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Innerhalb weniger Minuten war der Kontrast zwischen der musikalischen Entwicklung von Brian Jones und seinen zukünftigen Stones-Kollegen bei dieser ersten Begegnung offensichtlich geworden. Allerdings wusste niemand etwas über die beschwerliche und aufreibende Reise zum Herzen des Blues, die Brian bereits hinter sich hatte. Erstmalig können wir dokumentieren, dass Elmo Lewis (alias Brian Jones) hundert oder mehr Gigs absolviert hatte, bevor er sich auf die Bühne in Ealing stellte. Jedes einzelne Konzert vergrößerte die Kluft zwischen ihm und den nicht mehr ein noch aus wissenden Eltern.
Ende der Fünfzigerjahre – jenes trostlosen Jahrzehnts der Unterdrückung und Anpassung – schien Brian immer noch in einem Netz aus Anforderungen gefangen zu sein, die andere an ihn stellten. Man behandelte ihn wie ein Kind, das den Wünschen der Eltern zu entsprechen hatte. Das Bestehen dreier A-Levels – Physik, Chemie und General Studies (in Biologie fiel er durch) – war zwar nicht sonderlich überraschend, aber damals durchaus respektabel. Sie genügten, um ihm den Weg zu einer Universität oder einer Fachhochschule zu ebnen. Louisa und Lewis beschlossen, ihm als Belohnung einen besondern Urlaub zu spendieren. Es wurde jedoch keine Familienreise, denn Lewis bekam bei Rotol im Sommer 1959 keinen Urlaub, und so schickte man Brian für sechs Wochen nach Deutschland, wo er bei Freunden wohnen durfte. In späteren Erzählungen über das Intermezzo schmückte Brian die Reise wie ein Wanderabenteuer aus – ein Mann und seine Gitarre, der Europa per Anhalter durchquerte. Tatsächlich waren die Gastgeber schon ungefähr im Alter seiner Eltern, und sein Aufenthalt bei ihnen ähnelte „einem offenen Strafvollzug“, wie er später einem Freund berichtete. Zurück in Großbritannien verstärkte sich der gesellschaftliche Anpassungsdruck, und Brian fügte sich dem Wunsch des Vaters, eine Ausbildung zum Optiker anzufangen. Er schrieb sich Berichten nach für das Fach „Angewandte Optik“ am Northampton Institute (später City University) in London ein. Die Lehrveranstaltungen sollten im September beginnen.
Soweit wir wissen, vermisste Brian Val, doch nicht so intensiv, wie Val Brian vermisste. „Ihr Leben drehte sich nur um Brian“, berichtet Carole Goodsell, eine Freundin Vals. „Sie war ein offenherziger Mensch, fröhlich und freundlich – doch er bestimmte ihr ganzes Leben.“ Wenn Carole die Zeit mit Brian und Val verbrachte, empfand sie den aufstrebenden Musiker als „arrogant und selbstsüchtig – doch Valerie liebte ihn, und darauf kommt es ja eigentlich an“.
Irgendwann im Herbst 1959 erfuhr Valerie, dass sie schwanger war. Wie so oft verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer und kam den verschiedensten Leuten zu Ohren. Zuerst wirkte Val nach Ansicht ihrer Schulfreundin Anna Livia überglücklich. „Sie war so aufgeregt und freute sich: ‚Hey, ich werde mit Brian in London leben.‘ Aber dann … Sie brach in Tränen aus und rannte aus dem Zimmer. Ich schätze mal, in dem Moment wurde ihr bewusst, wie es tatsächlich aussah.“
Die Geschichte, die in Cheltenham die Runde machte, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Brian machte die Fliege. Jeder in der kleinen Szene kannte das Pärchen. Die meisten teilten Jane Filbys Meinung, die sagte: „Brian verhielt sich wie ein Riesenarschloch. Oder – wie mein Mann immer sagt – ein kleines Arschloch. Er war ja nicht so groß.“ Doch keiner der beiden kannte die komplette Geschichte. In den Fünfzigerjahren entschieden nicht die Teenager über die Konsequenzen einer Schwangerschaft, sondern ihre Eltern. Erst Jahre später erfuhr Graham Ride, der später Val heiratete, etwas über den tatsächliche Hergang: „Brian hielt um Vals Hand an, doch alles ging schief. Als ich das herausfand, überraschte es mich, aber so war es nun mal.“
In den ersten Wochen der Schwangerschaft bestand zwischen Val, ihrer Mutter und Brian ein reger Briefverkehr, der jedoch nur wenige Wochen anhielt. Val fühlte sich überglücklich und träumte von einem Familienleben mit Brian in London. Doch ihre Eltern, offenbar im Einvernehmen mit Lewis und Louisa, machten den beiden einen Strich durch die Rechnung. Sie ängstigten sich bei dem Gedanken, dass es ihre Tochter in die Glitzerwelt der Metropole und zu Brian zog, und verweigerten die notwendige Erlaubnis zur Heirat. Das vermutlich brachte Val zum Weinen und nicht Brians angeblich kaltherzige Ablehnung.
