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»Wenn nicht, dann Herr Mann – Sie noch zum Abschluss?« »Gerne. Wir werden zusätzlich den Generalbundesanwalt informieren. Noch aber ist das eine Sache unserer Behörde. Ich setze absolute Verschwiegenheit voraus. Medienarbeit ist Chefsache. Ich werde diese SoKo bis auf Weiteres eng begleiten. Joe Weber hat die volle Unterstützung des Hauses. Wir sehen uns morgen früh um acht Uhr wieder. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren!«

Jelke hatte Marcs Schuldvorwurf nicht kommentiert, wissend, dass sie niemandem Schuldgefühle nehmen konnte. Im Gegenteil, so konnte Marc die Illusion aufrechterhalten, dass in Zukunft so etwas nicht mehr passieren kann, wenn er besser aufpassen würde. Hauptsache er redete, sprach sich aus. Das Relativieren der starken, bohrenden Schuldgefühle, so hatte sie erfahren, würde ohnehin später von selbst eintreten, wenn alles wieder normal liefe. Wenn.
Marc hatte sich etwas gefangen. Er war sogar in die Küche gegangen und hatte gefragt, ob jemand einen Kaffee haben möchte. Er selbst wollte einen Tee trinken, doch die Hand zitterte so stark, dass Jelke dazu kam und ihm die Zubereitung abnahm.
»Wo ist meine Frau jetzt, Herr Holms?«
»Sie wurde in die Rechtsmedizin gebracht und wird dort obduziert.«
»Wann?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wie sieht sie aus?«
»Ich weiß es auch nicht, Herr Anderson. Aber was ich vermittelt bekommen habe ist, dass alles sehr schnell ging und sie nicht gelitten hat.«
»Sagen Sie das, um mich zu beruhigen?«
»Nein, das ist Fakt.«
»Ich möchte sie auf jeden Fall noch vor der Obduktion sehen.«
»Das werde ich durchgeben.«
»Und wirklich keine Hinweise zu Pia?«
»Leider nein, Herr Anderson. Die Kollegen arbeiten intensiv. Sobald wir etwas wissen, sind Sie der Erste, der es erfährt.« »Danke, Herr Holms, ich brauche jetzt eine Pause.«
»Natürlich, Herr Anderson, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Ich fühle mit Ihnen. Ich wünsche Ihnen alle Kraft und Gottes Segen.«
Marc sah ihn verbittert an und sprach leise: »Den brauche ich jetzt wirklich nicht, der hat mir gerade meine Familie genommen.«
Er schwankte leicht, doch es gelang ihm, den Polizeibeamten zur Tür zu bringen. »Danke, Herr Holms, für Ihren Einsatz.«
Marc hockte zusammengesunken auf der Couch. Das Zittern seines Körpers verstärkte sich. Jelke eilte in die Küche, kam mit einem Glas Wasser zu ihm und legte sanft ihre Hand auf seine Schulter, so, als wolle sie das Zittern abmildern. Als Nächstes würde sie ihn bitten, sich auf die Couch zu legen, die Beine anzuwinkeln, und sie würde ihn zudecken. Doch das schien nicht nötig. Noch nicht. Sie reichte ihm das Wasser. Er blickte sie kurz wie aus weiter Ferne an, schien zu verstehen, trank.
Schüttelfrost. Sie legte eine Decke über ihn.
Jelke sagte nichts. Kein Wort der Beruhigung, kein Wort des Trostes, kein Wort über das verschwundene Kind, kein Wort über die tief empfundene Schuld.
SCHULD.
Schuld hatte ihn in Sekundenbruchteilen mit einem galaktischen Sog in das schwärzeste aller Löcher des Universums gezogen. Marc war nicht mehr in seiner alten Haut. Schuld hatte die Regie übernommen.
Niemand sagte etwas.
Die Notfallseelsorgerin war einfach nur da. Sie gab keine Ratschläge, Analysen oder Deutungen. Ihre völlige Zurückhaltung war nicht feige oder Ausdruck der Unsicherheit, ganz im Gegenteil. Sie wartete. Irgendetwas würde passieren. Aber nicht proaktiv von ihrer Seite, sie wartete auf eine Aktion von Marc.
