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Trotz der Generationenkluft war der junge Brian eindeutig als Sohn seiner Eltern erkennbar – leise sprechend, mit einem unüberhörbaren Akzent der Mittelschicht und schon von frühem Alter an fasziniert von der Musik.
Die Jones’ ließen sich nach Angaben der Nachbarn als ruhig und pedantisch beschreiben. Sie hielten ihre Einfahrt sauber und waren die ersten, die zur Tat schritten, wenn es Probleme mit Lärmbelästigung oder leichten Fällen von Vandalismus in der Gegend gab. „Man konnte sich kaum eine klassischere britische Familie aus der Mittelschicht vorstellen“, erinnert sich Roger Jessop. „Das meine ich nicht abfällig.“ Die Jessops standen den Jones’ nahe und empfanden sie als „reserviert, aber freundlich“. Sie pflegten entgegen den heute üblichen Gewohnheiten keine sozialen Kontakte – weder Dinner-Partys noch Pub-Besuche – doch Rogers Vater Frederick, ein Erdkundelehrer an der Grundschule für Jungen, half dem zehnjährigen Brian bei den Hausaufgaben, während Lewis Roger bei Mathematik und den Ingenieurwissenschaften verwandten Problemen unterstützte. Lewis erwies sich als geduldiger und logisch ausgerichteter Lehrer. Er bearbeitete eine Aufgabe methodisch und erfreute sich an der Eleganz einer korrekten mathematischen Lösung.
Dem jungen Brian Jones sah man sicherlich den Sohn eines Wissenschaftsfanatikers an. Er vermochte sich sprachlich adäquat auszudrücken und war selbstsicher. Mit seiner Hornbrille und dem Lächeln, bei dem eine Zahnlücke sichtbar wurde, wirkte er jedoch unbeholfen. Einem Lehrer nach verhielt er sich gewissenhaft und ernst, beinahe „schon übertrieben tugendhaft“. „Er war schon ‚nerdy‘“, erklärt Roger, der sich daran erinnert, wie Brian sich an einen hohen Aussichtspunkt nahe der Dean-Close-Privatschule zurückzog, die er damals besuchte. Dort verbrachte er die Zeit mit dem sogenannten „Trainspotting“, dem Sammeln der Nummern von Lokomotiven und Eisenbahnzügen.
Einige Menschen bemerkten allerdings schon früh die Sensibilität, die ihn von seinen pflichtbewussten und konventionellen Eltern unterschied. Trudy Baldwins Familie besuchte zusammen mit den Jones’ die Gottesdienste in der St. Philips und der St. James Church, wo Brian, gekleidet in eine makellose weiße Robe, ab dem Alter von zehn Jahren im Chor sang. Die beiden Familien entwickelten eine engere Beziehung, und Trudy, einige Jahre älter als Brian, beaufsichtigte die Jones-Kinder regelmäßig als „Babysitter“. Sie erinnert sich gut an den jungen Brian, besonders daran, dass er ihr die Geschichte einer verstorbenen Schwester enthüllte, von denen die Baldwins niemals etwas gehört hatten: „Brian erzählte mir von einem anderen Kind der Familie – einer Schwester, die verstorben war, und zeigte mir Fotos von ihr. Mir das mitzuteilen, schien ihm ein dringliches Bedürfnis zu sein, als wäre es ein Thema, über das man bei ihnen nicht redete. Meine Eltern standen ihnen nahe, aber ich glaube nicht, dass sie je etwas davon erfuhren. Es muss schrecklich gewesen sein, so etwas zu verbergen.“
Wie viele Cheltenhamer blickt Trudy Baldwin auf ihre Erziehung zurück und wundert sich, wie streng und gefühllos das alles war, bestimmt von Respektbezeugung und emotionaler Unterdrückung. Den Eltern zu gefallen, wurde mit Freude und Anerkennung honoriert. Diesem Reglement war auch Brian Jones unterworfen, zu Hause und auf der Dean Close, wo die großen im gotischen Baustil errichteten Gebäude sich über das Grundstück erstreckten. Ohne sich großartig zu bemühen, zählte er zu den klügsten Schülern seines Jahrgangs, vor allem in den Fächern Englisch und Französisch, aber er konnte auch in der Mathematik mit guten Ergebnissen punkten.