Im Frühjahr 1960 nahm die verworrene Situation tragische Dimensionen an. Vals Vater, an den sich jeder als einen Menschen erinnert, der seine Tochter vergötterte, starb an einem Herzinfarkt. Ken Corbett hatte mit Lewis Jones bei Rotol gearbeitet. Brians Vater schob die Schuld an der Tragödie seinem sündigen Sohn in die Schuhe. Für ihn war es eine weitere Schandtat, wobei er die Schwangerschaften von Hope und Val gleichsetzte. In den traumatischen Nachwirkungen von Mr. Corbetts Tod traf Val die Entscheidung, ihr Baby zur Adoption freizugeben.
Jahre später sah Graham die Adoptionsdokumente, darunter verschiedene Briefe, die beweisen, dass Brian seinen Heiratsantrag erneuerte. Ungefähr im Juni 1960 kam Brian aus London, um Val und seinen Sohn Barry David zu besuchen. Das Baby erholte sich gerade von einem chirurgischen Eingriff am Magen, der direkt nach der Geburt am 29. Mai erfolgte. Dennoch erhielt Val in den folgenden Wochen einen Brief von ihm, worin er sie zum Kontaktabbruch drängte. Niemand kennt den genauen Inhalt, doch die einfachste Erklärung ist zugleich die wahrscheinlichste. Zu der Zeit, als er Val den Heiratsantrag machte, hatte sich Brian vermutlich unter Druck gesetzt gefühlt. Nun erklärte er, sie nicht mehr zu lieben. Val verfiel daraufhin in den jedem Menschen bekannten Liebeskummer und gab Barry David zur Adoption frei. Jahre später sollte sie ihren Sohn allerdings wiedersehen.
Auf ihre Freunde aus Cheltenham machte Val einen desaströsen Eindruck, wie Roger Limb es formulierte: „Sie wirkte wie ein abgelehnter und geschlagener Mensch, und sie war ganz sicher nicht mehr das strahlend lächelnde junge Ding, das ich von früher kannte.“ Auch Brians jüngere Schwester Barbara litt: Miss Lambrick, die Schulleiterin der Pate’s, verabscheute Brian, den Schwerenöter, und stellte Barbara deshalb nur eine halbherzige Universitätsempfehlung aus, die ihren Plan, Lehrerin zu werden, durchkreuzte.
Graham Ride wurde in einer für beide entscheidenden Lebensphase ein guter Freund von Brian. Durch seine spätere Ehe mit Val entwickelte er ein tieferes Verständnis für die emotionalen Scharmützel, die der Musiker überstehen musste. Er bezeichnet ihn als „charmant, aber manipulativ“. Eine Freundschaft mit Brian hatte ihre Nachteile, wie zum Beispiel die peinliche Situation, seine Ex-Freundinnen zu treffen, oder mit seiner Unzuverlässigkeit klar zu kommen. Die Ursache lag laut Graham darin, dass „Brian ein unmittelbar agierender Mensch war. Er lebte im Hier und Jetzt. Wenn er mit einer Frau schlafen wollte, dann machte er es und dachte niemals an die Konsequenzen. Wäre er nicht so hochgradig zeugungsfähig gewesen, wären daraus keine Probleme entstanden!“
Brian Jones gehörte zu einer Männergeneration, die die repressive Moral der Fünfzigerjahre ablehnte, aber viele ihrer frauenfeindlichen Charakterzüge weiter lebte. Barry Miles, der wichtige Aspekte der Gegenkultur der Sechziger durchlebte und dokumentierte, traf Brian häufig und erinnert sich: „Hinsichtlich Frauen hatte er eine schreckliche Einstellung. Doch damals war das nicht ungewöhnlich – so verhielten sich die meisten. In dem Jahrzehnt sah man sich häufig mit Frauenfeindlichkeit konfrontiert.“
1960 schuf Brian eine Art Blaupause für den Lifestyle seiner zukünftigen Band. Was jedoch noch wichtiger war – im Laufe der nächsten 20 Monate erschuf er das Fundament für ihre Musik und entdeckte dabei bedeutende musikalische Charaktere, von Jimmy Reed bis Robert Johnson, von Elmore James bis Slim Harpo. Während seine zukünftigen Bandkollegen studierten und aus Spaß Musik zu Hause machten, begab er sich auf eine Reise zum Herzen der Musik, die er so liebte.
