis“ nicht sagen. Ein schöner erster Tag in Québec neigt sich dem Ende zu.

Le Château Frontenac
Da wir während unserer Hochzeitsreise vor einigen Jahren schon in Québec City Halt gemacht haben, schenken wir uns am folgenden Tag zunächst das typische Touristenprogramm und fahren mit unserem Auto zur Île d’Orléans, einer Insel im Sankt-Lorenz-Strom vor den Toren der Stadt, die für ihre (Eis-)Weingüter bekannt ist und, ähnlich wie die Stadt Québec, sehr europäisch anmuten soll. Zunächst genießen wir aber das von Sandrine liebevoll bereitgestellte Frühstück. Auch wenn es heute wieder etwas frisch und bewölkt ist, werden wir auf der Île d’Orléans nicht enttäuscht. Wir fahren auf der gemütlichen Hauptstraße einmal um die Insel und bestaunen kleinere und größere Anwesen, alles sehr grün, gepflegt und einladend. Ich bin der Meinung, dass wir die Insel nicht verlassen dürfen, ohne eine Weinprobe gemacht zu haben und so biegen wir spontan beim nächstbesten uns zusagenden Gut ab. Auf dem Hof herrscht keine große Action und wir sind gerade dabei uns zu orientieren, da erscheint schon eine Frau, winkt uns heran, bittet uns herein und fragt ob sie uns behilflich sein kann, natürlich auf Französisch. Englisch spricht sie so gut wie keines und so verläuft unsere Unterhaltung zwar etwas abenteuerlich, klappt aber überraschend gut und wir probieren unseren ersten Cidre de Glace, also Eis-Cidre. Daniel ist schon kurz davor, etwas von dem süßen Trunk zu kaufen, weil er sich dazu verpflichtet fühlt, eigentlich schmeckt es uns aber gar nicht so doll und ich kann ihn überzeugen, dass wir diese 25 Dollar doch lieber sparen. Wir bedanken uns bei der Dame und fahren weiter, um kurz darauf an einem weiteren Gut zu halten, welches uns Sandrine empfohlen hat und wo verschiedene Leckereien aus schwarzen Johannisbeeren kreiert werden. Der Empfang verläuft hier wesentlich touristenorientierter ab als beim vorherigen Weingut und wir erhalten erst eine kleine Einführung zum Betrieb und dürfen uns danach durch die verschiedenen flüssigen Köstlichkeiten testen, zu denen uns jeweils ein bisschen was erklärt wird. Unsere Gaumen sind positiv angetan und hier besorgen wir auch ein paar Kleinigkeiten, unter anderem für Sandrine, weil wir uns über ihre Gastlichkeit so freuen.

Montmorency Falls
Anschließend lassen wir die Insel hinter uns und fahren weiter zu den Montmorency Falls. Diese Wasserfälle sind höher als die Niagarafälle, aber nicht annähernd so bekannt, da sehr viel schmaler. Dort angekommen tappen wir erst einmal in eine Touristenfalle. Wir befahren den erstbesten und ausgeschilderten Parkplatz, die Parkgebühr ist sehr saftig und es gibt keine Möglichkeit mehr zu wenden und dann müssen wir auch noch ein Hin- und Rückfahrticket für die Seilbahn erstehen, um zu den Wasserfällen zu kommen, da die Wege aufgrund noch bestehender Winterschäden nicht begehbar sind. Wir ärgern uns, da wir eine Stange Geld blechen müssen und auch lieber gelaufen wären. Wir sind nicht geizig, aber bei einem Jahr als Reisender muss man halt schauen, dass man sich sein Budget so gut es geht einteilt. Zumal wir ja ohnehin eher Traveller als Worker sein wollen. Oben an den Fällen finden wir dann noch heraus, dass wir die Straße einfach etwas weiter hätten hochfahren müssen und es dort weitere, sogar kostenfreie Parkmöglichkeiten gegeben hätte. Sei es drum, wir wollen uns die Stimmung nicht vermiesen lassen und haken die Geschichte, nicht zum letzten Mal während unserer langen Reise, als notwendiges Lehrgeld ab. Entschädigt werden wir dann aber durch die spektakuläre Brücke, welche direkt über den Wasserfall führt und uns nahe an die Grenze unseres Höhenrespekts bringt. Auch die steile Holztreppe, die seitlich am Wasserfall entlangführt, ist ein Erlebnis, wenn auch, genau wie die schöne Parkanlage, aufgrund der Jahreszeit nur teilweise nutzbar.
Nach einem kurzen Zwischenstopp in unserer Unterkunft zum Mittagessen unternehmen wir dann einen ausgedehnten Spaziergang einmal rund um die wunderschöne Altstadt und erkunden die Straßenzüge und Viertel. Wir fühlen uns sehr wohl und sind fast ein bisschen wehmütig, dass wir morgen schon weiterziehen (müssen). Wie schön es wäre, hier etwas länger zu verweilen, vielleicht sogar im Winter. Ich schmeiße sofort den Planungsapparat an, aber der Winter ist noch so weit weg. Erst einmal wollen wir jetzt im Sommer so viel wie möglich vom Land sehen und dann können wir immer noch mal schauen, wohin wir zurück möchten. Der Abschied von Sandrine und Enrique fällt sehr herzlich aus. Superwohl haben wir uns gefühlt, in dieser kleinen und gemütlichen Wohnung.