Brians konventionelles und leicht weltfremdes Erscheinungsbild wurde von den zahlreichen Interessen begleitet, die er mit dem Vater teilte, insbesondere der Faszination hinsichtlich des Ingenieurwesens. Im Alter von ungefähr zehn Jahren erhielt er von seinen Eltern eine teure, technisch erstklassige grüne Miniaturdampfmaschine, an der er versunken und konzentriert herumtüftelte und sie mit Methyl-Alkohol antrieb. Die Begeisterung für Maschinen hielt bis zur Pubertät an: Man konnte ihn oft dabei beobachten, wie er die Regale für Spielzeug-Lokomotiven im Modellgeschäft an der High Street durchstöberte oder wie er sich mit seinem Freund Tom Wheeler auf dem Fahrrad davonmachte, um einen Nachmittag mit dem „Trainspotting“ zu verbringen. Wenige Jahre später interessierte ihn und seine Freunde John Appleby und Tony Pickering das Straßenbahnnetz in Derbyshire. Sie verbrachten Stunden mit dem Sandstrahlen von Karosserien und dem Schaufeln von Schotter für die Strecke.
Der pflichtbewusste Schüler erwies sich auf der Dean Close auch bei den traditionellen Sportarten als hervorragend. Das traf speziell auf das Kricket zu. Vater Lewis fuhr den dunkel lackierten Wolsely oft aus der Einfahrt, damit Brian und Roger Schläge und Werfen mit dem Ziel Garagentor üben konnten. Brian verbrachte einige Zeit bei den Jessops, besonders als er sich für die „Eleven-Plus“ vorbereitete, die übliche und für einige Schüler einschüchternde Prüfung, welche über die Eignung für Cheltenhams altehrwürdige Grammar School entschied. Mit Absolventen wie Handley Page, Gründer der berühmten Luftfahrtgesellschaft, war diese zweifellos ein angeseheneres Bildungsinstitut als Dean Close. Brian, aktiv und intelligent, erschien wie die Verkörperung eines Jungen von der Grammar School, der etwas im Leben erreichen würde. Doch Roger erkannte die ersten auftauchenden Probleme hinter der für Angehörige der Mittelschicht symptomatischen Fassade: „Brian war ein guter Werfer. Wir spielten oft Kricket in der Einfahrt. Doch dann begann er zu husten und zu keuchen. Er litt an Asthma, einer extremen Ausprägung der Krankheit. Es reichte immer noch, um im Schulteam zu spielen, da er sich zwei Runden lang hielt, doch er verfügte nicht über die Ausdauer, um ein komplettes Spiel zu überstehen. Ich glaube, das erfüllte ihn mit Verbitterung.“
Möglicherweise lag die Entscheidung zum Kauf einer Klarinette in Brians Asthma begründet: Ein Blasinstrument zu spielen, war in den Fünfzigern für an der Krankheit leidende britische Kinder eine Standardtherapie. Andere Behandlungsmethoden waren hingegen primitiv – das Anblasen eines Tischtennisballs, damit er sich in verschiedene Richtungen bewegte, oder die Inhalation von Dampf aus einer Pfanne kochenden Wassers erwiesen sich mehr oder weniger als Placebos. Das Klarinettenspiel war der einzige positive Aspekt der damals selten vorkommenden Erkrankung, die sich beängstigend und darüber hinaus isolierend auswirkte.
Mühelos absolvierte Brian die Prüfung und schrieb sich am 8. September in der Cheltenham Grammar School ein, ein einschüchterndes und bedrohliches Gebäude, dessen viktorianische Turmspitzen und Zinnen die Hauptstraße dominierten. Das Institut nahm Schüler aus Cheltenham und den Vororten auf, und es bestand eine strikte Hackordnung: Ältere Schüler waren wichtiger als jüngere und die „Überflieger“ – nachdem man die akademischen Fähigkeiten am Ende des ersten Halbjahres geprüft hatte – erfuhren gegenüber der schwächeren Leistungsgruppe eine Bevorzugung. Den Neuzugängen wurde wiederholt die Tradition der Schule eingepaukt, die bis in elisabethanische Zeiten zurückreichte. Darüber hinaus drückte man die Köpfe der nervösen Ankömmlinge in einem alten Verbindungsritual im zentralen Innenhof unter einen Wasserhahn.
