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Ein typisches Kind der Stadt mit slowenischem Vater und italienischer Mutter war der Journalist und Schriftsteller Scipio Slataper (1888 – 1915), der sich für die Anbindung von Triest an Italien einsetzte. Seine einzige Buchveröffentlichung, das autobiografische Werk „Il mio Carso“ („Mein Karst“), trägt die Jahreszahl 1912. Auch wenn er sich langweilte, wie er schrieb, mochte er die Stadt auf ihre Weise: „Mir gefällt das Treiben, der Lärm, das Sich-zu-schaffen-machen, die Arbeit. Niemand verliert Zeit, denn alle müssen schnell an irgendeinen Ort gelangen und sind besorgt.“ Drei Jahre später ereilte ihn ein Triestiner Schicksal, er fiel in der Vierten Isonzoschlacht bei Görz.
Zu den bekanntesten Triestiner Autoren unserer Zeit, der auch deutschsprachigen Lesern ein Begriff ist, gehört der Essayist, Romancier und Germanistik-Professor Claudio Magris (geb. 1939), der sich in seinen Werken vielfach mit den Problemen des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen, also im Grunde jenen seiner Heimatstadt, beschäftigt. Die Bandbreite der Themen des 2009 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichneten Schriftstellers reicht aber von einem literaturwissenschaftlichen Werk über den habsburgischen Mythos über eine Biografie der Donau bis zu einer kritischen Würdigung der Triestiner Literatur.
Seit den 1990er-Jahren lebt der deutsche Schriftsteller Veit Heinichen (geb. 1957) in Triest, Schauplatz seiner bisher mehr als ein halbes Dutzend spannenden Kriminalromane rund um Commissario Proteo Laurenti. Den ausgewiesenen Gourmet Heinichen, dessen Krimis in sieben Sprachen übersetzt wurden, unter ihnen Italienisch und Slowenisch, kann man, wenn man Glück hat, in einem der Kaffeehäuser – siehe nachfolgendes Kapitel –, in einer der urigen Buschenschänken im Karst, einer Osmiza, oder auf einem Weingut beim Verkosten antreffen. Am allerehesten jedoch im Ristorante Scabar (Erta di Sant’Anna 63, Tel. 040 810 368, www.scabar.it, Mo Ruhetag, Bus Linie 34 ab Largo Barriera Vecchia bis Endstation), für das er in seinen Romanen unverhohlen Werbung betreibt. Aus gutem Grund: Denn die Spitzengastronomin Ami Scabar ist nicht nur seine Lebensgefährtin, mit der gemeinsam er das schöne kulturgeschichtlich-kulinarische Reisebuch „Triest – Stadt der Winde“ verfasst hat. Hoch über der Stadt mit Traumaussicht genießt man auch exquisite Fisch- und Fleischgerichte.

Caffè, Kunst und Krimi
So wie die Literatur und die Literaten in Triest einen besonderen Stellenwert aufweisen, so ist auch das Image der Stadt als „Kaffeemetropole“ verfestigt. Wie sehr diese beiden Tatsachen miteinander verknüpft sind und einander bedingen, sei dahingestellt. Erwiesen ist nur, dass die ungezählten Kaffeehäuser der Stadt das „Wohn- und Arbeitszimmer“ vieler Literaten waren und sind. Italo Svevo, James Joyce, Rainer Maria Rilke, Umberto Saba, Hermann Bahr und noch viele andere, sie alle besuchten gerne die Konditoreien und Cafés, besonders das San Marco. Milchige Lichtströme fließen durch die hohen Fenster, die Sessel sind abgewetzt, über den Köpfen feixende Masken und Stuck. Jegliche Modernisierungswut ging am San Marco vorüber, seitdem es 1914 eröffnet wurde. Auf der Karte stehen neben den üblichen Kaffeefixpunkten auch caffè viennese und strudel di mele, Apfelstrudel. Der berühmte Schriftsteller Claudio Magris ist hier Stammgast. Er liebt den „liberalen Pluralismus“ der Besucher und verfasst an seinem Stammtisch Essays und Romane. „Das San Marco ist eine Arche Noah, die für alle Platz hat, ohne Vorrang und ohne Ausschluss“, schreibt er. Das bunte Publikum beschreibt er in seinem Werk „Die Welt en gros und en détail“: „Alte Kapitäne von Überseedampfern, Studenten, die sich aufs Examen vorbereiten und amouröse Taktiken austüfteln, Schachspieler, unempfänglich gegen alles, was um sie herum geschieht, deutsche Touristen, neugierig gemacht durch die kleinen und großen literarischen Berühmtheiten, die ehemals diese Tische frequentierten, schweigsame Zeitungsleser, angeheiterte Gruppen, die sich dem bayerischen Bier oder dem Verduzzo hingeben, mürrische alte Leute, die über die Niedertracht der modernen Zeiten schimpfen, siebengescheite Demonstranten, unverstandene Genies, ein paar alberne Yuppies, Korken, die wie Ehrensalven knallen, vor allem, wenn der Dr. Bradaschia – vom Gericht wegen Hochstapelei (darunter auch das unberechtigte Führen eines Doktortitels) entmündigt – den, der in seiner Nähe sitzt oder an ihm vorbeigeht, unbeirrt zum Trinken einlädt und dabei den Kellner in einem Ton, der keine Widerrede zuläßt, auffordert, es ihm auf die Rechnung zu setzen.“