Altstadt von Québec
Am nächsten Morgen geht es zu unserer nächsten Station in Québec: nach Montréal. Die Autofahrt ist heute entspannend kurz, 250 Kilometer, und unser Navi lenkt uns zuverlässig zu unserer gebuchten Unterkunft. Abermals versuchen wir über AirBnB unser Glück. Unsere Gastgeberin in Montréal hört auf den Namen Myokyo, getauft wurde sie ursprünglich allerdings auf den Namen Judith. Myokyo ist eine große schlanke Frau mit raspelkurzen Haaren, die in Montréal ein Zen Center leitet, in dem u. a. Meditationskurse gegeben werden. Im Zen Center, welches im hippen Stadtteil Plateau liegt, gibt es auch zwei Gästezimmer, die sich ein Bad teilen, und eben diese Zimmer werden via AirBnB vermietet. Das Plateau wird charakterisiert durch viele junge Familien, eine bunte Gastro-Szene, ein Potpourri der verschiedenen Kulturen und sozialen Milieus, und nicht zuletzt Montréals Hausberg, den Mont Royal. Die Meditationen finden morgens und abends statt und in dieser Zeit dürfen wir das Zentrum weder verlassen noch betreten, da man dafür direkt durch den Meditationsraum müsste. Außerdem ist recht strikt jeglicher Verzehr von Fleisch im Gebäude untersagt, verursacht wahrscheinlich schlechte Schwingungen. Da uns all dies im Vorhinein bekannt war, macht es uns aber gar nichts aus. Morgens um 6 Uhr, wenn der erste Kurs stattfindet, schlafen wir in der Regel sowieso noch und abends sind wir dann einfach essen. Wir erhalten von Myokyo bei Ankunft erst einmal einen kleinen Vortrag über die vor Ort zu empfehlenden Speiselokale sowie über die angeblich allerbesten Croissants Montréals, die in der Bäckerei gleich um die Ecke verkauft werden. Sehr gut, die Frau weiß genau, was wir brauchen.
Am ersten Abend probieren wir sofort einen Vorschlag Myokyos aus und kehren, quasi als Hommage an unsere Unterkunft, im veganen Restaurant „Aux Vivre“ ein, essen verrückte und total gesunde Sachen und flanieren anschließend noch etwas durch das Viertel. Wir lassen uns treiben und gelangen in den Park am Fuße des Mont Royal, wo wir zum ersten, und nicht zum letzten Mal, feststellen, wie sportlich die Montréaler sind und wie sehr sie anscheinend die Aktivitäten im Freien genießen nach dem langen und eiskalten Winter. Hier tummeln sich zahlreiche Menschengrüppchen, um sich beim gemeinsamen Baseball-, Tennis-, Football- oder Fußballspiel den Feierabend zu vertreiben. Andere wiederum gehen einfach nur laufen, haben sich zu einem lockeren Zirkeltraining verabredet oder nehmen an einem Open-Air-Salsa-Aerobic-Kurs teil. Uns gefällt das sehr, die Stadt ist auch abends noch lebendig, und was uns vor allem auch noch in den nächsten Tagen positiv auffällt: Französisch und Englisch wird wie selbstverständlich von jedem beinahe stereo und ohne jeglichen Akzent gesprochen. Beide Sprachen sind hier tatsächlich nahezu gleichberechtigt.
Am nächsten Morgen testen wir die empfohlenen „besten Croissants der Stadt“, die allerdings über einen sehr, sehr hohen Butteranteil verfügen, und laufen nach Downtown, um ein wenig zu bummeln (und um die Kalorien wieder abzutrainieren). Eher durch Zufall erstehen wir nun endlich ein Handy mit Prepaidkarte für kleinen Preis. Wie gut, dass wir nicht aus der Not heraus schon in Nova Scotia für über 50 Dollar eines gekauft hatten. Ab jetzt sind wir also auch für potenzielle Arbeitgeber und Sonstige zu erreichen. Wir fühlen uns somit wieder ein Stück mehr in Kanada angekommen. Die Altstadt Montréals als solche enttäuscht uns eher, kennen wir aber auch schon von unserer Hochzeitsreise.