Der elfjährige Brian zählt zu einer kleinen Gruppe von Jungen, die sich von den Schikanen unbeeindruckt zeigten. Er war für sein Alter schon weit entwickelt, einer von nur zwei Jungs, die von der Dean Close kamen und sich leicht in einer solchen Gesellschaft zurechtfanden. Tatsächlich stach er sogar hervor: Er war blond, entspannt, im Hinblick auf seinen Bildungsstand den meisten seiner Altersgruppe weit voraus und sah „wie ein Engel“ aus, wie Philip ‚Pip‘ Price erzählt, ein Freund aus dem siebten Jahrgang, der an einem angrenzenden Tisch saß. „Das war mein erster Eindruck, ganz einfach wegen der blonden Haare und dem lächelnden Gesicht.“ Viele Schüler plagten sich mit den neuen Fächern ab, doch für Brian schien es eine lockere „Wochenendkreuzfahrt“ zu sein. Man hatte schnell den Eindruck, als bereiteten ihm die Unterrichtsstunden Freude. Während Dr. Arthur Bell, der im selben Jahr zur Schule kam, Brian später als einen „grundsätzlich sensiblen und verletzlichen Jungen“ charakterisierte, teilten Pip und die anderen diese Auffassung nicht. „Ich würde ihn nicht als schüchterne Person beschreiben. Zumindest nicht bezüglich seines Verhaltens in der Stadt und bei Leuten, die er kannte.“ Verglichen mit den meisten Kindern aus Cheltenham war er selbstbewusst, zeigte oft auf und half anderen Schülern.
In den Nachkriegsjahren nahmen Grammar Schools Jungen aus einem breiten sozialen Hintergrund auf, womit Brian und die Klassenkameraden für eine neue Mobilität zischen den Schichten standen. Doch bevor sie das System definieren oder es unterminieren konnten, mussten sie sich anpassen. Jungen, die aus Cheltenhamer Arbeiterfamilien stammten, krönten ihre Laufbahn in steter Regelmäßigkeit als Doktoren oder Professoren. Mit Nachdruck wies man darauf hin, wie viele Schüler Stipendien in Oxford und Cambridge erhielten. Die Väter eines großen Teils der Schülerschaft arbeiteten bei Dowty oder dem GCHQ – eine Elite, offensichtlich auf den Erfolg hin programmiert, kluge Jungen, denen die Lehrer wohlgesinnt waren.
In jenen Jahren hinterließ auch L. B. Jones einen starken Eindruck bei seinen Lehrern. „Überaus fähig“, steht auf einem der internen Bewertungsbögen, „mit eindeutigen Anzeichen von Brillanz“. In einer Schule, die eine landesweite und rigorose Auswahl betrieb, stellte so eine Aussage eine signifikante Anerkennung dar. „Er war ein schlauer Kerl“, bestätigt Colin Dellar, der sich ungefähr Anfang 1954 mit Brian anfreundete, „und auch selbstbewusst. Daran besteht kein Zweifel.“ Roger Jessop, dessen Vater an der Grammar nun den Rang eines stellvertretenden Schulleiters bekleidete, rechnete Brian zu einer Gruppe, die „auf eine intellektuelle und rigorose Art lernten. Er stand an oberster Stelle der Einserkandidaten, zu denen sehr, sehr schlaue Menschen gehörten. Ihnen wurde der Zugang bei Oxbridge noch mit einem Sternchen erleichtert. Man konnte Brians Ehrgeiz förmlich sehen.“ Frederick Jessop schätzte den Jungen, der nur eine Tür entfernt wohnte, gerade weil er sich durch den „kämpferischen Ehrgeiz“ auszeichnete, den die Schule förderte. Roger zufolge war sein Vater innerhalb der ersten Jahre an der Grammar mit Brian „sehr zufrieden“.
Doch das sollte nicht von langer Dauer sein.
Viele Jahre danach sprach Lewis Jones bei der BBC über seinen Sohn. Die Erzählung durchzogen verwirrende Aussagen, denn Lewis ahnte kaum etwas davon, was tatsächlich in Brian vorgegangen war. Die beiden, die sich in vielerlei Hinsicht ähnelten, trennte die Kluft zwischen den Generationen, die in ihrem speziellen Fall einem jähen Abgrund gleichkam. Der öffnete sich 1956, und der Grund lag beim Jazz, oder – um genauer zu sein, bei Jazz und Sex.
