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Brians Gegenangriff war so verschlagen wie effektiv. Während ihres vierten Jahres an der Schule wandelte der stellvertretende Schulleiter Frederick Jessop würdevollen Schrittes den Flur entlang, als er plötzlich eine Reihe Obszönitäten hinter seinem Rücken hörte. Unverzüglich rannte er die Treppe hinauf, um des Missetäters habhaft zu werden, doch wer auch immer es gewesen sein mochte, war verschwunden. Mr. Jessop war sich sicher, Dellars Stimme erkannt zu haben, woraufhin er den Schüler zur Rede stellte. „Er zeigte sich mir gegenüber hochgradig verärgert, aber ich hatte gar nicht gerufen – sondern Brian Jones.“ Doch der stellvertretende Direktor glaubte ihm nicht. Nach dem Vorfall in der Oberstufe der Grammar School musste sich Dellar ein ganzes Jahr darüber ärgern, nicht mehr Vertrauensschüler zu sein. Später erfuhr er, dass der Direktor Dr. Bell „all die Geschichten über mich vom stellvertretenden Schulleiter erfahren hatte. Der behauptete, dass ich all diese Dinge gesagt hätte. Das war aber Brian Jones gewesen, der sich damit revanchierte. Letztendlich erkannten sie, dass Brian meine Stimme imitiert hatte, und so wurde ich doch noch Vertrauensschüler – ein Jahr später als alle meine Freunde. Brian hat mir das angetan!“
Dellar stellte eine Ausnahme hinsichtlich seiner Antipathie gegenüber Jones dar, doch viele der anderen Jungs bemerkten beim zukünftigen Stone einen völligen Respektverlust, ja, sogar einen Hass gegenüber Autoritäten. „Er verhöhnte das Establishment“, bestätigt sein Klassenkamerad Ian Standing. „Ihn umgab ständig eine Aura der schlummernden Aggression oder Sturheit. Es mag zwar alles eine Art Fassade gewesen sein, war jedoch eindeutig spürbar. Keine Frage, er widersetzte sich Autoritäten.“ Ein oder zwei Jungs provozierten die Lehrer, doch wie Mitschüler Robin Pike hervorhob, „konnte man zwar ungebührliches Verhalten feststellen, doch keine direkten Beleidigungen der Lehrer. Es waren noch die Fünfziger, einhergehend mit körperlicher Züchtigung, womit sich eine gewisse Angst erklären lässt.“
Brian Jones zog eine Prügelstrafe förmlich auf sich, deutlich sichtbar im Februar 1957, als Bill Haley, der dickliche Rock ’n’ Roller mit der Entenschwanzfrisur, seine zusätzlichen Termine für eine Großbritannien-Tournee bekannt gab, darunter auch ein Konzert in Cheltenham. Haley war damals zur Ikone der Jugendrebellion erkoren worden – vermutlich, weil es zu dem Zeitpunkt keinen Besseren gab. Am 22. Februar standen die Teenager in einer langen Schlange vor dem Ticket-Kontor, um Eintrittskarten zu ergattern, was einen empörten Aufschrei in der Stadt provozierte. Die Stadtverwaltung ergriff eine paranoide Angst vor unruhestiftenden Jugendlichen, insbesondere Teddy Boys, die schon für einige wütende Schlagzeilen in der Lokalzeitung gesorgt hatten und die Veranstaltungshalle nicht betreten durften. Die Polizei ließ die Menge nicht aus den Augen, und das Gloucester Echo druckte ein Foto der sich außerhalb des Gaumonts drängelnden Rock ’n’ Roll-Fans. Schon bald machten Gespräche über einen Jungen von der Grammar School die Runde, der im Hintergrund stand. „Er trug eine Schuluniform, und es war Brian Jones“, erzählt Robin Pike. „Es ist schwierig, die Tragweite des Ereignisses zu erklären. Man hatte mir strengstens verboten, dorthin zu gehen, da der Verkauf während der Schulzeiten stattfand. Es war wirklich schockierend, ein Schlüsselerlebnis.“
Brian bekam seine Karte und besuchte das Konzert allein. Die Show wurde aber zu einer Enttäuschung – keine Krawalle und merkwürdig formelhafte Ansagen eines Bill Haley, dessen Band zu allem Überfluss auch noch mit einem Akkordeonisten auftrat.
