Gesammelte Werke: Novellen + Kurzgeschichten + Dramen

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Schukow erklärte ausführlich seine Zuneigung, dann küßte er ihn, und schließlich ging sein Gefühl ganz mit ihm durch, so daß er hysterisch zu lachen anfing und sogar beabsichtigte, in Ohnmacht zu fallen. Aber es fiel ihm wohl ein, daß er weder bei sich zu Hause noch im Theater war, und so verschob er die Ohnmacht auf eine passendere Gelegenheit und fuhr ab.
Bald nach ihm erschien der erste Held, Adabaschew, ein finsterer, halbblinder Mensch, der durch die Nase sprach … Er schaute Tschipzow lange an, dachte lange nach und machte dann plötzlich folgende Entdeckung:
»Weißt du was, Misa,« er sagte Misa statt Mischa und gab seinem Gesicht einen geheimnisvollen Ausdruck. »Weißt du was?! Du mußt Rizinusöl einnehmen!!«
Tschipzow schwieg. Er schwieg auch, als ihm der erste Held bald darauf das widerliche Oel in den Mund goß. Zwei Stunden nach Adabaschew trat der Theaterfriseur Jewlampij ins Zimmer, oder, wie ihn die Schauspieler, Gott weiß, weshalb, nannten: Rigoletto. Wie der erste Held schaute er Tschipzow lange an, dann seufzte er wie eine Lokomotive, und begann langsam und bedächtig das Bündel aufzuknoten, das er mitgebracht hatte. In dem Bündel befanden sich etwa zwei Dutzend Schröpfköpfe und einige Fläschchen.
»Hätten Sie mich doch rufen lassen, dann hätte ich Sie längst geschröpft!« sagte er zärtlich und entblößte Tschipzows Brust. »Man darf die Krankheit nicht einreißen lassen!«
Hierauf strich Rigoletto mit der flachen Hand über die breite Brust des Heldenvaters und besäte sie von oben bis unten mit blutsaugenden Schröpfköpfen.
»Ja,« sagte er, während er nach dieser Operation seine von Tschipzows Blute befleckten Instrumente wieder in das Bündel packte. »Hätten Sie nur nach mir geschickt, ich wäre schon gekommen … Wegen der Bezahlung brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen … Ich tu's aus Menschlichkeit … Wo sollen Sie's hernehmen, wenn dieses Ungeheuer keine Gagen zahlen will? Jetzt seien Sie so gut und nehmen Sie diese Tropfen. Sie schmecken sehr gut! Und jetzt trinken Sie, bitte, ein bißchen Oel. Das allerreinste Rizinusöl. So! Prost! Und jetzt, leben Sie wohl …«
Rigoletto nahm sein Bündel und entfernte sich, zufrieden mit dem Werk seiner Nächstenliebe.
Am Morgen des nächsten Tages kam der Komiker Sigajew zu Tschipzow und traf ihn im schrecklichsten Zustande. Er lag, mit seinem Paletot zugedeckt, atmete schwer und ließ seine irren Augen über die Decke schweifen. In den Händen knutschte er krampfhaft die zusammengeknüllte Bettdecke.
»Nach Wjasma!« flüsterte er, als er den Komiker erblickte: »Nach Wjasma!«
»Freundchen, ich muß wirklich sagen, das gefällt mir nicht,« sagte der Komiker, lebhaft mit den Händen gestikulierend, »sieh mal … sieh mal … sieh mal, Freundchen, das ist nicht gut! Entschuldige, aber … wahrhaftig, das ist sogar dumm …«
»Nach Wjasma will ich! Bei Gott, nach Wjasma!«
»Ich … Das hätte ich nicht von dir erwartet!« knurrte der Komiker ganz fassungslos. »Weiß der Teufel! Was hat dich so kaputt gemacht! Aeh … äh … äh … das ist nicht gut! Ein Riese, lang wie ein Leuchtturm, und heult. Kann ein Komödienspieler überhaupt weinen?«
»Keine Frau, keine Kinder,« murmelte Tschipzow, »wär' ich doch nie zum Theater gegangen, wär' ich in Wjasma geblieben! Das Leben ist hin, Ssemjon! Ach, ich möchte nach Wjasma!«
»Aeh … äh … äh … das ist nicht gut! Das ist sogar dumm … ja, es ist ekelhaft!«
Sigajew beruhigte sich dann, brachte Ordnung in seine Gefühle und begann Tschipzow zu trösten. Er log ihm vor, die Kollegen wollten ihn auf gemeinsame Kosten in die Krim schicken, und so weiter. Aber der andere hörte nicht zu und murmelte immer wieder was von Wjasma … Endlich machte der Komiker eine wegwerfende Handbewegung und fing selbst an, von Wjasma zu sprechen, um den Kranken zu beruhigen.