Jüngstes Beispiel eines Kaffeehausliteraten ist Krimistar Veit Heinichen. Mit seinem Commissario verbindet den Deutschen einiges. Gerechtigkeitssinn, beide sind Zugewanderte, lieben die Vielfalt der Weine und Küche, natürlich trinken auch beide gerne Kaffee. Nicht immer in den gleichen Cafés – „je nach Laune und Laufweg“. Das San Marco meidet er eher. „Ein Schriftsteller pro Café ist genug.“ Der Deutsche betreibt Recherche für seine Romane in anderen Cafés, am liebsten in der Gran Malabar, Kompetenzzentrum für eine verwirrende Fülle an Weinschätzen, über die sogar die New York Times berichtet.
Das Verbrechen ist seine Welt. Veit Heinichen legt seine Finger in die gesellschaftlichen Wunden unserer Zeit. Bestechung, Menschenschmuggel, historische Spannungen, Organhandel, Industriespionage, illegale Mülltransporte, Grundstücksspekulationen, verbotene Hundekämpfe, Drogenhandel, Wirtschaftskrise – sehr globale Themen, die Veit Heinichen und seine Bücher antreiben. In seinem neuesten Werk „Keine Frage des Geschmacks“, richtet er den Blick auf Korruption, Manipulation und Ausbeutung. „Diese Art von Roman ist Spiegel eines Raumes und einer Epoche. Das kann kein Sachbuch und keine Reportage in dieser Klarheit leisten“, sagt er. Obwohl es mit Kriminalität in Triest nicht weit her ist. Kaum eine gestohlene Handtasche wird gemeldet, mit Morden kann die Hafenstadt noch viel weniger dienen. „Triest hatte eine andere Funktion, war riesengroße Geldwaschanlage für die internationalen Geheimdienste, als die Welt noch in zwei Blöcke geteilt war. Wir haben neun Stasi-Agenten hier gehabt. Das ist irre, das weiß kein Triestiner.“ Genauso fein verlaufen die Linien des Verbrechens auch heute. „Die Balkanmafia vereint sich mit der italienischen, deutschen und österreichischen in Triest, einem Kreuzungspunkt, der direkt nach Klagenfurt führt“, diktierte er bereits vor sechs Jahren in das Aufnahmegerät. Wie recht er schon damals hatte, wir sehen es heute alle.
Triest ist nicht nur eine Guckkastenbühne in Heinichens Fantasie, sondern Protagonist mit seiner eigenen Biografie. Realität und Fiktion verschmelzen. Mit fast enzyklopädischem Wissen und viel lokaler Atmosphäre werden die Leichen in Heinichens Romanen fast schon wieder lebendig. Die beschriebenen Orte gibt es wirklich, genauso wie die Wirte oder Galeriebesitzer. „Warum sollte ich sie umbenennen, Insider würden sie ja doch erkennen.“ Das ist auch eine der Qualitäten von Heinichens Literatur. Die Fakten stimmen. Man lernt die Stadt von innen kennen, vom Polizeihauptquartier bis zu den Restaurants. „Ich habe eine Verantwortung gegenüber dem Leser, er muss sich auf die Inhalte verlassen können.“ Auch Proteo Laurenti verkehrt in den gleichen Osterien und Bars. „Wenn ich hereinkomme, geht er allerdings gerade hinaus.“
Nahliegend, dass auch in Heinichens „Keine Frage des Geschmacks“ – wie im echten Triest – Bohnen eine wichtige Rolle spielen. Im Zentrum stehen die braunen Bohnen, aber auch blaue Bohnen schwirren durch die Luft, wenn es verbrecherischen Elementen darum geht, sich den größten Teil des Kuchens auf dem Kaffeemarkt zu sichern. Kaffee trägt laut Heinichen, wie andere Rohstoffe auch, immer eine Sozialgeschichte in sich. „Wir westlichen Staaten rühmen uns zwar des Demokratieexports, gleichzeitig stützen wir Tyrannen aus ökonomischen Gründen.“ Wie sehr demokratisches Engagement und Wirtschaft zusammenhängen, zeige Ex-Jugoslawien. „Der Balkankrieg hat den Westen nie interessiert. Der Grund ist klar, es gab dort kein Rohöl.“ In die Handlung verwoben wird viel Wissenswertes über den Kaffee. So erfährt der Leser nebenbei über den teuersten Kaffee, den von Schleichkatzen fermentierten Kopi Luwak, aber auch über die Hundert verschiedenen Arten, einen anständigen Kaffee in den Bars zuzubereiten. Commissario Proteo Laurenti kennt sie alle, er ist genauso leidenschaftlicher Kaffeegenießer wie sein Schöpfer. „Das Schöne an den Bars und Cafés ist ja, dass sie hierarchiefrei sind, sowohl, was das Alter und die Schichte betrifft. Alle werden gleich behandelt.“

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