Brian hatte sich schon zu einem autarken Menschen entfaltet, obwohl er gerade erst 15 Jahre alt geworden war. Er verhielt sich zuvorkommend und freundlich, stieg sogar vom Fahrrad ab, um sich mit Robin Pike zu unterhalten, als die beiden kurz vor Weihnachten Prospekte austrugen. Doch auf Pike wirkte es seltsam. „Er gab sich außerordentlich freundlich – und das war an sich schon merkwürdig.“ Bei Freundschaften, die auf gemeinsamen Interessen beruhten, gab sich Brian richtig Mühe. Er besuchte zum Beispiel Phil Crowther, um mit ihm an Songs zu arbeiten. Hinsichtlich anderer Lebensbereiche hatte Brian sich jedoch merklich von der Masse abgenabelt.
Einigen fiel auf, wie sehr er sich in dieser Zeit veränderte. Carole Woodcroft und June Biggar, die auf ihrem Weg zur Pate’s Grammar, der Grammar School der Mädchen im Westen der Stadt, teilweise die gleiche Strecke zu radeln hatten wie er, bemerkten, wie Brian an der Albert Road anhielt und sich mit einer ihrer Mitschülerinnen traf, einem Mädchen mit ziemlich langem, zu einem Pferdeschwanz geflochtenem Haar. Hope (nicht der richtige Name) und Brian „fielen beinahe übereinander her“, berichtet June, „was ungewöhnlich wirkte. Man traf einen Jungen von der Grammar vielleicht im Gaumont, denn dort war es dunkel. Die Leute redeten schnell, und man wollte auf keinen Fall, dass die Eltern etwas davon erfuhren.“
Brian, der verschroben wirkende Außenseiter, das „Küken“, war zu einem muskulösen Jugendlichen mit glatter und reiner Haut geworden. Er zählte zwar nicht zu den großen Jungs, hatte aber einen eigenen, vereinnahmenden und spitzbübischen Charme und somit kannten ihn die meisten Mädchen der Pate’s. Caroles Erinnerungen nach hielt die schwärmerische Beziehung mit Hope einige Wochen oder Monate. Sie mochte Hope, ein intelligentes und schönes Mädchen, das allmorgendlich die Schulglocke läutete. „Und dann zog Brian weiter, vermutlich zu einem anderen jungen Ding.“
Trotz all seiner Aufsässigkeit und der Lehrerkommentare über die sich vermindernden schulischen Leistungen waren Brians Resultate in den O-Levels in dem Sommer respektabel: Er erreichte sieben, darunter Englisch, Mathematik, Französisch, Deutsch und zwei Naturwissenschaften – genügend, um den Sprung in die Oberstufe zu schaffen, wo er für die A-Levels General Studies belegte sowie Biologie, Physik und Chemie. Es waren berüchtigt schwierige Fächer, zugleich jedoch am besten geeignet, um ihm zu einer Karriere als Tierarzt oder Apotheker zu verhelfen – zwei seriöse Berufe, die Lewis, zumindest der Vermutung der Nachbarn nach, für den Sohn ausgewählt hatte. Als Brian im September 1957 in die Oberstufe eintrat, bewerteten die Lehrer seine Lernhaltung als „gut“, obwohl einige Anzeichen die unverkennbare Präsenz des Vaters erkennen ließen. Dieser berichtete gegenüber den Lehrern von der „schwierigen inneren Einstellung“, die er zu Hause bei seinem Sohn erlebte.