»Eine schöne Stadt!« begütigte er: »Eine herrliche Stadt, alter Freund! Berühmt durch ihre Pfefferkuchen. Die Pfefferkuchen sind klassisch, aber mit Respekt zu sagen – ich habe gewissermaßen – – – zu viel davon gegessen. Nachher war mir eine ganze Woche so gewissermaßen … Aber was da gut war, das war der Kaufmann. Das ist der Kaufmann aller Kaufleute. Wenn der einen freihält, hält er einen auch frei!«
Der Komiker sprach, und Tschipzow schwieg, lauschte ihm und nickte zustimmend mit dem Kopf.
Gegen Abend starb er.
Im Alter
Übersetzt von Wladimir Czumikow
Der Architekt Staatsrat Uselkow war in seine Vaterstadt gekommen, wohin man ihn zur Restaurierung der Friedhofskirche berufen hatte. In dieser Stadt war er geboren, hatte dort die Schule besucht und endlich sich verheiratet, aber als er aus dem Waggon gestiegen war, erkannte er die Stadt kaum. Alles hatte sich verändert… Vor achtzehn Jahren, als er nach Petersburg übersiedelte, da fingen z.B. auf dem Platz, wo jetzt der Bahnhof steht, die Knaben Hamster; jetzt erhebt sich an der Einfahrt zur Hauptstraße das »Grand-Hotel Vienne«, und früher stand an dieser Stelle ein häßlicher, grauer Zaun. Aber nichts, weder der Zaun noch die Häuser, hatte sich so verändert, als die Menschen. Eine Ausfrage des Hotelkellners belehrte ihn, daß die Hälfte der Menschen, die er gekannt hatte, gestorben, verarmt und vergessen war.
»Erinnerst du dich Uselkows?« fragte er den alten Kellner nach sich selbst. »Uselkows, des Architekten, der sich von seiner Frau scheiden ließ … Er hatte noch ein Haus in der Swirejebewstraße … Du erinnerst dich doch …«
»Nein …«
»Ach, wieso denn! Es war doch eine Geschichte, von der alle Droschkenkutscher sprachen. Denk' mal nach! Den Prozeß führte der Anwalt Schapkin, ein Spitzbube … ein bekannter Falschspieler, derselbe, der einmal im Klub durchgeprügelt wurde…«
»Iwan Nikolajewitsch?«
»Nun natürlich … Lebt er noch? Ist er tot?«
»Der Herr lebt gottlob noch … Ist jetzt Notar, hat ein Bureau … Führt ein schönes Leben … Zwei Häuser in der Kirpitschnajastraße … Hat kürzlich seine Tochter verheiratet …«
Uselkow ging einigemal im Zimmer auf und ab, überlegte sich's und beschloß aus Langweile, Schapkin aufzusuchen. Es war gegen Mittag, als er das Gasthaus verließ und seine Schritte in die Kirpitschnaja lenkte. Schapkin traf er am Bureau und erkannte ihn kaum. Aus einem schlanken, gewandten Anwalt, mit einer beweglichen, frechen, ewig betrunkenen Physiognomie, hatte Schapkin sich in einen bescheidenen, sllberhaarigen, gebrechlichen Greis verwandelt.
»Sie erkennen mich wohl nicht …« begann Uselkow. »Ich bin Ihr ehemaliger Klient, Uselkow …«
»Uselkow? Was für ein Uselkow? Ah!«
Schapkin erkannte ihn und war vor Freude ganz hin. Ausrufe, Fragen, Erinnerungen wechselten miteinander.