Ende des Frühjahrs 1960 hatte Brian die Hoffnung aufgegeben, den Vater hinsichtlich eines regulären beruflichen Werdegangs zu beschwichtigen. Die Augenheilkunde zählte ganz gewiss nicht zu den wichtigsten Dingen in seinem Leben, und so kehrte er im Sommer des Jahres zurück nach Cheltenham. Im Herbst wandten sich viele Jungen und Mädchen aus der Grammar School von ihm ab, und seine Eltern ebenfalls. In diesem Lebensabschnitt entwickelte er sich zu dem Musiker, den die Welt kennenlernen sollte. Mit dem Geld von verschiedenen Jobs fristete er sein Dasein und widmete sich der Musik. Sie war seine Erlösung, mit ihr fühlte er sich glücklich, und er zeigte auf diesem Gebiet mehr Einsatz, als man erwartet hätte – ganz im Gegensatz zu seinem bisherigen Verhalten.
In den ersten Monaten nach seiner Rückkehr nach Cheltenham wohnte er bei den Eltern in der Hatherley Road. Sein Einkommen war, gelinde gesagt, unregelmäßig: Er jobbte bei der Drogerie Boots, verdingte sich kurzfristig als Kleinbusfahrer und arbeitet später im Architekturbüro der Bezirksverwaltung. Doch am Ende des Jahres stammte ein Großteil des Einkommens aus Gagen für verschiedene Gigs. Als seine Obsession für den Blues zunahm, entwickelte er einen Lebensstil, den viele der Musiker kannten, die fünfzig Jahre zuvor das Genre in Mississippi ins Leben riefen. Er wurde ein Nomade, übernachtete mal hier, mal dort, war ständig unterwegs.
Brian hatte die Freundschaft zu Phil Crowther aufrechterhalten, und als dieser im Sommer die Schule verließ, verbrachten die beiden Stunden über Stunden mit dem Arbeiten an Songs. Sie durften dafür das Zeitungs-Lagerhaus von Phils Dad benutzen. Phil war eher ein Rock ’n’ Roll-Fan, wohingegen Brian, in vielerlei Hinsicht ein Dogmatiker, es genoss, sich zwischen den Genres zu bewegen. Er hörte sich Stücke von Eddie Cochran, Little Richard, King Curtis und Duane Eddy heraus, aber eben auch die üblichen Jazz-Nummern. Als sich Phil mit einem ehemaligen Skiffle-spielenden Mitglied der Jugendorganisation Boys Brigade zusammenschloss, entstanden die Ramrods. Brian machte einfach mit. Die Gruppe hatte schon einen Gitarristen, und auch Phil spielte das Instrument. Somit versuchte sich Brian als Saxofonist (er besaß ein Altsaxofon). Er machte den Musikern klar, dass die Band nicht sein Hauptanliegen war, doch er bemühte sich nach Kräften. „Er wusste, was er tat“, kommentiert Drummer Buck Jones, „da besteht kein Zweifel.“ Barry Miles, zu der Zeit an der Kunsthochschule, erinnert sich an Brians schmalzigen Stil, vergleichbar mit einem King Curtis in seiner Rock ’n’ Roll-Phase oder einem Earl Bostic. Er hatte sich alles „selbst beigebracht“.