Hier geschah, was Jelke in der Ausbildung als für sie schwerste psychosoziale Intervention überhaupt gelernt hatte: qualifiziertes Schweigen. Wenn notwendig über lange Zeit. Es war sogar möglich, dass überhaupt nicht geredet wurde. Darauf stellte sie sich jetzt ein.
Er legte sich auf die Seite – von ihr abgewandt.
»Bleib’ bitte hier«, sagte er unvermittelt.
»Ich bleibe, solange du möchtest.«
»Marie ist deine beste Freundin, Pia ist dein Patenkind.«
»Ja, Marc.«
Ihr Herz schlug bis zum Halse. Er hatte logischerweise die persönliche Beziehungsebene hergestellt.
»Wie wirst du damit fertig?«
»Schlecht, Marc, miserabel. Doch jetzt geht es um dich.«
Er warf die Decke zur Seite und sprang auf.
»Ich muss sehen, wo es passiert ist!«
Jelke war kurz entsetzt aber realisierte auch, dass er so versuchte, die Situation anzunehmen und war doch noch vollkommen instabil.
»Okay, dann machen wir das.«
Sie wusste nicht, was am Tatort wenige hundert Meter weiter geschehen würde und fragte sich, ob das wirklich eine gute Idee sei. Doch Marc war nicht aufzuhalten. Sie ging voraus zur Tür, öffnete sie und warf sie sofort wieder ins Schloss.
Draußen standen Journalisten und Fotografen.
Einer rief: »Können Sie uns sagen, wo das Baby ist?«
Marc drängte Jelke – völlig die Beherrschung verlierend – zur Seite, riss die Tür auf und schrie in die Kameras:
»Ihr Bastarde, lasst uns in Ruhe!«
Jelke zog ihn energisch zurück, schloss die Tür und führte ihn zur Couch.
Er kippte in die Kissen. Ein erneuter Schüttelfrost überkam ihn. »Entschuldige, Jelke. Es ist zu viel. Ich weiß nicht, wie ich das klar kriegen soll.«
»Soll ich dir etwas zu essen machen?«
»Danke, nein. Wir gehen nachher zum Tatort, wenn die Meute weg ist.«
»Ich mach’ dir trotzdem ein Brot. Du entscheidest, ob du es möchtest. Darf ich an den Kühlschrank gehen?«
Er antwortete nicht. Es war ihm vollkommen gleichgültig.
Sie saßen sich gegenüber. Er bekam keinen Bissen herunter, vergrub seinen Kopf in den Händen, versuchte sich zu konzentrieren. Es war nicht möglich. Sein Gehirn war wie abgestellt. Dann rasten die Gedanken wieder wie wild, überschlugen sich.
Er rannte zur Toilette. Jelke hörte, wie er sich erbrach.
Er kam zurück, sah sie verweint an. »Jelke, sag’, dass es nicht wahr ist. Das ist alles ein furchtbarer Irrtum. Marie ist mit Pia bei ihren Eltern. Sie ist bei den Eltern, ganz bestimmt.«
Sie kam zu ihm, schaute ihn so fest und eindringlich an, wie es ihr möglich war.
»Nein, Marc, Karina Marie ist tot. Ich bete, dass Pia lebt und ihr nichts geschieht.«
Er beugte sich zu ihr herunter. Sie ließ ihn an ihrer Schulter weinen.
Nach einer Weile sagte er fast flüsternd: »Wir müssen ihre Eltern benachrichtigen.«
Marc hatte selbst die Jokerfrage in der Erstberatung initiiert. Benachrichtigung von Angehörigen oder Freunden bedeutete Handeln. Wer benachrichtigte, war gleichgültig, Hauptsache, die Notwendigkeit war bewusst geworden. Es war der erste kleine Schritt zurück in die Welt da draußen.
»Ein Kollege ist bereits bei ihnen«, erwiderte sie.
»Das ist gut, danke, Jelke, danke, ich könnte das jetzt nicht. Mein Gott, ihre Mutter ist dement und der Mann schwer herzkrank.«
»Das ist ein wichtiger Hinweis, Marc. Ich werde das durchgeben. Ist sonst noch jemand zu informieren? Das muss nicht jetzt sein.«
»Sie hat sonst niemanden mehr. Ich auch nicht.«
Es klingelte an der Haustür.
Jelke war darauf eingestellt, Medien abzuweisen. Sie schaute durch das seitliche Fenster.