»Das hätt' ich nie erwartet! Nie geglaubt!« gackerte Schapkin. »Was soll ich Ihnen denn vorsetzen? Wünschen Sie Sekt? Austern vielleicht? Mein Bester, ich habe Ihnen seinerzeit viel Geld abgenommen, daß ich gar nicht weiß, womit ich Sie bewirten soll …«
»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,« sagte Uselkow »Ich habe Eile … Ich muß gleich auf den Friedhof fahren, um die Kirche in Augenschein zu nehmen … Ich habe einen Auftrag erhalten …«
»Vorzüglich. Wir frühstücken, trinken ein Schnäpschen und fahren dann zusammen! Ich habe vortreffliche Pferde! Ich werde Sie hinbringen und mit dem Vorsteher bekannt machen … Ich werde Ihnen schon alles einrichten … Aber was haben Sie denn, mein Lieber, es ist, als ob Sie mir aus dem Wege gingen, mich fürchteten? Setzen Sie sich doch näher! Jetzt braucht man nicht mehr zu fürchten … Hehe … Früher, da war ich wirklich ein fixer Junge, ein Teufelskerl … niemand durfte mir zu nahe treten … Jetzt aber … jetzt bin ich ein stiller Mann; bin alt geworden, hab' Familie, Kinder … Zum Sterben ist's auch bald Zeit!«
Nachdem die Freunde gefrühstückt hatten, fuhren sie im zweispännigen Schlitten hinaus auf den Friedhof.
»Ja, das war damals eine Zeit!« frischte Schapkin, sich zurecht setzend, seine Erinnerungen auf. »Man glaubt's kaum, wenn man drandenkt. Erinnern Sie sich noch, wie Sie sich von Ihrer Frau Gemahlin scheiden ließen? Es sind jetzt schon fast zwanzig Jahre her, und Sie haben wohl alles vergessen, ich weiß aber noch das Kleinste so genau, als hätte ich Sie gestern geschieden … Herr, du mein Gott, was hab' ich mir damals das Blut verdorben! Ein gewandter Kerl war ich, ein Kasuist, wie ein Haken, ein verzweifeltes Subjekt… Ich guckte mir die Augen aus nach irgend so einem verzwickten Prozeß, besonders wo es ein gutes Honorar gab, wie z.B. in Ihrer Sache … Was zahlten Sie mir doch damals? Fünf- bis sechstausend! Wie soll man sich da schonen? Sie fuhren damals nach Petersburg und überließen mir die ganze Sache: mach' wie du's weißt. Ihre selige Frau Gemahlin aber, Ssofja Michailowna, war, wenn auch aus einer Kaufmannsfamilie, doch stolz und voll Selbstbewußtsein. Sie zu bestechen, daß sie die Schuld auf sich nahm, war schwer … furchtbar schwer! Manchmal, wenn ich zu ihr zur Besprechung hinging, schrie sie, wenn sie mich erblickte, zur Kammerjunker:›Mascha, ich habe dir doch befohlen, diesen Schuft nicht zu empfangen!‹ Ich versuchte es so und so, auf jede Weise … schrieb ihr Briefe, suchte sie wie zufällig zu treffen – alles vergeblich! Es war nicht anders möglich, als durch eine dritte Person zu unterhandeln … Lange habe ich mich mit ihr herumgeplagt, und nur als Sie sich bereit erklärten, ihr zehntausend Rubel zu geben, ergab sie sich … Zehntausend – da konnte sie nicht widerstehen . .. Sie brach in Tränen aus, spuckte mir ins Gesicht, aber ging doch darauf ein und nahm die Schuld auf sich!«
»Sie bekam, glaub' ich, von mir nicht zehn, sondern fünfzehntausend!« murmelte Uselkow.