Der Rundfunkmoderator Alistair Cooke erinnert sich an den Tag, an dem seine Mutter ihn beim Hören einer Platte von Louis Armstrong ertappte: Sie brach in Tränen aus, beschämt darüber, die Klänge zu hören, die ihre Generation als „verkommene und erniedrigende Negermusik“ betrachtete. Für Jungen wie Brian und seine Freunde Graham und John Keen stellte die Musik eine „Offenbarung“ dar. Doch sogar die Keen-Brüder, die verhältnismäßig aufgeklärte Eltern hatten, „mussten darüber schweigen und es damals dabei belassen. Es wurde als ein schlechter Einfluss gesehen“.
Doch Brian schwieg nicht. Jazz und andere Genres schwarzer Musik, die in dem Jahr im Bewusstsein der Teenager in Großbritannien nahezu explodierten, sollten ab dieser Zeit der Fokus seines Lebens sein. Letztendlich wirkte sich auch die Art, wie die Eltern mit dem neuen, gefürchteten Phänomen umgingen, maßgeblich auf die Ausprägung seines Lebenswegs aus.
Viele britische Jugendliche entdeckten 1956 Jazz oder Rock ’n’ Roll. Es war das Jahr Null, symbolisiert von der Veröffentlichung des James-Dean-Films … denn sie wissen nicht, was sie tun, der die Ikonografie der jugendlichen Rebellion definierte. Brians zukünftigen Bandkollegen nach spürte man die geradezu seismischen Erschütterungen auch in Dartford, Kent. „Es war der Anfang einer Teenager-Kultur, und von dem Zeitpunkt an teilte sich unsere Klasse in musikalische Fraktionen auf“, erzählt Dick Taylor, ein zukünftiger Stone. Dicks Klassenkamerad, der Musterschüler Mick Jagger, war schon längst ein „Yankophiler“, allgemein für seine Besessenheit vom Baseball bekannt. Er ließ sich von der neuen Musik vereinnahmen wie auch der Freund Bob Beckwith. Jedoch zeigten sich Dicks und Micks Eltern hinsichtlich der Obsession nachsichtig und waren erfreut, dass ihre Söhne plötzlich mit einer Gitarre im Wohnzimmer auftauchten und Krach machten. Das traf auch auf einen gewissen Keith Richards zu, dem Dick drei Jahre später auf der Sidcup-Kunsthochschule begegnete. Doch in der Beziehung zwischen Brian und seinen Eltern öffnete der Beginn „degenerierter“ Musik einen Spalt, der sich drei Jahre darauf zu einer unüberbrückbaren Kluft vergrößert hatte. Viele Zeitzeugen haben Berichte über Brians unterkühlte und lieblose Erziehung als Kind gehört. Für die Jahre, in denen er die Pubertät erreichte, liegen direkte Quellen vor. Falls seine Eltern eine gewisse Zuneigung oder gar Liebe zeigten, dann lag die Bedingung dafür im absoluten Befolgen ihrer Regeln. „Das mit psychologischer Genauigkeit festzumachen ist schwierig“, kommentiert John Keen, „doch meine Mutter kannte seine recht gut – und ich bin der festen Überzeugung, dass ihn seine Eltern nicht mit der Liebe behandelten, die den meisten anderen Kindern zukommt.“
Die Cheltenham Grammar verfolgte die Entwicklung der Schüler Jahr für Jahr. Ihre Beurteilung über die Entfremdung des brillanten, selbstsicheren Kindes, das im Kirchenchor sang, ein Kaninchen hielt, ein strebsamer Pfadfinder und Mitglied des Gloucester Youth Club (Railway Section) war, wirkt erschütternd. Schon im Sommer 1955 bemerkte Brians Klassenlehrer Jim Dodge eine Verhaltensänderung seines Schülers. Ihm fiel auf, dass Brian „unter einem dominierenden Vater leidet und sich zur Kompensation angeberisch verhält“. Mr. Dodge war laut den Erinnerungen ehemaliger Schüler ein scharfsinniger und weltoffener Mann. Er hatte mit seiner Aussage ein Schlüsselelement der Psyche des jungen Brian deutlich angesprochen. „In der Familie herrschten ständig Spannungen“, erläutert Roger Jessop. „Ich hätte es gehasst, wenn Lewis mein Vater gewesen wäre. Was auch immer [Brian] machte – es war nicht richtig für ihn.“ Verglichen mit den meist neutral ausfallenden Einschätzungen einiger Berichte ist Dodges Dokumentation von Brians Psyche von großem Wert. Jährlich folgten neue Einschätzungen, dass Brian ein schlauer Schüler sei, aber eine „einfühlsame und vorsichtige Behandlung“ benötigt. Doch seine Lehrer lernten niemals, wie man mit diesem Jungen hätte umgehen sollen.