In dieser negativen Grundstimmung, dem erdrückenden Gefühl, ständig unter Aufsicht zu stehen, öffnete sich in Brians Leben kontinuierlich ein Weg des Entrinnens. In dem Sommer tauchte er regelmäßig als Gitarrist für Bill Nile’s Delta Jazzmen auf und spielte mit ihnen bei einer Reihe von Konzerten, die in ihrem „Hauptquartier“ stattfanden, dem Hinterzimmer eines pompösen viktorianischen Hallenbads in Alstone. „Er war ein guter Gitarrist, vermutlich besser als viele Musiker der Londoner Szene“, kommentiert Dave Jones, der Sänger der Band. „Er trat zwar nicht regelmäßig auf, doch recht häufig, vielleicht ein Dutzend Mal.“ Dann spalteten sich die beiden ab, um gemeinsam mit dem Drummer (und Vogelliebhaber!) Steve Keegan Brians erste Band zu gründen, die Barn Owls. Der zukünftige Stone hatte schon längst die Grenzen des konventionellen und traditionellen Jazz-Repertoires überschritten und sich mit der Arbeit der beiden Gitarristen James und Lonnie Johnson auseinandergesetzt. Kurz darauf entdeckte er John Lee Hooker, den wohl am sparsamsten spielenden und elementarsten Musiker des elektrischen Blues. Das Programm der kleinen Band war eklektisch – „Ain’t Misbehavin’“, „CC Rider“, „Careless Love“ und einige Nummern von Lonnie Donegan, die sie in den örtlichen Pubs, wie dem Montpellier Arms, dem Duke of Sussex und dem Reservoir Inn, „schrubbten“. Zwischen Dave und Brian entwickelte sich eine enge Freundschaft. Sie besuchten sich gegenseitig oder probten in einer Garage nahe der Hatherley Road. Dave mochte Brian: „In musikalischer Hinsicht konnte man leicht mit ihm arbeiten. Er kam immer zu den Gigs und Proben, was schon die halbe Miete ist. Er war ein Malocher.“
Dave wusste, dass Brian mit anderen Musikern außerhalb des Trios spielte, ständig experimentierte und dazulernte. Im Frühjahr 1958 schloss er sich den beiden befreundeten Jazzern Mac White und Martin Fry an, um im Wheatsheaf Inn an der Old Bath Road einen kleinen Club zu eröffnen. Macs Gruppe trat meistens Mittwoch auf, während Brian die Karten an der Tür kontrollierte.
Der spätere Stone befand sich auf der kontinuierlichen Suche nach neuen Songs, und zwar nach dem Zufallsprinzip, das für Kids im Vor-Internetzeitalter üblich war: Er fragte Freunde nach Empfehlungen, hockte sich in die damaligen Hörkabinen im Elektrofachgeschäft Curry’s und verschlang die Seiten der Jazz News. Er schlug dem alten Schulfreund Tim (nicht sein richtiger Name) die Gründung eines Schallplatten-Clubs vor. Die Idee dahinter: Brian stellte den Plattenspieler bereit und Tim sorgte für die Scheiben. Ungefähr zu Beginn 1958 setzten sie den Plan in die Realität um. Die beiden hockten sich in den Bus nach Gloucester, stöberten in den Regalen des Bon Marché, eines großen Kaufhauses, und kehrten mit einem Exemplar von 16 Tons von Tennessee Ernie Ford zurück. Bei Brian zu Hause waren weder die Eltern noch die Schwester zu sehen. Die beiden setzten sich in das picobello gepflegte Wohnzimmer, legten die 78er auf den kleinen Plattenspieler und lauschten der Musik – wieder und wieder. „Das ist schonungslos, das richtige Leben“, bestätigten sie sich gegenseitig. „Der Typ weiß, wovon er singt.“ Die Musik passte zu Brians facettenreichem Geschmack. Er absorbierte neue Musik förmlich, egal, was es war, genoss die tiefen und traurigen Töne eines Ernie Ford oder Johnny Cash, mochte aber auch die funkensprühende Energie eines Little Richard.
Nun, als 16-Jähriger, erregte er Interesse in der Stadt. Möglicherweise lag der Grund für seinen oftmals von anderen bemerkten Narzissmus in der kürzlich stattgefundenen Transformation von einem hässlichen Küken zu einem jungen Mann. Mit dem kurz geschnittenen blonden Haar, den hohen Wangenknochen und den fein ausgeprägten Gesichtszügen war er sich seiner körperlichen Anziehungskraft bewusst. So manches Mädchen von der Pate’s warf ein Auge auf ihn. „Er war äußerst attraktiv“, meint June Biggar, „mit seiner wunderschönen, elfenbeinähnlichen Haut und den blauen Augen.“ Penny Farmer, eine ehemalige Schülerin, weist auf einen weiteren Punkt hin, der seine Attraktivität eventuell erklärt, denn man kannte ihn als „den Wilden“. Er zählte zu den Menschen, die eine Straße entlangschlendern, schlechte Laune haben und einfach an Bekannten vorbeigehen, ohne sie zu grüßen. „Er blieb verschlossen“, erinnerte sich ein ehemaliger Schüler, der sich hautsächlich – wie auch seine Altersgenossen – für Sport, schulische Belange und „ganz normale“ Freizeitaktivitäten interessierte.