»Ja, ja … fünfzehn, ich hab' mich versprochen!« antwortete Schapkin verwirrt. »Uebrigens ist es ja vorjähriger Schnee, was soll man da die Sünde hehlen. Ihr gab ich zehntausend und die übrigen fünf grapste ich mir … Sie beide hab' ich betrogen … 's ist ja verjährt, was braucht man sich da zu schämen … Und von wem sollte ich schließlich denn auch nehmen, Boris Petrowitsch, wenn nicht von Ihnen, urteilen Sie selbst! … Sie waren ein reicher, satter Mensch … Vor Sättigkeit heirateten Sie, vor Sättigkeit ließen Sie sich scheiden … Ihre Einnahmen waren ja kolossal … Ich erinnere mich, bei einem Unternehmen steckten Sie zwanzigtausend ein … Von wem sollte man es also nehmen, wenn nicht von Ihnen? Aufrichtig gesagt, quälte einen auch der Neid … Kriegten Sie mal einen fetten Bissen, so gab's hernach Ehren und Hochachtung, mich aber prügelte man für ein paar Rubel und gab mir im Klub Ohrfeigen … Was soll man es übrigens auffrischen! Es wird Zeit, das zu vergessen …«
»Sagen Sie, bitte, wie lebte denn Ssofja Michailowna hernach?«
»Mit den zehntausend? Schwachissime … Gott weiß, ob sie toll wurde, oder ob sie der Stolz und das Gewissen zu quälen begannen, daß sie sich für das Geld verkauft hatte, oder ob sie Sie geliebt hat – aber sie fing an zu trinken … Kaum hatte sie das Geld erhalten, als sie auf Troikas mit Offizieren herumzufahren begann … Trinkgelage, Orgien, Liederlichkeit … Und wenn sie so mit den Offizieren im Restaurant saß, trank sie nicht etwa was Leichtes, wie Portwein oder so, sondern Kognak, daß es gleich brannte und berauschte.«
»Ja, sie war sehr exzentrisch … Ich habe daran genug zu leiden gehabt … Wenn sie sich mal gekränkt fühlte und mit ihren Nerven anfing … Und was wurde denn dann?«
»Es verging eine Woche, die andere … Ich saß zu Hause und schrieb gerade etwas … Plötzlich öffnete sich die Tür und herein kommt sie … betrunken … ›Nehmen Sie‹, sagt sie, ›Ihr verruchtes Geld zurück!‹ und wirft mir damit das Päckchen ins Gesicht. Konnte es also nicht aushalten! Ich nahm das Geld auf, zählte es … Fünfhundert fehlten … Mehr als das hatte sie noch nicht durchbringen können …«
»Was taten Sie denn mit dem Gelde?«
»Na, 's ist ja verjährt … was braucht man's zu verheimlichen … Natürlich behielt ich's! Was sehen Sie mich so an? Warten Sie was weiter kommt … Ein ganzer Roman, Psychiatrie! So ungefähr zwei Monate später komm' ich mal nachts nach Hause, betrunken, scheußlich … Ich zünde das Licht an und sehe, bei mir auf dem Sofa sitzt Ssofja Michailowna, auch betrunken, zerzaust, wild, wie aus dem Irrenhaus entsprungen … ›Geben Sie‹, sagt sie, ›mir mein Geld zurück, ich hab' mich bedacht. Soll man schon sinken, dann wenigstens mit Wucht, wenn schon, denn schon! Rühren Sie sich, Sie Schuft, das Geld her!‹ Schrecklich!«
»Und Sie … gaben es?« »Ja, zehn Rubel glaub' ich …«
»Ah, wie kann man nur?« rief voll Entsetzen und Ekel Uselkow. – »Wenn Sie selbst nicht konnten oder wollten, hätten Sie doch wenigstens mir geschrieben … Und ich hab' es nicht gewußt? Ah, nicht gewußt!«
»Ja, mein Lieber, zu was sollte ich Ihnen denn schreiben, wenn sie Ihnen selbst schrieb, später, als sie im Hospital lag?«
»Uebrigens war ich damals so sehr mit meiner neuen Ehe beschäftigt, so berauscht, hatte was anderes als Briefe im Kopf … Aber Sie, ein fremder Mensch, konnten Ssofja gegenüber keine Antipathie empfinden … warum reichten Sie ihr nicht die Hand?«
»Mit der jetzigen Elle dürfen wir nicht messen, Boris Petrowitsch … Jetzt denken wir so, und damals dachten wir ganz anders … Jetzt hätte ich ihr vielleicht tausend Rubel gegeben, damals gab ich aber auch die zehn … nicht umsonst … Eine häßliche Geschichte … Man muß sie vergessen … Da sind wir ja schon …«
Der Schlitten hielt am Friedhofstor. Uselkow und Schapkin stiegen aus, gingen durchs Tor hinein und schritten eine lange breite Allee entlang … Die nackten Akazien und Kirschenbäume, die grauen Kreuze und Grabsteine glänzten in silbernen Reifgewand. Aus jeder Schneeflocke strahlte ihnen der sonnige Tag entgegen … Es duftete wie auf allen russischen Kirchhöfen: nach Weihrauch und frischgegrabener Erde…
»Einen netten Friedhof haben wir!« sagte Ufelkow. »Wie ein Garten!«
»Ja, nur schade, daß die Diebe die Grabdenkmäler wegstehlen … Sehen Sie dort unter jenem Eisenkranz, rechts ist Ssofja Michailowna beerdigt! Wollen Sie hingehen?«
Die Freunde bogen rechts ein und schritten durch den tiefen Schnee auf das Grabmal zu.