Neben der Musik und der Hormonflut eines Teenagers gab es noch einen zusätzlich erschwerenden Faktor: Brians Asthma. Die Krankheit sollte der letzte Nagel zu dem Sarg sein, in dem seine Zukunft als ausgezeichneter Absolvent der Grammar School zu Grabe getragen wurde. In dem ersten und eventuell zweiten Jahr konnte er sich noch beim Sport behaupten. Dann stieg er einfach aus der Sportlerclique aus, wie Roger Jessop zu berichten weiß, der morgens meist mit Brian zur Schule fuhr. „Oft war er nicht fit genug für reguläre Spiele. Ich glaube, er hasste sich dafür und entwickelte einen Komplex. Er hatte nicht die Kraft, um die ihm von der Natur auferlegten Beschränkungen zu überwinden.“ Sogar Brians Lehrer bemerkten die Gesundheitsprobleme: Im Sommer 1956 gab es 15 krankheitsbedingte Fehltage und darüber hinaus Kommentare, dass er schlecht schlief.
Auf der Cheltenham Grammar School spielten Jungen, die es zu etwas brachten, entweder Kricket oder Rugby – nur sie waren einer Erwähnung in der jährlichen Schulzeitung würdig. Brians gesundheitliche Probleme machten ihn zu einem Außenseiter. Roger Jessop gehört zu den zahlreichen Schülern, die einen engen Kontakt untereinander pflegten und später in angesehenen Berufen ihre Spuren hinterließen. Nach den ersten Jahren der gemeinsamen morgendlichen Fahrten zur Schule schlugen er und Brian unterschiedliche Wege ein. „In den ersten Jahren war er beliebt. Das hing mit seinen schulischen Leistungen zusammen und dem Vermögen, bei den Hausaufgaben zu helfen. Jedoch verlor er bei den meisten sehr schnell seinen Status. Als er abging, war er meiner Meinung nach nicht sonderlich angesehen.“
Hätten Brians Eltern jemals das Rauschen im Blätterwald der britischen Zeitschriften wahrgenommen, die ab Mitte der Fünfziger gegen den korrumpierenden Einfluss des Rock ’n’ Roll oder des „Beatnik Horror“ wetterten (letzteres schrieb die Sunday Times), wäre ihnen ihr Leben wie eine exemplarische Fallstudie vorgekommen. Ihre mangelnde Flexibilität besiegelte möglicherweise den Niedergang der Familie. Louisa vertraute sich gelegentlich der Chorfreundin Marian Keen an und beklagte sich darüber, dass Brian außer Kontrolle geraten sei. Diese wiederum – nachdem man ihr verraten hatte, dass ihre Söhne von Louis Armstrong geradezu besessen waren – hielt ihr Fähnchen in den Wind und erlaubte ihnen das Jazz-Hören. „Meine Eltern konnten sich anpassen“, berichtet John Keen. „Ich hatte das Gefühl, dass Brians Eltern hingegen starrsinnig reagierten und schnell alles ablehnten, was außerhalb des ihnen Angenehmen lag.“ Als Resultat verwandelte sich Brian Jones innerhalb von zwölf Monaten in ein „wildes Kind“, wie man das mit der Cheltenham-Begrifflichkeit kategorisierte. Wenn seine Schulkameraden von dieser Phase erzählen, gebrauchen sie schnell ähnliche Wörter und Beschreibungen, von denen einige häufig in seinem Leben wiederkehrten, wie zum Beispiel „einen Komplex haben“ oder „rebellisch“. Von dem Zeitpunkt an wird er fast ausschließlich als Musiker dargestellt, den man ständig mit einer Klarinette oder einer Gitarre sah. Ein Interviewpartner benutzte einen Terminus, der erst später auftauchte: „The Devil.“