Brian beeindruckte die anderen Musiker, vor allem, weil das Saxofon für ihn nur ein Nebeninstrument war. Sie hatten ihn schon gelegentlich als einen in sein Spiel versunkenen Gitarristen mit Bill Nile im Keller des Filbys gesehen und wussten von Jazz-Gigs, die er mit Harry Brampton in Bath absolvierte, Letzterer auch ein ehemaliger Schüler der Grammar. Während Brians kurzem Zwischenaufenthalt in Cheltenham pflegte Phil (der 1964 aus nicht bekannten Ursachen in seinen Flitterwochen erstickte) eine innige Freundschaft mit ihm. Nach Angaben von Buck Jones verhielt sich Brian entspannt und unterstützend. Der Bassist Graham Stodart erinnert sich jedoch an einen ausgeprägten Perfektionismus, der oft in Frustration mündete. „Wir alle mochten ihn. Er war ein brillanter Musiker, zielte jedoch auf absolute Perfektion ab. Wenn nicht alles reibungslos lief, zeigte sich seine dunkle Seite. Wir erlebten es nicht oft, aber er konnte schon ein wenig launisch werden, wenn nicht alles so lief, wie er es sich vorstellte.“ Ein böser Blick, die gelegentliche Verstimmung, wenn man in einer Sackgasse steckte – das alles sollte sich später wiederholen. 1960 lösten sich solche Stimmungen jedoch schnell wieder auf.
Harry Brampton traf Brian zufällig in Sid Tongs Plattenladen, wo er Ende 1960 jobbte. Der Klarinettist überzeugte ihn, bei einer Reihe von Shows an Mittwochabenden in einem Pub in Bath mitzumachen. Sie traten vier oder fünf Monate als Quintett auf. Das Material war leicht – „der übliche Jazz-Kram, ‚Just A Closer Walk With Thee‘, ‚Royal Garden Blues‘, all diese Stücke“. Trotz der kurzen Vorbereitungszeit zeigte sich Brian unbeeindruckt. „Er war ein selbstbewusster Kerl“, erzählt Brampton. „Als Musiker gerät man in solchen Situationen häufig an irgendwelche steifen Typen, die nur auf Kohle aus sind, doch mit ihm war es immer angenehm.“ Regelmäßige Auftritte mit den Ramrods, die Shows in Bath und zusätzliche Sessions mit lokalen Bands oder Gruppen auf der Durchreise brachten dem zukünftigen Stone laut Brampton den Ruf eines „ernsthaften Musikers“ ein.
In der Musik bündelte Brian all die Energie, die ihm auf der Suche nach einer konventionellen Beschäftigung fehlte. Zu Hause stand die Beziehung zu den Eltern Lewis und Louisa kurz vor dem Aus, doch hinsichtlich anderer Lebensaspekte lässt sich die Phase als eine glückliche Zeit beschreiben. Abgenabelt von den „Normalos“ seines Schullebens hatte er einen großen Freundeskreis, der sich regelmäßig im Kino oder beim Barbecue am Kemton Hill traf. Im September machte einer seiner Musikerkollegen die Bekanntschaft eines fünfzehnjährigen Mädchens namens Pat Andrews, der er von seinem Freund erzählte, welcher nach Aufenthalten in Deutschland und in London den Kontakt zur Cheltenham-Szene verloren hatte. Wenige Tage später tauchte Pat zu einem Blind Date in der Aztec Coffee Bar an der Hauptstraße auf. In einer Nische hinter Chianti-Flaschen und Tassen entdeckte sie einen atemberaubenden „Engel“ mit goldenem Haar. „Ich bekam kein Wort heraus. Mir hatte es sprichwörtlich die Sprache verschlagen. Da war dieses Licht, das von ich weiß nicht woher kam … Ich erinnere mich nicht mehr daran, was er sagte. Ich starrte nur auf das blonde, engelhafte Haar. Wir verabredeten uns zu einem weiteren Treffen und gingen dann oft spazieren.“
In den ersten Wochen, die die beiden mit langen Spaziergängen in den Hügeln um Cheltenham verbrachten, mit Besuchen der Cafés und sogar Treffen an den Bahngleisen, wuchs Pats Faszination gegenüber dem jungen Mann, der mit einem immensen Charme und einer bezaubernden Vorstellungskraft gesegnet war. „Er erzählte alle möglichen Geschichten, konnte witzig sein, mich mit Kartenspielen begeistern und mit Zaubertricks. Und wenn ich so da saß und ihm beim Spielen zuhörte, eröffnete es mir eine andere Welt, brachte es mich auf eine andere Sinnesebene.“