Tim, auch 16, ließ sich als ein recht schüchterner Junge beschreiben. Die Freundschaft mit Brian und, nicht zu vergessen, der Schallplatten-Club hielten nicht lange. Als er die Beziehung beschrieb, machte Tim – ein angenehmer, freundlicher Mann, der immer noch in Cheltenham wohnt – eine lange Pause, bevor er die Bemerkung folgen ließ: „Es gab etwas an seiner Persönlichkeit, das mir Unbehagen bereitete.“ Dem Unbehagen lag ein Vorfall an einem Nachmittag in Brians Haus zugrunde, wie Tim schließlich aufklärte: „Wir verbrachten den Nachmittag zusammen … und er schlug vor, gemeinsam zu masturbieren. Das war für mich wie ein Schlag vor den Kopf. Ich habe das niemandem erzählt, noch nicht mal meiner Frau.“
Na ja, in dem Großbritannien der Fünfziger gehörte ein wenig gemeinsames Masturbieren nicht zu den sonderlich anormalen Praktiken. Viele wissen, dass auch ein John Lennon sich an seinen jugendlichen „Wichs-Zirkel“ erinnerte, während dieser „Zeitvertreib“ in einigen Privatschulen zur Tagesordnung der Kids gehörte. Nichtsdestotrotz „war es frühreif“, wie Brians Freund John Keen meint. „Solche Dinge passierten in den öffentlichen Schulen, doch hier wäre es indiskutabel gewesen.“ Und so reagierte auch Tim: „Von einer sexuellen Perspektive aus betrachtet, haftete etwas Dunkles an ihm. Ich beschreibe es mit dunkel. Ich glaube, dass wir deshalb die Freundschaft nicht weiterführten.“
Anfang 1958 wirkten sich Brians sexuelle Entdeckungsreisen nachhaltig aus. Die Nachricht machte die Runde, dass die 16-jährige Hope von der Pate’s verschwunden war und Brians erstes Kind zur Welt gebracht hatte. Die Angelegenheit wurde unter den Teppich gekehrt, und nur Hopes ummittelbare Freundinnen in der Klasse wussten etwas davon. Man gab das Baby daraufhin zur Adoption frei. (Das gehörte zu den normalen Verfahrensweisen an einer Mädchenschule: Hopes Klassenkameradinnen erinnern sich an mindestens zwei geheime Geburten in dem Jahr.) Spekulationen zufolge führte Hope später ein erfülltes Leben und wanderte aus. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass das Kind jemals von der Identität seines Vaters erfuhr, da man damals Themen wie Schwangerschaft und Geburt schnell in die Grauzone von Gerüchten und Spekulationen verbannte.