Als Brian von der Musik wie von einem Blitzschlag getroffen wurde, schien alles zusammenzukommen. Höchstwahrscheinlich war Bill Haley, dessen „Rock Around The Clock“ sich im November 1955 bis an die Spitze der UK-Charts vorarbeitete, der erste Vorbote eines neuen Lebensstils. Unverzüglich versuchte sich Brian der Wurzeln der von ihm geliebten Musik bewusst zu werden. Er beschäftigte sich mit den eher rauen Country-Platten, die den Rock ’n’ Roll beeinflussten, darunter Johnny Cash und – wie wir sehen werden – Tennessee Ernie Ford. Gemeinsam mit dem jüngeren Musikfan Phil Crowther kam er 1956 zum Skiffle, dem Jahr, in dem sich Lonnie Donegan über eine Reihe von Hits freuen durfte. Donegan inspirierte Tausende britischer Kids – darunter natürlich John Lennon und Paul McCartney – dazu, sich in dem „Do-It-Yourself“-Genre zu versuchen. Über den Umweg Donegan erfuhr Brian Jones von einem gewissen Leadbelly, dessen Musik in den verschiedenen Kaffeehäusern Cheltenhams lief. Vermutlich liegt hier die Inspiration zur Anschaffung einer Gitarre ungefähr im Winter 1956. In den Cafés hing Brian mit neuen Bekannten ab. Er lernte von ihnen mehr über den traditionellen und den modernen Jazz von Count Basie und Duke Ellington, über Charlie Parker und, circa in den späten Fünfzigern, Cannonball Adderley. Er „verschlang“ die Musik förmlich wie ein Besessener – als wäre sie ein Kodex für eine neue Existenzebene. Und das war sie natürlich auch.
Musik bedeutete einen Weg des Eskapismus und zugleich eine Form der Therapie, denn ein weiteres Adjektiv beschreibt Brian zu dem Zeitpunkt: einsam. Pat, seine Freundin aus dem Jahr 1960, erinnert sich an die Einsamkeit. Das Gefühl der Isolation, die Klaustrophobie, die den jungen Brian zu Hause überkam, stellte sich als Initialzündung heraus, die ihn zum Ausbruch aus den beengten Verhältnissen bewog. Mick Jagger, Dick Taylor und all die anderen spielten ihre Musik in den Wohnzimmern. Brian hingegen schnallte sich die Gitarre auf den Rücken und setzte sich aufs Fahrrad. Die Kluft zwischen Lewis Jones und seinem Sohn bedingte in den folgenden Jahren, dass Brian sich eine Spielpraxis aneignete, die weit über der der Stones lag – und möglicherweise auch der anderen aufstrebenden Bluesgitarristen Großbritanniens.
Cheltenham, das öde, ach so gesetzte und konservative Cheltenham, mauserte sich nun zu einer Spielwiese des musikalischen Experimentierens. Sogar eine kleine Jazz-Clique fand sich zusammen im beliebten Haus an der Priory Street 38, wo die nachsichtige Mutter Mrs. N. E. Filby ihren Töchtern Jane und Ann die Eröffnung eines Club-Cafés im Keller gestattet hatte. „Es begann mit vier Jungs aus der Grammar School, einer Band mit John Picton als Leader“, plaudert Jane. „Eigentlich waren es alles Freunde meiner Schwester, die aber zuerst oben ihre Hausaufgaben machten. Dann kamen Freunde der Freunde hinzu, doch es war niemals öffentlich.“ Innerhalb von ungefähr einem Jahr schauten Musiker vorbei, wenn sie während einer Tour in der Stadthalle auftraten, darunter Lonnie Donegan und der Bandleader und Posaunist Chris Barber. Ende 1956 stellte der winzige Club praktisch das zweite Zuhause für Bill Nile dar, dessen Delta Jazzmen zu den heißesten Attraktionen der Stadt gehörten. Schon im Alter von 15 Jahren zählte Brian zu den Stammgästen. „Ich sah ihn Anfang 1957 im Filbys“, erzählt Graham Keen, der damals mit Ann Filby ausging. „Er hatte eine Gitarre mitgebracht. Allerdings kann ich mich nicht an sein Spiel erinnern. Ich weiß noch genau, welchen Bammel er hatte, rechtzeitig zu Hause zu sein, denn seine Mum und sein Dad bestanden darauf, dass er um 22 Uhr da war.“