Zu Beginn entsprach Brians Verhalten dem engelhaften Image und Pat war eindeutig vernarrt in ihn. Allerdings fielen ihr auch unangenehme Charakterzüge auf. „Ich ging monatelang mit einem Jungen aus Deutschland aus, der dann nach Stuttgart zurückkehrte. Er schrieb mir viele Briefe. Eines Abends im Aztec fragte mich Brian: ‚Hast du Zigaretten dabei?‘ Ich hatte die Briefe natürlich vergessen und schaute in meine Handtasche. Brian riss sie raus, sah die Fotos [des Jungen], rastete aus und schnappte sich die ganze Tasche. Ich fühlte mich wie vor den Kopf gestoßen und schrie: ‚Die gehören mir, zerreiß sie nicht!‘ Wir gingen erst eine Woche miteinander, und ich dachte mir: ‚Verdammt noch mal, der ist aber wirklich eifersüchtig.‘“
Es gab glückliche Tage, die die beiden mit sorglosen Spaziergängen und Herumalbern verbrachten. Doch es spielten sich auch Dramen mit dunklen Untertönen ab. An einem Mittwochnachmittag half Pat Brian bei der Garderobe, da sie später eine Jazznacht im Rotunda besuchen wollten. Pat hatte seine Eltern schon einige Male getroffen, empfand Lewis als höflich, jedoch reserviert, war aber überzeugt, dass Louisa auf sie herabsah. Sie stand im Vorderzimmer der Familie Jones und bügelte Brians Hemd. Plötzlich kam Louisa durch die Tür. „Sie verlor die Fassung“, erinnert sich Pat. „Ich glaube, sie regte sich darüber auf, dass ich sein Hemd bügelte, was Intimität bedeutete … Sie zeigte sich hochgradig verärgert. Dann lief alles sehr schnell ab. Brians Gitarre lag auf einem Sessel und sie wollte sie sich schnappen.“ Brian schoss hoch und stellte sich schützend vor das Instrument. Seine Mutter schrie ihn an. Dann verpasste er ihr einen Schlag ins Gesicht.
Heute, im Gespräch in einem Café in Crystal Palace, will Pat den Zwischenfall klarstellen. „Es war kein heftiger Schlag, eher ein Klaps, um ihren hysterischen Anfall zu beenden, was auch funktionierte.“ Brians Ex-Freundin ist darauf bedacht, dass „niemand streng über ihn richten sollte“. Damals fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, dass in der Familie Jones so manches nicht glatt lief. In den folgenden Monaten vertraute sich Brian Pat an und verriet ihr, was unmittelbar nach dem Tod seiner Schwester geschah: „Brians Mum drohte ihm als Kind. Wenn er sich nicht anständig benähme, würde er weggeschickt – wie seine [verstorbene] Schwester“, berichtet Pat.
Im Dezember 1960, wenige Monate nach dem Zwischenfall mit Brians Mutter, zeigten sich eindeutige Trennungslinien, da Lewis, Louisa und Barbara über Weihnachten verreisten und Brians Reisetaschen einfach in der Einfahrt stehen ließen. Lange bevor Andrew Oldham das Image der Stones als Ikonen der gegengesellschaftlichen Aggressivität kreierte, hatte Brian Jones schon endgültig die Grenzen der anständigen und karrierebewussten Mittelschicht hinter sich gelassen.
Enge Freunde und Bekannte von Brian beobachteten oft, dass er nach der Zerstörung einer Beziehung mit Ignoranz reagierte oder wenig überzeugende Entschuldigungen vorbrachte. Das geschah aber nicht nach dem fundamentalen und prägenden Zerwürfnis mit den Eltern. Es gab keinen Weg zurück: Die Ablehnung durch die Eltern ließ ihn erstarren. Er erzählte so gut wie niemandem etwas über das Geschehene. Stattdessen leitete er all die Energie, die er zuvor in der Beziehung zu seinen verständnislosen Erzeugern vergeudet hatte, direkt in die Musik. Als Brian der puritanischen Gesellschaft den Rücken kehrte, unterstützten ihn zwei Wegbegleiter: Dick Hattrell, der Sohn eines erfolgreichen Rechtsanwalts aus Tewkesbury, und John Keen, der Schulfreund, dessen Eltern eine enge Freundschaft mit Lewis und Louisa geknüpft hatten.