»Hier …« sagte Schapkin, einen kleinen Leichenstein aus weißem Marmor bezeichnend … »Irgendein Fähnrich hat ihn auf ihr Grab gesetzt …«
Uselkow nahm langsam seine Mütze ab und zeigte der Sonne seine Glatze. Ihm nach nahm auch Schapkin die Mütze ab, und eine zweite Glatze erglänzte in der Sonne. Ringsum eine Grabesstille, als wäre auch die Luft tot … Die Freunde starrten das Denkmal an und schwiegen, in Gedanken versunken.
»Ja,« unterbrach Schapkin das Schweigen, »so schläft sie nun, – und was kümmert's Sie jetzt, daß sie die Schuld auf sich genommen hat und Kognak getrunken hat. Gestehen Sie, Boris Petrowitsch!«
»Was denn?« fragte finster Uselkow.
»Das … wie schlimm auch die Vergangenheit ist, ist sie immer besser, als dieses hier …«
Und Schapkin wies auf sein Greisenhaar.
»Früher, wer dachte da an die Todesstunde? Vor nichts hatte man Angst – vor dem Tode am wenigsten … Und jetzt … na, lassen wir's!«
Uselkow wurde traurig. Er wollte weinen, so leidenschaftlich, wie er einst lieben wollte … Und er fühlte, daß für ihn das Weinen gut und erfrischend gewesen wäre … Die Augen waren ihm feucht, und im Halse zog es sich schon zusammen, aber … nebenan stand Schapkin, und Uselkow schämte sich, einen Zeugen seiner Kleinmütigkeit zu haben. Er kehrte sich hastig um und schritt auf die Kirche zu.
Erst zwei Stunden später, nachdem er mit dem Vorsteher sich auseinandergesetzt hatte, benutzte er die Gelegenheit, daß Schapkin sich in ein Gesprach mit dem Geistlichen vertiefte, und lief hin, um zu weinen… . Er stahl sich heimlich wie ein Dieb, immerfort umsehend, an das Grabmal heran. Melancholisch und trübe blickte auf ihn der kleine, weiße Leichenstein, und so unschuldsvoll, als wenn unter ihm ein kleines Mädchen und nicht eine liederliche, geschiedene Frau begraben wäre… .
– Nur weinen, weinen! dachte Uselkow.
Aber der Moment dazu war verschwunden. Wie auch der Alte mit den Augen zwinkerte, wie sehr er sich auch auf Moll zu stimmen suchte, aber die Tränen wollten nicht rinnen, und die Kehle schnürte sich nicht mehr zusammen… . Nachdem Uselkow ungefähr zehn Minuten so dagestanden hatte, raffte er sich auf und ging, um Schapkin aufzusuchen.
Der Typhus
Übersetzt von Alexander Eliasberg
Im Raucherabteil des Personenzuges, der aus Petersburg nach Moskau ging, saß der junge Oberleutnant Klimow. Sein Gegenüber war ein älterer Herr mit glattrasiertem Seemannsgesicht, wohl ein vermögender Finne oder Schwede, der während der ganzen Fahrt an seiner Pfeife sog und immer über das gleiche Thema sprach:
»Ha, Sie sind Offizier! Auch mein Bruder ist Offizier, aber bei der Marine… . Er ist Seeoffizier und dient in Kronstadt. Wozu reisen Sie nach Moskau?«
»Ich diene in Moskau.«
»Ha! Haben Sie Familie?«
»Nein, ich wohne mit meiner Schwester und meiner Tante.«
»Auch mein Bruder ist Offizier, Seeoffizier, aber er ist verheiratet, er hat eine Frau und drei Kinder. Ha!«
Der Finne staunte über etwas, grinste idiotisch, so oft er sein »Ha!« ausstieß, und blies jeden Augenblick seine übelriechende Pfeife aus. Klimow, der sich unwohl fühlte und dem es schwer fiel, alle die Fragen zu beantworten, haßte ihn mit ganzer Seele. Er dachte sich, wie gut es wäre, wenn man ihm die Pfeife aus der Hand reißen und unter die Bank werfen, und ihn selbst in ein anderes Abteil verjagen könnte.