Von dem Moment an straften die von dem Vorfall wissenden Mädchen Brian mit Verachtung, wie zum Beispiel Carole Woodcroft, die später die Kunsthochschule besuchte. 1959 fuhr sie zufällig einige Male mit Brian im Zug zu den Clubs des West Ends. „Er erweckte den Eindruck eines Gauners, aber nicht auf eine glamouröse Art, nicht wie einer dieser flirtenden und lächelnden Typen.“ John Keen, im Berufsleben Psychologe, mochte und respektierte Brian, stimmte jedoch dem Kritikpunkt der Gefühlskälte zu. „Es ist schwierig, das psychologisch zu bestimmen, doch Brian hatte einen Charakterzug, den man mit mangelndem Gewissen gleichsetzen kann. Er litt weder, noch reagierte er – so als wäre nichts geschehen.“
In der Rebellion gegen die Werte der Eltern und die gesellschaftlichen Konventionen erteilte er sich die Lizenz zum Egoismus. Barry Miles, Student am Kunst-College, der Brian in den folgenden Jahren häufig traf und auch „Probleme“ mit Cheltenham hatte, erinnert sich an Brian als „einen im Umgang schwierigen Menschen. Doch das lag daran, dass er nicht dorthin gehörte – er gehörte nach London.“
Da man die Affäre mit Hope sorgsam verheimlichte – die Jungs an der Grammar School erfuhren nichts davon – war Brian dort immer noch bei einigen beliebt, wenn auch einige Eltern in der Stadt sich so ihre Gedanken machten. Seine Fähigkeiten und der zunehmend gute Ruf als Musiker verliehen ihm ein glamouröses Element – sagt Penny Farmer, die mit ihm 1959 das Filbys besuchte. „Er hatte etwas Verruchtes an sich und das machte ihn so interessant.“ Das Date der beiden entwickelte sich zu einem lustigen und lebensfrohen Abend. Nach dem Besuch des Filbys gingen sie den langen, sich schlängelnden Weg zum All Saints entlang, einem anderen Jazz-Club an der Hauptstraße. Er war sexy – „ein provokantes Gesicht, ein schillerndes Gesicht, er hatte einfach Charisma“ –, doch meist wurde über Musik gesprochen. Ein Bekannter von Brian spielte in der Band, die sie an dem Abend sehen sollten, und Brian witzelte mit ihm und imitierte ihn auf eine gutwillige und lustige Art. Er sorgte für den Gesprächsfluss und redete enthusiastisch von Freunden in der Szene, sie dabei nachäffend.
Wie sich herausstellte, war die Band eher zu vernachlässigen, doch viele Gäste im Filbys und All Saints sahen die beiden, woraufhin die Information schnell zu Pennys Mum gelangte. So lief es in Cheltenham nun mal. „Mum ging an die Decke. Sie musste wohl etwas von dem Geschwätz meines Bruders David über Brian gehört haben und schärfte mir ein: ‚Halt dich von dem fern!‘ Doch er gehörte eh zu den Kids, mit denen man nicht lange zusammen sein wollte, denn sonst hätte man sich die Finger verbrannt.“
In der beengten Szene Cheltenhams kannten viele junge Mädchen Brian. Er besuchte regelmäßig die Tanzveranstaltungen der Oberstufe im Gaumont Cinema, wo er zuvor Bill Haley gesehen hatte. (Miss Lambrick, die Schulleiterin der Pate’s, hatte die gemeinsamen Tanzveranstaltungen kurzfristig verboten, um die beschämend hohe Schwangerschaftsrate einzudämmen, doch lenkte wenige Monate später ein.) Robin Pike erinnert sich an Brian, der mal mit diesem, mal mit jenem Mädchen draußen verschwand, wobei sich auch einige französische Austauschschülerinnen um 1959 seinen Annäherungsversuchen nicht erwehren konnten. Die meisten seiner Klassenkameraden entsinnen sich aber an eher romantische Abende, an denen er mit einem Mädchen tanzte, das er dort getroffenen hatte, oder an den gemeinsam mit der Pate’s ausgerichteten gymnasialen Oberstufenclub am Freitagnachmittag.