Dick gehörte zu den Stammgästen des Filbys und sah Brian bei Jazzshows in der Bishop’s Cleeve Village Hall und dem Waikiki am Queen’s Circus (auch unter den Namen Barbecue bekannt). Eines Abends sprach er ihn im Rotunda an. Brian veränderte sich schnell zu der Zeit: „Die Jazzszene nervte ihn ständig“, verrät Dick. „Er wusste, dass ich das Jazz Journal las, und so fragte er mich am ersten Abend: ‚Kannst du mir eine komplette Diskografie von Muddy Waters aufschreiben?‘ In der darauf folgenden Woche überreichte ich ihm eine Auflistung aller Aufnahmen, die Muddy Waters für diverse Label eingespielt hatte – also nicht nur Chess –, und er freute sich total. Das ging so weiter: ‚Kannst du mir einige Informationen über Elmore James ausgraben?‘ Ich meinte, dass es kein Problem sei, und so lief es dann weiter.“
Dick steckte voller Enthusiasmus und war ein aufgekratzter Teenager, vergleichbar mit einem jungen, quirligen Welpen. Obwohl sechs Jahre älter als Brian, blieb er doch in der Beziehung immer der „Jüngere“, was teils daran lag, dass er kein Instrument spielte, teils an der mangelnden Durchsetzungsfähigkeit und der Gutmütigkeit, mit der er Brians Launen ertrug. Dicks Vater zählte zu den gesellschaftlichen Säulen des Establishments von Tewksbury. Als Informationen über die Partyfreuden seines Sohnes und die Liebe zum Jazz in diese Kreise durchsickerten, überreichte ihm sein Dad – höflich, aber bestimmt – den „Marschbefehl“. Das geschah ungefähr zu der Zeit, als Brian in der vorläufigen Bleibe, einem Zimmer im Haus von Pat Andrews’ Bruder, den Bogen überspannt hatte. Brian fand daraufhin eine Wohnung im Selkirk House, einem beeindruckenden, mit Stuck verzierten Gebäude an der Prestbury Road 73, und überredete Dick, sich die geräumige Bleibe mit ihm zu teilen. Die beiden führten einen Lebensstil, der Brians musikalischen Helden nicht fremd gewesen wäre. „Wir hatten ein tolles Leben“, schwärmt Dick. „Wir kamen über die Runden, indem wir die Räume für Partys vermieteten, wie in den Zeiten des alten New Orleans. Wenn traditionelle Jazzbands in Cheltenham auftraten, luden wir sie zu ein paar Bier ein und ermunterten sie, sich so richtig gehen zu lassen. Wir kauften ’ne Menge Bier, animierten die Musiker dazu, in der Wohnung zu spielen, und kassierten dann an der Tür Eintrittsgeld, das allerdings für die Miete drauf ging. Tags darauf brachten wir die leeren Flaschen zurück und kassierten das Pfand. Wir verbrachten eine tolle Zeit miteinander.“
Die beiden standen für gewöhnlich mittags auf, schlenderten in die Stadt, meist zum Barbecue, in dem am Abend Jazzshows stattfanden. Meist war es Brian, der zu den Shows ging und Musiker wie Eric Allendale und viele andere überredete, nach dem Gig noch zu der Wohnung zu kommen. Er überzeugte sie mit unglaublichen Charme und seinem fokussierten Stil. Aber auch die Desillusionierung, mit der sich viele Teenager konfrontiert sahen, spielte bei ihrem Lebensstil eine Rolle, wenn auch nur eine unbedeutende: „Es ging viel tiefer. Er wollte ein guter Musiker werden und befand sich auf einer musikalischen Reise.“
Brian hatte der Gesellschaft von Cheltenham den Rücken zugekehrt – und umgekehrt. Doch die Geschehnisse wirkten sich auf seinen Werdegang als Musiker aus. In jenen Monaten, die er mit dem Üben auf der Höfner Archtop mit länglich-schmalen F-Löchern verbrachte, überflügelte er die meisten seiner Zeitgenossen bei Weitem.