– Ein ekelhaftes Volk sind diese Finnen und … auch die Griechen, dachte er sich. – Ein ganz überflüssiges, ekelbaftes Volk, das kein Mensch braucht. Sie nehmen nur umsonst Platz auf dem Erdballe ein. Wozu sind sie überhaupt da? –
Dcr Gedanke an die Finnen und Griechen erregte in seinem ganzen Körper eine Art Uebelkeit. Vergleichshalber wollte er nun an die Franzosen und Italiener denken, aber der Gedanke an diese Völker weckte in ihm nur die Vorstellung von Leierkastenmännern, nackten Weibern und den ausländischen Oeldrucken, wie sie seine Tante über der Kommode hängen hatte.
Der Offizier fühlte sich überhaupt nicht ganz normal. Seine Arme und Beine konnten auf dem Sofa nicht richtig Platz finden, obwohl es ihm ganz zur Verfügung stand; er hatte ein trockenes und klebriges Gefühl im Munde, und der Kopf war ihm mit einem schweren Nebel gefüllt; seine Gedanken regten sich, wie es ihm schien, nicht nur im Schädel, sondern auch außerhalb des Schädels, zwischen den Sofas und den in nächtliches Dunkel gehüllten Menschen. Durch den Nebel hindurch hörte er wie im Traum das Murmeln der Stimmen, das Klopfen der Räder und das Zuschlagen der Türen. Die Glockenzeichen, die Pfiffe der Schaffner, das Herumrennen des Publikums auf den Bahnsteigen waren viel öfter zu hören als gewöhnlich. Die Zeit flog schnell und unmerklich dahin, und darum schien es ihm, daß der Zug jede Minute an einer Station hielt, und jeden Augenblick hörte er die metallischen Stimmen:
»Ist die Post fertig?«
»Fertig!«
Es kam ihm vor, als ob der Heizer viel zu oft in den Wagen käme und auf das Thermometer schaue, als ob das Brausen der entgegenkommenden Züge und das Dröhnen der Räder auf den Brücken ununterbrochen zu hören wären. Der Lärm, die Pfiffe, der Finne, der Tabakrauch – alles vermischte sich mit den Drohungen und dem Winken nebliger Gestalten, auf deren Form und Charakter ein gesunder Mensch sich nicht besinnen kann, und lastete auf Klimow wie ein unerträglicher Alp. Von entsetzlichem Unlustgefühl bedrückt, hob er zuweilen den schweren Kopf, sah nach einer Laterne, in deren Lichte Schatten und Nebelflecke tanzten, und wollte um Wasser bitten, aber seine ausgetrocknete Zunge bewegte sich kaum, und er hatte fast nicht die Kraft, die Fragen des Finnen zu beantworten. Er versuchte, sich bequem auszustrecken und einzuschlafen, aber das gelang ihm nicht; der Finne schlief ein, erwachte, setzte seine Pfeife in Brand, wandte sich an ihn mit seinem »Ha!« und schlief wieder ein, und das wiederholte sich einigemal, aber die Beine des Oberleutnants konnten noch immer nicht Platz auf dem Sofa finden, und die drohenden Gestalten standen immer vor seinen Augen.
In Spirowo ging er ins Stationsgebäude, um Wasser zu trinken. Er sah hier Leute am Tische sitzen und mit großer Eile essen.
– Wie können sie nur essen! dachte er sich und gab sich Mühe, die Luft, die nach gebratenem Fleische roch, nicht einzuatmen und die kauenden Münder nicht zu sehen: beides erschien ihm ekelerregend.
Eine hübsche Dame unterhielt sich laut mit einem Offizier in roter Mütze und zeigte beim Lächeln herrliche weiße Zähne; das Lächeln, die Zähne und die Dame selbst erregten in Klimow den gleichen Ekel wie der Schinken und die Kotelette. Er konnte nicht begreifen, wie der Offizier in roter Mütze den Mut hatte, an ihrer Seite zu sitzen und ihr blühendes, lächelndes Gesicht anzuschauen.
Er trank etwas Wasser, und als er in sein Abteil zurückkehrte, war der Finne wieder wach und rauchte. Seine Pfeife gab heisere, schluchzende Töne von sich wie ein durchlöcherter Gummischuh bei nassem Wetter.
»Ha!« rief er erstaunt. »Was ist das für eine Station?«
»Ich weiß nicht,« antwortete Kliwow. Er legte sich hin und schloß den Mund, um den beißenden Tabakrauch nicht atmen zu müssen.