Draußen standen Tom, Ale, Thunder, Hermy und Mike.
»Marc, dein Team möchte dich besuchen, ist das okay für dich?«
Er nickte.
Marc stand auf und blickte seine Brüder so abwesend an, wie sie ihn noch nie erlebt hatten. Weder im Kampf, noch im Training, weder im Gespräch noch in vertrauter Runde. Dieser Mann hatte ganz offensichtlich seinen Kompass verloren.
Einer nach dem anderen kam zu ihm, fast wie aufgereiht. Der Hüne Tom, Marcs Weggefährte von Anfang an, legte die Hand auf Marcs Schultern. Sie sahen sich an. Es gab nichts zu sagen.
Der Berliner Ale heulte. »Mann Alter, so ’ne Scheiße.« Beinahe wäre ihm sein Standardspruch über die Lippen gegangen: »Det kriegen wir hin.«
Thunder stieß ihm rechtzeitig in die Seite und legte seinerseits den Kopf an Marcs Stirn. Dann heulte auch er.
Hermy nahm Marc in den Arm. Er streichelte ihn liebevoll.
Mike konnte mit der Situation am wenigsten umgehen. Er ging durch das Zimmer … auf und ab. Dann wollte er Marc einen Faustcheck geben, er war völlig durch den Wind. Marc blickte hinter ihm her. Jelke glaubte für einen winzigen Moment, in Marcs Augen ein sanftes Lächeln gesehen zu haben. Aber es war wohl ein Irrtum.
»Entschuldigt mich, ich muss unter die Dusche«, sagte Marc, »in der Küche steht Bier.«
Die fünf hockten mit der Notfallseelsorgerin um den Couchtisch herum. Sie hatte Tom angerufen, der sofort die anderen alarmiert hatte. Alle machten umgehend auf dem Weg vom Stützpunkt nach Hause kehrt. Sie wollten nur eines, Marc zur Seite stehen, wussten jetzt aber nicht, wie man das macht. Sie hatten bei ihm alles gelernt, um siegreich zu überleben, aber nicht, wie man mit der Trauer eines Marc Anderson umgeht.
Jelke wies sie in die Geschehnisse ein. Als sie den Namen »Ali Naz« aussprach, war es vollkommen still im Raum. Keiner brauchte weiter zu fragen. Sie wussten, das ging sie alle an. »Was machen wir jetzt?«, fragte Thunder.
»Ich denke«, meinte Jelke, »er möchte nachher für sich sein, wir sollten ihn fragen.«
Marc kam herunter. Er war barfuß, seine Haare waren nass, sein Gesicht wie zerstört. Er trug eine Trainingshose und ein T-Shirt, das er im Schrank zufällig zu fassen bekommen hatte. Es war mit einem großen griechischen »O« bedruckt.
Weder er noch seine fünf Brüder dachten sich etwas dabei, außer Jelke, die die christliche Bedeutung von Alpha und Omega kannte. Sie sagte nichts dazu.
Sie rückten für ihn zur Seite, aber er hockte sich abseits auf den Fußboden an die Wand.
»Möchtest du auch ein Bier?«, fragte Ale. Er verneinte.
Seit der Überbringung der Todesnachricht waren keine drei Stunden vergangen, aber es kam Marc vor wie eine Ewigkeit.
Tom war an die Bücherwand gegangen, direkt auf das Porträtfoto von Karina Marie zu. Jelke sah das. Tom wollte Abschied nehmen. Sie fragte vorsichtig zu Marc herüber: »Ist das okay, wenn wir sie in unsere Mitte nehmen?«
Marc nickte.
Sie stand da als Schwarz-Weiß-Foto, lachend mit Pia auf dem Arm, als sie gerade vier Wochen alt war.
»Ich habe eine Kerze dabei, auch okay?«, fragte sie.
Marc überlegte, dann nickte er wieder.
Jelke hatte ein Ritual begonnen. Sie fragte aber nicht weiter, zum Beispiel, ob man gemeinsam beten wolle. Im Gegensatz zu Karina Marie war Marc nicht gläubig. Die Kirche war ihm so fremd, wie die Vorstellung an einen Gott.
Die Männer schwiegen. Tom hätte gern laut ein Gebet gesprochen, aber er traute sich nicht. So saßen sie vor der Kerze und blieben jeder für sich.