Aller Wahrscheinlichkeit nach traf Brian John Keen am Montag, dem 18. April 1960, im Filbys, als dessen Gruppe in dem Keller spielte. Wie auch Dick war Keen einige Jahre älter als Brian. Erst kürzlich von der Handelsmarine zurückgekehrt, hatte er sich auf lokaler Ebene einen Namen gemacht, da er Bill Nile’s Delta Jazzmen weiter führte, während Bill den Wehrdienst ableistete. Der freundliche und selbstironische Keen – obwohl ihm in Cheltenham und der Londoner 100-Club-Szene der Ruf eines schwierigen Menschen voraus eilte – ist der wertvollste Zeitzeuge und Beobachter von Brians Frühphase. Er stammt aus einem ähnlichen gesellschaftlichen Hintergrund, und seine spätere zweite Karriere als Pädagogischer Psychologe erlaubt ihm einen wichtigen Einblick in die Interaktionen und die Dynamik von Rock ’n’ Roll-Bands. Keen mag wohl schon eine längere Zeit auf diesem Planeten verbracht und mehr erlebt haben, als sich die beiden zusammenschlossen, doch er beharrt darauf, dass „Brian uns um Längen voraus war. Er war musikalisch fähig und kompetent, unglaublich beeindruckend auf der Gitarre. Seine Akkordarbeit – die kapierten wir gar nicht! Meine Fähigkeiten lagen eindeutig unter Brians Niveau.“
Die beiden arbeiteten fast das ganze Jahr 1961 zusammen, wobei Keen im Kontrast zu Dick und Brians späterem Mitbewohner Graham Ride eine andere Seite des Gitarristen kennenlernte. Sie alle erlebten Brians Launen, doch bei Keen gab sich der 19-jährige seriöser. Natürlich kam der Spaß nie zu kurz – der beinahe schon telepathische Humor, den man in einer kleinen Band entwickelt, nicht zu vergessen die ständigen Eroberungsversuche –, doch was die Musik anbelangte, war Brian ernst und zielstrebig. „Er wusste genau, was er wollte. Er war ambitioniert und fühlte sich in Cheltenham wie ein Fisch auf dem Trockenen. Die geschäftliche Seite des Ganzen interessierte ihn nicht, und so übernahm ich die Verhandlungen. Brians Hauptinteresse lag in der Musik – und wenn es nicht gut genug klang, sagte er das unverhohlen. Obwohl er drei oder vier Jahre jünger war, übernahm er oftmals die Rolle des Bandleaders. Heute erkenne ich die Zusammenhänge, doch damals wurde mir das nicht klar.“
Keen, wie auch Graham Ride, war 1961 Brians engster Musikerkollege, obwohl er sich auch unabhängig bei anderen Auftritten sehen ließ und gegen Ende des Jahres Kontakte zu einem neuen Bekanntenkreis in Oxford knüpfte, der sich für Jazz interessierte und bei der Kampagne gegen nukleare Aufrüstung engagierte. In der Ära war Oxford für viele Teenager aus Cheltenham ein beliebtes Ziel. Mit einigen spontan ausgewählten Musikern und schon kurz darauf mit Graham Ride am Saxofon traten sie unter dem Namen John Keen’s Jazz Band oder Brian Jones Blues Band auf, abhängig davon, wer gerade den Gig an Land gezogen hatte. Ihre Setlist enthielt Klassiker wie den „Tin Roof Blues“, den „St. Louis March“, „Memphis Blues“ und „Careless Love“, alles Nummern, die beim Publikum im Filbys gut ankamen. Die Gruppe gastierte in kleinen Dorf-Pubs in der Region Cotswolds wie dem Royal George in Birdlip und dem Bear Pools in Stroud, bei Haus-Partys in Evesham oder sogar in Cheltenhams Barbecue. Für größere Auftritte wie zum Beispiel in der Stadthalle als Vorgruppe für Acker Bilk formierte Keen ein Sextett mit einem Banjo-Spieler, und Brian blieb zu Hause. „Banjos sind nicht mehr in“, meinte er zu Keen. „Eine Gruppe mit einem Banjo-Spieler hat keinen Swing.“