»Und wann kommen wir nach Twer?«
»Ich weiß nicht. Entschuldigen Sie, ich … ich kann Ihnen keine Antwort geben. Ich bin krank, ich habe mich erkältet.«
Der Finne klopfte seine Pfeife am Fensterrahmen aus und begann von seinem Bruder, dem Seeoffizier zu erzählen. Klimow hörte ihm nicht mehr zu und dachte mit Sehnsucht an sein weiches, bequemes Bett, an die Karaffe mit kaltem Wasser und an seine Schwester Katja, die es so gut versteht, ihn zu Bett zu bringen, zu beruhigen und ihm Wasser zu reichen. Er lächelte sogar, als er in Gedanken seinen Burschen Pawel sah, wie er ihm die schweren, drückenden Stiefel auszog und ein Glas Wasser auf das Nachttischchen stellte. Er glaubte, daß, wenn er sich bloß in sein Bett legen und etwas Wasser trinken könnte, der Alp einem tiefen, gesunden Schlafe Platz machen würde.
»Ist die Post fertig?« fragte draußen eine dumpfe Stimme.
»Fertig!« antwortete eine Baßstimme dicht vor dem Fenster.
Das war schon die zweite oder dritte Station nach Spirowo.
Die Zeit flog schnell, ruckweise dahin, und es war ihm, als ob die Glockenzeichen, Pfiffe und Haltestellen niemals aufhören würden. Klimow drückte das Gesicht voller Verzweiflung in eine Sofaecke, umfaßte den Kopf mit beiden Händen und begann wieder an seine Schwester Katja und den Burschen Pawel zu denken; aber die Schwester und der Bursche vermischten sich mit den Nebelbildern und verschwanden. Sein heißer Atem wurde von der Sofalehne zurückgeworfen und versengte ihm das Gesicht, seine Beine lagen unbequem, aus dem Fenster zog es ihm in den Rücken, aber wie qualvoll seine Lage auch war, wollte er sie doch nicht mehr wechseln… . Eine schwere, unheimliche Faulheit bemächtigte sich seiner und fesselte seine Glieder.
Als er sich entschloß, den Kopf zu heben, war es im Wagen schon ganz hell. Die Passagiere zogen ihre Pelzmäntel an und bewegten sich hin und her. Der Zug hielt. Träger mit weißen Schürzen und Blechnummern an der Brust machten sich überall zu schaffen und griffen nach dem Gepäck. Klimow zog seinen Mantel an und ging mechanisch mit den anderen aus dem Wagen. Es schien ihm, als ob es gar nicht er sei, der da ging, sondern jemand anderer, Fremder, und er fühlte, daß zugleich mit ihm auch sein Fieber, sein Durst und die drohenden Gestalten, die ihn die ganze Nacht nicht hatten einschlafen lassen, aus dem Wagen gestiegen waren. Er holte mechanisch sein Gepäck und nahm sich eine Droschke. Der Droschkenkutscher verlangte von ihm in der Powarskajastraße einen Rubel fünfundzwanzig, er aber feilschte nicht und setzte sich gehorsam in den Schlitten. Den Unterschied zwischen den Zahlen verstand er noch, aber das Geld hatte für ihn gar keinen Wert mehr.
Zu Hause empfingen ihn die Tante und seine Schwester Katja, ein achtzehnjähriges junges Mädchen. Katja hielt bei der Begrüßung ein Heft und einen Bleistift in der Hand, und er erinnerte sich, daß sie sich zum Lehrerinnenexamen vorbereitete. Ohne die Fragen und Begrüßungen zu beantworten, ging er planlos durch alle Zimmer, dann zu seinem Bett und fiel mit dem Kopf in die Kissen. Der Finne, die rote Mütze, die Dame mit den weißen Zähnen, der Bratengeruch und die verschwimmenden Flecken füllten auf einmal sein ganzes Bewußtsein, und er wußte nicht mehr, wo er war, und hörte nicht die besorgten Stimmen.
Als er zu sich kam, sah er sich entkleidet in seinem Bette liegen, sah die Wasserkaraffe auf seinem Nachttisch und den Burschen Pawel, aber davon wurde es ihm weder kühler, noch weicher, noch bequemer. Beine und Arme wollten noch immer nicht richtig liegen, die Zunge klebte am Gaumen, und er hörte das Schmatzen der Pfeife… . Am Bette machte sich, den Burschen Pawel mit seinem breiten Rücken stoßend, der dicke, schwarzbärtige Hausarzt zu schaffen.