Sie hatten den Lebensweg der beiden in entscheidenden Phasen miterlebt. Am längsten Tom, der mit Marc zusammen Karina Marie an der Küste Algeriens aus den Händen des damaligen Islamischen Staates befreit hatte. Alle waren bei der Hochzeit der beiden in der weißgeschmückten evangelischen Kirche in Blankenese dabei gewesen, wo Karina Marie bereits getauft worden war. Sie hatten Spalier gestanden. Sie waren auch in derselben Kirche zur Taufe von Pia erschienen.
Mike erinnerte sich, wie sie sich vor Karina Maries Befreiung von der SUNDOWNER im Wasser in den Arm genommen und skandiert hatten: »Einer für alle, alle für eine, für Karina Marie!« Mike musste innerlich schmunzeln. Er hatte bei dem Wort alle damals einen Schwall Meerwasser geschluckt.
Sie waren so oft mit dem Tod konfrontiert. Aber es betraf immer die anderen.
Marcs Kopf sank herunter. Nach einer Weile raffte er sich auf, ging zur Kerze und drückte sie aus. Wohl, weil er das Treffen beenden wollte. Aber es war vielleicht mehr. Nur Jelke wusste um die wichtige Bedeutung, wenn ein Trauernder das Licht auslöscht.
»Ich muss in die Falle. Es wäre schön, wenn ihr mir die Medien draußen vom Halse haltet. Und Jelke, könntest du heute im Haus bleiben? Das Bett im Gästezimmer hat Marie bezogen.«
Er hatte kaum den Namen ausgesprochen, da drohte er wieder wegzusacken. Tom sprang auf ihn zu und führte ihn die Treppe hoch. Marc nahm es dankbar an.
ALPHA 1 sicherte in dieser ersten Nachthälfte das Gebäude, dann übernahm ALPHA 2. Am nächsten Morgen würden sie sich bei Jelke kurz abmelden. Jelke meldete ihrerseits den Einsatz bei der Notfallseelsorge als beendet, holte ihr Nachtzeug aus ihrer Wohnung und kam nur wenig später zurück. Sie sah, dass die Tatortreiniger die Straße wieder gesäubert hatten, nur die Reste einer Kreidestrichzeichnung waren noch zu sehen. Es war gut, dass Marc das nicht mehr wahrnehmen musste.
Jelke saß allein im Wohnzimmer und schaute sich um. Alles, was sie in diesem Haus sah, zeigte die Handschrift ihrer besten Freundin. Die leichten skandinavischen Möbel und Lampen, die weiße, schlichte Bücherwand mit umfangreicher Reiseliteratur und Bildbänden von Schiffen. Die Glaskunst an den Sprossenfenstern, deren zarte weiße Gardinen, der kleine Kapitänsschreibtisch, das Geschenk ihres Vaters und Pias Wiege, deren Kleidungsstücke und Spielsachen, die so herumlagen, als würde sie gleich hereinlaufen.
Wo war Pia wohl? War sie verschleppt worden? Wie würde sie behandelt werden, und worum ging es hier?
Sie hatte das Gefühl, dass sie jetzt einen Schluck Alkohol gebrauchen könnte und fand auf einem Beistelltisch eine angebrochene Flasche Eierlikör. Sie wusste, dass Karina Marie ihn selbst gemacht hatte. Er schmeckte wunderbar.
Jelke war tief gläubig. Was immer geschah, vom Anfang bis zum Ende, ergab für sie einen Sinn. Sie zürnte nicht mit ihrem Gott, dass er dieses entsetzliche Unglück zugelassen hatte, sie nahm es an. Schon deshalb, weil sie in ihrem Leben einen Gott sah, der sie frei agieren ließ, und sie stets, so glaubte sie, wieder aufhob, wenn sie gefallen war. Glaube und Vertrauen waren ihr Fundament, nicht ihre Zweifel, sonst hätte sie gar keine seelsorgerische Tankstelle für andere Menschen sein können.
Am Telefon sah sie, dass der Anrufbeantworter blinkte. Sie würde es Marc gleich morgen früh sagen. Morgen würde er vermutlich Karina Marie sehen wollen. Wie sie wohl ausschauen würde? Würde er das aushalten können?
Und sie selbst? Was alles würde danach noch passieren?
Sie wusste nicht annähernd, wie tief sie noch fallen würde.

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