Brians Interesse, der beste Schüler der Klasse zu sein, mag sich 1957 vollkommen in Luft aufgelöst haben – laut den Lehrern zeichnete er sich nur noch durch eine „faule Grundhaltung“ aus –, jedoch richtete er die ausgeprägte Eigenschaft des Fokussierens auf die Musik. Zu Hause verbrachte er Stunden mit dem Hören von Platten auf dem Familien-Grammofon. Brian lernte die Riffs, Akkorde und Sounds mit einer leidenschaftlichen Hingabe, die ihn schon bald von anderen abheben sollte. In der Grammar hatte sich eine kleine Gruppe von Jungen getroffen, die unter der Aufsicht des Lehrers Bill Neve in der Mittagspause Sessions arrangierte. Neve ließ störrisches Verhalten auf keinen Fall durchgehen – wenn Brian Widerworte gab, verpasste er ihm eins hinter die Ohren –, doch in musikalischer Hinsicht zeigte er sich offen und flexibel. Er erlaubte den Jungs die Gründung einer Jazzband, geleitet von dem Klarinettisten Colin Partridge. Der Bandleader kam gut mit Brian klar, der mit einer Gitarre bei den Sessions auftauchte. Für ihn war es offensichtlich, dass er intensiv geübt hatte. „Er spielte schon eine längere Zeit und hatte die richtige Musik gehört, obwohl mich das Gefühl beschlich, dass seine Vision sich nicht nur auf Jazz beschränkte.“ Zumindest nicht auf Partridges Vorstellung vom Jazz, der einen puristischen New-Orleans-Revival-Stil anstrebte, ähnlich wie ein Bunk Johnson. „Es wirkte alles verbohrt, war überhaupt nicht Brians Stil“, erklärte der Sänger der Band Dave Jones, der mit seinem Namensvetter noch in der Zukunft spielen sollte. Partridge meint zusammenfassend: „Meinem Eindruck nach war er ein Einzelgänger.“
Das stimmte auch, zumindest nach der Begrifflichkeit der Kids des Establishments. Während Brian durch die Musik neue Beziehungen aufbaute, verschwanden die alten Freunde – oder er vergraulte sie, darauf bedacht, die zu schockieren, die er als Langeweiler oder als zukünftige Aktenschieber betrachtete. Colin Dellar zählt zu den Freunden, die sich in Feinde verwandelten. Er saß anfänglich in der Strebergruppe neben ihm. „Wir waren zwei Jahre lang Freunde. Und dann hatte sich das mit der Freundschaft erledigt. Zum Ende hin glich das alles zwei Gangs – der Jones-Gang und der Dellar-Gang. Ich sagte meist, dass die Dellar-Gang für das Gute stand, während die Jones-Gang das Böse symbolisierte.“ Dellar zufolge begann der Bruch, als er den Jones’ einen Besuch in ihrer Doppelhaushälfte abstattete. Drinnen wirkte alles blitzblank und gepflegt, doch Brian schien Spaß daran zu haben, seiner Mutter eine möglichst große Unordnung zu hinterlassen. „Er sagte: ‚Damit hat sie erst mal was zu tun!‘“ Freunde von Brian interpretierten das als typisches Schuljungen-Gebaren, das darauf abzielte, zu schockieren. Falls es so war, funktionierte es. Doch gerade Dellar dachte, dass Brian etwas „Teuflisches“ anhaftete.
Die Fehde der beiden verwandelte sich nicht in einen gewalttätigen Konflikt, doch es gab ständige Verbalattacken. Einmal zog Dellar einen besonders befriedigenden Coup ab. Schülergruppen mussten sich gegenseitig die Geschichtstexte bewerten, und seiner Gruppe gelang es, sich Brians Essay unter den Nagel zu reißen. „Da er ein äußerst intelligenter Junge war, fiel seine Arbeit dementsprechend aus. Doch wir überzeugten den Geschichtslehrer, ihm eine schlechte Note zu geben. Das war der reine Spaß.“