Valerie Corbett lebte ganz in der Nähe, in Hatherley, und besuchte die Pate’s Grammar. Sie und Brian wurden zu einem Begriff in der Szene, unterhielten sich im Filbys oder in der Einfahrt zur Mädchenschule, wo der junge Musiker auf sein Fahrrad abgestützt wartete. „Ich erinnere mich an die beiden speziell vom Tanzunterricht“, erzählt Brians Mitschüler Roger Limb. „Wir übten Walzer, Quickstepp und Cha-Cha-Cha. Val und Brian erschienen häufig dort, wobei Val ihn die ganze Zeit anhimmelte. Sie hatte für niemand anderen einen Blick übrig.“
Anna Livia ging in Vals Klasse. Wie die meisten Schülerinnen fand sie Val „unglaublich süß und liebenswürdig. Wenn sie sich freute, sah man ein sehr süßes Lächeln in ihrem Gesicht“. Valerie, vier Monate jünger als Brian, war ein ruhiges Mädchen mit einem hübschen Gesicht und hohen Wangenknochen, mittellangem Haar und schön geformten Brüsten. Sie und Brian, der einen eng geschnittenen Anzug trug und eine Kurzhaarfrisur im Stil von Gerry Mulligan, gaben ein attraktives Paar ab. Im Frühjahr 1959, Brians letztem Jahr an der Schule, sah man sie überall – im Filbys und ähnlich trendigen Kultläden, wie der Waikiki Weinbar oder dem Restaurant Patio. Colin Partridge gehörte zu den vielen Beobachtern, die den Eindruck hatten, dass das Paar „überglücklich aussah. Obwohl ich mir sicher bin, dass es auch bei ihnen gelegentliche Streitereien gab, schienen sie lebensfroh zu sein.“
In der Grammar School sah das Leben allerdings nicht so rosig aus. In Brians letztem Jahr häuften sich viele unangenehme Zwischenfälle. Benzol wurde im Chemielabor entzündet und Mörtelmischtische flogen über den Schulhof, worauf man ihn energisch zur Rede stellte oder zumindest befragte. Seine Fehltage häuften sich und im Frühjahr veranlasste die „unzuverlässige Entwicklung und Lernhaltung“ den Klassenlehrer, Brians Vater einen Brief zu schreiben. Andere Lehrer versuchten Brian direkt anzusprechen. Der Biologielehrer Ron Bennett hegte große Hoffnungen für den jungen Schüler und nahm ihn sich zu einem Mann-zu-Mann-Gespräch zur Seite. „Bislang hast du ein angenehmes Leben geführt, Brian“, hielt er ihm vor. „Du kennst die Welt noch nicht und weißt nicht, wie schwierig es ist, für seinen Lebensunterhalt aufzukommen!“
„Ich schätze es sehr, dass Sie mir das sagen“, entgegnete der 17-Jährige mit gespielter Ernsthaftigkeit. „Ich werde mich wirklich bemühen.“
Stattdessen verschlechterte sich sein Verhalten bis hin zu einer offenen Konfrontation.
Will man über die Gründe für die Rebellion eines Brians Jones spekulieren, nimmt die Vorliebe der Grammar School für konformistische Typen der „Gattung“ Rugby-Spieler gewiss einen vorderen Platz ein. David Protherough, Präfekt und Captain der Rugby XV, war das wohl eindrücklichste Beispiel für diese Bevorzugung, ein von den Lehrern geschätzter klassischer Sportfanatiker mit Empfehlung für Cambridge, trotz der Tatsache, dass er im Gegensatz zu Brian nicht mal zu den Besten gehörte. Unter den Rugby-Fans überaus beliebt und von anderen eher „als eine Art Rüpel“ angesehen, wurde Protherough von Brian zutiefst verabscheut. Diese „Ein-Mann-Verkörperung“ des Establishments zog auch die Verachtung anderer auf sich, darunter einige von Brians Klassenkameraden. Zudem war seine Freundin Glitch immun gegen Brians Annäherungsversuche.
Die Fehde – von den Lehrern später als „die Protherough-Affäre“ tituliert, erreichte ihren Höhepunkt während des letzten Schuljahres. „Es war eine inszenierte Auseinandersetzung in der Mittagspause.“ Brian und ein Freund hatten einen Showdown mit dem Rugby-Captain eingefädelt, der „in einer Konfrontation mündete, einer höllischen Prügelei, bei der Brian der Anführer war.“ Die Lehrer lösten den Kampf auf, und Brian wurde erneut zur Rede gestellt. Doch es gab nur unzureichende Beweise, um ihn zu bestrafen, ohne dabei Protheroughs positive Aussichten zu gefährden. Trotz des Geredes über einen möglichen Schulverweis überstand Brian den ersten Akt offener Rebellion unbeschadet. Protherough besuchte später pflichtbewusst und problemlos Cambridge. Brian hingegen hatte den Graben zwischen sich und Bürohengsten und Autoritätsfiguren ein wenig tiefer ausgehoben.

In Alexis Korners Club in Ealing war die zweite Woche nach der Eröffnung angebrochen. Man hätte meinen können, die Anlaufschwierigkeiten wären nun behoben gewesen, doch nein: Die an der Decke kondensierte Feuchtigkeit tropfte gleichmäßig auf die Bühne herab, der Laden roch recht merkwürdig und das Bier war viel zu warm. Keith Scott klimperte sich durch seine Klavierpassagen, Alexis Korner spielte einfachste Akkorde auf der Rhythmusgitarre und ein junger Drummer namens Charlie spielte leichthändig und jazzig – sie alle wurden von der röhrenden, aggressiven Mundharmonika eines missgelaunten und aggressiven Cyril Davies angetrieben. Doch niemanden interessierte das. In diesem legendären Frühling des Jahres 1962 wurde die britische Rockmusik elektrisch aufgeladen, wie von Frankenstein höchstpersönlich mit einem Stromstoß ins Leben katapultiert und in die große, weite Welt gesandt. Wen kümmerte da schon ein kleiner Stromschlag, den man sich leicht auf der Bühne holen konnte?
Mick Jagger gehörte zu den Besuchern dieses Schuppens. Wie üblich hatte er seinen „yankophilen“ Dad überredet, ihm für die 45-minütige Fahrt von Dartford nach Ealing die Familienkutsche auszuleihen. Er warf einen vorsichtigen Blick in den Raum, sein üblicherweise zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein ein wenig gedämpft. Ein Jahr lang hatten er, Keith Richards und Dick Taylor so getan, als seien sie ausgebuffte Blueser gewesen, doch letztendlich hatten sie nur in einem Wohnzimmer gespielt. Als Mick sich behutsam an Korner anschlich – mit einem Tape der Band in der Hand –, wurde er auf griechische Art herzlich begrüßt. Korner mochte die jugendliche Aufrichtigkeit und unterhielt sich mit dem dürren, aufstrebenden Bluesmusiker, wobei er wie ein exotischer Onkel wirkte, stilecht mit Bart. Klar, versicherte er ihm, er werde sich das Band der Blue Boys anhören, und möglicherweise gäbe es schon bald einen freien Platz im Programm.
In dieser Woche hatten sich schon andere den Platz als Gastmusiker unter den Nagel gerissen. Auf der gerade mal zwanzig Zentimeter hohen, wackeligen Bühne wurden einige gehetzte Worte gewechselt, wonach Korner in seiner voluminösen, tiefen Stimme den Special Guest des Abends vorstellte: „Ladies and Gentlemen, heute Abend präsentiere ich Ihnen – Elmo Lewis an der Gitarre und P. P. Pond am Gesang!“
Als der flüssige, glasklare und erotische Klang der Slide-Gitarre das Kellergewölbe durchdrang, streckten Dick und Keith ihre Köpfe in die Höhe und versuchten herauszufinden, wie zum Teufel noch mal der Musiker das bewerkstelligte. Korner, einer der ersten elektrischen Bluesgitarristen, die sie gesehen hatten, war gut, doch Elmo spielte viel besser – in der Art, wie er den abgehackten und prägnanten Rhythmus bei den Gesangsbeiträgen von Pond hielt und dann mit dem Bottleneck aus Glas die Saiten hochschoss, um seine Soli runterzuspielen. Der Typ an der Gitarre – kurze Haare, ernster Gesichtsausdruck, bekleidet mit einem weißen Hemd und Hosen mit Hahnentritt-Muster – wirkte unglaublich cool. Mit was für einer höllischen Gitarrenstimmung spielte der? Wie zum Teufel kriegte der Typ so einen Sound hin? Und überhaupt: Wer war der Kerl?
Dick und Keith, die beiden Gitarristen der Blue Boys, versuchten erst gar nicht, ihren Schreck zu verstecken. „Der ist nicht nur gut“, meinte Dick zu seinem Kumpel von der Kunsthochschule. „Er ist sogar sehr, sehr gut!“
Es wurde ein grandioser Abend. Man hätte es von der ersten Begegnung der zukünftigen Rolling Stones auch nicht anders erwartet. Der hoch konzentrierte und energiegeladene Brian Jones überzeugte Mick Jagger, Keith Richards und Dick Taylor über alle Maßen, denn sie waren im Frühjahr 1962 allenfalls Anfänger im Bereich der Musik, die Jones schon beherrschte. Die verschiedensten Überlegungen drehten sich in den Köpfen des Trios aus Dartford, doch eine Frage stand im Vordergrund: Wie zum Teufel hatte er so gut werden können?




